Aufzeichnungen über das eigene Leben zu machen, hielt ich nie für nötig.
Zwar ist ein Ding ebenso unwichtig wie das andere, und es macht nicht viel
aus, ob man Länder erobert oder betet oder Frauen umarmt oder Memoiren
schreibt. Zwar wußte ich auch schon früh, daß manche Dinge erst schmackhaft
werden, wenn man sich ihrer erinnert, und ich habe ja manches Trostlose und
Peinliche nur darum geduldig auf mich genommen. Aber doch wollte ich
Aufzeichnungen über mich nie machen; ich wollte es nicht, und darüber läßt
sich nicht weiter reden.
Jetzt will ich aber etwas tun für die Aufklärung der Menschen, die dies
lesen: auch eine Klagschrift will ich hiermit liefern.
Es muß geschehen, damit eine laute Stimme gegen den Feind ruft, der im
Dunkeln mordet, jahrhundertelang. Er wütet im Dunkeln und verstrickt uns.
Darum schreibe ich dies.
*
Ich war noch ziemlich jung, als ich zuerst von der Liebe hörte. Ich las von
ihr in Romanen, Gedichten, später bei manchen Philosophen. Die Quellen für
meine Kenntnis der Liebe waren recht verschieden: teils belehrten mich die
genannten weitschweifigen oder gehobenen Betrachtungen, teils die
Zeitungen, die mit ihrer täglichen Selbstmordchronik mir manchen
wünschenswerten Wink gaben.
Aber was man da behauptete, schien mir so sonderbar, daß ich es nicht
glaubte. Ich las von der Liebe wie von einer Nordpolexpedition oder dem
Überfall eines Eisenbahnzuges durch Indianer. Man sagte mir, daß ich auch
einmal lieben würde; aber bei dem Gedanken erfüllte mich Furcht und
Betrübnis wie vor einer Krankheit. Und ich konnte mich lange nicht bewegen,
mich ernsthaft mit der Liebe zu beschäftigen. Und so blieb ich fröhlich und
ruhigen Herzens.
*
Ein lebhafter Drang in mir ist der Bildungstrieb. Ihm danke ich viel Gutes
und Böses. Es schien mir nach einiger Zeit meinem Alter unangemessen, keine
Kenntnis von einer so weitverbreiteten menschlichen Tätigkeit wie der Liebe
zu besitzen und hinter meinen Altersgenossen zurückzustehen. So machte ich
mich auf die Suche nach der Liebe. Bei den Männern, an die ich mich wandte,
-- anerkannt vernünftigen Männern in leitenden Stellungen, zum Teil in
Ministerien, zum Teil in Fabriken und Banken, -- erregte ich ein Lächeln,
wenn ich sie nach der Liebe fragte. Einige sagten mir geradezu, es sei nur
eine müßige Rederei darum. Andere hielten die Liebe für eine Sache von
Leuten, die nichts zu tun haben, und überließen sie ihren halberwachsenen
Töchtern, die sich damit zu beschäftigen hatten, -- mit den Klassikern, dem
Klavierspielen und der Liebe.
Dies war, was ich von den Weltkundigen erfuhr. Als mir von ihnen nichts
weiter zuteil wurde, ging ich, niedergeschlagen über die widerspruchsvollen
Berichte, mit mir zu Rate und machte mich selber auf den Weg. Und dieser
Entschluß blieb von höchster Bedeutung für mein ganzes folgendes Leben. Ich
versetzte mich nach und nach auf die Liebe, ich wollte mich ein für allemal
mit ihr abfinden: es war mir ernst darum.
Es wurde mir gesagt, es handle sich bei der Liebe nicht um die eingeborene
Not des Mannes zum Weib, die mir nicht unbekannt war, sondern um viel
Höheres, Zartes, Feines, von dem man in den Worten der Prosa nicht sprechen
kann. Dieses schwer Beschreibbare zu finden machte ich mich auf den Weg.
Auf meinen Spaziergängen durch die Straßen, in verschiedenen Städten und
Ländern, betrachtete ich mit Fleiß die Menschen, die jungen und alten
Menschen, kleine Mädchen, Soldaten, Offiziere, Kommis.
