X.

Determinismus. -- Zufalls- und Aberglauben. -- Gesichtspunkte.

Als das allgemeine Ergebnis der vorstehenden Einzelerörterungen kann man

folgende Einsicht hinstellen: _Gewisse Unzulänglichkeiten unserer

psychischen Leistungen_ -- deren gemeinsamer Charakter sogleich näher

bestimmt werden soll -- _und gewisse absichtslos erscheinende

Verrichtungen erweisen sich, wenn man das Verfahren der

psychoanalytischen Untersuchung auf sie anwendet, als wohlmotiviert und

durch dem Bewusstsein unbekannte Motive determiniert_.

Um in die Klasse der so zu erklärenden Phänomene eingereiht zu werden,

muss eine psychische Fehlleistung folgenden Bedingungen genügen:

a) Sie darf nicht über ein gewisses Mass hinausgehen, welches von

unserer Schätzung festgesetzt ist und durch den Ausdruck »innerhalb der

Breite des Normalen« bezeichnet wird.

b) Sie muss den Charakter der momentanen und zeitweiligen Störung an

sich tragen. Wir müssen die nämliche Leistung vorher korrekter

ausgeführt haben oder uns jederzeit zutrauen, sie korrekter auszuführen.

Wenn wir von anderer Seite korrigiert werden, müssen wir die Richtigkeit

der Korrektur und die Unrichtigkeit unseres eigenen psychischen

Vorganges sofort erkennen.

c) Wenn wir die Fehlleistung überhaupt wahrnehmen, dürfen wir von einer

Motivierung derselben nichts in uns verspüren, sondern müssen versucht

sein, sie durch »Unaufmerksamkeit« zu erklären oder als »Zufälligkeit«

hinzustellen.

Es verbleiben somit in dieser Gruppe die Fälle von Vergessen und die

Irrtümer bei besserem Wissen, das Versprechen, Verlesen, Verschreiben,

Vergreifen und die sog. Zufallshandlungen. Die gleiche Zusammensetzung

mit der Vorsilbe _ver_ deutet für die meisten dieser Phänomene die

innere Gleichartigkeit sprachlich an. An die Aufklärung dieser so

bestimmten psychischen Vorgänge knüpft aber eine Reihe von Bemerkungen

an, die zum Teil ein weitergehendes Interesse erwecken dürfen.

I. Indem wir einen Teil unserer psychischen Leistungen als unaufklärbar

durch Zielvorstellungen preisgeben, verkennen wir den Umfang der

Determinierung im Seelenleben. Dieselbe reicht hier und noch auf anderen

Gebieten weiter, als wir es vermuten. Ich habe im Jahre 1900 in einem

Aufsatz des Literarhistorikers _R. M. Meyer_ in der »Zeit« ausgeführt

und an Beispielen erläutert gefunden, dass es unmöglich ist, absichtlich

und willkürlich einen Unsinn zu komponieren. Seit längerer Zeit weiss

ich, dass man es nicht zustande bringt, sich eine Zahl nach freiem

Belieben einfallen zu lassen, ebensowenig wie etwa einen Namen.

Untersucht man die scheinbar willkürlich gebildete, etwa mehrstellige,

wie im Scherz oder Übermut ausgesprochene Zahl, so erweist sich deren

strenge Determinierung, die man wirklich nicht für möglich gehalten

hätte. Ich will nun zunächst ein Beispiel eines willkürlich gewählten

Vornamens kurz erörtern und dann ein analoges Beispiel einer

»gedankenlos hingeworfenen« Zahl ausführlicher analysieren.

a) Im Begriffe, die Krankengeschichte einer meiner Patientinnen für die

Publikation herzurichten, erwäge ich, welchen Vornamen ich ihr in der

Arbeit geben soll. Die Auswahl scheint sehr gross; gewiss schliessen

sich einige Namen von vorne herein aus, in erster Linie der echte Name,

sodann die Namen meiner eigenen Familienangehörigen, an denen ich

Anstoss nehmen würde, etwa noch andere Frauennamen von besonders

seltsamem Klang; im übrigen aber brauchte ich um einen solchen Namen

nicht verlegen zu sein. Man sollte erwarten und ich erwarte selbst, dass

sich mir eine ganze Schar weiblicher Namen zur Verfügung stellen wird.

Anstatt dessen taucht ein einzelner auf, kein zweiter neben ihm, der

Name _Dora_. Ich frage nach seiner Determinierung. Wer heisst denn nur

sonst Dora? Ungläubig möchte ich den nächsten Einfall zurückweisen, der

lautet, dass das Kindermädchen meiner Schwester so heisst. Aber ich

besitze soviel Selbstzucht oder Übung im Analysieren, dass ich den

Einfall festhalte und weiterspinne. Da fällt mir auch sofort eine kleine

Begebenheit des vorigen Abends ein, welche die gesuchte Determinierung

bringt. Ich sah auf dem Tisch im Speisezimmer meiner Schwester einen

Brief liegen mit der Aufschrift: "An Fräulein Rosa W." Erstaunt fragte

ich, wer so heisst, und wurde belehrt, dass die vermeintliche Dora

eigentlich Rosa heisst, und diesen ihren Namen beim Eintritt ins Haus

ablegen musste, weil meine Schwester den Ruf »Rosa« auch auf ihre eigene

Person beziehen kann. Ich sage bedauernd: Die armen Leute, nicht einmal

ihren Namen können sie beibehalten! Wie ich mich jetzt besinne, wurde

ich dann für einen Moment still und begann an allerlei ernsthafte Dinge

zu denken, die ins Unklare verliefen, die ich mir jetzt aber leicht

bewusst machen könnte. Als ich dann am nächsten Tag nach einem Namen für

eine Person suchte, _die ihren eigenen nicht beibehalten durfte_, fiel

mir kein anderer als »Dora« ein. Die Ausschliesslichkeit beruht hier auf

fester inhaltlicher Verknüpfung, denn in der Geschichte meiner Patientin

rührte ein auch für den Verlauf der Kur entscheidender Einfluss von der

im fremden Haus dienenden Person, von einer Gouvernante, her.

b) In einem Briefe an meinen Freund in B. kündige ich ihm an, dass ich

jetzt die Korrekturen der Traumdeutung abgeschlossen habe und nichts

mehr an dem Werk ändern will, »möge es auch =2467= Fehler enthalten«.

