„dort wo jenes altersgrauen
Kellers Zinnen herüberschauen!“
ein mäßiges Stückfaß wurde zu ihm hereingerollt -- er schloß sich mit
demselben ein und war für diesen Tag, sowie für kommende Nacht nicht
mehr zu sehen. --
Althing hatte sich behende aus dem Menschenknäuel losgewickelt, er war
den Blicken entschwunden, bevor diese Zeit hatten, sich von dem weit
interessanteren Objekte, dem Jäger -- abzuwenden... er eilte, flog in
Sturmesschritten der himmelblauen Pelerine nach. --
Jedoch sie verdiente es auch. Es war eine köstliche Blondine von 16-18
Jahren oder etwas drüber. -- Allein unser Althing war auch ein Kenner,
das mußte man ihm lassen. Wäre Alles bei ihm so vortrefflich bestellt
gewesen, wie diese Eigenschaft -- dann freilich würde er weit seltener
in die Lage gekommen sein, schrecklich immer nur in Illusionen zu
schweben -- was indeß für ihn keineswegs ein Unglück zu sein schien,
denn er hatte das Talent, nicht daran zu glauben -- -- er hatte das
seltene Vermögen, aus allen Unglücksfällen zusammengenommen sich erst
so recht sein Glück herauszubilden: er war dem Schicksal gegenüber die
personifizirte Ironie.
Endlich holte er seine Pelerine ein: „Allerliebst!“ rief er sich zu:
„sie hat sich so eben wieder nach mir umgesehen! Ihr Auge schien mich
schmelzen zu wollen. -- Hehehe! Das Glück, Freund Althing, kennt weder
Ziel noch Maaß... Dies ist heute schon die dritte, welcher ich zugleich
in den Weg laufe und die mich nicht mehr losläßt.... Aber ist das auch
recht von dir, Spitzbube von einem Don Juan? -- Du liegst bis über die
Schultern bereits in andern Liebesfesseln -- man hofft auf deine Treue
-- man würde unglücklich werden, falls man dich des Gegentheils fähig
hielte -- -- man würde sich den Tod um dich geben... und dennoch läufst
du da dieser kleinen Schelmin nach -- -- die bereits heute die -- --
ach, ich vergesse es immer -- die wievielte sie sei -- ja richtig, die
dritte ist sie! -- Bei meiner Annehmlichkeit! Das ist nicht recht --
das!!... Und jetzt ist gerade die Stunde, wo sie mir, meine holde Nina,
das Rendezvous geben will, Nina, die mich seit vier Tagen bei sich
empfängt, in ihrem kleinen Zimmerchen -- -- welches Zimmerchen sattsam
unsere beiderseitigen Schwüre gehört hat.... u. s. w. u. s. w. -- --“
Er sprach hier die volle Wahrheit, -- das Alles verhielt sich wirklich
so, wie er sagte; diese Nina empfing ihn in der That bei sich,
schwur ihm in der That heiße Liebe und ewige Treue -- gab ihm große
Beweise.... wie sie das jedoch meinte, wird sich später zeigen...
Althing ging jetzt dicht hinter der blauen Pelerine einher, sie
mußte, falls sie sich jetzt noch einmal umsah, unmittelbar in sein
rothglänzendes Gesicht, gleichsam wie eine blutig aufsteigende
Sonnenscheibe, sehen -- -- und es ließ sich erwarten, daß dadurch ihre
Augen geblendet würden.... Wirklich geschah dies ganz so. Sie sah sich
um, sie fuhr erschrocken zusammen vor Althings Strahlenangesichte....
sie bedeckte sich obendrein auch noch die Augen.... kurz unser Dicker
glaubte das Recht zu haben, so zu sich zu sprechen:
„Ah! Ah! -- das ist zu stark! -- Das hätte die Welt sehen sollen! --
O warum ist in diesem Augenblick hier nicht das Menschengeschlecht
versammelt, um Zeuge meines Triumphes zu sein!... Bei Gott! Venus,
-- meine Beschützerin! so Etwas ist einer einfachen Mannsperson noch
gar nicht passirt! -- Das sollte gedruckt, -- unbedingt gedruckt,
oder noch besser -- in Erz gegossen werden, um der Unsterblichkeit
anheimzufallen. -- Aber, ach! Was sollte +dir+ unmöglich sein,
mächtiger Althing! -- In der That -- -- ich fange an, rasenden Respect
vor mir selbst zu bekommen und mich für eine Art von Auserwählten
des Himmels zu halten ... für ein Wesen, das mehr ist als Mensch...
für einen Halb- oder wenigstens Viertels-Gott ... Schade, daß ich
die nähere Eintheilung dieser mythologischen Materie nicht genauer
kenne. -- Und warum,“ fuhr er fort, immerwährend seinen Platz
hinter der jungen Dame behauptend -- „schlägt sie jetzt mit ihrer
Gesellschaft diesen Seitenweg da ein?... Ach! sicherlich will sie
in’s Paradies-Gärtchen gehen -- in den Salon -- ein abgesondertes
Kabinetchen... hehehe! hab’ ich’s nicht errathen? -- Freund Althing...
ich sage Dir: du wirst in Zeit von einer Viertelstunde die Seligkeiten
der hohen Olympier genießen -- unter deren Zahl du gewissermaßen auch
schon gehörst....“
In diesem Augenblick betraten jene Damen wirklich das Paradiesgärtlein,
jedoch hielten sie sich in dem dortigen Etablissement nicht auf,
sondern durchschritten dasselbe, um sich hinten durch die Burg nach der
Stadt zu begeben... „Gleichviel!“ murmelte Althing: „der Ort macht es
nicht aus -- sondern die Gelegenheit. -- Wahrscheinlich will sie einen
bessern Platz finden.... oder aber, was noch möglicher ist -- ihre
Gesellschaft, worunter mir eine Mama zu sein scheint, gibt es nicht zu,
steht ihr im Wege... Nun, wir werden bald sehen -- was so viel heißt,
als +siegen+!“
Endlich in einem Gäßchen zwischen der Bastei und der Stadt blieb die
Pelerine mit ihrer Begleiterschaft stehen: „Aha!“ lachte der Dicke:
„jetzt wird’s losgehen! Mache dich gefaßt, Althing! Ueberwinde sie!
Werfe sie in einem Augenblick zu deinen Füßen....“
Die Pelerine drehte sich um -- -- und winkte ihm... „O! das hatte ich
erwartet! die Festung ist erstürmt!“ Kaum hatte er dies gesagt -- so
trat er vor das Mädchen hin und verbeugte sich mit einer lächelnden
und stolzen Miene, die einem Cäsar wohl angestanden hätte: „Sie sind
sehr gütig, mein Fräulein,“ begann er in vornehm-nachlässigem Tone
-- -- und lüftete den Hut ein wenig.... „Sie kennen mich gewiß schon
längst!“ fuhr er mit einer kühnen Ueberzeugung von seiner berühmten
Liebenswürdigkeit fort.
„Mein Herr von Althing,“ entgegnete das Mädchen: „Sie haben es
errathen.... der Ruf Ihrer Eigenschaften ist bis zu uns gedrungen --
und erfüllte mich seit jener Zeit mit der lebhaftesten Begierde, Sie
kennen zu lernen.... Deshalb erlaubte ich mir auch -- Ihren Blicken
und Winken auf der Bastei -- (wenn ich sie anders recht verstand,)
nachzugeben -- und hier diesen weniger bemerkten Ort aufzusuchen -- --
um -- um mit Bewilligung meiner guten Mutter ... die ich Ihnen hiermit
vorzustellen die Ehre habe --“
Man verbeugte sich beiderseitig; der Stutzer sah sich einem alten
Monstrum gegenüber, das geeignet war, Schrecken einzuflößen...
„Also mit Erlaubniß meiner Mama,“ fuhr das Mädchen fort -- „habe ich
gewagt, Ihnen Gelegenheit zu geben -- --“
„Damit ich,“ fiel Althing mit jener Emphase ein, der man geflissentlich
einen künstlichen Anstrich gibt, um die Leute glauben zu machen, man
verstünde sich in solchen Affairen meisterhaft zu benehmen und sei
des Sieges schon im Voraus gewiß: „damit ich Ihnen die zärtlichen und
glühenden Empfindungen, von welchen diese Brust voll ist.... so, daß
das Herz davon in Flammen aufgehen muß...“
„Lassen wir das!“ lächelte die Jugendliche: „und kommen wir auf andere
Dinge -- --“
„Nein, nein! denn meine Seele, mein ganzes Wesen ist von Ihrem Bilde,
von Ihrer Liebenswürdigkeit, von Ihrem Zauber hingerissen... und vermag
nicht zu leben...“
„-- Muß vergehen -- nicht wahr? hahaha! -- Nur weiter, mein Herr.“
„-- Ich müßte vergehen -- sterben vor Schmerz und Verzweiflung -- wenn
--“
„Weiter, weiter!“
„Sie können noch spotten -- können so kalt sein -- da ich glühe und
brenne -- und fast zu Asche werde....“
„Das sind die gewöhnlichen Phrasen...“
„O halten Sie mich nicht für einen gewöhnlichen Thoren -- und dieses
Gefühl in meiner Brust für kein alltägliches. -- Ich schwöre bei meiner
Seligkeit, daß ich zum Sterben Sie liebe -- nur Sie ganz allein!...“
„Aber Sie haben mich ja noch nie gesehen!“
„Wie können Sie nur so Etwas denken. Ich kenne Sie seit sehr langer
Zeit -- und gleich Ihrem Schatten schleiche ich Ihnen -- freilich aus
Scheu ungesehen -- nach.... Wo Sie sind, bin auch ich -- ich kann nicht
leben ohne Dich, angebetetes, englisches Wesen.... Du lehrtest mir
die Liebe kennen -- früher war ich unschuldig und unerfahren, wie so
mancher unter uns Jünglingen... Du warst das erste Frauenbild, zu dem
ich wagte, die Augen aufzuschlagen .... Liebe mich -- oder mein Loos
ist schauderhafter Tod!“
Bei diesen Worten, in die sich zuletzt unwillkührlich die angeborne
Verliebtheit des alten Gecken mischte -- fiel er, trotz December und
Schnee, vor das Mädchen auf die Kniee -- breitete die Hände aus wie ein
betender Bramine -- verdrehte die Augen und flüsterte mit möglichst
matter Stimme: „Oder den Tod! den Tod! --“
In diesem Momente erhob sich um ihn ein lautes Gelächter und eine Dame,
für welche unser Ritter bisher keine Aufmerksamkeit hatte -- da sich
diese derselben geflissentlich zu entziehen wußte, trat vor, schlug
ihren Schleier zurück (solche Damen tragen bisweilen auch im Winter
Schleier) und rief:
„So also! dies ist die Treue, welche Sie mir angelobten! So halten Sie
also Ihre Versprechungen -- Ihre Schwüre!... O es ist schändlich, Herr
von Althing! -- es ist schändlich, ein Mädchen auf diese Weise -- vor
ihren eigenen Augen zu hintergehen! -- Es ist entsetzlich... und nie
wird Ihnen das der Himmel verzeihen!“
Der dicke Held glaubte unter die Erde zu versinken. Er sah -- +Nina+,
seine +Nina+ in leibhafter Gestalt vor sich.
„Ich wollte,“ begann sie heftig: „Sie auf die Probe stellen! Und so hat
man also bestanden? Glaubt man mit einem armen Mädchen blos sein Spiel
treiben zu dürfen!... Zuerst macht man sie verrückt vor Liebe -- -- und
dann und dann -- --“
Er hatte sich jetzt aus dem Schnee erhoben, aber seine Beinkleider
waren durch und durch naß...: „O, mein Fräulein -- o, geliebte Nina!“
wandte er sich mit flehender Geberde und gesenktem Haupte an diese:
„Verzeihung -- theures Wesen! Engel in Menschengestalt -- Verzeihung
für diesen Fehltritt.... welcher, bei allen Göttern! der erste meines
Lebens ist. O, verkennen Sie mich nicht.... beurtheile mich nicht
falsch, mein süßes Täubchen -- meine Geliebte! Suche dem Dinge auf den
Grund zu kommen -- und Du wirst finden, daß ich -- -- nur in einer Art
von Geistesabwesenheit dieser Dame da eine Liebeserklärung machen
konnte. -- Wahrhaftig -- mein Kopf -- mein Hirn -- mein ganzes Wesen
ist so sehr mit Dir beschäftigt, daß ich durch vieles Denken an Dich,
wie’s scheint, mein Denkvermögen geschwächt habe... daß ich verwirrt
wurde... daß ich ein Thor wurde -- ein Narr -- ein dummer Teufel --
oder was Du sonst willst.... O! wie bereue ich das Alles! Könnt’ ich es
ungeschehen machen -- mein halbes Leben wollte ich drum hingeben -- und
bei meinen Jahren habe ich noch eine schöne Strecke Zeit vor mir! -- --
Oh! Oh! ich Unseliger! ich unerfahrner junger Thor!“
Die Gesellschaft konnte das Lachen nicht bezähmen -- man nahm die
Taschentücher zu Hilfe, um die Gesichter dahinter zu verbergen. --
Althing, in seiner Consternation, nahm dieses jedoch anders: „O!“
schrie er mächtig auf: „Sie weinen -- meine Verehrtesten! Weint denn
heute die ganze Welt? -- Es ist fürwahr ein trauriger Tag! -- Und auch
Nina -- meine angebetete Nina weint... sie schluchzt -- ihre Brust --
ihre Schultern -- ihr ganzer Körper schluchzt -- -- und ihr schönes,
liebes Gesicht wird mir durch das Tuch entzogen... Doch, ja, ich habe
es verdient! Ich klage mich an! Ich verabscheue, ich verachte mich!
-- -- O!“ schrie er abermals auf -- und fiel, trotz der durchnäßten
Beinkleider (er trug jedoch unter ihnen dreifaches Flanell und noch
überdies Watte), abermals in den Schnee: „O! mir kann niemals verziehen
werden! das seh’ ich... Niemals, niemals! -- Ich werde nicht mehr
geliebt, mein Glück und -- Alles ist dahin!“
Jetzt endlich reichte Nina ihm die Hand -- und sprach hinter dem
Schnupftuche hervor: „Nun denn -- es sei Dir verziehen, Treuloser! Du
verdienst es zwar nicht und ich sollte Dich ewig hassen -- Dich fliehen
-- -- aber, mein Herz spricht so laut zu Deinen Gunsten... daß ich
nicht umhin kann...“
„Ah!“ jauchzte Althing und fuhr mit einem lebhaften Satze in die Höhe:
„Du Engel! Du Engel! -- Sie hat verziehen! Sie nimmt mich wieder zu
sich auf.... Ach! ich wußte es wohl,“ murmelte er vor sich: „mir
widersteht man nicht! -- -- ich bleibe allemal Sieger, Ueberwinder! --
-- Doch,“ sagte er zu der Gesellschaft -- -- „da Sie, meine Damen,“ --
es war nämlich noch eine Vierte da -- „Zeugen waren, sowohl von unserm
Zwist als auch von unserer Versöhnung -- -- so werden Sie, wie ich
hoffe, es mir nicht abschlagen, wenn ich Sie einlade, diesen Tag durch
irgend ein frohes Fest zu verherrlichen. Ich denke, wir könnten uns, so
wie wir da sind -- in die Wohnung meiner geliebten Nina verfügen, und
dort zusammen im fröhlichen Vereine -- ein kleines Mahl mit Champagner
einnehmen. Was sagen Sie dazu?“
„Angenommen, angenommen!“ erhob Nina ihre Stimme und wie ein Echo
wiederholten die drei andern Huldinnen: „Angenommen! Angenommen!“ Man
ging. --
Sechstes Kapitel.
Immer noch Promenade.
