Signora Campoco, die während der ganzen Szene am Fenster gesessen und

bald die Leute auf der Straße, bald ihre Hündchen, bald uns betrachtet

hatte, kam freundlich zu mir, dankte für meine Gefälligkeit, ihr Haus

besucht zu haben, und bemerkte, sie hätte nie geglaubt, daß unsere

barbarische Sprache so wohltönend gesprochen werden könne. Sie sehen,

ich hatte jetzt nichts mehr in diesem Hause zu tun; so gerne ich noch

ein Stündchen mit Fräulein von Palden geplaudert hätte, so neugierig

ich war, ihre Verhältnisse in Deutschland und ihre Lage in Rom zu

erfahren -- der Anstand forderte, daß ich Abschied nahm, mit dem

unglücklichen Gefühle Abschied nahm, diese Schwelle nie mehr betreten

zu können. Signora, sie hätte sich vielleicht gekreuzt, hätte sie

gewußt, daß ein Ketzer vor ihr stehe, Signora empfahl mich der Gnade

der heiligen Jungfrau, und Luise reichte mir traulich die Hand zum

Scheiden. Ich fragte sie noch, wie der Herr heiße, mit welchem ich das

Glück gehabt habe, verwechselt zu werden. Sie errötete und sagte: ›Er

will zwar hier nicht bekannt sein und so zurückgezogen als möglich

leben, doch warum sollte ich Ihnen seinen Namen verhehlen? Ich möchte

so gerne, daß Sie Freunde würden. Er heißt ... und wohnt -- -- -- --‹«

So, »etwas breit nach Art der lieben Jugend«, hatte mir der junge

Mann den weiteren Verlauf seines Abenteuers erzählt; ich hörte ihm

gerne zu, obgleich nichts peinlicher für mich ist, als eine lamentable

Liebesgeschichte recht lang und gehörig breit erzählen zu hören;

aber interessant war mir dabei die Art, wie er mir erzählte. Sein

ausdrucksvolles Auge schien die Glut seiner Gefühle widerzustrahlen,

seine Züge nahmen den Charakter düsterer Wehmut an, wenn er sich

unglücklich fühlte, und ein angenehmes Lächeln erheiterte sie, wenn er

mir die Reize der jungen Dame zu beschreiben suchte. Plötzlich, als er

mir eben erzählte, wie er das Haus der Signora verlassen habe, drückte

er meinen Arm fester und brach in einen kleinen Fluch aus. »So muß der

Teufel diesen Pfaffen doch überall haben!« rief er und wandte sich

unmutig um. Ich war erstaunt; welchen Pfaffen sollte ich denn überall

haben? Ich fragte ihn, was ihn so aufbringen könne.

»Sehen Sie nicht hin, sonst müssen wir grüßen,« gab er mir zur Antwort,

»ich kann ihn nicht ansehen, den Jesuiten.«

Ich stellte mich, als befolge ich treulich seinen Befehl, doch konnte

ich nicht umhin, einen Seitenblick in die Straße zu werfen, und sah

wirklich ein höchst ergötzliches Schauspiel. Die Straße herauf kam ein

hoher Prälat der Kirche, der Kardinal Rocco, ein Mann, der schon längst

als einer der zweiten Klasse mit dem Prädikat _gut_ auf meinen Tafeln

verzeichnet ist. Eine große, majestätische Gestalt voll stolzer Würde;

sein weißes Haar, von einem einfachen, roten Käppchen bedeckt, stach

sonderbar ab gegen ein Gesicht, das man eigentlich reich nennen könnte.

Gewölbte Brauen, große Augen, eine Adlernase, die Unterlippe etwas

übermütig gezogen, das Kinn und die Wangen voll und kräftig. Ueber

das rollende Untergewand trug er einen Talar, dessen eines Ende er in

malerischen Falten über den Arm gelegt hatte; das andere Ende hielt in

einiger Entfernung hinter ihm herschleichend sein Diener, ebenfalls ein

Mönch, ein dürres bleiches Geschöpf, dessen tückische Augen nach allen

Seiten spähten, ob Seine Eminenz von den Gläubigen ehrfurchtsvoll, wie

es sich gebührt, begrüßt werden.

Der Gang des Kardinals war der Gang eines Siegers, und eine solche

Erscheinung in diesen Straßen erinnerte nur zu leicht an die Senatoren

der »ewigen Stadt«.

