Die Memoiren des Blasierten

Aufzeichnungen über das eigene Leben zu machen, hielt ich nie für nötig.

Zwar ist ein Ding ebenso unwichtig wie das andere, und es macht nicht viel

aus, ob man Länder erobert oder betet oder Frauen umarmt oder Memoiren

schreibt. Zwar wußte ich auch schon früh, daß manche Dinge erst schmackhaft

werden, wenn man sich ihrer erinnert, und ich habe ja manches Trostlose und

Peinliche nur darum geduldig auf mich genommen. Aber doch wollte ich

Aufzeichnungen über mich nie machen; ich wollte es nicht, und darüber läßt

sich nicht weiter reden.

Jetzt will ich aber etwas tun für die Aufklärung der Menschen, die dies

lesen: auch eine Klagschrift will ich hiermit liefern.

Es muß geschehen, damit eine laute Stimme gegen den Feind ruft, der im

Dunkeln mordet, jahrhundertelang. Er wütet im Dunkeln und verstrickt uns.

Darum schreibe ich dies.

*

Ich war noch ziemlich jung, als ich zuerst von der Liebe hörte. Ich las von

ihr in Romanen, Gedichten, später bei manchen Philosophen. Die Quellen für

meine Kenntnis der Liebe waren recht verschieden: teils belehrten mich die

genannten weitschweifigen oder gehobenen Betrachtungen, teils die

Zeitungen, die mit ihrer täglichen Selbstmordchronik mir manchen

wünschenswerten Wink gaben.

Aber was man da behauptete, schien mir so sonderbar, daß ich es nicht

glaubte. Ich las von der Liebe wie von einer Nordpolexpedition oder dem

Überfall eines Eisenbahnzuges durch Indianer. Man sagte mir, daß ich auch

einmal lieben würde; aber bei dem Gedanken erfüllte mich Furcht und

Betrübnis wie vor einer Krankheit. Und ich konnte mich lange nicht bewegen,

mich ernsthaft mit der Liebe zu beschäftigen. Und so blieb ich fröhlich und

ruhigen Herzens.

*

Ein lebhafter Drang in mir ist der Bildungstrieb. Ihm danke ich viel Gutes

und Böses. Es schien mir nach einiger Zeit meinem Alter unangemessen, keine

Kenntnis von einer so weitverbreiteten menschlichen Tätigkeit wie der Liebe

zu besitzen und hinter meinen Altersgenossen zurückzustehen. So machte ich

mich auf die Suche nach der Liebe. Bei den Männern, an die ich mich wandte,

-- anerkannt vernünftigen Männern in leitenden Stellungen, zum Teil in

Ministerien, zum Teil in Fabriken und Banken, -- erregte ich ein Lächeln,

wenn ich sie nach der Liebe fragte. Einige sagten mir geradezu, es sei nur

eine müßige Rederei darum. Andere hielten die Liebe für eine Sache von

Leuten, die nichts zu tun haben, und überließen sie ihren halberwachsenen

Töchtern, die sich damit zu beschäftigen hatten, -- mit den Klassikern, dem

Klavierspielen und der Liebe.

Dies war, was ich von den Weltkundigen erfuhr. Als mir von ihnen nichts

weiter zuteil wurde, ging ich, niedergeschlagen über die widerspruchsvollen

Berichte, mit mir zu Rate und machte mich selber auf den Weg. Und dieser

Entschluß blieb von höchster Bedeutung für mein ganzes folgendes Leben. Ich

versetzte mich nach und nach auf die Liebe, ich wollte mich ein für allemal

mit ihr abfinden: es war mir ernst darum.

Es wurde mir gesagt, es handle sich bei der Liebe nicht um die eingeborene

Not des Mannes zum Weib, die mir nicht unbekannt war, sondern um viel

Höheres, Zartes, Feines, von dem man in den Worten der Prosa nicht sprechen

kann. Dieses schwer Beschreibbare zu finden machte ich mich auf den Weg.

Auf meinen Spaziergängen durch die Straßen, in verschiedenen Städten und

Ländern, betrachtete ich mit Fleiß die Menschen, die jungen und alten

Menschen, kleine Mädchen, Soldaten, Offiziere, Kommis.