Noch war die Promenade der _beau monde_ nicht zu Ende. Im Gegentheil
ostentirte sie jetzt, da das bürgerliche Element sich ausgeschieden
hatte, um zu Tische zu gehen -- ihre interessantere, fashionablere
Seite. -- Sie erhob sich aus einem mechanischen und materiellen
Umhertreiben -- zur Conversation im Freien. Und jetzt sehen wir uns
gezwungen, jene Gestalten und Charaktere, welche wir zu Anfang des
vorigen Kapitels eingeführt haben, wieder herbeizurufen, da dieselben
nunmehr die agirenden Hauptfiguren geworden sind...
Umgeben von einem Zirkel älterer und jüngerer Personen, worunter
illustre Namen der Residenz -- schreitet Herr von Marsan langsam den
Wall entlang, indem er in einer Auseinandersetzung begriffen scheint,
an welcher seine ganze Suite, man möchte sagen, mit Andacht theilnimmt.
-- Dieser Cavalier, den wir seit einiger Zeit aus dem Auge verloren
haben, spielt jetzt in der höchsten Welt der Hauptstadt eine Rolle vom
höchsten Range. Dies mächtige Emporkommen hat er nicht blos seinem
Namen, seinem Reichthume und seinem Geiste oder seiner Schönheit zu
danken -- sondern vornehmlich den mehrfältigen Affairen, in die er
während der letzten Zeit sich als Hauptperson zu verflechten wußte --
und worunter die Angelegenheit zwischen dem Grafen A--x und Cölestine
-- nur eine einzelne war; denn in Bezug auf diese sprach alle Welt ihm
die Initiative zu, nannte ihn die veranlassende Ursache der Trennung
-- und setzte hinzu: er sei noch immer der Geliebte Cölestinens, die
nur um seinetwillen ihr Schicksal mit so großer Heiterkeit zu tragen
wisse. -- Unter seinen andern Liaisons war eine zweite von eben solchen
eklatanten Folgen gewesen -- nämlich sein Verhältniß zur Herzogin
von S--; Marsan, von einem ihrer früheren Anbeter gefordert, schoß
diesem eine Kugel so durch den Kopf, daß der letztere in hundert Stücke
auseinander flog, gleich einem Apfel. -- --
Der Chevalier hatte in der That, und zwar nicht nur in Wien, sein
Renommée als Schrecken der Männer, wie als Abgott der Frauen, mit
einem Worte als Muster eines vornehmen Mannes, eines _grand seigneur_
von altem Schlage zu behaupten gewußt. -- Wenn ihm indessen sein
stolzer, vornehmer und überlegener Charakter bei seinem Geschlechte
viel verdarb, so wußte er zur gelegenen Zeit durch eine Menge von
Talenten Manches wieder gut zu machen -- und hatte er z. B. heute einen
Nebenbuhler bei der oder jener Frau besiegt, so versöhnte er ihn morgen
dadurch, daß er einer andern Leidenschaft desselben schmeichelte: einen
Reiter ließ er beim Wettrennen den Preis gewinnen -- an einen Spieler
verlor er Geld -- einem Dritten ward er in dessen Carriere behilflich,
so daß am Ende alle Mißtöne um ihn herum sich zur schönsten Harmonie
auflösten: diese Harmonie sang sein Lob und es wiederhallte in der
Welt....
Indeß würde man irren, wenn man glaubte, der Chevalier verstände nur
auf diesem wenig erhabenen Felde Lorbeeren einzuerndten; -- das, was er
im Salon einer großen Dame war, galt er auch im Kabinet eines großen
Herrn, denn seine Hilfsquellen waren unerschöpflich, und sein Charakter
im Sinne der großen Welt allseitig. Er wäre als Geschäftsmann, als
Staatsmann vielleicht nicht minder groß geworden, wie er es jetzt
als einfacher Weltmann war -- und obgleich er vorgezogen hatte, die
letztere Stellung einzunehmen, so sah er doch recht gut ein, daß er
dieselbe nicht werde behaupten können, ohne von Zeit zu Zeit den Arm
in die andere Sphäre hinüberzustrecken oder gar einen Schritt auf
das jenseitige Territorium zu thun. -- Daher sagte das Gerücht nicht
zu viel, welches ihn in letzterer Zeit irgend einen diplomatischen
Auftrag übernehmen und deshalb so fleißig in den Häusern fremder
und hiesiger Minister aus- und eingehen ließ. Dieser Auftrag mußte
außerordentlich mysteriöser Natur sein, denn so viel sich die Fama der
guten Gesellschaft sich auch Mühe gab, ihn zu errathen, es wollte ihr
durchaus nicht gelingen.
-- Ohne uns mit dem eigentlichen Inhalte der Conversation, welche im
jetzigen Augenblicke zwischen Marsan und jener Gesellschaft, von der
wir ihn begleitet sehen, stattfand, zu befassen, müssen wir dennoch
bemerken, daß dieselbe auf doppeltem Gebiete umherstreifte, und ihn so
recht in den Brennpunkt seiner gesammten Fähigkeiten -- an die Spitze
der Bestrebungen seines ganzen Standes stellte. Er glänzte hier mit
seinem Geiste erstens als Cavalier und zweitens als Mann von Geist und
politischem Einfluß -- -- er beschäftigte den ganzen Kreis mit den
mannigfachsten Dingen -- und während er diesem Herrn seine Ansicht über
den Unterschied zwischen Patschuli und Moschus mittheilte -- ließ er
gegen jenes Mitglied des diplomatischen Corps eine feine politische
Anmerkung fallen, in einer Sprache, welche kein Anderer verstand....
„Zum Henker!“ flüsterten etliche junge Attaché’s am äußersten Flügel:
„dieser Mensch kann Alles.... mich dünkt, er würde sogar auf einem
Seile tanzen...“
„Er wird dies nicht nöthig haben, um sich früher oder später den Hals
zu brechen!“ meinte Einer, der zu den Wenigen gehörte, die Marsan sich
noch nicht verbunden hatte...
Die Sache war, daß der Chevalier den Grundsatz hatte, sich auch eine
gewisse Anzahl +Feinde+ zu erhalten, da auch sie für einen Mann
der großen Welt unentbehrlich sind. --
In einiger Entfernung von dem Chevalier bewegte sich eine andere
Gesellschaft. Es befanden sich hier die Generalin E--z, Herr von
Labers, die Gräfin Wollheim an der Seite des Fräuleins Eugenie von
Bomben, dieser frommen Seele der abendländischen Christenheit.
Die Rede war von demjenigen, den man seit zwei Stunden beständig vor
Augen hatte... von Herrn von Marsan. -- Man erörterte so eben den
traurigen Fall in des Grafen von A--x Hause, und Herr von Labers hatte
ihn eine von jenen Schickungen genannt, womit die Gottheit bisweilen
gute Menschen heimsucht, um ihre Kraft zu erproben und zu stählen --
oder auch um sie nach dem Kampfe des Sieges um so froher werden zu
lassen. -- Jedermann stimmte in diese schöne Ansicht ein... nur das
Stiftsfräulein lächelte still vor sich hin, indem sie die Achseln
zuckte, was ihr um so leichter fiel, als diese schon von Natur schief
und „nervös“ waren.
„Die Oede und Melancholie in den Häusern des Generals Randow und
seiner Tochter -- läßt sich durch das eifrigste Bestreben, das vorige
Leben in sie herbeizuzaubern -- nicht unterdrücken.... Es zieht ein
schlimmer Geist durch diese Hallen, trotz aller geweihten Kerzen, die
darin brennen, und die einen Tag erlügen wollen,“ -- bemerkte die alte
Wittwe des Feldmarschallieutenants; sie schloß mit den Worten: „Dieses
Unglück hat sogar mich erschüttert -- diese Trauer hat sich sogar mir
mitgetheilt.“
„Aber,“ sagte Gräfin Wollheim, „wie konnte man nur so grausam sein, und
das Räthselhafte in dieser Begebenheit dadurch erklären, daß man Herrn
von Marsan mit ihr in eine Verbindung brachte, welche Verbindung --“
Hierbei fiel Herr von Labers ein: „durch die Würde der jungen Gräfin
hinlänglich widerlegt ist. -- Ach, wir leben in einer Zeit, die sich
mit Gewissen und Ehre bereits so weit abgefunden hat, daß man beide nur
mehr dem Namen nach gebraucht.... Man könnte unsere Epoche, ähnlich
wie man frühere die des +Glaubens+ -- des +Schwertes+ -- der +Barbarei+
-- der +Philosophie+ -- der +Umwälzungen+ -- nannte: eine Epoche der
+Lüge+ oder des +Wahnsinns+ nennen.“
„Man geht so weit, zu behaupten,“ nahm Gräfin Wollheim wieder das Wort:
-- „Graf Alexander habe gegründeten Verdacht -- Beweise sogar, daß
Cölestine --“
„Entsetzlich! Und so Etwas behauptet man wirklich?“ rief die Generalin
E--z.
„-- -- Und mit Recht!“ flüsterte das Stiftsfräulein der Gräfin zu: „Mit
Recht!“ Die edle Menschenfreundin konnte die Vertheidigung der Tugend
nicht länger mehr anhören....
„Was hat man nicht Alles bereits in der Welt behauptet!“ sagte Labers
lächelnd: „dergleichen Gerüchte schaden jedoch nicht mehr... Der,
welcher sie spricht, so wie der, welcher sie hört, glauben Beide nicht
mehr an sie.“
„Der Graf soll für Cölestine ein Schreiben hinterlassen haben.... worin
er Punkt für Punkt seine Anklage vorbringt... da soll es unter Anderem
auch heißen: er habe mit eigenen Augen die Zeichen bemerkt, welche
Cölestine mit dem Chevalier auf irgend einem Balle gewechselt...“
„Die Zeichen waren +handgreiflich+,“ flüsterte die Stiftsdame....
„Ferner,“ fuhr die Gräfin fort: „gleich nach diesem Balle habe
Cölestine mit dem Chevalier eine geheime Zusammenkunft gehabt...“
„In ihrem eigenen Boudoir -- oder vielmehr Schlafzimmer, und zur
Nachtzeit, da Alles schlief... sie war drei volle Stunden mit ihm
eingeschlossen; -- ihr Mann hat sie auf dem Verbrechen ertappt -- ihr
Wesen -- ihre Kleidung befand sich in einem Zustande...“
„Still doch!“ bedeutete die Gräfin der zischelnden Schlange. „Auch,“
wandte sich die alte Dame zur Gesellschaft: „von einem Billetdoux
spricht man, worin die junge Frau Herrn von Marsan ein zweites _tête
à tête_ bewilligt haben soll.“
„Und dieses Billetdoux,“ raunte Fräulein Eugenie trunken vor Freude
ihrer Begleiterin zu -- „fiel dem Grafen in die Hände -- -- er hatte
jetzt ein Selbstbekenntniß -- eine Selbstanklage der Verbrecherin. --
Ja, einer Verbrecherin!“ fuhr die Philanthropin wild fort: „wie die
Erde noch keine abscheulichere getragen hat -- wie selbst Babel sie
ausspeien würde -- -- während der saubere Frauenverein sie in ihren
Schooß aufnehmen und mit dem Mantel seiner Tugendlichkeit bedecken will
-- welche Tugendlichkeit durch diesen Fall allein schon ihre Erklärung
findet, hehe! -- O! Wie bin ich gerächt! Wie hat der Himmel selbst
sich zu meinem Partisan erhoben! -- Bei allen Kneifzangen Nero’s! bei
dem Skalpirmesser der Indianer! -- ich bin mit der Gerechtigkeit des
ewigen Schicksals ausgesöhnt. -- Ich murre nicht ferner... ich neige
mich in Demuth und werde im Stillen fort arbeiten am allgemeinen Werke
der Liebe. Erst vor Kurzem habe ich wieder ein neues Surrogat für die
+Armenspeise+ erfunden; es besteht in einem Mehl, welches man aus
gestoßenen Tannenzapfen gewinnt, und welches Mehl die Eigenschaft hat,
daß es die Speiseröhre anschwellt; wenn Einem aber die Speiseröhre
geschwollen ist, kann man nicht viel essen, man lebt daher äußerst
billig....“
„Zu den schmählichen Verläumdungen, von denen wir so eben gesprochen,“
sagte Labers -- „gehört auch die, welche einen neuen Beweis gegen die
arme Gräfin A--x in dem Umstande sieht, daß der Chevalier von Marsan
seit der Abwesenheit ihres Gemahls ihr Haus nicht mehr besucht. Diese
so natürliche Thatsache -- diese Delikatesse von Seiten Marsans legt
man demselben als eine abscheuliche Absichtlichkeit aus, als wollte er
den Gerüchten keine neue Nahrung geben.“
„Es ist wahr,“ murmelte die Stiftsdame: „daß er sie am Tage nicht
besucht, das wäre auch sehr albern.... sie kommen zur Nachtzeit
zusammen, halten ihre Bacchanalien unter dem Schleier der Mitternacht
-- und das scheint mir weit vernünftiger.... hehe! --“
In diesem Augenblick stieß man durch ein Ungefähr, welches Marsan und
seine Gesellschaft zwang, stillzustehen, mit der letzteren zusammen
und machte den ferneren Weg an ihrer Seite, wobei sich nun nichts mehr
zutrug, was irgend verdiente, hier aufgezeichnet zu werden. --
* *
*
Wie wir wissen, hatte Althing jenen vier Damen, mit welchen wir ihn in
einer „hohlen Gasse“ getroffen haben, zu einer Mahlzeit eingeladen,
die bei der Gebieterin seines Herzens (Keiner glaubte er noch so tief
in’s Herz gewachsen zu sein!) statt finden sollte. Ferner wissen wir,
daß er sich mit ihnen sofort auf den Weg begeben habe. -- O, es war
ein hitziger Kerl, dieser Althing! Er hatte Temperament und Feuer
für Zehn! -- -- Nach mannigfachen Krümmungen durch enge Gäßchen und
Durchgänge gelangte man endlich auf’s Salzgries -- denn hier wohnte die
Dulcinea des Ritters. Als echte Dulcinea wohnte sie dem Himmel näher
als der Erde; -- -- Althings Geliebten hatten überhaupt alle diese
Eigenthümlichkeit. -- Sie wohnten sämmtlich nicht unter sechs Treppen.
-- Aber wem, der je ein glühendes Jünglingsherz im Busen trug -- sind
sechs Treppen mehr als eine Kleinigkeit gewesen -- über welche er
hinwegeilte, während man kaum zwei Schnippchen schlug? -- Daher kommt
es auch, daß unser Mann seit den drei Tagen, da er seine holde Nina die
+Seine+ nannte -- mindestens schon vierzig Mal diese allerliebsten
sechs Treppen auf und ab gelaufen war. --
Er bewies dies auch jetzt. Ehe man sich’s versah, war er oben -- -- die
vier Schönen keuchten ihm mühsam nach, hatten es ihm jedoch nur bis zum
zweiten Treppenabsatze nachthun können. --
Fräulein +Nina’s+ Wohnung bestand in zwei Zimmern und einer Art
Küche, die zugleich als Vorzimmer diente. Wir sagen zwei Zimmer --
weil wir uns gerne nach dem Sprachgebrauche der Personen richten,
mit welchen wir zu thun haben, und Fräulein Nina sprach stets von
ihren „zwei Zimmern.“ Wer aber war dieses Fräulein? Hierher paßt
dasjenige, was ein trefflicher französischer Novellist der neuesten
Zeit, +Charles de Bernard+ in einem seiner Werke[C] über jene
Gattung Menschen in Paris sagt, die man dort die +problematischen
Existenzen+ nennt.
