›Und diesen Mord gestehen Sie mit so viel Gleichmut, als hätten Sie

zwei Tauben abgetan?‹ fragte der erstaunte Polizeidirektor, dem ~in

praxi~ eine solche Mörderin noch nicht vorgekommen sein mochte. ›Wissen

Sie denn, daß Sie verloren sind, daß es Ihnen den Kopf kosten kann?‹

›Nicht doch!‹ entgegnete die Dame. ›Die Geschichte ist ja weltbekannt.‹

-- ›Weltbekannt?‹ rief jener. ›Bin ich nicht schon seit vierundzwanzig

Jahren Polizeidirektor? Meinen Sie, dergleichen könnte mir entgehen?‹

›Und dennoch werde ich recht haben; erlauben Sie, daß ich Ihnen die

Belege herbeibringe?‹

›Nicht von der Stelle, ohne gehörige Bewachung. Wache! Zwei Mann

auf jeder Seite von Madame. Bei dem ersten Versuch zur Flucht --

zugestoßen!‹

Vier Polizeidiener mit blanken Seitengewehren begleiteten die

Unglückliche, die mir den Verstand verloren zu haben schien. Bald

jedoch erschien sie wieder, ein kleines Buch in der Hand.

›Hier, meine Herren, werden Sie die Belege zu dem Morde finden,‹ sagte

sie, indem sie uns lächelnd das Buch überreichte.

›Taschenbuch für 1802,‹ murmelte der Direktor, indem er das Buch

aufschlug und durchblätterte, ›was Teufel, gedruckt und zu lesen steht

hier: _Pauline Dupuis_ von -- mein Gott, Sie sind die Witwe des Herrn

von -- und, wenn ich nicht irre, selbst Schriftstellerin?‹

›So ist es,‹ antwortete die Dame und brach in ein lustiges Lachen

aus, in welches auch der Direktor einstimmte, indem er, vor Lachen

sprachlos, auf mich deutete.

›Und Elise, wie ist es mit diesem armen Kind?‹ fragte ich, den

Zusammenhang der Sache und die Fröhlichkeit der Mörderin und des

Polizeimannes noch immer nicht verstehend.

›Sie liegt ermordet auf meinem Schreibtisch,‹ sagte die Lachende, ›und

soll morgen durch die Druckerei zum ewigen Leben eingehen.‹

Was brauche ich noch dazuzusetzen? Meine Herren und Damen! Ich war der

Narr im Spiel, und jene Frau war die rühmlichst bekannte, interessante

Th. v. H. Die Erzählung »Pauline Dupuis« ist noch heute zu lesen;

ob die geniale Frau ihre Elise, die sie am Morgen jenes Tages nach

dem Kaffee vollendet hatte, herausgegeben, weiß ich nicht. Ich mußte

aus S. entfliehen, um nicht zum Gespötte der Stadt zu werden. Vorher

aber schickte mir der Polizeidirektor noch eine große Diätenrechnung

über Zeitversäumnis, weil ich durch jene lustige Mordgeschichte den

Durstigen von seinem gewöhnlichen Abendbesuch in einem Klub abgehalten

hatte.« --

Der ewige Jude hatte mit einer verbindlichen Wendung an Frau von Wollau

geendet. Allgemeiner Beifall ward ihm zu teil, und ein gnädiges Lächeln

der Hausfrau sagte ihm, wie glücklich er sich gerechtfertigt hatte.

Und wie die finstern Blicke dieser Dame vorher die Männer aus seiner

unglücklichen Nähe entfernt hatten, ebenso schnell nahten sie sich ihm

wieder, als ihn die Gnadensonne wieder beschien. Man zog ihn öfter ins

Gespräch, man befragte ihn über seine Reisen, namentlich über jene in

Süddeutschland. Denn wie Schottland und seine Bewohner für London und

Alt-England überhaupt, so ist Schwaben für die Berliner, welche nie an

den Rebhügeln des Neckars und an den fröhlich grünenden Gestaden der

obern Donau eines jener sinnigen, herzlichen Lieder aus dem Munde eines

»luschtiga Büebles«, oder eines rüstigen hochaufgeschürzten »Mädles«

belauschten, ein Gegenstand hoher Neugierde.

