spazieren, dachte nach über mein System und die Veränderungen, die ihm
durch die Missionare in Frankreich und das Ueberhandnehmen der Jesuiten
drohten, da stieß mir ein Gesicht auf, das schon in irgend einer
interessanten Beziehung zu mir gestanden sein mußte. Ich stand stille,
ich betrachtete ihn von der Seite. Es war ein schlanker, schöner junger
Mann; seine Züge trugen die Spuren von stillem Gram; dem Auge, der Form
des Gesichtes nach war er kein Italiener -- ein Deutscher, und jetzt
fiel mir mit einemmale bei, daß ich ihn vor wenigen Monaten in Berlin
im Salon jener Dame gesehen hatte, die mir und dem ewigen Juden einen
ästhetischen Tee zu trinken gegeben hatte. Es war jener junge Mann,
dessen anziehende Unterhaltung, dessen angenehme Persönlichkeit mir
damals ein so großes Interesse eingeflößt hatten. Er war es, der uns
damals eine Aventüre aus seinem Leben erzählt hatte, die ich für würdig
fand, bei der Beschreibung jenes Abends mit aufzuzeichnen.
Ob ihn wohl die Liebe zu jener jungen Dame noch einmal in die heilige
Stadt gezogen hatte? Ob ihm, wie mir, der düstere Himmel seines Landes
und die süße Langeweile der ästhetischen Tees im Hause seiner Tante so
drückend wurde, daß er sich unter eine südlichere Zone flüchtete? Ich
beschloß, seine Bekanntschaft zu erneuern, um über jenes interessante
Begegnis, dessen Erzählung der Jude unterbrochen, um über ihn selbst,
über seine Schicksale etwas Näheres zu vernehmen. Er stand an einer
Säule des Portals, den Blick fest auf die Türe gerichtet; fromme
Seelen, schöne Frauen, junge Mädchen strömten aus und ein. Ich sah,
er blieb gleichgültig; wenigstens schien ihn keine dieser Gestalten
zu interessieren. Endlich erscheint ein kleiner Florentiner Strohhut
in der Türe; war es die Form dieses Hutes, waren es die weißen,
wallenden Federn, war es die einfache Rose, aus welcher dieser Busch
hervorwallte, was dem jungen Manne so reizend, so bekannt dünkte? Noch
konnte man weder Gestalt noch Gesicht der Dame sehen, aber seine Augen
glänzten, ein Lächeln der erfüllten Hoffnung flog um seinen Mund, seine
Wangen röteten sich, er richtete sich höher auf und schaute unverwandt
den Säulengang hin. Noch verdeckten zwei Pfaffen mit ihren Kapuzen die
Nahende, jetzt bogen sie rechts ein, und ich sah ein holdes, süßes
Wesen heranschweben.
Wer, wie ich, erhaben über jede Leidenschaft, die den Sterblichen
auf der Erde quält, die Dinge betrachtet, wie sie sind, nicht wie
sie euch Liebe oder Haß oder eure tausend Vorurteile schildern, dem
ist eine solche seltene Erscheinung ein Fest, denn es ist etwas
Neues, Originelles. Ich gedachte unwillkürlich jener Worte des jungen
Mannes, wie er uns den Eindruck beschrieb, den der Anblick jener Dame
zum erstenmal auf ihn machte, mit welchem Entzücken er uns ihr Auge
beschrieb; -- ich war keinen Augenblick im Zweifel, daß diese liebliche
Erscheinung, die auf uns zukam, und jene rätselhafte Dame eine und
dieselbe sei.
Ein glühendes Rot hatte die Züge des Jünglings übergossen. Er hatte
den Hut gezogen; es war, als schwebte ihm ein Morgengruß oder eine
freundliche Rede auf den Lippen, und überrascht von der stillen Größe
des Mädchens sei er verstummt. Auch _sie_ errötete, sie schlug die
Augen auf, als er sich verbeugte, sie warf einen fragenden Blick auf
ihn, hielt einen kurzen Moment ihre Schritte an, als erwarte sie, von
ihm angeredet zu werden; er schwieg, sie eilte bewegt weiter.
Der junge Mann sah ihr mit trüben Blicken nach, dann folgte er
langsamen Schrittes; oft blieb er, wie in Gedanken verloren, stehen.
