Sodann ging er zu einem Lehnstuhle und ließ sich hier nieder --

„Oh, mein Gott! Mein Schöpfer!“ rief Cölestine mit herzzerreißender

Stimme... rang die Hände -- und bedeckte mit ihnen ihr von Thränen

überfluthendes Gesicht, dessen Muskeln sich convulsivisch zu jenem

entsetzlichen Schmerzensausdrucke bewegten -- welcher mit dem Lachen so

viele Aehnlichkeit hat und den höchsten Grad innerer Leiden andeutet....

Eine Pause entstand.

Cölestine lag noch immer vor dem Ruhebette auf den Knieen, denn sie

hatte nicht die Kraft, den Platz zu verlassen. Er sah sie mit keinem

Blicke an, sondern starrte düster grollend vor sich hin -- auf die

Wand, an welcher ein Bild hing, den Abschied Ulysses von seinem Weibe

vorstellend.... Ein bitteres Lächeln malte sich auf seinem Gesichte,

doch blieb er stumm, ließ keinen Laut seinem Munde entschweben....

Jetzt wurden die Klagetöne der jungen Frau zum wilden Geschrei:

„Weh mir Armen!“ rief sie: „Was habe ich verbrochen, daß mich dies

entsetzliche Schicksal trifft?! -- Womit habe ich den Himmel beleidigt

-- daß er so grausam mich straft -- dieses namenlose, unmenschliche

Leiden auf mich herabsendet?... Weh! -- Ich vermag es nicht länger

zu tragen... mein Leben droht auszulöschen. -- O du mein Schöpfer,

welches soll denn meine Schuld sein? Rede, rede, Vater im Himmel! Was

ist denn mein Verbrechen?... Etwa, daß ich diesen Mann, den du mir

zum Gatten gabst, liebte -- mehr liebte als mich -- als Vater und

Mutter -- mehr vielleicht selbst als dich!? -- -- -- -- Ja, ja,“ fuhr

sie fort, zusammensinkend auf den Boden -- und sich mit der Hand am

Rande des Ruhebettes haltend -- „ja,“ sagte sie mit gedämpfterem Tone:

„dies ist vielleicht ein Verbrechen -- aber es ist mein einziges, mein

ganzes..... doch ist es ein Verbrechen an dir, o Herr des Himmels, --

-- und darum, darum strafst du mich -- es ist klar!“

„Aber,“ fuhr sie plötzlich empor und wieder schienen alle Lebensgeister

ihr Herz zu erfüllen, mit neuer Kraft ihr Wesen stählend: „warum denn

pflanztest du diese rasende, diese wahnsinnige Liebe in mich -- -- wenn

sie eine verbrecherische ist?? -- -- Bin ich,“ schrie sie gewaltig auf:

„jetzt noch immer schuldig?! Redet, verkündet mir es -- -- ihr Himmel!“

„Ach -- --“ sagte sie nach einer Weile, traurig das Haupt senkend

und wieder ganz zusammenfallend: „Ihr seid und bleibt stumm... ihr

habt keine Sprache für den Unglücklichen... ihr redet nur mit den

Glücklichen....“ Da riß sie sich heftig vom Orte weg -- auf den Knieen

schleppte sie sich in rasender Eile vor ihren Gatten hin -- zu dessen

Füßen sie mit dem Rufe:

„So nenne Du, mein Gatte, mir das Wort, welches mich verdammt! So

antworte Du, Mann, den ich so liebte, auf meine Frage? --“

Alexander jedoch bewegte sich nicht -- er blieb düster, kalt und stumm

wie eine Bildsäule; erst nach einer Pause schien einiges Leben in ihn

zu kommen, aber nur, um den Arm auszustrecken, um mit ihm gegen die

Thüre zu weisen, so als sollte das heißen: „Fort, fort -- fort von

mir.... ich habe mit Dir nichts weiter zu schaffen....“

[Illustration: Seite 70.]

