Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern

Und hüte mich, mit ihm zu brechen.

Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,

So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.

_Goethe._

Sechzehntes Kapitel.

Bemerkungen über das Diabolische in der deutschen Literatur.

»Die Idee eines Teufels ist so alt als die Welt und nicht erst durch

die Bibel unter die Menschen gekommen. Jede Religion hat ihre Dämonen

und bösen Geister -- natürlich weil die Menschen selbst von Anfang an

gesündigt haben und nach ihrem gewöhnlichen Anthropomorphismus das

Böse, das sie sahen, einem Geiste zuschrieben, dessen Geschäft es sei,

überall Unheil anzurichten.« So würde ich ungefähr sprechen, wenn ich

es zum Professor der Philosophie gebracht hätte und nun über die _Idee

eines Teufels_ mich breit machen müßte.

In meiner Stellung aber lache ich über solche Demonstrationen, die

gewöhnlich darauf auslaufen, daß man mich mit zehnerlei Gründen hinweg

zu disputieren sucht; ich lache darüber und behaupte, die Menschen, so

dumm sie hie und da sein mögen, merken doch bald, wenn es nicht _ganz

geheuer um sie her ist_, und mögen sie mich nun Ahriman oder das böse

Prinzip, Satan oder Herr Urian nennen, sie kennen mich in allen Völkern

und Sprachen. Es ist doch eine schöne Sache um das »~dicier hic est~«,

darum behagt mir auch die deutsche Literatur so sehr. Haben sich nicht

die größten Geister dieser Nation bemüht, mich zu verherrlichen und,

wenn ich's nicht schon wäre, mich ewig zu machen?

In meiner ~Dissertatio de rebus diabolicis~ sage ich unter anderem

folgendes: »§ 8. _Die Idee, das moralische Verderben in einer Person

darzustellen, mußte sich daher den Dichtern bald aufdrängen_; diese

waren, wie es in Deutschland meistens der Fall war, philosophisch

gebildet, doch war ihre Philosophie wie ihre Moral von jener breiten,

dicken Sorte, die nicht mit Leichtigkeit über Gegenstände hinzugleiten

weiß; daher kam es, daß auch die Gebilde ihrer Phantasie jenes

philosophische Blei an den Füßen trugen, das sie nicht mit Gewandtheit

auftreten ließ; sie stolperten auf die Bühne und von der Bühne und

machten sich breit in Philosophemen, die der zehnte nicht sogleich

verstand, und drehten und wandten sich, als sollten sie auf einer engen

Brücke ohne Geländer in Reifröcken einander ausweichen.

Daher kam es, daß auch die Teufel dieser Poeten gänzlich verzeichnet

waren. Betrachten wir z. B. Klingers Satan. Wie vielen Bombast

hat dieser arme Teufel zuerst in der Hölle und dann auf der Erde

herzuleiern!

Klingemanns Teufel! Glaubt man nicht, er habe ihn nur geschwind aus dem

Puppenspiel von der Straße geholt, ihm die Glieder ausgereckt, bis er

die rechte Größe hatte, und ihn dann in die Szene gesetzt? Man begreift

nicht, wie ein Mensch sich von einem solchen Ungetüm sollte verführen

lassen.«

Es gibt noch mehrere solcher literarischen Ungetüme, die hier

aufzuführen der Raum nicht erlaubt. Sie alle haben mir von jeher

viel Spaß gemacht und ich kam mir oft vor, wie der Pulcinell des

italienischen Lustspiels; ich war bei diesen Leuten eine stehende

Figur, die, wenn auch etwas anders aufgeputzt, doch immer wieder die

Hörner herausstreckte, und unter welche man zu besserer Kenntnis ein

~Ecce homo~, sehet, das ist der Teufel, schrieb.

Doch auch dem Teufel muß man Gerechtigkeit widerfahren lassen, sagt ein

Sprichwort, folglich muß der Teufel zur Revanche auch wieder gerecht

sein. »Ein jeder gibt, wie er's kann,« fuhr ich in der Dissertation

fort, »und wie sich in jenen Poeten das moralische Verderben bei jedem

wieder in andern Reflexen abspiegelte, so gaben sie auch ihre Teufel.

