Dieser zweite Teil der Mitteilungen aus den Memoiren des Satan

erscheint um ein völliges Halbjahr zu spät. Angenehm ist es dem

Herausgeber, wenn die Leser des ersten sich darüber gewundert, am

angenehmsten, wenn sie sich darüber geärgert haben; es zeigt dies eine

gewisse Vorliebe für die schriftstellerischen Versuche des Satan,

die nicht nur ihm, sondern auch seinem Uebersetzer und Herausgeber

erwünscht sein muß.

Die Schuld dieser Verspätung liegt aber weder in der zu heißen

Temperatur des letzten Spätsommers, noch in der strengen Kälte des

Winters, weder im Mangel an Zeit oder Stoff, noch in politischen

Hindernissen. Die einzige Ursache ist ein sonderbarer Prozeß, in

welchen der Herausgeber verwickelt wurde, und vor dessen Beendigung er

diesen zweiten Teil nicht folgen lassen wollte.

Kaum war nämlich der erste Teil dieser Memoiren in die Welt versandt

und mit einigen Posaunenstößen in den verschiedenen Zeitungen begleitet

worden, als plötzlich in allen diesen Blättern zu lesen war eine

_Warnung vor Betrug._

»Die bei Gebr. Franckh in Stuttgart herausgekommenen Memoiren des Satan

sind nicht von dem im Alten und Neuen Testament bekannten und durch

seine Schriften: Elixiere des Teufels, Bekenntnisse des Teufels, als

Schriftsteller berühmten Teufel, sondern gänzlich falsch und unecht;

was hiermit dem Publikum zur Kenntnis gebracht wird.«

Ich gestehe, ich ärgerte mich nicht wenig über diese Zeilen, die von

niemand unterschrieben waren. Ich war meiner Sache so gewiß, hatte das

Manuskript von niemand anders als dem Satan selbst erhalten, und nun,

nach vielen Mühen und Sorgen, nachdem ich mich an den infernalischen

Chiffern beinahe blind gelesen, soll ein solcher anonymer Totschläger

über mich herfallen, meine literarische Ehre aus der Ferne totschlagen

und besagte Memoiren für unecht erklären?

Während ich noch mit mir zu Rate ging, was wohl auf eine solche

Beschuldigung des _Betruges_ zu antworten sei, werde ich vor die

Gerichte zitiert und mir angezeigt, daß ich einer Namensfälschung,

eines literarischen Diebstahls angeklagt sei, und zwar -- vom Teufel

selbst, der gegenwärtig als geheimer Hofrat in persischen Diensten

lebe. Er behaupte nämlich, ich habe seinen Namen Satan mißbraucht, um

ihm eine miserable Scharteke, die er nie geschrieben, unterzuschieben;

ich habe seinen literarischen Ruhm benützt, um diesem schlechten

Büchlein einen schnellen und einträglichen Abgang zu verschaffen; kurz,

er verlange nicht nur, daß ich zur Strafe gezogen, sondern auch, daß

ich angehalten werde, ihm Schadenersatz zu geben, »dieweil ihm ein

Vorteil durch diesen Kniff entzogen worden«.

Ich verstehe so wenig von juridischen Streitigkeiten, daß mir früher

schon der Name Klage oder Prozeß Herzklopfen verursachte; man kann

sich also wohl denken, wie mir bei diesen schrecklichen Worten zumute

ward. Ich ging niedergedonnert heim und schloß mich in mein Kämmerlein,

um über diesen Vorfall nachzudenken. Es war mir kein Zweifel, daß es

hier drei Fälle geben könne, entweder hatte mir der Teufel selbst das

Manuskript gegeben, um mich nachher als Kläger recht zu ängstigen und

auf meine Kosten zu lachen; oder irgend ein böser Mensch hatte mir

die Komödie in Mainz vorgespielt, um das Manuskript in meine Hände zu

bringen, und der Teufel selbst trat jetzt als erbitterter Kläger auf;

oder drittens, das Manuskript kam wirklich vom Teufel, und ein müßiger

Kopf wollte jetzt den Satan spielen und mich in seinem Namen verklagen.

