Es entging mir nicht, daß der Kapitän mich hier belog. Ich hatte von

dem Gesandten bestimmt erfahren, daß jener schon in Paris angehalten

und über die Flucht der Donna zur Rede gestellt worden sei; er konnte

sich also denken, daß sie ihm nachreisen werde, und dennoch knüpfte

er die Liebe zu Luisen von neuem an. Ferner, wie hätte es Ines wagen

können, ihm zu folgen, wenn er ihr nicht versprochen hätte, sie zu

heiraten, wenn er sie nicht durch tausend Vorspiegelungen aus ihrem

ruhigen Leben herausgelockt und zur Abenteuerin gemacht hätte?

Er schilderte mir nun ein Gewebe von unglücklichen Verhältnissen, in

welche ihn diese Frau, die mit allen Kardinälen, namentlich mit Pater

Rocco, schnell bekannt geworden, geführt habe. Es wurde ernstlich an

der Auflösung ihrer früheren Ehe gearbeitet, und es war als bekannt

angenommen worden, daß er die Geschiedene heiraten werde.

›Sie sagten mir hier nichts Neues,‹ antwortete ich ihm; ›dies alles

beinahe wußte ich vorher. Aber ich hoffe, daß Sie als Mann von Ehre

einsehen werden, daß das Verhältnis zu Fräulein von Palden nicht

fortdauern kann, oder Sie müssen sich von der Spanierin lossagen.‹

Das letztere könne er nicht, sagte er, er habe von ihr und dem Kardinal

Rocco Vorschüsse empfangen, die sein Vermögen übersteigen; er könne

also wenigstens im Augenblick keinen entscheidenden Schritt tun.

›Im Augenblick heißt hier nie,‹ erwiderte ich ihm. ›Sie werden sich aus

diesen Banden, wenn sie _so_ beschaffen sind, nie mit Anstand losmachen

können. Ich halte es also für Ihre heiligste Pflicht, Luisen nicht

noch unglücklicher zu machen; denn was kann endlich das Ziel Ihrer

Bestrebungen sein?‹

Er errötete und meinte, ich halte ihn für schlechter, als er sei. Doch

er fühle selbst, daß man einen Schritt tun müsse. Er glaube aber, es

sei dies meine Sache. Er trete mir Luisen ab, ich solle mir auf jede

Art ihre Gunst zu erwerben suchen und sie glücklich machen. Er hatte

Tränen in den Augen, als er dies sagte, und ich sah mit beinahe zu

mitleidigen Augen, wie weit ein Mensch durch Leichtsinn kommen könne.

Ich ging, um nichts weiser geworden, ohne daß ein wirklicher Entschluß

gefaßt worden war, von dem Kapitän; mein Gefühl war eine Mischung von

Verachtung und Bedauern. Auf der Treppe begegnete mir wieder der schöne

Knabe und fragte, ob er wohl jetzt zu Papa kommen dürfte.«

»Ha! Und jetzt setzten Sie wohl alle Segel auf, Freundchen,« fragte

ich; »jetzt machten Sie wohl Jagd auf die schöne Galeere Luise?«

»Ja und nein,« antwortete er trübe; »sie schien meine Liebe zu

übersehen, nicht zu achten, aber bald bemerkte ich, daß sie ängstlicher

wurde in meiner Nähe; es schmerzte sie, daß mir ihre Freundschaft nicht

genügen wolle. Und jener Elende, sei es aus Bosheit oder Leichtsinn,

zog sich nicht von ihr zurück, ich vermute es sogar, er hat sie vor mir

gewarnt. So standen die Sachen, als die Zeit, die ich in Rom zubringen

sollte, bald zu Ende ging. Im Kabinett des Gesandten arbeitete man

schon an Memoires, die man mir nach Berlin mitgeben wollte, man

wunderte sich, daß ich noch keine Abschiedsbesuche mache -- und ich,

ich lebte in dumpfem Hinbrüten; ich sah nicht ein, wie ich dieser Reise

entfliehen konnte, und dennoch hielt ich es nicht für möglich, Luisen

zu verlassen, jetzt da ihr vielleicht bald der schrecklichste Schlag

bevorstand. Oft war ich auf dem Punkt, ihr alles, alles zu entdecken,

aber wie war es mir möglich, ihre himmlische Ruhe zu zerstören, das

Herz zu brechen, das ich so gerne glücklich gewußt hätte?

