Irrtümer.
Die Irrtümer des Gedächtnisses sind vom Vergessen mit Fehlerinnern nur
durch den einen Zug unterschieden, dass der Irrtum (das Fehlerinnern)
nicht als solcher erkannt wird, sondern Glauben findet. Der Gebrauch des
Ausdruckes »Irrtum« scheint aber noch an einer anderen Bedingung zu
hängen. Wir sprechen von »Irren« anstatt von »falsch Erinnern«, wo in
dem zu reproduzierenden psychischen Material der Charakter der
objektiven Realität hervorgehoben werden soll, wo also etwas anderes
erinnert werden soll als eine Tatsache meines eigenen psychischen
Lebens, vielmehr etwas, was der Bestätigung oder Widerlegung durch die
Erinnerung anderer zugänglich ist. Den Gegensatz zum Gedächtnisirrtum in
diesem Sinn bildet die Unwissenheit.
In meinem Buche »Die Traumdeutung (1900)« habe ich mich einer Reihe von
Verfälschungen an geschichtlichem und überhaupt tatsächlichem Material
schuldig gemacht, auf die ich nach dem Erscheinen des Buches mit
Verwunderung aufmerksam geworden bin. Ich habe bei näherer Prüfung
derselben gefunden, dass sie nicht meiner Unwissenheit entsprungen sind,
sondern sich auf Irrtümer des Gedächtnisses zurückleiten, welche sich
durch Analyse aufklären lassen.
a) Auf p. 266 bezeichne ich als den Geburtsort _Schillers_ die Stadt
_Marburg_, deren Name in der Steiermark wiederkehrt. Der Irrtum findet
sich in der Analyse eines Traumes während einer Nachtreise, aus dem ich
durch den vom Kondukteur ausgerufenen Stationsnamen _Marburg_ geweckt
wurde. Im Trauminhalt wird nach einem Buch von _Schiller_ gefragt. Nun
ist _Schiller_ nicht in der Universitätsstadt _Marburg_, sondern in dem
schwäbischen _Marbach_ geboren. Ich behaupte auch, dass ich dies immer
gewusst habe.
b) Auf p. 135 wird _Hannibals_ Vater _Hasdrubal_ genannt. Dieser Irrtum
war mir besonders ärgerlich, hat mich aber in der Auffassung solcher
Irrtümer am meisten bestärkt. In der Geschichte der _Barkiden_ dürften
wenige der Leser des Buches besser Bescheid wissen als der Verfasser,
der diesen Fehler niederschrieb und ihn bei drei Korrekturen übersah.
Der Vater _Hannibals_ hiess _Hamilkar Barkas_, _Hasdrubal_ war der Name
von _Hannibals_ Bruder, übrigens auch der seines Schwagers und
Vorgängers im Kommando.
c) Auf p. 177 und p. 370 behaupte ich, dass _Zeus_ seinen Vater Kronos
entmannt und ihn vom Throne stürzt. Diesen Greuel habe ich aber
irrtümlich um eine Generation vorgeschoben; die griechische Mythologie
lässt ihn von _Kronos_ an seinem Vater _Uranos_ verüben.
Wie ist es nun zu erklären, dass mein Gedächtnis in diesen Punkten
Ungetreues lieferte, während es mir sonst, wie sich Leser des Buches
überzeugen können, das entlegenste und ungebräuchlichste Material zur
Verfügung stellte? Und ferner, dass ich bei drei sorgfältig
durchgeführten Korrekturen wie mit Blindheit geschlagen an diesen
Irrtümern vorbeiging?
Man hat von _Lichtenberg_ gesagt, wo er einen Witz gemacht habe, dort
liege ein Problem verborgen. Ähnlich kann man über die hier angeführten
Stellen meines Buches behaupten: wo ein Irrtum vorliegt, da steckt eine
Verdrängung dahinter. Richtiger gesagt: eine Unaufrichtigkeit, eine
Entstellung, die schliesslich auf Verdrängtem fusst. Ich bin bei der
Analyse der dort mitgeteilten Träume durch die blosse Natur der Themata,
auf welche sich die Traumgedanken beziehen, genötigt gewesen, einerseits
die Analyse irgendwo vor ihrer Abrundung abzubrechen, andererseits einer
indiskreten Einzelheit durch eine leise Entstellung die Schärfe zu
benehmen. Ich konnte nicht anders und hatte auch keine andere Wahl, wenn
ich überhaupt Beispiele und Belege vorbringen wollte; meine Zwangslage
leitete sich mit Notwendigkeit aus der Eigenschaft der Träume ab,
Verdrängtem, d. h. Bewusstseinsunfähigem, Ausdruck zu geben. Es dürfte
trotzdem genug übrig geblieben sein, woran empfindlichere Seelen Anstoss
genommen haben. Die Entstellung oder Verschweigung der mir selbst noch
bekannten fortsetzenden Gedanken hat sich nun nicht spurlos durchführen
lassen. Was ich unterdrücken wollte, hat sich oftmals wider meinen
Willen den Zugang in das von mir Aufgenommene erkämpft und ist darin als
von mir unbemerkter Irrtum zum Vorschein gekommen. In allen drei
hervorgehobenen Beispielen liegt übrigens das nämliche Thema zu Grunde;
die Irrtümer sind Abkömmlinge verdrängter Gedanken, die sich mit meinem
verstorbenen Vater beschäftigen.