„Diese Parias,“ sagt unser Schriftsteller -- „von denen man nicht weiß,
woher sie kommen, noch wohin sie gehen, ohne eine Familie, die sie
anerkennt, ohne einen Stand, den sie zu gestehen wagen, frei von allen
Pflichten -- besitzen nur so viel Erde, als die Blumenvasen ihrer
Salons enthalten, und leben wie Paschas. Wie wunderbar und doch so
gewöhnlich! Aehnlich den Lilien, von denen die Bibel spricht, arbeiten
sie nicht und spinnen auch nicht, und dennoch bietet manchmal ihr Luxus
den Herrlichkeiten der Prinzen Trotz..... Verfolgt sie bis zu ihrem
Ursprunge, diese Bäche mit unverschämtem Rauschen, mit den golden
schimmernden Wellen, wie der Pactol, ihr werdet unfehlbar an eine
unreine Quelle kommen... u. s. w.“
Ohne die Dame, von der wir sprechen, in die höchste Klasse dieser
Existenzen zu rangiren, ohne sie zu den weiblichen Industrierittern
_par excellence_ zählen zu wollen, müssen wir von ihr doch
sagen, daß es ihr an nichts fehlte -- um stets vor der Welt in einer
reizenden Hülle erscheinen und Dummköpfe verdrehen zu können... Ihre
Begleiterinnen und die Alte, welche sich als ihre Mutter gerirte, (man
kennt diesen Posten!) waren natürlich ihres Gleichen.
„Meine Freunde und Freundinnen, machen Sie sich es bei mir so bequem
als möglich...!“ fing Fräulein Nina an die Frau vom Hause zu spielen
-- nachdem Alles eingetreten war und Platz genommen hatte -- -- „und
um Ihnen mit gutem Beispiele vorauszugehen, will ich selbst den Anfang
machen....“ Sie trat in ihr +zweites Zimmer+, blieb daselbst
einige Minuten lang, und erschien sodann -- vollständig metamorphosirt
bei der Gesellschaft.... so daß Althing nicht umhin konnte, einen Ruf
der Ueberraschung auszustoßen....
Seine Dame hatte ihr Costume so weit abgeworfen, daß das jetzige
sehr stark an jenes von Adam und Eva erinnerte: sie trug über ihren
ursprünglichen Reizen weiter nichts, als einen Unterrock und eine Art
Camisol aus Mousselin, welches im Winde flatterte, offen wie eine
Flagge. -- Sogleich eilten auch die andern Damenschaften in das Kabinet
und erschienen nach einer gleichen Zeit in einem überraschend ähnlichen
Anzuge.... Dieses Intervall, so klein es war, hatte der verliebte
Ritter gewandt zu benutzen gewußt; er hatte seine Dame zu sich auf den
Schoß gezogen -- ihr einige Dutzend Schwüre ertheilt und abgenommen --
auch etwelche Küsse und andere Zärtlichkeiten.
„Aber wer wird nach dem Gasthause gehen, um das Nöthige
herbeizuschaffen?“ frugen die Damen, kaum daß sie zurückkehrten....
„Die Sache ist sehr einfach,“ erwiderte +Nina+...: „meine Mutter
wird so gut sein und den Aufwärter aus der +Stadt Neapel+
herbescheiden -- -- den hübschen Joseph.... bei dem mein Freund
+Achilles+.... so heißt Du doch, nicht wahr...?“
„+Achilles+ -- ganz recht, meine Geliebte!“ versetzte Althing und
klirrte mit seinen Sporren....
„Nun, bei ihm kannst Du sodann Alles bestellen, was wir brauchen...
Habe ich nicht Recht, theurer Achilles?“
„Vollkommen, vollkommen!“ lächelte der Dicke -- der sich mit diesem
Namen, den er so eben erst angenommen hatte, sehr zu gefallen schien...
Ohne Säumen begab sich die ehrwürdige Mutter des Fräuleins, so wie
sie da stand -- nach dem Gasthause zur „Stadt Neapel“... Sie mochte
ähnliche Wege schon oft in solchem Costume gemacht haben....
Während ihrer Abwesenheit unterhielt man sich über Verschiedenes... was
aber nicht ganz nach Althings Geschmacke war, denn er wollte sich blos
mit Einem beschäftigen. Er hielt seine Angebetete noch immer auf dem
Schoße und schwitzte dicke Tropfen unter der Anstrengung, die es ihm
verursachte, nebenbei noch gegen die Uebrigen den Liebenswürdigen zu
spielen... Indeß war er darüber nicht böse, denn er zeigte sich gerne
gewandt in den Künsten der Galanterie, welche ja sämmtlich in sein Fach
einschlugen.
Der schöne Joseph und die alte Vettel erschienen bald im Zimmer. Der
erstere brachte mit der Karte jene ungeheure Aufmerksamkeit der Wiener
Kellner mit, woran sich die des übrigen Deutschland ein Beispiel
nehmen sollten. Nebenbei lachte der schöne Joseph zu Zeiten auf so
eigenthümliche Weise -- hiervon sah jedoch Althing nichts, welcher sich
in die grundlosen aber auch goldhaltigen Schachten der Speisekarte
vergraben hatte. -- Nina aber schien diesen Blick Josephs ganz gut
bemerkt zu haben und sie gab dem schönen Joseph einen bedeutsamen Wink.
In kurzer Zeit bog sich der Tisch unter einer zahlreichen Menge von
Speisen und Getränken ... das Mahl begann und ward demselben, wie sich
vermuthen ließ, von sämmtlichen Gästen eine gebührende Ehre angethan.
Diese Damen aßen auf eine Weise -- als hätten sie entweder noch niemals
gegessen oder als sollten sie in Zukunft nimmer essen -- und wenn man
sagt, daß die Liebe den Appetit benimmt, so hatte dies Sprichwort
bei Fräulein Nina total Unrecht, denn diese aß und trank allein eben
so viel, wie die Andern zusammen genommen. -- Bald wurden Toaste
ausgebracht und von diesem Zeitpunkte an bekam Mahl wie Gesellschaft
eine neue, nämlich die eigentliche Gestalt... d. h. alle Schranken
fielen, welche die thörichte Sitte erschaffen hatte -- wenn auch nicht
zum Besten dieses Hauses. -- Man fing an zu schreien, zu singen --
und Althing wurde so leidenschaftlich, daß Nina, die er noch immer
umherzerrte, ausrief:
„Aber haben Sie denn den -- Koller!“
„Nein, meine Geliebte -- sondern ich bin sterblich in Sie verliebt, ich
könnte in dieser Stunde es mit einer Million Teufel aufnehmen, wenn die
Sie mir entreißen wollten...“
„O, das ist nicht nöthig! Ich würde mich freiwillig für Dich
entscheiden -- mein holder Achill -- und wären es selbst eine Million
Engel. Du weißt, wie ich Dich liebe!“
„Wirklich? -- Und dies scheint nicht blos Redensart? -- Ach Du machst
mich zum glücklichsten der Menschen.... Wie schade, daß wir hier vor
Zeugen sind! Ach, wären wir allein!“
„Ja, wären wir allein!“
„O -- das sollte eine Wonne sein!“ schmachtete der alte Narr und
verdrehte die Augen, wie ein andächtiger Derwisch...
„Ja -- es sollte eine Seligkeit sein!“ wiederholte sie und verdrehte
nicht minder die Augen ... jedoch nur, um ihren Freundinnen ein Zeichen
zu geben, was diese verstanden und mit einem Kopfnicken beantworteten.
„O, ich bete Dich an!“ seufzte Nina, gleichsam zerfließend in
Liebeseligkeit....
„Und erst ich Dich!“ ächzte Althing, dessen Leidenschaft sein Mieder
in der Weste und seinen Gurt um den Bauch sprengen zu wollen schien.
„Ach -- ach -- -- diese abscheulichen Menschen da! Wie sie uns
anglotzen!“ flüsterte sie ihm in’s Ohr...
„Ich wollte -- der Satan holte sie, trotzdem daß Deine Mutter dabei ist
-- -- und führte sie dahin, wo der Pfeffer wächst...“
„Trinke doch -- mein süßer Achill!“
„Ja -- ja -- ich glaube jedoch schon ein wenig zu viel getrunken zu
haben....“
Er stieß wirklich bereits mit der Zunge an.
„Was schadet das! Der Wein gibt Muth ... und endlich werden wir dieses
Volk da, welches uns belästigt -- zur Thür hinauswerfen...“
„Ja! das -- wollen wir! -- Das ist ein köstlicher Einfall! -- Wein,
Wein herbei! -- So! Ein großes Glas! -- Ich leere es auf einen Zug!
-- -- Alle Donner! -- Nun habe ich die Kraft -- es mit allen Hexen
des Blocksberges aufzunehmen..... Komm! komm!“ schrie er, hinlänglich
trunken, um kein Körnchen Verstand mehr zu besitzen: „Komm! -- Wir
wollen diese alten und jungen Dämchen -- über die Treppe schmeißen....
Vorwärts, meine Freundin: das wird für uns nur ein Kinderspiel sein! --
Ich habe es tausend Mal schon mit einer dreifachen Mehrzahl aufgenommen
und blieb immer Sieger!.... O, es soll eine Metzelei geben... daß es
eine Freude ist... Blut soll fließen...“
[Illustration: Seite 144.]
Und während er diesen Unsinn mit einer Mordbrennerstimme schrie --
stürzte er mit dem Vorlegelöffel bewaffnet auf diese Frauenzimmer, die
ihrerseits ebenfalls ein fürchterliches Geschrei erhoben -- und nach
Hilfe rufend zur Thür hinausstürzten -- über die Treppe hinabliefen,
wohin er ihnen, durch den leichtgewonnenen Erfolg übermüthig gemacht,
mit rasender Kampfeswuth nachfolgte -- jedoch nur einige Stufen -- denn
dann stolperte er über ein Paar -- fiel und rollte gleich einer Walze
volle vier Treppen hinab bis zur zweiten Etage -- wo er auf dem Flur
liegen blieb. Ein schauderhaftes Wehegeschrei entfuhr ihm hier: „Ich
bin zerschlagen... ich bin todt... ich bin aufgeplatzt... mit mir ist
es aus....“ Sodann verlor er die Besinnung, und was mit ihm weiter
geschah, wußte er nicht.
Genug an dem, daß er sich Tags darauf bei vollkommenem Wohlbefinden in
den Armen seiner süßen Nina erblickte, welche auch in diesem Augenblick
zärtliche Thränen über den Unfall weinte, dem er gestern zur Beute
geworden.... Wie zu erwarten stand, war mit der Gefahr auch seine Angst
und sein Kleinmuth vorbei... seine Courage wuchs wieder riesengroß --
die Flammen seines Herzens loderten bis zum Dache des Hauses hinauf
-- und begruben ihn und die schöne Nina, daß von den Beiden nichts zu
sehen war....
Erst Nachmittag erhob sich der Sieger vom Schlachtfelde. Er ging nach
dem andern Zimmer, wo seine Sachen lagen, machte Toilette -- und wollte
diese damit beendigen, daß er sich mit Uhr, mit Ringen schmückte und
nach seiner Brieftasche suchte.... Aber welches Entsetzen! -- als er
bemerkte, daß nichts von alle dem zu finden war....
„Wo ist meine Uhr hingekommen?“ schrie er... „Wo sind meine Ringe
hingekommen? -- Es befindet sich unter ihnen ein Solitär von Werth und
die Uhr hat 800 Gulden gekostet...! -- Und wo, wo ist meine Brieftasche
-- diese Brieftasche enthielt 1000 Gulden und noch andere Papiere von
Werth!“
Auf sein Lärmen trat Nina herein: „Aber was ist Ihnen denn, mein Herr?“
sagte sie, die Hände zusammenschlagend. „Sie geberden sich ja wie toll?“
„Und das soll man nicht sein -- wenn man so bestohlen wird.... wie es
mir bei Ihnen geschah.“
„Mein Herr -- Sie erlauben sich da, einen Schimpf auf mich zu werfen,
den ich nicht dulde ... Ich werde sogleich meinen Freund, der zehn
Schritte weit von hier auf derselben Etage wohnt, herbeirufen, damit
er mich vor der Behandlung schütze, die Sie sich unterstehen, mir
widerfahren zu lassen.“ -- Jetzt eilte die Holde fort und erschien
wirklich gleich darauf mit einem großen schwarzen Kerl, der einen
Räuberhauptmann in den Abruzzen hätte vorstellen können.
„Wie -- Sie unterstehen sich?“ begann der Kerl und rollte ein Paar
Augen, die bei Gott -- wie kleine Granaten aussahen. „Sie wagen es,
meine Freundin zu beschimpfen... von Diebstahl zu sprechen... von
verlornen Uhren -- Ringen u. dergl....“ Mit diesen Worten trat er ihm
dicht bis vor’s Gesicht hin, so daß der dicke Liebesheld erschrocken
sich zurückzog, und mit bleichen Lippen stammelte: „Aber -- was wollen
Sie -- mein Herr -- ich habe ja -- -- das Recht -- zu glauben -- --“
„Was?“ brüllte der Schwarze: „Sie haben gar kein Recht,
Niederträchtigkeiten zu glauben... Entweder haben Sie nicht einmal eine
Uhr, einen Ring oder eine Brieftasche besessen -- -- und das Ganze ist
nur eine elende Ausflucht, um der Bezahlung zu entgehen, welche Sie für
das gestrige Mahl zu leisten haben... Oder aber, angenommen, daß Sie
jene Sachen wirklich bei sich gehabt haben, so müssen Sie dieselben
gestern, während Sie mit den Damen Skandal machten -- sich umherhetzten
und zuletzt wie ein Igel über die Treppe rollten... bei dieser
Spazierfahrt müssen Sie Ihre Preciosen verloren haben. -- Begreifen
Sie mich nun?! -- Verstehen Sie -- mein Freund, wie? -- Oder aber --
capiren Sie mich noch immer nicht?!“
Die letzten Worte brüllte der verdammte Schwarze mit einer Bärenstimme
und begleitete sie mit solchen Wolfs-Geberden -- daß der alte Adonis zu
zittern anfing, wie Einer, der das kalte Fieber hat, -- und ferner kein
Wort hervorzubringen vermochte -- als: „Schon gut -- schon gut -- --
ich bin -- ja -- zufrieden....“
„Wenn dies der Fall ist,“ versetzte der Schwarze, ein wenig den Ton
seiner Bärenstimme mäßigend: „so können Sie gehen -- -- aber,“ fuhr er
fort und wieder brüllte er ganz entsetzlich: „wofern Sie von der ganzen
Geschichte nur das Geringste verlauten lassen, oder es wagen -- damit
vor Gericht zu erscheinen, dann nehmen Sie Ihren Kopf in Acht.... ich
reiße Ihnen denselben herab, wie einen Kohl aus dem Garten...“
„Es soll nicht geschehen!“ bebte Althing und pries seinen Schöpfer, als
er zur Thür hinaus war: „Das ist ja ganz unglaublich!“ sagte er zu sich
auf der Straße: „Es wohnen ja da Menschenfresser unter uns! -- Wenig
fehlte, so hätte der Kerl mir den Kopf abgebissen.... Gott sei meiner
armen Seele gnädig!...“
Noch nie war er von einem Rendezvous trauriger heimgekehrt, als
diesmal.
Siebentes Kapitel.
Der Zurückgezogene.
In einem alten abgelegenen Schlosse der Provinz, wohin seit einer
langen Reihe von Jahren kein anderer Fuß gekommen war, als der der
Landleute aus der Umgegend, welche kamen, dem Amtmanne (Verwalter)
den Zehnten einzuliefern oder den gesetzlichen Arbeitsdienst auf dem
Gute ihres Grundherrn zu verrichten -- in diesem einsamen düstern
Schlosse, dessen Ursprung sich in die graue Feudalzeit verlor, war seit
einigen Wochen ein regeres Leben eingezogen und mehrere Menschen gingen
dort ab und zu, wo früher lange Zeit hindurch nur Fledermäuse und
anderes Gethier umhergezogen waren. Dieses Schloß nun gehörte zu den
Besitzungen des Grafen Alexander von A--x, war jedoch seiner Gemahlin
sowie seinen Freunden aus verschiedenen Gründen unbekannt geblieben,
worunter wir sogleich einen anführen wollen.
