Anmerkungen zur Transkription
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ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
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Buches.
Wilhelm Hauffs
sämtliche Werke in sechs Bänden
Mit einer biographischen Einleitung
von _Alfred Weile_
Neu durchgesehene Ausgabe
:: :: in neuester Rechtschreibung :: ::
Vierter Band.
A. Weichert Verlag, Berlin NO.⁴³, Neue Königstr. 9.
Mitteilungen
aus den
Memoiren des Satan.
Erster Teil.
Einleitung
~Marte, e' rassembra te, qualor dal quinto
Cielo, di ferro scendi e d'orror cinto.~
_Tassos_ Jerusalem. V. 44.
Erstes Kapitel.
Der Herausgeber macht eine interessante Bekanntschaft.
Wer, wie der Herausgeber und Uebersetzer vorliegender merkwürdiger
Aktenstücke, in den letzten Tagen des Septembers 1822 in Mainz war und
in dem schönen Gasthof zu den drei Reichskronen logierte, wird gewiß
diese Tage nicht unter die verlorenen seines Lebens rechnen.
Es vereinigte sich damals alles, um das Gasthofleben, sonst nicht
gerade das angenehmste, das man führen kann, angenehm zu machen.
Feine Weine, gute Tafel, schöne Zimmer hätte man auch sonst wohl dort
gefunden, seltener, gewiß sehr selten so ausgesuchte Gesellschaft. Ich
erinnere mich nicht, jemals in meinem Leben, weder vor- noch nachher,
einen meiner damaligen Tisch- und Hausgenossen gesehen zu haben, und
dennoch schlang sich in jenen glücklichen Tagen ein so zartes, enges
Band der Geselligkeit um uns, wie ich es unter Fremden, deren keiner
den andern kannte oder seine näheren Verhältnisse zu wissen wünschte,
nie für möglich gehalten hätte.
Der schöne Herbst von 1822 mit seiner erfreulichen Aussicht, dieser
Herbst, am Rhein genossen, mag allerdings zu dieser ruhigen Heiterkeit
des Gemüts, zu diesem Hingeben jedes einzelnen für die Gesellschaft
beigetragen haben, aber nicht mit Unrecht glaube ich diese Erscheinung
einem sonderbaren, mir nachher höchst merkwürdigen Mann zuschreiben zu
müssen.
Ich war schon beinahe anderthalb Tage in den drei Reichskronen vor
Anker gelegen; hätte mich nicht ein Freund, den ich seit langen Jahren
nicht gesehen hatte, auf den fünfundzwanzigsten oder dreißigsten
bestellt, ich wäre nicht mehr länger geblieben, denn die schrecklichste
Langeweile peinigte mich. Die Gesellschaft im Hause war anständig,
freundlich sogar, aber kalt. Man ließ einander an der Seite liegen,
wenig bekümmert um das Wohl oder das Weh des Nachbars. Wie man einander
die schönen geschmorten Fische, den feinen Braten oder die Salatiere
darzubieten habe, wußte jeder, »aber das Genie, ich meine den Geist«,
wies sich nicht gehörig an der Tafel, noch weniger nachher aus.
Ich sah eines Nachmittags aus meinem Fenster auf den freien Platz vor
dem Hotel herab und dachte nach über meine Forderungen an die Menschen
überhaupt und an die Gasthofmenschen (worunter ich nicht Wirt und
Kellner allein verstand) insbesondere. Da rasselte ein Reisewagen über
das Steinpflaster der engen Seitenstraße und hielt gerade unter meinem
Fenster.
Der geschmackvolle Bau des Wagens ließ auf eine elegante Herrschaft
schließen. Sonderbar war es übrigens, daß weder auf dem Bock noch
hinten im Kabriolett ein Diener saß, was doch eigentlich zu den vier
Postpferden, mit welchen der Wagen bespannt war, notwendig gepaßt hätte.
»Vielleicht ein kranker Herr, den sie aus dem Wagen tragen müssen,«
dachte ich und richtete die Lorgnette genau auf die Hand des großen,
stattlichen Oberkellners, der den Schlag öffnete.
»Zimmer vakant?« rief eine tiefe, wohltönende Männerstimme.
»So viele Euer Gnaden befehlen,« war die Antwort des Giganten.
Eine große, schlanke Gestalt schlüpfte schnell aus dem Wagen und trat
in die Halle.
»Nr. 12 und 13!« rief die gebietende Stimme des Oberkellners, und Jean
und George flogen im Wettlauf die Treppe hinan.
Die Wagentüre war offen geblieben, aber noch immer wollte kein zweiter
heraussteigen.
Der Oberkellner stand verwundert am Wagen, zweimal hatte er
hineingesehen und immer dabei mit dem Kopf geschüttelt.
»Bst, Herr Oberkellner, auf ein Wort!« rief ich hinab, »wer war denn --«
»Werde gleich die Ehre haben,« antwortete der Gefällige und trat bald
darauf in mein Zimmer.
»Eine sonderbare Erscheinung,« sagte ich zu ihm; »ein schwerer Wagen
mit vier Pferden, und nur ein einzelner Herr ohne alle Bedienung.«
»Gegen alle Regel und Erfahrung,« versicherte jener, »ganz sonderbar,
ganz sonderbar. Jedoch der Postillon versicherte, es sei ein Guter,
denn er gab immer zwei Taler schon seit acht Stationen. Vielleicht ein
Engländer von Profession, die haben alle etwas Apartes. --«
»Wissen Sie den Namen nicht?« fragte ich neugieriger, als es sich
schickte.
»Wird erst beim Souper auf die Schiefertafel geschrieben,« antwortete
jener; »haben der Herr Doktor sonst noch etwas --?«
Ich wußte zu meinem Verdruß im Augenblicke nichts; er ging und ließ
mich mit meinen Konjekturen über den Einsamen im achtsitzigen Wagen
allein.
Als ich abends zur Tafel hinabging, schlüpfte der Kellner an mir
vorüber, eine ungeheure Schiefertafel in der Hand. Er wurde mich kaum
gewahr, als er, in einer Hand ein Licht, in der andern die Tafel, vor
mich hintrat, mir solche präsentierend.
»von Natas, Partikulier,« stand aufgeschrieben. »Hat er noch keine
Bedienung?« fragte ich.
»Nein,« war die Antwort, »er hat zwei Lohnlakaien angenommen, die ihn
aber weder aus- noch ankleiden dürfen.«
Als ich in den Speisesaal trat, hatte sich die Gesellschaft schon
niedergelassen, ich eilte still an meinen Stuhl, gegenüber saß Herr von
Natas.
Hatte dieser Mann schon vorher meine Neugierde erregt, so wurde er mir
jetzt um so interessanter, da ich ihn in der Nähe sah.
Das Gesicht war schön, aber bleich, Haar, Auge und der volle Bart von
glänzendem Schwarz, die weißen Zähne, von den feingespaltenen Lippen
oft enthüllt, wetteiferten mit dem Schnee der blendend weißen Wäsche.