Systematisch und mit großer Umsicht ging ich vor, um zu einem Verständnis
des fraglichen feinen Vorgangs zu gelangen. Ich suchte die Städte auf, in
denen die Liebe besonders hausen sollte, und ließ meinen Blick nicht von
den Menschen. Die Liebe mußte doch in irgend etwas Besonderem zum Ausdruck
kommen; und ich bemühte mich vergebens, dies aus der Menge herauszufinden.
Die Kleidung der Vorübergehenden, die Farbe ihrer Röcke, Blusen, Jacken,
habe ich im Besonderen durchmustert; aber ich fand nichts Auffälliges, und
mir wurde auch nicht klar, worin dies Besondere bestehen könnte, ob in
einer eigentümlichen Stiefelform oder einer spitzen Nase oder einer
Krawatte. Meine Freunde, denen ich meine Beobachtungen mitteilte, lachten
wie verrückt über mich, warfen stolz dunkle Bemerkungen hin wie »seelische
Sache, die man nicht sehen kann; fühlen, fühlen, dreimal fühlen«. Aber sie
waren oberflächlich, begnügten sich an diesen Worten und wußten nicht, daß
hier gerade mein Problem lag. Sollten sie mir ihre Gefühle bezeichnen, so
umschrieben sie immer teils ihre sehr einfache Not zum Weibe, teils
gebrauchten sie jene überzarten poetischen Wendungen, über die ich den Kopf
schüttelte.
Erfolglos war meine Suche gewesen und unbeirrt war ich meines Weges
gegangen. Aber durch die ewigen Anspannungen war ich aufgeregt geworden.
Ich fühlte mich unsicher und geängstigt. Schwächlich, wie ich war, fühlte
ich mich zurückgesetzt, -- so töricht war mein Herz, -- wie ein Krüppel
schlich ich herum und sah auf der Straße den Leuten bettelnd ins Gesicht.
Und so groß war das Unglück in mir, daß auch meiner Schwester, bei der ich
wohnte, meine schlaffe Haltung auffiel. Übrigens aß und trank ich, wie
sonst. Wie mich überhaupt alle Schwermut nicht um meinen Appetit brachte,
und ich immer meine Pflicht tat.
*
Ich habe eine natürliche Neigung zu den Frauen, zu allen Frauen, noch mehr
zu allem, was Frau ist. Es fiel mir schon ganz früh auf, daß ich einen
höflichen, ehrerbietigen Ton anzuschlagen pflegte, wenn ich zu kleinen
Mädchen, zu ganz kleinen Babys im Steckkissen sprach. Oft erregte ich bei
den Kindermädchen und den Ammen ein Gelächter, wenn ich mit meiner großen,
breiten Figur, elefantenhaft wie ich bin, an die Kinder herantrat, den
Zylinder vor den spielenden Mädchen abzog und so pappelnde Geschöpfe mit
»Sie« anredete. Wenn ich mich über sie bückte, überkam mich etwas wie
Scheu, Herzklopfen, und das Wasser lief mir im Munde zusammen, stromweis,
wie immer, wenn ich erregt bin. Ich bemühte mich, in vorteilhaftem Lichte
bei ihnen zu erscheinen; und um dies zu können, beschäftigte ich mich auch
viel mit Kinderpsychologie. Manchmal, wenn ich solchem säugenden Wurm in
die unbeweglichen blinden Kinderaugen sah, stieg ein dunkles Grauen in mir
auf, welche Gewalt hier schlummerte; und in meinen Fingern zuckte es, eine
entsetzensschwangere Zukunft im Keime zu ersticken.
Des Lachens über mich wird aber kein Ende sein, wenn ich gestehe, daß ich
auch den toten Dingen, welche die Sprache weiblich nennt, die Verehrung
entgegenbrachte. Allerdings nur in manchen Augenblicken. Ich betrachtete
oftmals in meinem Zimmer meine grüne Tischlampe mit Respekt, zog mich vor
ihr zurück, hütete mich, sie zu berühren; und abends legte ich gar ein
weißes Linnentuch über sie, weil ich mich beim Ausziehen vor ihr schämte.
Und so schlich ich auch manchmal unsicher um mein Spind herum und ehrte es
nach langem Zögern durch eine tiefe Verbeugung und mit verbindlichem
Lächeln; es hieß besser, so entschied ich mich: die Spind. Für mich hieß es
so.