Systematisch und mit großer Umsicht ging ich vor, um zu einem Verständnis

des fraglichen feinen Vorgangs zu gelangen. Ich suchte die Städte auf, in

denen die Liebe besonders hausen sollte, und ließ meinen Blick nicht von

den Menschen. Die Liebe mußte doch in irgend etwas Besonderem zum Ausdruck

kommen; und ich bemühte mich vergebens, dies aus der Menge herauszufinden.

Die Kleidung der Vorübergehenden, die Farbe ihrer Röcke, Blusen, Jacken,

habe ich im Besonderen durchmustert; aber ich fand nichts Auffälliges, und

mir wurde auch nicht klar, worin dies Besondere bestehen könnte, ob in

einer eigentümlichen Stiefelform oder einer spitzen Nase oder einer

Krawatte. Meine Freunde, denen ich meine Beobachtungen mitteilte, lachten

wie verrückt über mich, warfen stolz dunkle Bemerkungen hin wie »seelische

Sache, die man nicht sehen kann; fühlen, fühlen, dreimal fühlen«. Aber sie

waren oberflächlich, begnügten sich an diesen Worten und wußten nicht, daß

hier gerade mein Problem lag. Sollten sie mir ihre Gefühle bezeichnen, so

umschrieben sie immer teils ihre sehr einfache Not zum Weibe, teils

gebrauchten sie jene überzarten poetischen Wendungen, über die ich den Kopf

schüttelte.

Erfolglos war meine Suche gewesen und unbeirrt war ich meines Weges

gegangen. Aber durch die ewigen Anspannungen war ich aufgeregt geworden.

Ich fühlte mich unsicher und geängstigt. Schwächlich, wie ich war, fühlte

ich mich zurückgesetzt, -- so töricht war mein Herz, -- wie ein Krüppel

schlich ich herum und sah auf der Straße den Leuten bettelnd ins Gesicht.

Und so groß war das Unglück in mir, daß auch meiner Schwester, bei der ich

wohnte, meine schlaffe Haltung auffiel. Übrigens aß und trank ich, wie

sonst. Wie mich überhaupt alle Schwermut nicht um meinen Appetit brachte,

und ich immer meine Pflicht tat.

*

Ich habe eine natürliche Neigung zu den Frauen, zu allen Frauen, noch mehr

zu allem, was Frau ist. Es fiel mir schon ganz früh auf, daß ich einen

höflichen, ehrerbietigen Ton anzuschlagen pflegte, wenn ich zu kleinen

Mädchen, zu ganz kleinen Babys im Steckkissen sprach. Oft erregte ich bei

den Kindermädchen und den Ammen ein Gelächter, wenn ich mit meiner großen,

breiten Figur, elefantenhaft wie ich bin, an die Kinder herantrat, den

Zylinder vor den spielenden Mädchen abzog und so pappelnde Geschöpfe mit

»Sie« anredete. Wenn ich mich über sie bückte, überkam mich etwas wie

Scheu, Herzklopfen, und das Wasser lief mir im Munde zusammen, stromweis,

wie immer, wenn ich erregt bin. Ich bemühte mich, in vorteilhaftem Lichte

bei ihnen zu erscheinen; und um dies zu können, beschäftigte ich mich auch

viel mit Kinderpsychologie. Manchmal, wenn ich solchem säugenden Wurm in

die unbeweglichen blinden Kinderaugen sah, stieg ein dunkles Grauen in mir

auf, welche Gewalt hier schlummerte; und in meinen Fingern zuckte es, eine

entsetzensschwangere Zukunft im Keime zu ersticken.

Des Lachens über mich wird aber kein Ende sein, wenn ich gestehe, daß ich

auch den toten Dingen, welche die Sprache weiblich nennt, die Verehrung

entgegenbrachte. Allerdings nur in manchen Augenblicken. Ich betrachtete

oftmals in meinem Zimmer meine grüne Tischlampe mit Respekt, zog mich vor

ihr zurück, hütete mich, sie zu berühren; und abends legte ich gar ein

weißes Linnentuch über sie, weil ich mich beim Ausziehen vor ihr schämte.

Und so schlich ich auch manchmal unsicher um mein Spind herum und ehrte es

nach langem Zögern durch eine tiefe Verbeugung und mit verbindlichem

Lächeln; es hieß besser, so entschied ich mich: die Spind. Für mich hieß es

so.