Ich versuche sofort, mir diese Zahl aufzuklären und füge die kleine

Analyse noch als Nachschrift dem Briefe an. Am besten zitiere ich jetzt,

wie ich damals geschrieben, als ich mich auf frischer Tat ertappte:

"Noch rasch einen Beitrag zur Psychopathologie des Alltagslebens. Du

findest im Brief die Zahl 2467 als übermütige Willkürschätzung der

Fehler, die sich im Traumbuch finden werden. Es soll heissen: irgend

eine grosse Zahl, und da stellt sich diese ein. Nun gibt es aber nichts

Willkürliches, Undeterminiertes im Psychischen. Du wirst also auch mit

Recht erwarten, dass das Unbewusste sich beeilt hat, die Zahl zu

determinieren, die von dem Bewussten freigelassen wurde. Nun hatte ich

gerade vorher in der Zeitung gelesen, dass ein General E. M. als

Feldzeugmeister in den Ruhestand getreten. Du musst wissen, der Mann

interessiert mich. Während ich als militärärztlicher Eleve diente, kam

er einmal, damals Oberst, in den Krankenstand und sagte zum Arzt: "Sie

müssen mich aber in 8 Tagen gesund machen, denn ich habe etwas zu

arbeiten, worauf der Kaiser wartet." Damals nahm ich mir vor, die

Laufbahn des Mannes zu verfolgen, und siehe da, heute (1899) ist er am

Ende derselben, Feldzeugmeister und schon im Ruhestande. Ich wollte

ausrechnen, in welcher Zeit er diesen Weg zurückgelegt, und nahm an,

dass ich ihn 1882 im Spital gesehen. Das wären also 17 Jahre. Ich

erzähle meiner Frau davon und sie bemerkt: "Da müsstest Du also auch

schon im Ruhestande sein?" Und ich protestiere: Davor bewahre mich Gott.

Nach diesem Gespräch setze ich mich an den Tisch, um Dir zu schreiben.

Der frühere Gedankengang setzt sich aber fort und mit gutem Recht. Es

war falsch gerechnet; ich habe einen festen Punkt dafür in meiner

Erinnerung. Meine Grossjährigkeit, meinen =24.= Geburtstag also, habe

ich im Militärarrest gefeiert (weil ich mich eigenmächtig absentiert

hatte). Das war also 1880; es sind 19 Jahre her. Da hast Du nun die Zahl

=24= in 2467! Nimm nun meine Alterszahl 43 und gib 24 Jahre hinzu, so

bekommst Du die =67=! D. h. auf die Frage, ob ich auch in den Ruhestand

treten will, habe ich mir im Wunsch noch 24 Jahre Arbeit zugelegt.

Offenbar bin ich gekränkt darüber, dass ich es in dem Intervall, durch

das ich den Oberst M. verfolgt, selbst nicht weit gebracht habe, und

doch wie in einer Art von Triumph darüber, dass er jetzt schon fertig

ist, während ich noch Alles vor mir habe. Da darf man doch mit Recht

sagen, dass nicht einmal die absichtslos hingeworfene Zahl 2467 ihrer

Determinierung aus dem Unbewussten entbehrt."

Seit diesem ersten Beispiel von Aufklärung einer scheinbar willkürlich

gewählten Zahl habe ich den gleichen Versuch vielmals mit dem nämlichen

Erfolg wiederholt; aber die meisten Fälle sind so sehr intimen Inhalts,

dass sie sich der Mitteilung entziehen. Gerade an diesen Analysen ist

mir zweierlei besonders auffällig: Erstens die geradezu somnambule

Sicherheit, mit der ich auf das mir unbekannte Ziel losgehe, mich in

einen rechnenden Gedankengang versenke, der dann plötzlich bei der

gesuchten Zahl angelangt ist, und die Raschheit, mit der sich die ganze

Nacharbeit vollzieht; zweitens aber der Umstand, dass die Zahlen meinem

unbewussten Denken so bereitwillig zur Verfügung stehen, während ich

ein schlechter Rechner bin und die grössten Schwierigkeiten habe, mir

Jahreszahlen, Hausnummern und dergleichen bewusst zu merken. Ich finde

übrigens in diesen unbewussten Gedankenoperationen mit Zahlen eine

Neigung zum Aberglauben, deren Herkunft mir selbst noch fremd ist. Meist

stosse ich auf Spekulationen über die Lebensdauer meiner selbst und der

mir teuren Personen, und bestimmend auf die unbewussten Spielereien muss

eingewirkt haben, dass mein Freund in B. die Lebenszeiten der Menschen

zum Gegenstand seiner auf biologische Einheiten gegründeten Rechnungen

genommen hat. Ich bin nun mit einer der Voraussetzungen, von denen er

hierbei ausgeht, nicht einverstanden, möchte aus höchst egoistischen

Motiven gerne gegen ihn Recht behalten und scheine nun diese Rechnungen

auf meine Art nachzuahmen.

II. Diese Einsicht in die Determinierung scheinbar willkürlich gewählter

Namen und Zahlen kann vielleicht zur Klärung eines anderen Problems

beitragen. Gegen die Annahme eines durchgehenden psychischen

Determinismus berufen sich bekanntlich viele Personen auf ein besonderes

Überzeugungsgefühl für die Existenz eines freien Willens. Dieses

Überzeugungsgefühl besteht und weicht auch dem Glauben an den

Determinismus nicht. Es muss wie alle normalen Gefühle durch irgend

etwas berechtigt sein. Es äussert sich aber, soviel ich beobachten kann,

nicht bei den grossen und wichtigen Willensentscheidungen; bei diesen

Gelegenheiten hat man vielmehr die Empfindung des psychischen Zwanges

und beruft sich auf sie ("Hier stehe ich, ich kann nicht anders").

Hingegen möchte man gerade bei den belanglosen, indifferenten

Entschliessungen versichern, dass man ebensowohl anders hätte handeln

können, dass man aus freiem, nicht motiviertem Willen gehandelt hat.

Nach unseren Analysen braucht man nun das Recht des Überzeugungsgefühles

vom freien Willen nicht zu bestreiten. Führt man die Unterscheidung der

Motivierung aus dem Bewussten von der Motivierung aus dem Unbewussten

ein, so berichtet uns das Überzeugungsgefühl, dass die bewusste

Motivierung sich nicht auf alle unsere motorischen Entscheidungen

erstreckt. Minima non curat praetor. Was aber so von der einen Seite

frei gelassen wird, das empfängt seine Motivierung von anderer Seite,

aus dem Unbewussten, und so ist die Determinierung im Psychischen doch

lückenlos durchgeführt.

