»Du darfst,« sagte ich ihm, »in einem ästhetischen Tee eher zerstreut

und tiefdenkend als vorlaut erscheinen. Du darfst nichts ganz unbedingt

loben, sondern sieh immer so aus, als habest du sonst noch etwas

~in petto~, das viel zu weise für ein sterbliches Ohr wäre. Das

Beifalllächeln hochweiser Befriedigung ist schwer und kann erst nach

langer Uebung vor dem Spiegel völlig erlernt werden. Man hat aber

Surrogate dafür, mit welchen man etwas sehr loben und bitter tadeln

kann, ohne es entfernt gelesen zu haben. Du hörst z. B. von einem

Roman reden, der jetzt sehr viel Aufsehen machen soll. Man setzt als

ganz natürlich voraus, daß du ihn schon gelesen haben müssest, und

fragt dich um dein Urteil. Willst du dich nun lächerlich machen und

antworten, ›Ich habe ihn nicht gelesen?‹ Nein! Du antwortest frisch

drauf zu: ›Er gefällt mir im ganzen nicht übel, obgleich er meinen

Forderungen an Romane noch nicht entspricht. Er hat manches Tiefe und

Originelle, die Entwickelung ist artig erfunden, doch scheint mir hie

und da in der Form etwas gefehlt und einige der Charaktere verzeichnet

zu sein.‹

»Sprichst du so, und hast du Mund und Stirne in kritische Falten

gelegt, so wird dir niemand tiefes und gewandtes Urteil absprechen.«

»Dein Gewäsch behalte der Teufel,« entgegnete der Alte mürrisch.

»Meinst du, ich werde wegen dieser Menschlein, oder gar um dir Spaß

zu machen, ästhetische Gesichter schneiden? Da betrügst du dich sehr,

Satan. Tee will ich meinetwegen saufen, soviel du willst, aber --«

»Da sieht man es wieder,« wandte ich ein, »wer wird denn in einer

honetten Gesellschaft _saufen_? Wieviel fehlt dir noch, um heutzutage

als gebildet zu erscheinen! Nippen, schlürfen, höchstens trinken --

aber da hält schon der Wagen bei dem Dichter, nimm dich zusammen, daß

wir nicht Spott erleben, Ahasvere!«

Der Dichter setzte sich zu uns, und der Wagen rollte weiter. Ich sah es

dem Alten wohl an, daß ihm, je näher wir dem Ziele unserer Fahrt kamen,

desto bänger zu Mut war. Obgleich er schon seit achtzehn Jahrhunderten

über die Erde wandelte, so konnte er sich doch so wenig in die Menschen

und ihre Verhältnisse finden, daß er alle Augenblicke anstieß. So

fragte er z. B. den Dichter unterwegs, ob die Versammlung, in welche

wir fahren, aus _lauter_ Christen bestehe, zu welcher Frage jener

natürlich große Augen machte und nicht recht wissen mochte, wie sie

hierher komme.

Mit wenigen, aber treffenden Zügen entwarf uns der Dichter den Zirkel,

der uns aufnehmen sollte. Die milde und sinnige Frömmigkeit, die in dem

zarten Charakter der gnädigen Frau vorwalten sollte; der feierliche

Ernst, die stille Größe des ältern Fräuleins, die, wenngleich

Protestantin, doch ganz das Air jener wehmütig heiligen Klosterfrauen

habe, die, nachdem sie mit gebrochenem Herzen der Welt Ade gesagt,

jetzt ihr ganzes Leben hindurch an einem großartigen, interessanten

Schmerz zehren.[3] Das jüngere Fräulein, frisch, rund, blühend, heiter,

naiv, sei verliebt in einen Gardeleutnant, der aber, weil er den Eltern

nicht sinnig genug sei, nicht zu dem ästhetischen Tee komme. Sie habe

die schönsten Stellen in Goethe, Schiller, Tieck usw., welche ihr die

Mutter zuvor angestrichen, auswendig gelernt und gäbe sie hie und da

mit allerliebster Präzision preis. Sie singt, was nicht anders zu

erwarten ist, auf Verlangen italienische Arietten mit künstlichen

Rouladen. Ihre Hauptforce besteht aber im Walzerspielen. Die übrige

Gesellschaft, einige schöne Geister, einige Kritiker, sentimentale und

naive, junge und ältere Damen, freie und andere Fräulein[4] werden wir

selbst näher kennen lernen.