Dunkler färbte sich später meine Neigung zu den Frauen. Es gibt nichts, das

so bemitleidenswert wäre, als eine Frau. Einmal sah ich, wie eine Hündin,

die langsam vor mir herlief, ihr Blut verlor, das bald tropfenweise, bald

dickfließend auf dem Straßenpflaster liegen blieb, wo die Hündin gelaufen

war. Die lange, unabsehbare Blutspur rührte, erschütterte mein Herz. Mir

traten die Tränen in die Augen, wenn ich Frauen ins Gesicht sah. Kaum daß

die jungen unbewußten Geschöpfe anfangen zu erstarken, überfällt sie ihr

Ungemach, unablässig wiederholt, und sie triefen vor Blut. Und ihr Blut

strömt, bis sie verwelken. Die Kindsnöte treten an sie heran, zerbrechen

ihren Leib und machen sie lahm vor der Zeit.

Gibt es nun ein Geschöpf, das elender wäre als eine Mutter? Ich kann mir

keinen Menschen denken, der so tief verwundbar wäre, wie eine Mutter in

ihrem Kinde. So preisgegeben und arm ist kein Wesen als eine Mutter.

Sollen nicht meine Worte weich im Munde werden, wenn ich zu Frauen spreche?

Aber ich hab solche Worte nie gesprochen; ein Dichter und Menschenkenner

würde vielleicht fragen warum. Vielleicht bin ich zu träge von Natur.

Oft begegneten mir doch Frauen, die mir auffielen, als ich auf der Suche

nach der Liebe war, denen ich glaubte, etwas sagen zu müssen; aber ich

rührte keinen Finger um sie. Ich sah ihnen verstohlen zu, beobachtete ihre

Bewegungen, ihre Art zu sprechen, zu lachen und zu blicken, und etwas wie

Bängnis drückte mir die Brust zusammen, drehte meine Augen von ihnen ab zur

Seite. Mit keinem Laut verriet ich mich ihnen, ja den leisen verträumten

Gedanken an sie verbot ich mir. Mir müssen, glaub ich, die Dinge zufallen,

die ich begehre, und auch dann würde ich mich scheuen sie aufzuheben.

Schamlos ist nicht nur das Entblößen des Leibes; jedes Wort, jede Bewegung

verrät uns. Und so drückt uns die Scham in den Erdboden hinein; keine

Rettung gibt es vor der Scham als den Tod. Und dennoch entblödete sich

meine Trägheit nicht, zu leben und weiterzuatmen wie ein Tier.

Oft lief ich unruhig vor jenen Frauen fort, weit in das Gebirge hinauf. Da

war Nebel, der mich auf Schritt und Tritt wie eine Kammer einschloß. Bei

jedem Windstoß sprang die Tür auf, und ich erquickte mich an den

Schluchten, dem Steigen und Fallen der weißen Luft. Oft schritt eine

geballte Säule aufrecht mitten durch das Tal und legte sich dann am Abhang

hin wie ein langhaariger Windhund mir zu Füßen.

Ich weinte auf meine Weise, ohne Tränen, darüber, daß ich die Liebe nicht

finden konnte.

*

Nachdem ich also mit leeren Händen von meinen Wegen zurückgekehrt war,

packte mich der Überdruß wilder, und ich zog auf die Frauen los,

entschlossen zu lieben.

Ich war umsonst die Menschen um Rat angegangen, hatte vergeblich nach den

Merkmalen der Liebe geforscht und mir die Augen krank gesehen; ich drang

jetzt zu den Quellen vor; ich bot mich selbst zum Versuch an.

An welches Mädchen ich mich aber wenden sollte, wußte ich zuerst nicht und

fragte meine Freunde. Sie sagten, daß dies nach alter Erfahrung im Grunde

gleichgültig sei und erzählten mir von einem Mädchen, das viel liebte, viel

geliebt wurde und sehr heroisch sein sollte.

Ich machte mich auf den Weg zu ihr; gewann Zutritt zu ihrer Wohnung, und

fragte sie zunächst entschieden, im Verfolg meiner früheren Untersuchungen,

nach dem objektiven Tatbestand der Liebe, mit dem Ernst, der sich für einen

Mann ziemt, woran die andern erkannten, daß sie viel liebte. Sie lächelte

heroisch.