»Sehen Sie, wie er hingeht, dieser Pharisäer,« flüsterte der junge

Mann, mit den Zähnen knirschend. »Sehen Sie, wie der Pöbel sich zum

Handkuß drängt, mit welcher Würde, mit welcher Grazie er seinen Segen

erteilt. Theaterpossen! wenn diese Leute wüßten, was ich von ihm weiß,

sie würden diesem Pharisäer, diesem Verfälscher des Gesetzes die

Insignien seiner Würde vom Leibe reißen, oder sie wären wert, von einem

Türken beherrscht zu werden.«

»Was bringt Sie so auf, verehrter Freund? Wer ist dieser Ehrenmann? Was

hat er Ihnen zuleid getan? Hängt er mit Ihren Abenteuern zusammen?«

Ich mußte lange fragen, bis er mich hörte, denn er schaute mit

durchbohrenden Blicken der Eminenz nach und murmelte Verwünschungen wie

ein Zauberer.

»Ob ich ihn kenne? ob er mir etwas zuleide getan? O! dieser Mensch hat

ein Leben vergiftet, ein Herz zu Boden getreten, das -- doch Sie werden

mehr von ihm hören; es ist der Kardinal Rocco, der Satan ist nicht

schwärzer als er; mit seinem roten Hut deckt er alle Sünden zu, aber

trotzdem, daß er geweiht ist, wird ihn dennoch der Teufel holen!«

Da hat es gute Wege, dachte ich; Nr. 2, gute Sorte! Doch was konnte

dieser Berliner gegen Rocco haben? Unmöglich konnte ich glauben, daß

sein Protestantismus so tief gehe, daß er jeden, der violette Strümpfe

trug, in die Hölle wünschen mußte. Er hatte sich wieder gesammelt.

»Vergeben Sie diese Hitze, Sie werden mir einst recht geben, so zu

urteilen, wenn ich Sie erst mit dem Treiben dieser Menschen bekannt

mache. Doch jetzt noch einiges zum Verständnis meines Abenteuers. Die

Geschichte mit -- war bald abgetan. Er schickte einen Franzosen zu mir,

der mir erklärte, daß jener sich in mir geirrt habe und um Verzeihung

bitte. Durch ihn erfuhr ich auch, daß Luisens Geliebter früher Offizier

und zwar in ...schen Diensten gewesen sei.

Um diese Zeit kam die Schwester des sächsischen Gesandten nach Rom,

sich einige Zeit mit ihrer Familie bei ihrem Bruder aufzuhalten. Ich

war am ersten Abend ihres Aufenthalts zufällig zugegen, und -- stellen

Sie sich einmal mein Erstaunen vor, als ich hörte, wie sie eine andere

Dame fragte, ob nicht ein Fräulein von Palden hier lebe? Ich wandte

mich unwillkürlich ab, um nicht dem ganzen Kreise mein Erröten, mein

Entzücken zu zeigen; es war mir etwas so Neues, so Schönes, Luisens

Namen aus einem fremden Munde zu hören. Jedoch keine der anwesenden

Damen wollte von ihr wissen, und ich fühlte mich nicht berufen,

unaufgefordert mein Geheimnis mitzuteilen.

Deutsche, besonders Frauen, pflegen immer großen Anteil an Landsleuten

zu nehmen; es konnte daher nicht anders sein, als daß man seine

Verwunderung laut darüber aussprach, daß ein deutsches Fräulein in Rom

lebe, die auch _keinem_ von allen bekannt sein sollte? Wer ist sie?

Ist sie schön? Wie kommt sie nach Rom? fragte man einstimmig, und wie

lauschte ich, wie pochte mein Herz, endlich über das interessante Wesen

etwas zu hören.

