neuem los. Auf Nr. 18 läutete es, daß wir meinten, es brenne drüben in
Kassel. Des Herrn Oekonomierats Rosalie hatte ihre hysterischen Anfälle
bekommen. Der Alte mochte ein Glas über den Durst haben, denn er sprach
vom Teufel, der ihn und sein Kind holen wolle. Wir wußten nichts
anderes, als wieder unsere Zuflucht zu Herrn von Natas zu nehmen. Er
hatte versprochen, bei Frau von Trübenau mit dem Kammermädchen zu
wachen; aber lieber Gott, geschlafen muß er haben wie ein Dachs, denn
wir pochten drei-, viermal, bis er uns Antwort gab, und die Kammerkatze
war nun gar nicht zu erwecken.«
»Nun, und ließ er der schönen Rosalie zur Ader?«
»Nein, er hat ihr, wie mir Lieschen sagte, Senfteig zwei Hand breit
aufs Herz gelegt, darauf soll es sich bald gegeben haben.«
»Armer Professor!« dachte ich, »dein hübsches Röschen mit ihren
sechzehn Jährchen und dieser Natas in traulicher Stille der Nacht, ein
Pflaster auf das pochende Herz pappend.«
»Der Herr Papa Oekonomierat war wohl sehr angegriffen durch die
Geschichte?« fragte ich, um über die Sache ins klare zu kommen.
»Es schien nicht, denn er schlief schon, ehe noch Lieschen mit dem
Hirschhorngeist aus der Apotheke zurückkam. Aber es läutet im zweiten
Stock, und das gilt mir.« Er sprach's und flog pfeilschnell davon.
So war auf einmal die lustige Gesellschaft zerstoben; und doch wußte
ich nicht, wie dies alles so plötzlich kommen konnte. Ich entsann mich
zwar, daß gestern bei dem Punsch etwas Sonderbares vorgefallen war; was
es aber gewesen sein mochte, konnte ich mich nicht erinnern.
Sollte Natas mir Aufschluß geben können? Doch, wenn ich recht nachsann,
mit Natas war etwas vorgefallen. Der Professor schwankte in meiner
Erinnerung umher -- am besten deuchte mir, zu Natas zu gehen und ihn
um die Ursache des schnellen Aufbruchs zu befragen.
Ich warf mich in die Kleider, und ehe ich noch ganz mit der kurzen
Toilette fertig war, brachte mir ein Lohnlakai folgendes Billett:
»Euer Wohlgeboren würden mich unendlich verbinden, wenn Sie vor
meiner Abreise von hier, die auf den Mittag festgesetzt ist,
mich noch einmal besuchen wollten.
von _Natas_.«
Neugierig folgte ich diesem Ruf und traf den Freund reisefertig
zwischen Koffern und Kästchen stehen. Er kam mir mit seiner gewinnenden
Freundlichkeit entgegen, doch genierte mich ein unverkennbarer Zug von
Ironie, der heute um seinen Mund spielte, und den ich sonst nicht an
ihm bemerkt hatte.
Er lachte mich aus, daß ich mich vor den Damen als schwachen Trinker
ausgewiesen und einen Haarbeutel mir umgeschnallt habe, erzählte mir,
daß ich selig entschlafen sei, und fragte mich mit einem lauernden
Blick, was ich noch von gestern nacht wisse?
Ich teilte ihm meine verworrenen Erinnerungen mit, er belachte sie
herzlich und nannte sie Ausgeburten einer kranken Phantasie.
Die Abreise der ganzen Gesellschaft gab er einer großen
Herbstfeierlichkeit schuld, welche in Worms gehalten werde. Sie seien
alle, sogar der morose Oekonomierat, dorthin gereist; ihn selbst aber
rufen seine Geschäfte den Rhein hinab.
Die Zufälle der Trübenau und der schönen Rosalie maß er dem starken
Punsch bei und freute sich, durch Liebhaberei gerade so viele
medizinische Kenntnisse zu besitzen, um bei solchen kleinen Zufällen
helfen zu können.
Wir hörten den Wagen vorfahren, der Kellner meldete dies und brachte
von dem dankbaren Hotel eine Flasche des ältesten Rheinweins. Natas
hatte sie verdient, denn wahrlich, nur er hatte uns so lange hier
gefesselt.
