VII.

Das Vergreifen.

Der dankenswerten Arbeit von _Meringer_ und _Mayer_ entnehme ich noch

die Stelle (p. 98):

»Die Sprechfehler stehen nicht ganz allein da. Sie entsprechen den

Fehlern, die bei anderen Tätigkeiten des Menschen sich oft einstellen

und ziemlich töricht »Vergesslichkeiten« genannt werden.«

Ich bin also keinesfalls der erste, der Sinn und Absicht hinter den

kleinen Funktionsstörungen des täglichen Lebens Gesunder vermutet.

Wenn die Fehler beim Sprechen, das ja eine motorische Leistung ist, eine

solche Auffassung zugelassen haben, so liegt es nahe, auf die Fehler

unserer sonstigen motorischen Verrichtungen die nämliche Erwartung zu

übertragen. Ich habe hier zwei Gruppen von Fällen gebildet; alle die

Fälle, in denen der Fehleffekt das Wesentliche scheint, also die

Abirrung von der Intention, bezeichne ich als »_Vergreifen_«, die

anderen, in denen eher die ganze Handlung unzweckmässig erscheint,

benenne ich »_Symptom- und Zufallshandlungen_«. Die Scheidung ist aber

wiederum nicht reinlich durchzuführen; wir kommen ja wohl zur Einsicht,

dass alle in dieser Abhandlung gebrauchten Einteilungen nur deskriptiv

bedeutsame sind und der inneren Einheit des Erscheinungsgebietes

widersprechen.

Das psychologische Verständnis des »Vergreifens« erfährt offenbar keine

besondere Förderung, wenn wir es der Ataxie und speziell der »kortikalen

Ataxie« subsumieren. Versuchen wir lieber, die einzelnen Beispiele auf

ihre jeweiligen Bedingungen zurückzuführen. Ich werde wiederum

Selbstbeobachtungen hierzu verwenden, zu denen sich die Anlässe bei mir

nicht besonders häufig finden.

a) In früheren Jahren, als ich Hausbesuche bei Patienten noch häufiger

machte als gegenwärtig, geschah es mir oft, dass ich, vor der Türe, an

die ich klopfen oder läuten sollte, angekommen, die Schlüssel meiner

eigenen Wohnung aus der Tasche zog, um -- sie dann fast beschämt wieder

einzustecken. Wenn ich mir zusammenstelle, bei welchen Patienten dies

der Fall war, so muss ich annehmen, die Fehlhandlung -- Schlüssel

herausziehen anstatt zu läuten -- bedeutete eine Huldigung für das Haus,

wo ich in diesen Missgriff verfiel. Sie war äquivalent dem Gedanken:

»Hier bin ich wie zu Hause«, denn sie trug sich nur zu, wo ich den

Kranken lieb gewonnen hatte. (An meiner eigenen Wohnungstür läute ich

natürlich niemals.) Die Fehlhandlung war also eine symbolische

Darstellung eines doch eigentlich nicht für ernsthafte, bewusste Annahme

bestimmten Gedankens, denn in der Realität weiss der Nervenarzt genau,

dass der Kranke ihm nur so lange anhänglich bleibt, als er noch Vorteil

von ihm erwartet, und dass er selbst nur zum Zweck der psychischen

Hilfeleistung ein übermässig warmes Interesse für seine Patienten bei

sich gewähren lässt.

b) In einem bestimmten Hause, wo ich seit sechs Jahren zweimal täglich

zu festgesetzten Zeiten vor einer Türe im zweiten Stock auf Einlass

warte, ist es mir während dieses langen Zeitraums zweimal (mit einem

kurzen Intervall) geschehen, dass ich um einen Stock höher gegangen bin,

also mich »_verstiegen_« habe. Das eine mal befand ich mich in einem

ehrgeizigen Tagtraum, der mich »höher und immer höher steigen« liess.

Ich überhörte damals sogar, dass sich die fragliche Tür geöffnet hatte,

als ich den Fuss auf die ersten Stufen des dritten Stockwerks setzte.

