Parterregymnastiker.«

Dr. Converdon antwortete nach einer knappen Stunde Herrn Paul Wheatstren,

Parterregymnastiker. Er bestätigte den Empfang des freundlichen Briefes vom

Heutigen, dankte für die gütige Festsetzung des Todes, bat um umgehende

Zusendung des Automobils, das er sachgemäß instandhalten werde.

Die erste Fahrt, die Dr. Converdon mit dem Wagen machte, war hinaus auf die

Landvilla des Akrobaten, um mit ihm zu verabreden, daß von den kommenden

Geschehnissen nichts zu Ohren Merys gelange. Wheatstren empfing ihn, ein

untersetzter, breitschultriger Mann mit viereckigem, geröteten Gesicht,

Ende dreißig, gewöhnliche Züge, aber klare, ruhige Augen. Er schüttelte dem

Doktor lachend die Hand, erklärte ihm, wie er sich freue, seine schöne Frau

kennen gelernt zu haben und ihren ehrenwerten Gatten.

Er hoffe mit Frau Mery glückliche Stunden zu verleben. Sie setzten sich bei

einem Glas Wein hin. Wheatstren versäumte nicht, nach dem ersten Glase

schonend zu bemerken, daß an dem baldigen Ableben seines Gastes die Dame

nicht schuld sei, und er auch nicht; vielmehr ergäbe sich das Ableben von

selbst bei der Sachlage, und so wäre es auch vernünftig, den Selbstmord am

fünfundzwanzigsten in voller Öffentlichkeit, wie jede andere schickliche

Handlung zu vollziehen. Dr. Converdon trat bei dem zweiten Glase mit

gezogenem Revolver auf seinen erstaunten Wirt zu und besprach mit ihm die

Möglichkeit, ihm selbst eine Kugel in das rechte Auge zu schießen und zwar

jetzt gleich; dies sei vorteilhaft darum, weil jener keine Waffe trüge und

er auf seinen Browning gut eingeschossen sei. Der andere bestätigte ohne

Überlegung die Möglichkeit eines solchen Verlaufs, fügte aber mit

überlegenem Lächeln hinzu, ohne sich auf seinem Sessel zu rühren, daß an

der Sachlage dadurch nichts geändert würde. Es würde dann im nächsten Monat

ein anderer Mann Frau Mery schön finden und Herrn Dr. Converdon davon

benachrichtigen. Mit einem vorwurfsvollen Blick ging Herr Wheatstren auf

den Arzt zu, der beschämt den Revolver sinken ließ. Er hätte Herrn

Converdon geschrieben, weil er ihn für einen vernünftigen Mann hielte; es

sei doch wirklich nicht ihre Sache, den Eintritt notwendiger Ereignisse zu

verzögern. Er nahm gutmütig lachend dem Arzt den Revolver ab, klopfte ihm

auf die Schulter; sie tranken nachdenklich weiter.

Zu Hause warf sich Herr Dr. Converdon in Frack, setzte einen Zylinder auf

und fuhr in die Kirche. Er hörte aufmerksam die Predigten an, ließ sich am

Schluß des Gottesdienstes beim Pfarrer anmelden. Diesem erklärte er den

Sachverhalt, indem er sich auf einen Stuhl an der Türe setzte, stellte ihm

die Frage: ob er als Seelenkenner glaube, daß sich das Motiv des am

fünfundzwanzigsten stattzuhabenden Selbstmordes beheben lasse. Er sei

Frauenarzt und daher mit Psychologie nicht vertraut. Der Pfarrer, ein

junger, tiefernster Mann mit einem Jesuitengesicht, durchsprach mit ihm

aufmerksam die Angelegenheit. Er explizierte am Schluß: Es sei, wie man

wenigstens seitens der Psychologie sagen könne, ein gewisses Dunkel und

eine Borniertheit in dem Arzt vorhanden; diese, eine angeborene

Eigenschaft, durch Erziehung und Lebensweise gepflegt, sei kaum mehr zu

beheben. Die Situation sei erfreulich für die Frau Mery; ihn könne man nur

trösten mit dem Hinweis auf die Belanglosigkeit seiner Existenz.

Damit war der beliebte Frauenarzt ganz ins Klare gekommen. Er hatte noch

zwei Wochen zu leben. In diesen folgenden Tagen kam nun, als er sich die

Situation klar überlegte, eine völlig unbekannte Ruhe über ihn. Er ging mit

einem Gefühl der Freude einher, daß jedem der Glanz seiner Augen auffiel.

