»O daß Ihr nur ein Jahr auf einer deutschen Universität zugebracht

hättet! Unsere Agenten geben uns herrliche Berichte, die ketzerische

Jugend soll gegenwärtig ganz absonderlich fromm, heilig und mystisch

sein. Das Mittelalter, das gute, liebe Mittelalter versetzt sie in

diesen liebenswürdigen Schwindel. Sie neigen sich schon ganz zu

uns, und lasset nur erst die Jesuiten recht in Deutschland überhand

nehmen, dann sollt Ihr erst Wunder sehen! Auch einige brave Männer,

Professoren, nehmen sich unserer Sache an: Seht, dieser da, Nr. 172,

Signor Crusado, der umhüllt sie mit einem so tiefen symbolischen

Dunkel, daß sie bald unser sind. Wahrlich, der Hofmechanikus Seiner

Heiligkeit, der berühmte Signor Carlo Fiorini, hat vollkommen recht. Er

hat berechnet, wenn Deutschland einige Grade südlicher läge, wenn ihr

eine schönere Natur, ein wenig mehr Sinnlichkeit und Phantasie hättet

-- die Ketzerei hätte nie aufkommen können, oder ihr wäret wenigstens

schon lange wieder zurückgekehrt.«

Die Barke stieß bei diesen Worten ans Land. Wie gerne hätte ich diesem

trefflichen Pfaffen noch länger zugehört, wie er diese deutsche Seele

bearbeitete; es war ein schweres Stück Arbeit, ich gestehe es. Ein

Mensch ohne Phantasie, der in den Zeremonien nur Zeremonien sieht,

der die Tendenz dieser Römer durchschaut, der durch keinen weltlichen

Vorteil zu blenden ist, wahrlich, ein solcher ist schwer zu gewinnen.

Doch für diesen war mir nicht bange. Ein Kardinal Rocco und ein schönes

Weib haben schon andere geangelt als diesen.

Der heilige Mann stieg aus: mit Ehrfurcht empfingen die Schiffer seinen

Segen, den er mit einer Würde, einem Anstand, würdig eines Fürsten der

Kirche, erteilte. Donna Ines folgte. Ich bewunderte, während sie über

das Brett ging, ihren feinen, zierlichen Wuchs, die Harmonie in ihren

Bewegungen und die Glut, die aus ihren Augen strahlte und den Abend

schwül zu machen schien. Sie reichte dem geliebten Ketzer ihre schöne

Hand mit so besorgter Zärtlichkeit, mit einem so bedeutungsvollen

Lächeln, daß ich im Zweifel war, ob ich mehr seine transmontanische

Kälte belächeln oder den Mut bewundern sollte, mit welchem er den

geistlichen Lockungen dieser in Liebe aufgelösten Kirke widerstand. --

Am Ufer hielt ein schöner Wagen. Der dienende Bruder Piccolo, welchem

ich im Traum, in Rom spazieren gehend, erschienen war, stand am Schlag

und erwartete Seine Eminenz. Es kostete einige Zeit, bis dieser sein

Gewand zu gehöriger Wirkung drapiert hatte, dann erst folgte der

Frater Piccolo. Der Ketzer und seine Dame schlugen einen Fußpfad ein

und gingen der Stadt zu.

»Wer sind diese,« fragte ich den Schiffer.

»Kennt Ihr den heiligen Mann, den Kardinal Rocco nicht? O, es ist einer

der besten Füße des heiligen Stuhles! Alle Abende fährt er in meiner

Barke auf dem Fluß.«

»Und die Dame?«

»Ha! das ist eine gute Christin,« antwortete er mit Feuer. »Sie fährt

beinahe immer mit dem Kardinal, zuweilen allein mit ihm, zuweilen mit

dem Mann, den Ihr gesehen. Dem traue ich nicht ganz, es ist entweder

ein Deutscher oder ein Engländer, und die sind doch Kinder des Teufels.«

»So? Da sagt Ihr mir etwas Neues, und dieser Mann, ist er ihr Gemahl?«

»Bewahre uns die heilige Jungfrau! Ihr Gemahl! Wo denkt Ihr hin? Da

würde er nicht so zärtlich mit ihr spazieren fahren. Ich denke, es ist

ihr Geliebter.«

»So ist es,« sagte einer der griechischen Kaufleute, »die Dame wohnt

nicht weit von mir. Sie lebt allein mit ihren Kindern. Sie sieht

niemand bei sich als einige fromme Geistliche und diesen jungen Mann!

