"Ich weiss schon. Ich erinnere mich eines prächtigen alten Herrn, den
ich vorige Woche auf der Reise getroffen. Ein wahres _Original_. Er
sieht aus wie ein grosser Raubvogel. Er heisst, wenn Sie es wissen
wollen, _Benedikt_."
Doch wenigstens eine Aneinanderreihung von Heiligen und Kirchenvätern:
Der heilige _Simon_, _St. Augustinus_, _St. Benediktus_. Ein
Kirchenvater hiess, glaube ich, _Origines_. Drei dieser Namen sind
übrigens auch Vornamen, wie _Paul_ im Namen _Kleinpaul_.
"Jetzt fällt mir der heilige _Januarius_ ein und sein Blutwunder -- ich
finde, das geht mechanisch so weiter."
Lassen Sie das; der heilige _Januarius_ und der heilige _Augustinus_
haben beide mit dem Kalender zu tun. Wollen Sie mich nicht an das
Blutwunder erinnern?
"Das werden Sie doch kennen? In einer Kirche zu Neapel wird in einer
Phiole das Blut des heiligen Januarius aufbewahrt, welches durch ein
Wunder an einem bestimmten Festtage wieder _flüssig_ wird. Das Volk hält
viel auf dieses Wunder und wird sehr aufgeregt, wenn es sich verzögert,
wie es einmal zur Zeit einer französischen Okkupation geschah. Da nahm
der kommandierende General -- oder irre ich mich? war es Garibaldi? --
den geistlichen Herrn bei Seite und bedeutete ihm mit einer sehr
verständlichen Geberde auf die draussen aufgestellten Soldaten, er
_hoffe_, das Wunder werde sich sehr bald vollziehen. Und es vollzog sich
wirklich ..."
Nun und weiter? Warum stocken Sie?
"Jetzt ist mir allerdings etwas eingefallen ... das ist aber zu intim
für die Mitteilung .. Ich sehe übrigens keinen Zusammenhang und keine
Nötigung, es zu erzählen."
Für den Zusammenhang würde ich sorgen. Ich kann Sie ja nicht zwingen, zu
erzählen, was Ihnen unangenehm ist; dann verlangen Sie aber auch nicht
von mir zu wissen, auf welchem Wege Sie jenes Wort "aliquis" vergessen
haben.
"Wirklich? Glauben Sie? Also ich habe plötzlich an eine Dame gedacht,
von der ich leicht eine Nachricht bekommen könnte, die uns beiden recht
unangenehm wäre."
Dass ihr die Periode ausgeblieben ist?
"Wie können Sie das erraten?"
Das ist nicht mehr schwierig. Sie haben mich genügend darauf
vorbereitet. Denken Sie an die _Kalenderheiligen_, _an das Flüssigwerden
des Blutes zu einem bestimmten Tage_, _den Aufruhr, wenn das Ereignis
nicht eintritt_, _die deutliche Drohung, dass das Wunder vor sich gehen
muss, sonst_ .. Sie haben ja das Wunder des heiligen Januarius zu einer
prächtigen Anspielung auf die Periode der Frau verarbeitet.
"Ohne dass ich es gewusst hätte. Und Sie meinen wirklich, wegen dieser
ängstlichen Erwartung hätte ich das Wörtchen »_aliquis_« nicht
reproduzieren können?"
Das scheint mir unzweifelhaft. Erinnern Sie sich doch an Ihre Zerlegung
in _a--liquis_ und an die Assoziationen: _Reliquien_, _Liquidation_,
_Flüssigkeit_. Soll ich noch den als _Kind hingeopferten_ heiligen
Simon, auf den Sie von den Reliquien her kamen, in den Zusammenhang
einflechten?
"Tun Sie das lieber nicht. Ich hoffe, Sie nehmen diese Gedanken, wenn
ich sie wirklich gehabt habe, nicht für Ernst. Ich will Ihnen dafür
gestehen, dass die Dame eine Italienerin ist, in deren Gesellschaft ich
auch Neapel besucht habe. Kann das aber nicht alles Zufall sein?"
Ich muss es Ihrer eigenen Beurteilung überlassen, ob Sie sich alle diese
Zusammenhänge durch die Annahme eines Zufalls aufklären können. Ich
sage Ihnen aber, jeder ähnliche Fall, den Sie analysieren wollen, wird
Sie auf ebenso merkwürdige "Zufälle" führen.