Dunkler färbte sich später meine Neigung zu den Frauen. Es gibt nichts, das
so bemitleidenswert wäre, als eine Frau. Einmal sah ich, wie eine Hündin,
die langsam vor mir herlief, ihr Blut verlor, das bald tropfenweise, bald
dickfließend auf dem Straßenpflaster liegen blieb, wo die Hündin gelaufen
war. Die lange, unabsehbare Blutspur rührte, erschütterte mein Herz. Mir
traten die Tränen in die Augen, wenn ich Frauen ins Gesicht sah. Kaum daß
die jungen unbewußten Geschöpfe anfangen zu erstarken, überfällt sie ihr
Ungemach, unablässig wiederholt, und sie triefen vor Blut. Und ihr Blut
strömt, bis sie verwelken. Die Kindsnöte treten an sie heran, zerbrechen
ihren Leib und machen sie lahm vor der Zeit.
Gibt es nun ein Geschöpf, das elender wäre als eine Mutter? Ich kann mir
keinen Menschen denken, der so tief verwundbar wäre, wie eine Mutter in
ihrem Kinde. So preisgegeben und arm ist kein Wesen als eine Mutter.
Sollen nicht meine Worte weich im Munde werden, wenn ich zu Frauen spreche?
Aber ich hab solche Worte nie gesprochen; ein Dichter und Menschenkenner
würde vielleicht fragen warum. Vielleicht bin ich zu träge von Natur.
Oft begegneten mir doch Frauen, die mir auffielen, als ich auf der Suche
nach der Liebe war, denen ich glaubte, etwas sagen zu müssen; aber ich
rührte keinen Finger um sie. Ich sah ihnen verstohlen zu, beobachtete ihre
Bewegungen, ihre Art zu sprechen, zu lachen und zu blicken, und etwas wie
Bängnis drückte mir die Brust zusammen, drehte meine Augen von ihnen ab zur
Seite. Mit keinem Laut verriet ich mich ihnen, ja den leisen verträumten
Gedanken an sie verbot ich mir. Mir müssen, glaub ich, die Dinge zufallen,
die ich begehre, und auch dann würde ich mich scheuen sie aufzuheben.
Schamlos ist nicht nur das Entblößen des Leibes; jedes Wort, jede Bewegung
verrät uns. Und so drückt uns die Scham in den Erdboden hinein; keine
Rettung gibt es vor der Scham als den Tod. Und dennoch entblödete sich
meine Trägheit nicht, zu leben und weiterzuatmen wie ein Tier.
Oft lief ich unruhig vor jenen Frauen fort, weit in das Gebirge hinauf. Da
war Nebel, der mich auf Schritt und Tritt wie eine Kammer einschloß. Bei
jedem Windstoß sprang die Tür auf, und ich erquickte mich an den
Schluchten, dem Steigen und Fallen der weißen Luft. Oft schritt eine
geballte Säule aufrecht mitten durch das Tal und legte sich dann am Abhang
hin wie ein langhaariger Windhund mir zu Füßen.
Ich weinte auf meine Weise, ohne Tränen, darüber, daß ich die Liebe nicht
finden konnte.
*
Nachdem ich also mit leeren Händen von meinen Wegen zurückgekehrt war,
packte mich der Überdruß wilder, und ich zog auf die Frauen los,
entschlossen zu lieben.
Ich war umsonst die Menschen um Rat angegangen, hatte vergeblich nach den
Merkmalen der Liebe geforscht und mir die Augen krank gesehen; ich drang
jetzt zu den Quellen vor; ich bot mich selbst zum Versuch an.
An welches Mädchen ich mich aber wenden sollte, wußte ich zuerst nicht und
fragte meine Freunde. Sie sagten, daß dies nach alter Erfahrung im Grunde
gleichgültig sei und erzählten mir von einem Mädchen, das viel liebte, viel
geliebt wurde und sehr heroisch sein sollte.
Ich machte mich auf den Weg zu ihr; gewann Zutritt zu ihrer Wohnung, und
fragte sie zunächst entschieden, im Verfolg meiner früheren Untersuchungen,
nach dem objektiven Tatbestand der Liebe, mit dem Ernst, der sich für einen
Mann ziemt, woran die andern erkannten, daß sie viel liebte. Sie lächelte
heroisch.