Es ist ihr Geliebter. Aber sie führen ein Hundeleben zusammen. Man hört

sie oft beide weinen und zanken und schreien. Der junge Mann flucht

und donnert und jammert mit schrecklicher Stimme, und die Donna weint

und klagt, und die Kinder erheben ein Zetergeschrei, daß die Nachbarn

zusammenlaufen. Dann stürzt oft der junge Mann verzweifelnd aus dem

Haus und will fliehen, aber die Donna setzt ihm mit fliegenden Haaren

nach, und die Kinder laufen heulend hintendrein. Sie faßt ihn unter der

Türe am Gewand, sie achtet nicht auf die Menschen, die umherstehen. Sie

zieht ihn zurück ins Haus und besänftigt ihn, und dann ist es oft auch

viele Tage stille, bis das Wetter von neuem losbricht.«

»Heilige Jungfrau,« rief der Schiffer, »und hat er sie noch nie

totgestochen im Zorn?«

»Wie Ihr seht, nein!« erwiderte der Grieche. »Aber krank ist sie schon

oft geworden, wenn er so greulich raste. Dann lief er schnell zu drei,

vier Doktoren, um sie wieder ins Leben zurückzurufen. Es sind doch gute

Seelen, diese Deutschen!«

So sprachen diese Männer, und ich ging von ihnen in tiefen Gedanken

über das, was ich gehört und gesehen hatte. Jenes Wort des jungen

Berliners fiel mir wieder bei, der den Kardinal Rocco beschuldigte,

ein schönes gutes Herz gebrochen zu haben. Welches andere Herz konnte

dies sein als Luisens? Ich glaubte deutlich zu sehen, daß der Priester

den Kapitän der Geliebten entzogen, indem er sie verleumdet, daß er

ihn in die Fesseln dieser Donna Ines geschmiedet habe, um ihn für die

Kirche zu gewinnen. Aber wie war alles dies geschehen? Wie hatte er

diesen Mann aus den Armen seines Mädchens ziehen, von einem Herzen

hinwegreißen können, das ihn mit so heißer Glut umfing? Sollten jene

Beschuldigungen von Untreue wahr sein, die der Kardinal dem Kapitän

einflüsterte, hatte sie wirklich den jungen Mann, der ihm so ähnlich

sah, vorgezogen? Doch ich wußte ja, wo ich mir Gewißheit verschaffen

konnte. Ich beschloß, bei guter Zeit am nächsten Morgen den Berliner

wieder aufzusuchen.

Herr von S... schien mich liebgewonnen zu haben, denn er empfing

mich mit Herzlichkeit und einem Wohlwollen, das selbst den Teufel

erfreut, wenn er auch schon an dergleichen gewöhnt ist. Ich hatte mir

vorgenommen, von meiner gestrigen Fahrt und den Wunderdingen, die ich

gehört hatte, noch nichts zu erwähnen, um den Verlauf seiner Geschichte

zuvor desto ungestörter zu vernehmen.

»Von allem Unglück, das die Erde trägt,« fuhr er zu erzählen fort,

»scheint mir keines größer, schmerzlicher und rührender, als jener

stille, tiefe Gram eines Mädchens, das unglücklich liebt oder dessen

zartes, glühendes Herz von einem Elenden zur Liebe hingerissen und

dann betrogen wird. Der Mann hat Kraft, seinen Gram zu unterdrücken,

den Verrat seiner Liebe zu rächen, die gepreßte Brust dem Freunde zu

öffnen; das Leben bietet ihm tausend Wege, in Mühe und Arbeit, in

weiter Ferne Vergessenheit zu erringen. Aber das Weib? -- Der häusliche

Kreis ist so enge, so leer. Jene täglich wiederkehrende Ordnung,

jene stille Beschäftigung mit tausend kleinen Dingen, der sie sich

in der Zeit glücklicher Liebe fröhlich, beinahe unbewußt hingab, wie

drückend wird sie, wenn sich an jeden Gegenstand die Erinnerung an ein

verlorenes Glück heftet! Wie träge schleicht der Kreislauf der Stunden,

wenn nicht mehr die süßen Träume der Zukunft, nicht der Zauber der

Hoffnung, nicht die Seligkeit der Erwartung den Minuten Flügel gibt,

wenn nicht mehr das von glücklicher Liebe pochende Herz den Schlag der

Glocke übertönt!