An dieses Schloß knüpften sich sonderbare Erinnerungen aus der
Jugendzeit des Grafen, die er hier im Kreise ähnlich gesinnter
Gesellen -- auf eine Lord Byron’s würdige Weise durchlebt hatte. Hier
wurden einst jene wilden, wüsten Orgien um Mitternacht gefeiert --
hier Mädchen verführt und Gott gelästert -- hier in Wein, Würfeln
und wüthender Leidenschaft ein Dienst Moloch’s begangen, von welchem
der Aberglaube der Bauern noch jetzt, wie von einem übernatürlichen
Treiben, woran der Teufel in eigener Person theilgenommen, sprach --
und welche Epoche diejenige in des Grafen Leben war, von der dunkle
Sagen selbst in die Hauptstadt gedrungen waren.
Wir haben hiervon bereits am Eingange der gegenwärtigen Novelle
gehandelt. --
Natürlich, daß Alexander vor der Gesellschaft und besonders vor seiner
Gemahlin einen Ort geheim zu halten suchte, an welchen sich ein
Abschnitt seines Lebens knüpfte, den er in gereifteren Jahren und
namentlich unter seinen ersten Verhältnissen zu Cölestine alle Ursache
hatte zu desavouiren. -- Man wußte wohl, daß er wild und unbändig
gelebt hatte -- aber +wo+ dies stattgefunden, konnte Niemand
sagen. -- Jetzt in der verhängnißvollsten Lage seines Lebens erndtete
Alexander die Früchte seiner klugen Verschwiegenheit -- -- er konnte,
da er sich von seinem Hause und von der Welt trennte, in ein Schloß
einziehen, von dem Niemand Kunde hatte, und wo er gesichert war, wie
ein Verstorbener.
Seit seiner Trennung von Cölestine lebte er hier. Wie uns bewußt
ist, war seine Umgebung sehr klein und beschränkte sich auf den
Sekretär und einige Diener, auf deren Treue und Verschwiegenheit er
bauen konnte. Die Absicht, mit der er hierher gekommen, war, sich
von allen Geschäften und vom Verkehr mit der Gesellschaft überhaupt
zurückzuziehen und in Zukunft nur mehr als freiwilliger Verbannter,
als Anachoret zu leben, zurückgezogen in seinen Stolz, in seinen
Groll. -- In späteren Jahren wollte er nebenbei auch noch eine Reise,
vielleicht eine sehr große vornehmen -- stets jedoch seine Einsamkeit
behaupten. Er glaubte, die Welt hinlänglich kennen gelernt zu haben,
und -- fand nur Verachtungswürdiges in ihrem Bereiche. Denn es hatte
ihn nicht nur sein Weib betrogen -- seine Freunde, seine Bekannten,
die, welche sich seine Getreuen, seine Brüder nannten -- sie Alle, aus
früherer sowohl wie späterer Zeit, waren falsch, tückisch, heuchlerisch
und feige gewesen, hatten ihm geschmeichelt, so lange es ihr Vortheil
war, und flohen ihn, als er in’s Unglück kam. Diese Ansichten --
welche übrigens bei ihm schon seit langer Zeit existirten -- waren
jedoch nicht ganz das Resultat des Lebens, wie er glaubte, sondern sie
beruhten großentheils auf seinem krankhaften, trübsinnigen und düstern
Charakter, den wir hinlänglich kennen. -- Mag dem indeß sein, wie ihm
wolle, er war ein Unglücklicher, in der That ein solcher, und nicht
blos ein affektirender... Er verdient beklagt und nicht verspottet zu
werden.
Es wäre hier vielleicht der passende Ort, zwischen diesem Charakter und
einigen ähnlichen, welche die neuere Poesie hervorgebracht hat, eine
Parallele zu ziehen -- denn die moderne Romantik und Dramatik ist reich
an düstern und stolzen Melancholikern -- wie die moderne Zeit, diese
Zeit schwärmerischer, hochklingender Wünsche und schaler, trauriger
Erfolge. Sollen wir hier die +Lara’s+, die +Corsaren+, die +Werther+,
die +Meinau’s+, die +Arthur’s+, die +Wally’s+, die +Helden Georg
Sand’s+ citiren? -- Doch nein, wir enthalten uns dessen, es würde doch
eine undankbare Mühe sein, da man mit diesem Thema gegen eine nüchterne
unbarmherzige Kritik stößt -- der es gefällt, dasjenige wegzuspotten,
was doch vor ihren Augen in düsterer Wirklichkeit steht -- wollte sie
sich nur die Mühe nehmen, die Augen aufzuthun. -- Aber schon weil man
so gerne darüber spottet -- existirt es; denn am heftigsten hat sich
die Satyre stets gegen das +Bestehende+ gerichtet. --
Die Lebensweise Alexanders auf dem alten Schlosse war einförmig und
bitterlich traurig. Er bewohnte einige Zimmer, die ihm die Aussicht
auf den Wald und See boten, von welchen zwei Seiten des Schlosses
umgeben waren. Diese Zimmer standen noch so, wie sie einer seiner
Vorfahren mütterlicher Seits vor mehr als 100 Jahren verlassen hatte.
Da sich die Conservationssorgen des Verwalters vorzüglich diesem
Theile des Hauses zuwandten, so war es ihm gelungen, hier Alles noch
im reinsten Geschmacke der Zeit der +Theresia+ zu erhalten ... Diese
Zeit aber, die Freundin eines eben so prunkenden als reellen Luxus,
hatte hier in fünf oder sechs Gemächern einen Reichthum an Sachen
und Verzierungen aufgehäuft, womit man heut zu Tage ein großes,
weitläuftiges Haus vollständig versehen könnte. -- -- Die schweren
Seiden- und Sammttapeten, welche die Wände verhüllten, waren allein so
viel werth, wie das ganze Ameublement einer mäßigen Wohnung unserer
Zeit... Diese prachtvollen Spiegel aus venetianischen Fabriken --
diese kunstreichen Uhren in kolossalen Gehäusen, wovon jedes ein
Meisterwerk damaliger Kunst... diese Armstühle, schwer vergoldet
und mit dicken Brokatstoffen, woran tausenderlei Blumen und Farben
glänzten, überzogen... diese Tische aus einem Eichenholz, welches
noch jetzt hart war wie Granit -- -- diese Schränke mit den in’s
Fabelhafte gehenden Arabesken überladen -- -- diese Tischchen und
Kästchen von eingelegter Arbeit... endlich diese großen Familien- und
Schlachtengemälde aus einer Schule, die es mit den besten unserer
Zeit aufnehmen konnte... und zum Schlusse noch alles das Uebrige,
wovon eine hochadelige Wohnung damaliger Zeit erfüllt war und worunter
sich Gegenstände befanden, deren Namen uns nicht einmal mehr geläufig
sind... kurz in dieser Umgebung von 1700 und einigen Jahren lebte jetzt
Alexander, ein moderner Mann, ein Zeitgenosse von uns.
Noch vor Tagesanbruch erhob er sich aus seinem feudalen Himmelbette,
kleidete sich ohne Beihilfe eines Kammerdieners an und lehnte sich
durch’s offene Fenster in die kalte Luft eines dunklen Wintermorgens
hinaus.... Es machte ihm ein stolzes Vergnügen, die Natur vor sich in
ihrer erhabenen Erstarrung -- den Himmel in seinem grauen, zerrissenen
Königsmantel zu sehen.... Und wenn so kein einziges Sternlein blinkte
-- der Mond sich dicht verhüllt hatte -- wenn der karge Wiederschein
des Eises und Schnees das einzige Licht des Horizontes war -- daß
solchergestalt dessen Dunkelheit erst recht sichtbar wurde... dann
freute sich sein Herz, denn es fand jetzt Uebereinstimmung mit sich
selbst, nach der ja ein jedes Herz verlangt -- mag dieser Einklang auch
noch so traurig sein. Die Dienerschaft hatte den strengsten Auftrag,
sich ihm nie anders, als gerufen zu nähern -- -- und oft verging ein
halber Tag, ehe er nach dem Verwalter, Sekretär oder sonst Jemand
verlangte. -- Häufig noch vor Sonnenaufgang ging der Graf in einen
Mantel gehüllt hinaus in’s Freie und streifte bis in den abgelegensten
Theil der Landschaft hinaus... Der Jäger traf ihn dann am Morgen mitten
im Walde eine Meile vom Schlosse entfernt. Hier saß er auf einem
hohen Felsenvorsprung -- -- und starrte hinaus in’s Leere, Gott weiß
wohin.... der Jäger aber schlug ein Kreuz, denn dieser Felsen war aus
der Vorzeit her sehr berüchtigt, was schon sein Name „der Heidenfelsen“
hinlänglich andeutet -- und überdies noch leiblich gefährlich, denn
von ihm war es so schwer herab zu kommen, daß Niemand Lust hatte,
+hinauf+ zu gehen....
Die übrigen Stunden des Vormittags brachte Alexander eingeschlossen
in seiner Bibliothek zu, die hier sehr alt, aber eben deshalb ganz
seinem Bedürfniß gemäß war. -- Besonders an diese Bibliothek knüpfte
der gemeine Aberglaube -- seine Beweise an. -- Hier wie dort in der
Stadt übten die großen Bücher und unerklärbaren Instrumente auf die
guten Leute der Gesindstube und des Dorfes eine unheimliche Macht aus;
denn die Macht der Bücher ist so gewaltig, daß derjenige, welcher sich
sträubt, den Gott in ihnen anzuerkennen, wenigstens vor dem Teufel
zittern muß, den sie enthalten sollen. --
Das Mittagsmahl verzehrte Alexander ebenfalls einsam in einem
weitläuftigen Speisesaale, was einen sonderbaren, gespensterhaften
Anblick bot und die Diener, welche die Speisen hereintrugen, zittern
machte, so daß sie zwei oder drei Mal schon die Teller hatten fallen
und den Wein auf die Tafeldecke fließen lassen.... Nur wenn der
Sekretär oder der Verwalter ihren Herrn dringend zu sprechen hatten,
durften sie ihn bei seiner einsamen Mahlzeit -- dafür aber auch zu
keiner andern Stunde -- besuchen, und er wies ihnen dann sich gegenüber
einen Platz an, jedoch ohne sie zum Essen aufzufordern.... was einiger
Maßen der Mahlzeit mit dem steinernen Gaste ähnlich sah. --
Nach Tische machte er einen Ritt -- Niemand wußte wohin, denn noch
Niemand hatte ihn hierbei begleitet. -- Oft kehrte er erst in später
Nacht zurück, schweißtriefend oder durchnäßt vom Unwetter, das Pferd
aber häufig so ermattet, daß er es lange nicht wieder brauchen konnte
und der aufmerksamsten Pflege übergeben mußte.
Die schroffe Abgesondertheit, welche er im Schlosse gegenüber seinen
Beamten und Dienern behauptete... änderte er auch nicht außerhalb
desselben -- und er blieb seinen Unterthanen jetzt eben so fremd, wie
er es ihnen seit jeher gewesen war. -- Nur in einer Hinsicht priesen
sie sich, im Vergleich zu jenen früheren Zeiten, glücklich, und ihre
diesfälligen Befürchtungen waren nicht eingetroffen. Früher verdarb
er mit seinen Gesellen ihre Felder -- hetzte ihr Vieh -- und bei den
Jagden sie selbst -- entführte ihre Mädchen -- und lästerte ihren
Gott.... jetzt that er, wenn auch nicht unmittelbar, fast eben so viel
Gutes an ihnen; so zwar, als hätte er den Willen gehabt, ihnen den
alten Schaden zehnfach zu ersetzen, und Wunden, welche längst vernarbt
waren, als frischgeschlagene zu heilen. -- In kurzer Zeit wurde der
Name des „gnädigen Herrn Grafen“ eben so gesegnet, als er früher
verflucht ward -- und während man damals wünschte, jener Teufel, mit
dem er einen Bund geschlossen, möchte ihn recht bald holen -- betete
man nunmehr für die Seele des armen Herrn, auf daß ihr Satan und seine
höllische Macht fern bleibe. -- In Wahrheit, eines Tages begab sich
eine Deputation aus den zwei nächsten Dörfern zum Pfarrer und ersuchte
denselben ernstlich, kraft seiner priesterlichen Würde in dieser Sache
das Seinige zu thun, was in nichts Geringerem bestehen sollte, als in
der Austreibung Beelzebubs aus dem Leibe des „gnädigen Herrn.“ Der
Pfarrer -- ein in dieser Hinsicht mit ihnen auf gleicher Geistesstufe
stehender Mann -- nahm Alles wirklich so, wie es ihm geboten wurde,
und versprach, nach Kräften für die Erlösung des Gutsherrn zu wirken;
hierbei schien ihm der Exorzismus eben so wohl das einzige, wie das
unzweifelhafteste Mittel, da dies Mittel sich obendrein erst vor Kurzem
an einer Viehmagd bewährt hatte, die nächtlich stets von einem großen,
dicken bösen Geiste geplagt wurde, der in ihren Stall kam und sie
während des Schlafes (die Dirne hatte einen etwas kräftigen Schlaf,)
so lange quälte und drückte, bis sie stets davon erwachte und ihn mit
dem Besen davon trieb. -- Seit der Geistliche nun den Exorzismus mit
ihr vorgenommen hatte -- war vom Teufel keine Spur mehr zu sehen. --
Zufällig nur erkrankte um dieselbe Zeit ein großer dicker Knecht in
der Nachbarschaft, welcher Umstand jedoch weder von der Magd, noch
vom Teufelsbanner, noch aber von den andern klugen Köpfen des Dorfes
berücksichtigt wurde.
Der Pfarrer empfing die Deputation in seinem Hofe, als er eben aus
dem Gänsestall, mit einer fetten Gans unter dem Arme, kam: „Also, Ihr
meint, der gnädige Herr sei wirklich vom -- Gott sei bei uns besessen,
liebe Kinder?“
„Ganz gewiß, Euer Hochwürden -- -- und vielleicht nicht blos von
einem; es mögen da wohl ein Dutzend in ihm ihr arges Wesen treiben!“
antwortete der Führer dieser Deputation, ein alter Bauer, der schon
drei Mal in Wien und einmal sogar in München gewesen war, deshalb auch
für ein absonderliches Lumen galt. --
„Aber welche Beweise habt Ihr, meine lieben Pfarrkinder, daß dies mit
dem gnädigen Herrn wirklich --?“ er sprach das Wort nicht aus, denn so
eben hatte die Gans unter seinem Arme sich ein wenig allzunatürlich
betragen und den Pfarrrock des guten Pfründners in Verlegenheit
gebracht, -- -- sogleich beeilten sich die Mitglieder der Deputation,
ihm ihre Dienste anzubieten, wischten und putzten mit Fingern und
Rockärmeln, bis die Verlegenheit der schwarzen Toga gehoben war. --
Der Pfarrer, noch immer die Gans fest unterm Arme haltend -- dankte
ihnen lächelnd und fuhr nun im Verhöre fort: „Ich fragte Euch, Ihr
lieben Leute, nach den Beweisen, auf die Ihr Euere Behauptung von des
Herrn Grafen Unglück stützt? Was habt Ihr Besonderes an ihm bemerkt?“
„Euer Hochwürden -- -- erstens ist der gnädige Herr ohne die gnädige
Frau, auf die wir uns so gefreut haben und zu deren Empfang wir sogar
eine Triumphpforte aus Pappe, mit Raketen und Puffern gespickt, beim
Kaufmann bestellt haben, gekommen....“
Der Pfarrer dachte ein wenig nach, gab dann der Gans, welche sich zu
bewegen anfing, einen Schlag auf den Kopf und versetzte ernst: „Das ist
Etwas! -- -- Aber ferner?“
„Ferner,“ fuhr der Sprecher fort: „ferner ist der gnädige Herr den
ganzen Tag über eingeschlossen -- redet mit keiner Menschenseele....
sondern blos --“
„Sondern blos -- -- meine Kinder?“
„Mit sich selbst!“
„So?!“ betonte der Parochus -- und gab seiner Gans abermals einen
Schlag, denn sie wollte keine Ruhe annehmen, sie schien ein äußerst
rebellisches Gemüth....: „Das ist,“ nahm er jetzt das Wort und machte
dabei die allertiefsinnigste Miene: „das ist allerdings ein wichtiger
Umstand, meine Freunde.... Er redet mit sich selbst -- -- das ist
böser, als ich glaubte. Doch weiter -- weiter -- ich muß Alles wissen!“
„Der gnädige Herr Graf macht ferner oft um Mitternacht einsame
Spaziergänge in den Wald -- und man sieht ihn in der Morgendämmerung
auf dem +Heidenfelsen+ sitzen, wobei er wild die Augen rollt, wie
zwei feurige Kugeln -- mit den Armen umherficht, als kämpfte er gegen
Jemand in der Luft -- und dabei hört man in der Nähe ein gellendes
Hohngelächter ..... selbst Feuerflammen blitzen auf und der ganze Ort
hat dann einen Schwefelgeruch.“
„Gott steh’ uns bei!“ rief hier der fromme Priester und entsetzte sich
so, daß er die Gans losließ, welche unter abscheulichem Geschrei auf
die Erde fiel und mitten zwischen die Beine der Deputirten fuhr, daß
diese, in der Meinung, es sei der Teufel selbst, von dem sie so eben
sprachen -- in Aufruhr geriethen -- -- und sammt dem Pfarrer, der so
wie sie dachte, in alle Winde auseinander stoben.
