Alexander ließ nun, die theuren Ueberreste gebührend zu ehren, sie
in dem Erbbegräbniß seiner mütterlichen Ahnen beisetzen. Den Schmerz
dieser Tage, dieser Stunden zu schildern ist unmöglich, aber seine
Größe läßt sich in Erwägung der nunmehrigen völligen Hoffnungslosigkeit
Alexanders recht wohl begreifen. -- Dieser Mann betrachtete sich jetzt
so wie Einer, der früher nackt und arm war, plötzlich einen großen
Schatz fand, welcher ihm jedoch, kaum daß er ihn besaß -- -- durch eine
unerbittliche dunkle Macht entrissen wurde, mit der Gewißheit, daß er
nie wieder ihn erlangen -- und in Zukunft wieder wie früher nackt, arm
und elend bleiben werde. --
Jedoch nein! Nicht ganz war er dies. Ein leichter Punkt war ihm in dem
trostlosen Dunkel seines Daseins doch noch geblieben -- eine grüne,
blüthenreiche Oase auf seiner fernern Reise durch die Sandwüste des
Lebens: das Kind Margaretha’s -- sein Kind -- seine holde Tochter
Alexandrine.
Sein düsteres Schweigen, sein finsterer Ernst stieg von Tag zu Tage.
Er verließ jetzt nicht mehr sein Schloß, sein Gemach -- und kein
Menschenantlitz bekam ihn zu sehen; selbst die nothwendigsten Geschäfte
wurden zurückgewiesen und der Besorgung seiner Beamten überlassen....
Nur Alexandrine, dieses junge Wesen voll Anmuth und himmlischer Güte,
blieb an seiner Seite -- gleich einem Schutzgeist suchte sie die bösen
Stunden zu verscheuchen, von denen er wie von einem Heere wandernder
Dämonen umschwirrt wurde. --
Aber es gelang ihr meistens nicht -- und im glücklichen Falle nur auf
Augenblicke; waren diese vorbei, waren die zarten Kräfte des Kindes
erschöpft -- so kehrten jene mit Wuth zurück und schleuderten ihn
wie einen Zwerg zu Boden. Unter den Leuten seiner Umgebung gewannen
die Sagen, welche über ihn gingen, einen immer schauerlicheren
Charakter... Alles das, was unerklärlich für den gemeinen Sinn war,
wurde von demselben auf’s schlimmste gedeutet, und so brachte man den
armen Grafen, den man früher mit bösen Geistern, einer Besessenen und
Hexe verkehren sah -- jetzt gar mit der Hölle in _pleno corpore_
-- d. h. mit der ganzen und vollen Zahl höllischer Heerscharen
in Verbindung, wobei man nicht vergaß, zu behaupten, diese hätten
unsichtbar vom ganzen Schloß Besitz genommen, und umtanzten bei Tage
den Herrn, zur Nachtzeit den Sarg der Hexe, die unten in der adeligen
Gruft lag... Bald, sagten sie, werde das ganze Schloß in Rauch aufgehen
-- der Pechgeruch sei bereits allerwärts zu verspüren. --
Auch von Alexandrine war da noch Vieles zu bemerken. Es ließ sich
nicht bezweifeln, daß irgend ein häßlicher Kobold in dieser zarten
Mädchenhülle verborgen sei, der die Bestimmung habe, den verlornen
Grafen zu bewachen -- ihn keinen Schritt von der Straße abweichen zu
lassen, welche glatt und schnurstracks zum Königreiche Lucifers führt...