Doch, wozu Sie auf ein Unglück vorbereiten, das Sie nur zu bald

erfahren werden? Hören Sie weiter: Mein Wunsch, Luise von Palden im

Hause des Gesandten zu sehen, gelang. Schon nach einigen Tagen wurde

sie durch seine Schwester dort eingeführt. Sie errötete, als sie mich

zum erstenmal dort sah, doch sie schien mich wie einen alten Bekannten

dort zu nehmen; es schien sie zu freuen, unter so vielen fremden

Männern einen zu wissen, der ihr näher stand. Denn so war es; sei

es, daß die Erinnerung an unser sonderbares Abenteuer mich aus einem

Fremden zum Bekannten machte, sei es, daß sie gerne zu mir sprach, weil

ich die Züge ihres Freundes trug, sie unterschied mich auffallend von

allen übrigen Männern, die dieser seltenen Erscheinung huldigten. Sie

lächeln, Freund? Ich errate Ihre Gedanken.«

»Ich finde, Sie sind zu bescheiden; könnte es nicht auch Ihre eigene

Persönlichkeit gewesen sein, was das Fräulein anzog?«

»Nein, denken Sie nicht so von diesem himmlischen Geschöpf; ich

gestehe, ich war ein Tor, ich machte mir Hoffnung, sie für mich

gewinnen zu können; ja, Freund, ich sagte ihr sogar, was ich fürchte.«

»Und Sie wurden nicht erhört? Das treue, ehrliche Kind! und ihr Kapitän

lag vielleicht gerade in den Armen einer andern!«

Der Berliner stutzte. »Wie? Was wissen Sie?« fragte er betroffen. »Wer

hat Ihnen gesagt, daß West noch eine andere liebe?«

»Nun, Sie selbst haben mich genug darauf vorbereitet,« erwiderte ich;

»sagten Sie nicht, daß jener das Mädchen betrog?«

»Sie haben recht; -- nun, ich wurde lächelnd abgewiesen, abgewiesen

auf eine Art, die mich dennoch glücklich, unaussprechlich glücklich

machte. Sie war keinen Augenblick ungehalten, sie gestand mir, daß ich

ihr als Freund willkommen sei, daß ihr Herz keinem andern mehr gehören

könne. Sie sagte mir auch manches von ihren Verhältnissen, was ganz mit

dem übereinstimmte, was uns die Schwester des Gesandten erzählte; sie

gestand, daß sie nur darum nach Rom gezogen sei, weil den Kapitän seine

Verhältnisse hierher riefen, sie gestand, daß er einen Rechtsstreit

wegen einer Erbschaft hier habe, daß er, sobald die Sache entschieden

sei, vielleicht schon in wenigen Wochen, sie zum Altar führen werde.

Etwa eine Woche nach diesem aufrichtigen Geständnis rief mich eines

Abends der Gesandte aus dem Salon, in welchem die Gesellschaft

versammelt war, zu sich. Es war nichts Seltenes, daß er sich mir in

Geschäftssachen mitteilte, weil ich sein Vertrauen auf eine ehrenvolle

Art besaß; doch die Zeit war mir auffallend, und es mußte etwas von

Wichtigkeit sein, weswegen er mich aus dem Kreis der Damen aufstörte.

›Kennen Sie einen gewissen Kapitän West?‹ fragte er, indem er mich mit

forschenden Blicken ansah.

›Ich habe einen Kapitän West flüchtig kennen gelernt,‹ gab ich ihm zur

Antwort.

›Nun, so flüchtig müsse es doch nicht sein,‹ entgegnete er mir, da ich

ein Duell mit ihm gehabt.

Ich sagte ihm, daß ich Streit mit ihm gehabt, wegen einer ziemlich

gleichgültigen Sache, es sei aber alles gütlich beigelegt worden.

Dennoch war es mir auffallend, woher der Gesandte diesen Streit

erfahren hatte, den ich so geheim als möglich hielt, und von welchem

Luise in seinem Hause gewiß nichts erwähnt hatte.

