eingedrungen zu sein? Wer kann von sich sagen, daß er mit jedem seine
Sprache, d. h. nicht seinen vaterländischen Dialekt, sondern das,
was ihm gerade geläufig und wert sein möchte, sprechen könne. Ich
glaube, wenn ich mich als reisender Koch bei ihm aufgeführt hätte, er
hätte sich mit mir in gelehrte Diskussionen über die geheimnisvolle
Komposition einer Gänseleberpastete eingelassen oder nach einer
Sekundenuhr berechnet, wie lange man ein Beefsteak auf jeder Seite
schmoren müsse.
Also über das schöne Wetter in Amerika sprachen wir, und -- siehe das
Armesündergesicht des Amerikaners hellte sich auf, die Schleusen seiner
Beredsamkeit öffneten sich -- er beschrieb den feinen, weichen Regen
von Kanada, er ließ die Frühlingsstürme von New-York brausen und pries
die Regenschirmfabriken in der Franklinstraße zu Philadelphia. Es
war mir am Ende, als wäre ich gar nicht bei Goethe, sondern in einem
Wirtshaus unter guten alten Gesellen, und es würde bei einer Flasche
Bier über das Wetter gesprochen, so menschlich, so kordial war unser
Diskurs; aber das ist ja gerade das große Geheimnis der Konversation,
daß man sich angewöhnt -- nicht gut zu _sprechen_, sondern gut zu
_hören_. Wenn man dem weniger Gebildeten Zeit und Raum gibt zu
sprechen, wenn man dabei ein Gesicht macht, als lausche man aufmerksam
auf seine Honigworte, so wird er nachher mit Enthusiasmus verkünden,
daß man sich bei dem und dem köstlich unterhalte.
Dies wußte der vielerfahrene Dichter, und statt uns von seinem
Reichtum ein Scherflein abzugeben, zog er es vor, mit uns
Witterungsbeobachtungen anzustellen.
Nachdem wir ihn hinlänglich ennuyiert haben mochten, gab er das Zeichen
zum Aufstehen, die Stühle wurden gerückt, die Hüte genommen, und wir
schickten uns an, unsere Abschiedskomplimente zu machen. Der gute Mann
ahnte nicht, daß er den Teufel zitiere, als er großmütig wünschte,
mich auch ferner bei sich zu sehen; ich sagte ihm zu und werde es
zu seiner Zeit schon noch halten, denn wahrhaftig, ich habe seinen
Mephistopheles noch nicht hinuntergeschluckt. Noch einen -- zwei
Bücklinge, wir gingen. --
Stumm und noch ganz stupid vor Bewunderung folgte mir der Amerikaner
nach dem Gasthof; die Röte des lebhaften Diskurses lag noch auf seiner
Wange, zuweilen schlich ein beifälliges Lächeln um seinen Mund, er
schien höchst zufrieden mit dem Besuch.
Auf unserem Zimmer angekommen, warf er sich heroisch auf einen Stuhl
und ließ zwei Flaschen Champagner auftragen. Der Kork fuhr mit einem
Freudenschuß an die Decke, der Amerikaner füllte zwei Gläser, bot mir
das eine und stieß an auf das Wohlsein jenes großen Dichters.
»Ist es nicht etwas Erfreuliches,« sagte er, »zu finden, so
hocherhabene Männer seien wie unsereiner. War mir doch angst und bange
vor einem Genie, das dreißig Bände geschrieben; ich darf gestehen, bei
dem Sturm, der uns auf offener See erfaßte, war mir nicht so bange;
und wie herablassend war er, wie vernünftig hat er mit uns diskuriert,
welche Freude hatte er an mir, wie ich aus dem neuen Lande kam!« Er
schenkte sich dabei fleißig ein und trank auf seine und des Dichters
Gesundheit, und von der erlebten Gnade und vom Schaumwein benebelt,
sank er endlich mit dem Entschluß, Amerikas Goethe zu werden, dem
Schlaf in die Arme.