Die Illusion war in der That zu stark geworden.
Tags darauf kamen sie wieder zusammen und nun wurde ausgemacht, daß
Se. Hochwürden im Ornate und mit den nöthigen Requisiten versehen --
auch von ihnen, den Deputirten, begleitet, dem Grafen auf einer seiner
Wanderungen nachfolgen, an einem bösen Orte mit ihm zusammentreffen und
ohne Rücksicht auf den unterthanlichen Respekt ihn umzingeln sollten
-- der Geistliche aber sollte dann zu ihm in den Kreis treten, um das
heilsame Werk in aller Form zu vollbringen. --
Zum größten Mißvergnügen der braven Leute machte ihr Gebieter seit
einiger Zeit seine Ausflüge nur zu Pferde, und da konnten sie auf ihren
Dorfmähren ihm nicht nachsetzen; überhaupt verstand der geistliche Herr
auch besser in seinem Lehnstuhle, als auf einem Pferde zu sitzen -- und
so mußte man denn auf ein neues Auskunftsmittel denken.
Man hatte bemerkt, daß der Graf in letzterer Zeit seine Touren weniger
geheimnißvoll als sonst gemacht -- auch dabei stets eine und dieselbe
Richtung eingeschlagen habe, woraus man scharfsinnig schloß: er muß ein
+bestimmtes+ Ziel verfolgen. Voll von diesem fruchtbaren Gedanken
-- unternahmen die Teufelsaustreiber Folgendes. Zuerst versahen sie
sich mit Lebensmitteln auf mehrere Tage, denn sie waren fest überzeugt,
der Graf begebe sich täglich mindestens 20-30 Meilen weit, was ihm
bei seinem höllischen Mittel sehr leicht fiel. Nach diesem stellten
sie sich auf die Lauer und beobachteten sein Abreiten vom Schlosse;
sie folgten ihm nun auf seinem Wege ungesehen nach -- behielten ihn
jedoch, so lange es ging, im Auge. Als sie ihn nicht mehr sahen
-- -- hielten sie an, lagerten sich neben dem Wege im Gebüsch und
warteten hier bis Morgen, wo er wieder vorbeikommen würde. Er erschien
wirklich -- und nun nahmen sie die gestrige Operation von Neuem vor,
sie begleiteten ihn wieder auf versteckten Wegen -- so lange, bis er
wieder ihren Blicken entschwand ... dann blieben sie abermals stehen --
und wiederholten dies geduldig, bis sie mit ihm fast zugleich an dem
verhängnißvollen Orte anlangten.
Es war dies ein kleiner Weiler, drei Stunden vom Schlosse entfernt.
-- Die Deputation jedoch bildete sich wirklich ein, zum wenigsten zwei
Tagereisen weit sich von ihren Dörfern zu befinden.
Man quartierte sich in der verlassenen Lehmhütte irgend eines Hirten
ein, denn um ihrem Wahnsinn die Krone aufzusetzen, bildeten sich
die braven Leute auch noch ein, äußerst ermüdet zu sein. Man wollte
den nächsten Tag abwarten, heute nichts Ernstliches mehr vornehmen,
sondern höchstens insgeheim Erkundigungen einziehen und das große Werk
vorbereiten. Und was man in Erfahrung brachte, schien den guten Leuten
schrecklich genug, um die Haare ihres Hauptes sich emporsträuben zu
machen. In einem kleinen, am äußersten Ende des Weilers gelegenen
Hause sollte nämlich eine Frau mit ihrer Tochter wohnen, welche die
Besitzerin dieses Grundstücks war -- da der Mann bereits vor längerer
Zeit gestorben. Wovon diese zwei Frauen sich nährten, konnte man
nie erfahren; es fehlte ihnen an nichts und -- doch arbeiteten sie
nicht, sondern ließen auf einem Theile ihres Ackers, für den sie
keinen Pächter fanden, Gras und wildes Gesträuch wachsen. Sie pflogen
mit den Dorfleuten durchaus keinen Umgang -- was für die Mutter
des Mädchens auch unmöglich gewesen wäre, denn sie litt an einem
langwierigen Siechthum, welches man, da das so ganz in den Kram der
hiesigen Einwohner paßte, dem bösen Geiste zuschrieb, der in diesem
abgeschlossenen Hause sich aufhalte. Man wußte nur noch zu sagen,
daß das Mädchen von ungewöhnlicher, zarter Schönheit sei, gar nicht
aussehe, wie ein Bauernkind, und daß sie allemal zu gewissen Zeiten des
Jahres nach dem herrschaftlichen Schlosse gehe, obgleich der Weiler
nicht zu Alexanders Besitzungen gehörte. Alles das war, wie man sieht,
sehr wenig in der Ordnung, sehr geheimnißvoll, und daher teufelsmäßig.
-- Dieses Haus und diese Leute nun hatte der Graf seit einigen Wochen
regelmäßig Tag für Tag besucht und bei ihnen oft bis zum späten Abend
verweilt. Man wollte gehört haben, wie dann die „Besessene“ drinnen
in der Stube -- schrie, heulte und wildes Zeug trieb -- während das
Mädchen laut weinte -- der Graf aber mit ernster und gemessener Stimme
unverständliche Worte dazwischen sprach -- gleichsam, als redete
er mit dem Bösen in der Kranken. Oft wurde der Lärm, welchen diese
machte und das mystische Zureden des Grafen so laut und eifrig, daß
die ehrlichen Horcher davon liefen, fürchtend, die Alte würde noch zum
Fenster herausspringen -- und Unheil im Dorfe anrichten....
Es war heute gerade Mittwoch, und der Pfarrer bezeugte darüber eine
große Freude, „denn,“ sagte er zu seiner kleinen Heerde -- „der morgige
Tag, als ein +Donnerstag+, ist zur Bannung des bösen Geistes,
welcher, wie klar am Tage liegt, in diesem Hause einen Hauptstapelplatz
besitzt, außerordentlich günstig.“ Am Donnerstag war der Graf früh
Morgens im Weiler angekommen, und nachdem er sein Pferd in einem
Nachbarhause eingestellt hatte, verfügte er sich nach der Wohnung der
zwei Frauen; die Verschwornen, oder besser, die Alliirten säumten
nicht, auf Umwegen ihm rasch zu folgen, und nahmen, indem sie hinten
über eine Gartenmauer setzten, von dem Hause in so weit Besitz, als
sie nur mehr in die Stube einzudringen brauchten. Sie zögerten jedoch
mit diesem letzten Schritt -- denn der Pfarrer wollte den Teufel
zuvörderst +behorchen+ -- um zu sehen, was es für ein Teufel wäre
und wieviel Gesellen er bei sich habe... Se. Hochwürden steckten sich
daher in’s Ofenloch und -- -- vernahmen, sahen auch durch eine Ritze
wunderliche Dinge.
In einer kleinen Stube, deren Fenster mit Vorhängen aus grüner Sersche
verhangen und außerdem auch noch durch Blumenranken verstellt waren --
-- die Einrichtung hier deutete auf kein Bauernhaus, sondern athmete
bürgerlichen Wohlstand -- -- stand ein großes Bette mit dem weißesten
Linnenzeug überzogen, darin lag eine kranke Frau. Neben ihrem Kopfe
saß ein junges Mädchen von seltener Anmuth, nicht über 15 Jahre alt
-- und zu den Füßen des Bettes saß der Graf. -- Auf dem Gesichte der
Kranken wechselte ein lebhaftes Mienenspiel, welches demselben bald den
Ausdruck ungeheuren Schmerzes -- und gleich darauf wieder jenen sanfter
Ergebung, inniger Rührung ertheilte. In diesem Augenblick schien der
letztere Ausdruck auf längere Zeit den Sieg davon tragen zu wollen;
die kranke Frau -- sie mochte nicht viel über 30 Jahre alt sein --
stieß einen langen Seufzer aus, richtete das zuvor flammende Auge mit
unendlicher Milde auf Alexander und sprach mit einer Stimme, die aus
innerstem Herzen zu kommen schien: „So sind Sie also gekommen!... So
haben Sie also der armen niedern Frau, die Sie einst durch Ihre Liebe
so glücklich machten, nicht vergessen, Herr Graf?“
Hier schwieg sie ermattet und faltete die Hände, als wollte sie ihm
damit jenen Dank ausdrücken, welchen zu stammeln ihre Lippe zu schwach
war.
„Nein, nein!“ antwortete Alexander bewegt und düster sie anblickend
-- „ich habe Ihrer nicht vergessen -- Margaretha... Ich habe nicht
vergessen, wie Sie mich liebten, als ich im wüsten Jugendtaumel ein
reines und treues Herz noch nicht schätzen gelernt hatte.... Jetzt ist
es anders geworden....“ setzte er leise vor sich hinzu: „O!“ sagte
er mit gebrochenem Tone: „Wie haben Sie mich geliebt! Und wie habe
ich es Ihnen vergolten!“ Nach diesen Worten sank sein Haupt auf die
Brust herab, welche heftig athmend einen schweren Kampf zu bestehen
schien....
„Ja,“ entgegnete sie -- „ich habe Sie so geliebt, Herr Graf -- daß ich
um Ihretwillen elend, entsetzlich elend geworden bin.... die unheilbare
Krankheit, an der ich leide, hat bereits mein Lebensmark aufgezehrt --
-- und bald -- bald....“ Sie wollte fortfahren, hatte jedoch hierzu
nicht mehr die Kraft.
Mittlerweile erfüllte das Schluchzen des Mädchens das Gemach und
Alexander reichte ihr die eine, ihrer Mutter die andere Hand, so daß
Geliebte und Tochter von ihm gehalten wurden.
Denn so verhielt es sich in der That. Alexandrine, dies der Name des
Mädchens -- war sein Kind; ihre Mutter hatte vor sechzehn Jahren
zu jenen Unglücklichen gehört, die sich damals den schmeichelnden
Lockungen und der rohen Gewalt des Wüstlings ergeben hatten, bei
jenen Orgien, welche er mit einem Trupp ähnlich gesinnter Freunde
feierte.... Der Unterschied zwischen ihr und den andern Opfern seiner
wilden Begierden war der -- daß sie unglücklich genug war, eine
wahre Leidenschaft für ihren Verführer zu fassen, durch welche sie,
nachdem sie lange mit ihr gekämpft und sie in ihrem späteren ehelichen
Verhältniß auch zum Scheine bezwungen hatte -- zuletzt in jene
schreckliche Krankheit fiel, die jetzt an ihrem letzten Lebensmark
zehrte. --
„Sie wollten vorhin noch etwas sagen -- liebe Margarethe!“ erinnerte
nach einer Weile der Graf: „Reden Sie! Häufen Sie Anklage auf Anklage
über mein Haupt... führen Sie Verbrechen auf Verbrechen an, die ich
an Ihnen begangen habe, als ich noch der Thor war, zu glauben, die
Welt sei nur da, mir das, was ich damals Freude und Lust nannte, zu
bereiten. -- O beginnen Sie! Scheuen Sie sich nicht -- ich werde Alles
geduldig anhören... und meine Reue wird Ihrem Zorne, Ihrem Unglück
gleich sein...“
„Nein --“ sagte Margarethe: „glauben Sie ja nicht -- daß ich Ihnen
zürne!... Ich würde Sie ja dann nie geliebt haben, Herr Graf! -- --
Ach, ich schelte Sie nicht -- ich habe Sie niemals gescholten, daß
Sie ein armes Mädchen verließen -- Sie, ein großer Herr. Was sollten,
was konnten Sie denn anders thun.... früher oder später mußte es doch
geschehen. Wer hieß mich eine so maßlose Liebe für Sie fassen... der
so hoch über mir steht und sich nur auf einen Augenblick zu mir
herunterneigen konnte... Waren Sie denn nicht ehrlich genug an jenem
Abend, da Sie mich zum ersten Male -- in Ihr Schloß brachten -- und
Ihren Freunden zeigten -- ausrufend: „das kleine Ding da sagt, sie
liebe mich und wolle nicht, daß ich auch noch Andern gut sei.... das
Närrchen -- das thörichte Landkind... Sie macht mich lachen!...“ Hatte
ich beim Anhören dieser Worte denn nöthig, Ihnen noch weiter zu folgen?
-- Und doch folgte ich, und doch kam ich noch so oft selbst und zog
Sie noch so oft an meine Brust.... Ich kann,“ schloß die Frau, „Ihnen
nichts aufbürden, Herr Graf.... Ich kann nur über mein Schicksal
weinen.... Dieses allein hat mich dahin gebracht, wo ich jetzt stehe,
nicht Sie.“
Die Rede hatte Margarethe so angegriffen, daß sie nach den letzten
Worten in eine Art Lethargie verfiel -- worin sie ein leibhaftes Bild
des Todes vorstellte.