›Wegen einer Dame haben Sie Streit gehabt,‹ sagte er; ›doch möchte

ich Ihnen raten, solche Händel wegen einer so zweideutigen Person zu

vermeiden. Sie wissen selbst, wenn man einmal einen öffentlichen,

besonders einen diplomatischen Charakter hat, ist dergleichen in einem

fremden Lande wegen der Folgen für beide Teile fatal.‹

Der Ton, worin dies gesagt wurde, fiel mir auf. Er war sehr ernst, sehr

warnend; noch schmerzlicher berührte mich, was er über jene Dame sagte,

›zweideutige Person!‹ Und doch saß gerade diese Person als Krone der

Gesellschaft in seinem Salon, er selbst, ich hatte es deutlich gesehen,

er selbst hatte noch vor einer halben Stunde mit ihr auf eine Art

gesprochen, die mich in dem alten Herrn einen aufrichtigen Bewunderer

ihrer Reize und ihres glänzenden Verstandes sehen ließ. Ich konnte

eine Bemerkung hierüber nicht unterdrücken, ich bat ihn höflich, aber

so fest als möglich, in meiner Gegenwart nicht mehr so von einer Dame

zu sprechen, die ich achte, und die einen so entschiedenen Rang in der

Gesellschaft einnehme. Ich wolle davon gar nicht reden, daß er selbst

sein Haus beschimpfe, wenn er in solchen Ausdrücken von seinen Gästen

spreche.

Er sah mich verwundert an; er sagte mir, er könne meine Reden nicht

begreifen, denn weder behaupte die Dame einen Rang in der Gesellschaft,

die _er_ sehe, noch habe sie je einen Fuß über seine Schwelle gesetzt.

Die Reihe zu erstaunen war jetzt an mir; ich sah, daß hier ein Irrtum

vorwalte, und belehrte ihn, daß Fräulein von Palden die Dame sei, um

die wir uns schlagen wollten. ›Verzeihen Sie,‹ rief er, ›man sagt mir,

Sie haben sich wegen der Geliebten dieses Kapitän West geschlagen,

daher glaubte ich, Ihnen dies sagen zu müssen.‹

›Und wenn dies nun dennoch wäre?‹ fragte ich. ›Kennen Sie denn die

Geliebte des Kapitäns?‹

›Gott soll mich bewahren,‹ entgegnete er. ›Nein, ich glaube, er hat

schon selbst genug an seiner Spanierin.‹

Ich staunte von neuem. ›Von einer Spanierin sprechen Sie? Wie kommen

Sie nur darauf? Ich weiß bestimmt, daß der Kapitän eine deutsche Dame

liebt!‹

›Um so schlimmer für das arme Kind in Deutschland,‹ war seine Antwort;

›wie die Sachen stehen, scheint man im Lateran ernstlich daran zu

denken, den goldenen Quadrupeln der schönen Donna Gehör zu geben und

ihre frühere Ehe, weil sie nicht ganz gültig vollzogen war, für nichtig

zu erklären. Der Kapitän macht eine gute Partie, aber -- jeder Mann von

Ehre wird diesen Schritt mißbilligen.‹

Ich stand wie vom Donner gerührt vor dem alten Mann; entweder lag hier

eine Verwechslung der Namen und Personen zu Grunde, oder es war ein

schreckliches Geheimnis, und der Kapitän ein Betrüger, der Luisens

Glück vielleicht auf ewig zerstört hatte.

Ich sagte dem Gesandten geradezu, daß er mit mir über Dinge spreche,

die mir völlig unbekannt seien. Er staunte, doch glaubte er, da er

schon soviel gesagt hatte, mir die weitere Erklärung dieser Rätsel

schuldig zu sein. ›Dieser Kapitän West ist ein Sachse,‹ erzählte er;

›er diente früher im Generalstab und wurde dann zu einer diplomatischen

Sendung nach Spanien verwandt; er soll ein Mann von vielen Talenten,

aber etwas zweideutigem Charakter sein. Warum die Wahl gerade auf

ihn fiel, da noch ältere Leute, und aus guten Häusern im Departement

waren, ist mir unbekannt; nur soviel erfuhr ich zufällig, daß man ihn

damals von Dresden habe entfernen wollen. Man erzählt sich, er habe in

Madrid in einem Verhältnis zu einer schönen jungen Frau gelebt; sie

war eine Spanierin, aber an einen alten Engländer verheiratet, der sie

vielleicht nicht so strenge unter Schloß und Riegel hielt, wie man

sonst in Spanien zu tun pflegt.