Ich ging ihm einige Straßen nach, er trat endlich in ein Kaffeehaus,
wo sich die deutschen Künstler zu versammeln pflegen. Hatte schon
früher dieser Mensch und seine Erzählung meine Teilnahme erregt, so
war ich jetzt, da ich Zeuge eines flüchtigen, aber so bedeutungsvollen
Zusammentreffens gewesen war, um so neugieriger, zu erfahren, in
welchem Verhältnis der Berliner zu dieser Dame stehe; daß es kein
glückliches Verhältnis, kein gewöhnliches Liebesverständnis war,
glaubte ich in ihren Mienen, in ihrem sonderbaren Benehmen gelesen zu
haben.
Man wird sich erinnern, daß ich als hoffnungsvoller Zögling des ewigen
Juden, als Herr von Stobelberg die Bekanntschaft dieses Mannes machte.
Daher trat ich in dieser Rolle in das Kaffeehaus. Der junge Herr saß
an einem Fenster und las in einem Brief. Ich wartete eine Weile, ob er
wohl bald ausgelesen haben werde, um ihn dann anzureden, aber er las
immer. Ich trat von der Seite hinter ihn, um nach dem Schluß dieses
riesengroßen Briefes zu blicken -- es waren wenige Zeilen von einer
Frauenhand, die er, wie es schien, gedankenlos anstarrte.
»Habe ich die Ehre, Herrn von S. vor mir zu sehen?« fragte ich in
deutscher Sprache, indem ich vor ihn trat.
»Der bin ich;« antwortete er, indem er den düsteren Blick von dem
Brief auf mich schlug und mein Kompliment durch ein leichtes Neigen des
Hauptes erwiderte.
»Sie scheinen mich nicht mehr zu kennen; und doch war ich so glücklich,
einmal einen Abend in dem Hause Ihrer Tante in Berlin zu genießen,
den vorzüglich Ihre Unterhaltung, Ihre interessanten Mitteilungen mir
unvergeßlich machen.«
»Im Hause meiner Tante?« fragte er, aufmerksamer werdend. »Wie, war es
nicht ein höchst ennuyanter Tee? Waren nicht einige männliche Weiber
und einige zartweibliche Herren zugegen? Ich erinnere mich, ich mußte
etwas erzählen. Doch Ihr Name, mein Lieber, ist mir leider entfallen.«
»Baron von Stobelberg; ich reiste damals mit --«
»Ah -- mit einem ganz sonderbaren Kauz von Hofmeister; jetzt erinnere
ich mich ganz; er war so unglücklich, allen Damen, ohne es zu wollen,
Sottisen zu sagen, und überschnappte endlich, nämlich mit dem Stuhl?«
»So ist's; wollten Sie erlauben, meinen Kaffee hier zu trinken? Ich bin
noch so fremd hier, ich kenne keine Seele. Sie sind wohl schon lange
hier bekannt?«
Ein melancholisches Lächeln zog um seinen Mund. »O ja, bin schon lange
hier bekannt,« antwortete er düster. »Ich war früher in Geschäften
hier, jetzt zu -- meiner Erholung.«
»Sie erinnern mich da auf einmal wieder an den Abend bei Ihrer Tante,
mein Hofmeister brachte mich damals um einen köstlichen Genuß. Sie
erzählten uns ein kleines Abenteuer, das Sie mit einer Deutschen in
Rom gehabt. Ihre Erzählung war auf dem Punkte, eine Wendung zu nehmen,
die uns über vieles, namentlich über Ihre sonderbare Verwechslung
mit einem Ebenbilde aufgeklärt hätte, da zerstörte mein Mentor durch
seinen Fall meine schöne Hoffnung; ich war genötigt, mit ihm den Salon
zu verlassen, und plage mich seitdem mit allerlei Möglichkeiten,
Wahrscheinlichkeiten, wie es Ihnen möchte ergangen sein, ob Sie sich
mit Ihrem Ebenbilde geschlagen haben, ob Sie auch ferner der schönen
Luise sich nahen konnten, ob nicht endlich ein Liebesverhältnis
zwischen Ihnen entstanden. Kurz, ich kann Sie versichern, es peinigte
mich tagelang, die tollsten Konjekturen erfand ich, aber nie wollten
sie passen.«
Der junge Mann war während meiner Reden nachdenklich geworden; es
schien etwas darin zu liegen, das ihm nicht ganz recht war; vielleicht
ahnte er meine unbezwingliche Neugierde nach seinem Abenteuer, er
blickte mich scharf an, aber er wich in seiner Antwort aus.