Aber auf den Rat meiner Freunde sagte und tat ich an ihr einiges, was ich
oft zu beobachten Gelegenheit hatte; es gelang mir auch bald, in ihr
dadurch den Eindruck hervorzurufen, als ob ich sie liebe. Sie machte von
nun an in meiner Gegenwart die eigentümlichen Körperbewegungen, Gebärden
und Grimassen, die mit Liebe identisch sein müssen; respektive offenbar
deren Eigentümliches ausmachen. Leichtes Gleiten der Handflächen über meine
Wangen, oft wiederholt, nach Art des Staubwischens, Saugbewegung der Lippen
mit Speichelbenetzung meines Mundes, Knurren und Winseln der Stimme, enges
Pressen der eigenen Glieder im allgemeinen an die des Gegners. Dazu
stereotypes Wiederholen einiger gedankenloser Redensarten, später
Unsauberkeit und Sichgehenlassen, was ein hoher Beweis der Liebe sein soll.
Ich beobachtete diesen Zustand mit großem Interesse einige Zeitlang. Als
mich aber das Mädchen einmal, während sie sich in ähnlichen Bewegungen
erging, versicherte, daß ich sie liebe, -- wovon sie doch gar nichts wissen
konnte, -- fragte ich sie bestürzt, wie sie darauf käme und worauf sich
diese Behauptung stützte. Denn ich hatte nur den selbstverständlichen
Naturtrieb zu ihr bisweilen verspürt, auch öfter Erstaunen, Abneigung und
freundliche Überlegenheit. Schließlich bestritt ich es energisch. Worauf
denn andererseits die charakteristischen Bewegungen in meiner Gegenwart
aufhörten. Ich selbst habe diese Bewegungen nie unwillkürlich geübt,
sondern stets mit Absicht und Plan; das Mädchen aber nicht so. Bei anderen
Frauen, denen ich gegenüberstand, bemerkte ich den Liebesvorgang ganz
ähnlich. Mir war es widrig, mit diesem Weibsvolk umzugehen, aber das
Pflichtgefühl trieb mich. Der Vervollkommnungsdrang ist groß in mir. Immer
tat ich in der folgenden Zeit zu den Frauen alles, was ich je gelesen und
gehört hatte; sehr freundlich war ich zu ihnen. Ich küßte ihnen Mund und
Brüste und wartete mit viel Geduld, ob bei mir die Liebe kommen würde; ich
ließ auch einige unsittliche Redensarten fallen, wie es sich im Gespräch
mit jungen Damen ziemt. Aber trotzdem ich mich bei dieser Tätigkeit sehr
anstrengte, wartete ich vergeblich auf das einzigartige viel gerühmte
Empfinden. Unsäglich rieb ich mich auf. -- Ich berichte dies alles nur,
damit man sieht, daß ich ein Recht habe, hier diese Klagschrift zu
verfassen. Nichts habe ich unterlassen; so viele Wege bin ich gegangen; was
ich suchte, hätte mir begegnen müssen.
An jenen Frauen, die mich mit Bängnis erfüllten, ging ich auch in diesen
Tagen oft vorüber; und eine bemühte sich damals um mich und schickte mir
einen freundlichen Brief wegen meiner großen Traurigkeit. Ich wollte mich
ihr erst offenbaren und ihr schreiben, daß ich traurig sei, weil ich die
Liebe nicht finden kann. Dann dachte ich in meinem Arbeitseifer sogar, mit
ihr die Versuche anzustellen, aber mir schlug bei dem Gedanken das Herz bis
in die Kehle hinauf, die Brust war mir zusammengeschnürt, und ich hielt den
Atem an.
Es war doch aussichtlos. Ich hatte mich so lange vergebens bemüht.
*
Es wurde mir klar, daß die Frauen mir die Zeit stahlen. Jene anfängliche
Auskunft, daß die Liebe eine müßige Rederei sei, hatte mich nicht betrogen.
Ich schreibe eine Klag- und Warnschrift. Kann einer aufstehen und mir das
Recht dazu absprechen? Ich bin gesund und habe keinen Grund anzunehmen, daß
mir etwas versagt sein könnte. Ich war immer ein geschickter Mensch, der
sich wohl anstellte, selten etwas vergriff und überall eine flinke Hand
zeigte.