Sie erzählte, wie sie in ...th Luisen kennen gelernt, die damals durch

ihr schönes Aeußere, durch ihre Liebenswürdigkeit, ihren Verstand die

ganze Stadt beschäftigt, ihre näheren Bekannten bezaubert habe. Um so

auffallender sei auf einmal ein Liebeshandel gewesen, der sich zwischen

einem Offizier, einem bürgerlichen Subjekt, und der Tochter des

Geheimenrats Palden entspann. Dieser Mensch habe außer seiner schönen

Figur und einem blühenden Gesicht keine Vorzüge, nicht einmal gute

Sitten gehabt. Dem Vater sei diese Geschichte zu ernstlich geworden,

er habe den Offizier zu einem Regiment zu versetzen gewußt, das mit

einem Teil der französischen Armee nach Spanien bestimmt war. Man

habe sich in ...th allgemein gefreut über die Art, wie sich Fräulein

Palden in diese Wendung fügte; doch bald erfuhr man, daß die Verbindung

mit dem Offizier nichts weniger als abgebrochen sei, sondern durch

Armeekuriere und dergleichen Briefe gewechselt werden. Es vergingen

so beinahe zwei Jahre. Die Armee kehrte zurück, doch nicht mit ihr

jener Offizier. Man sagte in Gesellschaften und in Luisens Nähe, er

sei wegen einer Ehrensache aus dem Dienst getreten. Seine Kameraden

schwiegen hartnäckig hierüber, doch gab es einige Stimmen im Publikum,

die von einer vorteilhaften Heirat, andere, die von einer Entführung

oder von beiden sprachen, kurz, man bemerkte, daß Herr ..., so hieß

der Offizier, seiner Dame untreu geworden sei. Um diese Zeit starb der

alte Herr von Palden. Seine erste Frau war eine Römerin, das Fräulein

entschloß sich auf einmal zu großer Verwunderung der Stadt ...th, zu

ihren Verwandten nach Rom zu ziehen.

So viel wußte die Schwester des Gesandten von Luisen. Es war mir genug,

um ihr Verhältnis zu ... ganz in der Ordnung zu finden; nur war es mir

unbegreiflich, was ihn bewogen haben könnte, nach Rom zu gehen; oder

kam er erst nach ihr hierher? Und warum heiraten sie sich nicht, da

doch ihre Hand jetzt frei und von niemand abhängig ist?

Ich quälte mich mit diesen Gedanken. Ich hätte so gerne mehr und immer

mehr von dem holden Kind erfahren; ich fühlte lebhaft den Wunsch, sie

wieder zu sehen, zu sprechen; ich wollte ja nicht geliebt werden,

nur sehen, nur lieben wollte ich sie. Da fiel mir bei, wie ich dies

so leicht möglich machen könnte. Ich durfte ja nur der Schwester des

Gesandten sagen, wo sich Luise aufhalte, und dann konnte ich gewiß

sein, sie schon in den nächsten Tagen im Hotel des Gesandten zu sehen.

Ich tat dies, und mein Wunsch wurde erfüllt.«

Ein Bekannter des Herrn von S. gesellte sich hier zu uns und unterbrach

zu meinem großen Aerger die Erzählung. Ich machte noch einige Gänge mit

ihnen unter den Arkaden; als ich aber sah, daß der Bekannte sich nicht

entfernen wollte, fragte ich den Berliner nach seiner Wohnung und ging

mit dem Vorsatz, ihn am nächsten Morgen zu besuchen. Ich muß gestehen,

ich fing an, die Geschichte des jungen Mannes weniger anziehend zu

finden, weil sie mir in eine gewöhnliche Liebesgeschichte auszuarten

schien. Doch zwei Umstände waren es, die mir von neuem wieder Interesse

einflößten und mich bestimmten, seine Abenteuer zu hören. Ich erinnerte

mich nämlich, wie überraschend sein Anblick, sein ganzes Wesen in

Berlin auf mich gewirkt hatten. Es war nicht der gewöhnliche Kummer der

Liebe, wie er sich bei jedem Amoroso vom Mühlendamm ausspricht; es war

ein Gram, ein tieferes Leiden, das mir um so anziehender dünkte, als

es nur ganz unmerklich und leise durch jene Hülle schimmerte, womit

die gesellschaftlichen Formen die weinende Seele umgeben. Er schien

ein Unglück zu kennen, zu teilen, das ihn unausgesetzt beschäftigte,

zu welchem ihn die Erinnerung sogar mitten in einem ästhetischen Tee

zurückführte.

