Ich hatte überdies noch einen andern Gang, der mir viele Zeit raubte;

es war die von früher Jugend an mit mir aufwachsende Neigung zu schönen

Mädchen. Sommers war es in meiner Dachkammer so glühend heiß wie unter

den Bleidächern des Palastes Sankt Marco in Venedig; wenn ich dann das

kleine Schiebfenster öffnete, um den Kopf ein wenig in die frische Luft

zu stecken, so fielen unwillkürlich meine Augen auf den schönen Garten

unseres Nachbars, eines reichen Kaufmanns; dort unter den schönen

Akazien auf der weichen Moosbank saß Amalie, sein Töchterlein, und ihre

Gespielinnen und Vertrauten. Unwiderstehliche Sehnsucht riß mich hin;

ich fuhr schnell in meinen Sonntagsrock, frisierte das Haar mit den

Fingern zurecht und war im Flug durch die Zaunlücke bei der Königin

meines Herzens. Denn diese Charge bekleidete sie in meinem Herzen im

vollsten Sinne des Wortes. Ich hatte in meinem elften Jahr den größten

Teil der Ritter- und Räuberromane meines Vaterlandes gelesen, Werke,

von deren Vortrefflichkeit man in andern Ländern keinen Begriff hat,

denn die erhabenen Namen Cramer und Spieß sind nie über den Rhein oder

gar den Kanal gedrungen. Und doch, wieviel höher stehen diese Bücher

alle, als jene Ritter- und Räuberhistorien des Verfassers von Waverley,

der kein anderes Verdienst hat, als auf Kosten seiner Leser recht

breit zu sein. Hat der große Unbekannte solche vortreffliche Stellen

wie die, welche mir noch aus den Tagen meiner Kindheit im Ohr liegen:

›_Mitternacht, dumpfes Grausen der Natur, Rüdengebell, Ritter Urian

tritt auf._‹

Wem pocht nicht das Herz, wem sträubt sich nicht das Haar empor, wenn

er nachts auf einer öden, verlassenen Dachkammer dieses liest; wie

fühlte ich da das ›_Grausen der Natur_‹! und wenn der Hofhund sein

Rüdengebell heulte, so war die Täuschung so vollkommen, daß sich meine

Blicke ängstlich an die schlechtverriegelte Türe hefteten, denn ich

glaubte nicht anders, als ›_Ritter Urian trete auf_‹.

Was war natürlicher, als daß bei so lebhafter Einbildungskraft auch

mein Herz Feuer fing? Jede Bertha, die ihrem Ritter die Feldbinde

umhing, jede Ida, die sich auf den Söller begab, um dem den Schloßberg

hinabdonnernden Liebsten noch einmal mit dem Schleier zuzuwedeln, jede

Agnes, Hulda usw. verwandelte sich unwillkürlich in Amalien.

Doch auch _sie_ war diesem Tribut der Sterblichkeit unterworfen. Aus

ihrer Sparbüchse nämlich wurden die Romane angeschafft. Wenn einer

gelesen war, so empfing ich ihn, las ihn auch, trug ihn dann wieder

in die Leihbibliothek und suchte dort immer die Bücher heraus, welche

entweder keinen Rücken mehr hatten oder vom Lesen so fett geworden

waren, daß sie mich ordentlich _anglänzten_. Das sind so die echten

nach unserem Geschmack, dachte ich, und sicher war es ein _Rinaldo

Rinaldini_, ein _Domschütz_, ein _alter Ueberall_ und _Nirgends_ oder

sonst einer unserer Lieblinge.

Zu Hause band ich ihn dann in alte lateinische Schriften ein, denn

Amalie war sehr reinlich erzogen und hätte, wenn auch das Innere des

Romans nicht immer sehr _rein_ war, doch nie mit bloßen Fingern den

fetten Glanz ihrer Lieblinge betastet. Ehrerbietig trug ich ihn dann

in den Garten hinüber und überreichte ihn; und nie empfing ich ihn

zurück, ohne daß mir Amalie die schönsten Stellen mit Strickgarn oder

einer Stecknadel bezeichnet hätte. So lasen und liebten wir; unsere

Liebe richtete sich nach dem Vorbild, das wir gerade lasen; bald war

sie zärtlich und verschämt, bald feurig und stürmisch, ja, wenn

Eifersuchten vorkamen, so gaben wir uns alle mögliche Mühe, einen

Gegenstand, eine Ursache für unser namenloses Unglück zu ersinnen.