Als aber endlich dieses Verhältnis zu den Ohren des Engländers kam,

bewirkte dieser, daß der Kapitän von seinem Posten abgerufen und sogar

aus dem Dienste entlassen wurde. Doch sagen andere, er selbst habe aus

Aerger über seine schnelle Abberufung quittiert. Doch das Beste kommt

noch; einige Wochen nach seiner Abreise war die Frau des Engländers mit

ihren beiden Kindern plötzlich verschwunden, man kann sagen spurlos

verschwunden, denn so viele Mühe sich ihr Gatte gab, ihrer habhaft

zu werden, alles war vergeblich. Vielleicht scheiterten auch seine

Bemühungen an den Unruhen, die gerade in jener Zeit ausbrachen und die

Kommunikation mit Frankreich sehr erschwerten.

Der Verdacht dieses Engländers fiel, wie natürlich, vor allem auf den

Kapitän West. Er wußte es zu machen, daß dieser in Paris angehalten und

verhört wurde. Man sagt, er solle sehr betreten gewesen sein, als er

die Nachricht von der Flucht dieser Dame hörte; er wies sich aber aus,

daß er die Reise bis nach Paris allein gemacht habe, und bekräftigte

mit einem Eid, daß er von diesem Schritt der Donna nichts wisse.

Etwa ein Vierteljahr nachher kam er nach Rom und lebt seitdem hier

sehr still und eingezogen, besucht keine Gesellschaft, hat keinen

Freund, keinen Bekannten; vorzüglich vermeidet er es, mit Deutschen

zusammenzutreffen.‹

Um diese Zeit, fuhr der Gesandte fort, sei von seinem Hofe die Anfrage

an ihn ergangen, ob dieser West sich in Rom befinde; wie er lebe, und

ob er nicht in Verhältnis mit einer Spanierin sei, die sich ebenfalls

hier aufhalten müsse. Man habe ihm dabei die Geschichte dieses Kapitän

West mitgeteilt und bemerkt, daß der Engländer von neuem Spuren von

seiner Frau entdeckt habe, die beinahe mit Gewißheit annehmen lassen,

daß sie in Rom sich aufhalte. Man habe deswegen von Spanien aus sich an

die päpstliche Kurie gewandt, es scheine aber, man wolle sich hier der

Dame annehmen, denn die Antwort sei sehr zweifelhaft und unbefriedigend

ausgefallen. Der Gesandte machte die nötigen Schritte und erfuhr

wenigstens soviel, daß jener Verdacht bestätigt schien. Er wandte sich

nun auch an Consalvi, um zu erfahren, ob der römische Hof in der Tat

die Dame in seinen Schutz nehme, und erhielt die in eine sehr bestimmte

Bitte gefaßte Antwort, man möchte diese Sache beruhen lassen, da die

Ehe der Donna Ines mit dem Engländer wahrscheinlich für ungültig

erklärt werde.

Dies erzählte mir der Gesandte; er fügte noch hinzu, daß er aus

besonderem Interesse an diesem Fall dem Kapitän immer nachgespürt habe,

und so sei ihm auch der Streit zu Ohren gekommen, den ich im Karneval

mit jenem ›wegen einer Dame‹ gehabt habe.

Sie können sich denken, Freund, welche Qualen ich schon während seiner

Erzählung empfand; und als ich das ganze Unglück erfahren hatte, stand

ich wie vernichtet. Der Gesandte verließ mich, um zu der Gesellschaft

zurückzukehren; ich hatte kaum noch so viel Fassung, ihn zu bitten, er

möchte niemand etwas von diesen Verhältnissen wissen lassen, das Warum

versprach ich ihm auf ein andermal.