War er alt? war er jung? Man konnte es nicht bestimmen; denn bald
schien sein Gesicht mit jenem pikanten Lächeln, das ganz leise in dem
Mundwinkel anfängt und wie ein Wölkchen um die feingebogene Nase zu
dem mutwilligen Auge hinauf zieht, früh gereifte und unter dem Sturm
der Leidenschaften verblühte Jugend zu verraten; bald glaubte man
einen Mann von schon vorgerückten Jahren vor sich zu haben, der durch
eifriges Studium einer reichen Toilette sich zu konservieren weiß.
Es gibt Köpfe, Gesichter, die nur zu _einer_ Körperform passen und
sonst zu keiner andern. Man werfe mir nicht vor, daß es Sinnentäuschung
sei, daß das Auge sich schon zu sehr an diese Form, wie sie die Natur
gegeben, gewöhnt habe, als daß es sich eine andere Mischung denken
könnte. Dieser Kopf konnte nie auf einem untersetzten, wohlbeleibten
Körper sitzen, er durfte nur die Krone einer hohen, schlanken,
zartgebauten Gestalt sein. So war es auch, und die gedankenschnelle
Bewegung der Gesichtsmuskeln, wie sie in leichtem Spott um den Mund,
im tiefen Ernst um die hohe Stirne spielten, drückte sich auch in dem
Körper durch die würdige, aber bequeme Haltung, durch die schnelle,
runde, beinahe zierliche Bewegung der Arme, überhaupt in dem leichten,
königlichen Anstande des Mannes aus.
So war Herr von Natas, der mir gegenüber an der Abendtafel saß. Ich
hatte während der ersten Gänge Muße genug, diese Bemerkungen zu
machen, ohne dem interessanten vis-a-vis durch neugieriges Anstarren
beschwerlich zu fallen. Der neue Gast schien übrigens noch mehrere
Beobachtungen zu veranlassen, denn von dem obern Ende der Tafel waren
diesen Abend die Brillen mehrerer Damen in immerwährender Bewegung;
mich und meine Nachbarn hatten sie über dem Mittagessen höchstens mit
bloßem Auge gemustert.
Das Dessert wurde aufgetragen, der Direktor der vorzüglichen Tafelmusik
ging umher, seinen wohlverdienten Lohn einzusammeln. Er kam an den
Fremden. Dieser warf einen Taler unter die kleine Münzensammlung und
flüsterte dem überraschten Sammler etwas ins Ohr. Mit drei tiefen
Bücklingen schien dieser zu bejahen und zu versprechen und schritt
eilig zu seiner Kapelle zurück. Die Instrumente wurden aufs neue
gestimmt.
Ich war gespannt, was jener wohl gewählt haben könnte; der Direktor gab
das Zeichen, und gleich in den ersten Takten erkannte ich die herrliche
Polonaise von Osinsky. Der Fremde lehnte sich nachlässig in seinen
Stuhl zurück, er schien nur der Musik zu gehören; aber bald bemerkte
ich, daß das dunkle Auge unter den langen, schwarzen Wimpern rastlos
umherlief, -- es war offenbar, er musterte die Gesichter der Anwesenden
und den Eindruck, den die herrliche Polonaise auf sie machte.
Wahrlich! dieser Zug schien mir einen geübten Menschenkenner zu
verraten. Zwar wäre der Schluß unrichtig, den man sich aus der wärmern
oder kältern Teilnahme an dem Reich der Töne auf die größere oder
geringere Empfänglichkeit des Gemüts für das Schöne und Edle ziehen
wollte; heult ja doch auch selbst der Hund bei den sanften Tönen der
Flöte, das Pferd dagegen spitzt die Ohren bei dem mutigen Schmettern
der Trompeten, stolzer hebt es den Nacken, und sein Tritt ist fester
und straffer.
Aber dennoch konnte man nichts Unterhaltenderes sehen, als die
Gesichter der verschiedenen Personen bei den schönsten Stellen des
Stückes; ich machte dem Fremden mein Kompliment über die glückliche
Wahl dieser Musik, und schnell hatte sich zwischen uns ein Gespräch
über die Wirkung der Musik auf diese oder jene Charaktere entsponnen.
Die übrigen Gäste hatten sich indessen verlaufen, nur einige, die in
der Ferne auf unser Gespräch gelauscht hatten, rückten nach und nach
näher. Mitternacht war herangekommen, ohne daß ich wußte, wie; denn der
Fremde hatte uns so tief in alle Verhältnisse der Menschen, in alle
ihre Neigungen und Triebe hineinblicken lassen, daß wir uns stille
gestehen mußten, nirgends so tiefgedachte, so überraschende Schlüsse
gehört oder gelesen zu haben.
Von diesem Abend an ging uns ein neues Leben in den drei Reichskronen
auf. Es war, als habe die Freude selbst ihren Einzug bei uns gehalten
und feiere jetzt ihre heiligsten Festtage; Gäste, die sich nie hätten
einfallen lassen, länger als eine Nacht hier zu bleiben, schlossen
sich an den immer größer werdenden Zirkel an und vergaßen, daß sie
unter Menschen sich befinden, die der Zufall aus allen Weltgegenden
zusammengeschneit hatte. Und Natas, dieses seltsame Wesen, war die
Seele des Ganzen. Er war es, der sich, sobald er sich nur erst mit
seinen nächsten Tischnachbarn bekannt gemacht hatte, zum ~maître de
plaisir~ hergab. Er veranstaltete Feste, Ausflüge in die herrliche
Gegend und erwarb sich den innigen Dank eines jeden. Hatte er aber
schon durch die sinnreiche Auswahl des Vergnügens sich alle Herzen
gewonnen, so war dies noch mehr der Fall, wenn er die Konversation
führte.
Jenes ergötzliche Märchen von dem Hörnchen des Oberon schien ins Leben
getreten zu sein; denn Natas durfte nur die Lippen öffnen, so fühlte
jeder zuerst die lieblichsten Saiten seines Herzens angeschlagen,
auf leichten Schwingen schwirrte dann das Gespräch um die Tafel,
mutwilliger wurden die Scherze, kühner die Blicke der Männer,
schalkhafter das Kichern der Damen, und endlich rauschte die Rede in so
fessellosen Strömen, daß man nachher wenig mehr davon wußte, als daß
man sich »göttlich« amüsiert habe.
Und dennoch war der Zauberer, der diese Lust heraufbeschwor, weit
entfernt, je ins Rohe, Gemeine hinüberzuspielen. Er griff irgend einen
Gegenstand, eine Tagesneuigkeit auf, erzählte Anekdoten, spielte das
Gespräch geschickt weiter, wußte jedem seine tiefste Eigentümlichkeit
zu entlocken und ergötzte durch seinen lebhaften Witz, durch seine
warme Darstellung, die durch alle Schattierungen von dem tiefsten
Gefühl der Wehmut bis hinauf an jene Ausbrüche der Laune streifte,
welche in dem sinnlichsten, reizendsten Kostüm auf der feinen Grenze
des Anstandes gaukeln.
Manchmal schien es zwar, es möchte weniger gefährlich gewesen sein,
wenn er dem Heiligen, das er antastete, geradezu hohngesprochen,
das Zarte, das er benagte, geradezu zerrissen hätte; jener zarte
geheimnisvolle Schleier, mit welchem er dies oder jenes verhüllte,
reizte nur zu dem lüsternen Gedanken, tiefer zu blicken, und das üppige
Spiel der Phantasie gewann in manchem Köpfchen unsrer schönen Damen nur
noch mehr Raum; aber man konnte ihm nicht zürnen, nicht widersprechen;
seine glänzenden Eigenschaften rissen unwiderstehlich hin, sie
umhüllten die Vernunft mit süßem Zauber, und seine kühnen Hypothesen
schlichen sich als Wahrheit in das unbewachte Herz.