Mein gewöhnliches Verhältnis zu der reichen Kaufmannstochter war

übrigens das eines Edelknaben von dunkler Geburt, der an dem Hof eines

großen Grafen oder Fürsten lebt, eine unglückliche Leidenschaft zu der

schönen Tochter des Hauses bekommt und endlich von ihr heimliche, aber

innige Gegenliebe empfängt. Und wie lebhaft wußte Amalie ihre Rolle

zu geben; wie gütig, wie herablassend war sie gegen mich! Wie liebte

sie den schönen, ritterlichen Edelknaben, dem kein Hindernis zu schwer

war, zu ihr zu gelangen, der den breiten Burggraben (die Entenpfütze

in unserm Hof) durchwatet, der die Zinnen des Walles (den Gartenzaun)

erstiegen, um in ihr Gartengemach (die Moosbank unter den Akazien)

sich zu schleichen. Tausend Dolche (die Nägel auf dem Zaun, die meinen

Beinkleidern sehr gefährlich waren), tausend Dolche lauern auf ihn,

aber die Liebe führt ihn unbeschädigt zu den Füßen seiner Herrin.

Das einzige Unglück bei unserer Liebe war, daß wir eigentlich gar kein

Unglück hatten. Zwar gab es hie und da Grenzstreitigkeiten zwischen dem

armen Ritter (meinem Vater) und dem reichen Fürsten (dem Kaufmann),

wenn nämlich eines unserer Hühner in seinen Garten hinübergeflogen

war und auf seinen Mistbeeten spazieren ging; oder es kam sogar zu

wirklicher Fehde, wenn der Fürst einen Herold (seinen Ladendiener) zu

uns herüberschickte und um den Tribut mahnen ließ (weil mein Vater eine

sehr große Rechnung in dem Kontobuch des Fürsten hatte). Aber dies

alles war leider kein nötigendes Unglück für unsere Liebe und diente

nicht dazu, unsere Situationen noch romantischer zu machen.

Die einzige Folge, die aus meinem Lesen und meiner Liebe entstand, war

mein hartes Unglück, immer unter den Letzten meiner Klasse zu sein und

von dem alten Rektor tüchtig Schläge zu bekommen, doch auch darüber

belehrte und tröstete mich meine Herrin. Sie entdeckte mir nämlich,

daß des Herzogs (des Rektors) ältester Prinz um ihre Liebe gebuhlt und

sie aus Liebe zu mir den Jüngling abgewiesen habe; er aber habe gewiß

unsere Liebe und den Grund seiner Abweisung entdeckt und sie dem alten

Vater, dem Rektor, beigebracht, der sich dafür auf eine so unwürdige

Art an mir räche. Ich ließ die Gute auf ihrem Glauben, wußte aber

wohl, woher die Schläge kamen; der alte Herzog wußte, daß ich die

unregelmäßigen griechischen Verba nicht lernte, und _dafür_ bekam ich

Schläge.

So war ich fünfzehn, und meine Dame vierzehn Jahre alt geworden,

ungetrübt war bis jetzt der Himmel unserer Liebe gewesen, da ereigneten

sich mit einemmale zwei Unglücksfälle, wovon schon einer für sich

hinreichend gewesen wäre, mich aus meinen Höhen herabzuschmettern.

Es war die Zeit, wo nach dem Frieden von Paris die Fouquéschen Romane

anfingen, in meinem Vaterlande Mode zu werden ...«

»Was ist das, Fouquésche Romane?« fragte der Lord.

»Das sind lichtbraune, fromme Geschichten; doch durch diese Definition

werden Sie nicht mehr wissen als vorher. Herr von Fouqué ist ein

frommer Rittersmann, der, weil es nicht mehr an der Zeit ist, mit

Schwert und Lanze zu turnieren, mit der Feder in die Schranken reitet

und kämpft, wie der gewaltigen Währinger einer. Er hat das ein wenig

rohe und gemeine Mittelalter modernisiert oder vielmehr unsere heutige

modische Welt in einigen frommen Mystizismus einbalsamiert und um

fünfhundert Jahre zurückgeschoben. Da schmeckt nun alles ganz süßlich

und sieht recht anmutig, lichtdunkel aus; die Ritter, von denen man

vorher nichts anderes wußte, als sie seien derbe Landjunker gewesen,

die sich aus Religion und feiner Sitte so wenig machten, als der

Großtürke aus dem sechsten Gebot, treten hier mit einer bezaubernden

Kourtoisie auf, sprechen in feinen Redensarten, sind hauptsächlich

_fromm_ und _kreuzgläubig_.