III. Wenngleich dem bewussten Denken die Kenntnis von der Motivierung

der besprochenen Fehlleistungen nach der ganzen Sachlage abgehen muss,

so wäre es doch erwünscht, einen psychologischen Beweis für deren

Existenz aufzufinden; ja es ist aus Gründen, die sich bei näherer

Kenntnis des Unbewussten ergeben, wahrscheinlich, dass solche Beweise

irgendwo auffindbar sind. Es lassen sich wirklich auf zwei Gebieten

Phänomene nachweisen, welche einer unbewussten und darum verschobenen

Kenntnis von dieser Motivierung zu entsprechen scheinen.

a) Es ist ein auffälliger und allgemein bemerkter Zug im Verhalten der

Paranoiker, dass sie den kleinen, sonst von uns vernachlässigten Details

im Benehmen der anderen die grösste Bedeutung beilegen, dieselben

ausdeuten und zur Grundlage weitgehender Schlüsse machen. Der letzte

Paranoiker z. B., den ich gesehen habe, schloss auf ein allgemeines

Einverständnis in seiner Umgebung, weil die Leute bei seiner Abreise auf

dem Bahnhof eine gewisse Bewegung mit der einen Hand gemacht hatten. Ein

anderer hat die Art notiert, wie die Leute auf der Strasse gehen, mit

den Spazierstöcken fuchteln u. dgl.[24]

Die Kategorie des Zufälligen, der Motivierung nicht Bedürftigen, welche

der Normale für einen Teil seiner eigenen psychischen Leistungen und

Fehlleistungen gelten lässt, verwirft der Paranoiker also in der

Anwendung auf die psychischen Äusserungen der anderen. Alles, was er an

den anderen bemerkt, ist bedeutungsvoll, alles ist deutbar. Wie kommt er

nur dazu? Er projiziert wahrscheinlich in das Seelenleben der anderen,

was im eigenen unbewusst vorhanden ist, hier wie in so vielen ähnlichen

Fällen. In der Paranoia drängt sich eben so vielerlei zum Bewusstsein

durch, was wir bei Normalen und Neurotikern erst durch die Psychoanalyse

als im Unbewussten vorhanden nachweisen.[25] Der Paranoiker hat also

hierin in gewissem Sinne Recht, er erkennt etwas, was dem Normalen

entgeht, er sieht schärfer als das normale Denkvermögen, aber die

Verschiebung des so erkannten Sachverhaltes auf andere macht seine

Erkenntnis wertlos. Die Rechtfertigung der einzelnen paranoischen

Deutungen wird man dann hoffentlich von mir nicht erwarten. Das Stück

Berechtigung aber, welches wir der Paranoia bei dieser Auffassung der

Zufallshandlungen zugestehen, wird uns das psychologische Verständnis

der Überzeugung erleichtern, welche sich beim Paranoiker an alle diese

Deutungen geknüpft hat. _Es ist eben etwas Wahres daran_; auch unsere

nicht als krankhaft zu bezeichnenden Urteilsirrtümer erwerben das ihnen

zugehörige Überzeugungsgefühl auf keine andere Art. Dies _Gefühl_ ist

für ein gewisses Stück des irrtümlichen Gedankenganges oder für die

Quelle, aus der er stammt, berechtigt und wird dann von uns auf den

übrigen Zusammenhang ausgedehnt.

b) Ein anderer Hinweis auf die unbewusste und verschobene Kenntnis der

Motivierung bei Zufalls- und Fehlleistungen findet sich in den

Phänomenen des Aberglaubens. Ich will meine Meinung durch die Diskussion

des kleinen Erlebnisses klar legen, welches für mich der Ausgangspunkt

dieser Überlegungen war.

Von den Ferien zurückgekehrt, richten sich meine Gedanken alsbald auf

die Kranken, die mich in dem neu beginnenden Arbeitsjahr beschäftigen

sollen. Mein erster Weg gilt einer sehr alten Dame, bei der ich (siehe

oben) seit Jahren die nämlichen ärztlichen Manipulationen zweimal

täglich vornehme. Wegen dieser Gleichförmigkeit haben sich unbewusste

Gedanken sehr häufig auf dem Wege zu der Kranken und während der

Beschäftigung mit ihr Ausdruck verschafft. Sie ist über 90 Jahre alt; es

liegt also nahe, sich bei Beginn eines jeden Jahres zu fragen, wie lange

sie wohl noch zu leben hat. An dem Tage, von dem ich erzähle, habe ich

Eile, nehme also einen Wagen, der mich vor ihr Haus führen soll. Jeder

der Kutscher auf dem Wagenstandplatz vor meinem Hause kennt die Adresse

der alten Frau, denn jeder hat mich schon oftmals dahin geführt. Heute

ereignet es sich nun, dass der Kutscher nicht vor ihrem Hause, sondern

vor dem gleichbezifferten in einer nahegelegenen und wirklich ähnlich

aussehenden Parallelstrasse Halt macht. Ich merke den Irrtum und werfe

ihn dem Kutscher vor, der sich entschuldigt. Hat das nun etwas zu

bedeuten, dass ich vor ein Haus geführt werde, in dem ich die alte Dame

nicht vorfinde? Für mich gewiss nicht, aber wenn ich _abergläubisch_

wäre, würde ich in dieser Begebenheit ein Vorzeichen erblicken, einen

Fingerzeig des Schicksals, dass dies Jahr das letzte für die alte Frau

sein wird. Recht viele Vorzeichen, welche die Geschichte aufbewahrt hat,

sind in keiner besseren Symbolik begründet gewesen. _Ich_ erkläre

allerdings den Vorfall für eine Zufälligkeit ohne weiteren Sinn.

Ganz anders läge der Fall, wenn ich den Weg zu Fuss gemacht und dann in

»Gedanken«, in der »Zerstreutheit« vor das Haus der Parallelstrasse

anstatt vors richtige gekommen wäre. Das würde ich für keinen Zufall

erklären, sondern für eine der Deutung bedürftige Handlung mit

unbewusster Absicht. Diesem »_Vergehen_« müsste ich wahrscheinlich die

Deutung geben, dass ich die alte Dame bald nicht mehr anzutreffen

erwarte.