Aber auf den Rat meiner Freunde sagte und tat ich an ihr einiges, was ich

oft zu beobachten Gelegenheit hatte; es gelang mir auch bald, in ihr

dadurch den Eindruck hervorzurufen, als ob ich sie liebe. Sie machte von

nun an in meiner Gegenwart die eigentümlichen Körperbewegungen, Gebärden

und Grimassen, die mit Liebe identisch sein müssen; respektive offenbar

deren Eigentümliches ausmachen. Leichtes Gleiten der Handflächen über meine

Wangen, oft wiederholt, nach Art des Staubwischens, Saugbewegung der Lippen

mit Speichelbenetzung meines Mundes, Knurren und Winseln der Stimme, enges

Pressen der eigenen Glieder im allgemeinen an die des Gegners. Dazu

stereotypes Wiederholen einiger gedankenloser Redensarten, später

Unsauberkeit und Sichgehenlassen, was ein hoher Beweis der Liebe sein soll.

Ich beobachtete diesen Zustand mit großem Interesse einige Zeitlang. Als

mich aber das Mädchen einmal, während sie sich in ähnlichen Bewegungen

erging, versicherte, daß ich sie liebe, -- wovon sie doch gar nichts wissen

konnte, -- fragte ich sie bestürzt, wie sie darauf käme und worauf sich

diese Behauptung stützte. Denn ich hatte nur den selbstverständlichen

Naturtrieb zu ihr bisweilen verspürt, auch öfter Erstaunen, Abneigung und

freundliche Überlegenheit. Schließlich bestritt ich es energisch. Worauf

denn andererseits die charakteristischen Bewegungen in meiner Gegenwart

aufhörten. Ich selbst habe diese Bewegungen nie unwillkürlich geübt,

sondern stets mit Absicht und Plan; das Mädchen aber nicht so. Bei anderen

Frauen, denen ich gegenüberstand, bemerkte ich den Liebesvorgang ganz

ähnlich. Mir war es widrig, mit diesem Weibsvolk umzugehen, aber das

Pflichtgefühl trieb mich. Der Vervollkommnungsdrang ist groß in mir. Immer

tat ich in der folgenden Zeit zu den Frauen alles, was ich je gelesen und

gehört hatte; sehr freundlich war ich zu ihnen. Ich küßte ihnen Mund und

Brüste und wartete mit viel Geduld, ob bei mir die Liebe kommen würde; ich

ließ auch einige unsittliche Redensarten fallen, wie es sich im Gespräch

mit jungen Damen ziemt. Aber trotzdem ich mich bei dieser Tätigkeit sehr

anstrengte, wartete ich vergeblich auf das einzigartige viel gerühmte

Empfinden. Unsäglich rieb ich mich auf. -- Ich berichte dies alles nur,

damit man sieht, daß ich ein Recht habe, hier diese Klagschrift zu

verfassen. Nichts habe ich unterlassen; so viele Wege bin ich gegangen; was

ich suchte, hätte mir begegnen müssen.

An jenen Frauen, die mich mit Bängnis erfüllten, ging ich auch in diesen

Tagen oft vorüber; und eine bemühte sich damals um mich und schickte mir

einen freundlichen Brief wegen meiner großen Traurigkeit. Ich wollte mich

ihr erst offenbaren und ihr schreiben, daß ich traurig sei, weil ich die

Liebe nicht finden kann. Dann dachte ich in meinem Arbeitseifer sogar, mit

ihr die Versuche anzustellen, aber mir schlug bei dem Gedanken das Herz bis

in die Kehle hinauf, die Brust war mir zusammengeschnürt, und ich hielt den

Atem an.

Es war doch aussichtlos. Ich hatte mich so lange vergebens bemüht.

*

Es wurde mir klar, daß die Frauen mir die Zeit stahlen. Jene anfängliche

Auskunft, daß die Liebe eine müßige Rederei sei, hatte mich nicht betrogen.

Ich schreibe eine Klag- und Warnschrift. Kann einer aufstehen und mir das

Recht dazu absprechen? Ich bin gesund und habe keinen Grund anzunehmen, daß

mir etwas versagt sein könnte. Ich war immer ein geschickter Mensch, der

sich wohl anstellte, selten etwas vergriff und überall eine flinke Hand

zeigte.