Ich konnte von dem Zimmer, wohin der Gesandte mich gerufen, den Salon

übersehen, ich konnte Luisen sehen, und wie schmerzlich war mir ihr

Anblick. Sie schien so ruhig, so glücklich. Der Friede ihrer schönen

Seele lag wie der junge Tag freundlich auf ihrer Stirne; ihr sanftes

blaues Auge glänzte vielleicht von der Erwartung einer schönen

Abendstunde, und das Lächeln, das ihren Mund umschwebte, schien der

Nachklang einer freudigen Erinnerung hervorgelockt zu haben. Nein, es

war mir nicht möglich, diesen Anblick länger zu ertragen, ich eilte ins

Freie, um dieses Bild durch neue Bilder zu verdrängen; aber wie war es

möglich? Der Gedanke an sie kehrte schmerzlicher als je zurück, denn

der Friede der Natur, der zauberische Schmelz der Landschaft, die süße

Ruhe, die diese Fluren atmeten, erinnerten sie mich nicht immer wieder

an jenes holde Wesen? Und die Wolken, die sich am fernen Horizont

schwärzlich auftürmten und ein nächtliches Gewitter verkündeten, hingen

sie nicht über der friedlichen Landschaft wie das Unglück, das Luisen

drohte?

Ich ging nach Hause; ich dachte nach, ob nicht Rettung möglich sei,

ob ich sie nicht losmachen könne von dieser schrecklichen Verbindung.

Doch war nicht zu befürchten, daß sie mir mißtrauen werde? Sie wußte,

ich liebe sie; kannte sie mich hinlänglich, um nicht an der Reinheit

meiner Absichten zu zweifeln? Ich konnte es nicht über mich gewinnen,

ihr selbst ihr Unglück zu verkünden. Nur _einen_ Ausweg glaubte ich

offen zu sehen; ich wollte ihn selbst zur Rede stellen, den Elenden,

ich wollte ihn bewegen, einen entscheidenden Schritt auf die eine

oder die andere Seite zu tun. Ja, darin glaubte ich einen glücklichen

Weg gefunden zu haben; er selbst mußte ihr sagen, daß er nicht mehr

verdiene, von ihr geliebt zu werden; und dann, dachte ich, dann wird

sie zwar unglücklich sein, aber ich will versuchen, sie glücklich

zu machen, durch ein langes Leben voll Treue und Liebe will ich ihr

Unglück zu mildern suchen.«

»Aber wie konnten Sie glauben,« rief ich, über diese romantischen Ideen

unwillkürlich lächelnd, »wie konnten Sie glauben, Freund, daß ein

Kapitän West zu diesem sonderbaren Geständnisse sich hergeben werde? In

Romanen mag dies der Fall sein, aber, Herr! in der Wirklichkeit? Haben

Sie je einen Narren derart gekannt?«

»Ach, ich dachte zu gut von den Menschen,« antwortete er. »Ich dachte:

wie ich muß jeder fühlen. -- Ich ging in die Wohnung des Kapitän West.

Er wohnte schlecht, beinahe ärmlich. Ich traf ihn, wie er einen schönen

Knaben von acht Jahren auf den Knieen hatte, welchen er lesen lehrte.

Errötend setzte er den Knaben nieder und stand auf, mich zu begrüßen.

›Ei, Papa!‹ rief der Kleine, ›wie sieht dir dieser Herr so ähnlich.‹

Der Kapitän geriet in Verlegenheit und führte den Knaben aus dem

Zimmer. ›Wie,‹ sagte ich zu ihm; ›Sie haben schon einen Knaben von

diesem Alter? Waren Sie früher verheiratet?‹

Er suchte zu lachen und die Sache in einen Scherz zu drehen; er

behauptete, der Knabe gehöre in die Nachbarschaft, besuche ihn zuweilen

und nenne ihn Papa, weil er sich seiner annehme.

›Er gehört wohl der Donna Ines?‹ fragte ich, indem ich ihn scharf

ansah. Noch nie zuvor hatte ich gesehen, wie schrecklich das böse

Gewissen sich kundtat; er erblaßte; seine Augen glänzten wie die einer

Schlange, ich glaubte, er wolle mich durchbohren. Noch ehe er sich

hinlänglich gesammelt hatte, um mir zu antworten, sagte ich ihm gerade

ins Gesicht, was ich von ihm wisse und was ich von ihm verlange, um das

Fräulein nicht völlig unglücklich zu machen.