Daher kommt es, daß Herr Urian bei Klopstock wieder bei weitem anders

aussieht.

Jener Abbadona ist ein gefallener Engel, dem das höllische Feuer die

Flügel versengte, der sich aber auch jetzt noch nobel und würdig

ausnehmen soll. Aber leider ist dieser Zweck doch ein wenig verfehlt,

mir wenigstens kommt dieser Klopstockische Gottseibeiuns vor wie ein

Elegant, der, wegen Unarten aus den Salons verwiesen, sich in den

Tabagien und spießbürgerlichen Klubs nicht recht zu finden weiß und

darum unanständig jammert.«

So ungefähr sprach ich mich in jener gelehrten Dissertation aus, und

ich gebe noch heute zu, daß die Auffassung wie jeder Idee, so auch der

des Teufels sich nach den individuellen Ansichten des Dichters über

das Böse richten muß; dies alles aber entschuldigt keineswegs jenen

berühmten Mann, der, kraft seines umfassenden Genies, nicht den engen

Grenzen seines Vaterlandes oder der Spanne Zeit, in welcher er lebt,

sondern der Erde und künftigen Jahrhunderten angehören könnte, es

entschuldigt ihn nicht darin, daß er einen so schlechten Teufel zur

Welt gebracht hat.

Der _Goethesche Mephistopheles_ ist eigentlich nichts anders als

jener gehörnte und geschwänzte Popanz des Volkes. Den Schweif hat er

aufgerollt und in die Hosen gesteckt, für die Bocksfüße hat er elegante

Stiefel angezogen, die Hörner hat er unter dem Barett verborgen --

siehe da den Teufel des großen Dichters! Man wird mir einwenden,

das gerade ist ja die große Kunst des Mannes, daß er tausend Fäden

zu spinnen weiß, durch die er seine kühnen Gedanken, seine hohen

überschwenglichen Ideen an das Volksleben, an die Volkspoesie knüpft.

-- Halt, Freund! Ist es eines Mannes, der, wie sie sagen, so hoch über

seinem Gegenstand steht und sich nie von ihm beherrschen läßt, ist

es eines solchen Dichters würdig, daß er sich in diese Fesseln der

Popularität schmiegt? Sollte nicht der königliche Adler dieses Volk bei

seinem populären Schopf fassen und mit sich in seine Sonnenhöhe tragen?

Verzeihe, Wertester, erhalte ich zur Antwort, du vergissest, daß unter

diesem Volke mancher eine Perücke trägt; würde ein solcher nicht in

Gefahr sein, daß ihm der Zopf breche und er aus halber Höhe wieder

zur Erde stürzt? Siehe! der Meister hat dies besser bedacht; er hat

aus jenen tausend Fäden, von welchen ich dir sagte, eine Strickleiter

geflochten, auf welcher seine Jünger säuberlich und ohne Gefahr zu ihm

hinaufklimmen. Der Meister aber setzet sie zu sich in seine Arche,

gleich Noah schwebt er mit ihnen über der Sintflut jetziger Zeit und

schaut ruhig wie ein Gott in den Regen hinaus, der aus den Federn der

kleinen Poeten strömt.

Ein wässeriges Bild! entgegne ich, und zugleich eine Sottise; befand

sich denn in jener Arche nicht mehr Vieh als Menschen? Und will der

Meister warten, bis die Flut sich verlaufe, und dann seine Stierlein

und Eselein, seine Pfauen und Kamele, Paar und Paar auf die Erde

spazieren lassen?

Will er vielleicht, wie jener Patriarch, die Erfindung des Weines sich

zuschreiben, sich ein Patent darüber ausstellen lassen und über seine

Schenke schreiben: »Hier allein ist Echter zu haben,« wie Maria Farina

auf sein kölnisches Wasser, so für alle Schäden gut ist?