Das anderemal ging ich wiederum »in Gedanken versunken« zu weit; als ich

es bemerkte, umkehrte und die mich beherrschende Phantasie zu erhaschen

suchte, fand ich, dass ich mich über eine (phantasierte) Kritik meiner

Schriften ärgerte, in welcher mir der Vorwurf gemacht wurde, dass ich

immer »zu weit ginge«, und in die ich nun den wenig respektvollen

Ausdruck »_verstiegen_« einzusetzen hatte.

c) Auf meinem Schreibtische liegen seit vielen Jahren neben einander ein

Reflexhammer und eine Stimmgabel. Eines Tages eile ich nach Schluss der

Sprechstunde fort, weil ich einen bestimmten Stadtbahnzug erreichen

will, stecke bei vollem Tageslicht anstatt des Hammers die Stimmgabel in

die Rocktasche und werde durch die Schwere des die Tasche herabziehenden

Gegenstandes auf meinen Missgriff aufmerksam gemacht. Wer sich über so

kleine Vorkommnisse Gedanken zu machen nicht gewöhnt ist, wird ohne

Zweifel den Fehlgriff durch die Eile des Momentes erklären und

entschuldigen. Ich habe es trotzdem vorgezogen, mir die Frage zu

stellen, warum ich eigentlich die Stimmgabel anstatt des Hammers

genommen. Die Eilfertigkeit hätte ebensowohl ein Motiv sein können, den

Griff richtig auszuführen, um nicht Zeit mit der Korrektur zu versäumen.

Wer hat zuletzt nach der Stimmgabel gegriffen? lautet die Frage, die

sich mir da aufdrängt. Das war vor wenigen Tagen ein _idiotisches_ Kind,

bei dem ich die Aufmerksamkeit auf Sinneseindrücke prüfte, und das durch

die Stimmgabel so gefesselt wurde, dass ich sie ihm nur schwer

entreissen konnte. Soll das also heissen, ich sei ein Idiot? Allerdings

scheint es so, denn der nächste Einfall, der sich an Hammer assoziiert,

lautet »_Chamer_« (hebräisch: Esel).

Was soll aber dieses Geschimpfe? Man muss hier die Situation befragen.

Ich eile zu einer Konsultation in einem Ort an der Westbahnstrecke, zu

einer Kranken, die nach der brieflich mitgeteilten Anamnese vor Monaten

vom Balkon herabgestürzt ist und seither nicht gehen kann. Der Arzt, der

mich einlädt, schreibt, er wisse trotzdem nicht, ob es sich um

Rückenmarksverletzung oder um traumatische Neurose -- Hysterie --

handle. Das soll ich nun entscheiden. Da wäre also eine Mahnung am

Platze, in der heiklen Differentialdiagnose besonders vorsichtig zu

sein. Die Kollegen meinen ohnedies, man diagnostiziere viel zu

leichtsinnig Hysterie, wo es sich um ernstere Dinge handle. Aber die

Beschimpfung ist noch nicht gerechtfertigt! Ja, es kommt hinzu, dass die

kleine Bahnstation der nämliche Ort ist, an dem ich vor Jahren einen

jungen Mann gesehen, der seit einer Gemütsbewegung nicht ordentlich

gehen konnte. Ich diagnostizierte damals Hysterie und nahm den Kranken

später in psychische Behandlung, und dann stellte es sich heraus, dass

ich freilich nicht unrichtig diagnostiziert hatte, aber auch nicht

richtig. Eine ganze Anzahl der Symptome des Kranken war hysterisch

gewesen, und diese schwanden auch prompt im Laufe der Behandlung. Aber

hinter diesen wurde nun ein für die Therapie unantastbarer Rest

sichtbar, der sich nur auf eine multiple Sklerose beziehen liess. Die

den Kranken nach mir sahen, hatten es leicht, die organische Affektion

zu erkennen; ich hätte kaum anders vorgehen und anders urteilen können,

aber der Eindruck war doch der eines schweren Irrtums; das Versprechen

der Heilung, das ich ihm gegeben hatte, war natürlich nicht zu halten.

Der Missgriff nach der Stimmgabel anstatt nach dem Hammer liess sich

also so in Worte übersetzen: Du Trottel, Du Esel, nimm Dich diesmal

zusammen, dass du nicht wieder eine Hysterie diagnostizierst, wo eine

unheilbare Krankheit vorliegt, wie bei dem armen Mann an demselben Ort

vor Jahren! Und zum Glück für diese kleine Analyse, wenn auch zum

Unglück für meine Stimmung, war dieser selbe Mann mit schwerer

spastischer Lähmung wenige Tage vorher und einen Tag nach dem

idiotischen Kind in meiner Sprechstunde gewesen.

