Kühnheit und des Muts, gedachten, es sei jetzt der rechte Augenblick
gekommen, und führten mich in einen großen Saal, wo man mit Kreide die
gegenseitige feindliche Stellung auf dem Boden markiert hatte. Ein
Fuchs rechnete es sich zur hohen Ehre, mir den »Schläger« vorantragen
zu dürfen, wie man den alten Kaisern Schwert und Zepter vorantrug.
Jener war eine aus poliertem Stahl schön gearbeitete Waffe mit großem,
schützendem Korb, und scharf geschliffen wie ein Schermesser.
Wir standen endlich einander gegenüber. Der Theologe machte ein
grimmiges Gesicht und blickte mit einem Hohn auf mich, der mich nur
noch mehr in dem Vorsatz bestärkte, ihn tüchtig zu zeichnen.
Wir legten uns nach alter Fechterweise aus, die Klingen waren gebunden,
die Sekundanten schrieen: »Los!« und unsere Schläger schwirrten in der
Luft und fielen rasselnd auf die Körbe. Ich verhielt mich meistens
parierend gegen die wirklich schönen und mit großer Kunst ausgeführten
Angriffe des Gegners. Denn mein Ruhm war größer, wenn ich mich von
Anfang nur verteidigte und erst im vierten, fünften Gang ihm eine
Schlappe gab.
Allgemeine Bewunderung folgte jedem Gang. Man hatte noch nie so kühn
und schnell angreifen, noch nie mit so vieler Ruhe und Kaltblütigkeit
sich verteidigen sehen. Meine Fechtkunst wurde von den ältesten
»Häusern« bis in den Himmel erhoben, und man war nun gespannt und
begierig, bis ich selbst angreifen würde. Doch wagte es keiner, mich
dazu aufzumuntern.
Vier Gänge waren vorüber, ohne daß irgendwo ein Hieb blutig gewesen
wäre. Ehe ich zum fünften aufmarschierte, zeigte ich meinen Kameraden
die Stelle auf der rechten Wange, wohin ich meinen Theologen treffen
wolle. Dieser mochte es mir ansehen, daß ich jetzt selbst angreifen
werde, er legte sich so gedeckt als möglich aus und hütete sich, selbst
einen Angriff zu machen. Ich begann mit einer herrlichen Finte, der
ein allgemeines Ah! folgte, schlug dann einige regelmäßige Hiebe, und
klapp! saß ihm mein Schläger in der Wange.
Der gute Theologe wußte nicht, wie ihm geschah, mein Sekundant und
Zeuge sprangen mit einem Zollstab hinzu, maßen die Wunde und sagten mit
feierlicher Stimme: »_Es ist mehr als ein Zoll, klafft und blutet, also
Ansch--ß_«. Das hieß so viel als: weil ich dem guten Jungen ein Zoll
langes Loch ins Fleisch gemacht hatte, war seiner Ehre genug geschehen
Jetzt stürzten meine Freunde herzu, die ältesten faßten meine Hände,
die jüngeren betrachteten ehrfurchtsvoll die Waffe, mit welcher die
in der Geschichte einzige und unerhörte Tat geschehen war. Denn wer,
seit des großen Renommisten Zeiten durfte sich rühmen, vorher die
Stelle, die er treffen wollte, angezeigt und mit so vieler Genauigkeit
getroffen zu haben?
Ernsten Blickes trat der Sekundant meines Gegners herein und bot mir in
dessen Namen Versöhnung an. Ich ging zu dem Verwundeten, dem man gerade
mit Nadel und Faden seine Wunde zunähte, und versöhnte mich mit ihm.
»Ich bin Ihnen Dank schuldig,« sagte er zu mir, »daß Sie mich so
gezeichnet haben. Ich wurde, ganz gegen meinen Willen, gezwungen,
Theologie zu studieren. Mein Vater ist Landpfarrer, meine Mutter eine
fromme Frau, die ihren Sohn gerne einmal im Chorrock sehen möchte.