»Ich erinnere mich,« sagte er, »daß wir damals alle bedauerten, Ihre
Gesellschaft entbehren zu müssen. Sie waren uns allen wert geworden,
und die Damen behaupteten, Sie haben etwas Eigenes, Anziehendes, das
man nicht recht bezeichnen könne, Sie haben einen höchst pikanten
Charakter. Nun, Sie werden in der Zeit diese Damen entschädigt haben;
wann waren Sie das letzte Mal bei meiner Tante?«
Ich sah ihn staunend an. »Ich hatte nie die Ehre, bei Ihrer Tante
gesehen zu werden als an jenem Abend.«
Er entgegnete hierauf nichts, sprach vom Papst und dergleichen, kam
aber immer wieder darauf zurück, mich durch eine Zwischenfrage nach
Berlin ins Haus seiner Tante zu verlocken. »Was wollen Sie nur immer
wieder mit Berlin?« fragte ich endlich. »Ich war seit jenem Abend nicht
mehr dort und reiste in dieser Zeit in Frankreich und England. Sehen
Sie einmal in meinem Paß, welch ungeheure Tour ich in dieser Zeit
gemacht habe!«
Er warf einen flüchtigen Blick hinein und errötete. »Verzeihen Sie,
Baron!« rief er, indem er meine Hand ungestüm drückte. »Verzeihen Sie,
ich hielt Sie für einen Spion meiner Tante.«
»Ihrer Tante? Für einen Spion, den man Ihnen bis Rom nachschickt?«
»Ach, die Menschen sind zu keiner Torheit zu gut. Ich halte mich etwa
seit zwei Monaten hier auf. Meine Verwandten toben, weil ich meinen
Posten im Bureau des Ministers plötzlich und ohne Urlaub verlassen
habe; sie bestürmten mich mit Briefen, ich kam nicht; sie wandten sich
an die preußische Gesandtschaft hier; sie fand aber nichts Verdächtiges
an mir und ließ mich ungestört meinen Weg gehen. Vor einigen Tagen
schrieb mir ein Freund, ich solle auf meiner Hut sein, man werde einen
Spion in meine Nähe senden, um alle meine Schritte zu bewachen.«
»Ist's möglich? Und warum denn dies alles?«
»Ach, es ist eine dumme Geschichte, eine Anordnung meines verstorbenen
Vaters legt mir Pflichten auf, die -- ein andermal davon -- die ich
nicht erfüllen kann. Und Sie, lieber Stobelberg, hielt ich für den
Spion. Sie vergeben mir doch?«
»Unter zwei Bedingungen,« erwiderte ich ihm, »einmal, daß Sie mir
erlauben, Sie recht oft zu begleiten, um der Spion Ihres Spions zu
sein. Halten Sie mich nicht für indiskret, es ist wahre Teilnahme für
Sie und der Wunsch, Ihnen nützlich zu werden. Sodann -- teilen Sie
mir, wenn es Ihnen anders möglich ist, den Schluß Ihres Abenteuers mit.«
»Den Schluß?« rief er und lachte bitter. »Den Schluß? Ich wünschte,
es schlösse sich, könnte es auch nur mit meinem Leben schließen. Doch
kommen Sie, wir wollen unter jene Arkaden gehen. Die Künstler kommen um
diese Zeit hierher, wir könnten nicht ungestört reden; wer weiß, ob man
nicht einen von ihnen zu meinem Wächter ersehen hat.«
* * * * *
Ich folgte Otto von S. -- so hieß der junge Mann -- unter die Arkaden.
Er legte seinen Arm in den meinigen, wir gingen eine Weile schweigend
auf und ab; er schien mehr nachdenklich als zerstreut.