Die Damen sind moderne Schwärmerinnen, nur keuscher, reiner, mit

steifen Kragen angetan, und überhaupt etwas ritterlich aufgeputzt.

Selbst die edlen Rosse sind glänzender als heutzutage und haben

ordentlich Verstand, wie auch die Wolfshunde Und andere solche Getiere.«

»~Mon dieu!~ solchen Unsinn liest man in Deutschland?« rief der

Franzose und schlug vor Verwunderung die Hände zusammen.

»O ja, meine Herren, man liest und bewundert; es gab eine Zeit bei

uns, wo wir davon zurückgekommen waren, alles an fremden Nationen zu

bewundern; da wir nun, auf unsere eigenen Herrlichkeiten beschränkt,

nichts an uns fanden, das wir bewundern konnten, als die ~Tempi

passati~ -- so warfen wir uns mit unserem gewöhnlichen Nachahmungseifer

auf diese und wurden allesamt altdeutsch.

Mancher hatte aber nicht Phantasie genug, um sich ganz in jene

herrliche vergangene Zeiten hineinzudenken, man fühlte allgemein das

Bedürfnis von Handbüchern, die, wie Modejournale neuerer Zeit, über

Sitten und Gebräuche bei unseren Vorfahren uns belehrt hätten, da

trat jener fromme Ritter auf; ein zweiter Orpheus griff er in die

Saiten, und es entstand ein neu Geschlecht; die Mädchen, die bei den

französischen Garnisonen etwas frivol geworden waren, wurden sittige,

keusche, fromme Fräulein, die jungen Herren zogen die modischen Fräcke

aus, ließen Haar und Bart wachsen, an die Hemden eine halbe Elle

Leinwand setzen, und ›Kleider machen Leute‹, sagt ein Sprichwort,

~probatum est~, auch sie waren tugendlich, tapfer und fromm.«

~»Goddam!~ Sie haben recht, ich habe solche Figuren gesehen;«

unterbrach ihn der Engländer, »vor acht Jahren machte ich die große

Tour und kam auch nach der Schweiz. Am Vierwaldstätter See ließ ich

mir den Ort zeigen, wo die Schweizer ihre Republiken gestiftet haben.

Ich traf auf der Wiese eine Gesellschaft, die wunderlich, halb modern,

halb aus den Garderoben früherer Jahrhunderte sich gekleidet zu haben

schien. Fünf bis sechs junge Männer saßen und standen auf der Wiese und

blickten mit glänzenden Augen über den See hin. Sie hatten wunderbare

Mützen auf dem Kopf, die Haare fielen in malerischer Unordnung auf

den Rücken und die Schultern; den Hals trugen sie frei und hatten

breite, zierlich gestickte Kragen, wie heutzutage die Damen tragen,

herausgelegt.

Ein Rock, der offenbar von einem heutigen Meister, aber nach antiker

Form gemacht war, kleidete sie nicht übel; er schloß sich eng um

den Leib und zeigte überall den schönen Wuchs der jungen Männer.

In sonderbarem Kontrast damit standen weite Pluderhosen von grober

Leinwand. Aus ihren Röcken sahen drohende Dolchgriffe hervor, und in

der Hand trugen sie Beilstöcke, ungefähr wie die römischen Liktoren.

Gar nicht recht wollte aber zu diesem Kostüm passen, daß sie Brillen

auf der Nase hatten und gewaltig Tabak rauchten.

