erwachende Neugierde unserer Freunde zu täuschen, fanden wir endlich
in dem entlegensten Winkel der Stadt jene Merkzeichen, die Madonna und
den Brunnen. Ich sah das Haus der Holden, ich sah die Bank an der Türe,
auf welcher ich hätte selig werden sollen, aber hier ging auch unser
Weg zu Ende. Als Fremde hätten wir zu viel gewagt, so weit entfernt von
den uns bekannten Straßen, unter einer Menschenklasse, die besonders
den Engländern so gram ist, uns in ein fremdes Haus einzudrängen. Wir
zogen mehreremal durch die Straße, immer war die Türe verschlossen,
immer die Fenster neidisch verhängt. Wir verteilten uns, bewachten
tagelang die Promenaden, weder meine Schöne noch mein Ebenbild ließen
sich sehen.
Geschäfte riefen mich in dieser Zeit nach Neapel. So angenehm mir
sonst diese Reise gewesen wäre, so war sie mir in meiner gegenwärtigen
Spannung höchst fatal. Unaufhörlich verfolgte mich das Bild des
Mädchens, im Traum wie im Wachen hörte ich die liebliche Stimme
flüstern. Hatten mich die Gesänge in der Kapelle so weich gestimmt,
hatte das flüchtige Bild der Schönen vermocht, was der Geist und die
Schönheit so mancher andern nicht über mich vermochte?
Unruhig reiste ich ab. Die Reise, so viele abwechselnde Gegenstände,
die ernsten Geschäfte, der Reiz der Gesellschaft, nichts gab mir meine
Ruhe wieder.
Es war die Zeit des Karnevals, als ich nach Rom zurückkehrte. Durfte
ich hoffen, im Gewühle der Menge den Gegenstand meiner Sehnsucht
herauszufinden? Meine englischen Freunde waren abgereist, ich hatte
niemand mehr, dem ich mich vertrauen mochte. Ohne Hoffnung hatte ich
mehrere Tage verstreichen lassen, ich war nicht zu bewegen, mich unter
die Freuden des Karnevals zu mischen.
Wie erstaunte ich aber, als mich am Morgen des vierten Tages der
Karnevalswoche der Gesandte fragte, wie ich mich gestern amüsiert
habe. Ich sagte ihm, ich sei nicht im Korso gewesen. Er erstaunte,
behauptete, mich von seinem Wagen aus mit einer Dame am Arm gesehen
und begrüßt zu haben. Er schwieg etwas beleidigt, als ich es wieder
verneinte. Aber plötzlich kam mir der Gedanke: wie, wenn es die
Gesuchten wären? -- Man war in allen Zirkeln sehr gespannt auf diesen
Abend. Ein prachtvoller Maskenzug, worin Damen aus den edelsten
römischen Häusern eine Rolle übernommen hatten, sollte den Karneval
verherrlichen. Ich gab dem Drängen meiner Bekannten nach und ging mit
in den Korso.
Erwarten Sie von mir keine Beschreibung dieses Schauspiels. Zu jeder
andern Zeit würde ich ihm alle meine Aufmerksamkeit geschenkt haben,
nicht nur weil es mir als Volksbelustigung sehr interessant gewesen
wäre, sondern weil sich der Charakter der Römer gerade hier am meisten
aufdeckt. Aber wenn ich sage, daß von dem ganzen Abend, von allen
Herrlichkeiten des Korso nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung
geblieben, und nur _ein_ heller Stern aus dieser Nacht auftaucht, so
werden Sie vergeben, wenn ich über das interessante Schauspiel Ihre
Neugierde nicht zur Genüge befriedige.