Aber, um wieder auf den Mephistopheles zu kommen; gerade dadurch, daß

er einen so überaus populären und gemeinen Teufel gab, hat Goethe

offenbar nichts für die Würde seines schönsten Gedichtes gewonnen. Er

wird zwar viele Leser herbeiziehen, dieser Mephisto, viele Tausende

werden ausrufen: »Wie herrlich! das ist der Teufel, wie er leibt und

lebt.« Um die übrigen Schönheiten des Gedichtes bekümmern sie sich

wenig, sie sind vergnügt, daß es endlich einmal eine Figur in der

Literatur gibt, die ihrer Sphäre angemessen ist.

»Aber erkennst du denn nicht,« wird man mir sagen, »erkennst du nicht

die herrliche, tiefe Ironie, die gerade in diesem Mephistopheles liegt?«

Ironie? Und welche? Ich sehe nichts in diesem meinem Konterfei als

den gemeinen Ritter von dem Pferdefuß, wie er in jeder Spinnstube

beschrieben wird. Man erlaube mir, dieses Bild noch näher zu

beleuchten. Ich werde nämlich vorgestellt als ein Geist, der beschworen

werden kann, der sich nach magischen Gesetzen richten muß:

»Gesteh' ich's nur! Daß ich hinausspaziere,

Verbietet mir ein kleines Hindernis,

Der Drudenfuß auf Eurer Schwelle;«

und dieser Schwelle Zauber zu zerspalten,

»Bedarf ich eines Rattenzahns;«

daher befiehlt:

»Der Herr der Ratten und der Mäuse,

Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse«

in einer Zauberformel seinem dienstbaren Ungeziefer, die Kante, welche

ihn bannte, zu benagen. Auch kann ich nicht in das Studierzimmer

treten, ohne daß der Doktor Faust dreimal »Herein!« ruft. In andere

Zimmer, wie z. B. bei Frau Martha und in Gretchens Stübchen, trete

ich ohne diese Erlaubnis. Doch den Schlüssel zu diesen sonderbaren

Zumutungen finden wir vielleicht in dem Vers:

»Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,

Es müsse sich dabei auch etwas denken lassen!«

Doch weiter. --

Ich stehe auf einem ganz besondern Fuß mit den Hexen. Die in der

Hexenküche hätte mich gewiß liebevoller empfangen, aber sie sah keinen

Pferdefuß, und um mich bei ihr durch mein Wappen zu legitimieren, mache

ich eine unanständige Gebärde.

»Mein Freund, das lerne wohl verstehen,

Das ist die Art, mit Hexen umzugehen.«

Auf dem Brocken in der Walpurgisnacht bin ich noch viel besser bekannt.

Das Gehen behagt mir nicht, ich sage daher zum Doktor:

»Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?

Ich wünschte mir den allerderbsten Bock.«

Auch hier

»Zeichnet mich kein Knieband aus,

Doch ist der Pferdefuß hier ehrenvoll zu Haus.«

Um unter diesem gemeinen Gelichter mich recht zu zeigen, tanze ich mit

einer alten Hexe und unterhalte mich mit ihr in Zoten, die man nur

durch Gedankenstriche

»Der hatt' ein -- -- -- --

So -- es war, gefiel mir's doch«

anzudeuten wagt.

Ich bin selbst in Fausts Augen ein widerwärtiger, hämischer Geselle, der

»-- -- kalt und frech

Ihn vor sich selbst erniedrigt.«

Ich bin ohne Zweifel von häßlicher unangenehmer Gestalt und Gesicht,

zurückstoßend, was man, mit mildem Ausdruck, markiert, intrigant, und

im gemeinen Leben einen abgefeimten Spitzbuben zu nennen pflegt.

Daher sagt Gretchen von mir:

»Der Mensch, den du da bei dir hast,

Ist mir in tiefer, inn'rer Seele verhaßt.