Ich aber setzte mich zu dem Rest der Bouteillen. Dieser Wein ist von
allen Getränken der Erde der, welcher mir am meisten behagt, sein
leichter flüchtiger Geist, der so wenig irdische Schwere mit sich
führt, macht ihn würdig, von Geistern, wenn sie in menschlichen Körpern
die Erde besuchen, gekostet zu werden.
Ich mußte lächeln, wenn ich auf den seligen Schläfer blickte; wie
leicht ist es doch für einen großen Menschen, die andern Menschen
glücklich zu machen; er darf sich nur stellen, als wären sie ihm so
ziemlich gleich, und sie kommen beinahe vom Verstand.
Dies war mein Besuch bei Goethe, und wahrhaftig, ich bereute nicht, bei
ihm gewesen zu sein, denn
»Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern
Und hüte mich, mit ihm zu brechen.
Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,
So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.«
Der Festtag im Fegefeuer.
Eine Skizze.
»Das größte Glück der
Geschichtschreiber ist, daß die
Toten nicht gegen ihre Ansichten
protestieren können.«
_Welt_ und _Zeit_. I.
Achtzehntes Kapitel.
Beschreibung des Festes. Satan lernt drei merkwürdige Subjekte kennen.
Ich teile hier einen Abschnitt aus meinen Memoiren mit, welcher zwar
nicht mich selbst betrifft, den ich mir aber aufzeichnete, weil er mir
sehr interessant war und vielleicht auch anderen nicht ohne einiges
Interesse sein möchte. Er führt die Aufschrift »_Der Festtag im
Fegefeuer_«, und kam durch folgende Veranlassung zu diesem Titel. Es
ist auf der Erde bei allen großen Herren und Potentaten Sitte, ihre
Freude und ihre Trauer recht laut und deutlich zu begehen. Wenn ein aus
fürstlichem Blute stammender Leib dem Staube wiedergegeben wird, haben
die Küster im Land schwere Arbeit, denn man läutet viele Tage lang alle
Glocken. Wird eine Prinzessin oder gar ein Stammhalter geboren, so
verkündet schrecklicher Kanonendonner diese Nachricht. Landesväterliche
oder landesmütterliche Geburtstage werden mit allem möglichen Glanz
begangen. Die Bürgermilizen rücken aus, die Honoratioren halten einen
Schmaus, abends ist Ball oder doch wenigstens in den Landstädtchen
~bière dansante~. Kurz, alles lebt ~in dulci jubilo~ an solchen Tagen.
Um nun meiner guten _Großmutter_ eine Ehre zu erweisen, hielt ich es
auch schon seit mehreren Jahrhunderten so. Im Fegefeuer, wo sie sich
gewöhnlich aufhält, ist immer an diesem Tage allgemeine Seelenfreiheit.
Die Seelen bekommen diesen Tag über den Körper, den sie auf der
Oberfläche hatten, ihre Kleider, ihre Gewohnheiten, ihre Sitten. Was
von Adel da ist, muß Deputationen zum Handkuß der Alten schicken (~in
pleno~ können sie nicht vorgelassen werden, weil sonst die Prozession
einige Tage lang dauerte). Ehemalige Hofmarschälle, Kammerherren usw.
haben den großen Dienst und schätzen es sich zur Ehre, die Honneurs zu
machen, die Festlichkeiten zu leiten, die Touren bei den Bällen, welche
abends gegeben werden, zu arrangieren usw.
Ich erfülle durch diese Festlichkeiten einen doppelten Zweck. _Einmal_
fühlt sich ~chère grande-mama~ ungemein geschmeichelt durch diese
Aufmerksamkeit, zweitens gelte ich unter den Seelen für einen honetten
Mann, der ihnen auch ein Vergnügen gönnt, drittens macht dieser einzige
Tag, in Freude und alten Gewohnheiten zugebracht, daß die Seelen sich
nachher um so unglücklicher fühlen, was ganz zu dem Zweck einer solchen
Anstalt, wie das Fegefeuer ist, paßt.
An einem solchen Festtag gehe ich dann verkleidet durch die Menge.
