Heut ist Neumond. Du verstehst mich.«

Er sagt das: »Heut ist Neumond« ganz einfach, ohne Pathos.

»Das Gemüt, das Gemüt. Wenn wir das Gemüt bereit halten, haben wir alles

getan. Heute ist Neumond. Von innen heraus werde ich alles überwinden. Wie

ich schon manche Bedrängnis überwunden habe. Und der Most« -- mit einmal

schlägt ein Entzücken in seiner Stimme auf und Feierlichkeit --, »siehst du

es nicht? Das Gemüt wird geölt durch ihn; es wird behende gemacht, und dann

kann es frei springen, in die Luft, wo es frei ist. Da kann es hin

springen. Oder auf die Felder oder in die Kartoffeln -- das ist ganz egal.

Und noch anderes, ja Elfriede: es kann zwitschern, das Gemüt, für alle

Ohren zirpen, zwitschern, glaubwürdig singen.«

Das Licht flackert, die Lampe blakt.

Aber als die bekümmerte blasse Frau ins Licht sieht, seufzt das Männlein.

Das sanfte Wesen weht auf das Männlein zu, bindet ihm einen braunen,

schwarzgestopften Strumpf um den Hals.

»Zieh dich warm an, lieber Adolf. Nimm dir auch eine Leibbinde um; sie

liegt auf deinem Bett. Ach, das lange Ausbleiben nachts. Nein.«

Das aufgeschwemmte liebevolle Nichts läßt sich von dem Männlein die Hände

drücken und verschwindet aus dem Zimmer.

Herr Götting, Adolf Götting, Privatgelehrter, wohnhaft Albrechtstraße 15,

drei Treppen hoch, bei Frau Schülke. Verfasser einer Geschichte der

hauptsächlichen Fehler im menschlichen Handeln seit dem Sündenfall bis zur

Gegenwart, Verlag Schultze & Velhagen, Berlin, neunzehnhundertunddrei,

dreihundertundsiebenzig Quartseiten, gebunden vier Mark, Mitglied mehrerer

frommer Vereine. Gründete die freie Brüderschaft: »Astralia«, arbeitet

augenblicklich über »Das innere Leben und seine körperliche Darstellung«.

Er geht jetzt im dicksten Dunkel, schweren Nebel auf dem Wall der Stadt. Er

geht spazieren, weil er Denker ist. Er weiß, daß er Denker ist: seine Frau

weiß es nicht.

Der gedrückte kleine Herr geht unter den schwarzen Ulmen und preßt sein

Taschentuch gegen Mund und Nase. Er ist kein Spaßdenker, mehr als ein

Denker, ein Verkünder, ein Seher, der seine Zeit abwartet. Er schlendert

behaglich und froh, mit einer gewissen Sehnsucht; er nimmt mit seinen

kleinen Augen Gedanken von den Bäumen herunter wie Äpfel. Die Jahre sind ja

vorbei, wo etwas Bitteres, Schwarzes neben den Ulmen hier kroch, abends,

und die Hände ausstreckte. Man war still, wenn er redete, aber bald

kicherte man und stieß sich an. Und das Gucken und Quietschen und

unterdrückte Gelächter, wenn das Alräunchen eintönig seine Lehre hersang,

seine Bußsalbadereien, mit den langen Armen fuchtelte, plötzlich abbrach

und starr in den Lärm hineinhörte. Zu Hause versteckte es sich dann und

sann über das Gebahren der Leute nach. Das verdüsterte Alräunchen konnte

die Menschen dann hassen, drohte ihnen, aber erschrak bald über seinen

Rachedurst und weinte verzweifelt, weil ihm doch die Kraft nicht gegeben

war.

Eines Tages aber wird ein Wunder geschehen, darum schleicht es jetzt

sehnsüchtig unter den Ulmen in der Sturmwindnacht; da werden sie glauben

und nicht spötteln. An einem angststarren Abend ist ihm das zur Gewißheit

geworden. Von innen heraus wird es ihn ergreifen, berühren, wenn das Gemüt

sich hoch genug gestaut hat; es wird ihn verwandeln, er weiß selbst nicht

wie. Seine Arme werden nicht mehr dünn, lang wie Affenarme sein; seine

Stimme nicht mehr krächzen. Ein Heiligenschein wird über seinem Kopfe

stehen.

»Halloh, der Segen Gottes mit dir und alle guten Geister.« Die kleine

Brüderschaft, ehrbare dicke und dünne Männer, erhebt sich vor ihrem

Vorsitzenden in der niedrigen Schenke am Wall.

Sie trinken Most aus Holzbechern, preisen die unsterbliche Seele. Eins

spricht nach dem andern. Alle Güter müssen geteilt werden, und das Töten

von Tieren ist Mord, und wenn man nicht bald in sich geht, steht der

Weltuntergang bevor.

Sie trinken Most. In den plumpen schmutzigen Händen halten sie

blaugeheftete Gebete, singen »ich weiß, daß mein Erlöser lebt«, und er ist

nahe, mit einer Fußsohle steht er schon auf der Erde.

Sie rauchen aus langen schwarzen Pfeifen mit Totenköpfen, qualmen heftig.

Ein gedrücktes Männlein mit verschrumpeltem gelben Gesicht, entzündeten

Augen und rascher, weicher Stimme steht an einer Ecke des Tisches auf, mit

geröteten Wangen.

Es ruft in das erregte Gläserklirren hinein; daß der Prophet nahe sei, daß

der erwartete die Ungläubigen niederstürzen werde, Völker und Könige und

Brüder. Er müsse kommen bald. Der süße Trank beselige es. Im Stillen habe

das Zukünftige sich vorbereitet, gleichsam wie das Kind in einer

Schwangeren; wer wisse, in welchem Leid. Es versichere die Brüder, es sei

so. Der große Krieg werde ausbrechen, in dem die Menschen sich gegenseitig

vernichten; schon sei die Spannung auf Erden nicht mehr zu steigern, schon

starre die Welt in Rüstung, und nur die Friedfertigen blieben übrig. In den

Wolken stünde schon der Heiland, bereit, sein Werk zu vollenden, in den

Wolken, welches seine eigenen Worte sind.

Sie trinken Most. Sie öffnen der Neumondnacht die kleine Tür der Schenke.

Auf einmal verstummen alle.

Einer steht mit wirren Worten auf.

Sie erschrecken.

Die Ermordung einer Butterblume und andere Erzählungen · 第 10 / 22 题