_Sie_ haben mit _einemmal_ entschieden, denn mit einer Schmarre vom Ohr
bis zum Mund darf ich keine Kanzel mehr besteigen.«
Die Burschen sahen teilnehmend auf den wackern Theologen, der wohl
mit geheimer Wehmut an den Schmerz des alten Pastors, an den Jammer
der frommen Mama denken mochte, wenn die Nachricht von diesem Unfall
anlangte. Ich aber hielt es für das größte Glück des Jünglings, durch
eine so kurze Operation der Welt wiedergeschenkt zu sein. Ich fragte
ihn, was er jetzt anzufangen gedenke, und er gestand offen, daß der
Stand eines Kavalleristen oder eines Schauspielers ihn von jeher am
meisten angezogen hätte.
Ich hätte ihm um den Hals fallen mögen für diesen vernünftigen
Gedanken, denn gerade unter diesen beiden Ständen zähle ich die meisten
Freunde und Anhänger. Ich riet ihm daher aufs ernstlichste, dem Trieb
der Natur zu folgen, indem ich ihm die besten Empfehlungsbriefe an
bedeutende Generale und an die vorzüglichsten Bühnen versprach.
Dem ganzen Personale aber, das dem merkwürdigen Duell angewohnt hatte,
gab ich einen trefflichen Schmaus, wobei auch mein Gegner und seine
Gesellen nicht vergessen wurden. Dem ehemaligen Theologen zahlte ich
nachher in der Stille seine Schulden und versah ihn, als er genesen
war, mit Geld und Briefen, die ihm eine fröhliche, glänzende Laufbahn
eröffneten.
Meine geheime Wohltätigkeit war so wenig, als der glänzende Ausgang
meiner Affäre ein Geheimnis geblieben. Man sah mich von jetzt wie ein
höheres Wesen an, und ich kannte manche junge Dame, die sogar über
meine großmütigen Sentiments Tränen vergoß.
Die Mediziner aber ließen mir durch eine Deputation einen prachtvollen
Schläger überreichen, weil ich mich, wie sie sich ausdrückten: _für den
guten Geruch ihrer Anatomie geschlagen habe_.
Die Welt bleibt unter allen Gestalten die nämliche, die sie von Anfang
war. Dem Bösen, selbst dem Unvernünftigen huldigt sie gerne, wenn es
sich nur in einem glänzenden Gewande zeigt; die gute, ehrliche Tugend
mit ihren rauhen Manieren und ihrem ungeschliffenen, rohen Aussehen
wird höchstens Achtung, niemals Beifall erlangen.
Neuntes Kapitel.
Satans Rache an Doktor Schnatterer.
Als ich sah, wie weit die Philosophie und Theologie in ...en hinter
meinen Vorstellungen, die ich mir zuvor gemacht hatte, zurückbleibe,
legte ich mich mit Eifer auf Aesthetik, Rhetorik, namentlich aber auf
die schöne Literatur. Man wende mir nicht ein, ich habe auf diese Art
meine Zeit unnütz angewendet. Ich besuchte ja jene berühmte Schule
nicht, um ein Brotstudium zu treiben, das einmal einen Mann mit Weib
und Kind ernähren könnte, sondern das ~Dic cur hic~, das ich recht oft
in meine Seele zurückrief, sagte mir immer, ich solle suchen, von
jeder Wissenschaft einen kleinen Hieb zu bekommen, mich aber so sehr
als möglich in jenen Künsten zu vervollkommnen, die heutzutage einem
Mann von Bildung unentbehrlich sind.
Bei Gelegenheit, eine Stelle aus einem Dichter zu zitieren, über
die Schönheit eines Gemäldes kunstgerecht mitzusprechen, eine
Statue nach allen Regeln für erbärmlich zu erklären, für die Männer
einige theologische Literatur, einige juridische Phrasen, einige
neue medizinische Entdeckungen, einige exorbitante philosophische
Behauptungen ~in petto~ zu haben, hielt ich für unumgänglich notwendig,
um mich mit Anstand in der modernen Welt bewegen zu können, und ohne
mir selbst ein Kompliment machen zu wollen, darf ich sagen, ich habe in
den paar Monaten in ...en hinlänglich gelernt.