Manchmal erkennt man mich zwar, ein tausendstimmiges: »Vivat der Herr
Teufel!« »~Vive le diable!~« erfreut dann mein landesväterliches Herz;
doch weiß ich wohl, daß es nicht weniger erzwungen ist, als ein _Hurra_
auf der Oberwelt, denn sie glauben, ich drücke sie noch mehr, wenn sie
_nicht_ schreien.
In meinem Inkognito besuche ich dann die verschiedenen Gruppen.
~Tout comme chez vous~, meine Herren, nur etwas grotesker,
Kaffeegesellschaften, Tee von allen Sorten, diplomatische,
militärische, theologische, staatswirtschaftliche, medizinische Klubs
finden sich wie durch natürlichen Instinkt zusammen, machen sich einen
guten Tag und führen ergötzliche Gespräche, die, wenn ich sie mitteilen
wollte, auf manches Ereignis neuerer und älterer Zeit ein hübsches
Licht werfen würden.
Einst trat ich in einen Saal des ~Café de Londres~ (denn nebenbei
gesagt, es ist an diesem Tag alles auf großem Fuß und höchst elegant
eingerichtet), ich traf dort nur drei junge Männer, die aber durch
ihr Aeußeres gleich meine Neugierde erweckten und mir, wenn sie
ins Gespräch miteinander kommen sollten, nicht wenig Unterhaltung
zu versprechen schienen. Ich verwandelte daher meinen Anzug in das
Kostüm eines flinken Kellners und stellte mich in den Saal, um die
Herrschaften zu bedienen.
Zwei dieser jungen Leute beschäftigten sich mit einer Partie Billard.
Ich markierte ihnen und betrachtete mir indes den dritten. Er war
nachlässig in einen geräumigen Fauteuil zurückgelehnt, seine Beine
ruhten auf einem vor ihm stehenden kleineren Stuhl, seine linke Hand
spielte nachlässig mit einer Reitgerte, sein rechter Arm unterstützte
das Kinn. Ein schöner Kopf! Das Gesicht länglich und sehr bleich. Die
Stirne hoch und frei, von hellbraunen, wohlfrisierten Haaren umgeben,
die Nase gebogen und spitzig wie aus weißem Wachs geformt, die Lippen
dünn und angenehm gezogen, das Auge blau und hell, aber gewöhnlich kalt
und ohne alles Interesse langsam über die Gegenstände hingleitend. Dies
alles und ein feiner Hut, enger oben als unten, nachlässig auf ein
Ohr gedrückt, ließen mich einen Engländer vermuten. Sein sehr feines,
blendendweißes Linnenzeug, die gewählte, überaus einfache Kleidung
konnte nur einem Gentleman, und zwar aus den höchsten Ständen, gehören.
Ich sah in meiner Liste nach und fand, es sei Lord Robert Fotherhill.
Er winkte, indem ich ihn so betrachtete, mit den Augen, weil es ihm
wahrscheinlich zu unbequem war, zu rufen. Ich eilte zu ihm und stellte
auf seinen Befehl ein großes Glas Rum, eine Havanna-Zigarre und eine
brennende Wachskerze vor ihn hin.
Die beiden anderen Herren hatten indes ihr Spiel geendigt und nahten
sich dem Tische, an welchem der Engländer saß; ich warf schnell einen
Blick in meine Liste und erfuhr, der eine sei ein junger Franzose,
Marquis de Lasulot, der andere ein Baron von Garnmacher, ein Deutscher.
Der Franzose war ein kleines untersetztes, gewandtes Männchen. Sein
schwarzes Haar und der dichtgelockte schwarze Backenbart standen
sehr hübsch zu einem etwas verbrannten Teint, hochroten Wangen und
beweglichen, freundlichen schwarzen Augen; um die vollen roten Lippen
und das wohlgenährte Kinn zog sich jenes schöne, unnachahmliche Blau,
welches den Damen so wohlgefallen soll und in England und Deutschland
bei weitem seltener als in südlichen Ländern gefunden wird, weil hier
der Bartwuchs dunkler, dichter und auch früher zu sein pflegt als dort.