Ich fragte meinen Führer, was das für eine sonderbare Armatur und

Uniform wäre, und ob sie vielleicht eine Besatzung der Grütliwiese

vorstellen sollten? Er aber belehrte mich, daß es fahrende Schüler

aus Deutschland wären. Unwillkürlich drängte sich mir der Gedanke

an den fahrenden Ritter Don Quichotte auf, ich stieg lachend in

meinen Kahn und pries mein Glück, auf einem Platz, der durch die

erhabenen Erinnerungen, die er erweckt, nur zu leicht zu träumerischen

Vergleichungen führt, eine so groteske Erscheinung aus dem Leben

gehabt zu haben. Die jungen Deutschen söhnten mich aber wieder mit

sich aus, denn als mein Kahn über den See hinglitt, erhoben sie

einen vierstimmigen Gesang in so erhabener Melodie, mit so würdigen,

ergreifenden Wendungen, daß ich ihnen in Gedanken das Vorurteil abbat,

welches ihr Kostüm in mir erweckt hatte.«

»Nun ja, da haben wir's,« fuhr der Baron von Garnmacher fort, »so

sah es damals unter alt und jung in Deutschland aus; auch ich hatte

Fouquésche Romane gelesen, wurde ein frommer Knabe, trug mich wie

alle meine Kameraden altdeutsch und war meiner Herrin, »der wundigen

Maid«, mit einer keuschen, inniglichen Minne zugetan. Auf Amalien

machte übrigens der _Zauberring_, die _Fahrten Thiodolfs_ etc. nicht

den gewünschten Eindruck, sie verlachte die sittigen, lichtbraunen,

blauäugigen Damen, besonders die _Bertha von Lichtenrieth_, und pries

mir Lafontaine und Langbein, schlüpfrige Geschichten, welche ihr eine

ihrer Freundinnen zugesteckt hatte.

Ich war zu erfüllt von dem deutschen Wesen, das in mir aufging, als

daß ich ihr Gehör gegeben hätte, aber der lüsterne Brennstoff jener

Romane brannte fort in dem Mädchen, das sich, weil sie für ihr Alter

schon ziemlich groß war, für eine angehende Jungfrau hielt, und kurz

-- es gab eine Josephsszene zwischen uns; ich hüllte mich in meinen

altdeutschen Rock und meine Fouquésche Tugend ein und floh vor den

Lockungen der Sirene, wie mein Held Thiodolf vor der herrlichen Zoe.

Die Folge davon war, daß sie mich als einen Unwürdigen verachtete und

dem Prinzen, des Rektors Sohn, ihre Liebe schenkte. Ob er mit ihr

Lafontaine und Langbein studierte, weiß ich nicht zu sagen, nur soviel

ist mir bekannt, daß ihn der Fürst, Amaliens Vater, einige Wochen

nachher eigenhändig aus dem Garten gepeitscht hat.

Ich saß jetzt wieder auf meinem Dachkämmerlein, hatte die hebräische

Bibel und die griechischen Unregelmäßigkeiten vor mir liegen, und auf

ihnen meine Romane. An manchem Abend habe ich dort heiße Tränen geweint

und durch die Jalousien in den Garten hinabgeschaut; denn die zuchtlose

Jungfrau sollte meinen Jammer nicht erschauen, sie sollte den Kampf

zwischen Haß und Liebe nicht auf meinem Antlitz lesen. Ich war fest

überzeugt, daß so unglücklich wie ich kein Mensch mehr sein könne, und

höchstens der unglückliche _Otto von Trautwangen_, als er in Frankreich

mit seinem vernünftigen, lichtbraunen Rößlein eine Höhle bewohnte,

konnte vielleicht so kummervoll gewesen sein wie ich.

Aber das Maß meines Leidens war noch nicht voll; hören Sie, wie aus

entwölkter Höhe mich ein zweiter Donner traf.

Der alte Rektor hatte seinen Schülern ein Thema zu einem Aufsatz

gegeben, worin wir die Frage beantworten sollten, _wen wir für den

größten Mann Deutschlands halten_? Es sollte sein Wert geschichtlich

nachgewiesen, Gründe für und wider angegeben und überhaupt alles recht

gelehrt abgemacht werden. Ich hatte, wie ich Ihnen schon bemerkt habe,

meine Herren, immer einen harten Kopf, und Aufsätze mit Gründen waren

mir von jeher zuwider gewesen, ich hatte also auch immer mittelmäßige

oder schlechte Arbeit geliefert. Aber für diese Arbeit war ich ganz

begeistert, ich fühlte eine hohe Freude in mir, meine Gedanken über die

großen Männer meines Vaterlandes zu sagen und meine Ideale (und wer hat

in diesen Jahren nicht solche?) in gehöriges Licht setzen zu können.

Geschichtlich sollte das Ding abgefaßt werden. Was war leichter für

mich als dies? Jetzt erst fühlte ich den Nutzen meines eifrigen Lesens.

