In diesem Augenblicke glitten seine Blicke unwillkührlich über die
Aufschrift hin -- und als hätte ein Krampf seine Hände ergriffen,
zerknitterte er das Papier und drückte es so zusammen, daß es einen
Knäuel bildete....
Jetzt wie von einem unwiderstehlichen Gedanken erfaßt -- verabschiedete
er rasch die Domestiken -- eilte in das Gemach -- entfaltete den
Knäuel und las nun auf der Rückseite des Briefes mit den Schriftzügen
+Cölestinens+:
„+An den Herrn Grafen Alexander von A--x! --+
+Man bittet ihn flehentlichst, diesen Brief zu öffnen.+“
Ein nie gefühlter Drang trieb ihn, dieser Bitte zu willfahren, derselbe
Drang, welcher ihn zu dem vorigen Schritte genöthigt hatte. Er erbrach
das Siegel, der Inhalt des Briefes lautete:
„Mein theurer, heißgeliebter Gemahl!“
Bei dieser Stelle angelangt, wollte er das Papier zerreißen -- doch las
er noch einige Zeilen.
„Ein wahrer und aufrichtiger Freund, ein solcher, dem der erhabene
Name +Freund in der Noth+ gebührt -- überbringt Ihnen diesen
Brief. Er wird Mittel finden, zu Ihnen zu gelangen, mögen Sie die
eherne Mauer, womit Sie sich gegen mich und die Welt umgeben, auch
verdreifachen. -- Und so weiß ich, daß diese Zeilen gewiß in Ihre
Hände kommen, die theuren Augen meines Gemahles, meines angebeteten
Alexander auf ihnen ruhen werden. Ja -- so nenne ich Sie! und ich
rufe Gott, der uns erschaffen hat durch einen Wink seiner Hand, der
uns vernichten kann durch einen solchen -- ihn rufe ich an, mich zu
hören, indem ich Sie so nenne.... mich in dem Augenblick, wo ich
das Wort ausspreche, zu zerschmettern, wenn es eine Lüge enthält.
-- O Alexander! Alexander! Wohin ist es mit uns gekommen? -- Hätte
ich das denken sollen -- hätte ich es selbst im Wahnsinn eines
hitzigen Fiebers damals denken sollen, als es noch nicht so um
uns stand, wie in dieser entsetzlichen Stunde... denn jede Stunde
ist jetzt entsetzlicher als die vorhergehende -- das Schicksal
scheint sich an mir erschöpfen zu wollen in seinem Reichthum an
Elend! Es hat schon den ganzen Köcher über mich ausgeleert... und
doch treffen mich noch mit jedem neuen Athemzuge neue giftigere
Pfeile. -- -- O mein Gott, mein Gott! Erbarme Dich meiner und
seiner! Sende einen Deiner allgewaltigen Lichtstrahle herab in
diese Finsternisse!... Du bist ja der Beschützer der Unglücklichen,
der Unschuldigen und Verfolgten... Warum hast Du deine Gnade
nicht auch für mich -- die mit ihrem reinen Herzen vor Dir liegt
im Staube?... Ich bin ja schuldlos wie ein lallendes Kind -- wie
der Gedanke eines frommen Dichters! -- Du siehst es -- Du weißt
es -- Du allein kannst es bezeugen -- -- und doch schweigst Du,
Unerforschlicher, heiliger Vater der Menschen! -- rede zu ihm nur
ein Wort -- flüstere es ihm im Wehen des Morgenwindes, oder wenn
der Zephyr Abends an seine Schläfe streift, zu: ich bin unschuldig,
sein Weib war unschuldig, wird es bleiben bis zum letzten Schlage
eines Herzens, das nur für ihn pocht. -- Mein Gemahl, mein Gatte --
warum sollte ich das Alles sagen, da nichts mich dazu zwingt? Sie
haben nach Ihrer Trennung von mir meine Verhältnisse so gestellt,
daß, wäre nicht meine Liebe zu Ihnen, ich mich darin nur glücklich
fühlen könnte. Wäre ich eine Verbrecherin -- so könnte ich ja
nichts sehnlicher wünschen, als den Fortbestand meiner jetzigen
Lage. -- Aber ich bin keine Verbrecherin, ich bin Ihre treue Gattin
-- Ihr treues Weib vor den guten Menschen und vor Gott. Ich bin so
rein von aller Schuld wie die Engel im Himmel es sind... Und ich
kann von mir sagen: ich will vor den Spiegel der Tugend treten und
es wird kein Fleckchen seine klare Fläche trüben. -- -- Welches
sind die Zeugnisse, die gegen mich sprechen? -- Nennen Sie mir sie!