Offenbar ein Inkroyabel von der ~Chaussée d'Antin~! Das elegante
Negligee, wie es bis auf die geringste Kleinigkeit hinaus der
eigensinnige Geschmack der Pariser vor vier Monaten (so lange mochte
der junge Herr bereits verstorben sein) haben wollte. Von dem mit
zierlicher Nachlässigkeit umgebundenen ostindischen Halstuch,
dem kleinen blaßroten Schal mit einer Nadel ~à la Duc de Berry~
zusammengehalten, bis herab auf die Gamaschen, die man damals seit drei
Tagen nach innen zuknöpfte, bis auf die Schuhe, die, um als modisch
zu gelten, an den Spitzen nach dem großen Zehen sich hinneigen und
ganz ohne Absatz sein mußten, ich sage: bis auf jene Kleinigkeiten,
die einem Uneingeweihten geringfügig und miserabel, einem, der in
die Mysterien hinlänglich eingeführt ist, wichtig und unumgänglich
notwendig erscheinen, war er gewissenhaft nach dem neuesten »Geschmack
für den Morgen« angezogen.
Er schien soeben erst seinem Jean die Zügel seines Kabrioletts in die
Hand gedrückt, die Peitsche von geglättetem Fischbein kaum in die Ecke
des Wagens gelehnt zu haben und jetzt in mein Café hereingeflogen zu
sein, mehr um gesehen zu werden, als zu sehen, mehr zu schwatzen, als
zu hören.
Er lorgnettierte flüchtig den Gentleman im Fauteuil, schien sich an dem
ungemeinen Rumglas und dem Rauchapparat, den jener vor sich hatte, ein
wenig zu entsetzen, schmiegte sich aber nichtsdestoweniger an die Seite
Seiner Lordschaft und fing an zu sprechen:
»Werden Sie heute abend den Ball besuchen, mein Herr, den uns
~Monseigneur le Diable~ gibt? Werden viel Damen dort sein, mein Herr?
Ich frage, ich bitte Sie, weil ich wenig Bekanntschaft hier habe.«
»Mein Herr, darf ich Ihnen vielleicht meinen Wagen anbieten, um uns
beide hinzuführen? Es ist ein ganz honettes Ding, dieser Wagen, habe
ich die Ehre, Sie zu versichern, mein Herr; er hat mich bei Latonnier
vor vier Monaten achtzehnhundert Franken gekostet. Mein Herr, Sie
brauchen keinen Bedienten mitzunehmen, wenn ich die Ehre haben sollte,
Sie zu begleiten, mein Jean ist ein Wunderkerl von einem Bedienten.«
So ging es im Galopp über die Zunge des Inkroyabel. Seine Lordschaft
schien sich übrigens nicht sehr daran zu erbauen. Er sah bei den ersten
Worten den Franzosen starr an, richtete dann den Kopf ein wenig auf,
um seine rechte Hand frei zu machen, ergriff mit dieser -- die erste
Bewegung seit einer halben Stunde -- das Kelchglas, nippte einige Züge
Rum, rauchte behaglich seine Zigarre an, legte den Kopf wieder auf die
rechte Hand und schien dem Franzosen mehr mit dem Auge als mit dem Ohr
zuzuhören und auch auf diese Art antworten zu wollen, denn er erwiderte
auch nicht _eine_ Silbe auf die Einladung des redseligen Franzosen und
schien, wie sein Landsmann Shakespeare sagt, »der Zähne doppelt Gatter«
vor seine Sprachorgane gelegt zu haben.
Der Deutsche hatte sich während dieses Gespräches dem Tische genähert,
eine höfliche Verbeugung gemacht und einen Stuhl dem Lord gegenüber
genommen. Man erlaube mir, auch ihn ein wenig zu betrachten. Er war,
was man in Deutschland einen _gewichsten jungen Mann_ zu nennen
pflegt, ein Stutzer; er hatte blonde, in die Höhe strebende Haare, an
die etwas niedere Stirne schloß sich ein allerliebstes Stumpfnäschen,
über dem Mund hing ein Stutzbärtchen, dessen Enden hinaufgewirbelt
waren, seine Miene war gutmütig, das Auge hatte einen Ausdruck von
Klugheit, der wie gut angebrachtes Licht auf einem grobschattierten
Holzschnitt keinen üblen Effekt hervorbrachte.