Wo war einer, der so viele Geschichten gelesen hatte als ich? Und

wer, der irgend einmal diese Bücher der Geschichten in die Hand nahm,

wer konnte in Zweifel sein, wer die größten Männer meines Vaterlandes

seien? Zwar war ich noch nicht ganz mit mir selbst im reinen, wem ich

die Krone zuerkennen sollte. _Hasper a Spada?_ Es ist wahr, es war

ein Tapferer, der Schrecken seiner Feinde, die Liebe seiner Freunde.

Aber, wie die Geschichte sagt, war er doch etwas sehr dem Trinken

ergeben, und dies war doch schon eine Schlacke in seinem fürtrefflichen

Charakter. _Adolf der Kühne, Raugraf von Dassel?_ Er hatte schon etwas

mehr von einem großen Mann. Wie schrecklich züchtigt er die Pfaffen!

Wenn er nur nicht in der Historie nach Rom wandeln und Buße tun müßte,

aber dies schwächt doch sein majestätisches Bild. Es ist wahr, _Otto

von Trautwangen_ glänzt als ein Stern erster Größe in der deutschen

Geschichte, dachte ich weiter; aber auch er scheint doch nicht der

größte gewesen zu sein, wiewohl seine Frömmigkeit, die sehr in Anschlag

zu bringen ist, jeden Zauber überwand.

Island gehörte wohl auch zum Deutschen Reich; wahrhaftig unter allen

deutschen Helden ist doch keiner, der dem _Thiodolf_ das Wasser reicht.

Stark wie Simson, ohne Falsch wie eine Taube, fromm wie ein Lamm, im

Zorn ein _Berserker_, es kann nicht fehlen, er ist der größte Deutsche.

Ich setzte mich hin und schrieb voll Begeisterung diese Rangordnung

nieder. Wohl zehnmal sprang ich auf, meine Brust war zu voll, ich

konnte nicht alles sagen, die Feder, die Worte versagten mir, wohl

zehnmal las ich mir mit lauter Stimme die gelungensten Stellen vor. Wie

erhaben lautete es, wenn ich von der Stärke des Isländers sprach, wie

er einen Wolf zähmte, wie er in Konstantinopel ein Pferd nur ein wenig

auf die Stirne klopfte, daß es auf der Stelle tot war, wie großmütig

verschmäht er alle Belohnung, ja, er schlägt einen Kaiserthron aus, um

seiner Liebe treu zu bleiben, wie kindlich fromm ist er, obgleich er

die christliche Religion nicht recht kannte; wie schön beschrieb ich

alles, ja, es mußte das harte Herz des alten Rektors rühren!

Ich konnte mir denken, wie er meine Arbeit mit steigendem Beifall

lesen, wie er morgens in die Klasse kommen würde, um unsere Aufsätze zu

zensieren. Dann sendet er gewiß einen milden, freundlichen Blick nach

dem letzten Platze, wohin er sonst nur wie ein brüllender Löwe schaute,

dann liest er meine Arbeit laut vor und spricht: ›Kann man etwas

Gelungeneres lesen als dies, und ratet, wer es gemacht hat? Die Letzten

sollen die Ersten werden. Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,

soll zum Eckstein werden. Tritt hervor, mein Sohn, ~Garnmachere~! Ich

habe immer gesagt, du seiest ein ~bête~, konnte ich ahnen, daß du mit

so vielem Eifer Geschichten studierst? Nimm hin den Preis, der dir

gebührt.‹

So mußte er sagen, er konnte nicht anders, ohne das schreiendste

Unrecht zu tun. Eifrig schrieb ich jetzt meinen Aufsatz ins Reine. Um

zu zeigen, daß ich auch in den neueren Geschichten nicht unbewandert

sei, sagte ich am Schluß, daß ich nach Erfindung des Pulvers den

_deutschen Alkibiades_ und zunächst ihm _Hermann von Nordenschild_ für

die größten Männer halte. Man könne ihnen den _Ritter Euros_, welcher

nachher als Domschütz mit seinen Gesellen so großes Aufsehen gemacht

habe, was die Tapferkeit betreffe, vielleicht an die Seite stellen,

doch stehen jene beiden auf einem viel höheren Standpunkt.