Da stürzte eines Morgens der Kapitän West in mein Zimmer; er war

bleich, verstört; es dauerte eine lange Zeit, bis er sich fassen und

sprechen konnte. ›Jetzt ist alles aus,‹ rief er; ›sie stirbt, sie _muß_

sterben, dieser Kummer wird sie zerschmettern!‹ Er gestand, daß Donna

Ines oder der Kardinal Rocco seine Liebe zu Luisen entdeckt hätten; ihr

schrieben sie sein Zögern, sein Schwanken zu, und der Kardinal hatte

geschworen, er wolle an diesem Tage zu dem deutschen Fräulein gehen,

und sie zur Rede stellen, wie sie es wagen könne, einen Mann, der schon

so gut als verehelicht sei, von seinen Pflichten zurückzuhalten.

Ich kannte diesen Priester und seine tückische Arglist; ich erkannte,

daß die Geliebte verloren sei. Ich weiß Ihnen von dieser Stunde, von

diesem Tag wenig mehr zu erzählen. Ich weiß nur, daß ich den Kapitän in

kalter Wut zur Türe hinausschob, mich schnell in die Kleider warf und

wie ein gejagtes Wild durch die Straßen dem Hause der Signora Campoco

zulief. Als ich unten an dieser Straße anlangte, sah ich einen Kardinal

sich demselben Hause nähern. Er schritt stolz einher, Frater Piccolo

trug ihm den Mantel, es war kein Zweifel, es war Rocco. Ich setzte

meine letzten Kräfte daran, ich rannte wie ein Wahnsinniger auf ihn zu,

doch -- ich kam eben an, als mir Piccolo mit teuflischem Lächeln die

Türe vor der Nase zuwarf.

Eine Art von Instinkt trieb mich, all diesem Jammer zu entfliehen.

Ich ging, wie ich war, zu dem Gesandten und sagte ihm, daß ich noch

in dieser Stunde abreisen werde. Er war es zufrieden, gab mir seine

Aufträge, und bald hatte ich die heilige -- unglückselige Stadt im

Rücken. Erst als ich nach langer Fahrt zu mir selbst kam, als meine

Vorstellungen sich wieder ordneten und deutlicher wurden, erst dann

tadelte ich meine Feigheit, die mich zu dieser übereilten Flucht

verführte. Ich tadelte meine ganze Handlungsweise, ich klagte mich

an, die Unglückliche auf diesen Schlag nicht vorbereitet zu haben; --

doch es war zu spät, und wenn ich mir meine Gefühle, meine ganze Lage

zurückrief, ach, da schien es so verzeihlich, die Geliebte verschont zu

haben! So kam ich nach Berlin, in dieser Stimmung trafen Sie mich dort,

und ein Teil dieser Geschichte war es, den ich damals im Hause meiner

Tante erzählt habe.«

Der junge Mann hatte geendet; seine Züge hatten nach und nach jene

Trauer, jene Wehmut angenommen, die ich in seinem Wesen, als ich ihn

in Berlin sah, zu bemerken glaubte; er war ganz derselbe, der er an

jenem Abend war, und die Worte seiner Tante: er sehe seit seiner

Zurückkunft so geheimnisvoll aus, kamen mir wieder in den Sinn und

ließen mich den richtigen Blick dieser Dame bewundern. An seiner

ganzen Historie schienen mir übrigens nur zwei Dinge auffallend.

Unglückliche Mädchen wie das Fräulein, abenteuernde Damen wie Ines,

intrigante Priester wie Kardinal Rocco hatte ich auf der Welt schon

viele gesehen. Aber die beiden Männer waren mir, als Menschenkenner,

etwas rätselhaft. Der Kapitän hatte allerdings schon einen bedeutenden

Grad in meinem Reglement erlangt, aber unbegreiflich war es mir, wie

sich dieser Mann so lange auf einer Stufe halten konnte, da doch nach

moralischen wie nach physischen Kräften ein Körper, welcher abwärts

gleitet, immer schneller fällt. Er war falsch, denn er spielte zwei

Rollen; er war leichtsinnig, denn er vergaß sich alle Augenblicke;

er war eifersüchtig, obgleich er es selbst mit zwei Frauen hielt;