Man merkt, es ist diesmal die Stimme der Selbstkritik, die sich durch

das Fehlgreifen vernehmlich macht. Zu solcher Verwendung als

Selbstvorwurf ist der Fehlgriff ganz besonders geeignet. Der Missgriff

hier will den Missgriff, den man anderswo begangen hat, darstellen.

d) Selbstverständlich kann das Fehlgreifen auch einer ganzen Reihe

anderer dunkler Absichten dienen. Hier ein erstes Beispiel: Es kommt

sehr selten vor, dass ich etwas zerschlage. Ich bin nicht besonders

geschickt, aber infolge der anatomischen Integrität meiner

Nervmuskelapparate sind Gründe für so ungeschickte Bewegungen mit

unerwünschtem Erfolg bei mir offenbar nicht gegeben. Ich weiss also kein

Objekt in meinem Hause zu erinnern, dessengleichen ich je zerschlagen

hätte. Ich bin durch die Enge in meinem Studierzimmer oft genötigt, in

den unbequemsten Stellungen mit einer Anzahl von antiken Ton- und

Steinsachen, von denen ich eine kleine Sammlung habe, zu hantieren, so

dass Zuschauer die Besorgnis ausdrücken, ich würde etwas

herunterschleudern und zerschlagen. Es ist aber niemals geschehen. Warum

habe ich also unlängst den marmornen Deckel meines einfachen

Tintengefässes zu Boden geworfen, so dass er zerbrach?

Mein Tintenzeug besteht aus einer Platte von Untersberger Marmor, die

für die Aufnahme des gläsernen Tintenfässchens ausgehöhlt ist; das

Tintenfass trägt einen Deckel mit Knopf aus demselben Stein. Ein Kranz

von Bronzestatuetten und Terrakotta-Figürchen ist hinter diesem

Tintenzeug aufgestellt. Ich setze mich an den Tisch, um zu schreiben,

mache mit der Hand, welche den Federstiel hält, eine merkwürdig

ungeschickte, ausfahrende Bewegung und werfe so den Deckel des

Tintenfasses, der bereits auf dem Tische lag, zu Boden. Die Erklärung

ist nicht schwer zu finden. Einige Stunden vorher war meine Schwester im

Zimmer gewesen, um sich einige neue Erwerbungen anzusehen. Sie fand sie

sehr schön und äusserte dann: "Jetzt sieht Dein Schreibtisch wirklich

hübsch aus, nur das Tintenzeug passt nicht dazu. Du musst ein schöneres

haben." Ich begleitete die Schwester hinaus und kam erst nach Stunden

zurück. Dann aber habe ich, wie es scheint, an dem verurteilten

Tintenzeug die Exekution vollzogen. Schloss ich etwa aus den Worten der

Schwester, dass sie sich vorgenommen habe, mich zur nächsten festlichen

Gelegenheit mit einem schöneren Tintenzeug zu beschenken, und zerschlug

das unschöne alte, um sie zur Verwirklichung ihrer angedeuteten Absicht

zu nötigen? Wenn dem so ist, so war meine schleudernde Bewegung nur

scheinbar ungeschickt; in Wirklichkeit war sie höchst geschickt und

zielbewusst und verstand es, allen wertvolleren in der Nähe befindlichen

Objekten schonend auszuweichen.

Ich glaube wirklich, dass man diese Beurteilung für eine ganze Reihe von

anscheinend zufällig ungeschickten Bewegungen annehmen muss. Es ist

richtig, dass diese etwas Gewaltsames, Schleuderndes, wie

Spastisch-ataktisches zur Schau tragen, aber sie erweisen sich als von

einer Intention beherrscht und treffen ihr Ziel mit einer Sicherheit,

die man den bewusst willkürlichen Bewegungen nicht allgemein nachrühmen

kann. Beide Charaktere, die Gewaltsamkeit wie die Treffsicherheit, haben

sie übrigens mit den motorischen Äusserungen der hysterischen Neurose

und zum Teil auch mit den motorischen Leistungen des Somnambulismus

gemeinsam, was wohl hier wie dort auf die nämliche unbekannte

Modifikation des Innervationsvorganges hinweist.