Alexander verhüllte sich das Gesicht mit beiden Händen -- das Mädchen
aber warf sich auf ihre Mutter hin, umklammerte sie mit beiden Händen
und schrie angstvoll: „Mutter! Mutter! -- liebe gute Mutter.... fasse
Dich.... stirb mir nicht.... der Herr Graf ist ja hier! Du siehst
ihn ja vor Dir stehen.... und sagtest Du nicht stets: „Ach, wenn nur
er kommen möchte! Wenn er nur da wäre! Wenn ich ihn nur noch ein
Mal mit meinen Augen sehen könnte... denn er ist Dein Vater und ich
habe Dich ihm geboren!...“ Das sagtest Du so oft, gute Mutter -- und
setztest hinzu -- -- „dann, dann würde ich wieder ruhig -- dann sollte
meine Seele zufrieden und mein Leib gesund werden!“ Und -- nun da er
hier ist, er, den ich so gern Vater nenne, weil er so gut gegen mich
und Dich ist... nun, meine arme Mutter, hältst Du Dein Versprechen
nicht.... nun wirst Du mir wieder unglücklich, krank und elend! --
-- O mein Gott! mein Gott -- erbarme Dich unser!“ So jammerte dieses
zarte, unschuldige Geschöpf, dessen Miene der Ausdruck frommer, inniger
Herzensgüte war und dessen Stimme so hold und rein klang, daß man sie
tief gerührt hörte. -- In der That schien diese holde Stimme auch
wunderbar auf die Kranke zu wirken -- sie regte sich wieder und begann
nach einer Weile in eine Art von Clairvoyance zu fallen: „Kommt doch
her und seht mich an --“ sprach sie -- „wie schön ich bin, wie gut
ich es habe! Mich liebt ein junger schmucker Graf... Er hat es mir
tausend Mal sagen wollen.... aber er schwieg immer.... weil er mich
damit zu erzürnen fürchtete....! -- -- Oh, er weiß aber auch, daß ich
ihn liebe.... Nein, nein! er weiß nichts, gar nichts! -- -- Er hat
keine Ahnung davon! -- Und ich -- ich will es ihm auch nicht früher
sagen, als um Mitternacht.... wenn wir schlafen .... dann will ich ihn
aufwecken und flüstern: -- -- Schäme Dich, schmucker Edelmann -- -- Ich
bin blos eine Bauerndirne -- und Du gibst Dich mit mir ab. -- Oder nein
-- Du magst mich nicht -- und +ich+ laufe Dir nach.... Hahaha! --
-- Mit Hunden solltest Du mich vertreiben lassen -- denn ich belästige
Dich in Deinem goldnen Schlosse.... und Deine Ahnen, die grinsen auf
mich herab und sprechen: Was will die unter uns? -- Gehört sie denn
hierher? -- Mag sie dahin gehen, woher sie kam.... von den Mägden! --
Ah! Ah! das ist recht! das ist gut! -- Es geschieht ihr, wie sie es
verdient. -- Fort mit ihr! Hinaus aus dem Schlosse! Hinaus aus dem
Dorfe! Einen Mühlstein um den Hals -- und in’s Wasser mit ihr, der
schändlichen Dirne! -- --“
Dieser Irrsinn artete jedoch keineswegs aus; er hatte keine
Gewaltthätigkeiten im Gefolge, wie er denn auch erst seit Kurzem sich
bei der Kranken einstellte, jedoch mit immer größerer Intensität. --
Endlich nach einer viertelstündigen Dauer hörte dieser trostlose
Zustand auf und die Spuren des Paroxysmus schwanden allgemach dahin
-- -- der allmächtigen Rückkehr jener Milde und stillen Zufriedenheit
Platz machend, welche eine Folge der Gegenwart Alexanders zu sein
schienen... Nach einem innigen, seelenvollen Blick, den sie lange auf
ihm verweilen ließ -- redete die arme Margaretha wieder: „O -- er ist
noch immer da.... Er geht, er verläßt mich nicht! Er spottet nicht
über mich... es ekelt ihm nicht vor mir! O, wie gut ist er!... und
ich, ich habe ihn so verkannt.... Ich, so geringe Ansprüche ich an
ihn auch hatte und so wenig ich auch hoffen durfte, daß sie durch ihn
erfüllt würden -- (denn am Ende hat er ja doch Alles gethan, was er mir
schuldig war: indem er für unsere Zukunft sorgte) -- -- ich sehe jetzt
dennoch Alles über die Maßen erfüllt! -- Er ist hier! Er kommt täglich
an meine Lagerstätte...“
Sie schwieg. Augenscheinlich schien die Quelle ihres Lebens schon
gänzlich verrinnen zu wollen; man hörte ihr Rauschen von Stunde zu
Stunde weniger. Vor mehreren Monaten konnte Margaretha noch frei in der
Stube umhergehen -- jetzt seit langer Zeit hatte sie das Bett nicht
mehr verlassen -- und nur die Intervalle ihres Leidens, nicht aber
das Wesen desselben, waren seit Alexanders Besuchen ein wenig milder
geworden. --
„Ich weiß,“ sagte sie nach einer Weile, wobei sie in den Armen ihres
Kindes lag: „daß diese Stube und meine Nähe kein Aufenthalt für Dich
ist -- theurer Alexander. Das, was der Schmerz und meine Traurigkeit
mich zu Zeiten ausstoßen ließ, sollte Dir ewig verborgen bleiben. Es
ist nicht gut -- wenn ein Kind die Vergehungen ihrer Mutter aus dem
eigenen Munde derselben hört -- ihre Schande mit eigenen Augen sieht
-- es ist kummervoll und wenig lehrreich für sie. -- Aber,“ setzte sie
darauf weinend hinzu: „vielleicht ist es eben gut und nützlich! --
Du hast an mir ein Beispiel, meine Tochter, -- dem Du nicht nachahmen
wirst! --“
„O,“ dachte Alexander bei sich, dessen Herz blutete, -- „ich habe
dieses Alles verdient! -- Die Strafe, welche ich in diesem Augenblick
erleide -- ist schwer, aber gerecht. -- -- Mein Uebermuth, meine
wilde Begierde hat hier zwei Seelen zu Grunde gerichtet -- -- denn
was war das Leben von Mutter und Tochter? Eine Kette von Schmerz! --
-- -- -- Ach, ach!“ versank er immer tiefer in den Abgrund seiner
Selbstanklagen: „und erst jetzt denke ich daran! Jetzt, nach 12
Jahren.... nachdem es längst zu spät -- nachdem eines dieser Herzen
gebrochen ist.... denn bald, bald wird es ausgepocht haben! Jetzt
erst nahe ich mich ihm -- und will ihm Rettung bringen... So wäre ich
niemals hierher geführt worden, wenn mich nicht das eigene Unglück
hierher geführt hätte! -- So mußte ich selbst erst betrogen und
verlassen werden, um zu begreifen, wie entsetzlich das schmerzt?! --
Ja, ja, arme Märtyrin der Treue, die Du da vor mir liegst -- ich habe
es jetzt selbst kennen gelernt -- wie bitter die Täuschungen, wie
tödtlich die Leiden der Liebe sind. -- O, um aller Seligkeit willen
möchte ich kein Herz mehr kränken, das mich geliebt hat -- eher wollte
ich sterben, als noch einmal falsch lieben! -- -- Falsche Liebe! --
Teufel in Heiligengestalt, du küssest unser Herz, um mit unsichtbarem
Vampyrrüssel das Blut aus demselben zu saugen!... Falsche Liebe --
ewige Paradiesesschlange! die du seit Jahrtausenden die Menschheit
verlockest -- ihr süßes Glück versprichst und ewigen Tod sendest. --
-- -- -- O, mich faßt fürwahr der Glaube, daß wahre Liebe gar nicht
lebe. Sie ist ein Hirngespinnst, ein Traum der Dichter! -- Noch nie
hat es eine glückliche Liebe gegeben .... mir ist keine bekannt.
Entweder betrog er sie -- oder sie betrog ihn. Das ist das Ende vom
Liede. -- Wer etwas Besseres über die Sache zu sagen weiß, der komme
hierher und rede... er soll an mir einen aufmerksamen Zuhörer finden --
aber glauben, glauben werde ich ihm nicht, bis er mir Beweise bringt;
handgreifliche Beweise. -- O, der +Prinz von Dänemark+ hat Recht:
„Wir sind Alle geborne Schurken!“ -- Dies ist der größte Lehrsatz in
Poesie und Geschichte....“
Er war bei seinem Monolog unwillkührlich laut geworden und Mutter wie
Tochter hörten seiner Rede mit Verwunderung zu. Da wandte er sich an
Alexandrine, ergriff das liebliche junge Wesen an beiden Händen und zog
es zu sich an seine Brust -- dann legte er eine seiner Hände auf ihr
Haupt, sah ihr ernst und schwermüthig in’s rosige Angesicht und sprach:
[Illustration: Seite 181]
„Vertraue keinem Manne, wenn Du groß sein wirst... und fliehe Jeden,
der Dir von Liebe sprechen will. Denn sei gewiß, er will Dich betrügen!
-- Achte auf meine Worte, holdes Kind, und präge sie Deinem jungen
Gedächtnisse ein. Vielleicht verstehst Du ihren Sinn noch nicht
ganz.... O möchte er Dir nie durch die Erfahrung deutlich werden!“
Jetzt verstummte er und ergab sich den zärtlichsten Liebkosungen, die
er im Uebermaße an das Mädchen verschwendete, und wobei die Thränen
dieses sonst so festen Mannes rannen, als hätte er damit alle Flecken
der Geburt von Alexandrinen abwaschen wollen.
„Nie hätte ich gedacht,“ flüsterte er ihr zu: „ein so liebes Kind --
ein so holdes Töchterchen zu besitzen! -- Ach, ach, Dein Vater hatte
Dich gänzlich vergessen -- arme Kleine.... nur einmal im Jahre, wenn er
Euch seine karge Unterstützung auf’s Schloß sendete, erinnerte er sich
während eines Momentes, daß Ihr noch lebt. -- Aber wie geschah das? --
So erinnert der große Herr sich seines Knechtes, seiner Magd -- seines
Hundes. Er weiß blos, daß er ihnen zu essen geben muß; im Uebrigen hat
er keine Gedanken für sie. -- -- O Schmach! O Schande! und auf diese
Weise wurdet Ihr von mir behandelt.... Ihr, die Ihr zwei Engel seid,
für welche diese Erde zu schlecht, zu niedrig ist. Ach, erst jetzt bin
ich fähig, Euern Werth zu schätzen -- da ich sehe, daß Ihr das seit 13
Jahren in Geduld traget, unter dessen Last ich seit etlichen Wochen
schon fast zusammengebrochen bin -- O, meine Tochter, noch ein Mal!
Liebe keinen Menschen! -- Niemand ist Deiner würdig... denn Du bist das
Ebenbild Deiner Mutter, an Leib wie an Seele. -- Liebe niemals! -- Es
gibt keine Liebe! -- --“
„-- -- Und was ist denn das Gefühl,“ fragte er sich rasch: „welches
Margarethe einst mir -- -- und ich Cölestinen gewidmet? -- Ist dies
denn nicht Liebe? -- -- -- -- O! O!“ stöhnte er: „Man könnte wahnsinnig
werden, wenn man lange nachdenkt! -- Eine schreckliche Verwirrung
entsteht in unserm Gehirne, wenn es über diesen Punkt grübelt. Tausend
Fälle verneinen -- zwei bejahen das Dasein der Liebe... Also lebt Liebe
doch!“ rief er mit einem Male aus: „Ja, sie lebt! -- -- -- -- Aber ich,
ich werde sie nimmer mehr finden!“
Er blieb noch mehrere Stunden bei den Frauen. Die Kranke sprach nur
wenig und die ganze Thätigkeit des jungen Mädchens schien sich auf
Weinen und stilles Wehklagen zu beschränken .... denn dieses Kind
hatte eine Vorahnung von der baldigen Auflösung ihrer Mutter. Alles
Zureden, alle Trostsprüche, alle Liebkosungen des Grafen konnten sie
nicht beruhigen -- -- indeß die Kranke selbst den Tod nicht zu fürchten
schien, da sie ja, wie sie sich mit erschütternder Wonne ausdrückte:
„in den Armen ihres wiedergefundenen Freundes und Herrn sterben
werde!“ --
Ein stiller Trübsinn lagerte sich zuletzt über Alexanders ganzes Wesen
-- weit tiefer, als jener, der ihm angeboren war und mit welchem er
sich seit so vielen Jahren umhertrug. -- So, in dieser Stimmung nahm er
Abschied von der Kranken, indem er versprach, morgen früher als sonst
wiederzukommen und nicht eher zu scheiden, als zu dieser gegenwärtigen
Stunde. --
Alexandrine begleitete ihn über die Schwelle des Hauses, wo er sie
auf die Arme nahm und lange, lange, so fest und warm an seine Brust
drückte, als wollte er sie nicht wieder fortlassen .... nachdem er ihr
noch einen Kuß auf die weiße Stirne gegeben.... entfernte er sich mit
raschen Schritten durch das Gärtchen, von dessen Thür er den Schlüssel
hatte....
Kaum war er auf freiem Felde angelangt -- als eine Bande fremder Kerle,
wovon Einige Pechfackeln, Andere Stöcke und Prügel in der Hand trugen,
ihm entgegen stürzten, drei bis vier sprangen heraus wie Tieger, und
sich an seinen Arm, an seinen ganzen Körper hängend, rissen sie ihn zu
Boden, legten ihn platt auf die Erde, mit dem Gesichte gegen den Himmel
gekehrt, der diesmal voller Sterne war.
Darauf trat einer, schwarz wie ein Schornsteinfeger aussehend, vor ihn
hin -- fing an in lateinischer Sprache zu singen, zu schreien und zu
heulen... ging und lief rund herum -- goß ihm eine Menge Wassers auf
den Kopf -- und räucherte mit allen möglichen wohl und übel riechenden
Spezereien dazu -- darauf badete er ihm noch einmal das Gesicht --
und zuletzt warf er eine Decke über ihn, die den unglücklichen Grafen
ganz einhüllte. -- Er sah nichts mehr -- aber bald fühlte er um so
mehr: nämlich fürchterliche Prügel, die es von Außen hageldicht auf
ihn regnete.... Alles dieses unter einem betäubenden, wüthenden
Geschrei der ganzen Bande und dem Kommandoruf des Schwarzen.... Nur
der außergewöhnlichen Körperkraft Alexanders konnte es gelingen, sich
in Kurzem aufzuraffen und dem Todtschlag unter den Händen dieser Rotte
von tollen Spitzbuben zu entgehen... Hierbei diente ihm die Decke als
Schild und Schutzmittel, denn er hielt sie so vor sich hin, daß die
Streiche und Schläge nur sie trafen.
„Ihr Schurken!“ schrie er: „seid Ihr denn wahnsinnig oder habt Ihr
wirklich ein Bubenstück vor? -- Kennt Ihr mich denn nicht? -- Ich bin
der Graf von A--x!“
„Ja, ja -- wir wissen es sehr gut, gnädiger Herr! Wir kennen
Hochdieselben! -- O wir wissen Alles! -- aber eben deshalb -- schlagt
zu, Kameraden! Immer zu! Damit der Teufel den Leib des guten Herrn
verläßt! --“ Dies waren die Worte, womit der schwarze Anführer seine
Schaar ermunterte....
Endlich bemächtigte sich der Graf des Knittels eines dieser Kerle und
nun warf er sich auf die nächsten, worunter der Anführer selbst, den
er zu Boden schlug, worauf die Andern sogleich die Flucht ergriffen,
heulend:
„Ach! der Teufel ist mächtig! Er hat unsern heiligen Pfarrer
überwunden! Gott steh uns bei!“
Jetzt erkannte Alexander den Pfarrer, und brachte endlich auch in
Erfahrung, daß seine eigenen geliebten Unterthanen es waren, mit denen
er so eben einen Strauß zu bestehen gehabt. --
„Aber,“ wandte er sich an den Geistlichen: „sagen Sie mir, was soll
denn das bedeuten? ... Sind Sie denn sammt Ihren Pfarrkindern um den
Verstand gekommen?“
„Das nicht, gnädiger Herr,“ versetzte dieser, sich mit seinen
zerschlagenen Gliedern jämmerlich am Boden windend: „Wir hatten Gutes
mit Ihnen vor.“
„Wie -- Gutes?“
„Wir wollten Ihnen den Teufel austreiben.“
„Und dies sagen Sie selbst, der Pfarrer, der Lehrer, der Führer dieser
Bauern, dem es obliegt, ihren Geist zu erhellen und ihr Herz zu
veredeln? -- Sie sprechen vom Teufel Austreiben? --“
„Allerdings, gnädiger Herr!... Und haben wir Sie denn nicht gesehen,
nicht gehört -- wie Sie da drinnen bei der +besessenen Frau+
allerhand Teufelszeug trieben -- weinten, lachten, beteten -- und sich
mit diesem Weibe, die gewiß eine Hexe ist -- auf eine Weise einließen,
daß es uns, Ihren getreuen Unterthanen, ein wahrer Gräuel war. Können
Sie es läugnen: Sie umarmten das verfluchte Weib!“
Alexanders Gesicht verfinsterte sich jetzt zum wilden Zorne: „Mein
Herr,“ sagte er zu dem Pfarrer -- „Sie sind von diesem Augenblick an
Ihrer Pfründe verlustig und ich werde deshalb nach meiner Ankunft auf
dem Schlosse sogleich das Nöthige verfügen... denn wie mir dieser
Vorfall lehrt, so sind Sie weit eher dem Amte eines Stockmeisters oder
Banditenchefs als eines Seelsorgers gewachsen... Erwarten Sie morgen
meine fernere Entschließung. -- Was jedoch diese Kerle dort betrifft,“
fuhr er, auf die in einiger Entfernung stehenden Bauern deutend, fort:
„so sollen sie ihrer wohlverdienten Strafe nicht entgehen. Ich werde
ihnen für die Zukunft die Lust benehmen, sich um den Geisteszustand
ihrer Herrschaft zu bekümmern....“
Damit entfernte sich Alexander, ging nach dem Gasthause, wo sein Pferd
stand, und ritt von da nach dem Schlosse zurück. --
Achtes Kapitel.