»Es ist etwas, was mir Vertrauen zu Ihnen einflößt;« hub er lächelnd
an. »Ich habe über den Ausspruch jener Damen in Berlin nachgedacht und
finde ihn, so komisch er mir damals vorkam, dennoch bestätigt. Es ist
mir, in den paar Viertelstunden, die wir beisammen sind, als seien Sie
ein Wesen, das ich längst kannte, als seien Sie schon jahrelang mein
Freund. Und doch haben Sie nicht jenes Gutmütige, Ehrliche, was an den
Deutschen sogleich auffällt, was bewirkt, daß man ihnen gerne vertraut;
Sie haben für Ihre Jahre viel Beobachtungsgeist in Ihrem Auge, und um
Ihren Mund in gewissen Augenblicken einen Zug, der nicht immer das
bestätigt, was Sie sagen wollten. Und dennoch fühle ich, daß mir der
Zufall viel geschenkt hat, der mich in jenes Haus führte, ich fühle
auch, daß man Ihnen trauen kann, mein Lieber.«
»Ich halte nichts auf Gesichter und habe durch Erfahrung gelernt, daß
sie nicht immer der Spiegel der Seele sind. Es freut mich übrigens,
wenn etwas an mir ist, das Ihnen Vertrauen einflößt. Es ist vielleicht
der rege Wunsch, Ihnen dienen zu können, was Ihnen einiges Vertrauen
gibt?«
»Möglich; doch bin ich Ihnen einige Aufschlüsse über mich und mein
Abenteuer hier in Rom schuldig. Ich erzählte Ihnen, wie ich mit Luise
von Palden bekannt wurde --«
»Erlauben Sie, nein! Diesen Namen höre ich zum erstenmal. Sie erzählten
uns, daß Sie eine junge Dame in den Lamentationen der sixtinischen
Kapelle kennen lernten, die Ihre ganze Aufmerksamkeit erregte. Sie
wurden von ihr mit einem andern verwechselt, sie gefielen sich in
diesem Quiproquo und versetzten sich unwillkürlich so in die Stelle des
Liebhabers, daß Sie das Mädchen sogar liebten. --«
»Und _wie_ liebe ich sie!« rief er bewegt.
»Sie suchten die Dame lange vergeblich in Rom, der Zufall führte
endlich das schöne Kind im Karneval als Maske an Ihre Seite. Es ist
schon dunkel, sie glaubt in Ihnen den Freund zu finden; Sie, lieber
Freund, benützen die Gelegenheit noch einmal, diesen Scherz, der Ihnen
so angenehm ist, fortzuführen. Sie bringen die Dame auf eine Loge,
um das Pferderennen anzusehen. Da erscheint auf einmal der rechte
Liebhaber, und Sie -- erblicken sich. Bis hierher hörte ich damals.
Sie können sich denken, wie begierig ich bin, zu hören, wie es Ihnen
erging.«
»Ich gestehe,« fuhr Herr von S. fort, »mir selbst fiel die Aehnlichkeit
dieses Mannes mit meinen Zügen, meiner Gestalt, selbst meiner Kleidung
überraschend auf. Das letztere hatte wohl die Mode verschuldet, die
damals alle junge Welt zwang, sich schwarz zu kleiden. Doch auch für
die große Aehnlichkeit unserer Züge, so auffallend sie ist, hat man
Beispiele. Sie erinnern sich vielleicht des Falles, der in Frankreich
vorkam. Zwei Franzosen trafen in Amerika zusammen. Ihre Aehnlichkeit
war so groß, daß man sie gewöhnlich miteinander verwechselte, der
eine starb, der andere, ein armer Teufel, wußte sich seine Papiere zu
verschaffen, reiste nach Frankreich zurück und lebte mit der Frau des
Verstorbenen noch lange Jahre, bis der Betrug an den Tag kam.[9]
[9] Die Möglichkeit einer solchen Verwechselung beweist ein
Fall, der sich vor einigen Monaten in Ravensburg im
Württembergischen zutrug. Zwei Zwillingsbrüder sahen
sich täuschend ähnlich. Der eine tötete einen Mann und
floh. Er wußte, daß sein Bruder, der in Bregenz in einem
österreichischen Regiment diente, desertiert war. Der
Mörder wandte sich dorthin, zeigte sich in der Gegend, ließ
sich als Deserteur gefangen nehmen und viermal Spießruten
jagen. Er diente einige Zeit in der Stelle seines Bruders,
bis der Betrug durch einen Zufall entdeckt wurde.
Der Herr und die Dame schienen nicht weniger überrascht als ich;
die letztere errötete, sie gedachte vielleicht jenes Kusses, und es
wurde ihr wohl mit einemmal klar, daß es schon an jenem Abend nicht
ihr Otto gewesen sei, gegen den sie sich so zärtlich bewiesen. Der
Herr mit meinen Gesichtszügen fragte mich in etwas barschem Ton in
schlechtem Französisch, wie ich dazu komme, diese Komödie zu spielen.