Ich habe mehrere Gründe, diese kleine Analyse, für deren Überlassung ich
meinem damaligen Reisegenossen Dank schulde, zu schätzen. Erstens, weil
mir in diesem Falle gestattet war, aus einer Quelle zu schöpfen, die mir
sonst versagt ist. Ich bin zumeist genötigt, die Beispiele von
psychischer Funktionsstörung im täglichen Leben, die ich hier
zusammenstelle, meiner Selbstbeobachtung zu entnehmen. Das weit reichere
Material, das mir meine neurotischen Patienten liefern, suche ich zu
vermeiden, weil ich den Einwand fürchten muss, die betreffenden
Phänomene seien eben Erfolge und Äusserungen der Neurose. Es hat also
besonderen Wert für meine Zwecke, wenn sich eine nervengesunde fremde
Person zum Objekt einer solchen Untersuchung erbietet. In anderer
Hinsicht wird mir diese Analyse bedeutungsvoll, indem sie einen Fall von
Wortvergessen _ohne_ Ersatzerinnern beleuchtet und meinen vorhin
aufgestellten Satz bestätigt, dass das Auftauchen oder Ausbleiben von
unrichtigen Ersatzerinnerungen eine wesentliche Unterscheidung nicht
begründen kann.[3]
Der Hauptwert des Beispieles: _aliquis_ ist aber in einem anderen seiner
Unterschiede von dem Falle: _Signorelli_ gelegen. Im letzteren Beispiel
wird die Reproduktion des Namens gestört durch die Nachwirkung eines
Gedankenganges, der kurz vorher begonnen und abgebrochen wurde, dessen
Inhalt aber in keinem deutlichen Zusammenhang mit dem neuen Thema stand,
in dem der Name Signorelli enthalten war. Zwischen dem verdrängten und
dem Thema des vergessenen Namens bestand bloss die Beziehung der
zeitlichen Kontiguität; dieselbe reichte hin, damit sich die beiden
durch eine äusserliche Assoziation in Verbindung setzen konnten.[4] Im
Beispiele: aliquis hingegen ist von einem solchen unabhängigen
verdrängten Thema, welches unmittelbar vorher das bewusste Denken
beschäftigt hätte und nun als Störung nachklänge, nichts zu merken. Die
Störung der Reproduktion erfolgt hier aus dem Inneren des angeschlagenen
Themas heraus, indem sich unbewusst ein Widerspruch gegen die im Zitat
dargestellte Wunschidee erhebt. Man muss sich den Hergang in folgender
Art konstruieren: Der Redner hat bedauert, dass die gegenwärtige
Generation seines Volkes in ihren Rechten verkürzt wird; eine neue
Generation, weissagt er wie Dido, wird die Rache an den Bedrängern
übernehmen. Er hat also den Wunsch nach Nachkommenschaft ausgesprochen.
In diesem Momente fährt ihm ein widersprechender Gedanke dazwischen.
»Wünschest du dir Nachkommenschaft wirklich so lebhaft? Das ist nicht
wahr. In welche Verlegenheit kämest du, wenn du jetzt die Nachricht
erhieltest, dass du von der einen Seite, die du kennst, Nachkommen zu
erwarten hast? Nein, keine Nachkommenschaft, -- wiewohl wir sie für die
Rache brauchen.« Dieser Widerspruch bringt sich nun zur Geltung, indem
er genau wie im Beispiel Signorelli eine äusserliche Assoziation
zwischen einem seiner Vorstellungselemente und einem Elemente des
beanstandeten Wunsches herstellt, und zwar diesmal auf eine höchst
gewaltsame Weise durch einen gekünstelt erscheinenden Assoziationsumweg.
Eine zweite wesentliche Übereinstimmung mit dem Beispiel Signorelli
ergibt sich daraus, dass der Widerspruch aus verdrängten Quellen stammt
und von Gedanken ausgeht, welche eine Abwendung der Aufmerksamkeit
hervorrufen würden. -- Soviel über die Verschiedenheit und über die
innere Verwandtschaft der beiden Paradigmata des Namenvergessens. Wir
haben einen zweiten Mechanismus des Vergessens kennen gelernt, die
Störung eines Gedankens durch einen aus dem Verdrängten kommenden
inneren Widerspruch. Wir werden diesem Vorgang, der uns als der leichter
verständliche erscheint, im Laufe dieser Erörterungen noch wiederholt
begegnen.
[1] Ob die Häufigkeit der Anwendung allein diesen Schutz erklären
kann, ist mir zweifelhaft. Ich habe wenigstens beobachtet, dass
Vornamen, die doch nicht die beschränkte Zugehörigkeit der Eigennamen
teilen, dem Vergessen ebenso leicht unterliegen, wie letztere. Eines
Tages kam ein junger Mann in meine Ordination, jüngerer Bruder einer
Patientin, den ich ungezählte Male gesehen hatte, und dessen Person
ich mit dem Vornamen zu bezeichnen gewohnt war. Als ich dann von
seinem Besuch erzählen wollte, hatte ich seinen, wie ich wusste,
keineswegs ungewöhnlichen Vornamen vergessen und konnte ihn durch
keine Hilfe zurückrufen. Ich ging dann auf die Strasse, um
Firmenschilder zu lesen, und erkannte den Namen, sowie er mir das
erste Mal entgegentrat. Die Analyse belehrte mich darüber, dass ich
zwischen dem Besucher und meinem eigenen Bruder eine Parallele gezogen
hatte, die in der verdrängten Frage gipfeln wollte: Hätte sich mein
Bruder im gleichen Falle ähnlich gegen eine kranke Schwester benommen?