Zweites Kapitel.
Der schauerliche Abend.
So hatte der geniale Fremdling mich und noch zwölf bis fünfzehn Herren
und Damen in einen tollen Strudel der Freude gerissen. Beinahe alle
waren ohne Zweck in diesem Haus, und doch wagte keiner den Gedanken an
die Abreise sich auch nur entfernt vorzustellen. Im Gegenteil, wenn
wir morgens lange ausgeschlafen, mittags lange getafelt, abends lange
gespielt und nachts lange getrunken, geschwatzt und gelacht hatten,
schien der Zauber, der uns an dieses Haus band, nur eine neue Kette um
den Fuß geschlungen zu haben.
Doch es sollte anders werden, vielleicht zu unserm Heil. An dem
sechsten Tage unseres Freudenreiches, einem Sonntag, war unser Herr von
Natas im ganzen Gasthof nicht zu finden. Die Kellner entschuldigten ihn
mit einer kleinen Reise; er werde vor Sonnenuntergang nicht kommen,
aber zum Tee, zur Nachttafel unfehlbar da sein.
Wir waren schon so an den Unentbehrlichen gewöhnt, daß uns diese
Nachricht ganz betreten machte; es war uns, als würden uns die Flügel
zusammengebunden, und man befehle uns, zu fliegen.
Das Gespräch kam, wie natürlich, auf den Abwesenden und auf seine
auffallende, glänzende Erscheinung. Sonderbar war es, daß es mir
nicht aus dem Sinne kommen wollte, ich habe ihm, nur unter einer
andern Gestalt, schon früher einmal auf meinem Lebenswege begegnet;
so abgeschmackt auch der Gedanke war, so unwiderstehlich drängte er
sich mir immer wieder auf. Aus früheren Jahren her erinnerte ich
mich nämlich eines Mannes, der in seinem Wesen, in seinem Blick
hauptsächlich, große Aehnlichkeit mit ihm hatte. Jener war ein fremder
Arzt, besuchte nur hie und da meine Vaterstadt und lebte dort immer
von Anfang sehr still, hatte aber bald einen Kreis von Anbetern um
sich versammelt. Die Erinnerung an jenen Menschen war mir übrigens
fatal, denn man behauptete, daß, so oft er uns besucht habe, immer ein
bedeutendes Unglück erfolgt sei; aber dennoch konnte ich den Gedanken
nicht los werden, Natas habe die größte Aehnlichkeit mit ihm, ja, es
sei eine und dieselbe Person.
Ich erzählte meinen Tischnachbarn den unablässig mich verfolgenden
Gedanken und die unangenehme Vergleichung eines mir so grausenhaften
Wesens, wie der Fremde in meiner Vaterstadt war, mit unserm Freunde,
der so ganz meine Achtung und Liebe sich erworben hatte; aber noch
unglaublicher klingt es vielleicht, wenn ich versichere, daß meine
Nachbarn ganz den nämlichen Gedanken hatten; auch sie glaubten unter
einer ganz andern Gestalt unsern geistreichen Gesellschafter gesehen zu
haben.
»Sie könnten einem ganz bange machen,« sagte die Baronin von Thingen,
die nicht weit von mir saß, »Sie wollen unsern guten Natas am Ende zum
ewigen Juden oder, Gott weiß, zu was sonst noch machen!«
Ein kleiner, ältlicher Herr, Professor in T., der seit einigen Tagen
sich auch an unsere Gesellschaft angeschlossen und immer still
vergnügt, hie und da etwas weinselig, mitlebte, hatte während unserer
»vergleichenden Anatomie«, wie er es nannte, still vor sich hin
gelächelt und mit kunstfertiger Schnelligkeit seine ovale Dose zwischen
den Fingern umgedreht, daß sie wie ein Rad anzusehen war.
»Ich kann mit meiner Bemerkung nicht mehr länger hinter dem Berge
halten,« brach er endlich los, »wenn Sie erlauben, Gnädigste, so halte
ich ihn nicht gerade für den ewigen Juden, aber doch für einen ganz
absonderlichen Menschen. So lange er zugegen war, wollte wohl hie und
da der Gedanke in mir aufblitzen: ›Den hast du schon gesehen, wo war es
doch?‹ aber wie durch Zauber krochen diese Erinnerungen zurück, wenn er
mich mit dem schwarzen umherspringenden Auge erfaßte.«
»So war es mir gerade auch, mir auch, mir auch,« riefen wir alle
verwundert.
»Hm! he, hm!« lachte der Professor. »Jetzt fällt es mir aber von den
Augen wie Schuppen, daß es niemand ist als der, den ich schon vor zwölf
Jahren in Stuttgart gesehen habe.«
»Wie, Sie haben ihn gesehen, und in welchen Verhältnissen?« fragte Frau
von Thingen eifrig und errötete bald über den allzugroßen Eifer, den
sie verraten hatte.
Der Professor nahm eine Prise, klopfte den Jabot aus und begann: »Es
mögen nun ungefähr zwölf Jahre sein, als ich wegen eines Prozesses
einige Monate in Stuttgart zubrachte. Ich wohnte in einem der ersten
Gasthöfe und speiste auch dort gewöhnlich in großer Gesellschaft
an der Wirtstafel. Einmal kam ich nach einigen Tagen, in welchen
ich das Zimmer hatte hüten müssen, zum erstenmal wieder zu Tisch.
Man sprach sehr eifrig von und über einen gewissen Herrn Barighi,
der seit einiger Zeit die Mittagsgäste durch seinen lebhaften Witz,
durch seine Gewandtheit in allen Sprachen entzücke; in seinem Lob
waren alle einstimmig, nur über seinen Charakter war man nicht recht
einig, denn die einen machten ihn zum Diplomaten, die andern zu einem
Sprachmeister, die dritten zu einem hohen Verbannten, wieder andere zu
einem Spion. Die Türe ging auf, man war still, beinahe verlegen, den
Streit so laut geführt zu haben; ich merkte, daß der Besprochene sich
eingefunden habe, und sah --
»Nun, ich bitte Sie! denselben, der uns -- denselben, der uns seit
einigen Tagen so trefflich unterhält. Dies wäre übrigens gerade nichts
Uebernatürliches; aber hören Sie weiter: Zwei Tage schon hatte uns
Herr Barighi, so nannte sich der Fremde, durch seine geistreiche
Unterhaltung die Tafel gewürzt, als uns einmal der Wirt des Gasthofs
unterbrach: ›Meine Herren,‹ sagte der Höfliche, ›bereiten Sie sich auf
eine köstliche Unterhaltung, die Ihnen morgen zu teil werden wird, vor:
der Herr Oberjustizrat Hasentreffer zog heute aus und zieht morgen ein.‹
»Wir fragten, was dies zu bedeuten habe, und ein alter grauer
Hauptmann, der schon seit vielen Jahren den obersten Platz in diesem
Gasthofe behauptete, teilte uns den Schwank mit: ›Gerade dem Speisesaal
gegenüber wohnt ein alter Junggeselle, einsam in einem großen, öden
Haus; er ist Oberjustizrat außer Dienst, lebt von einer anständigen
Pension und soll überdies ein enormes Vermögen besitzen.