Das zweite, was mich zu dem jungen Mann und seinem Abenteuer zog, war

die Szene, die ich morgens vor der Peterskirche beobachtet hatte. Ich

hatte dort bemerkt, daß er sie mit Sehnsucht erwarte; sie war gekommen,

aber es schien kein fröhliches Zusammentreffen. Sie schien ihn etwas

mit ihren Blicken zu fragen, das er nicht beantworten, sie schien etwas

zu verlangen, das er nicht erfüllen konnte; wie schwer mußte es ihm

werden, in der Ferne zu stehen und dem holden Mädchen durch keine Silbe

zu antworten! Er ließ sie gehen, wie sie gekommen, aber dann sandte er

ihr Blicke voll zärtlicher Liebe nach. Warum sagte er ihr nicht auf der

Stelle, wie er sie liebe? Welche Gewalt mußte sie über ihn ausüben,

um ihn in diese engen Schranken einer beinahe blöden Bescheidenheit

zurückzuweisen? Wie viel es _sie_ koste, sah ich an ihrem Auge, in

welchem eine Träne perlte, als sie weiterging.

Diese Fragen drängten sich mir auf, als ich über den jungen Mann und

die rätselhafte Dame nachdachte. Wo nicht ein blindes Fatum waltet

und ein Uhrwerk die Gedanken der Sterblichen treibt, da lernt keiner

aus, sei er Gott oder Teufel. Wohl sagt der Mensch, der kleinlich nur

auf die Resultate seiner Geschichte sieht: »Es wiederholt sich alles

im Leben;« aber _wie_ es sich wiederhole, wie der endliche Geist in

seiner kurzen Spanne Zeit wächst und ringt und strebt und gegen die

alte Notwendigkeit ankämpft, das ist ein Schauspiel, das sich täglich

mit ewig neuem Reize wiederholt; und das Auge, das von Weltintrigen

gesättigt, vom Anschauen der Kämpfe großer Massen ermüdet ist,

senkt sich gerne abwärts zum kleineren Treiben des einzelnen. Drum

möge es keinem jener verehrlichen Leute, für die ich meine Memoiren

niederschreibe, kleinlich dünken, daß ich in Rom, wo so unendlich

viel Stoff zur Intrige, ein so großer Raum zu einem diabolischen

Festtagsspiel ist, mit einer Liebeshistorie mich befasse. --

Am Abend dieses Tages fuhr ich mit einigen griechischen Kaufleuten auf

der Tiber. Wir hatten eine der größeren Barken bestiegen und die freien

Sitze des Vorderteils eingenommen, weil das Zelt in der Mitte, wie uns

die Schiffer sagten, schon besetzt war. Der Abend war schwül und wirkte

selbst mitten im Fluß so drückend und ermattend auf diese Menschen,

daß unser Gespräch nach und nach verstummte. Ich vernahm jetzt ein

halblautes Reden und Streiten im Innern des Zeltes, ich setzte mich

ganz nahe hin und lauschte. Es waren zwei Männer und eine Frau, soviel

ich aus ihren Stimmen schließen konnte. Sie sprachen aber etwas

verwirrt und gebrochen; der eine hatte gutes, wohltönendes Italienisch,

er sprach langsam und mit vieler Salbung. Die Dame mischte unter sechs

italienische Worte immer zwei spanische und ein französisches; der

andere Mann, der wenig, aber schnell und mit Leidenschaft sprach, hatte

jene murmelnde, undeutliche Aussprache, an welcher man in Italien

sogleich den Deutschen oder Engländer erkennt.

Ein kleiner Riß in der Gardine des Zeltes ließ mich die kleine

Gesellschaft überschauen; und, o Wunder! jene salbungsvolle Rede

entströmte dem Kardinal Rocco! Ihm gegenüber saß eine Dame, schon

über die erste Blüte hinaus, aber noch immer schön zu nennen. Ihre

beweglichen, schwarzen Augen, ihre vollen roten Lippen, ihr etwas

nachlässiges Kostüm, dessen Schuld der schwüle Abend tragen mußte,

zeigten, daß sie mit den ersten Dreißig die Lust zum Leben noch nicht

verloren habe. An ihrer Seite glaubte ich auf den ersten, flüchtigen

Anblick Otto von S. zu erkennen. Doch die Züge des Mannes im Zelte

waren düsterer, sein Auge blickte nicht so offen und frei wie das

des Berliners -- ich war keinen Augenblick im Zweifel, es mußte sein

verkörperter Doppelgänger sein. Aber wie, die Dame war nicht Luise von

Palden; durfte dieser Mann so traulich neben einer andern sitzen, ohne

dieselbe Schuld wirklich zu tragen, die er der Geliebten aufbürden

wollte?

