Ich ging wieder in den Saal zurück und sagte den noch versammelten

Herren, daß sie gar nichts zu befürchten haben, weil ich die Herren

Studiosen vermocht habe, nach Hause zu gehen. Beschämung und Zorn

rötete jetzt die bleichen Gesichter, und mein bißchen Psychologie

mußte mich ganz getäuscht haben, wenn mich die Herren nicht ihre Angst

entgelten ließen. Und gewiß! Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen.

Magnifikus ging ans Fenster, um sich selbst zu überzeugen, daß die

Aufrührer abgezogen seien; dann wendete er sich mit erhabener Miene zu

mir, und _er_, der noch vor einer Viertelstunde »mein wertgeschätzter

Freund« zu mir sagte, herrschte mir jetzt zu: »Wir können das Verhör

weiter fortführen, Delinquent mag sich setzen!«

So sind die Menschen; nichts vergißt der Höhere so leicht, als daß

der Niedere ihm in der Stunde der Not zu Hilfe eilte. Nichts sucht er

sogar eifriger zu vergessen als jene Not, wenn er sich dabei eine Blöße

gegeben, deren er sich zu schämen hat.

Nach der Miene des Magnifikus richteten sich auch die seiner Kollegen.

Sie behandelten mich grob und mürrisch. Der Rektor entwickelte mit

großer Gelehrsamkeit den ersten Anklagepunkt.

»Demagog kommt her von δημος und ὰγειν. Das eine heißt Volk, das

andere führen oder verführen. Wer ist nach diesem Begriff mehr Demagog

als Sie? Haben wir nicht in Erfahrung gebracht, daß Sie die jungen

Leute zum Trinken verleiteten, daß Sie neue Lieder und Kartenspiele

hierher verpflanzten? Auch von andern Orten werden diese Sachen als

die sichersten Symptome der Demagogie angeführt; folglich sind Sie ein

Demagog.« --

Mit triumphierendem Lächeln wandte er sich zu seinen Kollegen: »Habe

ich nicht recht, Doktor Pfeffer? Nicht recht, Herr Professor Saper?« --

»Vollkommen, Euer Magnifizenz,« versicherten jene und schnupften.

»Zweitens, jetzt kommt der andere Punkt,« fuhr der Mediziner fort;

»das Turnen ist eine Erfindung des Teufels und der Demagogen, es ist,

um mich so auszudrücken, eine vaterlandsverräterische Ausbildung der

körperlichen Kräfte. Da nun die Turnplätze eigentlich die Tierparks und

Salzlecken des demagogischen Wildes, Sie aber, wie wir in Erfahrung

gebracht haben, einer der eminentesten Turner sind, so haben Sie sich

durch Ihre ~Saltus mortales~ und Ihre übrigen Künste als einen kleinen

Jahn, einen offenbaren Demagogen gezeigt. -- Habe ich nicht recht,

Herr Doktor Bruttler? Sage ich nicht die Wahrheit, Herr Doktor Schrag?«

»Vollkommen, Euer Magnifizenz,« versicherten diese und schnupften.

»Demagogen,« fuhr er fort, »Demagogen schleichen sich ohne bestimmten

äußern Zweck ins Land und suchen da Feuer einzulegen; sie sind unstäte

Leute, denen man ihre Verdächtigkeit gleich ansieht; der Herr Studiosus

von Barbe ist ohne bestimmten Zweck hier, denn er läuft in allen

Kollegien und Wissenschaften umher, ohne sie für immer zu frequentieren

oder _gar nachzuschreiben_; was folgt? Er hat sich der Demagogie sehr

verdächtig gemacht; ich füge gleich den vierten Grund bei: man hat

bemerkt, daß Demagogen, vielleicht von geheimen Bünden ausgerüstet,

viel Geld zeigen und die Leute an sich locken; wer hat sich in diesem

Punkt der Anklage würdiger gemacht als Delinquent? Habe ich nicht

recht, meine Herren?«

»Sehr scharfsinnig, vollkommen!« antworteten die Aufgerufenen ~unisono~

und ließen die Dose herumgehen.