Und ich verstehe jetzt auch das Spiel der Frauen. Die Männer sind stärker

als die Frauen: sie könnten sie totschlagen und lassen sich von ihnen elend

machen. Durch die perfide Einrichtung der Liebe geschieht das. Die schützt

die Frauen. Dieses Lügenwort ist gewaltiger als eiserne Muskeln. Ich bin zu

vernünftig, um mich fangen zu lassen. Diese außerordentlich verderblichen

und hassenswerten Wesen machen die Männer zu Narren und zu Schauspielern.

Denn auch von den Männern, -- dies sag ich hell heraus, -- weiß niemand,

was die Liebe ist, von der ihr betrogener Geist redet. Keiner kennt die

Liebe, aber jeder spielt sie, aus Angst vor den Frauen. So mutlos hat die

Überlieferung die Männer gemacht, so gewaltig ist die Kraft des Betruges.

Es müßte von Staatswegen gegen die Liebe eingeschritten werden, wie gegen

den Alkohol und die Tuberkulose. Es müßte das natürliche Verhältnis

zwischen den Gegnern wieder hergestellt werden. Man bringe die Frauen zum

Schweigen. Ich bin für einen gutgeschulten Stamm von Dirnen; es ist für den

Augenblick ebenso nötig, Dirnenakademien zu errichten wie neue

Eisenbahnlinien anzulegen. Schweigen und Delikatesse sollte in den

Akademien gelehrt werden, dazu rasches Verständnis für einige Dinge,

lieblicher Gang, Stimmmodulation, Singen, aber auch Stöhnen und Lispeln.

Was jetzt einzelnen isoliert gehört von den Künsten des Leibes, könnten

viele lernen. Unendliche Massen von Energie bei den Männern würden damit

frei für andere, kulturfördernde Tätigkeit; die Kunst der Genüsse, von

einer Gemeinschaft und auserlesenen mit Sorgfalt gepflegt, würde in kurzer

Zeit eine unerhörte Blüte zeigen. Allmählich müßte die Liebe aus der Welt

gedrängt werden. Es ist wichtiger als die Bewegung der Frauen um das Brot

-- die Bewegung der Männer gegen die Liebe, gegen dieses schwere unwürdige

Joch. Das natürliche Verhältnis, wie ich mich oben ausdrückte, zwischen

Mann und Weib, muß wiederhergestellt werden.

Mit lauter Stimme rufe ich gegen den Feind, der im Dunkeln mordet. Schon

Jahrhundertelang.

*

Ich habe auf meiner Suche etwas gefunden: Das Aufwaschmädchen in dem Hotel,

wo ich wohne. Sie ist bucklig, ein dickes quadratisches Gesicht mit

hündischen Augen und aufgeworfenen Lippen. Ich habe etwas ähnliches von

liederlichem Gang und verwahrloster Kleidung nie gesehen.

Wenn sie mich auf dem Korridor sieht, während sie in der Küche mit hoch

aufgekrämpelten Ärmeln vor der Wanne steht, wulsten sich ihre Lippen, sie

reibt sich mit dem linken Handrücken die aufgestellte Nase und grinst.

Die Frauen sind alle gleich.

Es setzte mich erst in Erstaunen, dieses Grinsen, daß mich etwas wie

Bitterkeit überkam, Bitterkeit, -- nein, es ist nicht das rechte Wort: Wut

und Schmerz. Ich drohte ihr mit den Fäusten, als sie lachte, und stürzte

auf sie zu. Was dachte sie von mir? Ich bin ein freier Mann. Die Frauen

sind alle gleich. Entweder sie lächeln mich an, so daß ich Lust habe, ihnen

ins Gesicht zu schlagen, oder sie werfen um sich jenes zeitraubende,

wortreiche Wesen, als ob es sich um die Erteilung des heiligen Sakramentes

handle: sie spielen die Liebe, die schlauen Sklavinnen, die verlogenen

Herrinnen durchschaue ich. Ich durchrieche sie, durch alle Parfüms

durchrieche ich sie. Jeder, der eine Nacht bei einem Frauenzimmer

zugebracht hat, -- ich will ganz deutlich sprechen, -- weiß, was ich meine;

er kennt den eigentümlich scharfen abscheulichen Geruch, der um ein Weib

liegt; die Sklavinnen sind gebrandmarkt von Natur. Diesen Dunst nun roch

ich gleich, als ich neben ihr stand, neben dem Waschmädchen. Sie war echt.