Ich habe mir nach dem Beispiel meiner großen Vorbilder im
Memoirenschreiben vorgenommen, auch die geringfügigsten Ereignisse
aufzuführen, wenn sie lehrreich oder merkwürdig sind, wenn sie Stoff
zum Nachdenken oder zum Lachen enthalten. Ich darf daher nicht
versäumen, meine Rache am Doktor Schnatterer zu erzählen.
Besagter Doktor hatte die löbliche Gewohnheit, Sonntag nachmittags mit
mehreren andern Professoren in ein Wirtshaus, ein halbes Stündchen
vor der Stadt, zu spazieren. Dort pflegte man, um die steifgesessenen
Glieder wieder auszurenken, Kegel zu schieben und allerlei sonstige
Kurzweil zu treiben, wie es sich für ehrbare Männer geziemt; man
spielte wohl auch bei Türen ein Whistchen oder Pikett und trank
manchmal ein Gläschen über Durst, was wenigstens die böse Welt daraus
ersehen wollte, daß sich die Herren abends in der Chaise des Wirts zur
Stadt bringen ließen.
Der ehrwürdige Theologe aber pflegte immer lange vor Sonnenuntergang
heimzukehren, man sagt, weil die Frau Doktorin ihm keine längere Frist
erlaubt hatte: er ging dann bedächtlichen Schrittes seinen Weg, vermied
aber die breite Chaussee und schlug den Wiesenpfad ein, der dreißig
Schritte seitwärts neben jener hinlief; der Grund war, weil der breite
Weg am schönen Sonntag abend mit Fußgängern besäet war, der Doktor aber
die höhere Röte seines Gesichtes und den etwas unsicheren Gang nicht
den Augen der Welt zeigen wollte.
So erklärten sich die Bösen den einsamen Gang Schnatterers; die Frommen
aber blieben stehen, schauten ihm nach und sprachen: »Siehe, er geht
nicht auf dem breiten Weg der Gottlosen, der fromme Herr Doktor,
sondern den schmalen Pfad, welcher zum Leben führt.«
Auf diese Gewohnheit des Doktors hatte ich meinen Racheplan gebaut.
Ich paßte ihm an einem schönen Sonntag abend, der alle Welt ins Freie
gelockt hatte, auf, und er trat noch bei guter Tageszeit aus dem
Wirtshaus. Mit demütigem Bückling nahte ich mich ihm und fragte, ob ich
ihn auf seinem Heimweg begleiten dürfe, der Abend scheine mir in seiner
gelehrten Nähe noch einmal so schön.
Der Herr Doktor schien einen kordialen Hieb zu haben; er legte
zutraulich meinen Arm in den seinigen und begann mit mir über die
Tiefen der Wissenschaften zu perorieren. Aber ich schlug sein Auge mit
Blindheit, und indem ich als ehrbarer Studiosus neben ihm zu gehen
schien, verwandelte ich meine Gestalt und erschien den verwunderten
Blicken der Spaziergänger als die schöne Luisel, die berüchtigste
Dirne der Stadt. -- Ach! daß Hogarth an jenem Abend unter den
spazierengehenden Christen auf dem breiten Wege gewandelt wäre! Welch
herrliche Originale für frommen Unwillen, starres Erstaunen, hämische
Schadenfreude hätte er in sein Skizzenbuch niederlegen können!
Die Vordersten blieben stehen, als sie das seltsame Paar auf dem
Wiesenpfad wandeln sahen, sie kehrten um, uns zu folgen, und rissen
die Nachkommenden mit. Wie ein ungeheurer Strom wälzte sich uns die
erstaunte Menge nach, wie ein Lauffeuer flog das unglaubliche Gerücht:
»Der Doktor Schnatterer mit der schönen Luisel!« von Mund zu Mund der
Stadt zu.
»Wehe dem, durch den Aergernis kommt!« riefen die Frommen. »Hat man
_das_ je erlebt von einem christlichen Prediger?«
»Ei, ei, wer hätte das hinter dem Ehrsamen gesucht?« sprachen mit
Achselzucken die Halbfrommen. »Wenn der Skandal nur nicht auf
öffentlicher Promenade --!«
»Der Herr Doktor machen sich's bequem!« lachten die Weltkinder, »er
predigt gegen das Unrecht und geht mit der Sünde spazieren.«
So hallte es vom Felde bis in die Stadt, Bürger und Studenten, Mägde
und Straßenjungen erzählten es in Kneipen, am Brunnen und an allen
Ecken; und »Doktor Schnatterer« und »Schön Luisel« war das Feldgeschrei
und die Parole für diesen Abend und manchen folgenden Tag.