Ich unterscheide mich also von einem Abergläubischen in folgendem:

Ich glaube nicht, dass ein Ereignis, an dessen Zustandekommen mein

Seelenleben unbeteiligt ist, mir etwas Verborgenes über die zukünftige

Gestaltung der Realität lehren kann; ich glaube aber, dass eine

unbeabsichtigte Äusserung meiner eigenen Seelentätigkeit mir allerdings

etwas Verborgenes enthüllt, was wiederum nur meinem Seelenleben

angehört; ich glaube zwar an äusseren (realen) Zufall, aber nicht an

innere (psychische) Zufälligkeit. Der Abergläubische umgekehrt: er weiss

nichts von der Motivierung seiner zufälligen Handlungen und

Fehlleistungen, er glaubt, dass es psychische Zufälligkeiten gibt; dafür

ist er geneigt, dem äusseren Zufall eine Bedeutung zuzuschreiben, die

sich im realen Geschehen äussern wird, im Zufall ein Ausdrucksmittel für

etwas draussen ihm Verborgenes zu sehen. Die Unterschiede zwischen mir

und dem Abergläubischen sind zwei: erstens projiziert er eine

Motivierung nach aussen, die ich innen suche; zweitens deutet er den

Zufall durch ein Geschehen, den ich auf einen Gedanken zurückführe. Aber

das Verborgene bei ihm entspricht dem Unbewussten bei mir, und der

Zwang, den Zufall nicht als Zufall gelten zu lassen, sondern ihn zu

deuten, ist uns beiden gemeinsam.

Ich nehme nun an, dass diese bewusste Unkenntnis und unbewusste Kenntnis

von der Motivierung der psychischen Zufälligkeiten eine der psychischen

Wurzeln des Aberglaubens ist. _Weil_ der Abergläubische von der

Motivierung der eigenen zufälligen Handlungen nichts weiss, und weil die

Tatsache dieser Motivierung nach einem Platz in seiner Anerkennung

drängt, ist er genötigt, sie durch Verschiebung in der Aussenwelt

unterzubringen. Besteht ein solcher Zusammenhang, so wird er kaum auf

diesen einzelnen Fall beschränkt sein. Ich glaube in der Tat, dass ein

grosses Stück der mythologischen Weltauffassung, die weit bis in die

modernsten Religionen hinein reicht, _nichts anderes ist als in die

Aussenwelt projizierte Psychologie_. Die dunkle Erkenntnis psychischer

Faktoren und Verhältnisse[26] des Unbewussten spiegelt sich -- es ist

schwer, es anders zu sagen, die Analogie mit der Paranoia muss hier zur

Hilfe genommen werden -- in der Konstruktion einer _übersinnlichen

Realität_, welche von der Wissenschaft in _Psychologie des Unbewussten_

zurückverwandelt werden soll. Man könnte sich getrauen, die Mythen vom

Paradies und Sündenfall, von Gott, vom Guten und Bösen, von der

Unsterblichkeit und dgl. in solcher Weise aufzulösen, die _Metaphysik_

in _Metapsychologie_ umzusetzen. Die Kluft zwischen der Verschiebung des

Paranoikers und der des Abergläubischen ist minder gross, als sie auf

den ersten Blick erscheint. Als die Menschen zu denken begannen, waren

sie bekanntlich genötigt, die Aussenwelt anthropomorphisch in eine

Vielheit von Persönlichkeiten nach ihrem Gleichnis aufzulösen; die

Zufälligkeiten, die sie abergläubisch deuteten, waren also Handlungen,

Äusserungen von Personen, und sie haben sich demnach genau so benommen

wie die Paranoiker, welche aus den unscheinbaren Anzeichen, die ihnen

die Anderen geben, Schlüsse ziehen, und wie die Gesunden alle, welche

mit Recht die zufälligen und unbeabsichtigten Handlungen ihrer

Nebenmenschen zur Grundlage der Schätzung ihres Charakters machen. Der

Aberglaube erscheint nur so sehr deplaziert in unserer modernen,

naturwissenschaftlichen, aber noch keineswegs abgerundeten

Weltanschauung; in der Weltanschauung vorwissenschaftlicher Zeiten und

Völker war er berechtigt und konsequent.

Der Römer, der eine wichtige Unternehmung aufgab, wenn ihm ein widriger

Vogelflug begegnete, war also relativ im Recht; er handelte konsequent

nach seinen Voraussetzungen. Wenn er aber von der Unternehmung abstand,

weil er an der Schwelle seiner Tür gestolpert war (»Un Romain

retournerait«), so war er uns Ungläubigen auch absolut überlegen, ein

besserer Seelenkundiger, als wir uns zu sein bemühen. Denn dies Stolpern

konnte ihm die Existenz eines Zweifels, einer Gegenströmung in seinem

Innern beweisen, deren Kraft sich im Momente der Ausführung von der

Kraft seiner Intention abziehen konnte. Des vollen Erfolges ist man

nämlich nur dann sicher, wenn alle Seelenkräfte einig dem gewünschten

Ziel entgegenstreben. Wie antwortet _Schillers_ _Tell_, der so lange

gezaudert, den Apfel vom Haupt seines Knaben zu schiessen, auf die Frage

des Vogts, wozu er den zweiten Pfeil eingesteckt?

"Mit diesem zweiten Pfeil durchbohrt' ich -- Euch,

Wenn ich mein liebes Kind getroffen hätte,

Und _Euer_ -- wahrlich -- hätt' ich _nicht_ gefehlt."