Mit Majestät richtete sich Magnifikus auf: »Wir glauben hinlänglich

bewiesen zu haben, daß Sie, Herr Studiosus Friedrich von Barbe, in

dem Verdacht geheimer Umtriebe stecken; wir sind aber weit entfernt,

ohne den Beklagten anzuhören, ein Urteil zu fällen, darum verteidigen

Sie sich. -- Aber mein Gott! Wie die Zeit herumgeht, da läutet es

schon zu Mittag; ich denke, der Herr kann seine Verteidigung im Karzer

schriftlich abfassen; somit wäre die Sitzung aufgehoben; wünsche

gesegnete Mahlzeit, meine Herren.«

So schloß sich mein merkwürdiges Verhör. Im Karzer entwarf ich eine

Verteidigung, die den Herren einleuchten mochte. Wahrscheinlicher aber

ist mir, daß sie sich scheuten, einen jungen Mann, der so viel Geld

ausgab, aus ihrer guten Stadt zu verbannen. Sie gaben mir daher den

Bescheid, daß man mich aus besonderer Rücksicht diesmal noch mit dem

Konsilium verschonen wolle, und setzten mich wieder auf freien Fuß.

Als Demagog eingekerkert zu sein, als Märtyrer der guten Sache

gelitten zu haben, zog einen neuen Nimbus um meinen Scheitel, und

im Triumph wurde ich aus dem Karzer nach Haus begleitet; aber die

Freude sollte nicht lange dauern. Ich hatte jetzt so ziemlich meinen

Zweck, der mich in jene Stadt geführt hatte, erreicht und gedachte

weiterzugehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, vorher noch den Titel

eines Doktors der Philosophie auf gerechtem Wege zu erringen. Ich

schrieb daher eine gelehrte Dissertation, und zwar über ein Thema,

das mir am nächsten lag: ~De rebus diabolicis~, ließ sie drucken

und verteidigte sie öffentlich; wie ich meine Gegner und Opponenten

tüchtig zusammengehauen, erzähle ich nicht, aus Bescheidenheit; einen

Auszug aus meiner Dissertation habe ich übrigens dem geneigten Leser

beigelegt.[2]

[2] Findet sich wenn ich nicht irre, am Ende des zweiten Teiles.

~Post exantlata~ oder nachdem ich den Doktorhut errungen hatte, gab

ich einen ungeheuren Schmaus, wobei manche Seele auf ewig mein wurde.

Solange noch die guten Jungen meinen Champagner und Burgunder mit

schwerer Zunge prüften, ließ ich meine Rappen vorführen und sagte

der lieben Musenstadt Valet. Die Rechnung des Doktorschmauses aber

überbrachte der Wirt am Morgen den erstaunten Gästen, und manches

Pochen des ungestümen Gläubigers, das sie aus den süßen Morgenträumen

weckte, mancher bedeutende Abzug am Wechsel erinnerte sie auch in

spätern Zeiten an den berühmten Doktorschmaus und an ihren guten

Freund, den Satan.

Unterhaltungen des Satan und des ewigen Juden in Berlin.

»Die heutigen dummen Gesichter

sind nur das ~Boeuf à la mode~ der

frühern dummen Gesichter.«

_Welt_ und _Zeit_.

Elftes Kapitel.

Wen der Teufel im Tiergarten traf.

Ich saß, es mögen bald drei Jahre sein, an einem schönen Sommerabend im

Tiergarten zu Berlin, nicht weit vom Weberischen Zelt; ich betrachtete

mir die bunte Welt um mich her und hatte großes Wohlgefallen an ihr;

war es doch schon wieder ganz anders geworden als zu der frommen

Zeit Anno dreizehn und fünfzehn, wo alles so ehrbar, und, wie sie

es nannten, altdeutsch zuging, daß es mich nicht wenig ennuyierte.

Besonders über die schönen Berlinerinnen konnte ich mich damals recht

ärgern; sonst ging es Sonntag nachmittags mit Saus und Braus nach

Charlottenburg oder mit Jubel und Lachen die Linden entlang nach dem

Tiergarten heraus; aber damals --? Jetzt aber ging es auch wieder hoch

her. Das Alte war dem Neuen gewichen, Lust und Leben wie früher zog

durch die grünen Bäume, und der Teufel galt wieder was, wie vorzeiten,

und war ein geschätzter, angesehener Mann.