Das Fallenlassen von Objekten, Umwerfen, Zerschlagen derselben scheint

sehr häufig zum Ausdruck unbewusster Gedankengänge verwendet zu werden,

wie man gelegentlich durch Analyse beweisen kann, häufiger aber aus den

abergläubisch oder scherzhaft daran geknüpften Deutungen im Volksmunde

erraten möchte. Es ist bekannt, welche Deutungen sich an das Ausschütten

von Salz, Umwerfen eines Weinglases, Steckenbleiben eines zu Boden

gefallenen Messers u. dgl. knüpfen. Welches Anrecht auf Beachtung solche

abergläubische Deutungen haben, werde ich erst an späterer Stelle

erörtern; hierher gehört nur die Bemerkung, dass die einzelne

ungeschickte Verrichtung keineswegs einen konstanten Sinn hat, sondern

je nach Umständen sich dieser oder jener Absicht als Darstellungsmittel

bietet.

Wenn dienende Personen gebrechliche Gegenstände durch Fallenlassen

vernichten, so wird man an eine psychologische Erklärung hiefür gewiss

nicht in erster Linie denken, doch ist auch dabei ein Beitrag dunkler

Motive nicht unwahrscheinlich. Nichts liegt dem Ungebildeten ferner als

die Schätzung der Kunst und der Kunstwerke. Eine dumpfe Feindseligkeit

gegen deren Erzeugnisse beherrscht unser dienendes Volk, zumal wenn die

Gegenstände, deren Wert sie nicht einsehen, eine Quelle von

Arbeitsanforderung für sie werden. Leute von derselben Bildungsstufe und

Herkunft zeichnen sich dagegen in wissenschaftlichen Instituten oft

durch grosse Geschicklichkeit und Verlässlichkeit in der Handhabung

heikler Objekte aus, wenn sie erst begonnen haben, sich mit ihrem Herrn

zu identifizieren und sich zum wesentlichen Personal des Instituts zu

rechnen.

Sich selbst fallen lassen, einen Fehltritt machen, ausgleiten, braucht

gleichfalls nicht immer als rein zufälliges Fehlschlagen motorischer

Aktion gedeutet zu werden. Der sprachliche Doppelsinn dieser Ausdrücke

weist bereits auf die Art von verhaltenen Phantasien hin, die sich durch

solches Aufgeben des Körpergleichgewichts darstellen können. Ich

erinnere mich an eine Anzahl von leichteren nervösen Erkrankungen bei

Frauen und Mädchen, die nach einem Fall ohne Verletzung aufgetreten

waren und als traumatische Hysterie zufolge des Schrecks beim Falle

aufgefasst wurden. Ich bekam schon damals den Eindruck, als ob die Dinge

anders zusammenhingen, als wäre das Fallen bereits eine Veranstaltung

der Neurose und ein Ausdruck derselben unbewussten Phantasien sexuellen

Inhalts gewesen, die man als die bewegenden Kräfte hinter den Symptomen

vermuten darf. Sollte dasselbe nicht auch ein Sprichwort sagen wollen,

welches lautet: "Wenn eine Jungfrau fällt, fällt sie auf den Rücken"?