»Sie sind Schriftsteller, lieber Doktor?« fragte er mich, während wir
den narkotisch duftenden Abschiedstrunk ausschlürften.
»Wer pfuscht nicht heutzutage etwas in die Literatur?« antwortete ich
ihm. »Ich habe mich früher als Dichter versucht, aber ich sah bald
genug ein, daß ich nicht für die Unsterblichkeit singe. Ich griff daher
einige Töne tiefer und übersetzte unsterbliche Werke fremder Nationen
fürs liebe deutsche Publikum.«
Er lobte meine bescheidene Resignation, wie er es nannte, und fragte
mich, ob ich mich entschließen könnte, die Memoiren eines berühmten
Mannes, die bis jetzt nur im Manuskript vorhanden seien, zu übersetzen?
»Vorausgesetzt, daß Sie dechiffrieren können, ist es eine leichte
Arbeit für Sie, da ich Ihnen den Schlüssel dazu geben würde und das
Manuskript im Hochdeutschen abgefaßt ist.«
Ich zeigte mich, wie natürlich, sehr bereitwillig dazu. Dechiffrieren
verstand ich früher und hoffte es mit wenig Uebung vollkommen zu
lernen. Er schloß ein schönes Kästchen von rotem Saffian auf und
überreichte mir ein vielfach zusammengebundenes Manuskript. Die Zeichen
krochen mir vor dem Auge umher, wie Ameisen in ihren aufgestörten
Hügelchen, aber er gab mir den Schlüssel seiner Geheimschrift, und die
Arbeit schien mir noch einmal so leicht.
Wir umarmten uns und sagten uns Lebewohl. Unter warmem Dank für seine
Güte, die er noch zuletzt für mich gehabt, für die schönen Tage, die
er uns bereitet habe, begleitete ich ihn an den Wagen. Die Wagentüre
schloß sich, der Postillon hieb auf seine vier Rosse, sie zogen an,
und die interessante Erscheinung flog von hinnen; aber aus dem Innern
des Wagens glaubte ich jenes heisere Lachen zu vernehmen, das ich von
gestern her unter den Bruchstücken meiner Erinnerung bewahrte.
Als ich die Treppe hinaufstieg, händigte mir der Oberkellner einen
Brief ein. Der Professor habe ihm solchen zu meinen eigenen Händen zu
übergeben befohlen, ich riß ihn auf --
»Verehrter, Wertgeschätzter!
Ich bin im Begriff, mein Roß zu besteigen und aus dieser Höhle
des brüllenden Löwen zu entfliehen. Ich sage Ihnen schriftlich
Lebewohl, weil Sie aus der todähnlichen Betäubung, die Sie
härter als uns alle befallen hat, nicht zu wecken sind. Daß
unser fröhliches Zusammenleben so schauerlich endigen mußte!
Nicht wahr, lieber Zweifler, jetzt haben Sie es ja klar, daß
dieser Natas nichts anderes als der leibhaftige Satan war!
Er schaut mir vielleicht in diesem Augenblick über die Schulter
und liest, was ich sage, aber dennoch schweige ich nicht. Den
armen Oekonomierat und sein Töchterlein, die blasse Trübenau,
meine schöne Thingen, den Hauptmann und den Oberforstmeister
hat er in seinem Netz. Gott gebe, daß er Sie nicht auch
geködert hat. Mich hat er halb und halb, denn ich habe allzu
tief eingebissen in seine mit chemischen Ideen bespickte Angel.
Ich reiße mich los und mache, daß ich fortkomme.
Adieu, Bester! Montag, den 7. Oktober, früh 6 Uhr.«
Jetzt kehrten meine Erinnerungen in Scharen zurück. Ja, es war der
Teufel, der sein Spiel mit uns gespielt hatte; es war der Teufel, dem
es gestern Spaß gemacht hatte, uns zu ängstigen; es mußten des Teufels
Memoiren sein, die ich in der Hand hielt.
