Als Alexander diese Zeilen gelesen hatte, glaubte er, die Welt um
ihn und er in ihr werde vergehen. Er befand sich einige Augenblicke
hindurch in einem Zustand, der nicht Leben und nicht Tod -- sondern
eine von jenen schrecklichen Krisen ist, in denen einst das
Menschengeschlecht entweder ganz untergehen -- oder neu und fremdartig
wiedergeboren werden wird. --
* *
*
Einige Stunden darauf lag der Graf in einem heftigen Delirium. Die
widerstrebendsten und gewaltsamsten Stürme dieses Tages und jener Nacht
hatten ihn niedergeworfen. Vielleicht war dieser Ausgang noch ein Glück
für ihn; denn jedenfalls konnte der Wahnsinn ihm keine grauenvolleren
Gestalten vorspiegeln, als wovon das bewußtvolle Leben für ihn jetzt
so reich gewesen wäre. -- So sorgt eine allgütige Natur für ihre Wesen
selbst durch Strafen -- und sie reicht uns oft Gift, um uns vor einem
tödtlicheren, welches wir unwissentlich aus der Atmosphäre eingesogen
haben, zu schützen...
Der Kranke verlor vom ersten Momente an die Fähigkeit, seine Umgebung
zu erkennen -- und so wußte er nicht, daß Cölestine an seinem Bette
saß und ihn mit zärtlicher Besorgniß pflegte. Sie, die noch vor Kurzem
selbst krank und hilflos da lag, schien jetzt wie durch ein Wunder von
neuer Lebenskraft erfüllt zu sein.... Woher diese Wirkung? Hatte die
Zusammenkunft mit Marsan -- denn er hatte sich auch ohne Aufforderung
fast zur selben Stunde eingestellt -- -- diese Folge gehabt?... War
sie dadurch so glücklich geworden, daß sie in einigen Augenblicken
völlig genas?....
Sonst wäre wohl auch Liebe, Zärtlichkeit für einen unglücklichen
Gatten im Stande, eine solche Umwandlung hervorzubringen; -- -- aber
wie sollte man nach einem Briefe wie der obige auf dergleichen rechnen
können? --
Es kann jedoch nicht geläugnet werden, daß der Eifer, womit Cölestine
ihren kranken Mann pflegte, einen Ausdruck tiefer und inniger Liebe
hatte -- -- und es trat die merkwürdige Erscheinung ein, daß, je
nachdem sich der Zustand Alexanders augenblicklich zu bessern oder zu
verschlimmern schien -- -- sie im letztern Falle an Kraft zu gewinnen,
-- im erstern wieder zu erschlaffen und so zu sagen in ihren vorigen
leidenden Zustand zurückzufallen schien. --
Aber wer enträthselt das innere Wesen und den Grund solcher
eigenthümlichen und geheimnißvollen Vorkommnisse in des Menschen
Brust?.. Irren wir doch so leicht im +Deuten+... und können nur
von demjenigen etwas Bestimmtes sagen, was wir +wissen+. Wir
hatten ja eben erst vor Kurzem ein Beispiel an Alexander: es hatte
sich im Widerstreit seiner Meinungen über Cölestine zuletzt eine Stimme
zu ihren +Gunsten+ erhoben.... und schon einige Stunden darauf sah
er seine Prophezeihung so grausam verspottet. --
Die Krankheit machte in kurzer Zeit rasche Fortschritte, doch hofften
die Aerzte von seiner kräftigen Natur, daß sie das Uebel langsamer
oder schneller besiegen werde.... da jedoch der Ausspruch eines Arztes
niemals untrüglich sein kann, so war es natürlich, daß eine liebende
und in Angst harrende Gattin nur geringen Trost aus ihm schöpfen
konnte; sah man jedoch Cölestinens Schmerz, so mußte man sie für eine
solche Gattin halten. --
Da saß sie durch Tage und Nächte neben seinem Haupte, reichte ihm
Arznei, Tränke -- pflegte seiner mit weinenden Augen und diente ihm
wie eine Magd; denn sie litt es nicht, daß ein Anderer auch nur den
kleinsten Dienst bei ihm versähe, wenn sie hierzu selber Kraft und
Stärke fand. -- -- Unter solchen Umständen mußte das Wort des Arztes
wahr werden und ihr Kummer, ihre Angst, ihre Verzweiflung, vergebens.
-- In Alexanders Befinden trat eine sichtbare Besserung ein -- und
nun stürzte die junge Frau auf ihre Kniee und pries Gott im lauten
Dankgebete. -- Wie harrte sie mit zitternder Ungeduld des ersten
lichten und bekenntnißvollen Augenblicks.... dann wollte sie mit
Alexander reden, sich vertheidigen -- und sie hoffte gewiß, daß er ihr
glauben werde....