[3] Ganz in der Eile nimmt sich der Herausgeber die Freiheit,

den Aufriß des Boudoirs dieser protestantischen Nonne,

wie er sich ihn denkt, hier beizufügen. Im Fenster stehen

Blumen, in der Ecke ein Betpult mit einem gußeisernen

Kruzifix. Eine Gitarre ist notwendiges Requisit, wenn

auch die Eigentümerin höchstens »~O Sanctissima~« darauf

spielen kann. Ein Heiligenbild über dem Sofa, ein mit Flor

verhängtes Bild des Verstorbenen oder Ungetreuen, von

etzlichem sinnigen Efeu umrankt. Sie selbst in weißem oder

aschgrauem Kostüm, an der Wand ein Spiegel.

[4] Satan scheint hier zwischen Freifräulein und anderen

Fräulein zu unterscheiden. Unter jenen versteht er die von

gutem Adel, unter letzteren die, welche man sonst Jungfer

oder Mamsell heißt. Ich finde übrigens, den Unterschied auf

diese Art zu bezeichnen, sehr unpassend. Denn man wird mir

zugeben, daß die bürgerlichen Fräulein oft ebenso frei in

ihren Sitten und Betragen sind als die echten.

Der Wagen hielt, der Bediente riß den Schlag auf und half meinem

bangen Mentor heraus. Schweigend zogen wir die erleuchtete Treppe

hinan. Ein lieblicher Ambraduft wallte uns aus dem Vorzimmer entgegen.

Geräusch vieler Stimmen und das Gerassel der Teelöffel tönte aus der

halbgeöffneten Türe des Salons; auch diese flog auf, und umstrahlt von

dem Sonnenglanz der schwebenden Lüster, saß im Kreise die Gesellschaft.

Der Dichter führte uns vor den Sitz der gnädigen Frau und stellte den

Doktor Mucker und seinen Eleven, den jungen Baron von Stobelberg, vor.

Huldreich neigte sich die Matrone und reichte uns die schöne zarte

Hand, indem sie uns freundlich willkommen hieß. Mit jener zierlichen

Leichtigkeit, die ich einem Wiener Incroyable abgelauscht hatte, faßte

ich diese zarte Hand und hauchte ein leises Küßchen der Ehrfurcht

darüber hin. Die artige Sitte des Fremdlings schien ihr zu gefallen,

und gern gewährte sie dem Mentor des wohlgezogenen Zöglings die

nämliche Gunst. Aber o Schrecken! Indem er sich niederbückte, gewahrte

ich, daß sein grauer, stechender Judenbart nicht glatt vom Kinn

wegrasiert sei, sondern wie eine Kratzbürste hervorstehe. Gnädige Frau

verzog das Gesicht grimmig bei dem Stechkuß, aber der Anstand ließ sie

nicht mehr als ein leises Gejammer hervorstöhnen. Wehmütig betrachtete

sie die schöne weiße Hand, die rot aufzulaufen begann, und sie sah

sich genötigt, im Nebenzimmer Hilfe zu suchen. Ich sah, wie dort ihre

Zofe aus der silbernen Toilette kölnisches Wasser nahm und die wunde

Stelle damit rieb. Sodann wurden schöne glacierte Handschuhe geholt,

die Käppchen davon abgeschnitten, so daß doch die zarten Fingerspitzen

hervorsehen konnten, und die gnädige Hand damit bekleidet.

Indessen hatten sich die jungen Damen unsere Namen zugeflüstert, die

Herren traten uns näher und befragten uns über Gleichgültiges, worauf

wir wieder Gleichgültiges antworteten, bis die Seele des Hauses wieder

hereintrat. Die Edle wußte ihren Kummer um die aufgelaufene Hand so

gut zu verbergen, daß sie nur einem häuslichen Geschäft nachgegangen

zu sein schien und sogar der alte Sünder selbst nichts von dem Unheil

ahnte, das er bewirkt habe.

Die einzige Strafe war, daß sie ihm einen stechenden Blick für seinen

stechenden Handkuß zuwarf und _mich_ den ganzen Abend hindurch

auffallend vor ihm auszeichnete.