er war schnell zum Zorn reizbar, als deutscher Kapitän liebte er

wahrscheinlich auch das ~Est, Est, Est~, Eigenschaften, die nicht lange

auf einer Stufe lassen. Ein anderer an seiner Stelle wäre vielleicht

aus Eifersucht und Zorn schon längst ein Totschläger geworden,

ein zweiter wäre leichtsinnig wie er, all diesem Jammer entflohen,

hätte die Donna Ines hier und Fräulein Luise dort sitzen lassen und

vielleicht an einem andern Ort eine andere gefreit; ein dritter hätte

vielleicht der Donna Gift beigebracht, um die schöne Sächsin zu

besitzen, oder aus Verzweiflung die letztere erdolcht.

Aber wie langweilig dünkte es mir, daß das Fräulein noch in demselben

Zustande war, daß die beiden Anbeter noch nicht in Streit geraten

waren, daß das Ende von diesen Geschichten ein Uebertritt zur römischen

Kirche, eine Hochzeit der Donna Ines und vielleicht eine zweite,

Luisens mit dem Berliner, werden sollte?

Denn eben dieser ehrliche Berliner! er stand zwar in etwas entfernten

Verhältnissen zu mir, doch wußte ich, wenn ich ihm das Ziel seines

heimlichen Strebens, das Fräulein, recht lockend, recht reizend

vorstellte, wenn ich ihren Besitz ihm von ferne möglich zeige, so

machte er Riesenschritte abwärts, denn seine Anlagen waren gut. Ich

beschloß daher, mir ein kleines Vergnügen zu machen und die Leutchen zu

hetzen.

Während diese Gedanken flüchtig in mir aufstiegen, wurde dem Herrn von

S. ein Brief gebracht. Er sah die Aufschrift an und errötete, er riß

das Siegel auf, er las, und sein Auge wurde immer glänzender, seine

Stimme heiterer. »Der Engel!« rief er aus, »sie will mich dennoch

sehen! Wie glücklich macht sie mich! Lesen Sie, Freund,« sagte er,

indem er mir den Brief reichte; »müssen solche Zeilen nicht beglücken?«

Ich las:

»Mein treuer Freund!

Mein Herz verlangt danach, Sie zu sprechen. Ich wollte Sie

nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen, bis Sie mir gute

Nachrichten zu bringen hätten; Sie selbst sind es eigentlich,

der diesen Bann aussprach. Doch heben Sie ihn auf, Sie wissen,

wie tröstlich es mir ist, mit Ihnen sprechen zu können. Der

Fromme ist wieder hier; er verspricht sich das Beste von West.

Ach! daß er ihn zurückbrächte von seinem Abwege, nicht zu mir,

meine Augen dürfen ihn nicht mehr sehen, nur zurück von dieser

Schmach, die ich nicht ertragen kann.

L. v. P.«

»N. S. Wissen Sie in Rom keinen Deutschen, der in Mecklenburg

bekannt wäre? West hat dort Verwandte, die vielleicht in der

Sache etwas tun können.«

»Ich kann mir denken, daß dieses schöne Vertrauen Sie erfreuen muß,«

sagte ich; »doch einiges ist mir nicht recht klar in diesem Brief, das

Sie mir übrigens aufklären werden. Wegen der Verwandten in Mecklenburg

kann sich übrigens das Fräulein an niemand besser wenden als an mich;

denn ich war mehrere Jahre dort und bin beinahe in allen Familien genau

bekannt.«

Der junge Mann war entzückt, dem Fräulein so schnell dienen zu können.

»Das ist trefflich!« rief er, »und Sie begleiten mich wohl jetzt

eben zu ihr? Ich erzähle Ihnen unterwegs noch einiges, was Ihnen die

Verhältnisse klarer machen wird.«

Ich sagte mit Freuden zu, wir gingen.

»In Berlin,« erzählte er, »hielt ich es nur zwei Monate aus; ich hatte

niemand hier in Rom, der mir über das unglückliche Geschöpf hätte

Nachricht geben können, und so lebte ich in einem Zustand, der beinahe

an Verzweiflung grenzt; nur einmal schrieb mir der sächsische Gesandte:

der Papst habe sich jetzt öffentlich für den Kapitän West erklärt, man

spreche davon, daß der Preis dieser Gnade der Uebertritt des Kapitäns

zur römischen Kirche sein solle. In demselben Brief erwähnte er mit

Bedauern, daß die junge Dame, die uns alle so sehr angezogen habe, die

mich immer besonders auszuzeichnen geschienen, sehr gefährlich krank

sei, die Aerzte zweifeln an ihrer Rettung.