Es hat mir in meinem Leben

So nichts einen Stich ins Herz gegeben

Als des Menschen widrig Gesicht. --

Seine Gegenwart bewegt mir das Blut,

Ich hab' vor dem Menschen ein heimlich Grauen. --

-- Kommt er einmal zur Tür herein,

Sieht er immer so spöttisch drein

Und halb ergrimmt. --

Es steht ihm an der Stirn geschrieben,

Daß er nicht mag eine Seele lieben etc.«

Daher sage ich auch nachher:

»Und die Physiognomie versteht sie meisterlich,

In meiner Gegenwart wird's ihr, sie weiß nicht, wie;

Mein _Mäskchen_ da weissagt verborgnen Sinn,

Sie fühlt, daß ich ganz sicher ein Genie,

Vielleicht wohl gar der Teufel bin.«

Soll das bei Gretchen Ahnung sein? Ist sie befangen in der Nähe eines

Wesens, das, wie man sagt, ihren Gott verleugnet? Ist es etwa ein

unangenehmer Geruch, eine schwüle Luft, die ihr meine Nähe ängstlich

macht? Ist es kindlicher Sinn, der den Teufel früher ahnet als der

schon gefallene Mensch; wie Hunde und Pferde vor nächtlichem Spuk

scheuen, wenn sie ihn auch nicht sehen? Nein -- es ist nur allein

mein Gesicht, mein _Mäskchen_, mein lauernder Blick, mein höhnisches

Lächeln, das sie ängstlich macht, so ängstlich, daß sie sagt:

»-- Wo er nur mag zu uns treten,

Mein' ich sogar, ich liebte dich nicht mehr --«

Wozu nur dies? Warum soll der Teufel ein Gesicht schneiden, das

jedermann Mißtrauen einflößt, das zurückschreckt, statt daß die Sünde,

nach den gewöhnlichsten Begriffen, sich lockend, reizend sehen läßt?

Wer hat nicht die herrlichen Umrisse über Goethes Faust von dem

genialen Retzsch gesehen! Gewiß, selbst der Teufel muß an einem solchen

Kunstwerk Freude haben. Ein paar Striche, ein paar Pünktchen bilden das

liebliche, sinnige Gesicht des kindlichen, keuschen Gretchens, Faust in

der vollendeten Blüte des Mannes steht neben ihr, welche Würde noch in

dem gefallenen Göttersohn!

Aber der Maler folgt der Idee des Dichters, und siehe, ein Scheusal in

Menschengestalt steht neben jenen lieblichen Bildern. Die unangenehmen

Formen des dürren Körpers, das ausgedörrte Gesicht, die häßliche Nase,

die tiefliegenden Augen, die verzerrten Mundwinkel -- hinweg von

diesem Bild, das mich schon so oft geärgert hat.[7]

[7] Man erlaube mir hier eine kleine Anmerkung. Wenn ich nicht

irre, so ertappt man hier den Satan auf einer größern

Eitelkeit, als man ihm fast zutrauen sollte; gewiß hat ihn

nichts anderes gegen jenen verehrten Dichter aufgebracht,

als daß er ihn mit etwas lebhaften Farben als häßlich

darstellt; diese Bemerkung wird um so wahrscheinlicher,

wenn man sich erinnert, daß er oben in dem zweiten

Abschnitt selbst gesteht, daß durch seine Inkarnation

einige Eitelkeit in ihn gefahren sei; Meister Urian gibt

sich übrigens durch den übertriebenen Eifer, mit welchem

er seine Mißgestalt rügt, eine Blöße, die ihm nicht hätte

beigehen sollen.

Und warum diese häßliche Gestalt? frage ich noch einmal. Darum,

antworte ich, weil Goethe, der so hoch über seinem Werk schwebende

Dichter, seinen Satan anthropomorphisiert; um den gefallenen _Engel_

würdig genug darzustellen, kleidet er ihn in die Gestalt eines tief

gefallenen _Menschen_. Die Sünde hat seinen Körper häßlich, mager,

unangenehm gemacht. In seinem Gesicht haben alle Leidenschaften gewühlt

und es zur Fratze entstellt, aus dem hohlen Auge sprüht die grünliche

Flamme des Neides, der Gier; der Mund ist widrig, hämisch wie der eines

Elenden, der alles Schöne der Erde schon gekostet hat und jetzt aus

Uebersättigung den Mund darüber rümpft; der Unschuld ist es nicht wohl

in seiner befleckenden Nähe, weil ihr vor diesen Zügen schaudert.

So hat der Dichter, weil er einen schlechten Menschen vor Augen hatte,

einen schlechten Teufel gemalt.