»›Derselbe ist aber ein kompletter Narr und hat ganz eigene
Gewohnheiten, wie z. B. daß er sich selbst oft große Gesellschaft gibt,
wobei es immer flott hergeht. Er läßt zwölf Couverts aus dem Wirtshaus
kommen, feine Weine hat er im Keller, und einer oder der andere
unsrer Markeurs hat die Ehre, zu servieren. Man denkt vielleicht, er
hat allerlei hungrige oder durstige Menschen bei sich? Mit nichten!
alte, gelbe Stammbuchblätter, auf jedem ein großes Kreuz, liegen auf
den Stühlen, dem alten Kauz ist aber so wohl, als wenn er unter den
lustigsten Kameraden wäre; er spricht und lacht mit ihnen, und das Ding
soll so greulich anzusehen sein, daß man immer die neuen Kellner dazu
braucht, denn wer _einmal_ bei einem solchen Souper war, geht nicht
mehr in das öde Haus.
»›Vorgestern war wieder ein Souper, und unser neuer Franz dort
schwört Himmel und Erde, ihn bringe keine Seele mehr hinüber. Den
andern Tag nach dem Gastmahl kommt dann die zweite Sonderbarkeit des
Oberjustizrats. Er fährt morgens früh aus der Stadt und kehrt erst den
andern Morgen zurück, nicht aber in sein Haus, das um diese Zeit fest
verriegelt und verschlossen ist, sondern hierher ins Wirtshaus.
»›Da tut er dann ganz fremd gegen Leute, welche er das ganze Jahr
täglich sieht, speist zu Mittag und stellt sich nachher an ein Fenster
und betrachtet sein Haus gegenüber von oben bis unten.
»›Wem gehört das Haus da drüben?‹ fragt er dann den Wirt.
»Pflichtmäßig bückt sich dieser jedesmal und antwortet: ›Dem Herrn
Oberjustizrat Hasentreffer, Euer Exzellenz aufzuwarten.‹«
-- »Aber, Herr Professor, wie hängt denn Ihr toller Hasentreffer mit
unserm Natas zusammen?« fragte ich.
»Belieben Sie sich doch zu gedulden, Herr Doktor,« antwortete jener,
»es wird Ihnen gleich wie ein Licht aufgehen. Der Hasentreffer beschaut
also das Haus und erfährt, daß es dem Hasentreffer gehöre. ›Ach!
Derselbe, der in Tübingen zu meiner Zeit studierte?‹ fragt er dann,
reißt das Fenster auf, streckt den gepuderten Kopf hinaus und schreit
›Ha--a--asentreffer, Ha--a--asentreffer!‹
»Natürlich antwortet niemand, er aber sagt dann: ›Der Alte würde es mir
nie vergessen, wenn ich nicht bei ihm einkehrte,‹ nimmt Hut und Stock,
schließt sein eignes Haus auf, und so geht es nach wie vor.
»Wir alle,« fuhr der Professor in seiner Erzählung fort, »waren sehr
erstaunt über diese sonderbare Erscheinung und freuten uns königlich
auf den morgenden Spaß. Herr Barighi aber nahm uns das Versprechen ab,
ihn nicht verraten zu wollen, indem er einen köstlichen Spaß mit dem
Oberjustizrat vorhabe.
»Früher als gewöhnlich versammelten wir uns an der Wirtstafel und
belagerten die Fenster. Eine alte baufällige Chaise wurde von zwei
alten Kleppern die Straße herangeschleppt, sie hielt vor dem Wirtshaus.
›Das ist der Hasentreffer, der Hasentreffer,‹ tönte es von aller Mund,
und eine ganz besondere Fröhlichkeit bemächtigte sich unser, als
wir das Männlein, zierlich gepudert, mit einem stahlgrauen Röcklein
angetan, einem mächtigen Meerrohr in der Hand, aussteigen sahen. Ein
Schwanz von wenigstens zehn Kellnern schloß sich ihm an; so gelangte er
ins Speisezimmer.
»Man schritt sogleich zur Tafel; ich habe selten so viel gelacht als
damals, denn mit der größten Kaltblütigkeit behauptete der Alte,
geradesweges aus Kassel zu kommen und vor sechs Tagen in Frankfurt
im Schwanen recht gut logiert zu haben. Schon vor dem Dessert mußte
Barighi verschwunden sein, denn als der Oberjustizrat aufstand und sich
auch die übrigen Gäste erwartungsvoll erhoben, war er nirgends mehr zu
sehen.
»Der Oberjustizrat stellte sich ans Fenster, wir alle folgten seinem
Beispiele und beobachteten ihn. Das Haus gegenüber schien öde und
unbewohnt; auf der Türschwelle sproßte Gras, die Jalousien waren
geschlossen, zwischen einigen schienen sich Vögel eingebaut zu haben.
»›Ein hübsches Haus da drüben,‹ begann der Alte zu dem Wirt, der immer
in der dritten Stellung hinter ihm stand. ›Wem gehört es?‹ -- ›Dem
Oberjustizrat Hasentreffer, Euer Exzellenz aufzuwarten.‹
»›Ei, das ist wohl der nämliche, der mit mir studiert hat?‹ rief
er aus. ›Der würde es mir nie verzeihen, wenn ich ihm nicht meine
Anwesenheit kundtäte.‹ Er riß das Fenster auf: ›Hasentreffer --
Hasentreffer!‹ schrie er mit heiserer Stimme hinaus. -- Aber wer
beschreibt unsern Schrecken, als gegenüber in dem öden Haus, das wir
wohl verschlossen und verriegelt wußten, ein Fensterladen langsam sich
öffnete; ein Fenster tat sich auf, und heraus schaute der Oberjustizrat
Hasentreffer im zitzenen Schlafrock und der weißen Mütze, unter welcher
wenige graue Löckchen hervorquollen; so, gerade so pflegte er sich zu
Hause zu tragen. Bis auf das kleinste Fältchen des bleichen Gesichts
war der gegenüber der nämliche, der bei uns stand. Aber Entsetzen
ergriff uns, als der im Schlafrock mit derselben heiseren Stimme über
die Straße herüberrief: ›Was will man, wem ruft man? he!‹
»›Sind Sie der Herr Oberjustizrat Hasentreffer?‹ rief der auf unserer
Seite, bleich wie der Tod, mit zitternder Stimme, indem er sich bebend
am Fenster hielt.
»›Der bin ich,‹ kreischte jener und nickte freundlich grinsend mit dem
Kopfe; ›steht etwas zu Befehl?‹
»›Ich bin er ja auch,‹ rief der auf unserer Seite wehmütig, ›wie ist
denn dies möglich?‹
»›Sie irren sich, Wertester!‹ schrie jener herüber, ›Sie sind der
dreizehnte; kommen Sie nur ein wenig herüber in meine Behausung, daß
ich Ihnen den Hals umdrehe; es tut nicht weh.‹
»›Kellner, Stock und Hut!‹ rief der Oberjustizrat, matt bis zum
Tod, und die Stimme schlich ihm in kläglichen Tönen aus der hohlen
Brust herauf. ›In meinem Haus ist der Satan und will meine Seele; --
vergnügten Abend, meine Herren!‹ setzte er hinzu, indem er sich mit
einem freundlichen Bückling zu uns wandte und dann den Saal verließ.