Und ich verstehe jetzt auch das Spiel der Frauen. Die Männer sind stärker
als die Frauen: sie könnten sie totschlagen und lassen sich von ihnen elend
machen. Durch die perfide Einrichtung der Liebe geschieht das. Die schützt
die Frauen. Dieses Lügenwort ist gewaltiger als eiserne Muskeln. Ich bin zu
vernünftig, um mich fangen zu lassen. Diese außerordentlich verderblichen
und hassenswerten Wesen machen die Männer zu Narren und zu Schauspielern.
Denn auch von den Männern, -- dies sag ich hell heraus, -- weiß niemand,
was die Liebe ist, von der ihr betrogener Geist redet. Keiner kennt die
Liebe, aber jeder spielt sie, aus Angst vor den Frauen. So mutlos hat die
Überlieferung die Männer gemacht, so gewaltig ist die Kraft des Betruges.
Es müßte von Staatswegen gegen die Liebe eingeschritten werden, wie gegen
den Alkohol und die Tuberkulose. Es müßte das natürliche Verhältnis
zwischen den Gegnern wieder hergestellt werden. Man bringe die Frauen zum
Schweigen. Ich bin für einen gutgeschulten Stamm von Dirnen; es ist für den
Augenblick ebenso nötig, Dirnenakademien zu errichten wie neue
Eisenbahnlinien anzulegen. Schweigen und Delikatesse sollte in den
Akademien gelehrt werden, dazu rasches Verständnis für einige Dinge,
lieblicher Gang, Stimmmodulation, Singen, aber auch Stöhnen und Lispeln.
Was jetzt einzelnen isoliert gehört von den Künsten des Leibes, könnten
viele lernen. Unendliche Massen von Energie bei den Männern würden damit
frei für andere, kulturfördernde Tätigkeit; die Kunst der Genüsse, von
einer Gemeinschaft und auserlesenen mit Sorgfalt gepflegt, würde in kurzer
Zeit eine unerhörte Blüte zeigen. Allmählich müßte die Liebe aus der Welt
gedrängt werden. Es ist wichtiger als die Bewegung der Frauen um das Brot
-- die Bewegung der Männer gegen die Liebe, gegen dieses schwere unwürdige
Joch. Das natürliche Verhältnis, wie ich mich oben ausdrückte, zwischen
Mann und Weib, muß wiederhergestellt werden.
Mit lauter Stimme rufe ich gegen den Feind, der im Dunkeln mordet. Schon
Jahrhundertelang.
*
Ich habe auf meiner Suche etwas gefunden: Das Aufwaschmädchen in dem Hotel,
wo ich wohne. Sie ist bucklig, ein dickes quadratisches Gesicht mit
hündischen Augen und aufgeworfenen Lippen. Ich habe etwas ähnliches von
liederlichem Gang und verwahrloster Kleidung nie gesehen.
Wenn sie mich auf dem Korridor sieht, während sie in der Küche mit hoch
aufgekrämpelten Ärmeln vor der Wanne steht, wulsten sich ihre Lippen, sie
reibt sich mit dem linken Handrücken die aufgestellte Nase und grinst.
Die Frauen sind alle gleich.
Es setzte mich erst in Erstaunen, dieses Grinsen, daß mich etwas wie
Bitterkeit überkam, Bitterkeit, -- nein, es ist nicht das rechte Wort: Wut
und Schmerz. Ich drohte ihr mit den Fäusten, als sie lachte, und stürzte
auf sie zu. Was dachte sie von mir? Ich bin ein freier Mann. Die Frauen
sind alle gleich. Entweder sie lächeln mich an, so daß ich Lust habe, ihnen
ins Gesicht zu schlagen, oder sie werfen um sich jenes zeitraubende,
wortreiche Wesen, als ob es sich um die Erteilung des heiligen Sakramentes
handle: sie spielen die Liebe, die schlauen Sklavinnen, die verlogenen
Herrinnen durchschaue ich. Ich durchrieche sie, durch alle Parfüms
durchrieche ich sie. Jeder, der eine Nacht bei einem Frauenzimmer
zugebracht hat, -- ich will ganz deutlich sprechen, -- weiß, was ich meine;
er kennt den eigentümlich scharfen abscheulichen Geruch, der um ein Weib
liegt; die Sklavinnen sind gebrandmarkt von Natur. Diesen Dunst nun roch
ich gleich, als ich neben ihr stand, neben dem Waschmädchen. Sie war echt.