Oder steht etwa in der Mythologie des Herrn von Goethe, der Teufel

könne nun einmal nicht anders aussehen, er _könne_ sein Gesicht, seine

Gestalt nicht _verwandeln_? Nein, man lese:

»Auch die Kultur, die alle Welt beleckt,

Hat auf den Teufel sich erstreckt;

Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen,

Wo siehst du Hörner, Schweif und Klauen?

-- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Du nennst mich Herr Baron, so ist die Sache gut,

Ich bin ein Kavalier wie andre Kavaliere --«

Und an einem andern Ort läßt er mich mein Gesicht ein »Mäskchen«

nennen; folglich _kann_ er sich eine Maske geben, _kann_ sich

verwandeln; aber wie gesagt, der Dichter hat sich begnügt, das

_nordische Phantom_ dennoch beizubehalten, nur daß er mich von

»_Hörnern, Schweif und Klaue_« dispensiert.

Dies ist das Bild des Mephistopheles, dies ist Goethes Teufel, jenes

nordische Phantom soll mich vorstellen. Darf nun ein vom Dichter so

hochgestellter Mensch durch eine so niedrige Kreatur, die sich schon

durch ihre Maske verdächtig macht, ins Verderben geführt werden? Darf

jener große Geist, der noch in seinem Falle die übrigen hoch überragt,

darf er durch einen gewöhnlichen »Bruder Liederlich«, als welchen sich

Mephisto ausweist, herabgezogen werden? Und -- muß nicht _diese_ Maske

der Würde jener Tragödie Eintrag tun?

Doch ich schweige. An geschehenen Dingen ist nichts zu ändern, und

meine verehrte Großmutter würde über diesen Gegenstand zu mir sagen:

»Söhnchen! διαβολε! Bedenke, daß ein großer Dichter ein großes Publikum

haben und, um ein großes Publikum zu bekommen, so populär als möglich

sein muß.«

Siebzehntes Kapitel.

Der Besuch.

Bei diesem allem bleibt Faust ein erhabenes Gedicht, und Goethe einer

der ersten Geister seiner Zeit, und man darf sich daher nicht wundern,

daß ich ein großes Verlangen in mir fühlte, diesen Mann einmal zu

sehen. Ich hätte ihm einen unerwarteten Besuch machen können, ja, wenn

ich oft recht ärgerlich über mein Zerrbild war, stand ich auf dem

Sprung, ihm einmal im Kostüm des Mephistopheles nächtlicherweise zu

erscheinen und ihm einigen Schrecken in die Glieder zu jagen. Aber eine

gewisse Gutmütigkeit, die man zuweilen an mir gefunden hat, hielt mich

immer wieder ab, dem alten Mann eine schlaflose Nacht zu machen.

Ich entschloß mich daher, als ~Doctor legens~, ein ehrsamer Titel auf

Reisen, ihn zu besuchen, und als solcher kam ich in Weimar an. Es ist

mit berühmten Leuten wie mit einem fremden Tiere. Kommt ein ehrlicher

Pächter mit seiner Familie in die Stadt auf den Jahrmarkt, so ist sein

erstes, daß er in der Schenke den Hausknecht fragt: »Wann kann man den

Löwen sehen, Bursche?« -- »Mein Herr,« antwortet der Gefragte, »die

Affen und der Seehund sind den ganzen Tag zu haben, der Löwe aber ist

am besten aufgelegt, wenn er das Futter im Leib hat, daher rate ich, um

jene Zeit hinzugehen.«

Geradeso erging es mir in Weimar. Ich fuhr von Jena aus mit einem

jungen Amerikaner hinüber. Auch in sein Vaterland war des Dichters Ruhm

schon längst gedrungen, und er machte auf der großen Tour durch Europa

dem berühmten Mann zu Ehren schon einen Umweg von zwanzig Meilen.

In dem Gasthof, wo wir abgestiegen waren, fragten wir sogleich, um

welche Zeit wir bei Herrn von Goethe vorkommen könnten? Wir waren in

Reisekleidern, die besonders bei meinem Gefährten etwas unscheinbar

geworden waren. Der Wirt musterte uns daher mit mißtrauischen Blicken

und fragte, ehe er noch unsere Frage beantwortete, ob wir auch Fräcke

bei uns hätten?