ad. a) Wer den auf p. 266 analysierten Traum durchliest, wird teils
unverhüllt erfahren, teils aus Andeutungen erraten können, dass ich bei
Gedanken abgebrochen habe, die eine unfreundliche Kritik am Vater
enthalten hätten. In der Fortsetzung dieses Zuges von Gedanken und
Erinnerungen liegt nun eine ärgerliche Geschichte, in welcher Bücher
eine Rolle spielen und ein Geschäftsfreund des Vaters, der den Namen
_Marburg_ führt, denselben Namen, durch dessen Anruf in der
gleichnamigen Südbahnstation ich aus dem Schlaf geweckt wurde. Diesen
Herrn _Marburg_ wollte ich bei der Analyse mir und den Lesern
unterschlagen; er rächte sich dadurch, dass er sich dort einmengte, wo
er nicht hingehört, und den Namen des Geburtsortes _Schillers_ aus
_Marbach_ in _Marburg_ veränderte.
ad. b) Der Irrtum _Hasdrubal_ anstatt _Hamilkar_, der Name des Bruders
an Stelle des Namens des Vaters, ereignet sich gerade in einem
Zusammenhange, der von den Hannibalphantasien meiner Gymnasiastenjahre
und von meiner Unzufriedenheit mit dem Benehmen des Vaters gegen die
»Feinde unseres Volkes« handelt. Ich hätte fortsetzen und erzählen
können, wie mein Verhältnis zum Vater durch einen Besuch in England
verändert wurde, der mich die Bekanntschaft meines dort lebenden
Halbbruders aus früherer Ehe des Vaters machen liess. Mein Bruder hat
einen ältesten Sohn, der mir gleichalterig ist; die Phantasien, wie
anders es geworden wäre, wenn ich nicht als Sohn des Vaters, sondern des
Bruders zur Welt gekommen wäre, fanden also kein Hindernis an den
Altersrelationen. Diese unterdrückten Phantasien fälschten nun an der
Stelle, wo ich in der Analyse abbrach, den Text meines Buches, indem sie
mich nötigten, den Namen des Bruders für den des Vaters zu setzen.
ad. c) Dem Einfluss der Erinnerung an diesen selben Bruder schreibe ich
es zu, dass ich die mythologischen Greuel der griechischen Götterwelt um
eine Generation vorgeschoben habe. Von den Mahnungen des Bruders ist mir
lange Zeit eine im Gedächtnis geblieben: "Vergiss nicht, in Bezug auf
Lebensführung, eines", hatte er mir gesagt, "dass Du nicht der zweiten,
sondern eigentlich der dritten Generation vom Vater aus angehörst."
Unser Vater hatte sich in späteren Jahren wieder verheiratet und war um
so vieles älter als seine Kinder zweiter Ehe. Ich begehe den
besprochenen Irrtum im Buche gerade, wo ich von der Pietät zwischen
Eltern und Kindern handle.
Es ist auch einige Male vorgekommen, dass Freunde und Patienten, deren
Träume ich berichtete, oder auf die ich in den Traumanalysen anspielte,
mich aufmerksam machten, die Umstände der gemeinsam erlebten Begebenheit
seien von mir ungenau erzählt worden. Das wären nun wiederum historische
Irrtümer. Ich habe die einzelnen Fälle nach der Richtigstellung
nachgeprüft und mich gleichfalls überzeugt, dass meine Erinnerung des
Sachlichen nur dort ungetreu war, wo ich in der Analyse etwas mit
Absicht entstellt oder verhehlt hatte. Auch hier wieder _ein unbemerkter
Irrtum als Ersatz für eine absichtliche Verschweigung oder Verdrängung_.
Von diesen Irrtümern, die der Verdrängung entspringen, heben sich scharf
andere ab, die auf wirklicher Unwissenheit beruhen. So war es z. B.
Unwissenheit, wenn ich auf einem Ausflug in die _Wachau_ den Aufenthalt
des Revolutionärs _Fischhof_ berührt zu haben glaubte. Die beiden Orte
haben nur den Namen gemein; das _Emmersdorf_ _Fischhofs_ liegt in
Kärnthen. Ich wusste es aber nicht anders.
Man wird vielleicht nicht geneigt sein, die Klasse von Irrtümern, für
die ich hier die Aufklärung gebe, für sehr zahlreich oder besonders
bedeutungsvoll zu halten. Ich gebe aber zu bedenken, ob man nicht Grund
hat, die gleichen Gesichtspunkte auch auf die Beurteilung der ungleich
wichtigeren _Urteilsirrtümer_ der Menschen im Leben und in der
Wissenschaft auszudehnen. Nur den auserlesensten und ausgeglichensten
Geistern scheint es möglich zu sein, das Bild der wahrgenommenen
äusseren Realität vor der Verzerrung zu bewahren, die es sonst beim
Durchgang durch die psychische Individualität des Wahrnehmenden erfährt.