Welch sonderbare Meinungen über jenes Land, selbst in gebildeten

Zirkeln, wie dieser elegante Tee, im Umlauf seien, hörte ich

diesen Abend zu meinem großen Erstaunen. In einem Zaubergarten von

sanften Hügeln, von klaren blauen Strömen, von blühenden, duftenden

Obstwäldern, von prangenden Weingärten durchschnitten, wohne, meinten

sie, ein Völkchen, das noch so ziemlich auf der ersten Stufe der Kultur

stehe. Immense Gelehrte, die sich nicht auszudrücken verstünden,

phantasiereiche Schriftsteller, die kein Wort gutes Deutsch sprechen.

Ihre Mädchen haben keine Bildung, ihre Frauen keinen Anstand. Ihre

Männer werden vor dem vierzigsten Jahre nicht klug, und im ganzen Lande

werden alle Tage viele tausende jener Torheiten begangen, die allgemein

unter dem Namen »Schwabenstreiche« bekannt seien.

Mir kam dieses Urteil lächerlich vor; ich war manches Jahr in Schwaben

gewesen und hatte mich unter den guten Leutchen ganz wohl befunden;

hätte ich nicht befürchten müssen, aus der Rolle eines Zöglings zu

fallen, ich hätte sogleich darauf geantwortet, wie ich es wußte; so

aber ersparte mir mein Mentor die Mühe, welcher unglücklich genug, die

gute Meinung, die er auf einige Augenblicke gewonnen hatte, nur zu

schnell wieder verlieren sollte!

»Ob die Berliner,« sagte er, »mehr innere Bildung, mehr Eleganz

der äußern Formen besitzen als die Schwaben, ob man hier im

Brandenburgischen mit mehr Feinheit ausgerüstet auf die Erde oder

vielmehr auf Sand kommt als in Schwaben, wage ich nicht zu untersuchen,

aber soviel habe ich mit eigenen Augen gesehen, daß man dort im

Durchschnitt unter den Mädchen eine weit größere Menge hübscher, sogar

schöner Gesichter findet als selbst in Sachsen, welches doch wegen

dieses Artikels berühmt ist.«

»~Quelle sottise!~« hörte ich Frau von Wollau schnauben, »welche

abgeschmackte Behauptungen dieser gemeine Mensch --«

Umsonst winkte ich dem Ewigen mit den Augen, umsonst gab ihm der

Dichter einen freundschaftlichen Rippenstoß, ihn zu erinnern,

daß er sich unter Damen befinde, die auch auf Schönheit Anspruch

machten; ruhig, als ob er den erzürnten Schönen das größte Kompliment

gesagt hätte, fuhr er fort: »Sie können gar nicht glauben, wie reizend

dieser verschrieene Dialekt von schönen Lippen tönt; wie alles so

naiv, so lieblich klingt; wie unendlich hübsch sind diese blühenden

Gesichtchen, wenn man ihnen sagt, daß sie schön seien, daß man sie

liebe; wie schelmisch schlagen sie die Augen nieder, wie unschuldig

erröten sie, welcher Zauber liegt dann in ihrem Trotz, wenn sie sich

verschämt wegwenden und flüstern: ›Ach, ganget Se mer weg, moinet

Se denn, i glaub's?‹ Hier in Norddeutschland gibt es meist nur

Teegesichter, die einen Trost darin finden, ästhetisch oder ätherisch

auszusehen; sie müssen den Atem erst lange anhalten, wenn sie es je der

Mühe wert halten, über dergleichen zu erröten.«

O Jude, welchen Bock hattest du geschossen. Kaum hast du das

zornblickende Auge einer Dame versöhnt, so begehst du den großen

Fehler, vor zwölf Damen die schönen Gesichtchen zweier Länder zu

loben, und nicht nur sie nicht mit aufzuzählen, sondern sogar ihren

ätherischen Teint, ihre interessante Mondscheinblässe für Teegesichter

zu verschreien!