Er lief in Wut im Zimmer umher, er schimpfte auf Zwischenträger und

Zudringliche; er behauptete, ich habe die ganze Geschichte aufgedeckt,

um Luisen von ihm zu entfernen. Ich ließ ihn ausreden; dann sagte

ich ihm mit kurzen Worten, wie ich sein Verhältnis zu der Spanierin

erfahren habe, und bat ihn noch einmal mit den herzlichsten Tönen

unserer Sprache, das Fräulein so schonend als möglich von sich zu

entfernen.

Es gelang mir, ihn zu rühren; aber nun hatte ich eine andere

unangenehme Szene durchzukämpfen; er klagte sich an, er weinte, er

verfluchte sich, das holde Geschöpf so schändlich betrogen zu haben.

Er schwur, sich von der Spanierin zu trennen; er flehte mich an, ihn

zu retten: er gestand mir, daß er sich von einem Netz umstrickt sehe,

das er nicht gewaltsam durchbrechen könne, weil einige hohe Geistliche

der Kirche kompromittiert würden. Er ging so weit, mich zu zwingen,

seine Geschichte anzuhören, um vielleicht milder über ihn urteilen

zu können. Es war die Geschichte eines -- Leichtsinnigen. Dieses Wort

möge entschuldigen, was vielleicht _schlecht_ genannt werden könnte.

Es lag in dem Wesen dieses Mannes ein Etwas, das ihn bei den Frauen

sehr glücklich machen mußte. Es war der äußere Anschein von Kraft und

Entschlossenheit, die ihm übrigens sein ganzes Leben hindurch gemangelt

zu haben schienen. Er mußte eine für seinen Stand ausgezeichnete

Bildung gehabt haben, denn er sprach sehr gut, seine Ausdrücke waren

gewählt, seine Bilder oft wahrhaft poetisch, er konnte hinreißen, so

daß ich oft glaubte, er spreche mit Eifer von einem dritten, während

er mir seinen eigenen beklagenswerten Zustand schilderte. Ich habe

dies oft an Menschen bemerkt, die sonst ihrem Triebe folgen, in den

Tag hinein leben, ohne sich selbst zu prüfen, und erst in dem Moment

der Erzählung über sich selbst flüchtig nachdenken. Sie werden dann

durch die Sprache selbst zu einem eigentümlichen Feuer gesteigert, sie

sprechen mit Umsicht von sich selbst, doch eben weil diese ihnen sonst

abging, ist man versucht zu glauben, sie sprechen von einem dritten.

Es war Luise, die ihn zuerst liebte; er erkannte ihre Neigung;

Eitelkeit, die herrlich aufblühende Schönheit, die Tochter eines der

ersten Häuser der Stadt für sich gewonnen zu haben, riß ihn zu einem

Gefühl hin, das er für Liebe hielt. Der Vater sah dies Verhältnis

ungern. Ich konnte mir denken, daß es vielleicht weniger Stolz auf

seine Ahnen, als die Furcht vor dem schwankenden Charakter des Kapitäns

war, was ihn zu einer Härte stimmte, die die Liebe eines Mädchens

wie Luise immer mehr anfachen mußte. Er soll ihr, was ich jetzt erst

erfuhr, auf seinem Sterbebette den Fluch gegeben haben, wenn sie je mit

dem Kapitäns sich verbinde.

West suchte die Geschichte mit der Frau des Engländers auf Verführung

zu schieben. Ich habe eine solche bei einem Mann, der das Bild der

Geliebten fest im Herzen trägt, nie für möglich gehalten. Doch die

Strafe ereilte ihn bald. Er gestand mir, daß er froh gewesen sei, als

er, vielleicht durch Vermittlung des Engländers, von seinem Posten

zurückberufen wurde. Donna Ines habe ihm allerlei sonderbare Vorschläge

zur Flucht gemacht, in die er nicht habe eingehen können; er sei, ohne

Abschied von ihr zu nehmen, abgereist. Was ihn eigentlich bestimmte,

nach Rom zu gehen, sah ich nicht recht ein, und er suchte auch über

diesen Punkt so schnell als möglich hinweg zu kommen. Er erzählte

ferner, wie er durch Luisens Ankunft erfreut worden sei, wie er sich

vorgenommen, nur ihr, ihr allein zu leben. Doch da sei plötzlich Donna

Ines in Rom erschienen, sie habe sich mit zwei Kindern geflüchtet, sei

ihm nachgereist und habe jetzt verlangt, er solle sie heiraten.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 4 · 第 15 / 24 段