Die Leser werden gesehen haben, daß es ein ganz eleganter Tee war,

zu welchem uns der Dichter geführt hatte. Die massive silberne

Teemaschine, an welcher die jüngere Tochter Tee bereitete, die

prachtvollen Lüster und Spiegel, die brennenden Farben der Teppiche und

Tapeten, die künstlichen Blumen in den zierlichsten Vasen, endlich die

Gesellschaft selbst, die in vollem Kostüm, schwarz und weiß gemischt

war, ließen auf den Stand und guten Ton der Hausfrau schließen.

Der Tee wies sich aber auch als ästhetisch aus. Gnädige Frau bedauerte,

daß wir nicht früher gekommen seien. Der junge Dichter Frühauf habe

einige Dutzend Stanzen aus einem Heldengedicht vorgelesen, so innig,

so schwebend, mit soviel Musik in den Schlußreimen, daß man in langer

Zeit nichts Erfreulicheres gehört habe, es stehe zu erwarten, daß es

allgemein Furore in Deutschland machen werde.

Wir beklagten den Verlust unendlich, der bescheidene, lorbeerbekränzte

junge Mann versicherte uns aber unter der Hand, er wolle uns morgen

in unserm Hotel besuchen, und wir sollten nicht nur die paar Stanzen,

die er hier preisgegeben, sondern einige vollständige Gesänge zu hören

bekommen.

Das Gespräch bekam jetzt aber eine andere Wendung. Eine ältliche Dame

ließ sich ihre Arbeitstasche reichen, deren geschmackvolle und neue

Stickerei die Augen der Damen auf sich zog. Sie nahm ein Buch daraus

hervor und sagte mit freundlichem Lispeln:

»~Voyez là~ das neueste Produkt meiner genialen Freundin Johanna.

Sie hat es mir frisch von der Presse weg zugeschickt, und ich bin so

glücklich, die Erste zu sein, die es hier besitzt. Ich habe es nur ein

wenig durchblättert, aber diese herrlichen Situationen, diese Szenen,

so ganz aus dem Leben gegriffen, die Wahrheit der Charaktere, dieser

glänzende Stil --«

»Sie machen mich neugierig, Frau von Wollau,« unterbrach sie die

Dame des Hauses, »darf ich bitten --? Ah, Gabriele von Johanna von

Schopenhauer. Mit dieser sind Sie liiert, meine Liebe? Da wünsche ich

Glück.«

»Wir lernten uns in Karlsbad kennen,« antwortete Frau von Wollau,

»unsere Gemüter erkannten sich in gleichem Streben nach veredeltem Ziel

der Menschheit,[5] sie zogen sich an, wir liebten uns. Und da hat sie

mir jetzt ihre Gabriele geschickt.«

[5] Frau von Wollau will wahrscheinlich sagen »nach dem Ziel

der Veredlung.«

Der Herausgeber.

»Das ist ja eine ganz interessante Bekanntschaft,« sagte Fräulein

_Natalie_, die ältere Tochter des Hauses. »Ach! wer doch auch so

glücklich wäre! Es geht doch nichts über eine geniale Dame. Aber sagen

Sie, wo haben Sie das wunderschöne Stickmuster her, ich kann Ihre

Tasche nicht genug bewundern.«

»Schön -- wunderschön -- und die Farben! Und die Girlanden! -- Und die

elegante Form!« hallte es von den Lippen der schönen Teetrinkerinnen,

und die arme Gabriele wäre vielleicht über dem Kunstwerk ganz vergessen

worden, wenn nicht unser Dichter sich das Buch zur Einsicht erbeten

hätte. »Ich habe die interessantesten Szenen bezeichnet,« rief die

Wollau, »wer von den Herren ist so gefällig, uns, wenn es anders der

Gesellschaft angenehm ist, daraus vorzulesen?«

»Herrlich -- schön -- ein vortrefflicher Einfall --« ertönte es wieder,

und unser Führer, der in diesem Augenblicke das Buch in der Hand hatte,

wurde durch Akklamation zum Vorleser erwählt. Man goß die Tassen wieder

voll und reichte die zierlichen Brötchen umher, um doch auch dem Körper

Nahrung zu geben, während der Geist mit einem neuen Roman gespeist

wurde, und als alle versehen waren, gab die Hausfrau das Zeichen, und

die Vorlesung begann.