»›Was war das?‹ fragten wir uns. ›Sind wir alle wahnsinnig?‹ --
»Der im Schlafrock schaute noch immer ganz ruhig zum Fenster hinaus,
während unser gutes altes Närrchen in steifen Schritten über die Straße
stieg. An der Haustüre zog er einen großen Schlüsselbund aus der
Tasche, riegelte -- der im Schlafrock sah ihm ganz gleichgültig zu --
riegelte die schwere, knarrende Haustüre auf und trat ein.
»Jetzt zog sich auch der andere vom Fenster zurück, man sah, wie er dem
unsrigen an die Zimmertüre entgegenging.
»Unser Wirt, die zehn Kellner waren alle bleich von Entsetzen
und zitterten. ›Meine Herren,‹ sagte jener, ›Gott sei dem armen
Hasentreffer gnädig, denn einer von beiden war der Leibhaftige.‹ --
Wir lachten den Wirt aus und wollten uns selbst bereden, daß es ein
Spaß von Barighi sei, aber der Wirt versicherte, es habe niemand in das
Haus gehen können, außer mit den überaus künstlichen Schlüsseln des
Rats; Barighi sei zehn Minuten, ehe das Gräßliche geschehen, noch an
der Tafel gesessen, wie hätte er denn in so kurzer Zeit die täuschende
Maske anziehen können, vorausgesetzt auch, er hätte sich das fremde
Haus zu öffnen gewußt. Die beiden seien aber einander so greulich
ähnlich gewesen, daß er, ein zwanzigjähriger Nachbar, den echten nicht
hätte unterscheiden können. ›Aber um Gottes willen, meine Herren, hören
Sie nicht das gräßliche Geschrei da drüben?‹
»Wir sprangen ans Fenster, schreckliche trauervolle Stimmen tönten aus
dem öden Hause herüber, einigemal war es uns, als sähen wir unsern
alten Oberjustizrat, verfolgt von seinem Ebenbild im Schlafrock, am
Fenster vorbeijagen. Plötzlich aber war alles still.
»Wir sahen einander an; der Beherzteste machte den Vorschlag,
hinüberzugehen; alle stimmten überein. Man zog über die Straße, die
große Hausglocke an des Alten Haus tönte dreimal, aber es wollte sich
niemand hören lassen; da fing uns an zu grauen; wir schickten nach der
Polizei und dem Schlosser, man brach die Türe auf, der ganze Strom der
Neugierigen zog die breite, stille Treppe hinauf, alle Türen waren
verschlossen; eine ging endlich auf; in einem prachtvollen Zimmer lag
der Oberjustizrat im zerrissenen stahlfarbigen Röcklein, die zierliche
Frisur schrecklich zerzaust, tot, erwürgt auf dem Sofa.
»Von Barighi hat man seitdem weder in Stuttgart, noch sonst irgendwo
jemals eine Spur gesehen.«
Drittes Kapitel.
Der schauerliche Abend.
(Fortsetzung.)
Der Professor hatte seine Erzählung geendet, wir saßen eine gute Weile
still und nachdenkend. Das lange Schweigen ward mir endlich peinlich,
ich wollte das Gespräch wieder anfachen, aber auf eine andere Bahn
bringen, als mir ein Herr von mittleren Jahren in reicher Jagduniform,
wenn ich nicht irre ein Oberforstmeister aus dem Nassauischen, zuvorkam.
»Es ist wohl jedem von uns schon begegnet, daß er unzähligemal für
einen andern gehalten wurde oder auch Fremde für ganz Bekannte
anredete, und sonderbar ist es, ich habe diese Bemerkung oft in meinem
Leben bestätigt gefunden, daß die Verwechselung weniger bei jenen
platten, alltäglichen nichtssagenden Gesichtern, als bei auffallenden,
eigentlich interessanten vorkommt.«
Wir wollten ihm seine Behauptung als ganz unwahrscheinlich verwerfen,
aber er berief sich auf die wirklich interessante Erscheinung unseres
Natas. »Jeder von uns gesteht,« sagte er, »daß er dem Gedanken Raum
gegeben, unsern Freund, nur unter anderer Gestalt, hier oder dort
gesehen zu haben, und doch sind seine scharfen Formen, sein gebietender
Blick, sein gewinnendes Lächeln ganz dazu gemacht, auf ewig sich ins
Gedächtnis zu prägen.«
»Sie mögen so unrecht nicht haben,« entgegnete Flaßhof, ein preußischer
Hauptmann, der auf die Strafe des Arrestes hin schon zwei Tage bei uns
gezaudert hatte, nach Koblenz in seine Garnison zurückzukehren. »Sie
mögen recht haben; ich erinnere mich einer Stelle aus den launigen
Memoiren des italienischen Grafen Gozzi, die ganz für Ihre Behauptung
spricht. Jedermann, sagt er, hat den Michele d'Agata gekannt und
weiß, daß er einen Fuß kleiner und wenigstens um zwei dicker war als
ich und auch sonst nicht die geringste Aehnlichkeit in Kleidung und
Physiognomie mit mir gehabt hat. Aber lange Jahre hatte ich alle Tage
den Verdruß, von Sängern, Tänzern, Geigern und Lichtputzern als Herr
Michele d'Agata angeredet zu sein und lange Klagen über schlechte
Bezahlung, Forderungen usw. anhören zu müssen. Selten gingen sie
überzeugt von mir weg, daß _ich_ nicht Michele d'Agata sei. Einst
besuchte ich in Verona eine Dame; das Kammermädchen meldet mich an:
›Herr Agata‹. Ich trat hinein und ward als Michele d'Agata begrüßt
und unterhalten, ich ging weg und begegnete einem Arzt, den ich wohl
kannte. ›Guten Abend, Herr Agata,‹ war sein Gruß, indem er vorüberging.
-- Ich glaubte am Ende beinahe selbst, ich sei der Michele d'Agata.«
Ich wußte dem guten Hauptmann Dank, daß er uns aus den ängstigenden
Phantasien, welche die Erzählung des Professors in uns aufgeregt
hatte, erlöste. Das Gespräch floß ruhiger fort, man stritt sich um
das Vorrecht ganzer Nationen, einen interessanten Gesichterschnitt zu
haben, über den Einfluß des Geistes auf die Gesichtszüge überhaupt und
auf das Auge insbesondere, man kam endlich auf Lavater und Konsorten;
Materien, die ich hundertmal besprochen, mochte ich nicht mehr
wiederkäuen, ich zog mich in ein Fenster zurück. Bald folgte mir der
Professor dahin nach, um gleich mir die Gesichter der Streitenden zu
betrachten.