Seine Kleidung, wie seine Sitten schien er von verschiedenen Nationen
entlehnt zu haben. Sein Rock mit vielen Knöpfen und Schnüren war
polnischen Ursprungs; er war auf russische Weise auf der Brust vier
Zoll hoch wattiert, schloß sich spannend über den Hüften an und
formierte die Taille so schlank als die einer hübschen Altenburgerin;
er hatte ferner enge Reithosen an, weil er aber nicht selbst ritt, so
waren solche nur aus dünnem Nanking verfertigt, aus eben diesem Grund
mochten auch die Sporen mehr zur Zierde und zu einem wohltönenden,
Aufmerksamkeit erregenden Gang, als zum Antreiben eines Pferdes dienen.
Ein feiner italienischer Strohhut vollendete das gewählte Kostüm.
Ich sehe es einem gleich bei der Art, wie er den Stuhl nimmt und sich
niedersetzt, an, ob er viel in Zirkeln lebt, wo auch die kleinste
Bewegung von den Gesetzen des Anstandes und der feinen Sitte geleitet
wird; der Stutzer setzte sich passabel, doch bei weitem nicht mit jener
feinen Leichtigkeit wie der Franzose, und der Engländer zeigte selbst
in seiner nachlässigen, halb sitzenden, halb liegenden Stellung mehr
Würde als jener, der sich so gut aufrecht hielt, als es nur immer ein
Tanzmeister lehren kann.
Diese Bemerkungen, zu welchen ich vielleicht bei weitem mehr Worte
verwendet habe, als es dem Leser dieser Memoiren nötig scheinen möchte,
machte ich in einem Augenblick, denn man denke sich nicht, daß der
junge Deutsche mir so lange gesessen, bis ich ihn gehörig abkonterfeit
hatte.
Der Marquis wandte sich sogleich an seinen neuen Nachbar. »Mein Gott,
Herr von Garnmacker,« sagte er, »ich möchte verzweifeln; der englische
Herr da scheint mich nicht zu verstehen, und ich bin seiner Sprache
zu wenig mächtig, um die Konversation mit gehöriger Lebhaftigkeit zu
führen; denn ich bitte Sie, mein Herr, gibt es etwas Langweiligeres,
als wenn drei schöne junge Leute beieinander sitzen und keiner den
andern versteht?«
»Auf Ehre, Sie haben recht,« antwortete der Stutzer in besserem
Französisch, als ich ihm zugetraut hätte; »man kann sich zur Not
denken, daß ein Türke mit einem Spanier Billard spielt, aber ich sehe
nicht ab, wie wir unter diesen Umständen mit dem Herrn plaudern können.«
»~J'ai bien compris, Messieurs~,« sagte der Lord ganz ruhig neben
seiner Zigarre vorbei und nahm wieder einigen Rum zu sich.