Beinahe eine Stunde lang las der Dichter mit wohltönender Stimme aus

dem Buche vor. Ich weiß wenig mehr davon, als daß es, wenn ich nicht

irre, die Beschreibung von Tableaus enthielt, die von einigen Damen der

großen Welt aufgeführt wurden. Mein Ohr war nur halb oder gar nicht

bei der Vorlesung, denn ich belauschte die Herzensergießungen zweier

Fräulein, die, scheinbar aufmerksam auf den Vorleser, einander allerlei

Wichtiges in die Ohren flüsterten. Zum Glück saß ich weit genug von

ihnen, um nicht in den Verdacht des Lauschens zu geraten, und doch war

die Entfernung gerade so groß, daß ein Paar gute Ohren alles hören

konnten! Die eine der beiden war die jüngere Tochter des Hauses, die,

wie ich hörte, an einen Gardeleutnant ihr Herz verloren hatte.

»Und denke dir,« flüsterte sie ihrer Nachbarin zu, »heute in aller

Frühe ist er mit seiner Schwadron vorbeigeritten, und unter meinem

Fenster haben die Trompeter den Galoppwalzer von letzthin anfangen

müssen.«

»Du Glückliche!« antwortete das andere Fräulein, »und hat Mama nichts

gemerkt?«

»So wenig als letzthin, wo er mich im Kotillon fünfmal aufzog. Was

ich damals in Verlegenheit kam, kannst du gar nicht glauben. Ich war

mit dem ...schen Attaché engagiert, und du weißt, wie unerträglich

mich dieser dürre Mensch verfolgt. Er hatte schon wieder von den

italienischen Gegenden Süddeutschlands angefangen und mir nicht

undeutlich zu verstehen gegeben, daß sie noch schöner wären, wenn

ich mit ihm dorthin zöge; da erlöste mich der liebe Fladorp aus

dieser Pein. Doch kaum hatte er mich wieder zurückgebracht, als der

Unerträgliche sein altes Lied von neuem anstimmte, aber Eduard holte

mich noch viermal aus seinen glänzendsten Phrasen heraus, so daß

jener vor Wut ganz stumm war, als ich das letzte Mal zurückkam. Er

äußerte gegen Mama seine Unzufriedenheit; sie schien ihn aber nicht zu

verstehen.«

»Ach, wie glücklich du bist,« entgegnete wehmütig die Nachbarin, »aber

ich! Weißt du schon, daß mein Dagobert nach Halle versetzt ist? Wie

wird es mir ergehen!«

»Ich weiß es und bedaure dich von Herzen, aber sage mir doch, wie dies

so schnell kam?«

»Ach!« antwortete das Fräulein und zerdrückte heimlich eine Träne im

Auge. »Ach, du hast keine Vorstellung von den Kabalen, die es im Leben

gibt. Du weißt, wie eifrig Dagobert immer für das Wohl des Vaterlandes

war. Da hatte er nun einen neuen Zapfenstreich erfunden, er hat ihn

mir auf der Fensterscheibe vorgespielt, er ist schön. Seinem Obersten

gefiel er auch recht wohl, aber dieser wollte haben, er solle ihm die

Ehre der Erfindung lassen. Natürlich konnte Dagobert dies nicht tun,

und, darüber aufgebracht, ruhte der Oberst nicht eher, bis der Arme

nach Halle versetzt worden ist. Ach, du kannst dir gar nicht denken,

wie wehmütig mir ums Herz ist, wenn der Zapfenstreich an meinem Fenster

vorbeikommt, sie spielen ihn alle Abend nach der neuen Erfindung, und

der, welcher ihn machte, kann ihn nicht hören!«

»Ich bedaure dich recht. Aber weißt du auch schon etwas ganz Neues? Daß

sie bei der Garde andere Uniform bekommen?«

»Ist's möglich? O sage, wie denn? Woher weißt du es?«

»Höre, aber im _engsten_ Vertrauen, denn es ist noch tiefes, tiefes

Geheimnis. Eduard hat es von seinem Obersten und gestand mir es

neulich, aber unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit. Sieh, die

Knöpfe werden auf der Brust weiter auseinandergesetzt und laufen weiter

unten enger zu, auf diese Art wird die Taille noch viel schlanker,

dann sollen sie auch goldene Achselschnüre bekommen, das weiß aber der

Oberst und ich glaube selbst der General noch nicht ganz gewiß; auch an

den Beinkleidern geschehen Veränderungen. -- Eduard muß aussehen wie

ein Engel -- siehe, bisher ...«

Sie flüsterten jetzt leiser, so daß ich über den Schnitt der

Gardebeinkleider nicht recht ins klare kommen konnte. Nur so viel

sah ich, daß schöne Augen bei platonischen Empfindungen ein recht

schönes Feuer haben, daß sie aber viel reizender leuchten, bei weitem

glänzendere Strahlen werfen, wenn sich _sinnliche Liebe_ in ihnen

spiegelt.