Ich konnte mich nicht enthalten, einen Gang durch die buntgemischte

Gesellschaft zu machen. Die glänzenden Militärs von allen Chargen,

mit ihren ebenso verschieden chargierten Schönen, die zierlichen

Elegants und Elegantinnen, die Mütter, die ihre geputzten Töchter

zu Markt brachten, die wohlgenährten Räte mit einem guten Griff der

Kassengelder in der Tasche, und Grafen, Barone, Bürger, Studenten und

Handwerksbursche, anständige und unanständige Gesellschaft -- sie alle

um mich her, sie alle auf dem vernünftigsten Wege, _mein_ zu werden!

In fröhlicher Stimmung ging es weiter und weiter, ich wurde immer

zufriedener und heiterer.

Da sah ich, mitten unter dem wogenden Gewühl der Menge, ein paar

Männer an einem kleinen Tischchen sitzen, welche gar nicht recht zu

meiner fröhlichen Gesellschaft taugen wollten. Den einen konnte ich

nur vom Rücken sehen, es war ein kleiner beweglicher Mann, schien viel

an seinen Nachbar hinzusprechen, gestikulierte oft mit den Armen und

nahm nach jedem größeren Satz, den er gesprochen, ein erkleckliches

Schlückchen dunkelroten Franzweins zu sich.

Der andere mochte schon weit vorgerückt in Jahren sein, er war ärmlich,

aber sauber gekleidet, beugte den Kopf auf die eine Hand, während die

andere mit einem langen Wanderstab wunderliche Figuren in den Sand

schrieb, er hörte mit trübem Lächeln dem Sprechenden zu und schien ihm

wenig oder ganz kurz zu antworten.

Beide Figuren hatten etwas mir so Bekanntes, und doch konnte ich mich

im Augenblick nicht entsinnen, wer sie wären. Der kleine Lebhafte

sprang endlich herauf, drückte dem Alten die Hand, lief mit kurzen

schnellen Schritten, heiser vor sich hinlachend, hinweg und verlor sich

bald ins Gedränge. Der Alte schaute ihm wehmütig nach und legte dann

die tiefgefurchte Stirne wieder in die Hand.

Ich besann mich auf alle meine Bekannten, keiner paßte zu dieser Figur;

eine Ahnung durchflog mich, sollte es -- doch was braucht der Teufel

viel Komplimente zu machen? Ich trat näher, setzte mich auf den Stuhl,

welchen der andere verlassen hatte, und bot dem Alten einen guten Abend.

Langsam erhob er sein Haupt und schlug das Auge auf, ja, er war es, es

war der _ewige Jude_.

»~Bon soir~, Brüderchen!« sagte ich zu ihm, »es ist doch schnakisch,

daß wir einander zu Berlin im Tiergarten wiederfinden, es wird wohl so

achtzig Jährchen sein, daß ich nicht mehr das Vergnügen hatte?«

Er sah mich fragend an. »So, du bist's?« preßte er endlich heraus.

»Hebe dich weg, mit dir habe ich nichts zu schaffen!«

»Nur nicht gleich so grob, _Ewiger_,« gab ich ihm zur Antwort; »wir

haben manche Mitternacht miteinander vertollt, als du noch munter warst

auf der Erde und so recht systematisch liederlich lebtest, um dich

selbst bald unter den Boden zu bringen. Aber jetzt bist du, glaube ich,

ein Pietist geworden.«

Der Jude antwortete nicht, aber ein hämisches Lächeln, das über seine

verwitterten Züge flog, wie ein Blitz durch die Ruine, zeigte mir, daß

er mit der Kirche noch immer nicht recht einig sei.

»Wer ging da soeben von dir hinweg?« fragte ich, als er noch immer auf

seinem Schweigen beharrte.

»Das war der Kammergerichtsrat Hoffmann,« erwiderte er.