Die lange, enge Straße war schon gefüllt, als wir durch die Porta
del popolo hereintraten. Unabsehbar wogten die Wellen der Menge
durcheinander. Und das Auge gleitete unbefriedigt darüber hinweg,
weil es unter der Mischung der grellsten Farben keinen Punkt fand,
der es festhielt. Die Erwartung war gespannt. Ueberall hörte man von
dem Maskenzug reden, der sich nun bald nahen müsse. Ein rauschendes
Beifallrufen drang jetzt von dem Obelisken auf der Piazza herüber
und verkündete die Auffahrt der Masken. Alle Blicke richteten sich
dorthin. Von den Balkonen und Gerüsten herab wehten ihnen Tücher und
winkten schöne Hände entgegen, indem die Equipagen sich in die Seiten
drängten, um den Wagen des Zuges Platz zu machen. Er nahte. Gewiß ein
herrlicher Anblick. Die Götter der alten Roma schienen wieder in die
alten Mauern eingezogen zu sein, um ihren Triumph zu feiern. Liebliche,
majestätische Gruppen! Welch herrliche Umrisse in den Gestalten des
Apoll und Mars, wie lieblich Venus und Juno, und man konnte es nicht
für Unbescheidenheit halten, sondern mußte gerade hierin den schönsten
Triumph finden, wenn das Volk mit Ungestüm den Göttinnen zurief, die
Masken abzunehmen. Unendlich wurde aber der Beifall, als die Gräfin
Parvi, die edlen Formen des Gesichtes unverhüllt, als Psyche sich
nahte. Wahrlich, dieser liebliche Ernst, diese sanfte Größe hätten
einen Zeuxis und Praxiteles begeistern können.
Der Abend nahte heran, man rüstete sich, die Gerüste zu besteigen,
weil das Pferderennen beginnen sollte. Ich stand ziemlich verlassen
auf der Straße, musternd mit sehnsüchtigen Blicken die Galerien und
Balkone, ob meine Schöne nicht darauf zu treffen sei. Plötzlich fühlte
ich einen leisen Schlag auf die Schulter. ›So einsam?‹ tönte in der
lieben Muttersprache eine süße Stimme in mein Ohr. Ich sah mich um.
Eine reizende Maske, in der Kleidung einer Tirolerin, stand hinter mir.
Durch die Höhlen der Maske blitzten jene blauen Augen, die mich damals
so sehr überraschten. Sie ist's -- es ist kein Zweifel. Ich bot ihr
schweigend die Hand, sie drückte sie leise. ›Du böser Otto,‹ flüsterte
sie, ›den ganzen Abend habe ich dich vergebens gesucht. Wie mußte ich
schwatzen, um die Signora loszuwerden!‹
Die Wache rückte die Straße herab. Es war hohe Zeit, die Galerien zu
suchen. Ich deutete hinauf, sie gab mir ihren Arm, sie folgte. Ein
heimliches Plätzchen hinter einer Säule bot sich dar, sie wählte es
von selbst. Karneval, Pferderennen, alle Schönheiten Roms waren für
mich verloren, als mein stiller Himmel sich öffnete, als sie die Maske
abnahm. Noch lieblicher, noch unendlich schöner war sie als an jenem
Abend. Die zarte Blässe, die sie damals aus der Kapelle brachte, war
einer feinen, durchsichtigen Röte gewichen; das Auge strahlte noch von
höherem Glanz als damals, und der tiefe, beinahe wehmütige Ernst der
Züge, wie sie sich mir damals zeigte, war durch ein Lächeln gemildert,
das fein und flüchtig um die zarten Lippen wehte.
Sie heftete wieder einige Minuten schweigend ihr Auge auf mein Gesicht,
strich mir spielend die Haare aus der Stirne und rief dann plötzlich:
›Jetzt bist du's wieder ganz! Ganz wie an jenem Abend in der Kapelle,
den du mir so hartnäckig leugnest! Gestehst du ihn deiner Luise noch
nicht?‹
Welche Pein! Was sollte ich sagen? Da fiel plötzlich das Signal, die
Pferde rannten durch den Korso. Meine Schöne bog den Kopf abwärts, und
ich, meiner Sinne kaum mächtig, flüchtete hinter die nächste Säule,
um nicht im Augenblick vor dem arglosen Mädchen als ein Tor oder noch
etwas Schlimmeres zu erscheinen. Und was war ich auch anders, wenn ich
mich selbst recht ernstlich fragte? Was wollte ich von dem Mädchen,
was konnte ich von ihr wollen? Und war nicht eine so weit getriebene
Neugierde Frevel?
Während ich noch so mit mir selbst kämpfte, ob es nicht ehrlicher sei,
ein Abenteuer aufzugeben, dessen Ende nur ein törichtes sein könnte,
bemerkte ich, daß meine Stelle schon wieder besetzt sei. Ich schlich
näher hinzu, um wenigstens zu hören, wer der Glückliche sei, da ich
ihn, ohne meine unbescheidene Nähe zu verraten, nicht sehen konnte.
