Wirtshaus vor der Stadt anhalten und lud mich ein, seinem Beispiele
zu folgen und hier auf die Beschwerden der Reise ein Glas zu trinken.
Die ganze Fensterreihe des Wirtshauses war mit roten und schwarzen
Mützen bedeckt; es war nämlich eine gute Anzahl der Herren Studiosi
hier versammelt, um die neuen Ankömmlinge, die gewöhnlich am Anfang
des Semesters einzutreffen pflegen, nach gewohnter Weise zu empfangen.
Würger, der alte, »längst bemooste« Bursche, hatte sich schon unterwegs
mit dem Gedanken gekitzelt, daß seine Kameraden uns für »Füchse« halten
werden, und wirklich traf seine Vermutung ein.
Ein Chorus von wenigstens dreißig Bässen scholl von den Fenstern herab;
sie sangen ein berühmtes Lied, das anfängt:
»Was kommt dort von der Höh'?«
Während des Gesanges entstieg mein Gefährte majestätisch der Chaise,
und kaum hatte er den Boden berührt, so erhob er sein furchtbares
Haupt und schrie zu den Fenstern empor: »Was schlagt ihr für einen
Randal auf, Kamele! Seht ihr nicht, daß zwei alte Häuser aus diesem
Philisterkarren gestiegen kommen?« (Auf deutsch: Lärmt doch nicht so
sehr, meine Herren, Sie sehen ja, daß zwei alte Studenten aus dem Wagen
steigen.)
Der allgemeine Jubel unterbrach den erhitzten Redner: »Würger!
Du altes, fideles Haus!« schrien die Musensöhne und stürzten die
Treppen herab in seine Arme; die Raucher vergaßen ihre langen Pfeifen
wegzulegen, die Billardspieler hielten noch ihre Queues in der
Hand. Sie bildeten eine Leibwache von sonderbarer Bewaffnung um den
Angekommenen.
Doch der Edelmütige vergaß in seiner Glorie auch meiner nicht, der
ich bescheiden auf der Seite stand, er stellte mich den ältesten
und angesehensten Männern der Gesellschaft vor, und ich wurde mit
herzlichem Handschlag von ihnen begrüßt. Man führte uns in wildem
Tumult die Treppe hinan, man setzte mich zwischen zwei bemooste Häupter
an den Ehrenplatz, gab mir ein großes Paßglas voll Bier, und ein Fuchs
mußte dem neuen Ankömmling seine Pfeife abtreten.
So war ich denn in ...en als Student eingeführt, und ich gestehe,
es gefiel mir so übel nicht unter diesem Völkchen. Es herrschte ein
offener, zutraulicher Ton, man brauchte sich nicht in den Fesseln der
Konvenienz, die gewiß dem Teufel am lästigsten sind, umherzuschleppen,
man sprach und dachte, wie es einem gerade gefiel. Wenn man bedenkt,
daß ich gerade im Herbst 1819 dorthin kam, so wird man sich nicht
wundern, daß ich mich vom Anfang gar nicht recht in die Konversation
zu finden wußte. Denn einmal machten mir jene Kunstwörter (~Termini
technici~), von welchen ich oben schon eine kleine Probe gegeben habe,
viel zu schaffen; ich verwechselte oft »Sau,« das Glück, mit »Pech«,
das Unglück bedeutet, wie auch »holzen«, mit einem Stock schlagen, mit
»pauken«, mit andern Waffen sich schlagen.
Aber auch etwas anderes fiel mir schwer; wenn nämlich nicht von Hunden,
Paukereien, Besen oder dergleichen gesprochen wurde, so fiel man hinter
dem Bierglas in ungemein transzendentale Untersuchungen, von welchen
ich anfangs wenig oder gar nichts verstand, ich merkte mir aber die
Hauptworte, welche vorkamen, und wenn ich auch in die Konversation
gezogen wurde, so antwortete ich mit ernster Miene: »Freiheit,
Vaterland, Deutschtum, Volkstümlichkeit.«
Da ich nun überdies ein großer Turner war und eigentlich _teufelmäßige_
Sprünge machen konnte, da ich mir sogar nach und nach langes Haar
wachsen ließ, solches fein scheitelte und kämmte und einen zierlich
ausgeschnittenen Kragen über den deutschen Rock herauslegte, mich auch
auf die Klinge nicht übel verstand, so war es kein Wunder, daß ich bald
in großes Ansehen unter diesem Volke kam. Ich benutzte diesen Einfluß
so viel als möglich, um die Leute nach meinen Ansichten zu leiten und
zu erziehen und sie für die Welt zu gewinnen.