Mir floß das Wasser im Munde zusammen: die Frauen bereiten mir Übelkeiten.

Ich habe sie in der Küche hinter mir her auf mein Zimmer gezogen, weil ich

nicht wußte, was anderes nach diesem Lächeln mit ihr geschehen sollte. In

meinem Zimmer aber warf ich sie hin. Sie wand sich: sie verriet das Weib an

mich. An der Quintessenz der Frau, an dem niedrigsten Weibe schmauste ich

mit höhnenden Worten, und schändete sie. Wie lache ich über die Liebe! Die

Frauen zogen in meinen Gedanken an mir vorüber, die ich kannte, die ich

verehrt wußte, auch die mich in Bängnis versetzten: -- die schlanke, mit

dem blonden hochgekämmten Haar, -- die zarte, leicht schwindsüchtige, oh

sie trug eine schwarze niedrige Pelzmütze, -- die stolzen Tiere zogen an

mir vorüber. Ich saß in meinem Winkel mit dem Waschmädchen und schändete

all die schlafenden. Sie konnten mich nicht sehen, konnten mir das stumpfe,

ahnungslose Geschöpf nicht entreißen und sich vor der Schande retten.

Oh wie bin ich fromm; ich bin sehr fromm.

Als das Mädchen zu mir zutraulich wurde, geriet ich in eine maßlose, ganz

furchtbare Wut, warf sie zur Tür hinaus und stieß mit der Hacke in ihr

breites Gesäß. So wütend war ich. Ich habe sie auch später angeschrien, ihr

gedroht, sie verzweifelt geohrfeigt und an ihren Haaren gerissen, ohne eine

Freude und Erleichterung dabei zu fühlen. Aber meist weinte ich nachts

stundenlang in meiner Weise, ohne Tränen, an ihrer Brust.

*

Die Bilder an der Wand. Ich gehe kühl an ihnen vorüber. In welchen Krämpfen

hat sich dieser Mann gewälzt, als er das Bild malte. Und die Musik. Ich

halte mir die Ohren zu. Wie teilnahmslos ich geworden bin; wie tief sich,

was ich gelernt habe, in meine Brust eingegraben hat. Ich schäme mich für

diese Männer. Sind alle besiegt; sind betrogen, und aus ihrer Tugend haben

sie eine Not gemacht, die Not zum Weibe. Sollten die Weiber im Kampfe

hinschmettern und tänzeln zahm. Vergiftetes Blut fließt in ihren Adern.

Mein Blut ist rein, ist rein.

*

Ich laufe über die Berge.

Sie stehen glänzend da im Morgenlichte.

Der Schnee überbürdet sie. Der Schneeberg steht da wie eine Braut, will

gelobt sein.

Ich laufe über ihn hin. Von allen Seiten, von allen Ästen brechen die

glitzernden Zapfen auf mich herunter, reißen mir den Hut vom Kopf, fahren

mir in den Nacken. Der Schnee liegt hoch; ich sinke schon bis zu den Knieen

ein.

Wie's mich freut, daß alle Reichtümer und Schönheiten vor mir ausgebreitet

liegen, und ich mit meinen blinden Hacken kann auf sie trampeln.

Ich habe mich sonderbar verändert, seitdem ich auf die Menschen ausgezogen

bin. Ich hab mich wohl verrannt darin.

Oh mich ekelt's vor den Menschen.

Ich hasse die Weiber; ich hasse, hasse, hasse sie, daß ich weinen könnte,

vor Wut über sie, über die Hündinnen, die verfluchten. Die Irren beneide

ich; sie glauben doch noch an ihre Halluzinationen. Mich treibt nichts mehr

zu arbeiten, nichts mehr zu lachen, nichts mehr zu atmen.

Mich deucht, als hätten sie mich verdorben. So haben sie mich doch noch

vergiftet.

Mir ist so angst. Ich mag nur laufen. Mein Gott, so hilf mir.

Ich laufe durch den Schnee.

Nun weiß ich, daß ich mich verlaufen habe.

Gelt, ich setz mich in den weichen Schnee. Komm ich herunter, komm ich

nicht herunter? Ich will's an meinen Knöpfen abzählen. Der süße Schnee.

Mein Gott, hilf meiner kranken Seele bald.

Die Ermordung einer Butterblume und andere Erzählungen · 第 21 / 22 题