IV. Als ich unlängst Gelegenheit hatte, einem philosophisch gebildeten

Kollegen einige Beispiele von Namenvergessen mit Analyse vorzutragen,

beeilte er sich zu erwidern: Das ist sehr schön, aber bei mir geht das

Namenvergessen anders zu. So leicht darf man es sich offenbar nicht

machen; ich glaube nicht, dass mein Kollege je vorher an eine Analyse

bei Namenvergessen gedacht hatte; er konnte auch nicht sagen, wie es bei

ihm anders zugehe. Aber seine Bemerkung trifft doch ein Problem, welches

viele in den Vordergrund zu stellen geneigt sein werden. Trifft die hier

gegebene Auflösung der Fehl- und Zufallshandlungen allgemein zu oder nur

vereinzelt, und wenn letzteres, welches sind die Bedingungen, unter

denen sie zur Erklärung der auch anderswie ermöglichten Phänomene

herangezogen werden darf? Bei der Beantwortung dieser Frage lassen mich

meine Erfahrungen im Stiche. Ich kann nur davon abmahnen, den

aufgezeigten Zusammenhang für selten zu halten, denn so oft ich bei mir

selbst und bei meinen Patienten die Probe angestellt, hat er sich wie in

den mitgeteilten Beispielen sicher nachweisen lassen oder haben sich

wenigstens gute Gründe, ihn zu vermuten, ergeben. Es ist nicht zu

verwundern, wenn es nicht alle Male gelingt, den verborgenen Sinn der

Symptomhandlung zu finden, da die Grösse der inneren Widerstände, die

sich der Lösung widersetzen, als entscheidender Faktor in Betracht

kommt. Man ist auch nicht imstande, bei sich selbst oder bei den

Patienten jeden einzelnen Traum zu deuten; es genügt, um die

Allgemeingiltigkeit der Theorie zu bestätigen, wenn man nur ein Stück

weit in den verdeckten Zusammenhang einzudringen vermag. Der Traum, der

sich beim Versuche, ihn am Tage nachher zu lösen, refraktär zeigt, lässt

sich oft eine Woche oder einen Monat später sein Geheimnis entreissen,

wenn eine unterdes erfolgte reale Veränderung die mit einander

streitenden psychischen Wertigkeiten herabgesetzt hat. Das nämliche gilt

für die Lösung der Fehl- und Symptomhandlungen; das Beispiel von

Verlesen "Im Fass durch Europa" auf Seite 32 hat mir die Gelegenheit

gegeben zu zeigen, wie ein anfänglich unlösbares Symptom der Analyse

zugänglich wird, wenn das _reale Interesse_ an den verdrängten Gedanken

nachgelassen hat. So lange die Möglichkeit bestand, dass mein Bruder den

beneideten Titel vor mir erhielte, widerstand das genannte Verlesen

allen wiederholten Bemühungen der Analyse; nachdem es sich

herausgestellt hatte, dass diese Bevorzugung unwahrscheinlich sei,

klärte sich mir plötzlich der Weg, der zur Auflösung desselben führte.

Es wäre also unrichtig, von all den Fällen, welche der Analyse

widerstehen, zu behaupten, sie seien durch einen anderen als den hier

aufgedeckten psychischen Mechanismus entstanden; es brauchte für diese

Annahme noch andere als negative Beweise. Auch die bei Gesunden

wahrscheinlich allgemein vorhandene Bereitwilligkeit, an eine andere

Erklärung der Fehl- und Symptomhandlungen zu glauben, ist jeder

Beweiskraft bar; sie ist, wie selbstverständlich, eine Äusserung

derselben seelischen Kräfte, die das Geheimnis hergestellt haben, und

die sich darum auch für dessen Bewahrung einsetzen, gegen dessen

Aufhellung aber sträuben.

Auf der anderen Seite dürfen wir nicht übersehen, dass die verdrängten

Gedanken und Regungen sich den Ausdruck in Symptom- und Fehlhandlungen

ja nicht selbständig schaffen. Die technische Möglichkeit für solches

Ausgleiten der Innervationen muss unabhängig von ihnen gegeben sein;

diese wird dann von der Absicht des Verdrängten, zur bewussten Geltung

zu kommen, gerne ausgenützt. Welche Struktur- und Funktionsrelationen es

sind, die sich solcher Absicht zur Verfügung stellen, das haben für den

Fall der sprachlichen Fehlleistung (vgl. Seite 17) eingehende

Untersuchungen der Philosophen und Philologen festzustellen sich bemüht.

Unterscheiden wir so an den Bedingungen der Fehl- und Symptomhandlung

das unbewusste Motiv von den ihm entgegenkommenden physiologischen und

psychophysischen Relationen, so bleibt die Frage offen, ob es innerhalb

der Breite der Gesundheit noch andere Momente gibt, welche, wie das

unbewusste Motiv und an Stelle desselben, auf dem Wege dieser Relationen

die Fehl- und Symptomhandlungen zu erzeugen vermögen. Es liegt nicht auf

meinem Wege, diese Frage zu beantworten.

V. Seit den Erörterungen über das Versprechen haben wir uns begnügt, zu

beweisen, dass die Fehlleistungen eine verborgene Motivierung haben, und

uns mit dem Hilfsmittel der Psychoanalyse den Weg zur Kenntnis dieser

Motivierung gebahnt. Die allgemeine Natur und die Besonderheiten der in

den Fehlleistungen zum Ausdruck gebrachten psychischen Faktoren haben

wir bisher fast ohne Berücksichtigung gelassen, jedenfalls noch nicht

versucht, dieselben näher zu bestimmen und auf ihre Gesetzmässigkeit zu

prüfen. Wir werden auch jetzt keine gründliche Erledigung des

Gegenstandes versuchen, denn die ersten Schritte werden uns bald belehrt

haben, dass man in dies Gebiet besser von anderer Seite einzudringen

vermag. Man kann sich hier mehrere Fragen vorlegen, die ich wenigstens

anführen und in ihrem Umfang umschreiben will. 1. Welches Inhalts und

welcher Herkunft sind die Gedanken und Regungen, die sich durch die

Fehl- und Zufallshandlungen andeuten? 2. Welches sind die Bedingungen

dafür, dass ein Gedanke oder eine Regung genötigt und in den Stand

gesetzt werde, sich dieser Vorfälle als Ausdrucksmittel zu bedienen? 3.

Lassen sich konstante und eindeutige Beziehungen zwischen der Art der

Fehlhandlung und den Qualitäten des durch sie zum Ausdruck Gebrachten

nachweisen?

Ich beginne damit, einiges Material zur Beantwortung der letzten Frage

zusammenzutragen. Bei der Erörterung der Beispiele von Versprechen haben

wir es für nötig gefunden, über den Inhalt der intendierten Rede

hinauszugehen, und haben die Ursache der Redestörung ausserhalb der

Intention suchen müssen. Dieselbe lag dann in einer Reihe von Fällen

nahe und war dem Bewusstsein des Sprechenden bekannt. In den scheinbar

einfachsten und durchsichtigsten Beispielen war es eine gleichberechtigt

klingende andere Fassung desselben Gedankens, die dessen Ausdruck

störte, ohne dass man hätte angeben können, warum die eine unterlegen,

die andere durchgedrungen war (Kontaminationen von _Meringer_ und

_Mayer_). In einer zweiten Gruppe von Fällen war das Unterliegen der

einen Fassung motiviert durch eine Rücksicht, die sich aber nicht stark

genug zur völligen Zurückhaltung erwies (»zum Vorschwein gekommen«).

Auch die zurückgehaltene Fassung war klar bewusst. Von der dritten

Gruppe erst kann man ohne Einschränkung behaupten, dass hier der

störende Gedanke von dem intendierten verschieden war, und kann hier

eine, wie es scheint, wesentliche Unterscheidung aufstellen. Der

störende Gedanke ist entweder mit dem gestörten durch Gedankenassoziation

verbunden (Störung durch inneren Widerspruch), oder er ist ihm

wesensfremd, und durch eine befremdende _äusserliche_ Assoziation ist

gerade das gestörte Wort mit dem störenden Gedanken, der oft unbewusst

ist, verknüpft. In den Beispielen, die ich aus meinen Psychoanalysen bei

Patienten gebracht habe, steht die ganze Rede unter dem Einfluss

gleichzeitig aktiv gewordener, aber völlig unbewusster Gedanken, die

sich entweder durch die Störung selbst verraten (_Klapper_schlange --

_Kleopatra_) oder einen indirekten Einfluss äussern, indem sie

ermöglichen, dass die einzelnen Teile der bewusst intendierten Rede

einander stören (_Ase natmen_: wo _Hasenauer_strasse, Reminiszenzen an

eine Französin dahinter stehen). Die zurückgehaltenen oder unbewussten

Gedanken, von denen die Sprechstörung ausgeht, sind von der

mannigfaltigsten Herkunft. Eine Allgemeinheit enthüllt uns diese

Überschau also nach keiner Richtung.