Wer konnte dies anders sein als die arme Luise. Diese letzte Nachricht

entschied über mich. Zwar hätte ich mir denken können, daß das, was ihr

der Kardinal mitteilte, Krankheit, vielleicht den Tod zur Folge haben

werde, aber jetzt erst, als ich diese Nachricht gewiß wußte, jetzt erst

kam sie mir schrecklich vor; ich reiste nach Rom zurück, und meine

Bekannten hier haben sich nicht weniger darüber gewundert, mich so

unverhofft zu sehen, als meine Verwandten in Berlin, mich so plötzlich

wieder entlassen zu müssen. Besonders die Tante konnte es mir nicht

verzeihen, denn sie hatte schon den Plan gemacht, mich mit einem der

Fräulein, die Sie beim Tee versammelt fanden, zu verheiraten.

Erlassen Sie es mir, zu beschreiben, wie ich das Fräulein wiederfand!

Nur eins schien diese schöne Seele zu betrüben, der Gedanke, daß West

zu seiner großen Schuld noch einen Abfall von der Kirche fügen wollte.

Ich lebe seitdem ein Leben voll Kummer. Ich sehe ihre Kräfte, ihre

Jugend dahinschwinden, ich sehe, wie sie ein Herz voll Jammer unter

einer lächelnden Miene verbirgt. Um mich noch zu tätigerem Eifer, ihr

zu dienen, zu zwingen, gelobte ich, sie nicht mehr zu sprechen, bis ich

von dem Kapitän erlangt hätte, daß er nicht zum Apostaten werde -- oder

bis sie mich selbst rufen lasse. Das letztere ist heute geschehen. Es

scheint, sie hat Hoffnung, ich habe keine; denn er ist zu allem fähig,

und Rocco hat ihn so im Netze, daß an kein Entrinnen zu denken ist.«

»Aber der Fromme,« fragte ich; »soll wohl der seine Bekehrung

übernehmen?«

»Auf diesen Menschen scheint sie ihre Hoffnung zu gründen. Es ist

ein deutscher Kaufmann, ein sogenannter Pietist, er zieht umher, um

zu bekehren; doch leider muß er jedem Vernünftigen zu lächerlich

erscheinen, als daß ich glauben könnte, er sei zur Bekehrung des

Kapitäns berufen. Eher setzte ich einige Hoffnungen auf Sie, mein

Freund, wenn Sie durch die Verwandten etwas bewirken könnten; doch auch

dies kommt zu spät! Wie sie sich nur um diesen Elenden noch kümmern

mag?«

Viel versprach ich mir von diesem Besuch bei dem Fräulein von Palden.

Was ich von ihr gesehen, von ihr gehört, hatte mir ein Interesse

eingeflößt, das diese Stunde befriedigen mußte. Ich hatte mir schon

lange zuvor, ehe ich sie sah, ein Bild von ihr entworfen, ich fand es,

als sie mir damals im Portikus erschien, beinahe verwirklicht; nur

eines schien noch zu fehlen, und auch das hatte sich jetzt bestätigt;

ich dachte mir sie nämlich etwas fromm, etwas schwärmerisch, und sie

mußte dies sein, wie konnte sie sonst einem deutschen Pietisten die

Heilung des Kapitän West zutrauen?

Wir wurden von der Signora Campoco und ihren Hunden freundlich

empfangen; den Berliner führte sie zu ihrer Nichte, mich bat sie, in

ein Zimmer zu treten, wo ich einen Landsmann finden werde. Ich trat

ein. Am Fenster stand ein kleiner hagerer Mann, von kaltem, finsterem

Aussehen. Er heftete seine Augen immer zu Boden, und wenn er sie

einmal aufschlug, so glühten sie von einem trüben, unsicheren Feuer.