e) Dass zufällige Aktionen eigentlich absichtliche sind, wird auf keinem

anderen Gebiete eher Glauben finden als auf dem der sexuellen

Betätigung, wo die Grenze zwischen beiderlei Arten sich wirklich zu

verwischen scheint. Dass eine scheinbar ungeschickte Bewegung höchst

raffiniert zu sexuellen Zwecken ausgenutzt werden kann, davon habe ich

vor einigen Jahren an mir selbst ein schönes Beispiel erlebt. Ich traf

in einem befreundeten Hause ein als Gast angelangtes junges Mädchen,

welches ein längst für erloschen gehaltenes Wohlgefallen bei mir erregte

und mich darum heiter, gesprächig und zuvorkommend stimmte. Ich habe

damals auch nachgeforscht, auf welchen Bahnen dies zuging; ein Jahr

vorher hatte dasselbe Mädchen mich kühl gelassen. Als nun der Onkel des

Mädchens, ein sehr alter Herr, ins Zimmer trat, sprangen wir beide auf,

um ihm einen in der Ecke stehenden Stuhl zu bringen. Sie war behender

als ich, wohl auch dem Objekt näher; so hatte sie sich zuerst des

Sessels bemächtigt und trug ihn mit der Lehne nach rückwärts, beide

Hände auf die Sesselränder gelegt, vor sich hin. Indem ich später

hinzutrat und den Anspruch, den Sessel zu tragen, doch nicht aufgab,

stand ich plötzlich dicht hinter ihr, hatte beide Arme von rückwärts um

sie geschlungen, und die Hände trafen sich einen Moment lang vor ihrem

Schoss. Ich löste natürlich die Situation ebenso rasch, als sie

entstanden war. Es schien auch keinem aufzufallen, wie geschickt ich

diese ungeschickte Bewegung ausgebeutet hatte.

Gelegentlich habe ich mir auch sagen müssen, dass das ärgerliche,

ungeschickte Ausweichen auf der Strasse, wobei man durch einige Sekunden

hin und her, aber doch stets nach der nämlichen Seite wie der oder die

Andere, Schritte macht, bis endlich beide vor einander stehen bleiben,

dass auch dieses »den Weg Vertreten« ein unartig provozierendes Benehmen

früherer Jahre wiederholt und sexuelle Absichten unter der Maske der

Ungeschicklichkeit verfolgt. Aus meinen Psychoanalysen Neurotischer

weiss ich, dass die sogenannte Naivität junger Leute und Kinder häufig

nur solch eine Maske ist, um das Unanständige unbeirrt durch Genieren

aussprechen oder tun zu können.

f) Die Effekte, die durch das Fehlgreifen normaler Menschen zustande

kommen, sind in der Regel von harmlosester Art. Gerade darum wird sich

ein besonderes Interesse an die Frage knüpfen, ob Fehlgriffe von

erheblicher Tragweite, die von bedeutsamen Folgen begleitet sein können,

wie z. B. die des Arztes oder Apothekers, nach irgend einer Richtung

unter unsere Gesichtspunkte fallen.

Da ich sehr selten in die Lage komme, ärztliche Eingriffe vorzunehmen,

habe ich nur über ein Beispiel von ärztlichem Vergreifen aus eigener

Erfahrung zu berichten. Bei einer sehr alten Dame, die ich seit Jahren

zweimal täglich besuche, beschränkt sich meine ärztliche Tätigkeit beim

Morgenbesuch auf zwei Akte: ich träufle ihr ein paar Tropfen Augenwasser

ins Auge und gebe ihr eine Morphiuminjektion. Zwei Fläschchen, ein

blaues für das Kollyrium und ein weisses mit der Morphinlösung, sind

regelmässig vorbereitet. Während der beiden Verrichtungen beschäftigen

sich meine Gedanken wohl meist mit etwas anderem; das hat sich eben

schon so oft wiederholt, dass die Aufmerksamkeit sich wie frei benimmt.

Eines Morgens bemerkte ich, dass der Automat falsch gearbeitet hatte,

das Tropfröhrchen hatte ins weisse anstatt ins blaue Fläschchen

eingetaucht und nicht Kollyrium, sondern Morphin ins Auge geträufelt.

Ich erschrak heftig und beruhigte mich dann durch die Überlegung, dass

einige Tropfen einer zweiprozentigen Morphinlösung auch im Bindehautsack

kein Unheil anzurichten vermögen. Die Schreckempfindung war offenbar

anderswoher abzuleiten.