»Welch ein leichtsinniges Volk,« seufzte er, »ich habe sie jetzt soeben
gewarnt und die Hölle ihnen recht heiß gemacht, ja, sie wagten in
keine Ecke mehr zu sehen, aus Furcht, der Leibhaftige möchte daraus
hervorgucken, und jetzt lachen sie wieder und machen tolle Streiche,
als ob der Versucher nicht immer umherschliche.«
Ich mußte lachen über die Amtsmiene, die sich der Professor gab. »Noch
nie habe ich das schöne Talent eines Vesperpredigers an Ihnen bemerkt,«
sagte ich; »aber Sie setzen mich in Erstaunen durch Ihre kühnen
Angriffe auf die böse Welt und auf den Argen selbst. Bilden Sie sich
denn wirklich ein, dieser harmlose Natas ...«
»Harmlos nennen Sie ihn?« unterbrach mich der Professor, heftig meine
Brust anfassend, »harmlos? Haben Sie denn nicht bemerkt,« flüsterte er
leiser, »daß alles bei diesem feinen ... Herrn berechneter Plan ist? O,
ich kenne meine Leute!«
»Sie setzen mich in Erstaunen, wie meinen Sie denn?«
»Haben Sie nicht bemerkt,« fuhr er eifrig fort, »daß der gebildete Herr
Oberforstmeister dort mit Leib und Seele sein ist, weil er ihm fünf
Nächte hindurch alles Geld abjagte und den Ausgebeutelten gestern nacht
fünfzehnhundert Dukaten gewinnen ließ? Er nennt den abgefeimten Spieler
einen Mann von den nobelsten Sentiments und schwört auf Ehre, er müsse
über die Hälfte wieder an den Fremden verlieren, sonst habe er keine
Ruhe. Haben Sie ferner nicht bemerkt, wie er den Oekonomierat gekörnt
hat?«
»Ich habe wohl gesehen,« antwortete ich, »daß der Oekonomierat, sonst
so moros und misanthrop, jetzt ein wenig aufgewacht ist, aber ich habe
es dem allgemeinen Einfluß der Gesellschaft zugeschrieben.«
»Behüte. Er läuft schon seit zwanzig Jahren in den Gesellschaften umher
und wacht doch nicht auf; auf dem Weg ist er, ein Bruder Liederlich zu
werden. Der Esel reist krank im Lande umher, behauptet einen großen
Wurm im Leib zu haben und macht allen Leuten das Leben sauer mit seinen
exorbitanten Behauptungen, und jetzt? Jetzt hat ihn dieser Wundermann
erwischt, gibt ihm ein Pülverlein und rät ihm, nicht wie ein anderer
vernünftiger Arzt, Diät und Mäßigkeit, sondern er soll seine Jugend,
wie er die fünfzig Jahre des alten Wurms nennt, genießen, viel Wein
trinken etc., und das ~et cetera~ und den Wein benützt er seit vier
Tagen ärger als der verlorne Sohn.«
»Und darüber können Sie sich ärgern, Herr Professor? Der Mann ist sich
und dem Leben wiedergeschenkt --«
»Nicht davon spreche ich,« entgegnete der Eifrige, »der alte Sünder
könnte meinetwegen heute noch abfahren, sondern daß er sich dem
nächsten besten Charlatan anvertraut und sich also ruinieren muß. Ich
habe ihn vor acht Jahren in der Kur gehabt, und es besserte sich schon
zusehends.«
Der Eifer des guten Professors war mir nun einigermaßen erklärlich, der
liebe Brotneid schaute nicht undeutlich heraus. --
»Und unsere Damen,« fuhr er fort, »die sind nun rein toll. Mich dauert
nur der arme Trübenau, ich kenne ihn zwar nicht, aber übermorgen
soll er hier ankommen, und wie findet er die gnädige Frau? Hat man
je gehört, daß eine junge gebildete Frau in den ersten Jahren einer
glücklichen Ehe sich in ein solches Verhältnis mit einem ganz fremden
Menschen einläßt, und zwar innerhalb fünf Tagen!« --
»Wie? die schöne, bleiche Frau dort!« rief ich aus. --
»Die nämliche bleiche;« antwortete, er, »vor vier Tagen war sie noch
schön rot wie eine Zentifolie, da begegnet ihr der Interessante auf der
Straße, fragt, wohin sie gehe, hört kaum, daß sie ~Rouge fin~ kaufen
wolle (denn solche Toilettengeheimnisse auszuplaudern, heißt ~bon
ton~), so bittet und fleht er, sie solle doch kein Rot auflegen, sie
habe ein so interessantes ~je ne sais quoi~, das zu einem blassen Teint
viel besser stehe. Was tut sie? wahrhaftig, sie geht in den nächsten
Galanterieladen und sucht weiße Schminke; ich war gerade dort, um ein
Pfeifenrohr zu erstehen, da höre ich sie mit ihrer süßen Stimme den
rauhhärigen Bären von einem Ladendiener fragen, ob man das Weiß nicht
noch etwas _ätherischer_ habe? Hol' mich der T...! hat man je so etwas
gehört?«
Ich bedauerte den Professor aufrichtig, denn wenn ich nicht irrte, so
suchte er von Anfang die Aufmerksamkeit der schönen Frau auf den schon
etwas verschossenen Einband seiner gelehrten Seele zu ziehen. Daß es
aber mit Natas und der Trübenau nicht ganz richtig war, sah ich selbst.
Von der Schminkgeschichte, die jenen so sehr erboste, wußte ich zwar
nichts; aber wer sich auf die Exegese der Augen verstand, hatte keinen
weiteren Kommentar nötig, um die gegenseitige Annäherung daraus zu
erläutern.
Der Professor hatte, in tiefe Gedanken versunken, eine Zeitlang
geschwiegen; er erhob jetzt sein Auge durch die Brille an die Decke
des Zimmers, wo allerlei Engelein in Gips aufgetragen waren. »Himmel,«
seufzte er, »und die Thingen hat er auch. Sie glauben nicht, welcher
Reiz in dem ewig heitern Auge, in diesen Grübchen auf den blühenden
Wangen, in dem Schmelz ihrer Zähne, in diesen frischen, zum Kuß
geöffneten Lippen, in diesen weichen Armen, in diesen runden, vollen
Formen der schwellenden --«
»Herr Professor!« rief ich, erschrocken über seine Ekstase, und
schüttelte ihn am Arm ins Leben zurück. »Sie geraten außer sich,
Wertester. Belieben Sie nicht eine Prise Spaniol?«
»Er hat sie auch,« fuhr er zähneknirschend fort. »Haben Sie nicht
bemerkt, mit welcher Hast sie vorhin nach seinen Verhältnissen fragte?
Wie sie rot ward? Jung, schön, wohlhabend, Witwe -- sie hat alles, um
eine angenehme Partie zu machen. Geistreiche Männer von Ruf in der
literarischen Welt buhlen um ihre Gunst, sie wirft sich an einen --
Landstreicher hin. Ach, wenn Sie wüßten, bester Doktor, was mir neulich
der Oberkellner sagte, aber mit der größten Diskretion, daß man ihn
vorgestern nacht aus ihrem Zimmer ...«
»Ich bitte, verschonen Sie mich,« fiel ich ein, »gestehen Sie mir
lieber, ob der Wundermensch Sie selbst noch nicht unter den Pantoffel
gebracht hat.«
»Das ist es eben,« antwortete der Gefragte verlegen lächelnd, »das ist
es, was mir Kummer macht. Sie wissen, ich lese über Chemie; er brachte
einmal das Gespräch darauf und entwickelte so tiefe Kenntnisse, deckte
so neue und kühne Ideen auf, daß mir der Kopf schwindelte. Ich möchte
ihm um den Hals fallen und um seine Hefte und Notizen bitten, es zieht
mich mit unwiderstehlicher Geisterkraft in seine Nähe, und doch könnte
ich ihm mit Freuden Gift beibringen.«
Wie komisch war die Wut dieses Mannes, er ballte die Faust und
fuhr damit hin und her, seine grünen Brillengläser funkelten wie
Katzenaugen, sein kurzes schwarzes Haar schien sich in die Höhe zu
richten.
