III.

Über die Deckerinnerungen.

In einer zweiten Abhandlung (1899 in der Monatsschrift für Psychiatrie

und Neurologie veröffentlicht) habe ich die tendenziöse Natur unseres

Erinnerns an unvermuteter Stelle nachweisen können. Ich bin von der

auffälligen Tatsache ausgegangen, dass die frühesten Kindheitserinnerungen

einer Person häufig bewahrt zu haben scheinen, was gleichgiltig und

nebensächlich ist, während von wichtigen, eindrucksvollen und

affektreichen Eindrücken dieser Zeit (häufig, gewiss nicht allgemein!)

sich im Gedächtnis des Erwachsenen keine Spur vorfindet. Da es bekannt

ist, dass das Gedächtnis unter den ihm dargebotenen Eindrücken eine

Auswahl trifft, stände man hier vor der Annahme, dass diese Auswahl im

Kindesalter nach ganz anderen Prinzipien vor sich geht, als zur Zeit der

intellektuellen Reife. Eingehende Untersuchung weist aber nach, dass

diese Annahme überflüssig ist. Die indifferenten Kindheitserinnerungen

verdanken ihre Existenz einem Verschiebungsvorgang; sie sind der Ersatz

in der Reproduktion für andere wirklich bedeutsame Eindrücke, deren

Erinnerung sich durch psychische Analyse aus ihnen entwickeln lässt,

deren direkte Reproduktion aber durch einen Widerstand gehindert ist. Da

sie ihre Erhaltung nicht dem eigenen Inhalt, sondern einer assoziativen

Beziehung ihres Inhaltes zu einem anderen, verdrängten, verdanken, haben

sie auf den Namen »Deckerinnerungen«, mit welchem ich sie ausgezeichnet

habe, begründeten Anspruch.

Die Mannigfaltigkeiten in den Beziehungen und Bedeutungen der

Deckerinnerungen habe ich in dem erwähnten Aufsatze nur gestreift,

keineswegs erschöpft. An dem dort ausführlich analysierten Beispiel

habe ich eine Besonderheit der _zeitlichen_ Relation zwischen der

Deckerinnerung und dem durch sie gedeckten Inhalt besonders

hervorgehoben. Der Inhalt der Deckerinnerung gehörte dort nämlich einem

der ersten Kinderjahre an, während die durch sie im Gedächtnis

vertretenen Gedankenerlebnisse, die fast unbewusst geblieben waren, in

späte Jahre des Betreffenden fielen. Ich nannte diese Art der

Verschiebung eine _rückgreifende_ oder _rückläufige_. Vielleicht noch

häufiger begegnet man dem entgegengesetzten Verhältnis, dass ein

indifferenter Eindruck der jüngsten Zeit sich als Deckerinnerung im

Gedächtnis festsetzt, der diese Auszeichnung nur der Verknüpfung mit

einem früheren Erlebnis verdankt, gegen dessen direkte Reproduktion sich

Widerstände erheben. Dies wären _vorgreifende_ oder _vorgeschobene_

Deckerinnerungen. Das Wesentliche, was das Gedächtnis bekümmert, liegt

hier der Zeit nach _hinter_ der Deckerinnerung. Endlich wird der dritte

noch mögliche Fall nicht vermisst, dass die Deckerinnerung nicht nur

durch ihren Inhalt, sondern auch durch Kontiguität in der Zeit mit dem

von ihr gedeckten Eindruck verknüpft ist, also die _gleichzeitige_ oder

_anstossende_ Deckerinnerung.

Ein wie grosser Teil unseres Gedächtnisschatzes in die Kategorie der

Deckerinnerungen gehört, und welche Rolle bei verschiedenen neurotischen

Denkvorgängen diesen zufällt, das sind Probleme, in deren Würdigung ich

weder dort eingegangen bin, noch hier eintreten werde. Es kommt mir nur

darauf an, die Gleichartigkeit zwischen dem Vergessen von Eigennamen mit

Fehlerinnern und der Bildung der Deckerinnerungen hervorzuheben.

Auf den ersten Anblick sind die Verschiedenheiten der beiden Phänomene

weit auffälliger als ihre etwaigen Analogien. Dort handelt es sich um

Eigennamen, hier um komplette Eindrücke, um entweder in der Realität

oder in Gedanken Erlebtes; dort um ein manifestes Versagen der

Erinnerungsfunktion, hier um eine Erinnerungsleistung, die uns

befremdend erscheint; dort um eine momentane Störung -- denn der eben

vergessene Name kann vorher hundert Male richtig reproduziert worden

sein und es von morgen an wieder werden --, hier um dauernden Besitz

ohne Ausfall, denn die indifferenten Kindheitserinnerungen scheinen uns

durch ein langes Stück unseres Lebens begleiten zu können. Das Rätsel

scheint in diesen beiden Fällen ganz anders orientiert zu sein. Dort ist

es das Vergessen, hier das Merken, was unsere wissenschaftliche

Neugierde rege macht. Nach einiger Vertiefung merkt man, dass trotz der

Verschiedenheit im psychischen Material und in der Zeitdauer der beiden

Phänomene die Übereinstimmungen weit überwiegen. Es handelt sich hier

wie dort um das Fehlgehen des Erinnerns; es wird nicht das vom

Gedächtnis reproduziert, was korrekterweise reproduziert werden sollte,

sondern etwas anderes zum Ersatz. Dem Falle des Namenvergessens fehlt

nicht die Gedächtnisleistung in der Form der Ersatznamen. Der Fall der

Deckerinnerungsbildung beruht auf dem Vergessen von anderen wesentlichen

Eindrücken. In beiden Fällen gibt uns eine intellektuelle Empfindung

Kunde von der Einmengung einer Störung, nur jedesmal in anderer Form.

Beim Namenvergessen _wissen_ wir, dass die Ersatznamen _falsch_ sind;

bei den Deckerinnerungen _verwundern_ wir uns, dass wir sie überhaupt

besitzen. Wenn dann die psychologische Analyse nachweist, dass die

Ersatzbildung in beiden Fällen auf die nämliche Weise durch Verschiebung

längs einer oberflächlichen Assoziation zustande gekommen ist, so tragen

gerade die Verschiedenheiten im Material, in der Zeitdauer und in der

Zentrierung der beiden Phänomene dazu bei, unsere Erwartung zu steigern,

dass wir etwas Wichtiges und Allgemeingiltiges aufgefunden haben. Dieses

Allgemeine würde lauten, dass das Versagen und Irregehen der

reproduzierenden Funktion weit häufiger, als wir vermuten, auf die

Einmengung eines parteiischen Faktors, einer _Tendenz_ hinweist, welche

die eine Erinnerung begünstigt, während sie einer anderen

entgegenzuarbeiten bemüht ist.

Zur Psychopathologie des Alltagslebens Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum · 第 12 / 19 题