»Ist's möglich, Mylord?« rief der Franzose vergnügt, »das ist sehr gut,
daß wir uns verstehen können! Markeur, bringen Sie mir Zuckerwasser! O,
das ist vortrefflich, daß wir uns verstehen, welch schöne Sache ist es
doch um die Mitteilung, selbst an einem Ort wie dieser hier.«
»Wahrhaftig, Sie haben recht, Bester,« gab der Deutsche zu; »aber
wollen wir nicht zusammen ein wenig umherschlendern, um die schöne Welt
zu mustern? Ich nenne Ihnen schöne Damen von Berlin, Wien, von allen
möglichen Städten meines Vaterlandes, die ich bereist habe; ich hatte
oben große Bekanntschaften und Konnexionen und darf hoffen, an diesem
verfl... Orte manche zu treffen, die ich zu kennen das Glück hatte;
Mylord nennt uns die Schönen von London, und Sie, teuerster Marquis,
können uns hier Paris im kleinen zeigen.«
»Gott soll mich behüten!« entgegnete eifrig der Franzose, indem er nach
der Uhr sah, »jetzt um diese frühe Stunde wollen Sie die schöne Welt
mustern?«
»Meinen Sie, mein Herr, ich habe in diesem ~détestable purgatoire~ so
sehr allen guten Ton verlernt, daß ich jetzt auf die Promenade gehen
sollte?«
»Nun, nun,« antwortete der Stutzer, »ich meine nur, im Fall wir nichts
Besseres zu tun wüßten. Sind wir denn nicht hier wie die drei Männer im
Feuerofen? Sollen wir wohl ein Loblied singen wie jene? Doch wenn es
Ihnen gefällig ist, mein Herr, uns einen Zeitvertreib vorzuschlagen, so
bleibe ich gerne hier.«
»Mein Gott,« entgegnete der Inkroyabel, »ist dies nicht ein so
anständiges Café, als Sie in ganz Deutschland keines haben? Und fehlt
es uns an Unterhaltung? Können wir nicht plaudern, soviel wir wollen?
Sagen Sie selbst, Mylord, ist es nicht ein gutes Haus, kann man diesen
Salon besser wünschen? Nein! ~Monsieur le Diable~ hat Geschmack in
solchen Dingen, das muß man ihm lassen.«
»~Une comfortable maison!~« murmelte Mylord und winkte dem Franzosen
Beifall zu. »~Et ce salon comfortable.~«
»Gute Tafel, mein Herr?« fragte der Marquis. »Nun, die wird auch da
sein, ich denke mir, man speist wohl nach der Karte? Aber meine Herren,
was sagen Sie dazu, wenn wir uns zur Unterhaltung gegenseitig etwas
aus unserem Leben erzählen wollten? Ich höre so gerne interessante
Abenteuer, und Baron Garnmacker hat deren wohl so viele erlebt als
Mylord?«
»~Goddam!~ das war ein vernünftiger Einfall, mein Herr,« sagte der
Engländer, indem er mit der Reitgerte auf den Tisch schlug, die Füße
von dem Stuhl herabzog und sich mit vieler Würde in dem Fauteuil
zurecht setzte; »noch ein Glas Rum, Markeur!«
»Ich stimme bei,« rief der Deutsche, »und mache Ihnen über Ihren
glücklichen Gedanken mein Kompliment, Herr von Lasulot. -- Eine Flasche
Rheinwein, Kellner! -- Wer soll beginnen zu erzählen?«
»Ich denke, wir lassen dies das Los entscheiden,« antwortete Lord
Fotherhill, »und ich wette fünf Pfund, der Marquis muß beginnen.«
»Angenommen, mein Herr,« sagte mit angenehmem Lächeln der Franzose;
»machen Sie die Lose, Herr Baron, und lassen Sie uns ziehen, Nummer
zwei soll beginnen.«
Baron Garnmacher stand auf und machte die Lose zurecht, ließ ziehen,
und die zweite Nummer fiel auf ihn selbst.
Ich sah den Franzosen dem Lord einen bedeutenden Wink zuwerfen, indem
er, das linke Auge zugedrückt, mit dem rechten auf den Deutschen
hinüber deutete; ich übersetzte mir diesen Wink so: »Geben Sie einmal
acht, Mylord, was wohl unser ehrlicher Deutscher vorbringen mag. Denn
wir beide sind schon durch den Rang unserer Nationen weit über ihn
erhaben.«
Baron von Garnmacher schien aber den Wink nicht zu beachten; mit großer
Selbstgefälligkeit trank er ein Glas seines Rheinweins, wischte in der
Eile den Stutzbart mit dem Rockärmel ab und begann:
Neunzehntes Kapitel.
Geschichte des deutschen Stutzers.