Die Verlassene.
Die Sachen in der Stadt standen indeß noch immer auf dem alten Punkte.
Cölestinens Haus war nach wie vor den ausgewählteren ihrer Bekannten
geöffnet -- nur daß keine größeren Soirées und _jours fixes_ mehr
statt fanden. In letzterer Zeit hatte die junge Frau sich inniger
als je an ihre Eltern angeschlossen; man sah sie nicht anders als
in Gesellschaft ihrer Mutter. Dieselbe schien mit ihr irgend ein
Geheimniß zu theilen, denn es geschah häufig, daß sich die Frauen für
mehrere Stunden mit einander einschlossen, und selbst vor den Augen
der Leute wechselten sie Winke, verständigten sich mit abgebrochenen,
geheimnißvollen Worten, ja es geschah ein Mal, daß Cölestine die
Generalin mitten aus einem Zirkel von Damen herausholte, sie, zu
großer Aergerniß aller Leute vom guten Ton -- aus dem Salon entführte,
und mit ihr erst nach einer starken Stunde zurückkam.
„Ei!“ sagten die redlichen Freunde des Hauses: „wozu braucht es aller
dieser Umstände? -- Die Gräfin hätte es ihrer Mutter gleich hier sagen
können -- um was es sich handelt. Man ist ja von Allem auf’s Genaueste
unterrichtet...“
„Natürlich! Es betrifft den geliebten Herrn von -- Marsan! Was sonst?“
flüsterte eine Dame...
„O sagen Sie es nur gerade heraus, meine Liebe,“ bemerkte das
Stiftsfräulein: „Wenn Sie Etwas wissen -- theilen Sie uns es ohne Scheu
mit... denn wir haben bereits so viel in dieser Sache erfahren und
gesehen -- daß uns nichts mehr in Erstaunen setzen kann. Das Einzige
blos wundert mich, daß diese junge Gräfin noch immer nicht zum Mitglied
des Frauenvereins ernannt ist....“
„Sie gibt als Grund an -- mit ihrem eigenen Unglück hinlänglich
beschäftigt zu sein und nicht an fremde Dinge denken zu können!“
„O man kennt das!“ lachte die Stiftsdame: „Eigenes Unglück meint sie
vielleicht damit -- daß Herr von Marsan gestern das Rendezvous nicht
eingehalten hat, welches sie ihm zu jeder Mitternachtsstunde in seinem
eigenen Quartiere gibt. -- Denn er hat nur zu diesem Behufe das einsame
Haus, wo er jetzt wohnt, gemiethet...“
„Was sagen Sie da, mein bestes Fräulein?“ riefen Zwei aus dem Kreise:
„ein Rendezvous um Mitternacht in seinem eigenen Hause...?“
„Wie ich sagte: Punkt Zwölf -- mit dem letzten Glockenschlage können
Sie, wenn Sie sich anders hierzu die Mühe nehmen wollen -- dieses
Musterbild einer Gattin und eines Mitgliedes des Frauenvereins -- Sie
können sie, sage ich, in eine fremdartige Kleidung gehüllt, aber leicht
an ihrem ganzen Wesen erkenntlich, ihr Haus durch ein Hinterpförtchen
verlassen und zu Fuße den Weg nach der Wohnung des Chevaliers
einschlagen sehen. Zehn Schritte von ihrem Hause erwartet sie, hinter
einen Vorsprung versteckt -- Marsan..... sie gehen sodann eiligen
Schrittes, und indem sie sich tausendmal umsehen, eine Strecke fort, wo
ein verschlossener Wagen bereit steht, der sie aufnimmt und bis in das
Haus des Chevaliers bringt. Nach Verlauf von zwei bis drei Stunden...
wird die Fahrt auf dieselbe Weise zurückgemacht.... und so weiß diese
kleine Cölestine vortrefflich ihr Leben zu genießen, sich wegen ihrer
Strohwittwenschaft zu entschädigen.“
Die Zuhörerinnen waren erstarrt. Sie glaubten zu träumen und fingen an
umherzublicken, ob wirklich Alles noch auf dem alten Platze stehe. --
„Aber,“ rief endlich die Eine aus: „ist es denn denkbar! Es wäre
ein Fall, der seines Gleichen nicht hat: denn zu diesem Grade der
Verstellungskunst hat es noch Keine gebracht. Sieht man sie an, scheint
sie einen entsetzlichen Kummer niederzukämpfen und nur heiter zu sein
-- um ihrer Freunde, ihrer Gesellschaft willen. Wie oft hört man sie im
Gespräche plötzlich verstummen -- und Seufzer ausstoßen -- oft sieht
man sich ihre Augen mit Thränen anfüllen... und das geschieht Alles so
wie unwillkührlich, als könnte sie es länger nicht mehr zurückhalten. O
die abscheuliche Heuchlerin! --“
„Allein,“ bemerkte eine dritte Dame: „Cölestinens Wesen scheint
sichtbar untergraben, was man auch dagegen sagen mag. Das ist nicht
mehr die blühende Gesichtsfarbe -- das glänzende Auge... das leichte,
übermüthige Schaffen und Treiben.... Ihr Teint muß durch künstliche
Mittel aufgefrischt werden -- ihr Gang ist schleppend -- ihre Hand
zittert....“
Hier schlug das Stiftsfräulein ein merkwürdiges Gelächter auf: „O,“
sagte sie: „diese Symptome können ganz wohl einen andern Grund haben --
-- denn man hat das Beispiel an jener italienischen Signora R**, welche
vor zwei Jahren hier starb....“
Die Zuhörerinnen wandten sich bei diesen Worten von der Sprecherin
ab, welche vermöge ihrer tapfern Zunge so eben im Begriffe war, eine
Geschichte preis zu geben, die man sich bisher nur in Bierhäusern
erzählte. --
Dieses Gespräch fand an demjenigen Tage statt, von welchem wir zuletzt
sprachen.
Heute empfing von drei bis sechs Uhr Cölestine ihre Freunde bei sich.
Man hatte ein Concert angekündigt, bei welchem ein eben durchreisender
berühmter Künstler mitwirken und an dessen Schlusse eine Romanze von
Cölestine selbst vorgetragen werden sollte. -- Sie saß, während ihre
Gäste kamen, in einem Armstuhle, dem Eingange des kleinern Salons
gerade gegenüber... Sie war ungewöhnlich bleich, und die bläulichen
Ringe, von welchen seit einiger Zeit ihre Augen umkreis’t waren, ließen
die letzteren heute ungewöhnlich tiefliegend erscheinen. Ungeachtet
dieser und anderer Zeichen eines inneren Leidens -- eines leisen,
schleichenden und giftigen Siechthums jedoch war die verlassene Gattin
liebenswürdig gegen ihre Gesellschaft wie immer und eifrig bemüht,
derselben eine Fröhlichkeit mitzutheilen, von welcher sie selber doch
nichts besaß. Ihr Anzug war fast zu einfach und ein strenges Auge
konnte selbst jene kleinen Nachlässigkeiten daran wahrnehmen, vor
welchen sich eine elegante Dame der großen Welt stets in Acht nimmt und
die sie sich höchstens in ihrem Boudoir erlaubt. Die Gräfin trug ein
blaßblaues Morgenkleid und im Haare einige dunkelblaue Schleifen, was
Alles nur dazu beitrug, ihr Aussehen noch leidender zu machen... Selbst
die kleine Lorgnette von Schildkröte, mit Perlen besetzt, hatte sie
heute vergessen....
Sie empfing jede einzelne Person, die sich ihr näherte, mit mehr als
gewöhnlicher Salonshöflichkeit... ihr Willkommen war wirklich innig
und aus dem Herzen kommend; denn sie befand sich in einer sonderbaren
weichen Stimmung, welche sie nicht, wie sonst, zu bemeistern vermochte,
welche durchschien -- und von gewissen Leuten, deren Geschäft dies ist,
im Stillen belacht wurde. --
„Nun, meine Theure, was habe ich Ihnen gesagt? Ist dieses Betragen
nicht lächerlich und selbst beleidigend. Will man uns durch diese
zärtlichen Worte und Blicke nicht gleichsam sagen: das ist gut für
Euch! Ihr braucht nichts Besseres! -- Ich wiederhole es Ihnen: diese
Gräfin hat uns heute um sich versammelt -- um uns auf ihre Weise zum
Besten zu haben.... Aber sie soll sich täuschen! --“
„Sehen Sie doch! da redet sie mit Herrn von Labers. Fällt sie ihm nicht
beinahe zu Füßen!... Haha! Wie abgeschmackt! Es fehlt nur noch, daß
sie uns heute mit gebrochener Stimme feierlichst ankündigt, sie wolle
sich in ein Trappistenkloster zurückziehen -- -- und darauf morgen mit
Marsan durchgeht...“
Man erräth es, wer so gesprochen.
In diesem Augenblick trat General Randow mit seiner Gemahlin ein --
und bei ihrem Anblick war es, wo Cölestine sich zum ersten Male erhob,
um den geliebten Eltern entgegen zu gehen. Mit einer unbezwingbaren
Rührung, mit einem Wesen, welches auf innerste Erschütterung
hindeutete, warf sie sich in die Arme der Mutter; und ein feines Ohr
hätte sie leise die paar Worte aussprechen hören: „Noch immer kein
Trost!“
„Von beiden Seiten nicht?“ fragte eben so die Generalin, und Cölestine
bejahte nur mit einer stummen Senkung des Hauptes, welches so schwer
geworden war, daß sie es mehrere Minuten lang auf die Schulter der
Matrone legen mußte.
„Sagen Sie mir --“ redeten jene Freundinnen unter einander: „was
bedeutet wieder diese Farce da? -- Es fehlt nichts weiter, als daß man
uns in diesem Schauspielhause Entrée bezahlen läßt...“
„Bei Nero! -- Sie fangen zu schluchzen an -- _in conspectu
populi_, wie man sich ausdrückt. -- O schändlich! -- Ich wollte,
daß ich diese beiden Heuchlerinnen in meinen Fußangeln hätte und daß
sie Beide nur +einen+ Hals besäßen.... Sie wissen, was ich mit
demselben anfangen wollte.“
„Und dieser Labers! -- Der Mann wird, nachdem man ihm die Weisheit der
Braminen und die Güte des Sokrates zugeschrieben, plötzlich auf seine
alten Tage ein Narr.... Er sieht den Zweien von Ferne zu und auch seine
Augen befeuchten sich...“
„Der alte General hingegen scheint mir noch der Vernünftigste in dem
ganzen Quartett. Das ist ein wahrer Ehrenmann! -- Er würdigt die
Affectation seiner Frauen keines Blickes; er bemerkt sie nicht -- er
geht zu einigen alten Herrn und stimmt in ihr Gelächter ein, welches
wahrscheinlich irgend einer Anekdote gilt, die Graf Wollheim dort
erzählt...“
„Und welche natürlich erlogen ist.... so, als hätte sie jener famöse
Herr von Althing erzählt, den man seines hübschen Lebenswandels wegen
in keinem Cirkel mehr duldet...“
„Der aber bis zum letzten dennoch der intime Freund von Cölestinens
liebenswürdigem Bruder Edmund war...“
„An dem sich auch die Folgen dieses Umgangs bewährten -- hahaha!“
„Eigentlich, meine Freundinnen -- sollte dieser Fall uns aus der
Familie der Randow verbannt haben...“
„Wir besuchen dieses Haus auch nur, um uns an dem immer tieferen
Herabsinken desselben zu belustigen -- beim Nero und Domitian!“
Die Verläumderinnen hatten sich jedoch sehr geirrt, als sie glaubten,
der General sei zu jenen Herren getreten, um an ihrer Lustbarkeit
theilzunehmen; der General war seit dem Unglück seines Sohnes und
seiner Tochter ernst geworden, wie er es nie gewesen. Nicht daß er
sich der Fassungslosigkeit und dem Schmerze seiner Gemahlin hingegeben
hätte -- er blieb kalt und fest bei diesem Begegniß, bei diesem Schlage
seines Hauses -- aber die chevalereske Heiterkeit und der männliche
Frohsinn, welche ihn sonst so liebenswerth gemacht hatten, waren auf
immer von ihm gewichen... und diesmal, in dieser Stunde und bei dieser
Gesellschaft, hatte er am allerwenigsten Ursache, ihn zurückzurufen,
denn man hatte hier so eben über +Edmund+ gesprochen, auf welches
Thema der alte Jäger den Discours gebracht, weil er da in seinem
Elemente war. Wider Erwarten sah sich nun Wollheim von dem General auf
die Seite gezogen und dieser redete ihn an:
„Herr Graf, wenn ich Sie bitten darf, so leiten Sie das Gespräch
nie wieder so, wie es eben geschah; ich würde es sonst als eine
Beleidigung, die mir selbst widerführe, aufzunehmen gezwungen sein
und dieselbe mit Bedauern rächen müssen. Ohnehin gehen in der
Hauptstadt hierüber die tollsten Sagen, so daß ich nicht weiß, was
ich mehr bewundern soll, den Erfindungsgeist, der sie ausbrütete,
oder die Leichtgläubigkeit, welche ihnen Glauben schenkt... Mein Sohn
hat sich, seinen Namen und sein ganzes Haus in eine traurige Lage
versetzt, dies bekenne ich mit Schmerz.... aber ich würde Niemand
rathen, den bedauernswerthen Jüngling, der seine Ehre vielleicht, wie
ein mißbrauchtes Mädchen ihre Tugend, durch fremde Gewaltthätigkeit
verloren hat, zu verspotten... Wäre mein Sohn von Natur ehrlos und
nichtswürdig, so würde ich selbst kein Wort über ihn verlieren, sondern
seinen Namen mit eigener Hand aus meinem Stammbaume streichen. --
So aber umhüllt noch ein schreckliches Dunkel die Umstände seines
Verbrechens -- ich weiß nur so viel, daß Edmund von Randow stets
würdig war mein Sohn zu heißen, und bis ich ihn selbst nicht über
seine That vernommen und seine Vertheidigung angehört habe -- bin ich
entschlossen, ihn abermals, außer vor dem Gesetze, wohin mein Arm nicht
reicht, auf’s ernstlichste zu vertreten!“
„Bravo!“ schrie der Jäger, nachdem er die letzten Worte angehört hatte
-- und kaum sich länger zu halten im Stande war: „Bravo, alter Vater,
tapferer General! -- Das nenne ich gesprochen.... wie sich’s gehört
-- und wäre es nicht hier vor den Augen aller Leute, ich würde Ihnen,
hol’ mich Dieser und Jener, nicht nur um den Hals, sondern kurzweg um
die Kniee fallen. Ja -- Sie haben Recht! Edmund, mein theurer Edmund,
mein Jüngelchen, mein Schüler ist ein Ehrenmann. Wer etwas Anderes
behauptet, dem schieße ich eine Handvoll Entenschrotte in den Bauch.