Dreizehntes Kapitel.

Angststunden des ewigen Juden.

Der Vorleser war bis an einen Abschnitt gekommen und legte das Buch

nieder. Allgemeiner Applaus erfolgte, und die gewöhnlichen Ausrufungen,

die schon dem Stickmuster gegolten hatten, wurden auch der Gabriele zu

teil. Ich konnte die Geistesgegenwart und die schnelle Fassungskraft

der beiden Fräulein nicht genug bewundern; obgleich sie nicht den

kleinsten Teil des Gelesenen gehört haben konnten, so waren sie doch

schon so gut geschult, daß sie voll Bewunderung schienen. Die eine lief

sogar hin zu Frau von Wollau, faßte ihre Hand und drückte sie an das

Herz, indem sie ihr innig dankte für den Genuß, den sie allen bereitet

habe.

Diese Dame aber saß da, voll Glanz und Glorie, wie wenn sie die

Gabriele selbst zur Welt gebracht hätte. Sie dankte nach allen Seiten

hin für das Lob, das ihrer Freundin zu teil geworden, und gab nicht

undeutlich zu verstehen, daß sie selbst vielleicht einigen Einfluß

auf das neue Buch gehabt habe. Denn sie finde hin und wieder leise

Anklänge an ihre eigenen Empfindungen, an ihre eigenen Ideen über

inneres Leben und über die Stellung der Frauen in der Gesellschaft, die

sie in traulichen Stunden ihrer Freundin aufgeschlossen.

Man war natürlich so artig, ihr deswegen einige Komplimente zu machen,

obgleich man allgemein überzeugt war, daß die geniale Freundin nichts

aus dem inneren Wollauschen Leben _gespickt_ haben werde.

Der ewige Jude hatte indes bei diesen Vorgängen eine ganz sonderbare

Figur gespielt. Verwunderungsvoll schaute er in diese Welt hinein,

als traue er seinen Augen und Ohren nicht. Doch war das Bemühen,

nach meiner Vorschrift ästhetisch und kritisch auszusehen, nicht

zu verkennen. Aber weil ihm die Uebung darin abging, so schnitt er

so greuliche Grimassen, daß er einigemal während des Vorlesens die

Aufmerksamkeit des ganzen Zirkels auf sich zog und die Dame des Hauses

mich teilnehmend fragte, ob mein Hofmeister nicht wohl sei?

Ich entschuldigte ihn mit Zahnschmerzen, die ihn zuweilen befallen, und

glaubte alles wieder gut gemacht zu haben. Als aber Frau von Wollau,

die ihm gegenübersaß, ihren Einfluß auf die Dichterin mitteilte, mußte

das preziöse, geschraubte Wesen derselben dem alten Menschen so komisch

vorkommen, daß er laut auflachte.

Wer jemals das Glück gehabt hat, einem eleganten Tee in höchst

feiner Gesellschaft beizuwohnen, der kann sich leicht denken, wie

betreten alle waren, als dieser rohe Ausbruch des Hohns erscholl.

Eine unangenehme, totenstille Pause erfolgte, in welcher man bald den

Doktor Mucker, bald die beleidigte Dame ansah. Die Frau des Hauses,

eingedenk des stechenden Kusses, wollte schon den unartigen Fremden,

der den Anstand ihres Hauses so gröblich verletzte, ohne Rückhalt

zurechtweisen, als dieser mit mehr Gewandtheit und List, als ich ihm

zugetraut hätte, sich aus der Affäre zu ziehen wußte.