»Gilt dir denn meine Liebe, meine Zärtlichkeit gar nichts?« hörte ich

die Dame sagen; »nichts meine Aufopferung, nichts meine Leiden, nichts

meine Schande, der ich mich um deinetwillen aussetzte? Ein Wort, ein

einziges Wort kann uns glücklich machen. Du sagst immer morgen, morgen!

Es ist jetzt Abend, warum willst du morgen doch wieder nicht?«

»Mein Sohn!« sprach der Kardinal; »ich will nichts davon sagen, daß

Euer langes Zögern, Eure fortwährende Weigerung für unsere heilige

Kirche Beleidigung ist. Ich weiß zwar wohl, nicht Ihr seid es, der

diese Zögerungen verschuldet; der Teufel, der leibhaftige Satan spricht

aus Euch: es ist das letzte Zucken Eurer ketzerischen Irrtümer, was

Euch die Wahrheit nicht sehen läßt; aber beim heiligen Kreuz, den

Nägeln und der heiligen Erde beschwöre ich Euch, folget mir; lasset

Euch aufnehmen in den heiligen Schoß der Kirche, zur Verherrlichung

Gottes.«

Ha! dachte ich, den haben sie gerade recht in den Krallen. Ein schönes

Weib, ein Kardinal Rocco und ein paar Gewissensbisse, wie der Herr im

Zelte zu haben schien. -- Da kann es nicht fehlen! -- Er seufzte, er

blickte bald die Dame, bald den Priester mit unmutigen Blicken an. »Ich

will ja alles tun, ins Teufels Namen, alles tun,« -- sagte er, »mein

Leben ist ohnedies schon verschuldet und vergiftet, aber wozu diese

sonderbare Prozedur? Warum soll ich vor der Welt zum Narren werden, um

die Ehre von Donna Ines wiederherzustellen?«

»Mein Sohn, mein Sohn! Wie frevelt Ihr! Zum Narren werden, sagt Ihr?

O! Ihr verstockter Ketzer, ihr alle seid von eurer Taufe an, wo der

Satan zu Gevatter steht, Renegaten, Abtrünnige! Es ist also nur eine

Rückkehr, kein Uebertritt, keine Ableugnung eines früheren Glaubens.

Ihr hattet ja vorher keinen Glauben. Ihr werdet doch nicht die Ketzerei

so nennen wollen, die der Erzketzer in Wittenberg aus den Fetzen, die

er dem Heiligtum gestohlen, zusammenstückelte?«

»Lasset mich, Eminenz! Es ist einmal gegen meine Ueberzeugung. Ich

müßte mich ja vor ganz Deutschland schämen.«

»O verstockter Ketzer! Schämen, sagt Ihr? Hat sich der liebe Mann, der

Herr von Haller, auch geschämt? Schämen? wie ein Heiliger würdet Ihr

dastehen; braucht sich ein Heiliger zu schämen? Hat sich der treffliche

Hohenlohe geschämt, umgeben von Ketzern, seine Wunder zu verrichten?