Wer stand mir aber dafür, daß die Schriftzüge mir nicht durch die Augen
ins Hirn hinaufkrochen und mich wahnsinnig machten; und konnte ich mich
nicht gerade dadurch, daß ich den Dechiffreur und Dekopisten des Satans
machte, unbewußt in seine Leibeigenschaft hineinschreiben?
Ich packte die Handschrift in meinen Koffer und reiste dem Professor
nach, um ihn um Rat zu fragen. Aber in Worms traf ich keine Spur von
irgend einem der lustigen Gesellschaft in den drei Reichskronen.
Entweder hat sie der Satan eingeholt und in seinem achtsitzigen Wagen
in sein ewiges Reich gehaudert, oder hatte er mich in den April
geschickt. Das letztere schien mir wahrscheinlicher
In Worms aber traf ich einen frommen Geistlichen, der an der Domkirche
angestellt war. Ich trug ihm meinen Fall vor und erhielt den Bescheid,
ich solle so viele Messen darüber lesen lassen, als das Manuskript
Bogen enthalte. Der Rat schien mir nicht übel. Ich reiste in meine
Heimat und schickte am nächsten Sonntag den ersten Satansbogen in die
Kirche. ~Probatum est~; am Montag fing ich an zu dechiffrieren und habe
noch nicht das geringste Spukhafte weder an dem Papier noch an mir
bemerkt.
Von meinen Genossen in Mainz habe ich indessen wenig mehr gehört.
Der Professor fährt fort, durch seine Entdeckungen in der Chemie zu
glänzen, und ich fürchte, er ist auf dem Wege, dem Satan Gehör zu
geben, der ihn zu einem _Berzelius_ machen will. Der Hauptmann soll
sich erschossen haben, Frau von Thingen aber, die schöne Witwe, hat,
nach einer Anzeige im Hamburger Korrespondenten, vor nicht gar langer
Zeit wieder geheiratet.
Die Studien des Satan auf der berühmten Universität ...en.
»Betrogene Betrüger! Eure Ringe
Sind alle drei nicht echt; der echte Ring
Vermutlich ging verloren.«
Lessings Nathan III. 7.
Fünftes Kapitel.
Einleitende Bemerkungen.
Alle Welt schreibt oder liest in dieser Zeit Memoiren; in den Salons
der großen und kleinen Residenzen, in den Ressourcen und Kasinos der
Mittelstädte, in den Tabagien und Kneipen der kleinen spricht man von
Memoiren, urteilt über Memoiren und erzählt nach Memoiren, ja, es
könnte scheinen, es sei seit zwölf Jahren nichts Merkwürdiges mehr auf
der Erde als ihre Memoiren. Männer und Frauen ergreifen die Feder, um
den Menschen schriftlich darzutun, daß auch sie in einer merkwürdigen
Zeit gelebt, daß auch sie sich einst in einer Sonnennähe bewegt
haben, die ihrer sonst vielleicht gehaltlosen Person einen Nimbus von
Bedeutsamkeit verliehen.
Gekrönte Häupter, nicht zufrieden, sich aus ihrer früheren Grandezza,
wo sie, wie in der Bilderbibel, mit der Krone auf dem Haupt zu
Bette gingen, erhoben zu haben, nicht zufrieden damit, daß sie auf
Kurierreisen Europa von einem Ende bis zum andern durchfliegen, um sich
gegenseitig ihrer Freundschaft zu versichern, schreiben Memoiren für
ihre Völker, erzählen ihnen ihre Schicksale, ihre Reisen. Die Mitwelt
ist zur Nachwelt geworden, man hat ihr einen neuen Maßstab, wonach sie
die Handlungen richte, in die Hände gegeben; es sind die Memoiren.
Große Generale, berühmte Marschälle, weit entfernt, das Beispiel
jenes Römers nachzuahmen, der in der Muße des Friedens die Taten der
Legionen unter seiner Führung der Nachwelt würdig zu überliefern
glaubte, wenn er von sich nur immer in der dritten Person spräche,
haben den bescheideneren Weg eingeschlagen, sprechen von sich, wie
es Männern von solchem Gewichte ziemt, als Ich, bauen aus ihren
Memoiren ein Odeon in verjüngtem Maßstabe und treten herzhaft vorne
auf der Bühne auf. Mit Schlachtstücken im großen Stil dekorieren sie
die Kulissen, Staatsmänner und berühmte Damen, die große Armee und
ihre lorbeerbekränzten Adler, die ganze Mitwelt stellen sie in den
Hintergrund als Figuranten auf, sie selbst aber spielen ihre Sulla oder
Brutus würdig des unsterblichen Talma.