Ungeachtet dieser freundlichen Beurtheilung, womit seine Diener und
Unterthanen ihn beglückten, unterließ er, der sich deshalb einmal mit
seinem Verwalter berathen hatte, nicht, ihnen Tag für Tag Gutes zu
erweisen, ihnen die Lasten zu verringern, die Pflichten angenehm zu
machen -- ihre Vergehungen mit Nachsicht zu bestrafen, dagegen bei
Belohnungen großmüthig zu verfahren und sich hierbei an kein anderes
Maß zu binden, als an das eines gütigen Herzens. --
Glaube man ja nicht, daß es ihm hierbei um einen Zweck zu thun
war... er wollte durch diese Veranstaltungen weder berühmt noch
beliebt werden; es war weder die armselige Affektation eines
unglücklichen Theaterhelden -- noch die wohlberechnende Klugheit eines
menschenfreundlichen Wucherers... es war einfach der dunkle, aber
mächtige Trieb jener Herzen, die in den Byron’schen Menschenhassern
wohnen und auf deren Grunde die edelsten Menschenfreunde verborgen
sind; edle, erhabene, tiefe, excentrische und gewaltig empfindende
Naturen, die vom Glück eben so heftig bewegt werden, wie sie das
Unglück erschüttert, so daß sie dort wie hier jeden Halt verlieren,
außer den Edelmuth, der nie von ihnen weicht, der kostbar blinkt, wie
die Perle in der Muschel, mag diese auch getödtet werden und verwesen.
--
So ward z. B. jenen um das Seelenheil ihres Herrn so eifrig besorgt
gewesenen Leuten, deren Tollheit sich unter die Kutte ihres Pfarrherrn
verbarg -- die angedrohte Strafe erlassen, dem letztern jedoch
bedeutet, das Kapitel des Exorcismus _in praxi_ aus seiner Liturgie zu
streichen, was der geängstigte Geistliche um seiner Pfarrkinder und
Gänse willen auch zu thun angelobte -- jedoch mit schwerem Herzen, denn
er war auf seine Teufelsbannkunst stolzer, als auf alle seine übrigen
Kenntnisse und Fähigkeiten, sowohl im Latein wie im Griechischen und
Hebräischen, worin er freilich kein Weltwunder sein mochte.
* *
*
Wider seinen ausdrücklichen Befehl fand der Graf die Thür seines
Schlafzimmers heute nur blos angelehnt, nicht zugeschlossen, und
eben wollte er seinen Kammerdiener rufen, um ihn wegen dieser
Nachlässigkeit, die seiner jetzigen Meinung nach ein Verbrechen war,
zur Rede zu stellen ... als seine Blicke auf den Tisch neben die Lampe
fielen -- und eines Briefes gewahrten, der mit großer Hast hingeworfen
zu sein schien, denn er lag so, daß er jeden Augenblick auf die Erde
fallen konnte...
Bevor der Graf diesen Brief zur Hand nahm, that er nun dennoch das,
wozu er schon früher entschlossen war, er klingelte und ließ sein
ganzes Hauspersonal zusammenkommen, vom Sekretär und Verwalter bis zum
letzten Bedienten. Als die Leute beisammen waren, redete er sie mit
finsterer Strenge an:
„Wer von Euch hat es gewagt, diese Thür hier zu öffnen?“
Sie sahen ihren Herrn erschreckt an und wandten sich mit fragenden
Blicken zu einander.
Der Kammerdiener trat vor und sprach zitternd: „Vor einer Stunde,
gnädiger Herr, habe ich das Schlafzimmer geöffnet und darin Alles in
Ordnung gebracht -- sogleich jedoch trat ich wieder heraus und kann es
beschwören, daß ich die Thüre fest verschlossen habe.“
„Gut!“ versetzte Alexander: „ich will Dir glauben, Antoni; ich
weiß, Du lügst nicht, ich weiß auch, daß Du Deinen Dienst pünktlich
versiehst und daß meine Befehle Dir heilig sind.... Anfangs hatte meine
Vermuthung Dich getroffen -- -- doch jetzt bin ich vom Gegentheil
überzeugt und habe deshalb die Andern hierher beschieden. -- -- Nun,“
rief er mit lauter Stimme: „meldet sich Niemand von Euch? Ist der
Schuldige etwa nicht hier?“
Alles blieb stumm.
Der Graf, in Zorn gerathend, stampfte auf den Boden: „Ich will es
wissen! Weh demjenigen, den ich später selber als den Thäter entdecke.
Er trete lieber gleich hervor!“
Nichts; kein Laut.
Da trat Alexander in das Schlafzimmer zurück... nahm den Brief vom
Tische, und ohne dessen Aufschrift zu lesen, wies er ihn der Schaar
vor: „Dieses Schreiben ist hinein gelegt worden -- -- der Kammerdiener
trägt die Schuld nicht .... Wer also hat sich unterstanden....?“