Mit einer tiefen Dankbarkeit behandelte er insbesondere seine junge Frau,

fuhr in dem Automobil mit ihr spazieren ins Grüne, war ihr wirklich innig

zugetan in dieser Zeit. Sie hatte ihm diese schönen hoffnungsvollen Tage

beschert; über ein paar Tage war er wieder allein. Wie einfach sich alle

seelischen Lächerlichkeiten lösen lassen durch eine mechanische Bewegung,

gemäß dem guten Rat dieses Parterregymnastikers Paul Wheatstren. Täglich

besuchte er mit Frau Mery die Varietévorstellungen, in denen der treffliche

Mann auftrat, wurde nicht müde, seine Gelenkigkeit zu loben, kaufte sich

sein Bild und stellte es in seinem Schlafzimmer an sein Bett. Zwei Tage vor

seinem Ableben besuchte er noch alle Bekannten der nächsten Umgebung und

teilte ihnen seinen Plan mit, er ging in den Kaufmannsladen, in den

Gemüsekeller, in die Budike. Er fügte hinzu, daß er angesichts des

Vergnügens, sie zu verlassen, ihnen Legate in Form von je tausend Dollars

aussetze; er werde ihnen auch eine Stunde vor seinem Verscheiden Telegramme

mit den herzlichsten Flüchen schicken. Er beobachtete, daß diese Erklärung

allseitig beifälliges Erstaunen hervorrief und daß man ihm dankbar die

Hände küßte.

Am vierundzwanzigsten dekretierte er schriftlich, daß man ihn sorgfältig

sezieren möchte. Am fünfundzwanzigsten morgens trennte er sich von seiner

schönen Frau in unbändiger Freude; der ernste kahlköpfige Arzt tanzte im

Frack um sie herum, küßte sie und fand kein Ende mit ihr zu lachen. Gegen

zehn Uhr setzte er sich in das Automobil, gab die Telegramme auf, fuhr nach

dem Charlespark, ließ den Wagen am Eingang des Parkes warten, nachdem er

einen Zettel hinterlassen hatte mit der Nachricht seines um halb elf

stattfindenden Todes. Mitten im Gebüsch stehend, bemerkte er, daß er in

seiner Freude den Revolver zuhause gelassen hatte und hängte sich daher

nicht ohne Schwierigkeit an seinem Schlips auf.

Die Autopsie des Verstorbenen war völlig ergebnislos.

Am Abend der am sechsundzwanzigsten vorgenommenen Leichenschau besuchte

Herr Wheatstren die Witwe, teilte ihr mit, daß er, wie sie wisse, ein

Freund des Verblichenen sei. Er wolle keine großen Reden führen, sondern

ihr nur mitteilen, daß er einige glückliche Stunden mit ihr zu verleben

gedenke. Er bitte sie, das Gedächtnis des Verblichenen zu ehren, denn nur

in Rücksicht auf ihr gemeinsames Glück habe er sich am fünfundzwanzigsten

an seinem Schlips aufgehängt. Die gebrochene blonde Frau vergoß reichlich

Tränen, sagte, sie erkenne Dr. Converdon daran; er sei immer so gütig gegen

sie gewesen. Es käme ihr zwar alles so rasch, aber das Leben sei wohl so.

Sie fuhr mit ihm in dem Automobil in seine Landvilla und verlebte

ihrerseits mit ihm glückliche Stunden. Er seinerseits fühlte sich bald

abgestoßen durch die Routine der sanften blauäugigen Dame in den

Vergnügungen des Genusses; er hatte gehofft, ihr selbst diese beizubringen.

So übernahm er dann nach einer Woche die Verwaltung ihres Vermögens,

fluchte auf die Heimtücke des Dr. Converdon und fragte sie nach ihrer

Herkunft. Als der Parterregymnastiker erfuhr, daß sie zuerst als Sekretärin

bei Dr. Converdon beschäftigt war, bemerkte er, daß er keine Sekretärin

brauche, er wisse als Akrobat wenigstens nicht, wozu. Er werde ihr Vermögen

weiter gewissenhaft verwalten, ihr einen ausreichenden Zinsgenuß gewähren,

aber sie scheine ihrer ganzen Anlage nach nicht für einen einzelnen Mann,

wie ihn, geschaffen, auch wiesen die bezeigten Talente darauf hin. Und so

empfahl er ihr dringend, ihre Begabung zu verwerten; auch das größte

Kapital würde schließlich aufgezehrt. Sie verschloß sich seinen Darlegungen

nicht. Und Herr Wheatstren führte die junge blonde Dame, die er auch

heiratete, bald aus auf die Rennplätze, in die Theater; behandelte sie roh

und mit Berechnung. Sie aber pries ihn auf Schritt und Tritt, weil er ihr

das Höchste bot, was es auf Erden gäbe, nämlich erhebliche Abwechslung.

Die Ermordung einer Butterblume und andere Erzählungen · 第 20 / 22 题