»So, _der_? Ich kenne ihn recht wohl, obgleich er mir immer ausweicht

wie ein Aal; war ich ihm doch zu mancher seiner nächtlichen Phantasien

behilflich, daß es ihm selbst oft angst und bange wurde, und habe ich

ihm nicht als sein eigner Doppelgänger über die Schultern geschaut,

als er an seinem Kreisler schrieb? Als er sich umwandte und den Spuk

anschaute, rief er seiner Frau, daß sie sich zu ihm setze, denn es war

Mitternacht, und seine Lampe brannte trüb. -- So, so, der war's? Und

was wollte er von dir, Ewiger?«

»Daß du verkrümmest mit deinem Spott; bist du nicht gleich ewig wie

ich, und drückt dich die Zeit nicht auch auf den Rücken? Nenne den

Namen nicht mehr, den ich hasse! Was aber den Kammergerichtsrat

Hoffmann betrifft,« fuhr er ruhiger fort, »so geht er umher, um sich

die Leute zu betrachten; und wenn er einen findet, der etwas Apartes

an sich hat, etwa einen Hieb aus dem Narrenhaus oder einen Stich aus

dem Geisterreich, so freut er sich baß und zeichnet ihn mit Worten oder

mit dem Griffel. Und weil er an mir etwas Absonderliches verspürt haben

mag, so setzte er sich zu mir, besprach sich mit mir und lud mich ein,

ihn in seinem Haus auf dem Gendarmenmarkt zu besuchen.«

»So, so? Und wo kommst du denn eigentlich her, wenn man fragen darf?«

»~Recta~ aus China!« antwortete Ahasverus. »Ein langweiliges Nest, es

sieht gerade aus wie vor fünfzehnhundert Jahren, als ich zum erstenmal

dort war.«

»In China warst du?« fragte ich lachend. »wie kommst du denn zu dem

langweiligen Volk, das selbst für den Teufel zu wenig amüsant ist?«

»Laß das,« entgegnete jener, »du weißt ja, wie mich die Unruhe durch

die Länder treibt. Ich habe mir, als die Morgensonne des neuen

Jahrhunderts hinter den mongolischen Bergen aufging, den Kopf an die

_lange Mauer_ von China gerannt, aber es wollte noch nicht mit mir zu

Ende gehen, und ich hätte eher ein Loch durch jene Gartenmauer des

himmlischen Reiches gestoßen wie ein alter Aries, als daß der dort oben

mir ein Härchen hätte krümmen lassen.«

Tränen rollten dem alten Menschen aus den Augen. Die müden Augenlider

wollten sich schließen, aber der Schwur des Ewigen hält sie offen,

bis er schlafen darf, wenn die andern auferstehen. Er hatte lange

geschwiegen, und wahrlich, ich konnte den Armen nicht ohne eine Regung

von Mitleid ansehen. Er richtete sich wieder auf. -- »Satan,« fragte er

mit zitternder Stimme, »wieviel Uhr ist's in der Ewigkeit?«

»Es will Abend werden,« gab ich ihm zur Antwort.

