Das Stiftsfräulein und der Tod

Das magere grauhaarige Fräulein hatte die Hyazinthengläser beiseite

geschoben, den linken Ellenbogen auf das Fensterbrett gestützt und saß

gebückt in dem Schneelicht da. Draußen schmolz in dem Vorgarten ein grelles

Weiß, von Fußspuren durchbrochen, langsam ab unter der Mittagssonne; dünne

schwärzliche Wasser rieselten um die Bäume. Und wie das gebückte Fräulein

die schwärzlichen Wasser verfolgte, da wußte sie auf einmal, daß sie bald

sterben werde.

Sie nahm den linken Ellenbogen vom Fensterbrett, legte die feinen Händchen

zusammen, preßte den Rücken an die Stuhllehne. Steif saß das Fräulein

hinter den Hyazinthengläsern. Als die Glocke anschlug, ging sie zu Tische,

nahm einen Bissen und legte die Gabel hin. Sie ging aus dem Speisesaal

hinaus. Sie saß auf ihrem Zimmer. Den Tag über saß sie auf ihrem Zimmer, in

einer Ecke, das verfallene Gesicht nach der Wand zu. Das Schneelicht, das

ins Zimmer fiel, wurde matt; auf der Tapete verrauchten die Farben. Zwei

zuckende Hände hoben im Dunkeln den Zylinder von der Lampe; die Lampe wurde

heftig wieder gelöscht. Kleider fielen auf den Boden. Sie atmete im Bett,

stockend, jetzt schnell, jetzt tief. Sie lag die Nacht über mit offenen

Augen da. Ihr Gesicht bewegte sich nicht im Dunkeln. Der Mond trat gegen

Mitternacht vor ihr kleines Fenster. Weiß blieb er die halbe Nacht da

stehen, und erst, als es halb vier schlug, wandte er sich ab.

Am Vormittag ging sie gebückt, in ihrem schwarzen Kleide mit den engen

Ärmeln, gleichmäßigen Schrittes durch den Park hinter dem Stift. Unter

kahlen Bäumen ging das Fräulein neben ihrer aufgeschossenen Freundin. Ab

und zu sprach sie, hob die faltigen Lider von den Augen, die schon mit

einem Hauch beschlagen waren. Gleichgültige Sätze wiederholten sich.

Als der Mond in der Nacht vor ihr verhängtes Fenster trat, schwankte das

Bett des Stiftsfräuleins. Ihre Finger ballten sich an beiden Kanten fest;

sie zitterte, drückte sich an das Lager an, gegen Morgen stöhnte sie oft.

Oh, der Klumpen wimmerte, unter die Decke verkrochen, und schlief erst, als

es schon hell war.

Eine Unrast lag tags darauf in ihrem Tun. Sie schlang die Mahlzeit

herunter, sprang oft auf, schwatzte, wie sie es nie getan, brach in ihren

Reden ab und nestelte an sich herum. Lange blieb sie im Speisesaal sitzen,

mit schlaffen Schultern, über sich gebückt. Sie ging an dem Tage nicht auf

ihr Zimmer. Abends bat sie vergebens ihre Freundin, bei ihr zu schlafen. Es

war darauf, als ob einer das Stiftsfräulein über die Schwelle schöbe. Sie

riegelte rasch hinter sich ab, schloß das Fenster, besprengte die Wände mit

Kölnischem Wasser, stellte auf Tisch und Ofen, zu Füßen des kleinen

Muttergottesbildes in der Ecke, Blumen, blühende Blumen, soviel sie finden

konnte; auch weiße und blaue Decken, die sie in ihrem Schrank hatte, und

legte sie über ihre Stühle. Dann saß sie plötzlich zu langem, blöden

störrischen Weinen nieder.

In der Nacht tickten die Uhren im Zimmer. Zwei hingen da; die eine

schluckte behäbig die Zeit und blökte halbstündlich, dann war sie satt,

aber kaute weiter; daneben gluckste die Schwarzwälderuhr, sie schlackerte,

keinen Atem ließ sie sich und überschlug sich fast, wenn sie ihr armseliges

Geschrei ausstieß. Das Fräulein sprang aus dem Bett und hielt die Pendel

fest. Während sie wieder unbewegt lag, zuckte es in der kleinen Uhr, verzog

sich das Gesicht der großen zu einem Grinsen. Da warf sie die Kleider um,

lief aus der Tür hinaus, in den Park. Ihre Augen hingen an den schwarzen,

wirren Sträuchern: »Ich muß sterben, ich muß sterben.« Stehend am Wasser,

das im Morgendämmer dampfte, sah sie stier mit flimmernden Blicken vor

sich. Sie watete mit lautem Keuchen und Schreien, mit krampfhaft

geschlossenen Augen hinein, patschte mit den Händchen, den dürren, auf das

Wasser, drehte sich plötzlich um, floh zwischen den schwarzen Bäumen in das

Haus zurück. Das alte Fräulein blieb vor ihrem Fenster stehen. Als es

heller wurde, zuckte es noch einmal öfter um ihren Mund, zitterte sie

wieder an allen Gliedern, schlossen sich die Lippen aufeinander, fiel sie

auf das Bett hinter sich. Aber wie ein Klotz drängte sie sich in der Mitte

des Bettes zusammen. Ihre Kiefer waren zusammengebissen. Sie stöhnte. Die

Augen blitzten bald gegen das Fenster, bald gegen die Türe. Stumm zog sie

die Decke über sich.