»Ich hoffe, gnädige Frau,« sagte er, »Sie werden mein allerdings

unzeitiges Lachen nicht mißverstehen und mir erlauben, mich zu

rechtfertigen. Es ist Ihnen allen gewiß auch schon begegnet, daß eine

Ideen-Association Sie völlig außer Kontenance brachte. Ist doch schon

manchem mitten unter den heiligsten Dingen ein lächerlicher Gedanke

aufgestoßen, der ihn im Munde kitzelte, und je mehr er bemüht war, ihn

zu verhalten und zurückzudrängen, desto unaufhaltsamer brach er auf

einmal hervor; so geschah es mir in diesem Augenblick. Sie würden

mich unendlich verbinden, gnädige Frau, wenn Sie mir erlaubten, durch

offenherzige Erzählung mich bei Frau von Wollau zu entschuldigen.«

Gnädige Frau, höchlich erfreut, daß der Anstand doch nicht verletzt

sei, gewährte ihm freundlich seine Bitte, und der ewige Jude begann:

»Frau von Wollau hat uns ihr interessantes Verhältnis zu einer

berühmten Dichterin mitgeteilt; sie hat uns erzählt, wie sie in

manchen Stunden über ihre schriftstellerischen Arbeiten sich mit ihr

besprochen, und dies erinnerte mich lebhaft an eine Anekdote aus meinem

eigenen Leben.

Auf einer Reise durch Süddeutschland verlebte ich einige Zeit in S.

Meine Abendspaziergänge richteten sich meistens nach dem königlichen

Garten, der jedem Stand zu allen Tageszeiten offen stand. Die schöne

Welt ließ sich dort zu Fuß und zu Wagen jeden Abend sehen. Ich wählte

die einsameren Partien des Gartens, wo ich, von dichten Gebüschen gegen

die Sonne und störende Besuche verschlossen, auf weichen Moosbänken mir

und meinen Gedanken lebte.

Eines Abends, als ich schon längere Zeit auf meinem Lieblingsplätzchen

geruht hatte, kamen zwei gutgekleidete, ältliche Frauen und setzten

sich auf eine Bank, die nur durch eine schmale, aber dichtbelaubte

Hecke von der meinigen getrennt war. Ich hielt nicht für nötig,

ihnen meine Nähe, die sie nicht zu ahnen schienen, zu erkennen zu

geben. Neugierde war es übrigens nicht, was mich abhielt, denn ich

kannte keine Seele in jener Stadt, also konnten mir ihre Reden

höchst gleichgültig sein. Aber stellen Sie sich mein Erstaunen vor,

Verehrteste, als ich folgendes Gespräch vernahm:

›Nun? Und darf man Ihnen Glück wünschen, Liebe? Haben Sie endlich die

hartnäckige Elise aus der Welt geschafft?‹

›Ja,‹ antwortete die andere Dame, ›heute früh nach dem Kaffee habe ich

sie umgebracht.‹

Schrecken durchrieselte meine Glieder, als ich so deutlich und

gleichgültig von einem Mord sprechen hörte; so leise als möglich

näherte ich mich vollends der Hecke, die mich von jenen trennte,

schärfte mein Ohr wie ein Wachtelhund, daß mir ja nichts entgehen

sollte, und hörte weiter.

›Und wie haben Sie ihr den Tod beigebracht? Wie gewöhnlich durch Gift?

Oder haben Sie die Unglückliche, wie Othello seine Desdemona, mit dem

Deckbette erstickt?‹

›Keines von beiden,‹ entgegnete jene, ›aber recht hart ward mir dieser

Mord; denken Sie sich, drei Tage lang hatte ich sie schon zwischen

Leben und Sterben, und immer wußte ich nicht, was ich mit ihr anfangen

sollte. Da fiel mir endlich ein gewagtes Mittel ein; ich ließ sie,

wie durch Zufall, von einem Steg ohne Geländer in den tiefen Strom

hinabgleiten, die Wellen schlugen über ihr zusammen. Man hat von Elisen

nichts mehr gesehen.‹

›Das haben Sie gut gemacht, und die wievielte war diese, die Sie auf

die eine oder die andere Art umbringen?‹

›Nun, das wird bald abgezählt sein, Pauline Dupuis, Marie usw., aber

die erstere trug mir am meisten Geld ein. Es waren dies noch die guten

Zeiten von 1802, wo noch wenige mit mir konkurrierten.‹

Die Haare standen mir zu Berg. Also fünf unschuldige Geschöpfe hatte

diese Frau schon aus der Welt geschafft. War es nicht ein gutes Werk an

der menschlichen Gesellschaft, wenn ich einen solchen Greuel aufdeckte

und die Mörderin zur Rechenschaft zog?