Wir waren glücklicherweise beide damit versehen, und unser Wirt

versprach, uns sogleich anmelden zu lassen. »Sie werden wahrscheinlich

nach dem Diner, um fünf Uhr, angenommen werden. Um diese Zeit sind

Seine Exzellenz am besten zu sprechen. Zweifle auch gar nicht, daß Sie

angenommen werden, denn wenn man, wie der Herr hier, eigens deswegen

aus Amerika nach Weimar kommt, wäre es doch unbarmherzig, einen

ungesehen wieder fortzuschicken.«

Dieser Patriotismus ging doch wahrhaftig sehr weit. Doch wir ließen

den guten Mann auf dem Glauben, der junge Philadelphier komme ~recta~

nach Weimar und gehe von da wieder heim. Uebrigens hatte er richtig

prophezeit: ~Doctor legens~ Supfer, wie ich mich nannte, und Forthill

aus Amerika waren auf fünf Uhr bestellt.

Endlich schlug die Stunde, wir machten uns auf den Weg. Der Dichter

wohnt sehr schön. Eine sanfte, geschmackvolle, mit Statuen dekorierte

Treppe führt zu ihm. Eine tiefe geheimnisvolle Stille lag auf dem

Hausgang, den wir betraten. Schweigend führte uns der Diener in

das Besuchzimmer. Behagliche Eleganz, Zierlichkeit und Feinheit,

verbunden mit Würde, zeichneten dieses Zimmer aus. Mein junger Gefährte

betrachtete staunend diese Wände, diese Bilder, diese Möbel. So hatte

er sich wohl das _Stübchen des Dichters_ nicht vorgestellt. Mit der

Bewunderung dieser Umgebungen schien auch die Angst vor der Größe des

Erwarteten zu steigen. Alle Nüancen von Rot wechselten auf seinem

angenehmen Gesicht. Sein Herz pochte hörbar, sein Auge war starr an die

Tür geheftet, durch welche der Gefeierte eintreten mußte.

Ich hatte indes Muße genug, über den großen Mann nachzudenken. Wieviel

weiter, sagte ich mir, wie unendlich weiter helfen dem Sterblichen

Gaben des Geistes als der zufällige Glanz der Geburt.

Der Sohn eines unscheinbaren Bürgers von Frankfurt hat hier die

höchste Stufe erreicht, die dem Menschen nach dem gewöhnlichen Lauf

der Dinge offen steht. Es hat schon mancher diese Stufe erstiegen.

Geschäftsmänner vom Fach haben vom bescheidenen Plätzchen an der Türe

alle Sitze ihrer Kollegien durchlaufen, bis endlich der Stuhl, der

zunächst am Throne steht, sie in seine Arme aufnahm. Mancher hat sich

auf dem Schlachtfeld das Portefeuille erkämpft. -- Goethe hat sich

seine eigene Bahn gebrochen, auf welcher ihm noch keiner voranging,

noch keiner gefolgt ist. Er hat bewiesen, daß der Mensch _kann_, was er

_will_. Denn man sage mir nichts von einem das All umfassenden Genie,

von einem Geist, der sein Zeitalter gebildet, es stufenweise zu dem

Höheren geführt habe -- das Zeitalter hat _ihn_ gebildet.

Ich kann mir noch wohl denken, welch heilloses Leben Werther in

das liebe Deutschland brachte. Die Lotten schienen wie durch einen

Zauberschlag aus dem Boden zu wachsen. Die Zahl der Werther war Legion.

Aber was war hierin Goethes Verdienst? Hatte es wirklich nur daran

gefehlt, daß _er_ das Hörnchen an den Mund setzte, und bei dem ersten

Ton, den er angab, mußte Pfaffe und Laie, Nönnchen und Dämchen in

wunderlichen Kapriolen ihren Sankt-Veitstanz beginnen? Wie heißt dieses

große schöpferische Geheimnis? _Alles zu rechter Zeit._ Der Siegwart

hatte die harten Herzen aufgetaut und sie für allen möglichen Jammer,

für Mondschein und Gräber empfänglich gemacht, da kommt Goethe.

Die Türe ging auf -- er kam.