Bei dem Versuch, den kleinen Fehlgriff zu analysieren, fiel mir zunächst

die Phrase ein: "sich an der Alten vergreifen", die den kurzen Weg zur

Lösung weisen konnte. Ich stand unter dem Eindrucke eines Traumes, den

mir am Abend vorher ein junger Mann erzählt hatte, dessen Inhalt sich

nur auf sexuellen Verkehr mit der eigenen Mutter deuten liess.[20] Die

Sonderbarkeit, dass die Sage keinen Anstoss an dem Alter der Königin

Jokaste nimmt, schien mir gut zu dem Ergebnis zu stimmen, dass es sich

bei der Verliebtheit in die eigene Mutter niemals um deren gegenwärtige

Person handelt, sondern um ihr jugendliches Erinnerungsbild aus den

Kinderjahren. Solche Inkongruenzen stellen sich immer heraus, wo eine

zwischen zwei Zeiten schwankende Phantasie bewusst gemacht und dadurch

an eine bestimmte Zeit gebunden wird. In Gedanken solcher Art versunken

kam ich zu meiner über neunzigjährigen Patientin, und ich muss wohl auf

dem Wege gewesen sein, den allgemein menschlichen Charakter der

Oedipusfabel als das Korrelat des Verhängnisses, das sich in den Orakeln

äussert, zu erfassen, denn ich vergriff mich dann "bei oder an der

Alten". Indes dies Vergreifen war wiederum harmlos; ich hatte von den

beiden möglichen Irrtümern, die Morphinlösung fürs Auge zu verwenden,

oder das Augenwasser zur Injektion zu nehmen, den bei weitem harmloseren

gewählt. Es bleibt immer noch die Frage, ob man bei Fehlgriffen, die

schweren Schaden stiften können, in ähnlicher Weise wie bei den hier

behandelten eine unbewusste Absicht in Erwägung ziehen darf.

Hier lässt mich denn, wie zu erwarten steht, das Material im Stiche, und

ich bleibe auf Vermutungen und Annäherungen angewiesen. Es ist bekannt,

dass bei den schwereren Fällen von Psychoneurose Selbstbeschädigungen

gelegentlich als Krankheitssymptome auftreten, und dass der Ausgang des

psychischen Konfliktes in Selbstmord bei ihnen niemals auszuschliessen

ist. Ich habe nun erfahren, und werde es eines Tages durch gut

aufgeklärte Beispiele belegen, dass viele scheinbar zufällige

Schädigungen, die solche Kranke treffen, eigentlich Selbstbeschädigungen

sind, indem eine beständig lauernde Tendenz zur Selbstbestrafung, die

sich sonst als Selbstvorwurf äussert, oder ihren Beitrag zur

Symptombildung stellt, eine zufällig gebotene äussere Situation

geschickt ausnützt, oder ihr etwa noch bis zur Erreichung des

gewünschten schädigenden Effektes nachhilft. Solche Vorkommnisse sind

auch bei mittelschweren Fällen keineswegs selten, und sie verraten den

Anteil der unbewussten Absicht durch eine Reihe von besonderen Zügen,

z. B. durch die auffällige Fassung, welche die Kranken bei dem

angeblichen Unglücksfalle bewahren.[21]

Wer an das Vorkommen von halb absichtlicher Selbstbeschädigung -- wenn

der ungeschickte Ausdruck gestattet ist -- glaubt, der wird dadurch

vorbereitet anzunehmen, dass es ausser dem bewusst absichtlichen

Selbstmord auch halb absichtliche Selbstvernichtung -- mit unbewusster

Absicht -- gibt, die eine Lebensbedrohung geschickt auszunützen und sie

als zufällige Verunglückung zu maskieren weiss. Eine solche braucht

keineswegs selten zu sein. Denn die Tendenz zur Selbstvernichtung ist

bei sehr viel mehr Menschen in einer gewissen Stärke vorhanden, als bei

denen sie sich durchsetzt; die Selbstbeschädigungen sind in der Regel

ein Kompromiss zwischen diesem Trieb und den ihm noch entgegenwirkenden

Kräften, und auch wo es wirklich zum Selbstmord kommt, da ist die

Neigung dazu eine lange Zeit vorher in geringerer Stärke oder als

unbewusste und unterdrückte Tendenz vorhanden gewesen.