Die vergleichende Prüfung der Beispiele von Verlesen und Verschreiben

führt zu den nämlichen Ergebnissen. Einzelne Fälle scheinen wie beim

Versprechen einer weiter nicht motivierten Verdichtungsarbeit ihr

Entstehen zu danken (z. B.: der _Apfe_). Man möchte aber gern erfahren,

ob nicht doch besondere Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine

solche Verdichtung, die in der Traumarbeit regelrecht, in unserem wachen

Denken fehlerhaft ist, Platz greife, und bekommt hierüber aus den

Beispielen selbst keinen Aufschluss. Ich würde es aber ablehnen, hieraus

den Schluss zu ziehen, es gebe keine solchen Bedingungen als etwa den

Nachlass der bewussten Aufmerksamkeit, da ich von anderswoher weiss,

dass sich gerade automatische Verrichtungen durch Korrektheit und

Verlässlichkeit auszeichnen. Ich möchte eher betonen, dass hier, wie so

häufig in der Biologie, die normalen oder dem Normalen angenäherten

Verhältnisse ungünstigere Objekte der Forschung sind als die

pathologischen. Was bei der Erklärung dieser leichtesten Störungen

dunkel bleibt, wird nach meiner Erwartung durch die Aufklärung

schwererer Störungen Licht empfangen.

Auch beim Verlesen und Verschreiben fehlt es nicht an Beispielen, welche

eine entferntere und kompliziertere Motivierung erkennen lassen. »Im

Fass durch Europa« ist eine Lesestörung, die sich durch den Einfluss

eines entlegenen, wesensfremden Gedankens aufklärt, welcher einer

verdrängten Regung von Eifersucht und Ehrgeiz entspringt, und den

»Wechsel« des Wortes »_Beförderung_« zur Verknüpfung mit dem

gleichgiltigen und harmlosen Thema, das gelesen wurde, benützt. Im Falle

_Burckhard_ ist der Name selbst ein solcher »Wechsel«.

Es ist unverkennbar, dass die Störungen der Sprechfunktionen leichter

zustande kommen und weniger Anforderungen an die störenden Kräfte

stellen als die anderer psychischer Leistungen.

Auf anderem Boden steht man bei der Prüfung des Vergessens im

eigentlichen Sinne, d. h. des Vergessens von vergangenen Erlebnissen

(das Vergessen von Eigennamen und Fremdworten, wie in den Abschnitten I

und II könnte man als »Entfallen«, das von Vorsätzen als »Unterlassen«

von diesem Vergessen sensu strictiori absondern). Die Grundbedingungen

des normalen Vorgangs beim Vergessen sind unbekannt. Man wird auch daran

gemahnt, dass nicht alles vergessen ist, was man dafür hält. Unsere

Erklärung hat es hier nur mit jenen Fällen zu tun, in denen das

Vergessen bei uns ein Befremden erweckt, insofern es die Regel verletzt,

dass Unwichtiges vergessen, Wichtiges aber vom Gedächtnis bewahrt wird.

Die Analyse der Beispiele von Vergessen, die uns nach einer besonderen

Aufklärung zu verlangen scheinen, ergibt als Motiv des Vergessens

jedesmal eine Unlust, etwas zu erinnern, was peinliche Empfindungen

erwecken kann. Wir gelangen zur Vermutung, dass dieses Motiv im

psychischen Leben sich ganz allgemein zu äussern strebt, aber durch

andere gegenwirkende Kräfte verhindert wird, sich irgendwie regelmässig

durchzusetzen. Umfang und Bedeutung dieser Erinnerungsunlust gegen

peinliche Eindrücke scheinen der sorgfältigsten psychologischen Prüfung

wert zu sein; auch die Frage, welche besonderen Bedingungen das

allgemein angestrebte Vergessen in einzelnen Fällen ermöglichen, ist aus

diesem weiteren Zusammenhange nicht zu lösen.

Beim Vergessen von Vorsätzen tritt ein anderes Moment in den

Vordergrund; der beim Verdrängen des peinlich zu Erinnernden nur

vermutete Konflikt wird hier greifbar, und man erkennt bei der Analyse

der Beispiele regelmässig einen Gegenwillen, der sich dem Vorsatze

widersetzt, ohne ihn aufzuheben. Wie bei früher besprochenen

Fehlleistungen erkennt man auch hier zwei Typen des psychischen

Vorgangs; der Gegenwille kehrt sich entweder direkt gegen den Vorsatz

(bei Absichten von einigem Belang), oder er ist dem Vorsatz selbst

wesensfremd und stellt seine Verbindung mit ihm durch eine _äusserliche_

Assoziation her (bei fast indifferenten Vorsätzen).

Derselbe Konflikt beherrscht die Phänomene des Vergreifens. Der Impuls,

der sich in der Störung der Handlung äussert, ist häufig ein

Gegenimpuls, doch noch öfter ein überhaupt fremder, der nur die

Gelegenheit benützt, sich bei der Ausführung der Handlung durch eine

Störung derselben zum Ausdruck zu bringen. Die Fälle, in denen die

Störung durch einen inneren Widerspruch erfolgt, sind die bedeutsameren

und betreffen auch die wichtigeren Verrichtungen.

Der innere Konflikt tritt dann bei den Zufalls- oder Symptomhandlungen

immer mehr zurück. Diese vom Bewusstsein gering geschätzten oder ganz

übersehenen motorischen Aeusserungen dienen so mannigfachen unbewussten

oder zurückgehaltenen Regungen zum Ausdruck; sie stellen meist

Phantasien oder Wünsche symbolisch dar. --

Zur ersten Frage, welcher Herkunft die Gedanken und Regungen seien, die

sich in den Fehlleistungen zum Ausdruck bringen, lässt sich sagen, dass

in einer Reihe von Fällen die Herkunft der störenden Gedanken von

unterdrückten Regungen des Seelenlebens leicht nachzuweisen ist.