Ich ging zu einem berühmten Rechtsgelehrten und trug ihm den Fall

vor. Er meinte, es sei allerdings ein fataler Handel, besonders weil

ich keine Beweise beibringen könne, daß das Manuskript von dem echten

Teufel abstamme, doch er wolle das Seinige tun und aus der bedeutenden

Anzahl Bücher, die seit Justinians ~Corpus juris~ bis auf das neue

birmanische Strafgesetzbuch über solche Fälle geschrieben worden seien,

einiges nachlesen.

Das juristische Stiergefecht nahm jetzt förmlich seinen Anfang Es

wurde, wie es bei solchen Fällen herkömmlich ist, soviel darüber

geschrieben, daß auf jeden Bogen der Memoiren des Satan ein Ries

Akten kam, und nachdem die Sache ein Vierteljahr anhängig war, wurde

sogar auf Unrechts Kosten eine eigene Aktenkammer für diesen Prozeß

eingeräumt; über der Türe stand mit großen Buchstaben: »~Acta~ in

Sachen des persischen G. H. R. Teufel gegen ~Dr.~ H--f, betreffend die

Memoiren des Satan.«

Ein sehr günstiger Umstand für mich war der, daß ich auf dem Titel

nicht »Memoiren des Teufels«, sondern »des Satan« gesagt hatte.

Die Juristen waren mit sich ganz einig, daß der Name _Teufel_ in

Deutschland sein _Familienname_ sei, ich habe also wenigstens diesen

nicht zur Fälschung gebraucht; Satan hingegen sei nur ein angenommener,

willkürlicher, denn niemand im Staate sei berechtigt, zwei Namen

zu führen. Ich fing an, aus diesem Umstand günstigere Hoffnung zu

schöpfen, aber nur zu bald sollte ich die bittere Erfahrung machen,

was es heiße, den Gerichten anheimzufallen. Das Referat in Sachen des

~et cetera~ war nämlich dem berühmten Justizrat Wackerbart in die

Hände gefallen, einem Mann, der schon bei Dämpfung einiger großen

Revolutionen ungemeine Talente bewiesen hatte und neuerdings sogar dazu

verwendet wurde, bedeutende Unruhen in einem Gymnasium zu schlichten.

Stand nicht zu erwarten, daß ein solcher berühmter Jurist meine Sache

nur als eine ~Cause célèbre~ ansehen und sie also handhaben werde, daß

sie, gleichviel wem von beiden Recht, ihm am meisten Ruhm einbrächte?

Hierzu kam noch der Titel und Rang meines Gegners; Wackerbart hatte

seit einiger Zeit angefangen, sich an höhere Zirkel anzuschließen;

mußte ihm da ein so wichtiger Mann, wie ein persischer geheimer Hofrat,

nicht mehr gelten als ich Armer?

Es ging, wie ich vorausgesehen hatte. Ich verlor meine Sache gegen

den Teufel; Strafe, Schadenersatz, aller mögliche Unsinn wurde auf

mich gewälzt, ich wunderte mich, daß man mich nicht einige Wochen ins

Gefängnis sperrte oder gar hängte. Man hatte hauptsächlich folgendes

gegen mich in Anwendung gebracht:

_Entscheidungs-Gründe_

zu dem

vor dem Kriminalgericht Klein-Justheim unter dem

4. Dezember 1825 gefällten Erkenntnis

in der Untersuchungssache

gegen den

~Dr.~ ...f wegen Betrugs.

1. Es ist durch das Zugeständnis des Angeklagten erhoben,

daß er keine Beweise beizubringen weiß, daß die von ihm

herausgegebenen Memoiren des Satan wirklich von dem bekannten

echten Teufel, so gegenwärtig als geheimer Hofrat in persischen

Diensten lebt, herrühre. Ferner hat der Angeschuldigte ...f

zugegeben, daß die in öffentlichen Blättern darüber enthaltene

Ankündigung mit seinem Wissen gegeben sei.