›Wie magst du nur so zerstreut fragen?‹ sagte Luise. ›Du selbst hast
mich ja heraufgeführt?‹
›Ich hätte dich geführt, der ich diesen Augenblick erst zu dir trete?
Gestehe, du betrügst mich; wer hat dich hergeleitet?‹
Mit befangener Stimme, dem Weinen nahe, beharrte sie auf dem, was sie
vorhin sagte. ›Du bist auch wie unsere Wetter über den Alpen, soeben
noch so freundlich, und jetzt so kalt, so finster.‹
Jener stand schnell auf: ›Ich bin nicht gestimmt, meine Gnädige, das
Ziel Ihrer Scherze zu sein,‹ sagte er, ›und wenn Sie sich in Rätsel
vertiefen, wird meine Gesellschaft Ihnen lästig werden.‹ Er brach
auf und wollte gehen. Ich konnte die Leiden der Armen nicht mehr
verlängern, trat hervor hinter der Säule, um mich als Auflösung des
Rätsels zu zeigen. Aber wie ward mir! Meine eigene Gestalt, mein
eigenes Gesicht glaubte ich mir gegenüber zu sehen. Die überraschende
Aehnlichkeit --«
Fünfzehntes Kapitel.
Das Intermezzo. -- Die Trinker.
Ein schrecklicher Angstschrei, ein Gerassel, wie Blitz und Donner
einander folgend, unterbrach den Erzähler. Welcher Anblick! Der Jude
lag ausgestreckt auf dem Boden des Saales, überschüttet mit Tee,
Trümmern seines Stuhles und der feinen Meißner Tasse, die er im Sturz
zerschmettert, um ihn her. Der Aerger über eine solche Unterbrechung
war auf allen Gesichtern zu lesen; zürnend wandten die Damen ihr
Auge von diesem Schauspiel, von den Herren machte keiner Miene, ihm
beizustehen. Er selbst aber blieb sekundenlang liegen, ohne sich zu
rühren, und schaute verwundert herauf.
Ich sprang auf, ihm beizustehen, ich hob ihn auf und sah mich nach
einem andern Stuhl um, auf welchen ich ihn setzen könnte. Aber ein
Verwandter des Hauses raunte mir in die Ohren; ich möchte machen,
daß wir fortkommen, mein Hofmeister scheine sich nicht in dieser
Gesellschaft zu gefallen.
Wir folgten dem Wink und nahmen unsere Hüte. Als ich mich von der
gnädigen Frau beurlaubte, sagte sie mir viel Schönes und lud mich ein,
sie recht oft zu sehen; meinen armen Hofmeister würdigte sie keines
Blickes. Sie neigte sich so kalt als möglich und ließ ihn abziehen.
Gelächter schallte uns nach, als wir den Saal verließen, und ich hatte
mit meiner Inkarnation soviel menschliche Eitelkeit angezogen, daß mich
dieses Lachen ungemein ärgerte.
Wie gerne hätte ich die Erzählung jenes interessanten jungen Mannes zu
Ende gehört;[6] wieviel Wichtiges und Psychologisches hätte ich von dem
gardeuniformliebenden Fräulein erlauschen können; und war ich selbst
nicht ganz dazu gemacht, junge Herzen an jenem Abend zu erobern? Ein
junger, reicher, ich darf sagen hübscher Mann auf Reisen findet, wo er
hinkommt, freundliche Augen, durch welche er so leicht in die Herzen
einzieht -- und dies alles hatte mir das ungeschliffene Wesen _des
alten Menschen_ verdorben, ich hätte ihn würgen können, als wir im
Wagen saßen.
[6] Wenn ich nicht irre, so habe ich im zweiten Teile dieser
Memoiren eine Fortsetzung jener Erzählung gesehen.
Der Herausgeber.
»War es nicht genug,« sagte ich, »daß du mit deinem scharfen Judenbart
die zarte Hand der Gnädigen empfindlich bürstetest? Mußtest du auch
noch die Frau von Wollau durch dein unzeitiges Gelächter beleidigen?