»O Mitternacht,« stöhnte er, »wann endlich kommen deine kühlen Schatten

und senken sich auf mein brennendes Auge? Wann nahest du, Stunde, wo

die Gräber sich öffnen und Raum wird für den _einen_, der dann ruhen

darf?«

»Pfui Kuckuck, alter Heuler!« brach ich los, erbost über die

weinerlichen Manieren des ewigen Wanderers. »Wie magst du nur solch ein

poetisches Lamento aufschlagen? Glaube mir, du darfst dir gratulieren,

daß du noch etwas Apartes hast. Manche lustige Seele hat es an einem

gewissen Ort viel schlimmer als du hier auf der Erde. Man hat doch

hier oben immer noch seinen Spaß, denn die Menschen sorgen dafür, daß

die tollen Streiche nicht ausgehen. Wenn ich so viele freie Zeit hätte

wie du, ich wollte das Leben anders genießen. ~Ma foi~, Brüderchen,

warum gehst du nicht nach England, wo man jetzt über die galanten

Abenteuer einer Königin öffentlich certiert? Warum nicht nach Spanien,

wo es jetzt nächstens losbricht? Warum nicht nach Frankreich, um dein

Gaudium daran zu haben, wie man die Wände des Kaisertums überpinselt

und mit alten Gobelins von Louis des Vierzehnten Zeiten, die sie aus

dem Exil mitgebracht haben, behängt. Ich kann dir versichern, es sieht

gar närrisch aus, denn die Tapete ist überall zu kurz, und durch

Risse guckt immer noch ernst und drohend das Kaisertum, wie das Blut

des Ermordeten, das man mit keinem Gips auslöschen kann, und das, so

oft man es weiß anstreicht, immer noch mit der alten _bunten_ Farbe

durchschlägt?«

Der alte Mensch hatte mir aufmerksam zugehört, sein Gesicht war immer

heiterer geworden, und er lachte jetzt aus vollem Herzen. »Du bist, wie

ich sehe, immer noch der alte,« sagte er und schüttelte mir die Hand,

»weißt jedem etwas aufzuhängen, und wenn er gerade aus Abrahams Schoß

käme!«

»Warum,« fuhr ich fort, »warum hältst du dich nicht länger und

öfter hier in dem guten, ehrlichen Deutschland auf? Kann man etwas

Possierlicheres sehen als diese Duodezländer? Da ist alles so -- doch

stille, da geht einer von der geheimen Polizei umher. Man könnte leicht

etwas aufschnappen und den ewigen Juden und den Teufel als unruhige

Köpfe nach Spandau schicken. Aber um auf etwas anderes zu kommen, warum

bist du denn hier in Berlin?«

»Das hat seine eigene Bewandtnis,« antwortete der Jude. »Ich bin hier,

um einen Dichter zu besuchen.«

»Du einen Dichter?« rief ich verwundert. »Wie kommst du auf diesen

Einfall?«

»Ich habe vor einiger Zeit ein Ding gelesen, man heißt es Novelle,

worin ich die Hauptrolle spielte. Es führt zwar den dummen Titel: _Der

ewige Jude_, im übrigen ist es aber eine schöne Dichtung, die mir

wunderbaren Trost brachte! Nun möchte ich den Mann sehen und sprechen,

der das wunderliche Ding gemacht hat.«

»Und der soll hier wohnen, in Berlin?« fragte ich neugierig, »und wie

heißt er denn?«

»Er soll hier wohnen und heißt F. H. Man hat mir auch die Straße

genannt, aber mein Gedächtnis ist wie ein Sieb, durch das man

Mondschein gießt!«

Ich war nicht wenig begierig, wie sich der ewige Jude bei einem Dichter

produzieren würde, und beschloß, ihn zu begleiten. »Höre, Alter,« sagte

ich zu ihm, »wir sind von jeher auf gutem Fuß miteinander gestanden,

und ich hoffe nicht, daß du deine Gesinnungen gegen mich ändern wirst.

