Mariä Empfängnis

Maria ging bleich und stilläugig durch die feuchten niedrigen Gräser.

Hing das Laub hoch und dicht, so schaute Maria nach einem breitästigen

Baume aus, der allein hinter einem maschigverwachsenen Gebüsch stand, in

einem Walde stand, den die Männer mieden. Das Grün der Blätter verschmolz

mit den seidenen Dämmerfarben der Luft; dann blühten bronzedunkle,

rosenzarte, gelbgetönte oder auch schneeige Mädchenleiber unter ihm, die

sich liebten. Das Laub hing dicht und fiel tief hernieder.

Wenn wilder Regen strömte, saß Maria unter den Gespielinnen am Fenster

ihrer Halle, mit ihrem weißen, ins Bläuliche schattenden Gewande, einen

Mandelzweig im Haar; sangen aller Lippen zum Regengotte ein

Beschwörungslied. Aber sie schrie auf vor Glück, wenn sie ein Kindchen sah.

Mit langsamen Schritten ging sie auf das Kindchen zu, hob es auf und hielt

es, sich setzend, leicht mit den Knieen wiegend, im Schoß. Manchmal hielt

sie im Wiegen inne, blickte lange auf die weißen Sonnenstäubchen und den

schwerblauen Himmel, schauerte plötzlich zusammen mit den fröstelnden

Schultern und wiegte weiter.

Ein treuer Freund warb um sie; aber die jungfräuliche konnte den leise

Flehenden nicht erhören.

Als die Mädchen einmal in sanftem Glück unter jenem breitästigen Baum ihre

Jugend mit Küssen und Umarmen genossen, sahen sie durch eine Blätterlücke

am Himmel eine schwarze, unermeßlich breit und riesig greifende Wolkenhand,

unentrinnbar Willens gleichsam wie eine Gotteshand. Sie sangen unruhig auf,

sänftigten sich, flohen schließlich durch das Laub geduckt auseinander, die

weißen und buntgewandigen, als ein graublaues Licht ganz hinten am Hügel

äugte und immer heller und heller und häufiger von der Himmelsschwärze

herblickte. Zwischen schwarzen und steifen Baumreihen, die sich zu krümmen

und winden begannen, flatterten die Gewande vor dem Wind. Dem Freunde, der

Maria entgegengelaufen war, nachdem er lange wartend um ihr einsames Haus

gestreift hatte, klammerte sich die Ängstliche, Zerzauste an und ließ

seinen Arm nicht. Immer klagten und zitterten ihre blassen, verwirrten

Blicke zu den weitgespannten Wolkenfingern und dem grellen Licht hin. Sie

fiel ihm, als die Erde zu beben begann und eine Donnerstimme mit lohendem

Purpur und Schwefelgelb aufbrüllte, totbleichen Gesichts in die Arme. In

dem dichten Dunkel fuhren Hände ihr über Gesicht und Haare, sie hörte nach

dem herrisch befehlenden Donnerschlage heiße Flüsterworte. Er nahm sie hin,

die wie ein leichter Ast an seiner Schulter hing, mit ganz entspannten

Gliedern und Zittern.

Die Gespielinnen fanden sie am Morgen nach dem Gewitter starr mit offenen

Lippen auf dem Lager. Ihre schimmernden Augen suchten, als die Füße der

Mädchen auf der Diele klangen, irr etwas in ihrem Zimmer und auf den

Gesichtern der Freundinnen; sie wollte sprechen, aber mit einem rauhen Laut

stopfte sie sich ihr Tuch in den Mund und biß hart darauf. Oder sie schrie

auf und stöhnte langgezogen, regelmäßig und warf sich hin und her. Niemand

wußte, was in der Nacht geschehen war, aber man riet bald, daß der

Schrecken des Gewitters ihre Seele verstört hatte.

Und sie pflegten sie, bis sie still wurde, und auch den Freund, der immer

wieder eindringen wollte, ließen sie nicht zu der Kranken. Als sich die

Zerwühlte langsam gesammelt hatte und ruhig lag, sagte sie endlich

heimlich, indem sie den Kopf noch tiefer in das Kissen drückte, wie um sich

zu besinnen, mit einem unsicher fragenden Ton in der Stimme: es sei etwas

über ihrem Haus bei Nacht gewesen. Und sann dann wieder angestrengt in den

Kissen nach, sah auffahrend auf die Gefährtinnen und die stummen

Gegenstände im Zimmer.

Nach einiger Zeit ging sie nun wie eh mit den Freundinnen durch die

feuchten niedrigen Gräser. Aber wenn schon sonst ein weicher Ernst über ihr

lag, so verlangsamten sich jetzt ihre Bewegungen immer mehr, fast

feierlich. Ihr Gesicht klärte sich morgenlich, täuschungslos auf. Als sie

dem Freier zuerst begegnete und die Freundinnen auf ihren erstaunten Blick

ihr sagten, wer er sei, sah sie ihm noch lange in das flehende Gesicht und

wandte sich dann ruhig von ihm ab, anscheinend im Grün der hängenden

Blätter und am glatten Himmel etwas suchend.

Öfter blieb Maria jetzt vor ihrer Halle sitzen in der blauen Luft. Ihre

Augen wurden gütiger, versonnener, und wenn der treue Freund neben ihr

stand, so streichelte sie seine Hand, die neben ihrem Kopf herabhing, und

ihre Lippen nannten ihn wie früher leise: Freund.

Sie gedieh und wandelte sich allmählich in eine reife Blüte. Als sie mit

dem schwachen Kindchen auf den wiegenden Knieen wieder vor der Halle saß,

sah Josef sprachlos auf sie, deren Augen von innen erleuchtet schienen.

Maria hob ihr zartes Gesicht lächelnd zum tiefblauen Himmel auf, von dem

die düstere Gotteshand nach der jungfräulichen herabgegriffen hatte,

öffnete leicht die Lippen gegen das Licht zum Kuß, blieb lange so.

Und so senkte sie dann den friedensstillen Kopf und die Brust halb über das

unschuldige Kindchen, das von ihren duftenden Händen gehalten auf ihrem

Schoße lag, auf ihrem weiten, weißen Gewande, dessen Falten mattblau

schatteten:

»Ich liebe dich, ich liebe dich, du Gottespfand.«

Die Ermordung einer Butterblume und andere Erzählungen · 第 12 / 22 题