Es hatte sich nämlich unter einem großen Teil meiner Kommilitonen ein
gewisser frömmelnder Ton eingeschlichen, der mir nun gar nicht behagte
und nach meiner Meinung sich auch nicht für junge Leute schickte.
Wenn ich an die jungen Herren in London und Paris, in Berlin, Wien,
Frankfurt etc. dachte, an die vergnügten Stunden, die ich in ihrem
Kreise zubrachte; wenn ich diese Leute dagegenhielt, die ihren schönen,
hohen Wuchs, ihre kräftigen Arme, ihren gesunden Verstand, ihre nicht
geringen Kenntnisse nur auf dem Turnplatz, nicht im Tanzsaal, nur zu
überschwenglichen Ideen und Idealen, nicht zu lebhaftem Witz, zu feinem
Spott, der das Leben würzt und aufregt, anwenden sah, wenn ich sie,
statt schönen Mädchen nachzufliegen, in die Kirche schleichen sah,
um einen ihrer orthodoxen Professoren anzuhören, so konnte ich ein
widriges Gefühl in mir nicht unterdrücken.
Sobald ich daher festen Fuß gefaßt hatte, zog ich einige lustige
Brüder an mich, lehrte sie neue Kartenspiele, sang ihnen ergötzliche
Lieder vor, wußte sie durch Witz und dergleichen so zu unterhalten,
daß sich bald mehrere anschlossen. Jetzt machte ich kühnere Angriffe.
Ich stellte mich Sonntags mit meinen Gesellen vor die Kirchtüre,
musterte mit geübtem Auge die vorübergehenden Damen, zog dann, wenn
die Schäflein drin waren und der Küster den Stall zumachte, mit den
Meinigen in ein Wirtshaus der Kirche gegenüber und bot alles auf, die
Gäste besser zu unterhalten als der Doktor N. oder Professor N. in der
Kirche seine Zuhörer.
Ehe drei Wochen vergingen, hatte ich die größere Partie auf meiner
Seite. Die Frömmeren schrieen von Anfang über den rohen Geist, der
einreiße, und gaben zu bemerken, daß wir christliche Bursche seien;
aber es half nichts, meine Persiflagen hatten so gute Wirkung getan,
daß sie sich am Ende selbst schämten, in der Kirche gesehen zu werden,
und es gehörte zum guten Ton, jeden Sonntag vor der Kirchtür zu sein;
aber bis hierher und nicht weiter. Die Wirtshäuser waren gefüllter als
je, es wurde viel getrunken, ja, es riß die Sitte ein, Wettkämpfe im
Trinken zu halten, man wird es kaum glauben, es gab sogar eigentliche
Kunsttrinker!
Es predigte zwar mancher gegen das einreißende Verderben, aber die
Altdeutschen trösteten sich damit, daß ihre »Altvordern« auch durch
Trinken exzelliert haben; die Frömmsten ließen sich große Humpen
verfertigen und zwangen und mühten sich so lange, bis sie wie Götz von
Berlichingen oder gar wie Hermann der Cherusker schlucken konnten. Den
Feineren, Gebildeteren war es natürlich vom Anfang auch ein Greuel,
ich verwies sie aber auf eine Stelle bei Jean Paul. Er sagt nämlich in
seinem unübertrefflichen Quintus Fixlein:
»Jerusalem bemerkt schön, daß die Barbarei, die oft hart hinter dem
schönsten, buntesten Flor der Wissenschaften aufsteigt, eine Art von
stärkendem Schlammbad sei, um die Ueberfeinerung abzuwenden, mit der
jener Flor bedrohe; ich glaube, daß einer, der erwägt, wie weit die
Wissenschaften bei einem Studierenden steigen, dem Musensohne ein
gewisses barbarisches Mittelalter, das sogenannte Burschenleben --
gönnen werde, das ihn wieder so stählt, daß die Verfeinerung nicht
über die Grenze geht.«
Wenn ein Meister wie Jean Paul, dem ich hiermit für diese Stelle meinen
herzlichen Dank öffentlich sage, also sich ausspricht, was konnten
die Kleinmeister und Jünger dagegen? Sie setzten sich auch in die
schwarzgerauchte Kneipe, »verschlammten« sich recht tüchtig in dem
»barbarischen Mittelalter« und hatten kraft ihres inwohnenden Genies
meine älteren Zöglinge bald überholt.