Die Damen waren nach einigen gleichgültigen Gesprächen aufgestanden

und hatten sich der Stadt zugewendet. Leise stand ich auf und schlich

mich ihnen nach, wie ein Schatten ihren Fersen folgend. Sie gingen

durch die Promenade, ich folgte; sie kehrten um und gingen durchs Tor,

ich folgte; sie schienen endlich meine Beobachtungen zu bemerken, denn

die eine sah sich einigemal nach mir um, ihr böses Gewissen schien

mir erwacht, sie mochte ahnen, daß ich den Mord wisse, sie will mich

durch die verschiedene Richtung der Straßen, die sie einschlägt,

täuschen, aber ich -- folge. Endlich stehen sie an einem Hause still.

Sie ziehen die Glocke, man schließt auf, sie treten ein. Kaum sind

sie in der Türe, so gehe ich schnell heran, merke mir die Nummer des

Hauses und eile, getrieben von jenem Eifer, den die Entdeckung eines so

schauerlichen Geheimnisses in jedem aufregen muß, auf die Direktion der

Polizei.

Ich bitte den Direktor um geheimes Gehör. Ich lege ihm die ganze

Sache, alles, was ich gehört hatte, auseinander, weiß aber leider

von den Gemordeten keine mit ihrem wahren Namen anzugeben, als eine

gewisse _Pauline Dupuis_, die im Jahre 1801 unter der mörderischen Hand

jener Frau starb. Doch dies war dem unter solchen Fällen ergrauten

Polizeimann genug. Er dankt mir für meinen Eifer, schickt sogleich

Patrouille in die Straße, die ich ihm bezeichnete, und fordert mich

auf, ihn, wenn die Nacht vollends hereingebrochen sein werde, in jenes

Haus zu begleiten. Die Nacht wähle er lieber dazu, da er bei solchen

Auftritten den Zudrang der Menschen und das Aufsehen womöglich vermeide.

Die Nacht brach an, wir gingen. Die Polizeisoldaten, die das Haus

umstellt hatten, versicherten, daß noch kein Mensch dasselbe verlassen

habe. Der Vogel war also gefangen. Wir ließen uns das Haus öffnen und

fingen im ersten Stock unsere Untersuchung an. Gleich vor der Türe des

ersten Zimmers hörte ich die Stimmen der beiden Frauen. Ohne Umstände

öffne ich und deute dem Polizeidirektor die kleinere, ältliche Dame als

die Verbrecherin an.

Verwundert stand diese auf, trat uns entgegen und fragte nach unserem

Begehr. In ihrem Auge, in ihrem ganzen Wesen hatte die Dame etwas, das

mir imponierte. Ich verlor auf einen Augenblick die Fassung und deutete

nur auf den Direktor, um sie wegen ihrer Frage an jenen zu weisen. Doch

dieser ließ sich nicht so leicht verblüffen. Mit der ernsten Amtsmiene

eines Kriminalrichters fragte er sie über ihren heutigen Spaziergang

aus. Sie gestand ihn zu, wie auch die Bank, wo sie gesessen. Ihre

Aussagen stimmten ganz zu den meinigen, der Mann sah sie schon als

überwiesen an. Die Frau fing an ängstlich zu werden, sie fragte, was

man denn von ihr wolle, warum man ihr Haus, ihr Zimmer mit Bewaffneten

besetze, warum man sie mit solchen Fragen bestürme?

Der Mann der Polizei sah in diesen ängstlichen Fragen nur den Ausbruch

eines schuldbeladenen Gewissens. Er schien es für das beste zu halten,

durch eine verfängliche Frage ihr vollends das Verbrechen zu entlocken.

›Madame, was haben Sie Anno 1801 mit Pauline Dupuis angefangen? Leugnen

Sie nicht länger, wir wissen alles, sie starb durch Ihre Hand, wie

heute früh die unglückliche Elise!‹

›Ja, mein Herr! Ich habe die eine wie die andere sterben lassen,‹

antwortete diese Frau mit einer Seelenruhe, die sogar in ein boshaftes

Lächeln überzugehen schien.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 4 · 第 6 / 24 段