Die jungen Damen sahen erstaunt, als trauten sie ihren Ohren nicht, die

ältern an; diese warfen schreckliche Blicke auf den Frevler und auf

die übrigen Herren, die, ebenso erstaunt, noch keine Worte zu einer

Replik finden konnten. Die Teetassen, die goldenen Löffelchen klirrten

laut in den vor Wut zitternden Händen der Mütter, die seit zehn Jahren

mit vieler Mühe es dahin gebracht hatten, daß ihre Töchter nobel und

edel aussehen möchten -- wozu heutzutage, außer dem Gefühl der Würde,

etwas Leidendes, beinahe Kränkliches gehört --, welche die immer wieder

anschwellende Fülle ihrer Töchter, die immer wiederkehrende Röte der

Wangen doch endlich zu besiegen gewußt hatten.

Und jetzt sollte dieser fremde, abenteuerliche, gemeine Mensch sie und

ihre Freude, ihre Kunst zu schanden machen; er sollte es wagen, die

Damen dieses deutschen Paris mit jenen schwerfälligen Bewohnerinnen des

unkultivierten Schwabens auch nur in Parallele zu bringen und ihnen den

ersten Rang zu versagen. Und dies sollten sie dulden?

~Jamais!~ Gnädige Frau nahm das Wort, mit einem Blick, der über

das eiskalte Gesicht des stillen Zornes wie ein Nordschein über

Schneegefilde herabglänzte: »Ich muß Sie nur herzlich bedauern,

Herr Doktor Mucker, daß Sie das schöne Schwaben und seine naiven

Bauerndirnen so treulos verlassen haben; und ich bitte Sie, Lieber,«

fuhr sie fort, indem sie sich zu dem Dichter, der uns eingeführt hatte,

wandte, »ich bitte Sie, muten Sie diesem Herrn da nicht mehr zu, meinen

Zirkel zu besuchen. Jotte doch, er könnte bei unsern Damen seine

robusten Naturen und jene Naivität vermissen, die er sich so ganz zu

eigen gemacht hat.«

Triumphierend richteten sich die Gebeugten auf, die Mütter spendeten

Blicke des Dankes, die Fräulein kicherten hinter vorgehaltenen

Sacktüchern, die jungen Herren hatten auch wieder die Sprache gefunden

und machten sich lustig über meinen armen Hofmeister. Doch der feine

Takt der gnädigen Frau ließ diesem Ausbruch der Nationalrache nur so

lange Raum, bis sie den Doktor Mucker hinlänglich bestraft glaubte.

Beleidigt durfte dieser Mann in ihrem Salon nie werden, wenn er gleich

durch seine rücksichtslose Aeußerung ihren Unwillen verdient hatte; sie

beugte also schnell mit jener Gewandtheit, die feingebildeten Frauen so

eigentümlich ist, allen weitern Bemerkungen vor, indem sie ihren Neffen

aufforderte, sein Versprechen zu halten und der Gesellschaft die längst

versprochene Novelle preiszugeben.

Dieser junge Mann hatte schon während des ganzen Abends meine

Aufmerksamkeit beschäftigt. Er unterschied sich von den übrigen jungen

Herren, die leer in den Tag hinein plauderten, sehr vorteilhaft durch

Ernst und würdige Haltung, durch gewählten Ausdruck und kurzes,

richtiges Urteil. Er war groß und schlank gebaut, männlich schön, nur

vielleicht für manche etwas zu mager. Sein Auge war glänzend und hatte

jenen Ausdruck stillen Beobachtens, der einen Menschenkenner oder

wenigstens einen Mann verriet, der das Leben und Treiben der großen und

kleinen Welt in vielerlei Formen gesehen und darüber gedacht hatte.

Er hatte, was mich sehr günstig für ihn stimmte, an dem Gespräch des

ewigen Juden und an seiner Persiflage mit keinem Wort, ich möchte

sagen, mit keiner Miene teilgenommen. Zum erstenmal an diesem ganzen

Abend entlockte ihm die Frage seiner Tante ein Lächeln, das sein

Gesicht, besonders den Mund, noch viel angenehmer machte; wahrlich, in

diesen Mann hätte ich mich, wenn ich eines der anwesenden Fräulein

gewesen wäre, unbedingt verlieben müssen; aber freilich, junge Damen

haben hierüber ganz andere Ansichten als der Teufel, und das einfache

schwarze Gewand des jungen Mannes konnte natürlich die glänzende

Garde-Uniform und ihren kühnen, die drallen Formen zeigenden Schnitt

nicht aufwägen.