Egoistische, eifersüchtige, feindselige Gefühle und Impulse, auf denen

der Druck der moralischen Erziehung lastet, bedienen sich bei Gesunden

nicht selten des Weges der Fehlleistungen, um ihre unleugbar vorhandene,

aber von höheren seelischen Instanzen nicht anerkannte Macht irgendwie

zu äussern. Das Gewährenlassen dieser Fehl- und Zufallshandlungen

entspricht zum guten Teil einer bequemen Duldung des Unmoralischen.

Unter diesen unterdrückten Regungen spielen die mannigfachen sexuellen

Strömungen keine geringfügige Rolle. Es ist ein Zufall des Materials,

wenn gerade sie so selten unter den durch die Analyse aufgedeckten

Gedanken in meinen Beispielen erscheinen. Da ich vorwiegend Beispiele

aus meinem eigenen Seelenleben der Analyse unterzogen habe, so war die

Auswahl von vornherein parteiisch und auf den Ausschluss des Sexuellen

gerichtet. Andere Male scheinen es höchst harmlose Einwendungen und

Rücksichten zu sein, aus denen die störenden Gedanken entspringen.

Wir stehen nun vor der Beantwortung der zweiten Frage, welche

psychologischen Bedingungen dafür gelten, dass ein Gedanke seinen

Ausdruck nicht in voller Form, sondern in gleichsam parasitärer als

Modifikation und Störung eines anderen suchen müsse. Es liegt nach den

auffälligsten Beispielen von Fehlhandlung nahe, diese Bedingung in einer

Beziehung zur Bewusstseinsfähigkeit zu suchen, in dem mehr oder minder

entschieden ausgeprägten Charakter des »Verdrängten«. Aber die

Verfolgung durch die Reihe der Beispiele löst diesen Charakter in immer

mehr verschwommene Andeutungen auf. Die Neigung, über etwas als

zeitraubend hinwegzukommen, -- die Erwägung, dass der betreffende

Gedanke nicht eigentlich zur intendierten Sache gehört, -- scheinen als

Motive für die Zurückdrängung eines Gedankens, der dann auf den Ausdruck

durch Störung eines anderen angewiesen ist, dieselbe Rolle zu spielen

wie die moralische Verurteilung einer unbotmässigen Gefühlsregung oder

die Abkunft von völlig unbewussten Gedankenzügen. Eine Einsicht in die

allgemeine Natur der Bedingtheit von Fehl- und Zufallsleistungen lässt

sich auf diese Weise nicht gewinnen. Einer einzigen bedeutsamen Tatsache

wird man bei diesen Untersuchungen habhaft; je harmloser die Motivierung

der Fehlleistung ist, je weniger anstössig und darum weniger

bewusstseinsunfähig der Gedanke ist, der sich in ihr zum Ausdruck

bringt, desto leichter wird auch die Auflösung des Phänomens, wenn man

ihm seine Aufmerksamkeit zugewendet hat; die leichtesten Fälle des

Versprechens werden sofort bemerkt und spontan korrigiert. Wo es sich um

Motivierung durch wirklich verdrängte Regungen handelt, da bedarf es zur

Lösung einer sorgfältigen Analyse, die selbst zeitweise auf

Schwierigkeiten stossen oder misslingen kann.

Es ist also wohl berechtigt, das Ergebnis dieser letzten Untersuchung

als einen Hinweis darauf zu nehmen, dass die befriedigende Aufklärung

für die psychologischen Bedingungen der Fehl- und Zufallshandlungen auf

einem anderen Wege und von anderer Seite her zu gewinnen ist. Der

nachsichtige Leser möge daher in diesen Auseinandersetzungen den

Nachweis der Bruchflächen sehen, an denen dieses Thema ziemlich

künstlich aus einem grösseren Zusammenhange herausgelöst wurde.

VI. Einige Worte sollen zum mindesten die Richtung nach diesem weiteren

Zusammenhange andeuten. Der Mechanismus der Fehl- und Zufallshandlungen,

wie wir ihn durch die Anwendung der Analyse kennen gelernt haben, zeigt

in den wesentlichsten Punkten eine Übereinstimmung mit dem Mechanismus

der Traumbildung, den ich in dem Abschnitt »Traumarbeit« meines Buches

über die Traumdeutung auseinandergesetzt habe. Die Verdichtungen und

Kompromissbildungen (Kontaminationen) findet man hier wie dort; die

Situation ist die nämliche, dass unbewusste Gedanken sich auf

ungewöhnlichen Wegen, über äusserliche Assoziationen, als Modifikation

von anderen Gedanken zum Ausdruck bringen. Die Ungereimtheiten,

Absurditäten und Irrtümer des Trauminhaltes, denen zufolge der Traum

kaum als Produkt psychischer Leistung anerkannt wird, entstehen auf

dieselbe Weise, freilich mit freierer Benützung der vorhandenen Mittel,

wie die gemeinen Fehler unseres Alltagslebens; _hier wie dort löst sich

der Anschein inkorrekter Funktion durch die eigentümliche Interferenz

zweier oder mehrerer korrekter Leistungen_. Aus diesem Zusammentreffen

ist ein wichtiger Schluss zu ziehen: Die eigentümliche Arbeitsweise,

deren auffälligste Leistung wir im Trauminhalt erkennen, darf nicht auf

den Schlafzustand des Seelenlebens zurückgeführt werden, wenn wir in den

Fehlhandlungen so reichliche Zeugnisse für ihre Wirksamkeit während des

wachen Lebens besitzen. Derselbe Zusammenhang verbietet uns auch,

tiefgreifenden Zerfall der Seelentätigkeit, krankhafte Zustände der

Funktion als die Bedingung dieser uns abnorm und fremdartig

erscheinenden psychischen Vorgänge anzusehen[27].