Siebentes Kapitel.
Satan besucht die Kollegien; was er darin lernte.
Indessen ich auf die beschriebene Weise praktisch lebte und leben
machte, vergaß ich auch das ~Dic cur hic~ nicht und legte mich mit
Ernst aufs _Theoretische_. Ich hörte die Philosophen und Theologen und
hospitierte nicht unfleißig bei den Juristen und Medizinern. Ich hatte,
um zuerst über die Philosophen zu reden, von einem der hellsten Lichter
jener Universität, wenn in der Ferne von ihm die Rede war, oft sagen
hören, _der Kerl hat den Teufel im Leib_. Eine solche geheimnisvolle
Tiefe, wollte man behaupten, solche überschwengliche Gedanken, solche
Gedrungenheit des Stils, eine so hinreißende Beredsamkeit sei noch
nicht gefunden worden in Israel. Ich habe ihn gehört und verwahre mich
feierlich vor jenem Urteil, als ob ich in ihm gesessen wäre. Ich habe
schon viel ausgestanden in der Welt, ich bin sogar Ev. Matthäi VIII.
31 und 32 in die Säue gefahren, aber in einen solchen Philosophen? --
Nein, da wollte ich mich doch bedankt haben!
Was der gute Mann in seinem schläfrigen, unangenehmen Ton vorbrachte,
war für seine Zuhörer so gut als Französisch für einen Eskimo. Man
mußte alles gehörig ins Deutsche übersetzen, ehe man darüber ins klare
kam, daß er ebensowenig fliegen könne wie ein anderer Mensch auch.
Er aber machte sich groß, weil er aus seinen Schlüssen sich eine
himmelhohe Jakobsleiter gezimmert und solche mit mystischem Firnis
angepinselt hatte. Auf dieser kletterte er nun zum blauen Aether hinan,
versprach aus seiner Sonnenhöhe herabzurufen, was er geschaut habe, er
stieg und stieg, bis er den Kopf durch die Wolken stieß, blickte hinein
in das reine Blau des Himmels, das sich auf dem grünen Grasboden noch
viel hübscher ausnimmt als oben, und sah, wie Sancho Pansa, als er auf
dem hölzernen Pferd zur Sonne ritt, unter sich die Erde so groß wie ein
Senfkorn und die Menschen wie Mücken, über sich -- nichts.
Sie kommen mir vor, die guten Leute dieser Art, wie die Männer von
Babel, die einen großen Leuchtturm bauen wollten für alles Volk, damit
sich keines verlaufe in der Wüste, und siehe da, der Herr verwirrte
ihre Sprache, daß weder Meister noch Gesellen einander mehr verstanden.
Da lobe ich mir einen andern der dortigen Philosophen; er las über
die Logik und deduzierte jahrein, jahraus, daß zweimal zwei vier sei,
und die Herren Studiosi schrieben ganze Stöße von Heften, daß zweimal
zwei vier sei. Dieser Mann blieb doch ordentlich im Blachfeld und
wanderte seinem Ziele mit größerer Gelassenheit zu als seine illustren
Kollegen, die, wenn ein anderer ihr Gewäsche nicht Evangelium nannte,
Antikritiken und Metakritiken der Antikritiken in alle Welt aussandten.
Ich gestehe redlich, der Teufel amüsiert sich schlecht bei so bewandten
Dingen. Ich schlug den Weg zu einem andern Hörsaal ein, wo man über
die Seele des Menschen dozierte. Gerechter Himmel! Wenn ich so viel
Umstände machen müßte, um eine liederliche Seele in mein Fegfeuer zu
deduzieren! Der Mensch auf dem Katheder malte die Seele auf eine große
schwarze Tafel und sagte: »So ist sie, meine Herren!« Damit war er aber
nicht zufrieden, er behauptete, sie sitze oben in der Zirbeldrüse.