Vierzehntes Kapitel.

Der Fluch.

(Eine Novelle.)

»Ich habe mich vergebens abgemüht, gnädige Tante,« sprach der junge

Mann mit voller, wohltönender Stimme, »eine artige Novelle oder eine

leichte, fröhliche Erzählung für diesen Abend zu ersinnen. Doch, um

nicht wortbrüchig zu erscheinen, muß ich schon den Fehler einigermaßen

gut zu machen suchen. Wenn Sie erlauben, will ich etwas aus meinem

eigenen Leben erzählen, das, wenn es nicht ganz den romantischen

Reiz und den anziehenden Gang einer Novelle, doch immer den Wert der

Wahrheit für sich hat.«

Die Tante bemerkte ihm gütig, daß die einfache Wahrheit oft größeren

Reiz habe als die erfundene Spannung einer Novelle, ja, sie gestand

ihm, daß sie etwas sehr Interessantes erwarte, denn er sehe seit der

Zurückkunft von seinen Reisen so geheimnisvoll aus, daß man auf seine

Begebnisse recht gespannt sein dürfe.

Die älteren Damen lorgnettierten ihn aufmerksam und gaben dieser

Bemerkung vollkommen Beifall; der junge Mann aber hub an zu erzählen:

»Als ich vor fünf Jahren in diesem Saal von einer großen Gesellschaft,

welche die Güte meiner Tante noch einmal um den Scheidenden versammelt

hatte, Abschied nahm, warnten mich einige Damen -- wenn ich nicht

irre, war Frau von Wollau mit davon -- vor den schönen Römerinnen,

vor ihren feurigen, die Herzen entzündenden Blicken. Ich nahm ihre

Warnung dankbar an, noch kräftigeren Schutz aber versprach ich mir von

jenen holden, blauen Augen, von jenen freundlichen vaterländischen

Gesichtchen, von all den lieblichen Bildern, die ich, in feinem und

treuem Herzen aufbewahrt, mit über die Alpen nahm. Und sie schützten

mich, diese Bilder, gegen jene dunklen Feuerblicke der Römerinnen;

wie sie aber vor sanften blauen Augen, welche ich dort sah, sich

unverantwortlich zurückgezogen, wie sie mein armes, unbewahrtes Herz

ohne Bedeckung ließen, will ich als bittere Anklage erzählen.

Der s...sche Gesandte am päpstlichen Hofe hatte mir in der Karwoche

eine Karte zu den Lamentationen in der sixtinischen Kapelle geschickt;

mehr um den alten Herrn, der mir schon manche Gefälligkeit erwiesen

hatte, nicht zu beleidigen, als aus Neugierde, entschloß ich mich

hinzugehen. Ich war nicht in der besten Laune, als es Abend wurde;

statt einer lustigen Partie, wozu mich deutsche Maler geladen, sollte

ich einen Klaggesang mitanhören, der mir schon an und für sich höchst

lächerlich vorkam. Nie hatte ich mich nämlich von der Heiligkeit

solcher Ritualien überzeugen können, selbst in dem ehrwürdigen Kölner

Dom, wo die hohen Gewölbe und Bogen, das Dunkel des gebrochenen

Lichtes, die mächtigen vollen Töne der Orgel manchen andern ernster

stimmen mögen, konnte ich nur über die Macht der Täuschung staunen.

Meine Stimmung wurde nicht heiliger, als ich an das Portal der

sixtinischen Kapelle kam. Die päpstliche Wache, alte, ausgediente,

schneiderhafte Gestalten, hielten hier Wache mit so meisterlicher

Grandezza, als nur die Cherubim an der Himmelstüre. Der Glanz der

Kerzen blendete mich, da ich eintrat, und stach wunderbar ab gegen den

dunklen Chor, in den die Finsternis zurückgeworfen schien. Nur der

Hochaltar war dort von dreizehn hohen Kerzen erleuchtet.