~Mundus vult decipi~, d. i. die Leute lesen Memoiren; was hält mich ab,
denselben auch ein solches Gericht Gerngesehen vorzusetzen?
Man wendet vielleicht ein: »Der Schuster bleibe bei seinem Leisten, der
Satan hat sich nicht mit Memoirenschreiben abzugeben.«
Ei! wirklich? Und wenn nun dieser Satan doch einen Beruf hätte,
Memoiren in die Welt zu streuen, wenn er doch so viel oder noch mehr
gesehen hätte als jene kriegerischen Diplomaten oder diplomatischen
Krieger, welche die Welt mit ihrem _literarischen_ Ruhme anfüllen,
nachdem die Bulletins ihrer Siege zu erwähnen aufgehört haben; wenn nun
dieser arme Teufel einen Drang in sich fühlte, auch für einen ~homo
literatus~ zu gelten?
Ja, ich gestehe es mit Erröten, je länger ich mich in meinem lieben
Deutschland umhertreibe, desto unwiderstehlicher reißt es mich hin,
zu schriftstellern; und wenn es den Damen erlaubt ist, die Finger mit
Tinte zu beschmutzen, so wird es doch dem Teufel auch noch erlaubt sein?
Und da komme ich auf einen zweiten Punkt; man sagt vielleicht gegen
meine schriftstellerischen Versuche, ich sei kein Literatus, kein Mann
vom Gewerbe etc. Aber fürs erste habe ich soeben die Damen, welche,
wenn sie noch so gelehrt, doch keine Gelehrten von Profession sind,
anzuführen die Ehre gehabt; sodann berufe ich mich auf jene Söhne des
Lagers, die, unter Gefahren groß geworden, unter Strapazen ergraut,
keine Zeit hatten, Humaniora zu studieren und dennoch so glänzende
Memoiren schreiben; ich behaupte drittens, daß das Vorurteil, ich sei
ein unstudierter Teufel, ganz falsch ist, denn ich bin ~in optima
forma~ Doktor der Philosophie geworden, wie aus meinen Memoiren zu
ersehen, und kann das Diplom schwarz auf weiß aufweisen.
Der Erzengel Gabriel, als ich ihn mit dem Plan, meine Memoiren
auszuarbeiten, bekannt machte, warnte mich mit bedenklicher Miene
vor den sogenannten Rezensenten. Er gab mir zu verstehen, daß ich
übel wegkommen könnte, indem solche niemand schonen, ja sogar
neuerdings selbst Doktoren der Theologie in Berlin, Halle und Leipzig
hart mitgenommen haben. Ich erwiderte ihm nicht ohne Gelehrsamkeit,
daß das Sprichwort ~clericus clericum non decimat~ füglich auch auf
mein Verhältnis zu den Rezensenten angewandt werden könne; werde ich
ja doch schon im Alten Testament _Satan_, ~adversarius~, das ist
Widersacher, genannt, was auch ganz auf jene passe; den schlagendsten
Beweis nehme ich aber aus dem Neuen Testament; dort werde ich διαβολος
oder Verleumder genannt; da nun διαβαλλειν so viel sei als ~acerbe
recensere~, so müsse er, wenn er nur ein wenig Logik habe, den Schluß
von selbst ziehen können.
Der Erzengel bekam, wie natürlich, nicht wenig Respekt vor meiner
Gelehrsamkeit in Sprachen und meinte selbst, daß es mir auf diese Art
nicht fehlen könne.
Man wird bei Durchlesung dieser Mitteilungen aus meinen Memoiren
vielleicht nicht jenes systematische, ruhige Fortschreiten der Rede
finden, das den Werken tiefdenkender Geister so eigen zu sein pflegt.
Man wird kürzere und längere Bruchstücke aus meinem Walten und Treiben
auf der Erde finden und den innern Zusammenhang vermissen.