Ich quittierte die Philosophen und besuchte die Theologen. Um meine
Leute näher kennen zu lernen, beschloß ich, an einem Sonntag nach der
Kirche einem oder dem andern meine Visite abzustatten. Ich zog mich
ganz schwarz an, daß ich ein ziemlich theologisches Air hatte, und
trat meinen Marsch an. Man hatte mir vorhergesagt, ich sollte keinen
zu voreiligen Schluß auf den reinen und frommen Charakter dieser
Männer machen, sie seien etwas nach dem alttestamentarischen Kostüm,
vernachlässigen äußere Bildung und fallen dadurch leicht ins Linkische.
Mein Herz mit Geduld gewaffnet, trat in das Zimmer des ersten
Theologen. Aus einer bläulichen Rauchwolke erhob sich ein dicker
ältlicher Mann in einem großgeblümten Schlafrock, eine ganz schwarze
Meerschaumpfeife in der Hand. Er machte einen kurzen Knicks mit dem
Kopf und sah mich dann ungeduldig und fragend an. Ich setzte ihm
auseinander, wie mich die Philosophie gar nicht befriedigte, und
daß ich gesonnen sei, einige theologische Kollegien zu besuchen.
Er murmelte einige unverständliche, aber, wie es schien, gelehrte
Bemerkungen, verzog beifällig lächelnd den Mund und schritt im Zimmer
auf und ab.
Ich setzte die Einladung, ihn auf seinem Spaziergang zu begleiten,
voraus und schritt in ebenso gravitätischen Schritten neben ihm
her, indem ich aufmerksam lauschte, was sein gelehrter Mund weiter
vorbringen werde. Vergebens! Er grinste hie und da noch etwas weniges,
sprach aber kein Wort weiter, wenigstens verstand ich nichts als die
Worte: »Pfeife rauchen?« ich merkte, daß er mir höflich eine Pfeife
anbiete, konnte aber keinen Gebrauch davon machen, denn er rauchte
wahrhaftig eine gar zu schlechte Nummer.
Ich habe mir schon lange abgewöhnt, über irgend etwas in Verlegenheit
zu geraten, sonst hätte dieses absurde Schweigen des Professors mich
gänzlich außer Fassung gebracht. So aber ging ich gemächlich neben
ihm her, kehrte um, wenn er umkehrte, und zählte die Schritte, die
sein Zimmer in der Länge maß. Nachdem ich das alte Ameublement, die
verschiedenen Kleider und Wäschrudera, die auf den Stühlen umherlagen,
das wunderliche Chaos seines Arbeitstisches gemustert hatte, wagte
ich meine prüfenden Blicke an den Professor selbst. Sein Aussehen war
höchst sonderbar. Die Haare hingen ihm dünn und lang um die Glatze,
die gestrickte Schlafmütze hielt er unter dem Arm. Der Schlafrock
war an dem Ellbogen zerrissen und hatte verschiedene Löcher, die
durch Unvorsichtigkeit hineingebrannt schienen. Das eine Bein war mit
einem schwarzseidenen Strumpf, und der Fuß mit einem Schnallenschuh
bekleidet, der andere stak in einem weiten abgelaufenen Filzpantoffel,
und um das halbentblößte Bein hing ein gelblicher Socken. Ehe ich
noch während des unbegreiflichen Stillschweigens des Theologen meine
Bemerkungen weiter fortsetzen konnte, wurde die Türe aufgerissen, eine
große, dürre Frau, mit der Röte des Zorns auf den schmalen Wangen,
stürzte herein.