Ich hatte Muße genug, die Gesichter der Gesellschaft um mich her zu

mustern. Ich bemerkte nur sehr wenige Römer, dagegen fast alles, was

Rom an Fremden beherbergte.

Einige französische Marquis, berüchtigte Spieler, einige junge

Engländer von meiner Bekanntschaft, standen ganz in meiner Nähe. Sie

zogen mich auf, daß auch ich mich habe verführen lassen, dem Spektakel,

wie sie es nannten, beizuwohnen; Lord Parter aber meinte, es sei dies

wohl der Schönen zu Gefallen geschehen, die ich mitgebracht habe. Er

deutete dabei auf eine junge Dame, die sich neben mir niedergelassen.

Er fragte nach ihrem Namen und ihrer Straße und schien sehr ungläubig,

als ich ihm damit nicht dienen zu können behauptete.

Ich betrachtete meine Nachbarin näher; es war eine schlanke hohe

Gestalt, dem Wuchs nach keine Römerin; ein schwarzer Schleier bedeckte

das Gesicht und beinahe die ganze Gestalt und ließ nur einen Teil

eines Nackens sehen, so rein und weiß, wie ich ihn selten in Italien,

beinahe nie in Rom gesehen hatte.

Schon pries ich im Herzen meine Höflichkeit gegen den alten Diplomaten,

hoffend, eine interessante Bekanntschaft zu machen, wollte eben -- da

begann der Klaggesang, und meine Schöne schien so eifrig darauf zu

hören, daß ich nicht mehr wagte, sie anzureden. Unmutig warf ich mich

in den Kirchenstuhl zurück, Gott und die Welt, den Papst und seine

Lamentationen verwünschend.

Unerträglich war mir der monotone Gesang. Denken Sie sich sechzig der

tiefsten Stimmen, die ~unisono~ im tiefsten Grundton der menschlichen

Brust Bußpsalmen murmeln. Der erste Psalm war zu Ende, eine _Kerze_ auf

dem Altar verlöschte. Getröstet, die Farce werde ein Ende haben, wollte

ich eben den jungen Lord anreden, als von neuem der Gesang anhub.

Jener belehrte mich zu meinem großen Jammer, daß noch alle zwölf

übrigen Kerzen verlöschen müssen, bis ich ans Ende denken könne. Die

Kirche war geschlossen und bewacht, an ein Entfliehen war nicht zu

denken. Ich empfahl mich allen Göttern und gedachte, einen gesunden

Schlaf zu tun. Aber wie war es möglich? Wie Strahlen einer Mittagssonne

strömten die tiefen Klänge auf mich zu. Zwei bis drei Kerzen

verlöschten, meine Unruhe ward immer größer.

Endlich aber, als die Töne noch immer fortwogten, drangen sie mir

bis ins innerste Mark. Das Erz meiner Brust schmolz vor den dichten

Strahlen, Wehmut ergriff mich, Gedanken aus den Tagen meiner Jugend

stiegen wie Schatten vor meiner Seele auf, unwillkürliche Rührung

bemächtigte sich meiner, und Tränen entstürzten seit Jahren zum

erstenmal meinem Auge.

Beschämt schaute ich mich um, ob doch keiner meine Tränen gesehen. Aber

die Spieler, wunderbarer Anblick! lagen zerknirscht auf ihren Knieen,

der Lord und seine Freunde weinten bitterlich. Zwölf Kerzen waren

verlöscht. Noch _einmal_ erhoben sich die tiefen, herzdurchbohrenden

Töne, zogen klagend durch die Halle, immer dumpfer, immer leiser

verschwebend. Da verlöschte die letzte Kerze und zugleich mit das

Feuermeer der Kirche, und bange Schatten, tiefe Finsternis drang aus

dem Chor und lagerte sich über die Gemeinde. Mir war, als wär' ich

aus der Gemeinschaft der Seligen hinausgestoßen in eine fürchterliche

Nacht.