An einer Krümmung des Weges machte ich mich unbemerkt aus dem
Staube und schloß mich als Studiosus meinen Kameraden an, die mir
die Neuigkeit ganz warm auftischten. Der gute Doktor aber zog ruhig
seines Weges, bemerkte, in seine tiefen Meditationen versenkt, nicht
das Drängen der Menge, die sich um seinen Anblick schlug, nicht das
wiehernde Gelächter, das seinen Schritten folgte. Es war zu erwarten,
daß einige fromme Weiber seiner zärtlichen Ehehälfte die Geschichte
beigebracht hatten, ehe noch der Theologe an der Hausglocke zog;
denn auf der Straße hörte man deutlich die fürchterliche Stimme des
Gerichtsengels, der ihn in Empfang nahm, und das Klatschen, welches man
hie und da vernahm, war viel zu volltönend, als daß man hätte denken
können, die Frau Doktorin habe die Wangen ihres Gemahls mit dem _Munde_
berührt.
Wie ich mir aber dachte, so geschah es. Nach einer halben Stunde
schickte die Frau Doktorin zu mir und ließ mich holen. Ich traf den
Doktor mit hoch aufgelaufenen Wangen, niedergeschlagen in einem
Lehnstuhl sitzend. Die Frau schritt auf mich zu und schrie, indem sie
die Augen auf den Doktor hinüberblitzen ließ: »Dieser Mensch dort
behauptet, heute abend mit Ihnen vom Wirtshaus hereingegangen zu sein:
sagen Sie, ob es wahr ist, sagen Sie!«
Ich bückte mich geziemend und versicherte, daß ich mir habe nie träumen
lassen, die Ehre zu genießen; ich sei den ganzen Abend zu Haus gewesen.
Wie vom Donner gerührt, sprang der Doktor auf, der Schrecken schien
seine Zunge gelähmt zu haben: »Zu Haus gewesen?« lallte er. »Nicht mit
mir gegangen? O, mit wem soll ich denn gegangen sein als mit Ihnen,
Wertester?«
»Was weiß ich, mit wem der Herr Doktor gegangen sind?« gab ich lächelnd
zur Antwort. »Mit mir auf keinen Fall!«
»Ach, Sie sind nur zu nobel, Herr Studiosus,« heulte die wütende Frau,
»was sollten Sie nicht wissen, was die ganze Stadt weiß; der alte
Sünder, der Schandmensch! Man weiß seine Schliche wohl; mit der schönen
Luisel hat er scharmutziert!«
»Das hat mir der böse Feind angetan,« raste der Doktor und rannte im
Zimmer umher; »der Böse, der Beelzebub, nach meiner Konjektur der
Stinker.«
»Der Rausch hat dir's angetan, du Lump,« schrie die Zärtliche, riß
ihren breitgetretenen Pantoffel ab und rannte ihm nach; ich aber
schlich mich die Treppe hinab und zum Haus hinaus und dachte bei mir:
»Dem Doktor ist ganz recht geschehen; man soll den Teufel nicht an die
Wand malen, sonst kommt er.«
Der Doktor Schnatterer wurde von da an in seinen Kollegien ausgepocht
und konnte selbst mit den kühnsten Konjekturen den Eifer nicht mehr
erwecken, der vor seiner Fatalität unter der studierenden Jugend
geherrscht hatte. Die Kollegiengelder erreichten nicht mehr jene Summe,
welche die Frau Professorin als allgemeinen Maßstab angenommen hatte,
und der Professor lebte daher in ewigem Hader mit der Unversöhnlichen.
Diesem hatte, so zu sagen, _der Teufel ein Ei in die Wirtschaft gelegt_.
Zehntes Kapitel.
Satan wird wegen Umtrieben eingezogen und verhört; er verläßt die
Universität.