Sonst --«

»Zu drohen ist gerade nicht nötig, Herr Satan,« antwortete er, »denn

du weißt, ich mache mir wenig aus dir und kenne deine Schliche

hinlänglich, aber deswegen bist du mir doch als alter Bekannter ganz

angenehm und recht. -- Warum fragst du denn?«

»Nun, du könntest mir die Gefälligkeit erweisen, mich zu dem Dichter,

der dich in einer Novelle abkonterfeite, mitzunehmen. Willst du nicht?«

»Ich sehe zwar nicht ein, was für Interesse du dabei haben kannst,«

antwortete der Alte und sah mich mißtrauisch an. »Du könntest irgend

einen Spuk im Sinne haben und dir vielleicht gar mit bösen Absichten

auf des braven Mannes Seele schmeicheln. Dies schlage dir übrigens nur

aus dem Sinn, denn der schreibt so fromme Novellen, daß der Teufel

selbst ihm nichts anhaben kann. -- Doch meinetwegen kannst du mitgehen.«

»Das denke ich auch. Was diese Seele betrifft, so kümmere ich mich

wenig um Dichter und dergleichen, das ist leichte Ware, welcher der

Teufel wenig nachfragt. Es ist bei mir nur Interesse an dem Manne

selbst, was mich zu ihm zieht. Uebrigens, in diesem Kostüm kannst du

hier in Berlin keine Visiten machen, Alter!«

Der ewige Jude beschaute mit Wohlgefallen sein abgeschabtes braunes

Röcklein mit großen Perlmutterknöpfen, seine lange Weste mit breiten

Schößen, seine kurzen, zeisiggrünen Beinkleider, die auf den Knieen

ins Bräunliche spielten. Er setzte das schwarzrote dreieckige Hütchen

aufs Ohr, nahm den langen Wanderstab kräftiger in die Hand, stellte

sich vor mich hin und fragte: »Bin ich nicht angekleidet stattlich wie

König Salomo und zierlich wie der Sohn Isais? Was hast du nur an mir

auszusetzen? Freilich trage ich keinen falschen Bart wie du, keine

Brille sitzt mir auf der Nase, meine Haare stehen nicht in die Höhe ~à

la~ Wahnsinn. Ich habe meinen Leib in keinen wattierten Rock gepreßt,

und um meine Beine schlottern keine ellenweiten Beinkleider; wozu

freilich Herr Bocksfuß Ursache haben mag.«

»Solche Anzüglichkeiten gehören nicht hierher,« antwortete ich dem

alten Juden. »Wisse, man muß heutzutage nach der Mode gekleidet sein,

wenn man sein Glück machen will, und selbst der Teufel macht davon

keine Ausnahme. Aber höre meinen Vorschlag. Ich versehe dich mit einem

anständigen Anzug, und du stellst dafür meinen Hofmeister vor. Auf

diese Art können wir leicht Zutritt in Häusern bekommen, und wie wollte

ich dir's vergelten, wenn uns dein Dichter in einen ästhetischen Tee

einführte.«

»Aesthetischer Tee, was ist denn das? In China habe ich manches Maß Tee

geschluckt, Blumentee, Kaisertee, Mandarinentee, sogar Kamillentee,

aber ästhetischer Tee war nie dabei.«

»~O sancta simplicitas!~ Jude, wie weit bist du zurück in der Kultur!

Weißt du denn nicht, daß dies Gesellschaften sind, wo man über

Teeblätter und einige schöne Ideen genugsam warmes Wasser gießt und den

Leuten damit aufwartet? Zucker und Rum tut jeder nach Belieben dazu,

und man amüsiert sich dort trefflich.«

»Habe ich je so etwas gehört, so will ich Hans heißen,« versicherte der

Jude, »und was kostet es, wenn man's sehen darf?«

»Kosten? Nichts kostet es, als daß man der Frau vom Haus die Hand küßt

und, wenn ihre Töchter singen oder mimische Vorstellungen geben, hie

und da ein ›Wundervoll‹ oder ›Göttlich‹ schlüpfen läßt.«

»Das ist ein wunderliches Volk geworden in den letzten achtzig Jahren.

Zu Friedrichs des Großen Zeiten wußte man noch nichts von diesen

Dingen. Doch des Spaßes wegen kann man hingehen. Denn ich verspüre in

dieser Sandwüste gewaltig Langeweile.«

Der Besuch war also auf den nächsten Tag festgesetzt. Wir besprachen

uns noch über die Rolle, die ich als Eleve von zwei- bis dreiundzwanzig

Jahren, er als Hofmeister zu spielen hätte, und schieden.

Ich versprach mir treffliche Unterhaltung von dem morgenden Tage. Der

ewige Jude hatte so alte, unbehilfliche Manieren, wußte sich so gar

nicht in die heutige Welt zu schicken, daß man ihn im Gewand eines

Hofmeisters zum wenigsten für einen ausgemachten Pedanten halten mußte.

Ich nahm mir vor, mir selbst so viel Eleganz, als dem Teufel nur immer

möglich ist, anzulegen und den Alten dadurch recht in Verlegenheit zu

bringen. Zerstreuung war ihm überdies höchst nötig, denn er hatte in

der letzten Zeit auf seinen einsamen Wanderungen einen solchen Ansatz

zur Frömmelei bekommen, daß er ein Pietist zu werden drohte.