Ich machte ihm mein Kompliment, er erwiderte es mit einem leichten

Neigen des Hauptes und antwortete: »Gegrüßet seist du mit dem Gruße des

Friedens!«

Ha, dachte ich, das ist niemand anders als der Pietist! Solche Leute

sind eine wahre Augenweide für den Teufel; er weiß, wie es in ihrem

Innern aussieht, und diese herrliche Charaktermaske, lächerlicher als

Pulcinell, komischer als Passaglio, pathetischer als Truffaldin und

wahrer als sie alle, trifft man besonders in Deutschland und seit

neuerer Zeit in Amerika, wohin sie die Deutschen verpflanzt haben.

Diese Protestanten glauben im echten Sinne des Wortes zu handeln,

wenn sie gegen alles protestieren. Der Glaube der katholischen Kirche

ist ihnen ein Greuel; der Papst ist der Antichrist, gegen ihn und die

Türken beten sie alle Tage ein absonderliches Gebet. Nicht zufrieden

mit diesem, protestieren sie gegen ihren eigenen Staat, gegen ihre

eigene Kirche. Alles ist ihnen nicht orthodox, nicht fromm genug. Man

glaubt vielleicht, sie selbst sind um so frömmer? O ja, wie man will.

Sie gehen gesenkten Hauptes, wagen den Blick nicht zu erheben, wagen

kein Weltkind anzuschauen. Ihre Rede ist: »ja, ja, nein, nein.« Auf

weitere Schwüre und dergleichen lassen sie sich nicht ein. Sie sind die

Stillen im Lande, denn sie leben einfach und ohne Lärm für sich; doch

diese selige Ruhe in dem Herrn verhindert sie nicht, ihre Mitmenschen

zu verleumden, zu bestehlen, zu betrügen. Daher kommt es, daß sie

einander selbst nicht trauen. Sie vermeiden es, sich öffentlich zu

vergnügen, und wer am Sonntag tanzt, ist in ihren Augen ein Ruchloser.

Unter sich selbst aber feiern sie Orgien, von denen jeder andere sein

Auge beschämt wegwenden würde.

Drum lacht mir das Herz, wenn ich einen Mystiker dieser Art sehe. Sie

gehen still durchs Leben und wollen die Welt glauben machen, sie seien

von Anbeginn der Welt als extrafeine Sorte erschaffen und plombiert

worden, und der heilige Petrus, mein lieber Cousin, werde ihnen einen

näheren Weg, ein Seitenpförtchen in den Himmel aufschließen. Aber alle

kommen zu mir; Separatisten, Pietisten, Mystiker, wie sie sich heißen

mögen, seien sie Kathedermänner oder Schuhmacher, alle sind in Nr. 1

und 2, sie _verneinen_, wenn auch nicht im Aeußeren, denn sie sind

Heuchler in ihrem Herzen von Anbeginn.

Ein solcher war nun der fromme Mann am Fenster. »Ihr seid ein Landsmann

von mir,« fragte ich nach seinem Gruß, »Ihr seid ein Deutscher?«

»Alle Menschen sind Brüder und gleich vor Gott,« antwortete er; »aber

die Frommen sind ihm ein angenehmer Geruch.«

»Da habt Ihr recht,« erwiderte ich, »besonders wenn sie in einer

engen Stube Betstunde halten. Seid Ihr schon lange hier in dieser

gotteslästerlichen Stadt?«

Er warf einen scheuen Blick auf mich und seufzte: »O welche Freude hat

mir der Herr gegeben, daß er einen Erweckten zu mir sandte! Du bist

der erste, der mir hier saget, daß dies die Stadt der babylonischen

H--, der Sitz des Antichrists ist. Da sprechen sie in ihrem weltlichen

Sinne von dem Altertum der Heiden, laufen umher in diesen großen

Götzentempeln und nennen alles ›heiliges Land‹, selbst wenn sie

Protestanten sind; aber diese sind oft die Aergsten.«

»Wie freut es mich, Bruder, dich gefunden zu haben. Sind noch mehrere

Brüder und Schwestern hier? Doch hier kann es nicht fehlen; in einer

Gemeinde, die der Apostel Paulus selbst gestiftet hat, müssen fromme

Seelen sein.«

»Bruder, geh mir weg mit dem Apostel Paulus, dem traue ich nur halb;