O der Getäuschte! -- -- Er erwachte wirklich, er sah sie mit klaren
Augen an, wie sie vor ihm stand -- die Arme ausbreitete, mit
thränenvollem Antlitz ihm entgegenlächelte und schon den Mund aufthat
-- -- -- -- Aber es war ihr nicht vergönnt, weiter zu kommen... Bis
hierher nur erfüllte sich ihre Hoffnung, hier schnitt er sie ihr ab --
denn sein Vertrauen zu ihr war dahin, seit der Glaube an ihr Herz ihn
gänzlich verlassen hatte.... Vergebens sank sie noch einmal vor ihm
auf die Kniee.... ihr Anblick war erschütternd.... Er aber, der Gatte
deutete ihr an, daß sie ihn verlassen möge -- und als sie dies Gebot
nicht befolgte, sah man seinen Zustand sich augenblicklich auf eine
entsetzliche Weise verschlimmern....
„Sie werden ihn tödten, wenn Sie länger hier bleiben,“ bedeutete
traurig der Arzt -- -- und sie ging -- sie kam nicht mehr zu seinem
Lager.
Einige Tage darauf war er so weit hergestellt, daß er sich nun wieder
erheben und sein Bett verlassen konnte. Er brachte jetzt den größten
Theil des Tages in einem Armstuhl, umgeben von Büchern und Schriften,
zu, worunter ihn besonders die letzteren beschäftigten. -- Besuche nahm
er nicht an -- selbst Briefe ließ er durch seinen Sekretär eröffnen,
und wies jeden, mochte er auch direkt und dringend an ihn lauten, von
sich. Er besaß keine Geheimnisse und überdies hatte der Sekretär sein
volles Vertrauen....
Unter den Schreiben, welche anlangten, befanden sich drei von
Cölestine, deren Inhalt uns eben so unbekannt geblieben ist, wie er
es für Alexander und selbst für seinen Sekretär war -- denn dieser
Ehrenmann siegelte sie, ohne sie gelesen zu haben, wieder zu.
Es war gegen Ende Dezembers, als Alexander Wien verließ, gefolgt nur
von seinem Sekretär und einigen vertrauten Dienern. Er hinterließ für
Cölestine folgendes Schreiben:
„Gräfin! -- Ich verlasse Sie, Ihr Haus und die Residenz, ohne
Ihnen sagen zu können, wohin ich reise und welches der Ort meines
ferneren Aufenthaltes sein wird. Zu Ihrer Beruhigung -- denn sie
wird wohl nur auf diese Weise zu erzielen sein -- hinterlasse ich
Ihnen beiliegende schriftliche Erklärung, worin +ich mich+ die
Ursache unserer raschen und plötzlichen Trennung nenne und woraus
keine Schuld hervorgeht, die nicht auf mein Haupt fiele; Sie werden
Gelegenheit finden, von diesem Dokument den nützlichsten Gebrauch
zu machen -- und ich wünsche Ihnen herzlich Glück, wenn damit
sowohl Ihre Wünsche wie die Anforderungen der Welt beschwichtigt
werden, woran ich nicht einen Augenblick zweifle. -- -- Alles, was
ich hinterlassen habe, ist zu Ihrer unbeschränktesten Verfügung
gestellt. -- Ihre Verhältnisse bleiben demnach ganz dieselben,
welche sie zu meiner Zeit waren -- -- ich vergesse hinzuzusetzen:
wahrscheinlich werden sie noch weit angenehmer sein; -- ich
verspreche mich abermals: sie werden dies ganz +gewiß+
sein! -- -- Gnädige Frau.... erlauben Sie mir jetzt eine kleine
Eigennützigkeit. In Anerkennung des Dienstes, welchen ich Ihnen
leiste, lassen Sie mich an Sie die Bitte stellen: falls Sie meinen
Aufenthalt errathen oder erfahren sollten -- so schreiben Sie
mir nicht -- noch schicken Sie eine dritte Person zu mir -- am
wenigsten aber kommen Sie selbst...... Dies wird wohl schwerlich
geschehen -- es ist fast albern, daran zu denken -- jedoch für den
Fall dieser oder jener Möglichkeiten erfahren Sie, daß mein Zorn
dadurch auf’s Aeußerste gereizt und ich zu einer That fähig wäre,
die sowohl Sie als mich entehren könnte. -- Schonen Sie also unser
Beider Namen -- wenigstens von dieser Seite. --
Und nun habe ich Ihnen nichts mehr zu sagen, als: leben Sie für
immer wohl.