Aber wie konnten Sie’s nur übel nehmen, daß ich von ihm sprach? Ich
erzählte ja das Rühmlichste. Ich sprach von einem Pirschen, welches
jetzt vor zwei Jahren zwischen uns stattfand und wobei Edmund, der
brave Junge, mir in demselben Augenblick, als eben ein alter Petz aus
dem Gesträuche auf mich herausbrach, das Leben rettete, indem er diesem
dicken Petz sein Jagdmesser bis an’s Heft -- ja ich glaube sogar auch
noch seinen Arm mit in den Hals steckte.... worauf ich dann meinen
unvergleichlichen Schüler mit 18 Kannen Dickbier regalirte -- so daß
er drei volle Tage weder A noch B sagen konnte -- --“ hier hielt der
Nimrod inne, merkend, daß er im Begriffe stehe, einen dummen Streich zu
machen und Dinge -- wiewohl große erhabene Dinge! -- am unrechten Orte
zu erzählen. --
Der General beruhigte sich seit dieser Erklärung, doch schien ihn der
Nachsatz sichtbarlich zu verdrießen und sein Unmuth kehrte wieder,
sich in folgenden Worten Luft machend: „Lieber Graf Wollheim, die
Sachen, welche Sie da erzählen, so wie überhaupt Ihr ganzes Verhältniß
zu Edmund, hat, glauben Sie mir, auch das Seinige dazu beigetragen,
den jungen Menschen zu dem Punkte zu bringen, wo wir ihn jetzt mit
Schmerz erblicken.... Nicht daß ich Sie nur im Mindesten beleidigen
und Ihren Umgang mit Edmund in direkte Verbindung mit seinem letzten
unglückseligen Streiche bringen wollte... das sei fern von mir. Jedoch
unter die bösen Gewohnheiten, welche seinen Verstand und sein Gemüth
befleckt und ihn zu immer traurigeren Verirrungen geführt haben....
gehörte auch die +Unmäßigkeit+....“
Der Jäger wollte hier lebhaft losbrechen; seine Meinung über
Unmäßigkeit war eine ganz andere, als die des Generals, und er war fest
überzeugt, an Edmund nur Gutes gethan, ihn, wie er sagte, „zu einem
tüchtigen Kerle“ herangebildet zu haben. -- Der General verhinderte
indeß jede weitere Erklärung, indem er fortging und seine Schritte zu
der früheren Gesellschaft lenkte, aufmerksam zuhörend, was sie sprach
-- eifersüchtig den Ruf seines armen Kindes bewachend. --
Mittlerweile hatte das Concert seinen Anfang genommen. Eine tiefe
Stille entstand, nur zeitweise auf den entfernteren Punkten des
Salons von einigen alten Frauen und einem Paar junger Leute von jener
Sorte unterbrochen, die für nichts Sinn haben, außer für ihre eigenen
Wichtigkeiten -- -- und die ein Privilegium zu besitzen glauben,
überall stören, überall ihre alten Albernheiten zum tausendsten Male
wiederholen, überall lachen -- überall Lärm machen zu dürfen.
„Ach -- welch’ ein Gesicht -- das dort gegenüber von dem Cello....
sehen Sie nur, lieber Arthur!“
„Haha! -- ein allerliebster Kerl!... Gewiß irgend ein großer
Kunstkenner.... seine rothe Nase bezeichnet ihn als Freund der
Geister...“
„Und jenes Fräulein dort weiter! Kennen Sie sie nicht? Sie scheint zum
ersten Male in einer Gesellschaft, denn sie macht allen Leuten Platz,
die sich ihr nähern...“
„Ach! Köstlich! Welche Bereitwilligkeit! Die trifft man heut zu Tage
nicht überall....“
„Uebrigens scheint sie mir nicht ohne +Raison+[D] zu sein! das
wäre vielleicht so Etwas für Dich -- Du mein ruinirter Lancelot! --“
Der, dem dieser Name galt, entgegnete: „Du irrst; ich bin von diesem
Systeme -- eine Partie zu +suchen+, abgekommen, und habe mir ein
neues gewählt; die Fortune muß +selbst kommen+ und.... sie wird
nicht ausbleiben.“
„Einstweilen behilft sich Lancelot mit seiner Fürstin... dabei ist
wenigstens nichts zu verlieren, haha!“
„Sie ist sein tägliches Brod... diese gute Herzogin. Sie schützt
wenigstens vor dem --“
„Still, meine Herren! Ich werde alle weiteren Explicationen ernstlich
nehmen.....“
Das erste Musikstück war zu Ende. Die jungen Herren hatten davon
gerade die letzte Note gehört... und sie bereiteten sich vor, es bei
dem zweiten eben so zu machen. -- Indessen widmete ein großer Theil
der Versammlung den Productionen große Aufmerksamkeit -- und Cölestine
selbst schien durch die Macht Polyhymnia’s dem trüben Diesseits
entrückt, zu den Regionen einer schönern Welt getragen zu werden. Ihr
Auge blickte seelenvoll vor sich, ihr Ohr schien mit Wonne in diese
Harmonie zu versinken... Einige Augenblicke lang schwand selbst die
kalte Blässe von ihrem Gesichte, eine zarte ätherische Röthe flog
ihre Wangen an.... so daß sie jetzt jedes künstlichen Mittels hätten
entbehren können. --
Sie saß zwischen ihrer Mutter und der Generalin E--z, welche beide sie
abwechselnd betrachteten und wovon die erstere mit tiefer Rührung den
kurzen Frieden in ihrer Tochter Brust einziehen sah.
Trotzdem unterließen Frauen mit Drachenherzen es nicht, giftige
Bemerkungen dicht hinter dem Rücken der Verlassenen anzustellen -- die
jedoch an der anderweitigen Aufmerksamkeit Cölestinens ihre Wirkung
gänzlich verfehlten und von Niemand vernommen wurden, als von den
Sprecherinnen selbst....
„Manche Musik klingt nicht so angenehm, wie diese da... zum Beispiel
jene, von welcher das Ohr eines armen getäuschten Gatten beständig
erfüllt sein muß....“
„Ach -- es gibt Leute, die so Etwas nicht einsehen!“ bemerkte die
Stiftsdame: „die von Natur dazu geboren sind, Disharmonie in der Welt
zu erzeugen -- und ihren Eltern, ihren Gatten, Freunden und der ganzen
Menschheit das Gehör zu zerreißen.... Trotzdem aber geben sie sich
große Mühe, für absonderliche Tonkünstler und Tonkünstlerinnen zu
gelten.... O man kennt diese Gattung!“
„-- -- Können Sie mir nicht sagen, liebste Beste --“ fing die Vorige
nach einer Pause an: „wie es mit dem armen Grafen von A--x steht. Hat
man noch keine Nachrichten von ihm -- und weiß man nichts über seinen
Aufenthalt, seine Lebensweise?“
„Es thut mir leid,“ versetzte die Stiftsdame -- „Ihnen damit nicht
dienen zu können. -- Zuverläßlich jedoch hat sich der würdige und
hochgeschätzte Graf nach irgend einer entfernten Gegend begeben... denn
ich zweifle, daß er es in dieser Stadt oder in geringer Entfernung von
derselben lange hätte aushalten können. -- -- Man würde in kurzer Zeit
Gelegenheit gefunden haben -- -- das alte Spiel zu erneuern... man
hätte durch eine kluge, listige Behandlung ihn nach und nach wieder zu
gewinnen verstanden... man hätte durch zweite und dritte Personen auf
ihn gewirkt.... oder auch durch Briefe....“
„Das Alles,“ erhob jetzt ein Herr, der wie aus den Wolken gefallen
schien, den Niemand kommen und hier auftreten sah, sondern der hier
inmitten dieser würdigen Damen plötzlich empor tauchte, seine Stimme:
„das Alles,“ sagte er, „ist geschehen, meine Damen. Obgleich der Graf
von A--x hundert Meilen von hier entfernt in einem verborgenen Thale,
einsam wie Timon und verschanzt wie dieser, lebt -- hat man doch Mittel
gefunden, ihn auszukundschaften, hat sein heiliges Asyl entweiht --
hat seiner Einsamkeit und Trauer nicht geschont -- hat ihn durch feile
Zwischenträger belagern -- mit Lügen und Versprechungen bestürmen
lassen.... kurz hat ihm zum zweiten Male eine arglistige Lockspeise
vorsetzen lassen, um ihn zum zweiten Male damit zu vergiften.....“
Seit Kurzem war Cölestine gezwungen, diesem Gespräch zuzuhören,
denn es wurde immer lauter geführt. Bei den letzten Worten sah man
ein tödtliches Grau über ihr Gesicht ziehen.... sie bebte an allen
Gliedern, und eben schien sie die Besinnung verlieren zu wollen, als
der Ruf:
„Ihre Romanze ist an der Reihe, Gräfin!“ sie weckte und mit einer Art
künstlicher, elektrischer, gewaltsamer Lebenskraft erfüllte.
Sie stand auf und ging an den Flügel.
Hier nahm sie neben einem Herrn, der sie accompagniren sollte, Platz.
Aber als man die Notenhefte der Romanze suchte -- fand man dieselben
nicht. Und doch waren sie früher vor dem Anfange der Matinée von ihr
selbst aufgelegt worden. Das Ganze schien mit einem Wunder zuzugehen;
aber der Gesellschaft, obgleich diese die Wunder in neuerer Zeit wieder
außerordentlich liebt, schien mit dem gegenwärtigen keineswegs ein
Gefallen zu geschehen. Man bestand darauf, daß Cölestine singen sollte,
und da ihr in dem Gedränge, worin sie sich befand, nichts Anderes
einfiel, stimmte sie ein +Lied+ an, das sie ihrem Gatten sehr oft
vorgesungen hatte und welches diesem so gefiel, daß er es für seinen
Lieblingsgesang erklärte...
„Abend ist, ein tiefes Schweigen
Zieht herauf vom Meeresstrand;
Himmelslichter sinken, neigen
Sich zum grauen Uferrand.
Siehst Du dort des Sternleins Schimmer,
Eilend nach dem größern Stern?! --
So auch folg’ ich ewig, immer,
Dir, Geliebter, nah und fern.
Sieh’ die Fluth das größ’re fassen!
Auch das kleine stürzt sich drein!
-- So auch könnt’ ich nicht allein
Dich Geliebter sinken lassen!! -- --“
Nachdem Cölestine den letzten Vers gesungen -- fiel sie leblos auf die
Lehne ihres Stuhles zurück. --
Alles erhob sich -- fuhr durcheinander -- man eilte von hundert Seiten
der Gräfin zu Hilfe.
In dieser allgemeinen Verwirrung schlich sich jener Fremde, der zuvor
die verhängnißvollen Worte hinter dem Stuhle Cölestinens gesprochen,
hinaus.
Es war derselbe unbekannte und geheimnißvolle Mensch, den wir schon
früher einige Mal in den Salons Alexanders und anderswo umherschleichen
sahen -- finster und unheimlich wie das Verhängniß.
Neuntes Kapitel.
Trauer und Verzweiflung.
Was Alexander auf seinem Schlosse und in seiner Einsamkeit betraf, so
lebte er daselbst noch stets in der alten Weise. Seine Tagesordnung
blieb die nämliche, seine Absonderung, seine düstere Kälte, sein Haß
gegen die Menschen, seine finstere Sucht, sie zu vermeiden, und seine
scheue Angst, wenn er ihnen nicht ausweichen konnte -- -- bei dem Allem
jedoch auch seine Mildthätigkeit, seine geheim ausgeübte Menschenliebe,
sie waren sämmtlich die früheren. Täglich machte er den Ritt aus dem
Schlosse nach jener Gegend, welche wir kennen -- täglich besuchte er
die kranke Margaretha und blieb in letzterer Zeit oft vom frühen Morgen
bis in die tiefste Nacht an ihrem Krankenlager... Er hatte ihr einen
geschickten und zuverläßlichen Arzt geschickt, der seine Wohnung im
Orte selbst nahm, um stets bei ihr zu sein, sobald sie seine Hülfe
brauchte. -- Ach, Alles das half zu nichts ... es war der menschlichen
Kunst nicht mehr möglich, dort etwas zu thun, wo die Natur bereits ihre
Verwesung vorbereitete....
Da ward der Schmerz Alexanders übergroß; dieser Mann, sonst stolz,
kalt und schroff, schien seine inneren Stützen zu verlieren, schien
zusammenzubrechen, gleich einem untergrabenen Kraftbau. -- Er konnte
sich nicht länger beherrschen: seine gepreßte und geängstigte Seele
machte sich in einem lauten, entsetzlichen Schmerzensschrei Luft -- und
nachdem dieser ausgestoßen war, flossen seine Zähren gleich mächtigen
Bächen, als sollten sie die lange Tafel seiner Schuld, alle Vergehungen
seines früheren Lebens abwaschen. Er ward zum Kinde, ja weniger als
dieses, denn das kleine Mädchen zu seinen Füßen besaß jetzt mehr
Fassung als er: „O!“ rief er, der draußen den Stolz so gut zu behaupten
verstand: „könnte ich Dich, arme Dulderin, mit der Hälfte meines
Lebens, meines Glückes, meiner Seligkeit retten, ja mit dem Ganzen --
-- ich würde es thun, denn Du hast es um mich verdient! -- Ach, warum
habe ich es früher nicht erkannt, warum vorsätzlich mich dem Bewußtsein
entzogen, daß ein Herz lebt, welches so große Liebe zu mir trug, daß
sie um ihretwillen in den Tod ging... eine Liebe, die nur gleichkommt
an Macht jener Falschheit und jenem Trug, welche mich die ganze übrige
Welt empfinden ließ, O wie glücklich hätte ich sein können! -- In
dieser Erkenntniß möchte jetzt meine Seele sich auflösen in ungeheuren
Klagen. Was hatte ich nöthig, das Glück und die Liebe dort zu suchen,
wo sie nicht sind?... Was hatte ich nöthig, im rauschenden Leben der
Welt nach dem zu haschen, was nur in stiller Einsamkeit wohnen kann:
nach einem Herzen! -- -- O sie blühte nur in einem grünen Thale unter
einem bescheidenen Dache -- die treue Liebe!... aber sie schien mir zu
niedrig -- ich suchte eine stolze, erhabene; und was fand ich? Traurige
Täuschung! bittere Enttäuschung. -- -- Ha! ich möchte mich darob in
einen Ocean des ewigen Todes stürzen! --“
-- -- An einem schönen warmen Frühlingsabend starb Margaretha. Man
hatte sie in ihrem letzten Augenblicke in das Gärtchen hinausgetragen,
denn so wünschte sie es. Alexander saß wie immer neben ihr, düsterer,
trostloser, zerrissener als je; und jetzt sprach +sie+ ihm Muth zu...
jetzt suchte +sie+ ihm jene Säule wieder, an die er sich lehnen
sollte. Sie hielt seine Hand in der ihrigen, auf welcher schon kalter
Todesschweiß perlte -- und unverwandt haftete der brechende Blick
ihres Auges auf ihm, welches Auge noch immer voll war von jener
tiefen, unergründlichen Liebe. -- „Ich gehe ruhig aus dieser Welt --“
lispelte sie, Wort für Wort mühsam aussprechend und nach jedem schwer
aufathmend: „ich sterbe glücklicher, als ich zu hoffen wagte.... Habe
ich ja den Geliebten meiner Seele noch einmal zu mir kommen und sein
Herz mir in inniger Zärtlichkeit sich zuwenden sehen.... Was soll ich
mehr von meinem Schöpfer verlangen....?.... Er hat mich reichlich
belohnt für allen Kummer.... Sein heiliger Name sei gepriesen!... Und
nun noch eine Bitte --“ flüsterte sie kaum vernehmbar...: „erbarme Dich
Deines Kindes -- Alexander!!. Lebt Beide wohl!!...“