Ich, ich darf keine anführen, um mich zu vertheidigen, -- -- dies
ist der Tugend nicht eigen, hierzu darf sie sich nicht herablassen.
Und wollte ich überhaupt reden -- -- wollte ich von demjenigen
reden, was allein noch einen Schein, einen Schatten von Zweifel auf
mich werfen kann, so würde ich anderweitig ein Verbrechen begehen.
-- Doch dies ist es nicht, was Ihren Verdacht erwecken konnte ....
es muß etwas Anderes sein. Ein böser Geist muß zwischen uns stehen
-- der einen bösen Samen aussäet... dieser Samen wächst in rasender
Schnelligkeit zur Höhe -- und verbirgt mich in meiner Unschuld
dem Auge des Gatten. -- -- O Alexander, einzig Geliebter Deines
Geschlechtes!.... Gewiß, die Dinge werden nicht ewig so bleiben....
es wird endlich eine mildere Sonne ihr Licht über uns ergießen
-- aber Du wirst dann mein treues Herz nur durch einen grünen
Rasenhügel erblicken. Und diese Zeit wird bald kommen, früher als
Du wohl glaubst.... Alexander, es kann nicht mehr bis zum kommenden
Sommer währen, nicht mehr bis zu dem Tage, wo die Schwalben gezogen
kommen, um ihr himmlisches Nest zu suchen -- und auch ich werde in
meine Heimath hinüber ziehen.... Könntest Du diese elende Hülle
sehen, die einst so blühend, so fröhlich, so heiter, so glücklich,
so voll berauschender Lust vor Dir stand, die nicht nur durch ihre
Jugendkraft, sondern auch durch Deine Liebe so große Ansprüche an
das Leben hatte -- könntest Du sie jetzt sehen, wie sie stündlich
mehr zusammenfällt und eine Frucht für das Grab wird .... o, ich
wage es zu hoffen, Du würdest Dich besinnen -- vielleicht nur
zuerst aus Schrecken oder Mitleid -- aber gleichviel, Du würdest in
Dich gehen -- Deine Sehkraft anstrengen... sie würde diese dünne
Hülle durchdringen -- und drinnen das Herz im hintersten Winkel
vor Jammer und Trübsal zusammengeschrumpft sehen.... mein Herz,
dieses treue, zärtliche, gute Herz, dieses Herz eines Kindes und
einer Gattin zugleich....
„Doch ich höre auf zu rufen und zu wehklagen! -- Ich schließe
diesen Brief. -- Sollte es der letzte sein, der den Weg zu Dir fand
.... sollten diese Zeilen die Abschiedszeilen eines unglücklichen
Weibes von ihrem heißgeliebten Gatten -- sollte dieser Gruß der
letzte Gruß einer verkannten Frau von ihrem allzustrengen Manne
sein: so grüße ich Dich aus den innersten, unergründlichen Tiefen
meiner treuen Seele und flehe den allmächtigen Gott an, Dich stets
mit Glück und holder Zufriedenheit zu umgeben -- Dich durch dieses
Leben wie durch einen blühenden Garten zu führen -- am Ziele deines
Weges aber Dir eine Aussicht zu öffnen, die in den Kreis seliger
Cherubim und zu den Geliebten Gottes reicht, deren einer Du werden
mögest....
„Dort, dort, Alexander, werden wir uns gewiß endlich finden!