Man tadle mich nicht deswegen; es war ja meine Absicht nicht, ein
Gemälde dieser Zeit zu entwerfen, man trifft deren genug in allen
soliden Buchhandlungen Deutschlands.
Der Memoirenschreiber hat seinen Zweck erreicht, wenn er sich und
seine Stellung zu der Zeit, welcher er angehört, darstellt und darüber
reflektiert; wenn er Begebenheiten entwickelt, die entweder auf
ihn oder die Mitwelt nähere oder entferntere Beziehung haben, wenn
er berühmte Zeitgenossen und seine Verhältnisse zu ihnen dem Auge
vorführt. Und diese Forderungen glaube ich in meinen Memoiren erfüllt
zu haben, sie sind es wenigstens, die mich bei meiner Arbeit leiteten,
die meine Kühnheit vor mir rechtfertigten, vor einem gelehrten Publikum
als Schriftsteller aufzutreten.[1]
[1] Was der Satan hier ernsthaft und gelehrt spricht! Er
gebärdet sich beinahe wie ein junger Kandidat der
Theologie, der seine erste Predigt drucken läßt.
Anm. d. Herausgebers.
Ueber Persönlichkeit, über berühmte Abstammung oder glänzende
Verhältnisse hat der Teufel nichts zu sagen. Was etwa darüber zu
sagen sein könnte, habe ich in dem Abschnitt »Besuch bei Goethe«
ausgesprochen und verweise daher den Leser dahin.
Fleißige Leser, d. i. solche, die Bogen für Bogen in einer
Viertelstunde durchfliegen, mögen daher doch diesen Abschnitt
nicht überschlagen, da er sehr zu besserem Verständnis der übrigen
eingerichtet ist; sittsamen und ordentlichen Lesern habe ich hierüber
nichts zu sagen als, sie sollen das Buch weglegen, wenn sie sich
langweilen.
Ehe mein Diener mit dem zweiten Bogen aus der Messe zurückkommt, hat
der Unterzeichnete noch Zeit, einige Bemerkungen einzuflicken. Es
scheint mir nämlich, der Satan besitze eine ziemliche Dosis Eitelkeit;
man bemerke nur, wie wichtig er von jenem Abschnitt spricht, worin er
über sich einige Bemerkungen macht; es wäre genug gewesen, wenn er
nur angedeutet hätte, daß dies oder jenes darin zu finden sei, aber
dem Leser zu empfehlen, er möchte doch den Abschnitt, in welchem jene
enthalten sind, nicht überschlagen, ist sehr anmaßend.
Sodann die Unordnung, in welcher er alles vorbringt! Ein anderer, wie
z. B. der Herausgeber, hätte doch, wenn auch nicht mit dem Taufschein,
was nun freilich beim Teufel nicht wohl möglich ist, doch wenigstens
mit der Begebenheit angefangen, die der Chronologie nach die erste ist.
Ich habe das Manuskript flüchtig durchblättert (zu lesen, ehe jeder
Bogen hinlänglich geweiht, nehme ich mich wohl in acht) und fand, daß
er mit Ereignissen anfängt, die der ganz neuen Zeit angehören, und
nachher im bunten Gemische Menschen und ihre Taten von zehn, zwanzig
Jahren auftreten läßt; man sieht wohl, daß er keine gute Schule gehabt
haben muß.
Zu größerer Deutlichkeit, und daß der geneigte Leser trotz dem Teufel
wählen kann, was er will, habe ich den Inhalt von jedem einzelnen
Kapitel vorangesetzt.
_Der Herausgeber._
Sechstes Kapitel.
Wie der Satan die Universität bezieht, und welche Bekanntschaften er
dort machte.
Deutschland hat mir von jeher besonders wohlgefallen, und ich gestehe
es, es liegt diesem Geständnis ein kleiner Egoismus zu Grunde; man
glaubt nämlich dort an mich wie an das Evangelium; jenen kühnen
philosophischen Waghälsen, die auf die Gefahr hin, daß ich sie zu mir
nehme, meine Existenz geleugnet und mich zu einem lächerlichen Phantom
gemacht haben, ist es noch nicht gelungen, den glücklichen Kindersinn
dieses Volkes zu zerstören, in dessen ungetrübter Phantasie ich noch
immer schwarz wie ein Mohr, mit Hörnern und Klauen, mit Bocksfüßen und
Schweif fortlebe, wie ihre Ahnen mich gekannt haben.