Die richtige Beurteilung der sonderbaren psychischen Arbeit, welche die

Fehlhandlungen wie die Traumbilder entstehen lässt, wird uns erst

ermöglicht, wenn wir erfahren haben, dass die psychoneurotischen

Symptome, speziell die psychischen Bildungen der Hysterie und der

Zwangsneurose, in ihrem Mechanismus alle wesentlichen Züge dieser

Arbeitsweise wiederholen. An dieser Stelle schlösse sich also die

Fortsetzung unserer Untersuchungen an. Für uns hat es aber noch ein

besonderes Interesse, die Fehl-, Zufalls- und Symptomhandlungen in dem

Lichte dieser letzten Analogie zu betrachten. Wenn wir sie den

Leistungen der Psychoneurosen, den neurotischen Symptomen,

gleichstellen, gewinnen zwei oft wiederkehrende Behauptungen, dass die

Grenze zwischen nervöser Norm und Abnormität eine fliessende, und dass

wir alle ein wenig nervös seien, Sinn und Unterlage. Man kann sich vor

aller ärztlicher Erfahrung verschiedene Typen von solcher bloss

angedeuteten Nervosität -- von formes frustes der Neurosen --

konstruieren: Fälle, in denen nur wenige Symptome, oder diese selten

oder nicht heftig auftreten, die Abschwächung also in die Zahl, in die

Intensität, in die zeitliche Ausbreitung der krankhaften Erscheinungen

verlegen; vielleicht würde man aber gerade den Typus nicht erraten,

welcher als der häufigste den Übergang zwischen Gesundheit und Krankheit

zu vermitteln scheint. Der uns vorliegende Typus, dessen

Krankheitsäusserungen die Fehl- und Symptomhandlungen sind, zeichnet

sich nämlich dadurch aus, dass die Symptome in die mindest wichtigen

psychischen Leistungen verlegt sind, während alles, was höheren

psychischen Wert beanspruchen kann, frei von Störung vor sich geht. Die

gegenteilige Unterbringung der Symptome, ihr Hervortreten an den

wichtigsten individuellen und sozialen Leistungen, so dass sie

Nahrungsaufnahme und Sexualverkehr, Berufsarbeit und Geselligkeit zu

stören vermögen, kommt den schweren Fällen von Neurose zu und

charakterisiert diese besser als etwa die Mannigfaltigkeit oder die

Lebhaftigkeit der Krankheitsäusserungen.

Der gemeinsame Charakter aber der leichtesten wie der schwersten Fälle,

an dem auch die Fehl- und Zufallshandlungen Anteil haben, liegt in der

_Rückführbarkeit der Phänomene auf unvollkommen unterdrücktes

psychisches Material, das vom Bewusstsein abgedrängt, doch nicht jeder

Fähigkeit, sich zu äussern, beraubt worden ist_.

[24] Von anderen Gesichtspunkten ausgehend, hat man diese Beurteilung

unwesentlicher und zufälliger Äusserungen bei anderen zum

"Beziehungswahn" gerechnet.

[25] Die durch Analyse bewusst zu machenden Phantasieen der Hysteriker

von sexuellen und grausamen Misshandlungen decken sich z. B.

gelegentlich bis ins Einzelne mit den Klagen verfolgter Paranoiker. Es

ist bemerkenswert, aber nicht unverständlich, wenn der identische

Inhalt uns auch als Realität in den Veranstaltungen Perverser zur

Befriedigung ihrer Gelüste entgegentritt.

[26] Die natürlich nichts vom Charakter einer Erkenntnis hat.

[27] Vgl. hierzu "Traumdeutung" p. 362.

[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei

jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile

steht.

wir unterhielten, ehe Ihnen das lateinische Wort entfiel.

wir uns unterhielten, ehe Ihnen das lateinische Wort entfiel.

in _a--liquis_ und an die Assoziationen: _Reliquien_ _Liquidation_,

in _a--liquis_ und an die Assoziationen: _Reliquien_, _Liquidation_,

Eigennamen, hier um komplete Eindrücke, um entweder in der Realität

Eigennamen, hier um komplette Eindrücke, um entweder in der Realität

den Briefkasten" statt Brütkasten), zu welchen Hauptkatogorien noch

den Briefkasten" statt Brütkasten), zu welchen Hauptkategorien noch

einige minder wichtige (oder für unserere Zwecke minder bedeutsame)

einige minder wichtige (oder für unsere Zwecke minder bedeutsame)

daher, weil ich dachte: ich wäre nicht in der =L=age u. s. f.«

daher, weil ich dachte: ich wäre nicht in der =L=age u. s. f.««

Monat. "Das "draut" mit seinem r war mir unverständlich, denn das r von

Monat." Das "draut" mit seinem r war mir unverständlich, denn das r von

man ein Wort durch sein Gegenteil dem Sinne nach ersetzt. »Man erinnert

man ein Wort durch sein Gegenteil dem Sinne nach ersetzt. "Man erinnert

österreichischen Abgeordnetenhauses die Sitzung _eröffnete_: "Hohes

österreichischen Abgeordnetenhauses die Sitzung _eröffnete_: »Hohes

erkläre somit die Sitzung für »_geschlossen_!« Die allgemeine Heiterkeit

erkläre somit die Sitzung für _geschlossen_!« Die allgemeine Heiterkeit

Laute und Worte desselben Satzes enstehen kann, die zum

Laute und Worte desselben Satzes entstehen kann, die zum

(S. Ernst) der bekannten Wiener Firma in der Kärthnerstrasse gemahnt,

(S. Ernst) der bekannten Wiener Firma in der Kärnthnerstrasse gemahnt,

Tarife und _Transporte_ angehen, und sollte zu einer gewisssen Zeit für

Tarife und _Transporte_ angehen, und sollte zu einer gewissen Zeit für

austauschen. Was dem einem fest im Gedächtnis geblieben ist, das hat der

austauschen. Was dem einen fest im Gedächtnis geblieben ist, das hat der

»Löschpapier« zu schreiben, aber »Fliesspapier« zu sagen gewöhnt gewöhnt

bin.

»Löschpapier« zu schreiben, aber »Fliesspapier« zu sagen gewöhnt bin.

Geld von sich zu tun -- Mit den intimsten und am wenigsten klar

Geld von sich zu tun. -- Mit den intimsten und am wenigsten klar

c) Selbstverständlich kann das Fehlgreifen auch einer ganzen Reihe

d) Selbstverständlich kann das Fehlgreifen auch einer ganzen Reihe

Gelegenheit: es ist ganz im Einklang damit, we nndie unbewusste einen

Gelegenheit: es ist ganz im Einklang damit, wenn die unbewusste einen

Teil der unbewussten Regungen der Angegriffenen fördernd entgegend

Teil der unbewussten Regungen der Angegriffenen fördernd entgegen

Entstellung, die schliessslich auf Verdrängtem fusst. Ich bin bei der

Entstellung, die schliesslich auf Verdrängtem fusst. Ich bin bei der

anstatt vors richtige gekommen wäre Das würde ich für keinen Zufall

anstatt vors richtige gekommen wäre. Das würde ich für keinen Zufall

»Wechsel» des Wortes »_Beförderung_« zur Verknüpfung mit dem

»Wechsel« des Wortes »_Beförderung_« zur Verknüpfung mit dem

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Zur Psychopathologie des Alltagslebens Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum · 第 19 / 19 题