»Nein, das ist doch zu arg, Blasius!« schrie sie, »der Küster ist da
und sucht dich zum Abendmahl. Der Dekan steht schon vor dem Altar, und
du steckst noch im Schlafrock!«
»Weiß Gott, meine Liebe,« antwortete der Doktor gelassen, »das habe ich
häßlich vergessen! Doch sieh, einen Fuß hatte ich schon zum Dienste
des Herrn gerüstet, als mir ein Gedanke einfiel, der den Doktor Paulus
weidlich schlagen muß.«
Ohne darauf zu achten, daß er sich beinahe der letzten Hülle beraube,
wollte er eilfertig den Schlafrock herunterreißen, um auch sein übriges
Kadaver zum Dienst des Herrn zu schmücken. Sein Eheweib aber stellte
sich mit einer schnellen Wendung vor ihn hin und zog die weiten Falten
ihrer Kleider auseinander, daß vom Professor nichts mehr sichtbar war.
»Sie verzeihen, Herr Kandidat,« sprach sie, ihre Wut kaum
unterdrückend. »Er ist so im Amtseifer, daß Sie ihn entschuldigen
werden. Schenken Sie uns ein andermal das Vergnügen. Er muß jetzt in
die Kirche.«
Ich ging schweigend nach meinem Hut und ließ den Ehezärter unter den
Händen seiner liebenswürdigen Xanthippe. »Ein schöner Anfang in der
Theologie!« dachte ich, und die Lust, die übrigen geistlichen Männer
zu besuchen, war mir gänzlich vergangen. Doch beschloß ich, einige
Vorlesungen mit anzuhören, was ich auch den Tag nachher ausführte.
Man denke sich einen weiten, niedrigen Saal, vollgepfropft mit jungen
Leuten in den abenteuerlichsten Gestalten. Mützen von allen Farben und
Formen, lange herabwallende, kurze emporsteigende Haare, Bärte, an
welchen sich ein Sappeur der alten Garde nicht hätte schämen dürfen,
und kleine, zierliche Stutzbärtchen, galante Fräcke und hohe Krawatten,
neben deutschen Röcken und ellenbreiten Hemdkragen. So saßen die jungen
geistlichen Herren im Kollegium. Vor sich hatte jeder eine Mappe, einen
Stoß Papier, Tinte und Feder, um die Worte der Weisheit gleich ~ad
notam~ zu nehmen. »O Platon und Sokrates!« dachte ich, »hätten eure
Studiosen und Akademiker nachgeschrieben, wie manches Wort tiefer,
heiliger Weisheit wäre nicht umsonst verrauscht; wie majestätisch
müßten sich die Folianten von ~Socratis opera~ in mancher Bibliothek
ausnehmen!«
Jetzt wurden alle Häupter entblößt. Eine kurze, dicke Gestalt drängte
sich durch die Reihen der jungen Herren dem Katheder zu, es war der
Doktor Schnatterer, den ich gestern besucht hatte. Mit Wonnegefühl
schien er die Versammlung zu überschauen, hustete dann etwas weniges
und begann:
»Hochachtbare, Hochansehnliche!« (Damit meinte er die, welche sechs
Taler Honorar zahlten.)
»Wertgeschätzte!« (Die, welche das gewöhnliche Honorar zahlten.
»Meine Herren!« (Das waren die, welche nur die Hälfte oder aus Armut
gar nichts entrichteten.) Und nun hob er seinen Sermon an, die Federn
rasselten, das Papier knirschte, er aber schaute herab wie der Mond aus
Regenwolken.
Ich hätte zu keiner gelegeneren Zeit diese Vorlesungen besuchen können,
denn der Doktor behandelte gerade den Abschnitt ~De angelis malis~,
worin ich vorzüglich traktiert zu werden hoffen durfte. Wahrhaftig,
er ließ mich nicht lange warten. »Der Teufel,« sagte er, »überredete
die ersten Menschen zur Sünde und ist noch immer gegen das ganze
Menschengeschlecht feindlich gesinnt.« Nach diesem Satz hoffte ich
nun eine philosophische Würdigung dieses Teufelsglaubens zu hören;
aber weit gefehlt. Er blieb bei dem ersten Wort _Teufel_ stehen,
und daß mich die Juden Beelzebub geheißen hätten. Mit einem Aufwand
von Gelehrsamkeit, wie ich sie hinter dem armen Schlafrock nicht
gesucht hätte, warf er nun das Wort Beelzebub drei Viertelstunden
lang hin und her. Er behauptete, die einen erklären, es bedeute einen
Fliegenmeister, der die Mücken aus dem Lande treiben solle, andere
nehmen das Sephuph nicht von den Mücken, sondern als _Anklage_, wie die
Chaldäer und Syrier. Andere erklären Sephuph als Grab, ~Sepulcrum~.