Wenn andere Nationen durch die sogenannte Aufklärung so weit
hinaufgeschraubt sind, daß sie, ich schweige von einem Gott, sogar an
keinen Teufel mehr glauben, so sorgen hier unter diesem Volke sogar
meine Erbfeinde, die Theologen, dafür, daß ich im Ansehen bleibe. Hand
in Hand mit dem Glauben an die Gottheit schreitet bei ihnen der Glaube
an mich, und wie oft habe ich das mir so süße Wort aus ihrem Munde
gehört: »~Anathema sit~, _er glaubt an keinen Teufel_.«
Ich kann mich daher recht ärgern, daß ich nicht schon früher auf
den vernünftigen Gedanken gekommen bin, meine freie Zeit auf einer
Universität zu verleben, um dort zu sehen, wie man mich von Semester zu
Semester systematisch traktiert.
Ich konnte nebenbei noch manches profitieren. Alle Welt ist jetzt
zivilisiert, fein, gesittet, belesen, gelehrt. Schon oft, wenn ich
einen guten Schnitt zu machen gedachte, fand es sich, daß mir ein guter
Schulsack, etwas Philosophie, alte Literatur, ja sogar etwas Medizin
fehle; zwar, als das Magnetisieren aufkam, habe ich auch einen Kursus
bei Mesmer genommen und nachher manche glückliche Kur gemacht. Aber
damit ist es heutzutage nicht getan; daher die elenden Sprichwörter,
die in Deutschland kursieren: _ein dummer Teufel_, _ein armer Teufel_,
_ein unwissender Teufel_, was offenbar auf meine vernachlässigte
wissenschaftliche Bildung hindeuten soll.
Es ist noch kein Gelehrter vom Himmel gefallen, und ich bin vom
Himmel gefallen, aber nicht als gelehrt; darum entschloß ich mich, zu
studieren und womöglich es in der Philosophie so weit zu bringen, daß
ich ein ganz neues System erfände, wovon ich mir keinen geringen Erfolg
versprach. Ich wählte ...en und zog im Herbst des Jahrs 1819 daselbst
auf.
Ich hatte, wie man sich denken kann, nicht versäumt, mich meinem
neuen Stande gemäß zu kostümieren. Mein Name war _von Barbe_, meine
Verhältnisse glänzend, das heißt, ich brachte einen großen Wechsel mit,
hatte viel bar Geld, gute Garderobe und hütete mich wohl, als Neuling
oder, wie man sagt, als Fuchs aufzutreten; sondern ich hatte schon
allenthalben studiert, mich in der Welt umgesehen.
Kein Wunder, daß ich schon den ersten Abend höfliche Gesellschafter,
den nächsten Morgen vertraute Freunde und am zweiten Abend Brüder auf
Leben und Tod am Arm hatte. Man denkt vielleicht, ich übertreibe; wäre
ich Kavalier, so würde ich auf Ehre! versichern und »Hol' mich der
Teufel« als Verstärkungspartikel dazu setzen (denn »Auf Ehre« und »Hol'
mich der Teufel« verhalten sich zu einander, wie der ~Spiritus lenis~
zum ~Spiritus asper~), in meiner Lage kann ich bloß meine Parole als
Satan geben.
Es waren gute Jungen, die ich da fand. Es begab sich dies aber
folgendermaßen: Man kann sich denken, daß ich nicht unvorbereitet kam;
wer die deutschen Universitäten nur entfernt kennt, weiß, daß ein an
Sprache, Sitte, Kleidung und Denkungsart von der übrigen Welt ganz
verschiedenes Volk dort wohnt. Ich las des unsterblichen Herrn von
Schmalz Werke über die Universitäten, Sands Aktenstücke, Haupt über
Burschenschaften und Landsmannschaften etc., ward aber noch nicht recht
klug daraus und merkte, daß mir noch manches abging. Der Zufall half
mir aus der Not. Ich nahm in F. einen Platz in einer Retourchaise; mein
Gesellschafter war ein alter Student, der seit acht Jahren sich auf die
Medizin legte. Er hatte das ~Savoir vivre~ eines alten Burschen, und
ich befliß mich, in den sechs Stunden, die ich mit ihm der Musenstadt
zufuhr, an ihm meine Rolle zu studieren.