Es sei gegen Eure Ueberzeugung, saget Ihr? Da sieht man wieder den

Deutschen, nicht wahr, Donna Ines, den ehrlichen Deutschen? Zu was denn

immer Ueberzeugung? Das ist ja gerade das Wunderbare am Glauben, daß

er von selbst wirkt, ohne Ueberzeugung. Gesetzt, Ihr wäret krank, mein

lieber Freund; man schickt Euch den ersten Arzt der Christenheit; Ihr

seid nicht überzeugt, daß er der alleinige, wahre Arzt ist, aber Ihr

laßt Euch gefallen, seine Arzneien einzunehmen, und siehe, sie wirken

auf Euren Körper ohne Ueberzeugung, gerade wie unser Glaube auf die

Seele.«

»Otto!« sprach Dame Ines mit schmelzenden Tönen, »teurer Otto! Siehe,

wenn mich der heilige Mann hier nicht absolviert und beruhigt hätte,

ich müßte ja schon längst verzweifelt sein, einen Ketzer so innig zu

lieben! Wie leicht wird es dir gemacht, einer der Unsrigen zu sein und

dann ein Weib auf ewig glücklich zu machen, das dir alles opferte! Und

bedenke die schöne Villa an der Tiber, und das köstliche Haus neben

dem Palast Seiner Eminenz. Dies alles will uns der heilige Vater zur

Ausstattung schenken. Bist du nicht gerührt von so vieler Liebe?«

»Nicht verhehlen kann ich es Euch, mein Sohn,« fuhr der beredte Mann

mit dem roten Hute fort, »nicht verhehlen kann ich es Euch, daß man

im Lateran noch heute von Euch sprach, daß es sogar Seiner Heiligkeit

selbst auffällt, daß Ihr so lange zögert. Bis über acht Tage naht ein

großes Fest heran, welche herrliche Gelegenheit, etwas zu Gottes Ehre

zu tun, bietet sich Euch dar!«

»Wozu doch diese Oeffentlichkeit?« fragte ..., »ich hasse dieses Rühmen

und Ausschreien in alle Welt. Lasset mich still in einer Kapelle die

Zeremonie verrichten. Was nützt es Euch, ob ich laut und offen das

Opfer bringe! O Luise, Luise! Es tötet sie, wenn sie es hört!«

»Elender!« rief die Dame, indem sie in Tränen ausbrach. »Sind das deine

Schwüre? Du falsches Herz. Ich habe dir alles, alles geopfert, und so

kannst du vergelten? O Barbar! gehe hin zu ihr, lege dich nieder in

ihre Fesseln, aber wisse, daß ich mich in die Tiber stürze; über meine

armen Würmer, meine unglücklichen Kinder, mag sich Gott erbarmen!«

»Kinder, Kinder! Meine fromme Tochter, mein lieber, aber verblendeter

Sohn. Wozu dieser Skandal, diese Szene auf dem Schiffe? Stillet Eure

Tränen, schöne Frau, es wird noch alles gut werden; kommet, ich will

einen väterlichen Kuß auf Eure Augen drücken, so. Und Ihr, wisset Ihr

nicht, daß Ihr Euch versündiget gegen Donna Ines! Was wollet Ihr nur

immer wieder mit der Ketzerin, die einst Eure Sinnen zu bestricken

wußte? Haben wir Euch nicht Beweise genug gegeben, daß sie in einem

strafwürdigen Verhältnis zu dem Teufel ist, der Eure Gestalt und

Sprache angenommen hat?«

»Welch einfältiges Märchen!« rief der junge Mann. »Was wollet Ihr

auch den Teufel ins Spiel ziehen? Ein ehrlicher Berliner ist er, ein

Tropf, dem ich das Mädchen nicht gönnen mag, wenn sie mich auch zehnmal

betrog!«

»Mein Sohn, die heilige Jungfrau schütze uns, aber der Satan selbst ist

es. Hat es nicht letzthin meinem dienenden Frater Piccolo geträumt,

der Teufel gehe hier in der heiligen Stadt spazieren? Alle seine

Träume sind noch eingetroffen. Der deutsche Baron ist der höllische

Geist selbst. Wer es aber auch sei; sie hat Euch betrogen. Hat nicht

die fromme Frau Maria Campoco Euch selbst dieses Geständnis über ihre

Nichte gemacht? Was wollet Ihr nur auf die treulose Ketzerin Rücksicht

nehmen! -- Und schaut, was ich Euch hier mitgebracht habe,« fuhr

Seine Eminenz fort, indem sie ein großes Papier entfaltete. »Sehet,

wie ich Wort halte: Ich habe Euch versprochen, die Liste aller derer

mitzubringen, welche in Eurem Deutschland öffentliche Ketzer, insgeheim

aber gute Christen der wahren Kirche sind. Da, leset!«

Der junge Mann las und staunte. Er sah den Kardinal fragend an, ob er

denn wirklich dieser Schrift trauen dürfe. Donna Ines, welche bemerkte,

welch günstigen Eindruck diese Liste mache, zog die Hand des heiligen

Mannes an den Mund und bedeckte sie mit feurigen Küssen der Andacht.

»Nicht wahr,« fuhr Rocco fort, »da stehen wohlklingende Namen?