2. Die letztgenannte Ankündigung ist also abgefaßt, daß hieraus

die Absicht des Verfassers, die Lesewelt glauben zu machen, daß

»die Memoiren des Satan« von dem wahren, im Alten und Neuen

Testament bekannten und neuerdings als Schriftsteller beliebten

Teufel geschrieben sei, nur allzudeutlich hervorleuchten tut.

3. Durch diese Verfahrungsart hat sich der Angeklagte ...f

eines Betruges, alldieweilen solcher im allgemeinen in jedweder

auf impermissen Commodum für sich oder Schaden anderer

gerichteten unrechtlichen Täuschung anderer, entweder indem

man falsche Tatsachen mitteilt oder wahre Dito nicht angibt --

besteht; oder um uns näher auszudrücken, da hier die Sprache

_von einer Ware und gedrucktem_ Buch ist -- einer _Fälschung_

schuldig gemacht; denn, durch den Titel »Memoiren des Satan«

und die Anpreisung des Buches wurde der Lesewelt fälschlich

vorgespiegelt, daß das Buch ausdrücklich von dem unter dem

Namen Satan bekannten, k. persischen geheimen Hofrat Teufel

verfaßt sei; was beim Verkauf des Werkes verursachte, daß

es schneller und in größerer Quantität abging, als wenn das

Büchlein unter dem Namen des Herrn ...f, so dem Publico noch

gar nicht bekannt ist, erschienen wäre, und wodurch die, so

es kauften, in ihrer schönen Erwartung, ein echtes Werk des

Teufels in Händen zu haben, schnöde betrogen wurden.

4. Wenn der Herr ~Dr.~ ...f, um sich zu entschuldigen,

dagegen einwendet, daß der Name Satan in Deutschland nur ein

angenommener sei, worauf der Teufel, wie man ihn gewöhnlich

nennt, keinen Anspruch zu machen habe, so bemerken wir

Kriminalleute von Klein-Justheim sehr richtig, daß sich ...f

auf den Gebrauch jenes angenommenen, übrigens bekanntermaßen

den Teufel sehr wohl bezeichnenden Namen nicht beschränkt,

sondern in dem Werke selbst überall durchblicken läßt,

namentlich in der Einleitung, daß der Verfasser derjenige

Teufel oder Satan sei, welcher dem Publico, besonders dem

Frauenzimmer, wie auch denen Gelehrten durch frühere ~Opera~,

z. B. die Elixiere des Teufels ~et cetera~ rühmlichst bekannt

ist, wodurch wohl ebenfalls niemand anders gemeint ist als der

geheime Hofrat Teufel.

5. Man muß lachen über die Behauptung des Inkulpaten, daß das

in Frage stehende ~Opusculum~, wie auch nicht destoweniger

seine Anzeige, eigentlich eine Satire auf den Teufel und

jegliche Teufelei jetziger Zeit sei! Denn diese Entschuldigung

wird durch den Inhalt der Schrift selbst widerlegt; ja, jeder

Leser von Vernunft muß das auch wohl eher für eine etwas

geringe Nachäffung der Teufeleien als für -- eine Satire auf

dieselbe erkennen. Wäre aber auch, was wir Juristen nicht

einzusehen vermögen, das Werk dennoch eine Satire, so ist

durchaus kein günstiger Umstand für ...f zu ziehen, weil

derjenige Käufer, der etwas _Echtes_, vom Teufel verfaßtes

kaufen wollte, erst nach dem Kauf entdecken konnte, daß er

betrogen sei.

6. Außer der völlig rechtswidrigen Täuschung der Lesewelt,

Leihbibliotheken ~et cetera~ ist in der vorliegenden

Defraudation auch ein Verbrechen gegen _den_ begangen, dessen

Name oder Firma mißbraucht worden; namentlich und spezialiter

gegen den geheimen Hofrat Teufel, welcher sowohl als Gelehrter

und Schriftsteller als von wegen des Honorars seiner übrigen

Schriften, sehr dabei interessiert ist, daß nicht das

Geschreibsel anderer, als von ihm niedergeschrieben, wie auch

erdacht, angezeigt und verkauft werde.