Auch die bewusste Selbstmordabsicht wählt ihre Zeit, Mittel und

Gelegenheit: es ist ganz im Einklang damit, wenn die unbewusste einen

Anlass abwartet, der einen Teil der Verursachung auf sich nehmen und sie

durch Inanspruchnahme der Abwehrkräfte des Individuums von ihrer

Bedrückung frei machen kann.[22] Es sind keineswegs müssige Erwägungen,

die ich da vorbringe; mir ist mehr als ein Fall von anscheinend

zufälligem Verunglücken (zu Pferde oder aus dem Wagen) bekannt geworden,

dessen nähere Umstände den Verdacht auf unbewusst zugelassenen

Selbstmord rechtfertigen. Da stürzt z. B. während eines

Offizierswettrennens ein Offizier vom Pferde und verletzt sich so

schwer, dass er mehrere Tage nachher erliegt. Sein Benehmen, nachdem er

zu sich gekommen, ist in manchen Stücken auffällig. Noch bemerkenswerter

ist sein Benehmen vorher gewesen. Er ist tief verstimmt durch den Tod

seiner geliebten Mutter, wird von Weinkrämpfen in der Gesellschaft

seiner Kameraden befallen, er äussert Lebensüberdruss gegen seine

vertrauten Freunde, will den Dienst quittieren, um an einem Kriege in

Afrika Anteil zu nehmen, der ihn sonst nicht berührt[23]; früher ein

schneidiger Reiter, weicht er jetzt dem Reiten aus, wo es nur möglich

ist. Vor dem Wettrennen endlich, dem er sich nicht entziehen kann,

äussert er eine trübe Ahnung; wir werden uns bei unserer Auffassung

nicht mehr verwundern, dass diese Ahnung Recht behielt. Man wird mir

entgegenhalten, es sei ja ohne weiteres verständlich, dass ein Mensch in

solcher nervöser Depression das Tier nicht zu meistern versteht wie in

gesunden Tagen. Ich bin ganz einverstanden; nur möchte ich den

Mechanismus dieser motorischen Hemmung durch die Nervosität in der hier

betonten Selbstvernichtungsabsicht suchen.