Und kaum hast du es wieder gut gemacht, so bringst du aufs neue alles
gegen dich auf? Was gingen dich denn die _Schwabenmädel_ an, daß du
ihre Schönheit an den Teetischen Berlins predigst? Darfst du denn
sogar in China einer Schönen sagen, sie habe ein Teegesicht? Und
jetzt, nachdem du die spitzigen Worte der ungnädigen Frau eingesteckt
hattest, jetzt, als alles auf das erste vernünftige Thema, das diesen
Abend abgehandelt wurde, lauschte, jetzt fällst du, wie der selige
Hohepriester Eli im zweiten Kapitel Samuelis, rücklings in den Saal und
zerschmetterst -- nicht den eigenen hohlen Schädel, wie jener würdige
jüdische Papst -- nein! einen zierlich geschnitzten Fauteuil und eine
Tasse von Meißner Porzellan; sage, sprich, schlechter Kamerad, wie
fingst du es nur an?«
»In Eurer Stelle, Herr Satan, wäre ich nicht so arrogant gegen
unsereinen,« antwortete er verdrießlich, »Ihr wißt, daß Euch keine
Gewalt über meine Seele zusteht, denn seit anderthalb tausend Jahren
kenne ich Eure Schliche und Ränke wohl. Was aber die Eli-Geschichte
betrifft, so will ich Euch reinen Wein einschenken, vorausgesetzt, Ihr
begleitet mich in eine Auberge; denn der läpperige Tee hier, mit dem
man in China kaum die Tassen ausspülen würde, mit dem noch schlechtern
Arrak, haben mir ganz miserabel gemacht.«
Ich ließ vor einem Restaurateur halten und führte den verunglückten
Doktor Mucker hinein. Es war schon ziemlich tief in der Nacht, und nur
noch wenige, aber echte Trinker in dem Wirtszimmer. Wir setzten uns
an einen Tisch zu vier oder fünf solcher nächtlichen Gestalten; ich
ließ für den alten Menschen Burgunder auftragen, und in geläufigem
Malabarisch, wovon die Trinker gewiß nichts verstanden, forderte ich
ihn auf, zu erzählen.
Nachdem der ewige Jude durch etliche Schlücke sich erholt hatte, begann
er:
»Ich glaube, es ist ein Teil des Fluches, der auf mir ruht, daß ich,
sobald ich mich in höhere Sphären der Gesellschaft wage, lächerlich
werde; ein paar Beispiele mögen dir genügen.
Du weißt, daß ich, um mir die Langeweile des Erdenlebens zu vertreiben,
zuweilen einen Liebeshandel suche -- nun verziehe dein Gesicht nur
nicht so spöttisch, ich bin eine Stereotypausgabe von einem kräftigen
Fünfziger, und ein solcher darf sich schon noch aufs Eis wagen. Nun
hatte ich einmal in einem kleinen sächsischen Städtchen eine Schöne auf
dem Korn. Ich hatte schon seit einigen Tagen Zutritt in das elterliche
Haus, und die kleine Kokette schien mir gar nicht abgeneigt. Ich
kleidete mich sorgfältiger, um ihr zu gefallen, ich scherwenzelte um
sie her, wenn sie spazieren ging, kurz, ich war ein so ausgemachter
Geck, als je einer über das Pflaster von Leipzig ging. In dem Städtchen
gehörte es zum guten Ton, morgens um neun Uhr an dem Haus seiner
Schönen vorbeizugehen; schaute sie heraus, so wurde mit Grazie der Hut
gezogen und etwas weniges geseufzt.
Dies hatte ich mir bald abgemerkt und zog nun pflichtgemäß, wenn die
Glocke neun Uhr summte, an jenem Haus vorüber; und ich hatte die
Freude, zu sehen, wie mein Engel jedesmal zum Fenster herausschaute
und huldreich lächelte. Eines Morgens war es sehr kotig auf der
Straße; ich ging also, um die weißseidenen Strümpfe zu schonen,
auf den Zehenspitzen und machte Schritte wie ein Hahn. Aber vor
dem Hause meiner Schönen war der Schmutz reinlich in große Haufen
zusammengekehrt, denn der Papa war eine Art von Polizeiinspektor und
mußte den Einwohnern ein gutes Beispiel geben; wie freute sich mein
Herz über diese Reinlichkeit! Ich konnte dort fester auftreten, ich
konnte mit dem rechten Bein, wenn ich mein Kompliment machte, zierlich
ausschweifen, ohne mich zu beschmutzen. Mein Engel schaute huldreich
herab, freudig ziehe ich den Hut von dem schönfrisierten Toupet,
schwenke ihn in einem kühnen Bogen, und -- o Unglück -- er entwischt
meiner Hand, er fährt wie ein Pfeil in den aufgeschichteten Unrat, daß
nur noch die Spitze hervorsieht.