Ich nahm, nicht aus Furcht vor seinem rollenden Auge, sondern im
Gefühl, ein Unrecht, vielleicht eine Unschicklichkeit wieder gut zu
machen, alle Artigkeit, die ich in der Welt gelernt hatte, zusammen
und bat die Dame, mir einen Scherz zu vergeben, zu dem sie mich selbst
verleitet habe. ›Sie selbst?‹ rief bei diesen Worten jener Mann, und
seine Züge verzogen sich immer mehr zum Zorn. ›Sie selbst? Es ist ein
abgekartetes Spiel, ich sehe schon, ich bin der betrogene Teil. Doch
ich will nicht stören.‹ -- Er sagte dies, vor Wut zitternd, indem er
sich von seinem Platze entfernen wollte. Luise -- o, ich habe sie nie
so süß, so wundervoll gesehen wie in jenem Augenblicke, sie schien
mit aller Hingebung der Zärtlichkeit an diesem Manne zu hängen; sie
ergriff bebend seine Hand, sie rief ihn mit den lieblichsten Tönen; sie
beteuerte, sich unschuldig zu wissen, sie rief mich zürnend zum Zeugen
auf. Ich war hingerissen von diesem Zauber der Liebe, der sich mir
hier zum erstenmal in seiner ganzen Schönheit darstellte. Es ist etwas
Schönes um ein Mädchen, das in sanfter, stiller Liebe ist, es ist etwas
Heiliges, möchte ich sagen. Aber der Schmerz inniger Liebe, das Zittern
zärtlicher Angst, und diese Tränen in den blauen Augen, dieses Flüstern
der süßesten Namen von den feinen Lippen, und diese Röte der Angst und
der Beschämung auf den zarten Wangen, es ist ein Bild, irdischer zwar
als jenes, aber von einer hinreißenden Gewalt.«
»-- Ich kenne das,« unterbrach ich diese rednerischen Schilderungen
des verliebten Berliners, dem die Dame seines Herzens in jeder neuen
Form wieder lieblicher schien, »ich kenne das, so was Heiliges, so was
Weinendes, Madonnenartiges, Grazienhaftes, Süßes, Bitterschmerzliches,
kurz, so was Klagendes, Anziehendes, ich kenne das; aber wie war es
denn mit dem zornigen Patron, der Euer Wohlgeboren so ähnlich?«
»Er glaubte ihren Versicherungen nicht; war es Eifersucht, war es sein
leidenschaftlicher Zorn, den er nicht bemeistern konnte, er stieß
sie zurück, er drohte, sie nie mehr zu sehen. Das Mädchen setzte
sich weinend auf ihren Stuhl. Die tobende Freude der Römer an dem
Pferderennen, ihr Jauchzen, ihr Rufen stand in schneidendem Kontrast
mit dem stillen Schmerz dieses Engels. Ich fühlte inniges Mitleid
mit ihr, ich fühlte mich tief verletzt, daß ein Mann eine Dame, ein
Liebender die Geliebte so schnöde beleidigen könne. ›Mein Herr,‹ sagte
ich, ›das Wort eines Mannes von Ehre kann Sie vielleicht überzeugen,
daß die Schuld dieser Szene allein auf mir ruht.‹ -- ›Eines Mannes von
Ehre?‹ rief er höhnisch lachend; ›so kann sich jeder Tropf nennen.‹
Jetzt glaubte ich die Formen der gesellschaftlichen Höflichkeit nicht
weiter beobachten zu müssen. Ich gab ihm ein wohlbekanntes Zeichen,
flüsterte ihm meinen Namen, die Nummer meines Hauses und die Straße zu,
in welcher ich wohnte, und verließ ihn.
Es waren widerstreitende Gefühle, die in meiner Brust erwachten, als
ich zu Hause über diesen Vorfall nachdachte. Ich mußte mir gestehen,
daß ich unbesonnen, töricht gehandelt hatte, die Rolle eines andern
bei diesem Mädchen zu übernehmen. Es ist wahr, der Zufall war so
überraschend, die Gelegenheit so lockend, ihre Erscheinung so reizend,
so anziehend, daß wohl keiner der Versuchung widerstanden hätte. Aber
mußte mich nicht schon der Gedanke zurückschrecken, daß es ihr bei
dem Geliebten schaden könnte, traf er uns beide zusammen? In welch
ungünstigem Lichte mußte ich, mußte auch sie ihm erscheinen!