»Als mein Großvater, der kaiserlich-königlich --«
»Ich bitte Sie, mein Herr,« unterbrach ihn der Inkroyabel, »verschonen
Sie uns mit dem Großpapa, und fangen Sie gleich bei Ihrem Vater an: was
war er?«
»Nun ja, wenn es Ihnen so lieber ist, aber ich hätte mich gerne bei dem
Glanz unserer Familie länger verweilt; mein Vater lebte in Dresden auf
einem ziemlich großen Fuß --«
»Was war er denn, der Herr Papa? Sie verzeihen, wenn ich etwas zu
neugierig erscheine, aber zu einer Geschichte gehört Genauigkeit.«
»Mein Vater,« fuhr der Stutzer etwas mißmutig fort, »war
Kleiderfabrikant en gros --«
»Wie,« fragte der Lord, »was ist Kleiderfabrikant? Kann man in
Deutschland Kleider in Fabriken machen?«
»Hol' mich der Teufel, wie er schon getan!« rief der Stutzer unwillig
und stieß das Glas auf den Tisch; »das ist nicht die Art, wie man seine
Biographie erzählen kann, wenn man alle Augenblicke von kritischen
Untersuchungen unterbrochen wird; mein Vater hatte ein Haus am Markt,
darin hatte er ein Atelier und hielt Arbeiter, welche Kleider für die
Leute machten!«
»~Mon Dieu!~ also war er, was wir ~Tailleur~ nennen? ein Schneider?«
»Nun in Gottes Namen! nennen Sie es, wie Sie wollen, kurz, er hatte die
Welt gesehen, machte ein Haus, und wenn er auch nicht den Adel und die
ersten Bürger in seinen Soirees sah, so war doch ein gewisser guter
Ton, ein gewisser Anstand, ein gewisses, ich weiß nicht was, kurz, es
war ein ganz anständiger Mann, mein Papa.«
Mich selbst erfaßte der Lachkitzel, als ich den ~Garçon tailleur~ so
perorieren hörte, doch faßte ich mich, um den Markeur nicht aus der
Rolle fallen zu lassen. Der Marquis aber hatte sich zurückgelehnt und
wollte sich ausschütten vor Lachen, der Engländer sah den Stutzer
forschend an, unterdrückte ein Lächeln, das seiner Würde schaden
konnte, und trank Rum; der deutsche Baron aber fuhr fort:
»Sie hätten mich, meine Herren, auf der Oberwelt in Daumenschrauben
pressen können, und ich hätte meine Maske nicht vor Ihnen abgenommen.
Hier ist es ein ganz anderes Ding; wer kümmert sich an diesem
schlechten Ort um den ehemaligen Baron von Garnmacher? Darum verletzt
mich auch Ihr Lachen nicht im geringsten, im Gegenteil, es macht mir
Vergnügen, Sie zu unterhalten!«
»Ah! ~ce noble trait!~« rief der Inkroyabel und wischte sich die Tränen
aus dem Auge. »Reichen Sie mir die Hand und lassen Sie uns Freunde
bleiben. Was geht es mich an, ob Ihr Vater ~Duc~ oder ~Tailleur~ war.
Erzählen Sie immer weiter, Sie machen es gar zu hübsch.«
»Ich genoß eine gute Erziehung, denn meine Mutter wollte mich durchaus
zum Theologen machen, und weil dieser Stand in meinem Vaterland der
eigentlich privilegierte Gelehrtenstand ist, so wurde mir in meinem
siebenten Jahre ~Mensa~, in meinem achten ~Amo~, in meinem zehnten
τυπτω, in meinem zwölften ~Pakat~ eingebläut. Sie können sich denken,
daß ich bei dieser ungemeinen Gelehrsamkeit keine gar angenehmen Tage
hatte; ich hatte, was man einen harten Kopf nennt: das heißt, ich ging
lieber aufs Feld, hörte die Vögel singen oder sah die Fische den Fluß
hinabgleiten, sprang lieber mit meinen Kameraden, als daß ich mich
oben in der Dachkammer, die man zum Musensitz des künftigen Pastors
eingerichtet hatte, mit meinem Bröder, Buttmann, Schröder, und wie die
Schrecklichen alle heißen, die den Knaben mit harten Köpfen wie böse
Geister erscheinen, abmarterte.