Wie schön sagt Schiller:
Einen Blick
Nach dem Grabe
Seiner Habe
Sendet noch der Mensch zurück.
So stand ich wie niedergedonnert an dem Unrat. Sollte ich in zierlicher
Stellung mit den Fingerspitzen den Hut herausziehen? Aber dann war zu
befürchten, daß er ganz ruiniert sei; sollte ich völlig ~chapeau bas~
weiterziehen, wie einer, der ohne Hut dem Galgen oder dem Tollhaus
entsprungen?
Wie ein silbernes Feuerglöckchen schlägt jetzt das lustige Lachen
meiner Dulcinea an mein Ohr; brummend wie die schweren Totenglocken,
das Grabgeläute meiner Hoffnung, antworten zehn Bässe aus dem
gegenüberstehenden Kaffeehaus, Husarenleutnants, Schreiber, Kaufleute,
brüllen aus den aufgerissenen Fenstern, und ›Hussa, Sultan, such'
verloren!‹ tönt die Stimme meines furchtbarsten Rivalen, des Grafen
Lobau. Eine englische Dogge von Menschenlänge stürzt hervor, packt den
verlorenen Hut mit geübter Schnauze, rennt auf mich zu, stellt sich
auf die Hinterbeine, tappt mit seinen Pfoten auf meine Schultern und
präsentiert mir das triefende ~Corpus delicti~.
Was ich dir hier mit vielen Worten erzähle, mein Bester, war das Werk
eines Augenblicks; wie angefroren war ich dagestanden, und erst die
Zudringlichkeit des höflichen Hundes gab mir meine Fassung wieder.
Wieherndes, jauchzendes Gelächter scholl aus dem Kaffeehause, und
auch bei _ihr_ waren alle Fenster mit Lachern angefüllt; und als ich
einen zärtlichen Blick, den letzten, hinauflaufen ließ, sah ich, wie
sie das batistene Sacktuch in den Mund schob, um nicht vor Lachen zu
bersten. Da verlor ich von neuem die Fassung; wütend ergriff ich den
Hut und schlug ihn der Dogge ins Gesicht; aber die Bestie verstand
keinen Spaß, sie packte mich an der zierlichen Busenstreife, ich ließ
ihr diese Spolien und machte mich eilends davon, durch dick und dünn
galoppierend, aber die Bestie folgte, und andere Hunde und Gassenjungen
stürzten nach, und die schreckliche Jagd nahm erst ein Ende, als ich
atemlos in das Portal meines Gasthofes stürzte.
Daß es mit meiner Liebe aus war, kannst du denken, besonders da ich
nachher erfuhr, die Kokette habe alle ihre Anbeter um diese Stunde in
das Kaffeehaus bestellt, um täglich meine Fensterparade zu bewundern!«
Ich bedauerte den Armen von Herzen, er aber griff ruhig nach seinem
Glas, trank und fuhr dann fort:
»Kann dich versichern, so hundsföttisch ging es mir von jeher,
besonders aber in der neuen aufgeklärten Zeit, wo man so ungemein viel
auf das Schickliche hält und verzweifeln möchte, wenn der vortreffliche
Reifrock der Etikette ein wenig unsanft berührt wird. Darum ist es mir
bei einem Gastmahl immer höllenangst. Wird fette Sauce umhergegeben,
so sehe ich schon im Geiste, daß ich damit zittern und sie verschütten
werde. Kommt dann der Bettel an mich, so bricht mir der Angstschweiß
aus, die Sauciere klappert in meiner zitternden Hand fürchterlich,
sie schwankt, ich fahre mit der andern Hand danach, und -- richtig,
meine freundliche Nachbarin hat die ganze Bescherung auf dem neuen
~Drap d'or~ oder genuesischen Samtkleid, daß alles im schönsten Fett
schwimmt. Habe ich aber endlich eine solche Fegefeuertour durchgemacht,
ohne Sauce zu verschütten, ohne ein Glas umzuwerfen, ohne einen Löffel
fallen zu lassen, ohne den Schoßhund auf den Schwanz zu treten, ohne
der Tochter des Hauses die größten Sottisen zu sagen, wenn ich höflich
und pikant sein will, so faßt mich irgend ein Unheil noch zum Schluß,
daß ich mit Schande abziehe wie heute.«
»Nun,« fragte ich, »was warf dich denn heute mitten ins Zimmer?«
»Als der langweilige Mensch seine Erzählung anhub, wie er ein
paar Pfaffen habe singen hören, und wie er einem hübschen Mädchen
nachgelaufen sei -- was man überall tun kann, ohne gerade in Rom zu
sein -- da übermannte mich die Langeweile, die eines meiner Hauptübel
ist, und so setzte ich, um mich zu unterhalten, meinen Stuhl rückwärts
in Bewegung und schaukelte mich ganz angenehm. Auf einmal, ehe ich mich
dessen versah, schlug der Stuhl mit mir rückwärts über, und ich lag.«
»Das habe ich leider gesehen, wie du lagst,« sagte ich; »aber wie kann
man nur in honetter Gesellschaft so ganz alle gute Sitte vergessen und
mit dem Stuhl schaukeln.«
»Sei jetzt ruhig und bringe mich nicht auf mit der verdammten
Geschichte, ich habe heute abend kein Glück gemacht, das ist alles.
