Vergessen von fremdsprachigen Worten.
Der gebräuchliche Sprachschatz unserer eigenen Sprache scheint innerhalb
der Breite normaler Funktion gegen das Vergessen geschützt[1]. Anders
steht es bekanntlich mit den Vokabeln einer fremden Sprache. Die
Disposition zum Vergessen derselben ist für alle Redeteile vorhanden,
und ein erster Grad von Funktionsstörung zeigt sich in der
Ungleichmässigkeit unserer Verfügung über den fremden Sprachschatz, je
nach unserem Allgemeinbefinden und dem Grade unserer Ermüdung. Dieses
Vergessen geht in einer Reihe von Fällen nach demselben Mechanismus vor
sich, den uns das Beispiel: _Signorelli_ enthüllt hat. Ich werde zum
Beweise hierfür eine einzige, aber durch wertvolle Eigentümlichkeiten
ausgezeichnete Analyse mitteilen, die den Fall des Vergessens eines
nicht substantivischen Wortes aus einem lateinischen Zitat betrifft. Man
gestatte mir, den kleinen Vorfall breit und anschaulich vorzutragen.
Im letzten Sommer erneuerte ich -- wiederum auf der Ferienreise -- die
Bekanntschaft eines jungen Mannes von akademischer Bildung, der, wie ich
bald merkte, mit einigen meiner psychologischen Publikationen vertraut
war. Wir waren im Gespräch -- ich weiss nicht mehr wie -- auf die
soziale Lage des Volksstammes gekommen, dem wir beide angehören, und er,
der Ehrgeizige, erging sich in Bedauern darüber, dass seine Generation,
wie er sich äusserte, zur Verkümmerung bestimmt sei, ihre Talente nicht
entwickeln und ihre Bedürfnisse nicht befriedigen könne. Er schloss
seine leidenschaftlich bewegte Rede mit dem bekannten _Vergil_schen
Vers, in dem die unglückliche _Dido_ ihre Rache an _Äneas_ der Nachwelt
überträgt: Exoriare ...., vielmehr er wollte so schliessen, denn er
brachte das Zitat nicht zustande und suchte eine offenkundige Lücke der
Erinnerung durch Umstellung von Worten zu verdecken: Exoriar(e) ex
nostris ossibus ultor! Endlich sagte er geärgert: "Bitte machen Sie
nicht ein so spöttisches Gesicht, als ob Sie sich an meiner Verlegenheit
weiden würden, und helfen Sie mir lieber. An dem Vers fehlt etwas. Wie
heisst er eigentlich vollständig?"
Gerne, erwiderte ich und zitierte, wie es richtig lautet:
Exoriar(e) _aliquis_ nostris ex ossibus ultor!
"Zu dumm, ein solches Wort zu vergessen. Übrigens von Ihnen hört man ja,
dass man nichts ohne Grund vergisst. Ich wäre doch zu neugierig, zu
erfahren, wie ich zum Vergessen dieses unbestimmten Pronomen aliquis
komme."
Ich nahm diese Herausforderung bereitwilligst an, da ich einen Beitrag
zu meiner Sammlung erhoffte. Ich sagte also: Das können wir gleich
haben. Ich muss Sie nur bitten, mir _aufrichtig_ und _kritiklos_ alles
mitzuteilen, was Ihnen einfällt, wenn Sie ohne bestimmte Absicht Ihre
Aufmerksamkeit auf das vergessene Wort richten[2].
"Gut, also da komme ich auf den lächerlichen Einfall, mir das Wort in
folgender Art zu zerteilen: _a_ und _liquis_."
Was soll das? -- "Weiss ich nicht." -- Was fällt Ihnen weiter dazu ein?
-- "Das setzt sich so fort: _Reliquien_ -- _Liquidation_ --
_Flüssigkeit_ -- _Fluid_. Wissen Sie jetzt schon etwas?"
Nein, noch lange nicht. Aber fahren Sie fort.
"Ich denke," fuhr er höhnisch lachend fort, "an _Simon_ von _Trient_,
dessen Reliquien ich vor zwei Jahren in einer Kirche in Trient gesehen
habe. Ich denke an die Blutbeschuldigung, die gerade jetzt wieder gegen
die Juden erhoben wird, und an die Schrift von _Kleinpaul_, der in all
diesen angeblichen Opfern Inkarnationen, sozusagen Neuauflagen des
Heilands sieht."
Der Einfall ist nicht ganz ohne Zusammenhang mit dem Thema, über das
wir uns unterhielten, ehe Ihnen das lateinische Wort entfiel.
"Richtig. Ich denke ferner an einen Zeitungsartikel in einem
italienischen Journal, den ich kürzlich gelesen. Ich glaube, er war
überschrieben: Was der h. Augustinus über die Frauen sagt. Was machen
Sie damit?"
Ich warte.
"Also jetzt kommt etwas, was ganz gewiss ausser Zusammenhang mit unserem
Thema steht."