Dreimal bückten wir uns tief -- und wagten es dann, an ihm

hinaufzublinzeln. Ein schöner, stattlicher Greis! Augen so klar und

helle, wie die eines Jünglings, die Stirne voll Hoheit, der Mund voll

Würde und Anmut. Er war angetan mit einem feinen, schwarzen Kleid, und

auf seiner Brust glänzte ein schöner Stern. -- Doch er ließ uns nicht

lange Zeit zu solchen Betrachtungen. Mit der feinen Wendung eines

Weltmannes, der täglich so viele Bewunderer bei sich sieht, lud er uns

zum Sitzen ein.

Was war ich doch für ein Esel gewesen, in dieser so gewöhnlichen Maske

zu ihm zu gehen. ~Doctores legentes~ mochte er schon viele hunderte

gesehen haben. Amerikaner, die, wie unser Wirt meinte, ihm zulieb auf

die See gingen, gewiß wenige. Daher kam es auch, daß er sich meist mit

meinem Gefährten unterhielt. Hätte ich mich doch für einen gelehrten

Irokesen oder einen schönen Geist vom Mississippi ausgegeben! Hätte

ich ihm nicht Wunderdinge erzählen können, wie sein Ruhm bis jenseits

des Ohio gedrungen, wie man in den Kabanen von Louisiana über ihn

und seinen Wilhelm Meister sich unterhalte? -- So wurden mir einige

unbedeutende Floskeln zu teil, und mein glücklicherer Gefährte durfte

den großen Mann unterhalten.

Wie falsch sind aber oft die Begriffe, die man sich von der

Unterhaltung mit einem großen Manne macht! Ist er als witziger Kopf

bekannt, so wähnt man, wenn man ihn zum erstenmal besucht, einer Art

von Elektrisiermaschine zu nahen, man schmeichelt ihm, man glaubt, er

müsse dann Witzfunken von sich strahlen wie die schwarzen Katzen, wenn

man ihnen bei Nacht den Rücken streichelt. Ist er ein Romandichter,

so spitzt man sich auf eine interessante Novelle, die der Berühmte

zur Unterhaltung nur geschwind aus dem Aermel schütteln werde. Ist er

gar ein Dramatiker, so teilt er uns vielleicht freundschaftlich den

Plan zu einem neuen Trauerspiel mit, den wir dann ganz warm unsern

Bekannten wieder vorsetzen können. Ist er nun gar ein umfassender Kopf

wie Goethe, einer der, so zu sagen, in allen Sätteln gerecht ist -- wie

interessant, wie belehrend muß die Unterhaltung werden! Wie sehr muß

man sich aber auch zusammennehmen, um ihm zu genügen.

Der Amerikaner dachte auch so, ehe er neben Goethe saß. Sein Ich fuhr,

wie das des guten Walt, als er zum Flitte kam,[8] ängstlich oben in

allen vier Gehirnkammern und darauf unten in beiden Herzkammern wie

eine Maus umher, um darin ein schmackhaftes Ideenkörnchen aufzutreiben,

das er ihm zutragen und vorlegen könnte zum Imbiß. Er blickte angstvoll

auf die Lippen des Dichters, damit ihm kein Wörtchen entfalle, wie der

Kandidat auf den strengen Examinator, er knickte seinen Hut zusammen

und zerpflückte einen glacierten Handschuh in kleine Stücke. Aber

welcher Zentnerstein mochte ihm vom Herzen fallen, als der Dichter

aus seinen Höhen zu ihm herabstieg und mit ihm sprach wie Hans und

Kunz in der Kneipe. Er sprach nämlich mit ihm vom guten Wetter in

Amerika, und indem er über das Verhältnis der Winde zu der Luft, der

Dünste des wasserreichen Amerika zu denen in unserem alten Europa

sich verbreitete, zeigte er uns, daß das All der Wissenschaft in ihm

aufgegangen sei, denn er war nicht nur lyrischer und epischer Dichter,

Romanist und Novellist, Lustspiel- und Trauerspieldichter, Biograph

(sein eigener) und Uebersetzer -- nein, er war auch sogar Meteorolog!

[8] Jean Pauls Flegeljahre.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 4 · 第 9 / 24 段