7. Wenn endlich der Angeklagte behauptet, daß er das Buch

arglos herausgegeben, ohne das Klein-Justheimer Recht hierüber

zu kennen, daß ihn auch bei der Fälschung durchaus keine

gewinnsüchtigen Absichten geleitet hätten, so ist uns dies

gleichgültig und haben nicht darauf Rücksicht zu nehmen, denn

Fälschung ist Fälschung, sei es, ob man englische Teppiche

nachahmt und als echt verkauft, oder Bücher schreibt unter

falschem Namen; ist alles nur verkäufliche Ware und kann

den Begriff des Vergehens nicht ändern, weil immer noch die

Täuschung und Anschmierung der Käufer restiert, und zwar

ebenfalls nichtsdestominder auch alsdann, wenn die Memoiren

des Satan gleichen Wert mit den übrigen Büchern des Teufels

hätten (was wir Klein-Justheimer übrigens bezweifeln, da jener

geheimer Hofrat ist), weil dem Ebengedachten schon durch das

Unterschieben eines fremden Machwerkes unter seinem Namen ein

Schaden in juridischem Sinne sein tut.

Es ist daher, wie man getan hat, erkannt worden usw. usw.

Gez. _Präsident und Räte des Kriminalgerichts_

zu Klein-Justheim.

Hast du, geneigter Leser, nie die berühmten Nürnberger Gliedermänner

gesehen, so kunstreich aus Holz geschnitzelt, ihre Gliedlein nach jedem

Druck bewegen? Hast du wohl selbst in deiner Jugend mit solchen Männern

gespielt und allerlei Kurzweil mit ihnen getrieben und probiert, ob es

nicht schöner wäre, wenn er z. B. das Gesicht im Nacken trüge und den

Rücken hinunterschaue, oder ob es nicht vernünftiger wäre, wenn ihm die

Beine ein wenig umgedreht würden, daß er vor- und rückwärts spaziere,

wie man es haben wolle? Das hast du wohl versucht in den Tagen deiner

Kindheit, und es war ein unschuldiges Spiel, denn dem Gliedermann war

es gleichgültig, ob ihm die Beine über die Schulter herüberkamen oder

nicht, ob er den Rücken herabschaute oder vorwärts, er lächelte so

dumm wie zuvor, denn er hatte ja kein Gefühl, und es tat ihm nicht

weh im Herzen, denn auch dieses war ja aus Holz geschnitzelt, und

wahrscheinlich aus Lindenholz.

Aber selbst ein solcher Gliedermann sein zu müssen in den täppischen

Händen der Klein-Justheimer Kriminalien! Sie renkten und drehten mir

die Glieder, setzten mir den Kopf so oder so, wie es ihnen gefällig,

oder auch nach Vorschrift des Justinian, drehten und wendeten mein

Recht, bis das Kadaver vor ihnen lag auf dem grünen Sessionstisch, wie

sie es haben wollten, mit verrenkten Gliedern, und sie nun anatomisch

aufnotieren konnten, was für Fehler und Kuriosa an ihm zu bemerken,

nämlich, daß er das Gesicht im Nacken, die Füße einwärts, die Arme

verschränkt ~et cetera~ trage, ganz gegen alle Ordnung und Recht.

Ware, Ware! nannten sie deine Memoiren, o Satan! Ware! Als würde

dergleichen nach der Elle aus dem Gehirn hervorgehaspelt, wie es jener

Schwarzkünstler und Eskamoteur getan, die Bänder verschluckte und sie

herauszog Elle um Elle aus dem Rachen. Warenfälschung, Einschwärzen,

Defraudation, o welch herrliche Begriffe, um zu definieren, was man

will! Und rechtswidrige Täuschung des Publikums! Wer hat denn darüber

geklagt? Wer ist aufgestanden unter den Tausenden und hat Zeter

geschrien, weil er gefunden, daß das Büchlein nicht von dem Schwarzen

selbst herrühre, daß er den Missetäter bestraft wissen wolle für diese

rechtswidrige Täuschung? O Klein-Justheim, wie weit bist du noch zurück

hinter England und Frankreich, daß du nicht einmal einsehen kannst,

Werke des Geistes seien kein nachgemachter Rum oder Arrak und gehören

durchaus nicht vor deine Schranken.