Um diese Zeit hörte man in Deutschland viel von Demagogen, Umtrieben,
Verhaftungen und Untersuchungen. Man lachte darüber, weil es schien,
man betrachte alles durch das Vergrößerungsglas, welches Angst und
böses Gewissen vorhielten. Uebrigens mochte es an manchen Orten doch
nicht ganz geheuer gewesen sein; selbst in dem sonst so ruhigen ...en
spukte es in manchen Köpfen seltsam.
Ich will einen kurzen Umriß von dem Stand der Dinge geben. Wenn
man unbefangen unter den Burschen umherwandelte und ihren Gelagen
beiwohnte, so drängte sich von selbst die Bemerkung auf, daß viele
unter ihnen von etwas anderem angeregt seien, als gerade von dem
nächsten Zweck ihres Brotstudiums; wie einige großes Interesse daran
fanden, sich morgens mit ihren Gläubigern und deren Noten (Philister
mit Pumpregistern) herumzuzanken, nachher den Hund zu baden und ihn
schöne Künste zu lehren, sodann Fensterparade vor ihren Schönen zu
machen usw., so hatten sich andere, und zwar kein geringerer Teil, auf
Idealeres geworfen. Ich hatte zwar dadurch, daß ich sie zum Studium
des Trinkens anhielt, dafür gesorgt, daß die Herren sich nicht gar
zu sehr der Welt entziehen möchten; aber es blieb doch immer ein
geheimnisvolles Walten, aus welchem ich nicht recht klug werden konnte.
Besonders aber äußerte sich dies, wenn die Köpfe erleuchtet waren; da
sprach man viel von Volksbildung, von frommer deutscher Art, manche
sprudelten auch über und schrieen von der Not des Vaterlandes, von --.
Doch das ist jetzt gleichgültig, von was gesprochen wurde, es genügt
zu sagen, daß es schien, als hätte _eine_ große Idee viele Herzen
ergriffen, sie zu _einem_ Streben vereinigt. Mir behagte die Sache
an sich nicht übel; sollte es auf etwas Unruhiges ausgehen, so war
ich gleich dabei, denn Revolutionen waren von jeher mein Element; nur
sollte nach meiner Meinung das Ganze einen eleganteren, leichteren
Anstrich haben.
Es gab zwar Leute unter ihnen, die mit der Gewandtheit eines
Staatsmannes die Menge zu leiten wußten, die sich eine Eleganz des
Stils, eine Leichtigkeit des Umgangs angeeignet hatten, wie sie in den
diplomatischen Salons mit Mühe erlernt und kaum mit so viel Anstand
ausgeführt wird; aber die meisten waren in ein phantastisches Dunkel
geraten, munkelten viel von dem Dreiklang in der Einheit, von der
Idee, die ihnen aufgegangen sei, und hatten Vergangenheit und Zukunft,
Mittelalter und das Chaos der jetzigen Zeit so ineinander geknetet, daß
kein Theseus sich aus diesen Labyrinthen herausgefunden hätte.
Ich merkte oft, daß einer oder der andere der Koryphäen in einer
traulichen Stunde mir gerne etwas anvertraut hätte; ich zeigte
Verstand, Weltbildung, Geld und große Konnexionen, Eigenschaften,
die nicht zu verachten sind, und die man immer ins Mittel zu ziehen
sucht. Aber immer, wenn sie im Begriff waren, die dunkle Pforte des
Geheimnisses vor meinen Augen aufzuschließen, schien sie, ich weiß
nicht was, zurückzuhalten; sie behaupteten, ich habe kein Gemüt, denn
dieses edle Seelenvermögen schienen sie als Probierstein zu gebrauchen.
Mochte ich aber aussehen wie ein verkappter Jakobiner, mochte ich durch
meinen Einfluß auf die Menge Verdacht erregt haben? Eines Morgens trat
der Pedell mit einigen Schnurren in mein Zimmer und nahm mich im Namen
Seiner Magnifizenz gefangen. Der Universitätssekretär folgte, um meine
Papiere zu ordnen und zu versiegeln, und gab mir zu verstehen, daß ich
als _Demagoge_ verhaftet sei.