Die Federn schwirrten und flogen: so tiefe Gelehrsamkeit hört man
nicht alle Tage. Zu jenen paar Erklärungen hatte er aber volle drei
Viertelstunden verwendet, denn die Zitate aus heiligen und profanen
Skribenten nahmen kein Ende. Von Anfang hatte es mir vielen Spaß
gemacht, die Dogmatik auf solche Weise getrieben und namentlich den
Satan so gründlich anatomiert zu sehen. Aber endlich machte es mir
doch Langeweile, und ich wollte schon meinen Platz verlassen, um dem
unendlichen Gewäsch zu entfliehen, da ruhte der Doktor einen Augenblick
aus, die Sacktücher wurden gebraucht, die Füße wurden in eine andere
Lage gebracht, die Federn ausgespritzt und neu beschnitten -- alles
deutete darauf hin, daß jetzt ein Hauptschlag geschehen werde.
Und es war so. Der große Theologe, nachdem er die Meinungen anderer
aufgeführt und gehörig gewürdigt hatte, begann jetzt mit Salbung und
Würde seine eigene Meinung zu entwickeln.
Er sagte, daß alle diese Erklärungen nichts taugen, indem sie keinen
passenden Sinn geben. Er wisse eine ganz andere und glaube sich in
diesem Stück noch über Michaelis und Döderlein stellen zu dürfen. Er
lese nämlich Saephael, und das bedeute Kot, Mist und dergleichen.
Der Teufel oder Beelzebub wäre also hier der _Herr im Dreck_, _der
Unreinliche_, το πνευμα ακαθαρτον, der _Stinker_ genannt, wie denn
auch im Volksglauben mit den Erscheinungen des Satans ein gewisser
unanständiger Geruch verbunden sei.
Ich traute meinen Ohren kaum. Eine solche Sottise war mir noch nie
vorgekommen. Ich war im Begriff, den orthodoxen Exegeten mit dem
nämlichen Mittel zu bedienen, das einst Doktor Luther, welcher gar
keinen Spaß verstand, an mir probierte, ihm nämlich das nächste beste
Tintenfaß an den Kopf zu werfen; aber es fiel mir bei, wie ich mich
noch besser an ihm rächen könnte, ich bezähmte meinen Zorn und schob
meine Rache auf.
Der Doktor aber schlug im Bewußtsein seiner Würde das Heft zu, stand
auf, bückte sich nach allen Seiten und schritt nach der Türe. Die tiefe
Stille, welche im Saal geherrscht hatte, löste sich in ein dumpfes
Gemurmel des Beifalls auf.
»Welch ein gelehrter Mann, welch tiefer Denker, welche Fülle der
tiefsten Gelehrsamkeit!« murmelten die Schüler des großen Exegeten.
Emsig verglichen sie untereinander ihre Hefte, ob ihnen auch
kein Wörtchen von seinen schlagenden Beweisen, von seinen kühnen
Behauptungen entgangen sei. Und wie glücklich waren sie, wenn auch
kein Jota fehlte, wenn sie hoffen durften, ein dickes, reinliches,
vollständiges Heft zu bekommen.
Sobald sie aber die teuren Blätter in den Mappen hatten, waren sie die
alten wieder. Man stopfte sich die ellenlangen Pfeifen, man setzte die
Mütze kühn auf das Ohr, zog singend oder den großen Hunden pfeifend ab,
und wer hätte den Jünglingen, die im Sturmschritt dem nächsten Bierhaus
zuzogen, angesehen, daß sie die Stammhalter der Orthodoxie seien und
~recta via~ von der kühnsten Konjektur des großen Dogmatikers herkommen?
So schloß sich mein erster theologischer Unterricht, ich war, wenn
nicht an Weisheit und Einsicht, doch um einen Begriff meiner selbst, an
den ich nie gedacht hätte, reicher geworden.