Die äusserliche Verbindung zwischen den Gedanken über die fremde und
über die eigene Familie war durch den Zufall ermöglicht worden, dass
die Mütter hier und dort den gleichen Vornamen: Amalia tragen. Ich
verstand dann auch nachträglich die Ersatznamen: Daniel und Franz, die
sich mir aufgedrängt hatten, ohne mich aufzuklären. Es sind dies, wie
auch Amalia, Namen aus den Räubern von _Schiller_, an welche sich ein
Scherz des Wiener Spaziergängers _Daniel Spitzer_ knüpft. -- Ein
unterdrückter Gedanke über die eigene Person oder die eigene Familie
wird häufig zum Motiv des Namenvergessens, als ob man beständig
Vergleiche zwischen sich selbst und den Fremden anstellte. Das
seltsamste Beispiel dieser Art hat mir als eigenes Erlebnis ein Herr
_Lederer_ berichtet. Er traf auf seiner Hochzeitsreise in Venedig mit
einem ihm oberflächlich bekannten Herrn zusammen, den er seiner jungen
Frau vorstellen musste. Da er aber den Namen des Fremden vergessen
hatte, half er sich das erste Mal mit einem unverständlichen Gemurmel.
Als er dann dem Herrn, wie in Venedig unausweichlich, ein zweites Mal
begegnete, nahm er ihn beiseite und bat ihn, ihm doch aus der
Verlegenheit zu helfen, indem er ihm seinen Namen sage, den er leider
vergessen habe. Die Antwort des Fremden zeugte von überlegener
Menschenkenntnis: Ich glaube es gerne, dass Sie sich meinen Namen
nicht gemerkt haben. Ich heisse wie Sie: _Lederer_! -- Man kann sich
einer leicht unangenehmen Empfindung nicht erwehren, wenn man seinen
eigenen Namen bei einem Fremden wiederfindet. Ich verspürte sie
unlängst recht deutlich, als sich mir in der ärztlichen Sprechstunde
ein Herr _S. Freud_ vorstellte.
[2] Dies ist der allgemeine Weg, um Vorstellungselemente, die sich
verbergen, dem Bewusstsein zuzuführen. Vgl. meine "Traumdeutung",
p. 69.
[3] Feinere Beobachtung schränkt den Gegensatz zwischen der Analyse:
_Signorelli_ und der: _aliquis_ betreffs der Ersatzerinnerungen um
Einiges ein. Auch hier scheint nämlich das Vergessen von einer
Ersatzbildung begleitet zu sein. Als ich an meinen Partner
nachträglich die Frage stellte, ob ihm bei seinen Bemühungen, das
fehlende Wort zu erinnern, nicht irgend etwas zum Ersatz eingefallen
sei, berichtete er, dass er zunächst die Versuchung verspürt habe, ein
_ab_ in den Vers zu bringen: nostris ab ossibus (vielleicht das
unverknüpfte Stück von a-liquis) und dann, dass sich ihm das
_Exoriare_ besonders deutlich und hartnäckig aufgedrängt habe. Als
Skeptiker setzte er hinzu, offenbar weil es das erste Wort des Verses
war. Als ich ihn bat, doch auf die Assoziationen von Exoriare aus zu
achten, gab er mir Exorzismus an. Ich kann mir also sehr wohl denken,
dass die Verstärkung von Exoriare in der Reproduktion eigentlich den
Wert einer solchen Ersatzbildung hatte. Dieselbe wäre über die
Assoziation: _Exorzismus_ von den Namen der _Heiligen_ her erfolgt.
Indes sind dies Feinheiten, auf die man keinen Wert zu legen braucht.
-- Es erscheint nun aber wohl möglich, dass das Auftreten irgend einer
Art von Ersatzerinnerung ein konstantes, vielleicht auch nur ein
charakteristisches und verräterisches Zeichen des tendenziösen, durch
Verdrängung motivierten Vergessens ist. Diese Ersatzbildung bestände
auch dort, wo das Auftauchen unrichtiger Ersatzbildungen ausbleibt, in
der Verstärkung eines Elementes, welches dem vergessenen benachbart
ist. Im Beispiele: Signorelli war z. B., solange mir der Name des
Malers unzugänglich blieb, die visuelle Erinnerung an den Zyklus von
Fresken und an sein in der Ecke eines Bildes angebrachtes
Selbstportrait _überdeutlich_, jedenfalls weit intensiver als visuelle
Erinnerungsspuren sonst bei mir auftreten. In einem anderen Falle, der
gleichfalls in der Abhandlung von 1898 mitgeteilt ist, hatte ich von
der Adresse eines mir unbequemen Besuches in einer fremden Stadt den
Strassennamen hoffnungslos vergessen, die Hausnummer aber wie zum
Spott -- überdeutlich gemerkt, während sonst das Erinnern von Zahlen
mir die grösste Schwierigkeit bereitet.
[4] Ich möchte für das Fehlen eines inneren Zusammenhanges zwischen
den beiden Gedankenkreisen im Falle Signorelli nicht mit voller
Überzeugung einstehen. Bei sorgfältiger Verfolgung der verdrängten
Gedanken über das Thema von Tod und Sexualleben stösst man doch auf
eine Idee, die sich mit dem Thema des Cyclus von Orvieto nahe berührt.