Mir floß das Wasser im Munde zusammen: die Frauen bereiten mir Übelkeiten.
Ich habe sie in der Küche hinter mir her auf mein Zimmer gezogen, weil ich
nicht wußte, was anderes nach diesem Lächeln mit ihr geschehen sollte. In
meinem Zimmer aber warf ich sie hin. Sie wand sich: sie verriet das Weib an
mich. An der Quintessenz der Frau, an dem niedrigsten Weibe schmauste ich
mit höhnenden Worten, und schändete sie. Wie lache ich über die Liebe! Die
Frauen zogen in meinen Gedanken an mir vorüber, die ich kannte, die ich
verehrt wußte, auch die mich in Bängnis versetzten: -- die schlanke, mit
dem blonden hochgekämmten Haar, -- die zarte, leicht schwindsüchtige, oh
sie trug eine schwarze niedrige Pelzmütze, -- die stolzen Tiere zogen an
mir vorüber. Ich saß in meinem Winkel mit dem Waschmädchen und schändete
all die schlafenden. Sie konnten mich nicht sehen, konnten mir das stumpfe,
ahnungslose Geschöpf nicht entreißen und sich vor der Schande retten.
Oh wie bin ich fromm; ich bin sehr fromm.
Als das Mädchen zu mir zutraulich wurde, geriet ich in eine maßlose, ganz
furchtbare Wut, warf sie zur Tür hinaus und stieß mit der Hacke in ihr
breites Gesäß. So wütend war ich. Ich habe sie auch später angeschrien, ihr
gedroht, sie verzweifelt geohrfeigt und an ihren Haaren gerissen, ohne eine
Freude und Erleichterung dabei zu fühlen. Aber meist weinte ich nachts
stundenlang in meiner Weise, ohne Tränen, an ihrer Brust.
*
Die Bilder an der Wand. Ich gehe kühl an ihnen vorüber. In welchen Krämpfen
hat sich dieser Mann gewälzt, als er das Bild malte. Und die Musik. Ich
halte mir die Ohren zu. Wie teilnahmslos ich geworden bin; wie tief sich,
was ich gelernt habe, in meine Brust eingegraben hat. Ich schäme mich für
diese Männer. Sind alle besiegt; sind betrogen, und aus ihrer Tugend haben
sie eine Not gemacht, die Not zum Weibe. Sollten die Weiber im Kampfe
hinschmettern und tänzeln zahm. Vergiftetes Blut fließt in ihren Adern.
Mein Blut ist rein, ist rein.
*
Ich laufe über die Berge.
Sie stehen glänzend da im Morgenlichte.
Der Schnee überbürdet sie. Der Schneeberg steht da wie eine Braut, will
gelobt sein.
Ich laufe über ihn hin. Von allen Seiten, von allen Ästen brechen die
glitzernden Zapfen auf mich herunter, reißen mir den Hut vom Kopf, fahren
mir in den Nacken. Der Schnee liegt hoch; ich sinke schon bis zu den Knieen
ein.
Wie's mich freut, daß alle Reichtümer und Schönheiten vor mir ausgebreitet
liegen, und ich mit meinen blinden Hacken kann auf sie trampeln.
Ich habe mich sonderbar verändert, seitdem ich auf die Menschen ausgezogen
bin. Ich hab mich wohl verrannt darin.
Oh mich ekelt's vor den Menschen.
Ich hasse die Weiber; ich hasse, hasse, hasse sie, daß ich weinen könnte,
vor Wut über sie, über die Hündinnen, die verfluchten. Die Irren beneide
ich; sie glauben doch noch an ihre Halluzinationen. Mich treibt nichts mehr
zu arbeiten, nichts mehr zu lachen, nichts mehr zu atmen.
Mich deucht, als hätten sie mich verdorben. So haben sie mich doch noch
vergiftet.
Mir ist so angst. Ich mag nur laufen. Mein Gott, so hilf mir.
Ich laufe durch den Schnee.
Nun weiß ich, daß ich mich verlaufen habe.
Gelt, ich setz mich in den weichen Schnee. Komm ich herunter, komm ich
nicht herunter? Ich will's an meinen Knöpfen abzählen. Der süße Schnee.
Mein Gott, hilf meiner kranken Seele bald.