Es geschehen heimliche Dinge. --

Am nächsten Morgen schurrt etwas Verhutzeltes mit dünnen Beinen aus der Tür

der Schenke.

Erst taumelt es, und die Hände suchen, greifen nach jedem Festen, Pfahl,

Baum, Gartenzaun. Dann geht es gerade und fest. Den Kopf auf die linke

Schulter gefallen; geblähte Nüstern; wässrige, starre, halboffne Augen. Es

geht halbnackt; in bloßen Hemdärmeln ohne Stiefel und Hut. Es wirft die

Beine bei jedem Schritt weit nach vorn, preßt die Arme vor die Brust

aneinander. Als die Menschen oben auf der Ulmenallee stehen bleiben, ein

kleines Milchmädchen mit ihrer Blechkanne und zwei Straßenkehrer,

verschlafene weiße Gesichter, fährt der Verhutzelte zusammen.

Man sieht es an. Es muß gerade gehen, jawohl, gerade gehen.

Es singt vor sich hin . . . .

Es geht langsam seines Weges fürbaß, so selig, leidvoll, getragen von einer

schweren, dunklen Wolke. In den Wolken steht es, in den Wolken, welches

seine eigenen Worte sind.

Ein heißer Schauer fährt plötzlich über das Männlein. Wenn es geschehen

wäre, das Unglaubliche, die Verwandlung, heut über Nacht!

Die beiden Straßenkehrer hatten es angestarrt. Es reckt sich und hebt den

Kopf, läßt ihn wieder fallen. Es war die heilige Neumondnacht. Und von ihm

ginge etwas aus, eine Scheu, ein Schein, von seiner Stirne, von seinen

Haaren. Besteche, bezwinge die Menschen. Es konnte ja nicht möglich sein.

Summend, mit stillem Singen und Träumen geht es weiter.

In den engen Straßen unten stoßen sich die Barbiere, die Rolljungen, die

Bäcker an; sie treten zusammen und zischeln. Ein offenes gemeines Lachen

hört Herr Götting plötzlich, wie er es nie gehört. Und nun entsetzt er sich

tief und in glücklichem Graus: es ist geschehen, das Wunder hat sich

vollzogen, der Herr hat es vollzogen. Laß, laß sie fluchen und speien! Und

fester Boden liegt unter seinen Füßen, er träumt nicht, atmet die kühle

Morgenluft. Mit beiden Sohlen steht er auf der Erde.

Während er in die Hauptstraße einbiegt, in der eben die Geschäfte geöffnet

werden, laufen ihm die Schuljungen in Rotten nach, stoßen sich an, gröhlen

laut, springen ängstlich beiseite.

Das Leid aller Jahre ist vergessen; oh, Dankbarkeit dem, der alles lenkt.

Hosianah Dir, Herr!

Das Männlein steigt die Treppen zu seiner Wohnung hinauf, Albrechtstraße

15. Im Hausflur verstummen die Menschen wie mit einem Schlage, als sein

Blick sie trifft. Dann hebt ein langes Geraune hinter seinem Rücken an und

tönt noch, als die Glocke gezogen wird. Mit Lächeln geht das Männlein über

die Schwelle. Das seltsame sieht dem schwermütigen dicken Geschöpf in die

Augen, das in das Zimmer huscht, wo das Verhutzelte steht, den Kopf auf die

linke Schulter gefallen, die Arme gegen die Brust gepreßt, und Liebe um den

Mund und die wässrigen, verkniffenen Augen. Seine beiden Hände strecken

sich nach ihr aus. Überströmt von Süße und Ernst sagt es mit weicher

Stimme:

»Siehst du -- siehst du; oh, ich wußte es, Elfriede. Nun bin ich wieder

gekommen.«

Sie hält sich am Fensterbrett fest, sieht auf das Männlein, schreit auf:

»Adolf!«

»Ja, Elfriede. Ich habe mich in allen Nöten für ihn bereit gehalten, ich

habe so lange geharrt. So bitteres drum erduldet. Aber freut euch, die mit

mir gewartet haben!«

»Bist du so gegangen, Adolf? Den ganzen Weg, sag, Adolf, bist du so

gegangen? Du hast ja gar keine Jacke an und gar keine Stiefel und gar

keinen Hut.«

Die Augen ihr gegenüber halten still; ein Gesicht erkaltet, eine Stimme

antwortet ihr, die sich jäh zu Erz erhärtet hat:

»Du, ich sagte es schon, bist auch du von der Rotte Korah? Heb dich von

mir, auf daß ich nicht unrein an dir werde.«

Das gelle unflätige Gelächter aus dem Hausflur und von der Treppe schallt

ins Zimmer.

»Adolf, was ist geschehen? Wo hast du deine Sachen gelassen?«

Das Männlein sieht starr auf seine Füße, die Hände flackern auf der Brust,

der Kopf fällt langsam nach vorn über.

»Die Stiefel. Die Rotte Korah. Ja, was meint das Weib damit? Was will das

Weib in diesem Zimmer damit gesagt haben?«

Und dann brüllt es mit eherner Stimme, hervorquellenden Augen gegen die

Tür:

»Nicht lachen, nicht lachen! Hier gibt es nichts zu lachen!«

Und glüht mit einmal auf, läuft an das Bett, versteckt den Kopf unter die

Decke, stammelt: »Oh, nicht lachen . . . Bitte, bitte, nicht lachen. Oh,

ich bitte euch, ich flehe, ich fle--he--«

Da hat sie nur das zitternde halbnackte Männlein zu halten.

Die Ermordung einer Butterblume und andere Erzählungen · 第 11 / 22 题