Und doch -- wo ist der Mensch, der nicht in einem solchen Falle sich
vor sich selbst zu entschuldigen wüßte? Ich fühlte, daß ich dieses
unbekannte, reizende Wesen liebe, und wie leicht entschuldigt Liebe!
und weil ich sie liebte, haßte ich den begünstigten Mann. Er war
ein Barbar in meinen Augen; wie konnte er die Geliebte so grausam
behandeln? Wie durfte er, wenn er sie wahrhaft liebte, an ihrer Tugend
zweifeln, und wer, der jemals in dieses treue, seelenvolle Auge
gesehen, wer konnte an der Reinheit dieses Engels zweifeln?
Am Morgen nach dieser Begebenheit bekam ich einen italienischen
schlecht geschriebenen Brief, er enthielt die Bitte einer Signora Maria
Campoco, dem Ueberbringer des Briefes in ihr Haus zu folgen, wo sie mir
etwas Wichtiges zu sagen habe. Ich kannte keine Dame dieses Namens, ich
fragte den Diener nach der Straße, er nannte mir eine, von welcher ich
nie gehört hatte. Eine Ahnung sagte mir übrigens, dieser Brief könnte
mit meinem Abenteuer von gestern zusammenhängen; ich entschloß mich
zu folgen. Der Diener führte mich durch viele Straßen in eine Gegend
der Stadt, die mir völlig unbekannt war. Er bog endlich in eine kleine
Seitenstraße; ein Brunnen, eine Madonna von Stein fiel mir ins Auge, es
war kein Zweifel, ich befand mich an dem Haus, wohin ich Luisen aus den
Lamentationen begleitet hatte.
Es war ein kleines, unscheinbares Haus, dessen Türe der Diener
aufschloß; über einen finstern Gang, eine noch dunklere Treppe brachte
er mich in ein Zimmer, dessen Eleganz nicht mit dem übrigen Ansehen des
Hauses übereinstimmte. Nachdem ich eine Weile gewartet hatte, erscholl
das Kläffen vieler Hunde, die Türe öffnete sich -- aber nicht meine
Schöne, sondern eine kleine, wohlbeleibte, ältliche Frau trat, umgeben
von einer Schar kleiner Hunde, ins Zimmer.
Es dauerte ziemlich lange, bis Tasso, Ariosto, Dante, Alfieri und
wie die Kläffer alle hießen, über den Anblick eines fremden Mannes
beruhigt waren, und die kleine Dame endlich zum Wort kommen konnte.
Sie sagte mir sehr höflich, sie habe mich rufen lassen, um wegen einer
Angelegenheit ihrer Nichte, Luise von Palden, mit mir zu sprechen.
Das Verlangen, das schöne Kind wiederzusehen, mich bei ihr selbst
zu entschuldigen, gab mir eine _Notlüge_ ein: ich fragte sie in so
miserablem Italienisch, als mir nur möglich war, ob sie Französisch
oder Deutsch verstehe. Sie verneinte es, ich zuckte die Achseln
und gab ihr mehr durch Zeichen als Worte zu verstehen, daß ich der
italienischen Sprache durchaus nicht mächtig sei. Sie besann sich eine
Weile, sagte dann, ich könne in _ihrer Gegenwart_ mit ihrer Nichte
sprechen, und entfernte sich.
Wie schlug mein Herz, von Erwartung, von Liebe bewegt! Wie beschämt
fühlte ich mich, in ihren Augen als ein Nichtswürdiger zu scheinen, der
ihren Irrtum auf so indiskrete Art benützte! Die hündische Leibwache
der Signora verkündete, daß sie nahe. Ich fühlte seit langer Zeit zum
erstenmal eine Verlegenheit, ein Beben; ich fühlte, wie ich errötete,
jene Sicherheit des Benehmens, die mich jahrelang begleitet hatte,
wollte mich in diesem Augenblick verlassen.
Sie kam, sie dünkte mir in dem einfachen, reizenden Negligee lieblicher
als je, und ihre Verwirrung, als sie mich sah, der Unmut, den ich in
ihrem Auge zu lesen glaubte, vermochte ihre Anmut nicht zu schwächen.