Traurig musterte ich das Manuskript des zweiten Teiles, der nun

für mich und das Publikum verloren war; ich dachte nach über das

Hohngelächter der Welt, wenn der erste nur ein Torso, ein schlechtes

abgerissenes Stück, verachtet auf den Schranken der Leihbibliothek

sitze, trübselig auf die hohe Versammlung der Romane und Novellen

aller Art herabschaue und ihnen ihre abgenützten Gewänder beneide, die

den großen Furore, welchen sie in der Welt machen, beurkunden, wie er

seine andere Hälfte, seinen Nebenmann, den zweiten herbeiwünsche, um,

verbunden mit ihm, schöne Damen und Herren zu besuchen, was ihm jetzt

als einem Invaliden beinahe unmöglich war. Da wurde mir eines Morgens

ein Brief überbracht, dessen Aufschrift mir bekannte Züge verriet. Ich

riß ihn auf und las:

»Wohlgeborener, sehr verehrter Herr!

Durch den Oberjustizrat Hammel, der vor einigen Tagen das

Zeitliche gesegnet und an mein Hoflager kam, erfuhr ich zu

meinem großen Aerger die miserablen Machinationen, die gegen

Euch gemacht werden. Bildet Euch nicht ein, daß sie von mir

herrühren. Mit großem Vergnügen denke ich noch immer an

unser Zusammentreffen in den drei Reichskronen zu Mainz, und

in meiner jetzigen Zurückgezogenheit und bei meinen vielen

Geschäften im Norden komme ich selten dazu, eine deutsche

Literaturzeitung zu lesen; aber einige Rezensenten, welche ich

sprach, versicherten mich, mit welchem Eifer Ihr meine Memoiren

herausgegeben habt, und daß das Publikum meine Bemühungen zu

schätzen wisse. Der Prozeß, den man Euch an den Hals warf, kam

mir daher um so unerwarteter. Glaubet mir, es ist nichts als

ein schlechter Kunstgriff, um mich nicht als Schriftsteller

aufkommen zu lassen, weil ich ein wenig über ihre Universitäten

schimpfte und die ästhetischen Tees, und Euch wollen sie

nebenbei auch drücken. Lasset Euch dies nicht kümmern,

Wertester; gebt immer den zweiten Teil heraus, im Notfall könnt

Ihr gegenwärtiges Schreiben jedermann lesen lassen, namentlich

den Wackerbart, saget ihm, wenn er meine Handschrift nicht

kenne, so kenne ich um so besser die seinige.

Ich kenne diese Leutchen, sie sind Raubritter und Korsaren, die

jeden berühmten Prozeß, der ihnen in die Hände fällt, für _gute

Prise_ erklären und, wenn sie ihn fest haben in den Krallen, so

lange deuteln und drehen, bis sie ihn dahin entscheiden können,

wo er ihnen am meisten Ruhm nebst etzlichem Golde einträgt. Was

war bei Euch von beiden zu erheben? Ihr, ein armseliger Doktor

der Philosophie und Magister der brotlosen Künste, was seid Ihr

gegen einen persischen geheimen Hofrat? Denket also, die Sache

sei ganz natürlich zugegangen, und grämet Euch nicht darüber.

Was den persischen geheimen Hofrat betrifft, der meine Rolle

übernommen hat, so will ich bei Gelegenheit ein Wort mit ihm

sprechen.

Hier lege ich Euch noch ein kleines Manuskriptchen bei,

ich habe es in den letzten Pfingstfeiertagen in Frankfurt

aufgeschrieben, es ist im ganzen ein Scherz und hat nicht viel

zu bedeuten; doch schaltet Ihr es im zweiten Teile ein, es gibt

vielleicht noch Leute, die sich dabei freundschaftlich meiner

erinnern.