Wenn so ein Wüten gegen die eigene Integrität und das eigene Leben

hinter anscheinend zufälliger Ungeschicklichkeit und motorischer

Unzulänglichkeit verborgen sein kann, so braucht man keinen grossen

Schritt mehr zu tun, um die Übertragung der nämlichen Auffassung auf

Fehlgriffe möglich zu finden, welche Leben und Gesundheit anderer

ernstlich in Gefahr bringen. Was ich an Belegen für die Triftigkeit

dieser Auffassung vorbringen kann, ist der Erfahrung an Neurotikern

entnommen, deckt sich also nicht völlig mit dem Erfordernis. Ich werde

über einen Fall berichten, in dem mich nicht eigentlich ein Fehlgriff,

sondern, was man eher eine Symptom- oder Zufallshandlung nennen kann,

auf die Spur brachte, welche dann die Lösung des Konflikts bei dem

Patienten ermöglichte. Ich übernahm es einmal, die Ehe eines sehr

intelligenten Mannes zu bessern, dessen Misshelligkeiten mit seiner ihn

zärtlich liebenden jungen Frau sich gewiss auf reale Begründungen

berufen konnten, aber wie er selbst zugab, durch diese nicht voll

erklärt wurden. Er beschäftigte sich unablässig mit dem Gedanken der

Scheidung, den er dann wieder verwarf, weil er seine beiden kleinen

Kinder zärtlich liebte. Trotzdem kam er immer wieder auf den Vorsatz

zurück und versuchte dabei kein Mittel, um sich die Situation erträglich

zu gestalten. Solches Nichtfertigwerden mit einem Konflikt gilt mir als

Beweis dafür, dass sich unbewusste und verdrängte Motive zur Verstärkung

der mit einander streitenden bewussten bereit gefunden haben, und ich

unternehme es in solchen Fällen, den Konflikt durch psychische Analyse

zu beenden. Der Mann erzählte mir eines Tages von einem kleinen Vorfall,

der ihn aufs äusserste erschreckt hatte. Er »hetzte« mit seinem älteren

Kind, dem weitaus geliebteren, hob es hoch und liess es nieder und

einmal an solcher Stelle und so hoch, dass das Kind mit dem Scheitel

fast an den schwer herabhängenden Gasluster angestossen hätte. _Fast_,

aber doch eigentlich nicht oder gerade eben noch! Dem Kind war nichts

geschehen, aber es wurde vor Schreck schwindlig. Der Vater blieb

entsetzt mit dem Kinde im Arme stehen, die Mutter bekam einen

hysterischen Anfall. Die besondere Geschicklichkeit dieser

unvorsichtigen Bewegung, die Heftigkeit der Reaktion bei den Eltern

legten es mir nahe, in dieser Zufälligkeit eine Symptomhandlung zu

suchen, welche eine böse Absicht gegen das geliebte Kind zum Ausdruck

bringen sollte. Den Widerspruch gegen die aktuelle Zärtlichkeit dieses

Vaters zu seinem Kinde konnte ich mildern, wenn ich den Impuls zur

Schädigung in die Zeit zurückverlegte, da dieses Kind das einzige und so

klein gewesen war, dass sich der Vater noch nicht zärtlich für dasselbe

zu interessieren brauchte. Dann hatte ich es leicht, anzunehmen, dass

der von seiner Frau wenig befriedigte Mann damals den Gedanken gehabt

oder den Vorsatz gefasst: Wenn dieses kleine Wesen, an dem mir gar

nichts liegt, stirbt, dann bin ich frei und kann mich von der Frau

scheiden lassen. Ein Wunsch nach dem Tode dieses jetzt so geliebten

Wesens musste also unbewusst weiterbestehen. Von hier ab war der Weg zur

unbewussten Fixierung dieses Wunsches leicht zu finden. Eine mächtige

Determinierung ergab sich wirklich aus der Kindheitserinnerung des

Patienten, dass der Tod eines kleinen Bruders, den die Mutter der

Nachlässigkeit des Vaters zur Last legte, zu heftigen Auseinandersetzungen

zwischen den Eltern mit Scheidungsandrohung geführt hatte. Der weitere

Verlauf der Ehe meines Patienten bestätigte meine Kombination auch durch

den therapeutischen Erfolg.

[20] Des _Oedipus-Traumes_, wie ich ihn zu nennen pflege, weil er den

Schlüssel zum Verständnis der Sage von König Oedipus enthält. Im Text

des Sophokles ist die Beziehung auf einen solchen Traum der Jokaste in

den Mund gelegt. (Vgl. "Traumdeutung", p. 182.)

[21] Die Selbstbeschädigung, die nicht voll auf Selbstvernichtung

hinzielt, hat in unserem gegenwärtigen Kulturzustand überhaupt keine

andere Wahl, als sich hinter der Zufälligkeit zu verbergen, oder sich

durch Simulation einer spontanen Erkrankung durchzusetzen. Früher

einmal war sie ein gebräuchliches Zeichen der Trauer; zu anderen

Zeiten konnte sie Ideen der Frömmigkeit und Weltentsagung Ausdruck

geben.

[22] Der Fall ist dann schliesslich kein anderer als der des sexuellen

Attentats auf eine Frau, bei dem der Angriff des Mannes nicht durch

die volle Muskelkraft des Weibes abgewehrt werden kann, weil ihm ein

Teil der unbewussten Regungen der Angegriffenen fördernd entgegen

kommt. Man sagt ja wohl, eine solche Situation _lähme_ die Kräfte der

Frau; man braucht dann nur noch die Gründe für diese Schwächung

hinzufügen. Insofern ist der geistreiche Richterspruch des _Sancho

Pansa_, den er als Gouverneur auf seiner Insel fällt, psychologisch

ungerecht. (Don Quijote II. T. Kap. XLV.) Eine Frau zerrt einen Mann

vor den Richter, der sie angeblich gewaltsam ihrer Ehre beraubt hat.

_Sancho_ entschädigt sie durch die volle Geldbörse, die er dem

Angeklagten abnimmt, und gibt diesem nach dem Abgange der Frau die

Erlaubnis, ihr nachzueilen und ihr die Börse wieder zu entreissen. Sie

kommen beide ringend wieder, und die Frau berühmt sich, dass der

Bösewicht nicht imstande gewesen sei, sich der Börse zu bemächtigen.

Darauf _Sancho_: Hättest Du Deine Ehre halb so ernsthaft verteidigt

wie diese Börse, so hätte sie Dir der Mann nicht rauben können.

[23] Dass die Situation des Schlachtfeldes eine solche ist, wie sie

der bewussten Selbstmordabsicht entgegenkommt, die doch den direkten

Weg scheut, ist einleuchtend. Vgl. im "_Wallenstein_" die Worte des

schwedischen Hauptmanns über den Tod des Max Piccolomini: "Man sagt,

er wollte sterben".

Zur Psychopathologie des Alltagslebens Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum · 第 16 / 19 题