Ich brachte dem Rektor triumphierend den Aufsatz und mußte ihm beinahe

ins Gesicht lachen, als er mürrisch sagte: ›Er wird wieder ein schönes

Geschmier haben, Garnmacher!‹

›Lesen Sie, und dann -- richten Sie,‹ gab ich ihm stolz zur Antwort und

verließ ihn.

Wenn in Ihrem Vaterlande, Mylord, eine Preisfrage gestellt würde

über den würdigsten englischen Theologen, und es würden in einer

gelehrten, mit Phrasen wohldurchspickten Antwort die Vorzüge des ~Vicar

of Wakefield~ dargetan, wer würde da nicht lachen? Wenn Sie, werter

Marquis, nach der würdigsten Dame zu den Zeiten Louis' XIV. gefragt

würden, und Sie priesen die _neue Heloise_, würde man Sie nicht für

einen Rasenden halten? Hören Sie, welche Torheit ich begangen hatte!

Der Samstag, an welchem man unsere Arbeiten gewöhnlich zensierte,

erschien endlich. So oft dieser Tag sonst erschienen war, war er mir

ein Tag des Unglücks gewesen. Gewöhnlich schlich ich mich da mit

Herzklopfen zur Schule, denn ich durfte gewiß sein, wegen schlechter

Arbeit getadelt, öffentlich geschmäht zu werden. Aber wieviel stolzer

trat ich heute auf, ich hatte meinen besten Rock angezogen, den

schönsten, feingestickten Hemdkragen angelegt, mein wallendes Haar war

zierlich gescheitelt und gelockt, ich sah stattlich aus und gestand

mir, ich sei auch im Aeußern des Preises nicht unwürdig, welcher mir

heute zuteil werden sollte.

Der Rektor fing an, die Aufsätze zu zensieren. Wie ärmliche, obskure

Helden hatten sich meine Mitschüler gewählt: Hermann, Karl den Großen,

Kaiser Heinrich, Luther und dergleichen -- er ging viele durch, immer

kam er noch nicht an meine Arbeit. Ja, es war offenbar, meine Helden

hatte er auf die Letzt aufgespart -- als die besten!

Endlich ruhte er einige Augenblicke, räusperte sich und nahm ein

Heft mit rosenfarbner Ueberdecke, das _meinige_, zur Hand. Mein Herz

pochte laut vor Freude, ich fühlte, wie sich mein Mund zu einem

triumphierenden Lächeln verziehen wollte, aber ich gab mir Mühe,

bescheiden bei dem Lob auszusehen. Der Rektor begann: ›Und nun komme

ich an eine Arbeit, welche ihresgleichen nicht hat auf der Erde. Ich

will einige Stellen daraus vorlesen!‹ Er deklamierte mit ungemeinem

Pathos gerade jene Kraftstellen, welche ich mit so großer Begeisterung

niedergeschrieben hatte. Ein schallendes Gelächter aus mehr als

vierzig Kehlen unterbrach jeden Satz, und als er endlich an den Schluß

gelangte, wo ich mit einer kühnen Wendung dem furchtbaren _Domschützen_

noch einige Blümchen gestreut hatte, erscholl Bravo! Ancora! und

die Tische krachten unter den beifalltrommelnden Fäusten meiner

Mitschüler. Der Rektor winkte Stille und fuhr fort: ›Es wäre dies eine

gelungene Satire auf die Herren Spieß und Konsorten, wenn nicht der

Verfasser selbst eine Satire auf die Menschheit wäre. Es ist unser

lieber Garnmacher. Tritt hervor, du ~Dedecus naturae~, hierher zu mir!‹

Zitternd folgte ich dem fürchterlichen Wink. Das erste war, als ich vor

ihm stand, daß er mir das rosenfarbene Heft einmal rechts und einmal

links um die Ohren schlug. Und jetzt donnerte eine Strafpredigt über

mich herab, von der ich nur soviel verstand, daß ich ein ~bête~ war und

nicht wußte, was Geschichte sei.

Es begegnet zuweilen, daß man im Traum von einer schönen blumigen

Sonnenhöhe in einen tiefen Abgrund herabfällt. Man schwindelt, indem

man die unermeßlichen Höhen herabfliegt, man fühlt die unsanfte

Erschütterung, wenn man am Boden zu liegen glaubt, man erwacht und

sieht sich mit Staunen auf dem alten Boden wieder. Die Höhe, von der

man herabstürzte, ist mit allen ihren Blütengärten verschwunden, ach,

sie war ja nur ein Traum!