man weiß allerlei von seinem früheren Leben, und nachher, da hat er

so etwas Gelehrtes wie unsere Professoren und Pfarrer; ich glaube,

durch ihn ist dieses Uebel in die Welt gekommen. Zu was denn diese

Gelehrtheit, diese Untersuchungen? sie führen zum Unglauben. Die

Erleuchtung macht's, und wenn einer nicht zum _Durchbruch_ gekommen

ist, bleibt er ein Sünder. Ein altes Weib, wenn sie erleuchtet ist,

kann so gut predigen und lehren in Israel als der gelahrteste Doktor.«

»Du hast recht, Bruder,« erwiderte ich ihm; »und ich war in meinem

Leben in der Seele nicht Vergnügter, nie so heiter gestimmt, als wenn

ich einen Bruder Schuster oder eine Schwester Spitälerin das Wort

verkündigen hörte. War es auch lauterer Unsinn, was sie sprach, so

hatte ihr es doch der Geist eingegeben, und wir alle waren zerknirscht.

Doch sage mir, wie kommst du ins Haus dieser Gottlosen?«

»Bruder, in der Stadt Dresden im Sachsenlande, wo es mehr Erleuchtete

gibt als irgendwo, da wohnte ich neben ihrem Haus. Damals war sie ein

Weltkind und lachte, wenn die Frommen am Sonntag abend in mein Haus

wandelten, um eine Stunde bei mir zu halten. Als ich nun hierher kam in

dieses Sodom und Gomorrha, da gab mir der Geist ein, meine Nachbarin

aufzusuchen. Ich fand sie von einem Unglück niedergedrückt. Es ist ihr

ganz recht geschehen, denn so straft der Herr den Wandel der Sünder.

Aber mich erbarmte doch ihre junge Seele, daß sie so sicherlich

abfahren soll, dorthin wo Heulen und Zähnklappern. Ich sprach ihr zu,

und sie ging ein in meine Lehren, und ich hoffe, es wird bei ihr bald

zum Durchbruch kommen. Und da erzählte sie mir von einem Mann, den der

Satan und der Antichrist in ihren Schlingen gefangen haben, und bat

mich, ob ich nicht lösen könne diese Bande kraft des Geistes, der in

mir wohnet. Und darum bin ich hier.«

Während der fromme Mann die letzten Worte sprach, kam der Berliner

mit dem Fräulein. Jener stellte mich vor, und sie fragte errötend, ob

ich mit der Familie des Kapitän West in Mecklenburg bekannt sei. Ich

bejahte es; ich hatte mit mehreren dieser Leute zu tun gehabt und gab

ihr einige Details an, die sie zu befriedigen schienen.

»Der Kapitän ist auf dem Sprung, einen sehr törichten Schritt zu tun,

der ihn gewiß nicht glücklich machen kann; S. hat Ihnen wohl schon

davon gesagt, und es kommt jetzt darauf an, ihm das Mißliche eines

solchen Schrittes auch von seiten seiner Familie darzutun.«

»Mit Vergnügen; dieser fromme Mann wird uns begleiten; er ist in

geistlichen Kämpfen erfahrner als ich; ich hoffe, er wird sehr nützlich

sein können.«

»Es ist mein Beruf,« antwortete der Pietist, die Augen greulich

verdrehend, »es ist mein Beruf, zu kämpfen, solange es Tag ist. Ich

will setzen meinen Fuß auf den Kopf der Schlange und will ihr den Kopf

zertreten wie einer Kröte; soeben ist der Geist in mich gefahren. Ich

fühle mich wacker wie ein gewappneter Streiter. Lieben Brüder, lasset

uns nicht lange zaudern, denn die Stunde ist gekommen; Sela!«

»Gehen wir!« sagte der Berliner; »seien Sie versichert, Luise, daß

Freund Stobelberg und ich alles tun werden, was zu Ihrer Beruhigung

dienen kann. Fassen Sie sich, sehen Sie mutig, heiter in die Zukunft,

die Zeit bringt Rosen.«

Das schöne bleiche Mädchen antwortete durch ein Lächeln, das sie einem

wunden Herzen mühsam abgezwungen hatte. Wir gingen, und als ich mich in

der Türe umwandte, sah ich sie heftig weinen.