Ich suchte ihn zu besänftigen. Ich stellte ihm vor, daß er ja nicht
ärger losziehen könnte, wenn der Fremde der Teufel selbst wäre; aber er
ließ mich nicht zum Worte kommen.
»Er ist es, der Satan selbst logiert hier in den drei Reichskronen,«
rief er, »um unsere Seelen zu angeln. Ja, du bist ein guter Fischer
und hast eine feine Nase; aber ein ...r Professor, wie ich, der sogar
in demagogischen Untersuchungen die Lunte gleich gerochen und eigens
deswegen hierher nach Mainz gereist ist, ein solcher hat noch eine
feinere als du.«
Ein heiseres Lachen, das gerade hinter meinem Rücken zu entstehen
schien, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich wandte mich um und
glaubte Natas höhnisch durch die Scheiben hereingrinsen zu sehen. Ich
ergriff den Professor am Arm, um ihm die sonderbare Erscheinung zu
zeigen, denn das Zimmer lag einen Stock hoch; dieser aber hatte weder
das Lachen gehört, noch konnte er meine Erscheinung sehen, denn als er
sich umwandte, sah nur die bleiche Scheibe des Mondes durch die Fenster
dort, wo ich vorhin das greulich verzerrte Gesicht des geheimnisvollen
Fremdlings zu sehen geglaubt hatte.
Ehe ich noch recht mit mir einig war, ob das, was ich gesehen, Betrug
der Sinne, Ausgeburt einer aufgeregten Phantasie oder Wirklichkeit war,
ward die Türe aufgerissen, und Herr von Natas trat stolzen Schrittes
in das Zimmer. Mit sonderbarem Lächeln maß er die Gesellschaft, als
wisse er ganz gut, was von ihm gesprochen worden sei, und ich glaubte
zu bemerken, daß keiner der Anwesenden seinen forschenden Blick
auszuhalten vermochte.
Mit der ihm so eigenen Leichtigkeit hatte er der Trübenau gegenüber,
neben der Frau von Thingen Platz genommen und die Leitung der
Konversation an sich gerissen. Das böse Gewissen ließ den Professor
nicht an den Tisch sitzen, mich selbst fesselte das Verlangen,
diesen Menschen einmal aus der Ferne zu beobachten, an meinen Platz
im Fenster. Da bemerkten wir denn das Augenspiel zwischen Frau von
Trübenau und dem gewandtesten der Liebhaber, der, indem er der Tochter
des Oekonomierats so viel Verbindliches zu sagen wußte, daß sie
einmal über das andere bis unter die breiten Brüsseler Spitzen ihrer
Busenkrause errötete, das feingeformte Füßchen der Frau von Thingen auf
seinem blankgewichsten Stiefel tanzen ließ.
»Drei Mücken auf einen Schlag, das heiße ich doch -- meiner Seel'!
aller Ehre wert,« brummte der zornglühende Professor, dem jetzt auch
seine letzte Ressource, die ökonomische Schöne, so was man sagt, vor
dem Mund weggeschnappt werden sollte. Mit tönenden Schritten ging er
an den Tisch, nahm sich einen Stuhl und setzte sich, breit wie eine
Mauer, neben seine Schöne, doch diese schien nur Ohren für Natas zu
haben, denn sie antwortete auf seine Frage, ob sie sich wohl befinde,
»übermorgen,« und als er voll Gram die Anmerkung hinwarf, sie scheine
sehr zerstreut, meinte sie »1 fl. 30 kr. die Elle.«
Ich sah jetzt einem unangenehmen Auftritt entgegen. Der Professor,
der nicht daran dachte, daß er durch ein Sonett oder Triolett alles
wieder gut machen, ja, durch ein paar ~ottave rime~ sich sogar bei der
Trübenau wieder insinuieren könnte, widersprach jetzt geradezu jeder
Behauptung, die Natas vorbrachte. Und ach! nicht zu seinem Vorteil;
denn dieser, in der Dialektik dem guten Kathedermann bei weitem
überlegen, führte ihn so aufs Eis, daß die leichte Decke seiner Logik
zu reißen und er in ein Chaos von Widersprüchen hinabzustürzen drohte.
Eine lieblich duftende Bowle Punsch unterbrach einige Zeit den Streit
der Zunge, gab aber dafür Anlaß zu desto feindseligern Blicken zwischen
Frau von Trübenau und Frau von Thingen. Diese hatte, ihrer schönen,
runden Arme sich bewußt, den gewaltigen silbernen Löffel ergriffen, um
beim Eingießen die ganze Grazie ihrer Haltung zu entwickeln. Jene aber
kredenzte die gefüllten Becher mit solcher Anmut, mit so liebevollen
Blicken, daß das Bestreben, sich gegenseitig so viel als möglich
Abbruch zu tun, unverkennbar war.
Als aber der sehr starke Punsch die leisen Schauer des Herbstabends
verdrängt hatte, als er anfing, die Wangen unserer Damen höher zu
färben und aus den Augen der Männer zu leuchten, da schien es mir mit
einemmal, als sei man, ich weiß nicht wie, aus den Grenzen des Anstands
herausgetreten. Allerlei dumme Gedanken stiegen in mir auf und nieder,
das Gespräch schnurrte und summte wie ein Mühlrad, man lachte und
jauchzte und wußte nicht über was? Man kicherte und neckte sich, und
der Oberforstmeister brachte sogar ein Pfänderspiel mit Küssen in
Vorschlag. Plötzlich hörte ich jenes heisere Lachen wieder, das ich
vorhin vor dem Fenster zu hören glaubte. Wirklich, es war Natas, der
dem Professor zuhörte und trotz dem Eifer und Ernst, mit welchem dieser
alles vorbrachte, alle Augenblicke in sein heiseres Gelächter ausbrach.
»Nicht wahr, meine Herren und Damen,« schrie der Punsch aus dem
Professor heraus, »Sie haben vorhin selbst bemerkt, daß unser verehrter
Freund dort jedem von Ihnen, nur in anderer Gestalt, schon begegnet
ist? Sie schweigen? Ist das auch Räson, einen so im Sand sitzen zu
lassen? Herr Oberforstmeister! Frau von Thingen, gnädige Frau! Sagen
Sie selbst, namentlich Sie, Herr Doktor!«
Wir befanden uns durch die Indiskretion des Professors in großer
Verlegenheit. »Ich erinnere mich,« gab ich zur Antwort, als alles
schwieg, »von interessanten Gesichtern und ihren Verwechslungen
gesprochen zu haben. Und wenn ich nicht irre, wurde auch Herr von Natas
aufgeführt.«
Der Benannte verbeugte sich und meinte, es sei gar zu viel Ehre, ihn
unter die Interessanten zu zählen; aber der Professor verdarb wieder
alles.