So war mir damals, als mich der Rektor aus meinem Schlummer

aufschüttelte; ein tiefer Seufzer war die einzige Antwort, die ich ihm

geben konnte. Ich war arm wie jener Krösus, als er vor seinem Sieger

Cyrus stand; auch ich hatte ja alle meine Reiche verloren!!

Ich sollte bekennen, woher ich die Romane bekommen, wer mir das Geld

dazu gegeben habe. Konnte, durfte ich _sie_, die ich einst liebte,

verraten? Ich leugnete, ich hielt den ganzen Sturm des alten Mannes

aus, ich stand wie Mucius Scävola.

Der langen Rede kurzer Sinn war übrigens der, daß ich von meinem

Vater ein Attestat darüber bringen müsse, daß ich das Geld zu solchen

Allotriis von ihm habe, und überdies habe ich am nächsten Montag

vier Tage Karzer anzutreten. Verhöhnt von meinen Mitschülern, die

mir Thiodolf, deutscher Alkibiades und dergleichen nachriefen, in

dumpfer Verzweiflung ging ich nach Hause. Es war gar kein Zweifel, daß

mich mein Vater, wenn er diese Geschichte erfuhr, entweder sogleich

totschlagen oder wenigstens zum Schneiderjungen machen würde. Vor

beidem war mir gleich bange. Ich besann mich also nicht lange, band

etwas Weißzeug und einige seltene Dukaten und andere Münzen, welche

mir meine Paten geschenkt hatten, in ein Tuch, warf noch einen Kuß und

den letzten Blick nach des Nachbars Garten, sagte meinem Dachstübchen

lebewohl, und eine Viertelstunde nachher wanderte ich schon auf der

Straße nach Berlin, wo mir ein Oheim lebte, an welchen ich mich fürs

erste zu wenden gedachte.

In meinem Herzen war es öde und leer, als ich so meine Straße zog.

Meine Ideale waren zerronnen. Sie hatten also nie gelebt, diese

tapferen, frommen, liebevollen, biederen Männer, sie hatten nicht

geatmet, jene lieblichen Bilder holder Frauen. Jene bunte Welt voll

Putz und Glanz, alle jene Stimmen, die aus fernen Jahrhunderten

zu mir herübertönten, die mutigen Töne der Trompete, Rüdengebell,

Waffengeklirr, Sporenklang, süße Akkorde der Laute -- alles, alles

dahin, alles nichts als eine löschpapierene Geschichte, im Hirn eines

Poeten gehegt, in einer schmutzigen Druckpresse zur Welt gebracht!

Ich sah mich noch einmal nach der Gegend um, die ich verlassen hatte.

Die Sonne war gesunken, die Nebel der Elbe verhüllten das liebe

Dresden, nur die Spitzen der Türme ragten vergoldet vom Abendrot über

dem Dunstmeer.

So lag auch mein Träumen, mein Hoffen, Vergangenheit und Zukunft in

Nebel gehüllt, nur einzelne hohe Gestalten standen hell beleuchtet wie

jene Türme vor meiner Seele. ›Wohlan!‹ sprach ich bei mir selbst:

›-- -- ~O fortes, pejoraque passi

Mecum saepe viri, nunc cantu pellite curas,

Cras ingens iterabimus aequor.~‹

Noch einmal breitete ich die Arme nach der Vaterstadt aus, da fühlte

ich einen leichten Schlag auf die Schulter und wandte mich um. -- --«

* * * * *

Der Herausgeber ist in der größten Verlegenheit. Er hat bis auf den

Tag, an welchem er dies schreibt, dem Verleger das Manuskript zum

ersten Teil versprochen, und doch fehlt noch ein großer Teil des

letzten Abschnittes. Er ist noch nicht geweiht, die Messe ist schon

vorüber, und eine eigene über die paar Bogen lesen zu lassen, findet

sich weder ein gehöriger Vorwand, noch würde das Werkchen diese

bedeutende Ausgabe wert sein. Wir versparen daher die Fortsetzung des

Festtages in der Hölle auf den zweiten Teil und bleiben einstweilen wie

die Ochsen am Berge stehen.

Zweiter Teil.

Vorspiel,

worin von Prozessen, Justizräten die Rede, nebst einer

stillschweigenden Abhandlung: »Was von Träumen zu halten sei?«

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 4 · 第 11 / 24 段