Wir drei gingen ziemlich einsilbig über die Straße; der Pietist,

vom Geiste befallen, murmelte unverständliche Worte vor sich hin

und verzog sein Gesicht, rollte seine Augen wie ein Hierophant. Der

Berliner schien an dem guten Erfolg unseres Beginnens zu zweifeln

und ging sinnend neben mir her, ich selbst war von dem Anblick der

stillen Trauer jenes Mädchens, ich möchte sagen, beinahe gerührt; ich

dachte nach, wie man es möglich machen könnte, sie der Schwärmerei zu

entreißen, sie dem Leben, der Freude wiederzugeben, denn so gerne ich

ihr den Himmel und alles Gute wünschte, so schien sie mir doch zu jung

und schön, als daß sie jetzt schon auf eine etwas langweilige Seligkeit

spekulieren sollte. Durch den Berliner schien ich dies am besten

erreichen zu können, besser vielleicht noch durch Kapitän West, der mir

ohnedies verfallen war; doch zweifelte ich, ob man ihn noch von der

Spanierin werde losmachen können.

Auf der Hausflur des Kapitäns ließ uns der Pietist vorangehen, weil er

hier beten und unsern Ein- und Ausgang segnen wolle. Doch, o Wunder!

Als wir uns umsahen, nahm er nach jedem Stoßseufzer einen Schluck aus

einem Fläschchen, das seiner Farbe nach einen guten italienischen Likör

enthalten mußte. Ha! jetzt muß der Geist erst recht über ihn kommen,

dachte ich, jetzt kann es nicht fehlen, er muß mit großer Begeisterung

sprechen.

Der Kapitän empfing uns mit einer etwas finstern Stirne. Der Berliner

stellte uns ihm vor, und sogleich begann der Pietist, vom Geist

getrieben, seinen Sermon.

Er stellte sich vor den Kapitän hin, schlug die Augen zum Himmel und

sprach: »Bruder! was haben meine Ohren von dir vernommen? So ganz hat

dich der Teufel in seinen Klauen, daß du dich dem Antichrist ergeben

willst, daß du absagen willst der heiligen, christlichen Kirche, der

Gemeinschaft der Heiligen? Sela. Aber da sieht man es deutlich. Wie

heißt es Sirach am neunten, im dritten Vers? He? ›Fliehe die Buhlerin,

daß du nicht in ihre Stricke fallest?‹ --«

»Zu was soll diese Komödie dienen, Herr von S.« sprach der Kapitän

gereizt. »Ich hoffe, Sie sind nicht gekommen, mir in meinem Zimmer

Sottisen zu sagen.«

»Ich wollte Sie mit Herrn von Stobelberg, der Ihre Familie kennt,

besuchen. Da ließ sich dieser fromme Mann, der gehört hat, daß Sie

übertreten wollen, nicht abhalten, uns zu begleiten.«

»Große Ehre für mich, geben Sie sich aber weiter keine Mühe, denn --«

»Höret, höret, wie er den Herrn lästert, in dessen Namen ich komme,«

schrie der Pietist. »Der Antichrist krümmet sich in ihm wie ein Wurm,

und der Teufel sitzt ihm auf der Zunge. O, warum habt Ihr Euch blenden

lassen von Weltehre? Was sagt derselbe Sirach? ›Laß dich nicht bewegen

von dem Gottlosen in seinen großen Ehren; denn du weißt nicht, wie es

ein Ende nehmen wird. -- Wisse, daß du unter den Stricken wandelst, und

gehest auf eitel hohen Spitzen!‹«

»Sie kennen meine Familie, Herr von Stobelberg? Sind Sie vielleicht

selbst ein Landsmann aus Mecklenburg?«

»Nein, aber ich kam viel in Berührung mit Ihrer Familie und bin mit

einigen Gliedern derselben sehr nahe liiert. So zum Beispiel mit Ihrem

Onkel F., mit Ihrer Tante W., mit Ihrem Schwager Z.«

»Wie? Der Satan hat ihm die Ohren zugeleimt?« rief der fromme

Protestant, als sein abtrünniger Bruder ihn völlig ignorierte. »Auf,

Ihr Brüder, Ihr Streiter des Herrn, lasset uns ein geistliches Lied

singen, vielleicht hilft es.« Er drückte die Augen zu und fing an, mit

näselnder, zitternder Stimme zu singen:

»Herr, schütz' uns vor dem Antichrist

Und laß uns doch nicht fallen;

Es streckt der Papst mit Hinterlist

Nach uns die langen Krallen;

Und laß dich erbitten,

Vor den Jesuiten

Und den argen Missionaren.

Wollest gnädig uns bewahren.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 4 · 第 16 / 24 段