~Bibamus, diabole!~« sagte der alte Mann, indem er selbst mit tüchtigem
Beispiel voranging und dann schmunzelnd auf das dunkelrote Glas wies:
»Der ist koscher, Herr Bruder, guter Burgunder, echter Chambertin
und wenigstens zwanzig Jahre alt. Du magst mich jetzt auslachen oder
nicht, aber ein gutes altes Weinchen vom Südstamme ist noch immer
meine Leidenschaft, und ich behaupte, die Welt sieht jetzt nur darum so
schlecht aus, weil soviel Tee, Branntwein und Bier, aber desto weniger
Wein getrunken wird.«
»Du könntest recht haben, Jude!«
»Wie stattlich,« fuhr er im Eifer fort, »wie stattlich nahmen sich
sonst die Wirtshäuser aus. Breite, gedrungene, kräftige Gestalten, den
dreispitzigen Hut ein wenig auf die Seite gesetzt, rote Gesichter,
feurige Augen, ins Bläuliche spielende Nasen, honette Bäuche -- so
traten sie, das hohe, mit Gold beschlagene Meerrohr in der Faust,
feierlich grüßend ins Zimmer. Wenn der Hut am Nagel hing, der Stock in
die Ecke gestellt war, schritt der Gast dem wohlbekannten Plätzchen
zu, das er seit Jahren sich zu eigen gemacht hat, und das oft nach ihm
getauft war. Der Wirt stellte mit einem ›Wohl bekomm's‹ die Weinkanne
vor den ehrsamen Trinker, die gewöhnlichen Bechernachbarn fanden sich
zur bestimmten Stunde ein, man trank viel, man schwatzte wenig und zog
zur bestimmten Stunde wieder heim. So war es in den guten alten Zeiten,
wie die Menschen sagen, die nach Jahren rechnen, so war es, und nur der
Tod machte darin eine Aenderung. Jetzt hängen sie alles an den Putz,
machen Staat wie die Fürsten und sitzen den Wirten um zwei Groschen die
Bänke ab. Luftiges, unstätes Gesindel fährt in den Wirtshäusern umher,
man weiß nie mehr, neben wem man zu sitzen kommt, und das heißen die
Leute _Kosmopolitismus_. Höchstens trifft man ein paar alte weingrüne
Gesichter von der echten Sorte, aber dies Geschlecht ist beinahe
ausgestorben!«
»Schau' nur dorthin,« fiel ich ihm ein, »du Prediger in der Wüste,
dort sitzen ein paar Echte. Sieh nur das kleine Männlein dort in dem
braunen Röckchen, wie es so feurig die roten Augen über die Flasche
hinrollen läßt. Er scheint mir ein rechter Kenner, denn er trinkt den
Nierensteiner Kirchhofwein, den er vor sich hat, in ganz kleinen Zügen
und zerdrückt ihn ordentlich auf der Zunge, ehe er schluckt. Und dort
der große dicke Mann mit der roten Nase, ist er nicht eine Figur aus
der alten Zeit? Nimmt er nicht das Glas in die ganze Faust, statt wie
die heutigen den kleinen und den Goldfinger zierlich auszustrecken? Ist
er nicht schon an der vierten Flasche, seit wir hier sind, und hast
du nicht bemerkt, wie er immer die Pfropfen in die Tasche steckt, um
nachher zu zählen, wie viele Flaschen er getrunken?«
»Wahrhaftig, diese sind echt!« rief der begeisterte Jude, »ich bin
jung gewesen und alt geworden, aber solcher gibt es nicht viele, laß
uns zu ihnen uns setzen, ~mi fratercule~!«
Wir hatten nicht fehl geraten. Jene Trinker waren von der echten
Sorte, denn schon seit zwanzig Jahren kommen sie alle Abende in das
nämliche Wirtshaus. Man kann sich denken, wie gerne wir uns an sie
anschlossen. Ich, weil ich solche Käuze liebe und aufsuche, der ewige
Jude aber, weil der Kontrast zwischen dem eleganten Tee und diesen
Trinkern in seinen Augen sehr zu Gunsten der letzteren ausfiel. Er
wurde so kordial, daß er zu vergessen schien, daß er mit ihren Urvätern
schon getrunken habe, daß er vielleicht mit ihren späten Enkeln wieder
trinken werde.