Gehabt Euch wohl; in der Hoffnung, Eure persönliche

Bekanntschaft bald zu erneuern, bin ich

Euer wohlaffektionierter Freund

_der Satan_.«

Man kann sich leicht denken, wie sehr mich dieser Brief freute. Ich

lief sogleich damit zu dem wackern Mann, der meine Sache geführt hatte,

ich zeigte ihm den Brief, ich erklärte ihm, appellieren zu wollen an

ein höheres Gericht und den Originalbrief beizulegen.

Er zuckte die Achseln und sprach: »Lieber, sie wohnen zusammen in

_einer_ Hausmiete, die Kriminalien; ob Ihr um eine Treppe höher steigen

wollet, aus dem Entresol in die Bel-Etage zu den Vornehmeren, das

ist einerlei, Ihr fallet nur um so tiefer, wenn sie Euch durchfallen

lassen. Doch an mir soll es nicht fehlen.«

So sprach er und focht für mich mit erneuerten Kräften; doch -- was

half es? Sie stimmten ab, erklärten den Persischen für den echten,

alleinigen Teufel, der allein das Recht habe, Teufeleien zu schreiben,

und -- der Prozeß ging auch in der Bel-Etage verloren.

Da faßte mich ein glühender Grimm; ich beschloß, und wenn es mich den

Kopf kosten sollte, doch den zweiten Teil herauszugeben, ich nahm das

Manuskript unter den Arm, raffte mich auf und -- -- erwachte.

Freundlich strahlte die Frühlingssonne in mein enges Stübchen, die

Lerchen sangen vor dem Fenster, und die Blütenzweige winkten herein,

mich aufzumachen und den Morgen zu begrüßen.

Verschwunden war der böse Traum von Prozessen, Justizräten,

Klein-Justheim, und alles, was mir Gram und Aerger bereitete,

verschwunden, spurlos verschwunden.

Ich sprang auf von meinem Lager, ich erinnerte mich, den Abend

zuvor bei einigen Gläsern guten Weins über einen ähnlichen Prozeß

mit Freunden gesprochen zu haben; da war mir nun im Traum alles so

erschienen, als hätte ich selbst den Prozeß gehabt, als wäre ich selbst

verurteilt worden von Kriminalrichtern und Klein-Justheimer Schöppen.

Ich lächelte über mich selbst! Wie pries ich mich glücklich, in einem

Lande zu wohnen, wo dergleichen juridische Exzesse gar nicht vorkämen,

wo die Justiz sich nicht in Dinge mischt, die ihr fremd sind, wo es

keine Wackerbärte gibt, die einen solchen Fund für gute Prise erklären,

das Recht zum Gliedermann machen und drauf loshantieren und drehen, ob

es biege oder breche; wo man Erzeugnisse des Geistes nicht als Ware

handhabt und Satire versteht und zu würdigen weiß, wo man weder auf den

Titel eines persischen geheimen Hofrats, noch auf irgend dergleichen

Rücksicht nimmt.

So dachte ich, pries mich glücklich und verlachte meinen komischen

Prozeßtraum.

Doch wie staunte ich, als ich hintrat zu meinem Arbeitstisch! Nein, es

war keine Täuschung, da lag er ja, der Brief des Satan, wie ich ihn im

Traume gelesen, da lag das Manuskript, das er mir im Briefe verheißen.

Ich traute meinen Sinnen kaum, ich las, ich las wieder, und immer wurde

mir der Zusammenhang unbegreiflicher.

Doch ich konnte ja nicht anders, ich mußte seinen Wink befolgen und

seinen »Besuch in Frankfurt« dem zweiten Teile einverleiben.

Ich gestehe, ich tat es ungern. Ich hatte schon zu diesem Teile alles

geordnet, es fand sich darin eine Skizze, die nicht ohne Interesse zu

lesen war, ich meine jene Szene, wie er mit Napoleon eine Nacht in

einer Hütte von Malojaroslawez zubrachte und wie von jenen Augenblicken

an so vieles auf geheimnisvolle Weise sich gestaltet im Leben jenes

Mannes, dem selbst der Teufel Achtung zollen mußte, vielleicht -- weil

er ihm nicht beikommen konnte, doch -- vielleicht ist es möglich,

dieses merkwürdige Aktenstück dem Publikum an einem anderen Orte

mitzuteilen.