Ich schwur mir selbst mit den heiligsten Schwüren, keinen Theologen
dieser finstern Schule mehr zu hören. Denn, wenn der Oberste unter
ihnen solche krasse Begriffe zu Markt brachte, was durfte ich von den
übrigen hoffen? Aber der orthodoxen Saephael-, oder Dr--ck-Seele hatte
ich Rache geschworen, und ich war Manns genug dazu, um sie auszuführen.
Achtes Kapitel.
Der Satan bekommt Händel und schlägt sich. Folgen davon.
Indessen ereignete sich etwas anderes, das ich hier nicht übergehen
darf, weil es als ein Kommentar zu den Sitten des wunderlichen Volkes,
unter welchem ich lebte, dienen kann. Ich hatte schon seit einiger Zeit
fleißig die Anatomie besucht, um auch die Aerzte kennen zu lernen. Da
geschah es eines Tages, daß ich mit mehreren Freunden um einen Kadaver
beschäftigt war, indem ich ihnen durch Zergliederung der Organe des
Hirns, des Herzens etc. die Nichtigkeit des Glaubens an Unsterblichkeit
darzutun suchte.
Auf einmal hörte ich hinter mir eine Stimme: »Pfui Teufel! wie riecht's
hier!«
Ich wandte mich rasch um und erblickte einen jungen Theologen, der
mich schon in jener dogmatischen Vorlesung durch den Eifer und das
Wohlbehagen, mit welchem er die unsinnige Konjektur des Professors
niederschrieb, gegen sich aufgebracht hatte. Als ich nun diese
Aeußerung: »Pfui Teufel, wie riecht's hier!« die ich in jenem
Augenblick aus des Theologen Munde nur auf mich, als den »Herrn im
Kot« bezog, hörte, sagte ich ihm ziemlich stark, daß ich mir solche
Gemeinheiten und Unzüglichkeiten verbitte.
Nach dem uralten heiligen Gesetzbuche der Burschen, das man Komment
heißt, war dies eine Beschimpfung, die nur mit Blut abgewaschen werden
konnte. Der Theologe, ein tüchtiger Raufer, ließ mich daher am andern
Tage sogleich fordern. Ein solcher Spaß war mir erwünscht, denn wer
sein Ansehen unter seinen Kommilitonen behaupten wollte, mußte sich
damals geschlagen haben, obgleich das Duell an sich von meinen Freunden
als etwas Unvernünftiges, Unnatürliches angesehen wurde. Ich hatte
meinen Gegner bestimmen lassen, die Sache in einem Vergnügungsort, eine
Stunde vor der Stadt, auszumachen, und beide Partien erschienen zur
bestimmten Zeit an Ort und Stelle.
Feierlich wurde jeder einzelne in ein Zimmer geführt, der Oberrock ihm
ausgezogen und der »Paukwichs,« das heißt, die Rüstung, in welcher das
Duell vor sich gehen sollte, angelegt. Diese Rüstung oder der Paukwichs
bestand in einem Hut mit breiter Krempe, die dem Gesicht hinlänglichen
Schutz verlieh, einer ungeheuern, fußbreiten Binde, die über den Bauch
geschnallt wurde. Sie war von Leder, gepolstert und mit der Farbe der
Verbindung, zu welcher man gehörte, ausgeschmückt. Eine ungeheure
Krawatte, wogegen Herrn Studiosus Würgers ein Groschenstrick war, stand
steif um die Gegend des Halses und schützte Kinn, Kehle, einen Teil der
Schultern und den obern Teil der Brust. Den Arm, vom Ellbogen bis zur
Hand, bedeckte ein aus alten seidenen Strümpfen verfertigtes Rüstzeug,
Handschuh genannt. Ich gestehe, die Figur, in diese sonderbare
Rüstung gepreßt, nahm sich komisch genug aus. Doch gewährte sie große
Sicherheit, denn nur ein Teil des Gesichtes, der Oberarm und ein
Teil der Brust war für die Klinge des Gegners zugänglich. Ich konnte
mich daher des Lachens nicht enthalten, wenn ich im Spiegel meinen
sonderbaren Habit betrachtete. »Der Satan in einem solchen Aufzuge
und im Begriff, sich wegen des schlechten Geruchs auf der Anatomie zu
schlagen!«