Da tönten aus des Chores hintersten Räumen süße klagende Stimmen. Was

jenes tiefe, schauerliche Unisono unerweicht gelassen, zerschmolz

vor diesem hohen Dolce der Wehmut. Rings um mich das Schluchzen

der Weinenden, vom Chor herüber Töne, wie von gerichteten Engeln

gesungen, glaubte ich nicht anders, als in einer zernichteten Welt

mit unterzugehen und zu hören, der Glaube an Unsterblichkeit sei Wahn

gewesen.

Der Gesang war verklungen, Fackeln erhellten die Szene, die Menge ergoß

sich durch die Pforten, und auch ich gedachte mich zum Aufbruch zu

rüsten; da gewahrte ich erst, daß meine schöne Nachbarin noch immer auf

den Knieen niedergesunken lag. Ich faßte mir ein Herz.

›Signora,‹ sprach ich, ›die Tore werden geschlossen, wir sind die

letzten in der Kapelle.‹

Keine Antwort. Ich faßte ihre Rechte, die auf der Seite niederhing, sie

war kalt und ohne Leben. Sie lag in Ohnmacht.

Ich befand mich in sonderbarer Lage. Die Nacht war schon weit

vorgerückt; nur noch einige Flambeaux zogen durch die Kirche, ich mußte

alle Augenblicke befürchten, vergessen zu werden. Ich besann mich nicht

lange, rief einen der Fackelträger herbei, um mit seiner Hilfe die Dame

aufzurichten.

Wie ward mir, als ich den Schleier aufschlug! Der düstere Schein der

halbverlöschten Fackel fiel auf ein Gesicht, wie ich es auch auf den

herrlichsten Kartons von Raphael nie gesehen! Glänzendbraune Locken

hatten sich aufgelöst und fielen herab bis in den verhüllten Busen

und umzogen das liebliche Oval ihres Angesichtes, auf dem sich eine

durchsichtige Blässe gelagert hatte. Die schönen Bogen der Brauen

versprachen ein ernstes, vielleicht etwas schelmisches Auge, und den

halbgeöffneten Mund, umkleidet mit den weißesten Perlen, konnte Gram,

konnte Schmerz so gezogen haben.

Als wir sie aufrichten wollten, schlug sie das herrliche, blaue Auge

auf, dessen eigener schwärmerischer Glanz mich so überraschte, daß ich

einige Zeit mich zu sammeln nötig hatte. Sie richtete sich plötzlich

auf, stand nun in ihrer ganzen Schöne mir gegenüber. Welch zarte Formen

bei so vielem Anstand, bei so ungewöhnlicher Höhe des Wuchses. Sie

schaute verwundert in der Kirche umher, ließ dann ihre Blicke auf mich

herübergleiten.

›Und Sie hier, Otto?‹ sprach sie, nicht italienisch, nein, in reinem,

wohlklingendem Deutsch.

Wie war mir doch so wunderbar! Sie sprach so bekannt zu mir, ja, sogar

meinen Namen hatte sie genannt; woher konnte sie ihn wissen? -- sie

schien verwundert über mein Schweigen.

›Nicht bei Laune, Freund? Und doch haben Sie mich so freundlich

unterstützt? Doch, lassen Sie uns gehen, es wird spät.‹

Sie hatte recht. Die Fackel drohte zu verlöschen. Ich gab ihr den Arm.

Sie drückte zärtlich meine Hand.

Was sollte ich denken, was sollte ich machen? Betrug von ihr war nicht

möglich -- das Mädchen _konnte_ keine Dirne sein. Verwechslung war

offenbar. Aber sie wußte mich bei meinem Namen zu nennen, sie war so

ohne Arg. -- Ich wagte es -- ich übernahm die Rolle eines verstimmten

Verehrers und schritt schweigend mit ihr durch die Hallen.

Am Portal geht mein Jammer von neuem an. Welche Straße sollt' ich

wählen, um nicht sogleich meine wahre Unbekanntschaft zu verraten? Ich

nahm allen meinen Mut zusammen und schritt auf die mittlere Straße zu.