Man gab mir ein anständiges Zimmer im Universitätsgebäude, sorgte
eifrig für jede Bequemlichkeit, und als der hohe Rat beisammen war,
wurde ich in den Saal geführt, um über meine _politischen Verbrechen_
vernommen zu werden.
Die Dekane der vier Fakultäten, der Rektor Magnifikus, ein Mediziner
und der Universitätssekretär saßen um einen grün behängten Tisch in
feierlichem Ornat; die tiefe Stille, welche in dem Saal herrschte, die
steife Haltung der gelehrten Richter, ihre wichtigen Mienen nötigten
mir unwillkürlich ein Lächeln ab.
Magnifikus zeigte auf einen Stuhl ihm gegenüber am Ende der Tafel,
Delinquent setzte sich, Magnifikus winkte wieder, und der Pedell trat
ab.
Noch immer tiefe Stille; der Sekretär legt das Papier zum Protokoll
zurecht und schneidet Federn; ein alter Professor läßt seine ungeheure
Dose herumgehen. Jeder der Herren nimmt eine Prise, bedächtlich und
mit Beugung des Hauptes; Doktor Saper, mein nächster Nachbar, schnupft
und präsentiert mir die Dose, läßt aber das teure Magazin, von einem
abwehrenden Blick Magnifici erschreckt, mit polterndem Geräusch zu
Boden fallen.
»Alle Hagel, Herr Doktor,« schrie der alte Professor, alle Achtung
beiseite setzend.
»O Jerum,« ächzte der Sekretär und warf das Federmesser weg, denn er
hatte sich aus Schrecken in den Finger geschnitten.
»Bitte untertänigst!« stammelte der erschrockene Doktor Saper.
Diese alle sprachen auf einmal durcheinander, und der letztere kniete
auf den Boden nieder und wollte mit der Papierschere, die er in der
Eile ergriffen hatte, den verschütteten Tabak aufschaufeln.
Magnifikus aber ergriff die große Glocke und schellte dreimal; der
Pedell trat eilig und bestürzt herein und fragte, was zu Befehl sei,
und Magnifikus mit einem verbindlichen Lächeln zu Doktor Saper hinüber
sprach: »Lassen Sie es gut sein, Lieber, er taugt doch nichts mehr; da
wir aber in dieser Sitzung einiges Tabaks benötigt sein werden, glaube
ich dafür stimmen zu müssen, daß frischer ~ad locum~ gebracht werde.«
Doktor Saper zog schnell sein Beutelein, reichte dem Pedell einige
Groschen und befahl ihm, eilends drei Lot Schnupftabak zu bringen.
Dieser enteilte dem Saal. Vor dem Haus fand er, wie ich nachher erfuhr,
die halbe Universität versammelt, denn meine Verhaftung war schnell
bekannt geworden, und alles drängte sich zu, um das Nähere zu erfahren.
Man kann sich daher die Spannung der Gemüter denken, als man den
Pedell aus der Türe stürzen sah. Die Vordersten hielten ihn fest und
fragten und drängten ihn, wohin er so eilig versendet werde, und kaum
konnte man sich in seine Beteuerung finden, daß er eilends drei Lot
Schnupftabak holen müsse.
Aber im Saale war nach der Entfernung des Götterboten die vorige,
anständige Stille eingetreten. Magnifikus faßte mich mit einem Blick
voll Hoheit und begann:
»Es ist uns von einer höchstpreuslichen Zentral-Untersuchungskommission
der Auftrag zugekommen, auf gewisse geheime Umtriebe und Verbindungen,
so sich auf unserer Universität seit einiger Zeit entsponnen haben
sollen, unser Augenmerk zu richten. Wir sind nun nach reiflicher
Prüfung der Umstände vollkommen darüber einverstanden, daß Sie, Herr
von Barbe, sich höchst verdächtig gemacht haben, solche Verhältnisse
unter unserer akademischen Jugend dahier herbeigeführt und angesponnen
zu haben. Hm! Was sagen Sie dazu! Herr von Barbe?«
»Was ich dazu sage? Bis jetzt noch nichts, ich erwarte geziemend die
Beweise, die mein Leben und Betragen einer solchen Beschuldigung
verdächtig machen.«
»Die Beweise?« antwortete erstaunt der Rektor, »Sie verlangen Beweise?