Der Dichter, zu welchem mich der ewige Jude führte, ein Mann in

mittleren Jahren, nahm uns sehr artig auf. Der Jude hieß sich Doktor

Mucker und stellte in mir seinen Eleven, den jungen Baron von

Stobelberg, vor. Ich richtete meine äußere Aufmerksamkeit bald auf die

schönen Kupferstiche an der Wand, auf die Titel der vielen Bücher, die

umherstanden, um desto ungeteilter mein Ohr und, wenn es unbemerkt

möglich war, auch mein Auge an der Unterhaltung teilnehmen zu lassen.

Der alte Mensch begann mit einem Lob über die Novelle vom ewigen

Juden; der Dichter aber, viel zu fein und gebildet, als daß er seinen

Gast hätte auf diesem Lob stehen lassen, wandte das Gespräch auf

die Sage vom ewigen Juden überhaupt, und daß sie ihm auf jene Weise

aufgegangen sei. Der Ewige schnitt, zur Verwunderung des Dichters,

grimmige Gesichter, als dieser unter anderem behauptete: es liege in

der Sage vom ewigen Juden eine tiefe Moral, denn der Verworfenste

unter den Menschen sei offenbar immer der, welcher seinen Schmerz über

getäuschte Hoffnung gerade an dem auslasse, der diese Hoffnungen erregt

habe. Besonders verworfen erscheine er, wenn zugleich der, welcher die

Hoffnung erregte, noch unglücklicher erscheine als der, welcher sich

täuschte.

Es fehlte wenig, so hätte der Herr Doktor Mucker sein Inkognito

abgelegt und wäre dem wirklich genialen Dichter als ewiger Jude zu

Leib gegangen. Noch verwirrter aber wurde mein alter Hofmeister, als

jener das Gespräch auf die neuere Literatur brachte. Hier ging ihm die

Stimme völlig aus, und er sah die nächste beste Gelegenheit ab, sich zu

empfehlen.

Der brave Mann lud uns ein, ihn noch oft zu besuchen, und kaum hatte

er gehört, wir seien völlig fremd in Berlin und wissen noch nicht,

wie wir den Abend zubringen sollen, so bat er uns, ihn in ein Haus zu

begleiten, wo alle Montag ausgesuchte Gesellschaft von Freunden der

schönen Literatur bei Tee versammelt sei. Wir sagten dankbar zu und

schieden.

Zwölftes Kapitel.

Satan besucht mit dem ewigen Juden einen ästhetischen Tee.

Ahasverus war den ganzen Tag über verstimmt. Gerade das, daß er in

seinem Innern dem Dichter recht geben mußte, genierte ihn so sehr. Er

brummte einmal über das andere über die »naseweise Jugend« (obgleich

der Dichter jener Novelle schon bei Jahren war) und den Verfall der

Zeiten und Sitten. Trotz dem Respekt, den ich gegen ihn als meinen

Hofmeister hätte haben sollen, sagte ich ihm tüchtig die Meinung und

brachte den alten Bären dadurch wenigstens so weit, daß er höflich

gegen den alten Mann sein wollte, der so artig war, uns in den

ästhetischen Tee zu führen.

Die siebente Stunde schlug. In einen modischen Frack, wohl parfümiert,

in die feinste, zierlichst gefältelte Leinwand gekleidet, die

Beinkleider von Paris, die durchbrochenen Seidenstrümpfe von Lyon, die

Schuhe von Straßburg, die Lorgnette so fein und gefällig gearbeitet,

wie sie nur immer aus der Fabrik der Herren Lood in Werenthead

hervorgeht, so stellte ich mich den erstaunten Blicken des Juden dar;

dieser war mit seiner modischen Toilette noch nicht halb fertig und

hatte alles höchst sonderbar angezogen, wie er z. B. die elegante hohe

Krawatte, ein Berliner Meisterwerk, als Gurt um den Leib gebunden hatte

und fest darauf bestand, dies sei die neueste Tracht auf _Morea_.

Nachdem ich ihn mit vieler Mühe geputzt hatte, brachen wir auf. Im

Wagen, den ich, um brillanter aufzutreten, für diesen Abend gemietet

hatte, wiederholte ich alle Lehren über den gesellschaftlichen Anstand.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 4 · 第 5 / 24 段