›Mein Gott,‹ rief sie aus und zog meinen Arm sanft seitwärts, ›Otto, wo

sind Sie nur heute? Hier wären wir ja an die Tiber gekommen.‹

O! Wie hörte ich so gerne diese Stimme! Wie lieblich klingt unsere

Sprache in einem schönen Munde. Schon oft hatte ich die Römerinnen

beneidet um den Wohllaut ihrer Töne; hier war weit mehr, als ich in

Rom gehört; es mußte offenbar ein deutsches Mädchen sein, ich sah es

aus allem, und doch so reine, runde Klänge ihrer Sprache! Als ich noch

immer schwieg, brach sie in ein leises Weinen aus. Ihr tränendes Auge

sah mich wehmütig an, ihre Lippen wölbten sich, wie wenn sie einen Kuß

erwarteten.

›Bist du mir nicht mehr gut, mein Otto? Ach, könntest du mir zürnen,

daß ich die Lamentationen hörte? O! zürne mir nicht! Doch du hast

recht, wäre ich lieber nicht hingegangen. Ich glaubte Trost zu finden

und fand keinen Trost, keine Hoffnung. Alle meine Lieben schienen dem

Grab entstiegen, schienen über die Alpen zu wehen und mit Tönen der

Klage mich zu sich zu rufen. Wie bin ich doch so allein auf der Erde!‹

weinte sie, indem ihr blaues Auge in das nächtliche Blau des Himmels

tauchte. ›Wie bin ich so allein! -- Und wenn ich dich nicht hätte, mein

Otto!‹

Meine Lage grenzte an Verzweiflung, das schönste lieblichste Kind im

Arme, und doch nicht sagen können, wie ich sie liebte! Als ihre Tränen

noch nicht aufhören wollten, flüsterte ich endlich leise: ›Wie könnte

ich dir zürnen.‹

Sie schaute freudig dankbar auf -- ›Du bist wieder gut? Und o! wie

siehst du heute doch gar nicht so finster aus, auch deine Stimme klingt

heute so weich! Sei auch morgen so und laß nicht wieder einen ganzen

langen Tag auf dich warten.‹

Sie näherte sich einem Haus und blieb davor stehen, indem sie die

Glocke zog. ›Und nun gute Nacht, mein Herz,‹ sagte sie, ›wie gern säß

ich noch zu dir auf der Bank, aber die Signora wartet wohl schon zu

lange.‹ Ich wußte nicht, wie mir geschah, ich fühlte einen heißen Kuß

auf meinen Lippen, und weg war sie.

Ich merkte mir die Nummer des Hauses, aber die Straße konnte ich nicht

erkennen. Nur einen Brunnen und gegenüber vor ihrem Haus eine Madonna

in Stein gehauen, konnte ich als Zeichen für die Zukunft anmerken.

Ich wand mich mit unsäglicher Mühe durch das Gewirr der Straßen

und war doch nicht froh, als ich endlich mein Haus erreichte. Bis

an den lichten Morgen kein Schlaf. Zuerst ließ mich der Mond nicht

schlafen, der mich durchs Fenster herein angrinste, und als ich die

Gardine vorzog, schien gar der Engelkopf des Mädchens hereinzublicken.

Mitunter zogen auch die Lamentationen durch meinen wirren Kopf, und

ich verwünschte endlich ein Abenteuer, das mich eine schlaflose Nacht

kostete.

Sehr frühe am andern Morgen traten Lord Parter und einer seiner Freunde

bei mir ein. Sie wollten mir begegnet sein, als ich meine rätselhafte

Schöne zu Haus brachte, und schalten mich neckend, daß ich sie gestern

gänzlich verleugnet habe. Als ich ihnen mein Abenteuer, dem größern

Teil nach, erzählte, wurden sie noch ungestümer und behaupteten, mich

deutlich schon mehreremal mit derselben Dame gesehen zu haben. Immer

klarer ward mir, daß irgend ein Dämon sich in meine Gestalt gehüllt

habe, da ja auch das Mädchen mich so genau zu kennen schien, und

ich war nicht minder begierig, das liebe Mädchen, als das leibhafte

Konterfei meiner Gestalt zu Gesicht zu bekommen. Die beiden Engländer

mußten mir Stillschweigen geloben, indem ich mich vor dem Spott meiner

Bekannten fürchtete, zugleich versprachen sie auch, mir suchen zu

helfen.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 4 · 第 7 / 24 段