Die alten Gesellen mochten jetzt ihre Ladung haben, denn sie wurden
freundlich und fingen an, zuerst leise vor sich hin zu brummen, dann
gestaltete sich dieses Brummen zu einer Melodie, und endlich sangen sie
mit heiserer Weinkehle ihre gewohnten Lieder. Auch den alten Menschen
faßte diese Lust. Er dudelte die Melodien mit, und als sie geendet
hatten, fing auch er sein Lied an. Er sang:
Des ewigen Juden Trinklied.
»Wer seines Leibes Alter zählet
Nach Nächten, die er froh durchwacht,
Wer, ob ihm auch der Taler fehlet,
Sich um den Groschen lustig macht,
Der findet in uns seine Leute,
Der sei uns brüderlich gegrüßt,
Weil ihn, wie uns, der Gott der Freude
In seine sanften Arme schließt.
Wenn von dem Tanze sanft gewieget,
Von Flötentönen süß berauscht,
Fein Liebchen sich im Arme schmieget
Und Blick um Liebesblick sich tauscht;
Da haben wir im Flug genossen
Und schnell den Augenblick erhascht
Und, Herz am Herzen festgeschlossen,
Der Lippen süßen Gruß genascht.
Den Wein kannst du mit Gold bezahlen,
Doch ist sein Feuer bald verraucht,
Wenn nicht der Gott in seine Strahlen,
In seine Geisterglut dich taucht;
Uns, die wir seine Hymnen singen,
Uns leuchtet seine Flamme vor,
Und auf der Töne freien Schwingen
Steigt unser Geist zum Geist empor.
Drum, die ihr frohe Freundesworte
Zum würdigen Gesang erhebt,
Euch grüß' ich, wogende Akkorde,
Daß ihr zu uns herniederschwebt!
Sie tauchen auf -- sie schweben nieder
Im Vollton rauschet der Gesang,
Und lieblich hallt in unsre Lieder
Der vollen Gläser Feierklang.
So haben's immer wir gehalten
Und bleiben fürder auch dabei,
Und mag die Welt um uns veralten,
Wir bleiben ewig jung und neu;
Denn wird einmal der Geist uns trübe,
Wir baden ihn im alten Wein,
Und ziehen mit Gesang und Liebe
In unsern Freudenhimmel ein.«
Ob dies des Juden eigene Poesie war, kann ich nicht bestimmt sagen;
doch ließ er mich zuzeiten merken, daß er auch etwas Poet sei; die
zwei alten Weingeister aber waren ganz erfüllt und erbaut davon; sie
drückten dem _alten Menschen_ die Hand und gebärdeten sich, als hätte
er ihnen die ewige Seligkeit verkündigt.
Es schlug auf den Uhren drei Viertel vor zwölf Uhr. Der ewige Jude sah
mich an und brach auf, ich folgte. Rührend war der Abschied zwischen
uns und den Trinkern, und noch auf der Straße hörten wir ihre heiseren
Stimmen in wunderlichen Tönen singen:
»Und wird einmal der Geist uns trübe,
Wir baden ihn im alten Wein,
Und ziehen mit Gesang und Liebe
In unsern Freudenhimmel ein.«
Satans Besuch bei Herrn von Goethe
nebst
einigen einleitenden Bemerkungen über das Diabolische in der deutschen
Literatur.