Es war ein großer wohlgewachsener Mann von vier- bis fünfundzwanzig
Jahren, sein Haar war dunkel und mochte früher nach heutiger Mode
zugeschnitten sein, hing aber, weil der Studiosus die Kosten scheute,
es scheren zu lassen, unordentlich um den Kopf; doch bemühte er sich,
solches oft mit fünf Fingern aus der Stirne zu frisieren. Sein Gesicht
war schön, besonders Nase und Mund edel und fein geformt, das Auge
hatte viel Ausdruck; aber welch sonderbaren Eindruck machte es; das
Gesicht war von der Sonne rotbraun angelaufen; ein großer Bart wucherte
von den Schläfen bis zum Kinn herab, und um die feinen Lippen hing ein
vom Bier geröteter Henriquatre.
Sein Mienenspiel war schrecklich und lächerlich zugleich, die
Augenbrauen waren zusammengezogen und bildeten düstere Falten; das Auge
blickte streng und stolz um sich her und maß jeden Gegenstand mit einer
Hoheit, einer Würde, die eines Königsohnes würdig gewesen wäre.
Ueber die untern Partien des Gesichtes, namentlich über das Kinn konnte
ich nicht recht klug werden, denn sie staken tief in der Krawatte.
Diesem Kleidungsstück schien der junge Mann bei weitem mehr Sorgfalt
gewidmet zu haben als dem übrigen Anzug; diese beiläufig einen halben
Schuh Höhe messende Binde von schwarzer Seide zog sich, ohne ein
Fältchen zu werfen, von dem Kinn inklusive bis auf das Brustbein
exklusive und bildete auf diese Art ein feines Mauerwerk, auf welchem
der Kopf ruhte; seine Kleidung bestand in einem weißgelben Rock, den
er Flaus, in zärtlichen Augenblicken wohl auch Gottfried nannte, und
welchem er von Speisen und Getränken mitteilte; dieser _Gottfried
Flaus_ reichte bis eine Spanne über das Knie und schloß sich eng um den
ganzen Leib; auf der Brust war er offen und zeigte, soviel die Krawatte
sehen ließ, daß der Herr Studiosus mit Wäsche nicht gut versehen sein
müsse.
Weite, wellenschlagende Beinkleider von schwarzem Samt schlossen sich
an das Oberkleid an; die Stiefel waren zierlich geformt und dienten
ungeheuren Sporen von poliertem Eisen zur Folie.
Auf dem Kopfe hatte der Studiosus ein Stückchen rotes Tuch in Form
eines umgekehrten Blumenscherben gehängt, das er mit vieler Kunst gegen
den Wind zu balancieren wußte; es sah komisch aus, fast, wie wenn man
mit einem kleinen Trinkglas ein großes Kohlhaupt zudecken wollte.
Ich hatte Zachariäs unsterblichen Renommisten zu gut studiert, um
nicht zu wissen, daß, sobald ich mir eine Blöße gegen den Herrn
Bruder gebe, sein Respekt vor mir auf ewig verloren sei; ich merkte
ihm daher seine Augenbrauenfalten, sein ernstes, abmessendes Auge,
soviel es ging, ab und hatte die Freude, daß er mich gleich nach der
ersten Stunde auffallend vor dem »Philister und dem Florbesen«, auf
deutsch einem alten Professor und seiner Tochter, welche unsre übrige
Reisegesellschaft ausmachten, auszeichnete. In der zweiten Stunde
hatte ich ihm schon gestanden, daß ich in Kiel studiert und mich
schon einigemal mit Glück geschlagen habe, und ehe wir nach ...en
einfuhren, hatte er mir versprochen, eine »fixe Kneipe«, das heißt,
eine anständige Wohnung auszumitteln, wie auch mich unter die Leute zu
bringen.