Noch war ich mit Durchsicht und Ordnen der Papiere beschäftigt, da

wurde die Türe aufgerissen, und mein Freund Moritz stürzte ins Zimmer.

»Weißt du schon?« rief er. »Er hat ihn verloren!«

»Wer? Was hat man verloren?«

»Nun, von was wir gestern sprachen, den Prozeß gegen Clauren meine ich,

wegen des Mannes im Monde!«

»Wie? Ist es möglich!« entgegnete ich, an meinen Traum denkend. »Unser

Freund, der Kandidatus Bemperlein? Den Prozeß?«

»Du kannst dich darauf verlassen, soeben komme ich vom Museum, der

Verleger sagte es mir, soeben wurde ihm das Urteil publiziert.«

»Aber wie konnte dies doch geschehen, Moritz! War er etwa auch in

Klein-Justheim anhängig?«

»Klein-Justheim? Du fabelst, Freund!« erwiderte der Freund, indem er

besorgt meine Hand ergriff. »Was willst du nur mit Klein-Justheim, wo

gibt es denn einen solchen Ort?«

»Ach,« sagte ich beschämt, »du hast recht; ich dachte an -- meinen

Traum.«

Der Fluch.

Novelle.

(Fortsetzung.)

Man kann sich denken, daß ich in Rom immer viele Geschäfte habe. Die

_heilige Stadt_ hatte immer einen Ueberfluß von Leuten, die in der

ersten, zweiten oder dritten Abstufung mein waren.

Man wird sich wundern, daß ich eine Klassifikation der _guten Leute_

(von anderen Sünder genannt) mache: aber, wer je mit der Erde zu tun

hatte, hat den Menschen bald abgelernt, daß nur das Systematische

mit Nutzen bei ihnen betrieben werden könne. Es ist dies besonders

in Städten, wie Rom, unumgänglich notwendig; wo so vielerlei Nüancen

_guter Leute_ vom roten Hut bis auf die Kapuze, vom Fürsten, der die

Macht hat, Orden zu verleihen, bis auf den Armen, dem solche um dreißig

Taler angeboten werden, sich vorfinden, da muß man Klassen haben. Ich

werde in der Bibel und von den heutigen Philosophen als das negierende

Prinzip vorgestellt, daher teilte ich meine guten Leute ein in: erste

Klasse mit dem Prädikat recht gut, solche, die geradehin verneinen,

als da sind: Freigeister, Gottesleugner etc. Zweite Klasse, gut; sie

sagen mit einigem Umschweif nein, gelten unter sich für Heiden, bei

Vernünftigen für liberale Männer, bei der Menge für fromme Menschen.

In dieser Klasse befinden sich viele Türken und Pfaffen. Die dritte

Klasse, mit dem Prädikat mittelmäßig, sind jene, die ihr Nein nur

durch ein Kopfschütteln andeuten. Es sind jene, die sich selbst für

eine Art von Gott halten, mögen sie nun Ablaß verkaufen oder als

evangelisch-mystisch-pietistische Seelen einen Separatfrieden mit dem

Himmel abschließen; der letzteren gibt es übrigens in Rom wenige.

Es läßt sich annehmen, daß das Innere dieses Systems, die verschiedenen

Uebergänge der Klassen beinahe mit jedem Jahr sich ändern. Geld,

Sitten, der Zeitgeist üben hier einen großen Einfluß aus und machen

beinahe alle zwei Jahre eine Reise an Ort und Stelle notwendig.

Als ich vor einiger Zeit auf einer solchen Visitationsreise in Rom

verweilte, war ich Zeuge folgender Szenen, die ich aufzuzeichnen nicht

unterlassen will, weil sie vielleicht für manchen Leser meiner Memoiren

von Interesse sein möchten.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 4 · 第 12 / 24 段