»Was da! ich nehme kein Blatt vor den Mund!« sagte er, »ich behauptete,
daß mir ganz unheimlich in Dero Nähe sei, und erzählte, wie Sie in
Stuttgart den armen Hasentreffer erwürgt haben, wissen Sie noch,
gnädiger Herr?«
Dieser aber stand auf, lief mit schrillendem Gelächter im Zimmer
umher, und plötzlich glaubte ich den unglückbringenden Doktor meiner
Vaterstadt vor mir zu haben; es war nicht mehr Natas, es war ein
älterer, unheimlicher Mensch.
»Da hat man's ja deutlich,« rief der Professor, »dort läuft er als
Barighi umher.«
»Barighi?« entgegnete Frau von Trübenau. »Bleiben Sie doch mit Ihrem
Barighi zu Hause, es ist ja unser lieber Privatsekretär Gruber, der da
hereingekommen ist.«
»Ich möchte doch um Verzeihung bitten, gnädige Frau,« unterbrach sie
der Oberforstmeister, »es ist der Spieler Maletti, mit dem ich in
Wiesbaden letzten Sommer associiert war.«
»Ha! ha! wie man sich doch täuschen kann,« sprach Frau von Thingen, den
auf und ab Gehenden durch die perlmutterne Brille beschauend, »es ist
ja niemand anders als der Kapellmeister Schmalz, der mir die Gitarre
beibringt.«
»Warum nicht gar!« brummte der alte Oekonomierat, »es ist der lustige
Kommissär, der mir die gute Brotlieferung an das Spital in D--n
verschaffte.«
»Ach! Papa,« kicherte sein Töchterlein, »jener war ja schwarz, und
dieser ist blond! Kennen Sie denn den jungen Landwirt nicht mehr, der
sich bei uns ins Praktische einschießen wollte?«
»Hol' mich der Kuckuck und alle Wetter,« schrie der preußische
Hauptmann, »das ist der verfluchte Ladenprinz und Ellenreiter, der mir
mein Lorchen wegfischte! Auf Pistolen fordere ich den Hund, gleich
morgen, gleich jetzt.« Er sprang auf und wollte auf den immer ruhig
auf und ab Gehenden losstürzen. Der Professor aber packte ihn am Arm:
»Bleiben Sie weg, Wertester!« schrie er, »ich hab's gefunden, ich hab's
gefunden, kehrt seinen Namen um, es ist der _Satan_!«
Viertes Kapitel.
Das Manuskript.
So viel als ich hier niedergeschrieben habe, lebt von diesem Abend noch
in meiner Erinnerung; doch kostete es geraume Zeit, bis ich mich auf
alles wieder besinnen konnte. Ich muß in einem langen, tiefen Schlaf
gewesen sein, denn als ich erwachte, stand Jean vor mir und fragte,
indem er die Gardine für die Morgensonne öffnete, ob jetzt der Kaffee
gefällig sei?
Es war elf Uhr. Wo war denn die Zeit zwischen gestern und heute
hingegangen? Meine erste Frage war, wie ich denn zu Bett gekommen sei?
Der Kellner staunte mich an und meinte mit sonderbarem Lächeln, das
müsse ich besser wissen als er.
»Ah! ich erinnere mich,« sagte ich leichthin, um meine Unwissenheit zu
verbergen, »nach der Abendtafel ...«
»Verzeihen der Herr Doktor,« unterbrach mich der Geschwätzige. »Sie
haben nicht soupiert. Sie waren ja alle zu Tee und Punsch auf Nr. 15.«
»Richtig, auf Nr. 15, wollte ich sagen. Ist der Herr Professor schon
auf?«
»Wissen Sie denn nicht, daß sie schon abgereist sind?« fragte der
Kellner.
»Kein Wort;« versicherte ich staunend.
»Er läßt sich Ihnen noch vielmals empfehlen, und Sie möchten doch in T.
bei ihm einsprechen; auch läßt er Sie bitten, seiner und des gestrigen
Abends recht oft zu gedenken, er habe es ja gleich gesagt.«
»Aha, ich weiß schon,« sagte ich, denn mit einemmal fiel mir ein Teil
des gestern Erlebten ein. »Wann ist er denn abgereist?«
»Gleich in der Frühe,« antwortete jener, »noch vor dem Oekonomierat und
dem Oberforstmeister.«
»Wie? so sind auch diese abgereist?«
»Ei ja!« rief der staunende Kellner, »so wissen Sie auch das nicht?
Auch nicht, daß Frau von Thingen und die gnädige Frau von Trübenau --«
»Sie sind auch nicht mehr hier?«
»Kaum vor einer halben Stunde sind die gnädige Frau weggefahren,«
versicherte jener. Ich rieb mir die Augen, um zu sehen, ob ich nicht
träume, aber es war und blieb so. Jean stand nach wie vor an meinem
Bette und hielt das Kaffeebrett in der Hand.
»Und Herr von Natas?« fragte ich kleinlaut.
»Ist noch hier. Ach, das ist ein goldener Herr. Wenn der nicht gewesen
wäre, wir wären heute nacht in die größte Verlegenheit gekommen.«
»Wieso?«
»Nun, bei der Fatalität mit der Frau von Trübenau. Wer hätte aber
auch dem gnädigen Herrn zugetraut, daß er so gut zur Ader zu lassen
verstünde?«
»Zur Ader lassen? Herr von Natas?«
»Ich sehe, der Herr Doktor sind sehr frühzeitig zu Bette gegangen und
haben eine ruhigere Nacht gehabt als wir.«
Jean belehrte mich in leichtfertigem Ton: »Es mochte kaum elf Uhr
gewesen sein, die Geschichte mit der Polizei war schon vorbei --«
»Was für eine Geschichte mit der Polizei?«
»Nun, Nr. 15 ist vornheraus, und weil, mit Permiß zu sagen, dort
ein ganz höllischer Lärm war, so kam die Runde ins Haus und wollte
abbieten, Herr von Natas aber, der ein guter Bekannter des Herrn
Polizeileutnants sein muß, beruhigte sie, daß sie wieder weiter gingen.
Also gleich nachher kam das Kammermädchen der Frau von Trübenau
herabgestürzt, ihre gnädige Frau wolle sterben. Sie können sich denken,
wie unangenehm so etwas in einem Gasthof nachts zwischen elf und zwölf
Uhr ist. Wir wie der Wind hinauf, auf der Treppe begegnet uns Herr von
Natas, fragt, was das Rennen und Laufen zu bedeuten habe, hört kaum,
wo es fehlt, so springt er in sein Zimmer, holt sein Etui, und ehe fünf
Minuten vergehen, hat er der gnädigen Frau am Arm mit der Lanzette eine
Ader geöffnet, daß das Blut in einem Bogen aufsprang. Sie schlug die
Augen wieder auf, und es war ihr bald wohl, doch versprach Herr von
Natas, bei ihr zu wachen.«
»Ei! was Sie sagen, Jean!« rief ich voll Verwunderung.