Ist das der Respekt vor einem akademischen Senate? Man führe selbst den
Beweis, daß man nicht im sträflichen Verdacht der Demagogie ist.«
»Mit gütiger Erlaubnis, Euer Magnifizenz,« entgegnete der Dekan der
Juristen, »Inquisit kann, wenn er eines Verdachtes angeklagt ist, _in
alle Wege verlangen_, daß ihm die Gründe des Verdachtes genannt werden.«
Dem medizinischen Rektor stand der Angstschweiß auf der Stirne; man
sah ihm an, daß er mit Mühe die Beweisgründe in seinem Haupte hin
und her wälze. Wie ein Bote vom Himmel erschien ihm daher der Pedell
mit der Dose und berichtete zugleich mit ängstlicher Stimme, daß
die Studierenden in großer Anzahl sich vor dem Universitätsgebäude
zusammengerottet haben und ein verdächtiges Gemurmel durch die Reihen
laufe, das mit einem Pereat oder Scheibeneinwerfen zu bedrohen scheine.
Kaum hatte er ausgesprochen, so stürzte eine Magd herein und richtete
von der Frau Magnifikussin an den Herrn Magnifikus ein Kompliment
aus, »und er möchte doch sich nach Haus salvieren, weil die Studenten
allerhand verdächtige Bewegungen machen.«
»Ist das nicht der klarste Beweis gegen Ihre geheimen Umtriebe, lieber
Herr von Barbe?« sprach die Magnifizenz in kläglichem Tone. »Aber der
Aufruhr steigt, ~videant Consules, ne quid detrimenti~ -- man nehme
seine Maßregeln; -- daß auch der Teufel gerade in meine Amtsführung
alle fatalen Händel bringen muß! -- ~Domine Collega~, Herr Doktor
Pfeffer, was stimmen Sie?«
»Es ist eigentlich noch kein Votum zur Abstimmung vorgebracht und zur
Reife gediehen, ich rate aber, Herrn von Barbe bis auf weiteres zu
entlassen und ihm --«
»Richtig, gut,« rief der Rektor, »Sie können abtreten, wertgeschätzter
junger Freund, beruhigen Sie Ihre Kameraden, Sie sehen selbst, wie
glimpflich wir mit Ihnen verfahren sind, und zu einer gelegeneren
Stunde werden wir uns wieder die Ehre ausbitten; damit aber die Sache
kein solches Aufsehen mehr erregt -- weiß Gott, der Aufruhr steigt, ich
höre ~pereat~ -- so kommen Sie morgen abend alle zum Tee zu mir, Sie
auch, lieber Barbe, da denn die Sachen weiter besprochen werden können.«
Ich konnte mich kaum enthalten, den ängstlichen Herren ins Gesicht zu
lachen. Sie saßen da, wie von Gott verlassen, und wünschten sich in
Abrahams Schoß, das heißt in den ruhigen Hafen ihres weiten Lehnstuhls.
»Was steht nicht von einer erhitzten Jugend zu erwarten?« klagten
sie. »Seitdem etzliche Lehrer von den Kathedern gestiegen sind und
sich unter diese himmelstürmenden Cyklopen gemischt haben, ist keine
Ehrfurcht, kein Respekt mehr da. Man muß befürchten, wie schlechte
Schauspieler ausgepfiffen oder am hellen Tage insultiert zu werden.«
»Vom Erstechen will ich gar nicht reden,« sagte ein anderer, »es sollte
eigentlich jeder Literatus, der nicht allewege ein gut Gewissen hat,
einen Brustharnisch unter dem Kamisol tragen.«
Indessen die Philister also klagten, dankte ich meinen Kommilitonen für
ihre Aufmerksamkeit für mich, sagte ihnen, daß sie nachts viel bessere
Gelegenheit zum Fenstereinwerfen haben, und bewog sie durch Bitten
und Vorstellungen, daß sie abzogen. Sie marschierten in geschlossenen
Reihen durch das erschreckte Städtchen und sangen ihr ~Ça ira, ça
ira~, nämlich: »Die Burschenfreiheit lebe« und das erhabene »Rautsch,
rautsch, rautschitschi, Revolution.«