„-- -- Ach ich kann dieses Schreiben nicht schließen, ohne mit
herzzerreißender Stimme zu rufen: ich bin unschuldig, ich bin
unschuldig, ich bin unschuldig! --
+Cölestine+.“
Alexander hatte den Brief bis zu Ende gelesen. -- Als er vorüber war,
fiel er kraftlos in einen Lehnstuhl und lange fand er keinen Gedanken,
keine Empfindung, kein Bewußtsein. -- Eine betäubende Leere allein
erfüllte Alles in ihm und um ihn. So wie ihm jetzt geschah, war ihm
noch niemals geschehen.... vergebens hätte er diesem sonderbaren Anfall
widerstrebt, er war, ehe er sich’s versah, dessen Sclave, gefesselt an
Händen und Füßen -- an Seele und Leib. -- Ein tausendstimmiges Chaos
rauschte, braus’te, klang und summte um seine Ohren -- und es schien
nicht anders, als hätte die Natur alle ihre Kräfte, leibhafte und
geisterhafte, entfesselt, um sie gegen ihn zu senden, nicht damit sie
ihn vernichten, sondern damit sie ihn in eine grenzenlose Verwirrung
brächten, die länger dauernd den Bau seines Wesens zerrütten und
zuletzt mit Wahnsinn endigen mußte. Zum Glück haftete dieser Zustand
nicht lange unverändert an ihm -- er machte nach und nach einer
völligen Dumpfheit Platz -- und war früher das Ohr das Mittel gewesen,
durch welches die Ereignisse an seiner Seele rüttelten, so wurde es
jetzt, nachdem der Gehörsinn völlig aufgehoben schien, das Auge. Eine
Welt voll Visionen tummelte sich vor seiner Pupille -- -- bunt und
düster, groß und klein, monströs und edel -- rasch und langsam -- wild
und sanft: Figuren auf Figuren von unübersehbarer Menge, wie die Wellen
eines brandenden Meeres! Es war ein Zug, der keinen Anfang und kein
Ende nahm. -- O wie sie tanzten -- sprangen -- ras’ten... früher waren
sie doch so ganz sachte auf glattem Boden dahingehuscht... aber nun
mit einem Male hatte sie alle irgend ein wüster Wirbel erfaßt -- und
die stille Kirchenfahrt wurde zum tollen Hochzeitszug -- zum wüthenden
Teufelstanz...
Seine Hirnschale drohte zu zerspringen ob des vielen Sehens; -- das
innerlich kochende Gehirn schien bereits durch einige Poren durch die
Augenhöhlen herauszuzischen.... wild warf sich der unselige Seher mit
dem Angesichte gegen den Erdboden und wühlte mit den Fingern darin;
er hätte ihn gern zur unermeßlichen Tiefe aufgewühlt, um sich selbst
hineinzulegen.... Da endlich däuchte es ihm, er läge wirklich schon
darin -- er empfand lindernde Kühle und ihn umfing finstere Nacht....
Alle Gestalten waren verschwunden... der Gesichtssinn hatte seinen
Dienst vollbracht, war erlahmt...
Ach, mein Gott -- noch immer hatte das Schicksal nicht das rechte
Organ gefunden, wodurch es deutlich zu dem Elenden sprechen konnte,
so deutlich nämlich, daß er es verstand und vom Verständniß zu Grunde
ging. -- Denn so hatte es das böse Schicksal gewollt;... nicht im
Tollsinn sollte er reden -- es wollte ihn im Bewußtsein seines
namenlosen Elends hinabschleudern zum Orkus.
Darum wandte es sich jetzt von seinen äußern Talenten zu den innern
-- zu den scharfen geistigen Medien; es faßte ihn mit Geierkrallen
unmittelbar am Herzen -- und spie in’s Antlitz seiner Psyche... Es
rollte mit einem Ruck zwei ungeheure Berge von Schuld vor seine
+Erinnerung+ hin -- sie glichen zweien Scheiterhaufen, und auf dem
Gipfel des einen lag Margaretha gefesselt und gebunden -- auf jenem
des andern aber -- Cölestine.... und er selbst, er lief mit einer
brennenden Fackel hin und zündete zuerst den einen, darauf den andern
an... und tanzte dann zwischen beiden -- und schürte ihr Feuer --
und wandte sich mit gotteslästerlichen Gebeten an den Himmel, den er
anflehte, ihm seine Blitze zu Hilfe zu senden, weil dies irdische
Feuer zu schwach brenne.... und droben auf den Holzstößen, wo die
Flammen über ihnen zusammenschlugen -- heulten die Opfer unter rasenden
Martern -- und schrien auch zum Himmel auf -- aber sie schrien um
eine Fluth, die herabstürzen sollte auf ihre brennenden Glieder und
glimmenden Haare -- und als der Himmel kein Wasser senden wollte --
-- da verlangten sie nun auch mehr Feuer -- sengende Blitze.... damit
ihre Qual schneller ein Ende nähme.... Aber nichts von dem Allen ward
erhört! -- Alles ging seinen natürlichen Gang. -- Alles, was geschah,
geschah durch ihn, durch den Henker, durch Alexander -- er allein briet
seinem Herzen dies höllische Mahl -- und er allein verschlang es, der
ärgste unter den Cannibalen -- -- ein Teufel in adeliger gesitteter
Mannesgestalt. --