Professoren, Grafen, Fürsten sogar. Freilich diese Leute können nicht

so öffentlich sich erklären, Freundchen. Die Politik, die Rücksicht auf

ihre ketzerischen Untertanen erlaubt das nicht. Aber im Herzen, _im

Herzen_ sind sie unser. Da, dieser Nr. 8, ich kann eure barbarischen

Namen nicht aussprechen, der wird sich sogar öffentlich erklären und

seine Irrtümer abschwören. Der da oben wird auch einen wichtigen

Schritt vorwärts tun. O! und bedenket, was erst in Frankreich, selbst

in England für uns getan wird, bald, vielleicht erlebe ich es noch,

bald werdet ihr alle samt und sonders zu uns zurückgekehrt sein. Wie

herrlich muß dann ein Name wie der Eurige leuchten, der nicht mit der

Menge, sondern lang zuvor auf unsere heiligen Tafeln verzeichnet wurde!«

»Aber, o Himmel, Kardinal! Ich bin ja schlechter als die ganze Liste

dieser Heimlichen. Ihr selbst wisset, daß, wenn ich zu Eurer Kirche

abfalle, es nur geschieht, um den ewigen Klagen der Donna Ines zu

entgehen. Diese Heimlichen haben keinen Vorteil bei ihrer Heimlichkeit.

Sie gelten von außen als echte Lutheraner, und was haben sie davon, daß

sie von innen römisch sind?«

»O Einfalt! es ist gut, daß Ihr nicht die ketzerische Theologie

studiert habt. Ihr wäret durch das Examen gefallen! Was ist

denn das Schöne an unserer Kirche? He? Nicht nur, daß sie die

alleinseligmachende, daß sie gleichsam eine Brandversicherungsanstalt

gegen die Hölle, eine Seelenassekuranz gegen den Tod ist! denn schon

aus physischen Gründen kann man annehmen, daß keine Seele von den

Unsrigen lange im Fegfeuer oder gar in der Hölle verweilt, wenn sie

auch ohne Beichte abfährt. Antonio Montani hat berechnet, daß im

Durchschnitt hundertundzwanzig Millionen Menschen in der Hölle und

ebensoviel im Fegfeuer sind. Nun kann man annehmen, daß seit eurer

verfluchten Reformation neunzig Millionen Ketzer, zwanzig Millionen

Türken und zehn Millionen Juden hinabgefahren sind. Das macht zusammen

hundertundzwanzig.«

»O wie gut haben wir es, hochwürdiger Herr!« sagte Ines mit

zauberischem Lächeln. »Ach, Otto! Dich soll ich an jenem Ort wissen,

in der Gesellschaft des Teufels und seiner Großmutter? O Gott! es ist

nicht möglich!«

»Sodann weiter,« fuhr der Salbungsvolle fort, »euer Erzketzer in

Berlin, der Schleiermacher, nimmt selbst an, daß alle Menschen

prädestiniert sind, und zwar so beiläufig die Hälfte zum Bösen. Diese

müssen nun eine Art von Seelenwanderung in verschiedenen Stationen des

Elends machen, bis sie selig werden, und fangen mit der Hölle an. Der

Mann hat vernünftige Gedanken und wäre wert, einst nur ins Fegfeuer

zu kommen. Aber das weiß er doch nicht recht. Wenn einer auch zehnmal

prädestiniert, zur Hölle plombiert, zum Teufel rekommandiert ist, wir

können ihn doch absolvieren und ~recta~ in den Himmel schicken. Nun,

und wenn man annimmt, daß das Fegfeuer hundertundzwanzig Millionen

faßt, und darunter hundert Millionen Türken und zwanzig Millionen

Ketzer, so ist, weiß Gott, auch dort wenig Raum für eine etwas

liederliche Seele.«

»Ihr wisset, Eminenz, was ich von solchen Berechnungen halte, machet

mir doch Eure Sache nicht noch lächerlicher. Eure Seelenassekuranz kann

mich nicht locken. Doch ist sie gut fürs Volk, und ich begreife nicht,

warum Ihr nicht schon lange ganze Regimenter, Divisionen, ja Armeen

Kavallerie, Infanterie, Artillerie samt dem Generalstab öffentlich

verassekuriert habt. Das wäre eine Anstalt ~à la~ Mohammed, die Kerls

würden sich schlagen wie der Teufel, denn sie wüßten, wenn sie heute

erschossen werden, wachen sie morgen im Paradiese auf. Lasset mich

lieber noch einen Blick in die Liste werfen, sie ist mir tröstlicher,

denn es stehen ganz vernünftige Männer dort.«

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 4 · 第 14 / 24 段