In den nächsten Tagen ging sie still einher, besprengte noch abends ihr

Zimmerchen mit wohlriechenden Gewässern, nahm aber allmählich ihr altes Tun

wieder auf. Beten, Sticken, Kartenspielen. Auch saß sie wieder lange allein

hinter ihren Hyazinthengläsern. Dort lächelte sie jetzt auch ab und zu

schauernd in sich hinein. Sie sprach noch weniger, als sie sonst getan, mit

den anderen Damen, so daß unter denen ein Gerede über ihr hochmütiges Wesen

entstand. Der Blick, mit dem sie bei Tisch die Damen streifte, hatte in der

Tat bald etwas Verwundertes, bald etwas stechend Überlegenes.

Nun wurden die Tage wärmer. Jetzt spazierte sie stundenlang

dichtverwachsene Parkwege; wo sie ging und stand, ging ein Träumen herum.

Weinte hin und wieder, in einer weichen, strömenden Weise, die wie ein

junges Lied klang. Dann betrachtete das alte Mädchen die Runzeln ihrer

Hände, wischte vor dem Spiegel an der trockenen schlaffen Gesichtshaut,

betastete die mageren Brüste und wühlte an ihnen herum. Regungslos stand

sie beim Ausziehen fast eine halbe Stunde so da. Lag sie dann, so fröstelte

sie wohl wie früher, wollten sich ihre Finger an den Bettkanten

festkrampfen, bald aber rückte sie jetzt an die Wand, ließ einen kleinen

Platz neben sich, den sie zögernd mit dem Arm bedeckte, dann nahm sie ihn

wieder weg, legte ihn wieder herüber, es war ein Spiel. Die Arme gegen die

Brust gepreßt, das heiße magere Gesicht nach der leeren Stelle des Kissens

gewandt, den Hals vorgestreckt. Wie in den ersten Nächten schüttelte sich

ihr dürrer Leib, bald tasteten ihre Finger über das Kissen, spitzten sich

ihre Lippen.

Als nun die grünen Blättchen auf allen Wegen lagen, putzte sie sich für

ihre Spaziergänge, legte eine hellblaue Bluse an; in den Händen mit weißen

Handschuhen Blumen, Reseden, die sie sich abschnitt, langstielige Rosen.

Sie ging elastischer und gerader im Grün. War sie im dichten Gebüsch

unbelauscht, so knixte sie artig, kicherte in ihre Blumen hinein, tänzelte

mit süßem Mündchen. Ja, leichte Briefe schrieb sie auf Rosepapier, die

fingen an: »an meinen lieben strengen Herrn, den Tod«, Briefe voll

verschämter Anspielungen, kokett und scherzhaft; sie zeigte sie gegen ihr

offenes Fenster, legte sie nachts unter ihre Schwelle, vergrub sie im

Gebüsch. Die Stiftsdamen sahen ihr oft vom Hause aus nach; den Menschen,

für den sich das grauhaarige Fräulein putzte, fand keine. Allein sah man

sie immer irgendwo schlendern und stehen; mit einer protzenhaften Miene

ging sie an den neugierig schielenden Damen vorüber; die Damen sagten von

Tag zu Tag überzeugter zueinander, daß das Fräulein sündige Gelüste trage,

berieten hin und wieder, sie aus ihrer Gesellschaft auszuschließen.

Indessen rückte das Frühjahr vor, wärmer und wärmer wurde es. Und eines

Abends kam das alte Stiftsfräulein von ihrem Spaziergange auf ihr Zimmer,

mit rotem Klee, den sie sich gepflückt, vielen Weidenruten und Maikätzchen.

Ihr Gesicht strahlte. Sie sang mit leiser Stimme vor sich hin; Türe und

Fenster ließ sie auf. Die Blumen legte sie unter das Bild der Jungfrau

Maria. Als sie die Blumen aufgebaut hatte, erschrak sie vor dem Bilde der

Gebenedeiten, fiel nieder und betete. Mit einem schalkhaften Lächeln aber

hing sie die Zweige und das Grün zu Häupten des Bildes auf, so daß das

Gesicht der Himmelskönigin ganz versteckt war.

Sie trällerte noch mit blühendem Gesicht in die warme Frühlingsnacht

hinaus, legte sich hin.

Sie schlief ein. Wachte im Finstern auf. Wuchtige Schritte im Zimmer. Das

Bett krachte. Mit einem Satz schwang sich der Tod neben sie ins Bett. Da

war ein Platz frei. Er griff nach ihren Knieen. Sie stieß um sich. Wie ein

Bauernlümmel schlug er mit flacher Hand auf ihre Schultern. Da fiel die

geballte Faust auf ihre Brust, den Leib, den Leib, und wieder auf den Leib.

Ihre Lippen flehten. Ein Würgen kam. Die Zunge fiel in den Rachen zurück.

Sie streckte sich.

Da stand der Tod auf und zog das Stiftsfräulein an ihren kalten Händchen

hinter sich her zum Fenster hinaus.

Die Ermordung einer Butterblume und andere Erzählungen · 第 22 / 22 题