›Mein Herr! es ist eine sonderbare Begebenheit, die Sie in dieses Haus
führt;‹ sprach sie mit jenen klangvollen Tönen, die ich so gerne hörte;
›Sie müssen selbst gestehen,‹ setzte sie hinzu; aber sei es, daß die
Erinnerung an jenen Abend sie zu unangenehm berührte, sei es, daß sie
einem meiner Blicke begegnete, die vielleicht _mehr_ als Ehrfurcht
ausdrückten, sie schlug die Augen nieder, errötete aufs neue und
schwieg.
Ich faßte mich, ich suchte mich zu entschuldigen, so gut es ging;
ich erzählte ihr, wie ich sie hilflos und in Ohnmacht in der Kirche
gefunden, wie ich ihren Irrtum nicht habe berichtigen können, aus
Furcht, sie möchte meine Begleitung ablehnen, die ihr in ihrem
damaligen Zustande so notwendig war. Meine zweite Unbesonnenheit schob
ich auf die Maskenfreiheit des Karnevals, ich suchte einen Scherz
daraus zu machen, ich behauptete, es sei an diesem Abend erlaubt, jede
Maske vorzunehmen, und so habe ich die ihres Freundes vorgenommen. Ich
glaubte, sagte ich, in diesen Scherz um so eher eingehen zu dürfen,
da wir Landsleute sind, und die Deutschen in Rom, als Kinder _einer_
Heimat, nur _eine_ große Familie sein sollten.«
»Eine gefährliche Verwandtschaft!« -- unterbrach ich den jungen
Berliner, indem ich mich im stillen über seine jesuitische Logik
freute. »Wie? brachte die Dame nicht das ~Corpus juris~ und den
-- -- -- -- gegen Sie in Anwendung? In Schwaben möchte zur Not ein
solches Verwandtschaftssystem gelten, oder bei den Juden, welche Herren
und Knechte, Norden und Süden ›unsere Leute‹ nennen; aber Deutschland?
bedenken Sie, daß es in zweiunddreißig Staaten geteilt ist, wo ist da
ein Verwandtschaftsband möglich? Wenn sie sich im Himmel oder in der
Hölle treffen, so heißen sie nur Oesterreicher, Preußen, Hechinger und
fürstlich reußische Landeskinder!«
»Luise mochte auch so denken,« fuhr er fort. »Doch nötigte ihr meine
Deduktion ein Lächeln ab; es schien ihr angenehm, über diese Punkte so
leicht weggehen zu können. Sie klagte sich selbst an, diesen Irrtum
veranlaßt zu haben, sie vergab, sie erlaubte mir, ihre schöne Hand
zu küssen. Doch ihre Blicke wurden wieder düster. Sie sagte, wie sie
nur zu deutlich bemerkt habe, daß ich tief beleidigt weggegangen sei,
daß dieser Streit noch eine gefährlichere Folge haben könne. Ihr Auge
füllte sich mit Tränen, als sie dies sagte. Sie beschwor mich, ihrem
Freund zu vergeben, sie suchte ihn zu entschuldigen, _ihn_, der sie
selbst so tief beleidigt hatte; sie sprach mit so zärtlicher Wärme für
den Mann, der so ganz vergessen hatte, daß die wahre Liebe glauben und
vertrauen müsse, der so niedrig war, dieser reinen Seele gegenüber
gemeine Eifersucht zu zeigen. Ich wäre glücklich, selig gewesen, hätte
dieses Mädchen so von _mir_ gesprochen!
Ich fragte sie, ob sie in _seinem_ Auftrag mir dieses sage? Sie war
betreten, sie antwortete, daß sie gewiß wisse, daß es ihm leid sei,
mir jene Worte gesagt zu haben; ich versprach, wenn er mir dies selbst
sagen werde, nicht mehr an die Sache zu denken. Wie heiter war sie
jetzt, sie scherzte über ihren Irrtum, sie verglich meine Züge mit
denen ihres Freundes, sie glaubte große Aehnlichkeit zu finden, und
doch schien es ihr unbegreiflich, wie sie nicht an meinen Augen, meiner
Stimme, an meinem ganzen Wesen ihren Mißgriff erkannt habe. Sie rief
ihrer Tante zu, daß sie ihren Zweck vollkommen erreicht habe.