„Aber,“ rief sie mit erstickter Stimme und umschlang seine Kniee,

„man hört ja den Mörder, den Todtschläger, bevor man ihn verurtheilt

und richtet... ja man redet sogar zu den unvernünftigen Thieren, zum

Hunde, zu einem Pferde, indem man es züchtiget.... Nur mir, mir

gegenüber ist Alles stumm, wie das Grab -- welches sein Opfer auch

verschlingt, ohne ihm davon etwas zu sagen... O, Alexander! nimm mein

Leben hin! tödte mich sogleich -- -- aber früher sage mir, weshalb Du

mich verstoßen hast... denn es muß das verabscheuungswürdigste Laster

sein...!“

Hier öffnete sich sogleich der Mund dieses zu Eis erstarrten Mannes:

„Ja -- -- es ist das verabscheuungswürdigste der Laster! Du hast es

selber ausgesprochen -- heuchlerisches Weib! Untreue, Verrath der

ehelichen Liebe -- -- es gibt kein entsetzlicheres Verbrechen, dessen

die Menschenbrust fähig wäre!“

„O ewige Vorsicht! -- ich habe es geahnt. -- So hat mein Fürchten mich

nicht getäuscht! ... das, wovon ich am weitesten entfernt bin, wird mir

aufgebürdet. -- Herr meines Lebens! nimm mich zu dir! Denn, schuldlos,

wie ich bin, vermag ich unter so furchtbarer Anklage nicht länger zu

athmen!...“

Nach diesen Worten, welche die Arme mit matter, kaum hörbarer

Stimme aussprach -- -- fiel sie auf den Boden hin und verlor alles

Bewußtsein....

Sie lag bleich und athemlos da wie eine Leiche.

Er aber stand auf, nahm sie auf seine Arme und trug sie hinweg aus

diesem Gemache in eines der ihrigen, sodann rief er Cölestinens

Dienerinnen herbei, denen er die Ohnmächtige übergab. Als dieses

geschehen war, verfügte er sich wieder in sein Zimmer, verschloß

diesmal die Thür mit mehreren Schlössern, rückte zum Ueberfluß noch

einen Schrank vor dieselbe und so gesichert vor jedem ferneren

Besuch, abgeschnitten von der ganzen Welt, überließ er sich jetzt den

finstersten seiner Gedanken.

„Ja, ja,“ sprach er zu sich: „trotz dieses Wehgeschreies und dieser

Verzweiflung -- trotz dieser dreisten und geläufigen Berufung auf

ihren Schöpfer -- trotz aller erschütternden Liebesrufe und rührenden

Betheuerungen der Unschuld .... ist sie dennoch eine Verrätherin. --

Und eben deshalb eine um so größere! -- -- -- Hab’ ich sie doch mit

diesen meinen eigenen Augen auf frischer That ertappt -- -- wär’ mir

daran gelegen gewesen -- so hätte ich mit zwei Schritten am Schauplatze

des Verbrechens sein und es mit Händen greifen können..... Und

dennoch, dennoch dieser Schmerz, diese Thränen, diese Schwüre, diese

Verzweiflung -- diese Anrufung Gottes.... O, sie ist die abgefeimteste

Heuchlerin, die je von der Erde getragen wurde! Aus ihr könnte man

tausend Verrätherinnen und Giftmischerinnen und Mörderinnen machen.....

Lass’t ihr Blut auf die Erde tröpfeln -- und ihr vergiftet die ganze

Erde -- diesen alten, harten, felsigen Ball, der schon so vielen Uebeln

widerstanden! -- Sie ist ein Teufel mit dem Lächeln eines Engels im

Gesichte und dem Glorienschein einer Heiligen um das Haupt....“ Er

schwieg einige Augenblicke.... „Böses, böses Weib!“ fuhr er darauf

fort.... „Wer hätte das Alles in ihr gesucht?! -- -- Als ich sie zum

ersten Male sah, trat sie als eine jener zarten Jungfrauen, deren Seele

eine Lilie ist, eine Lilie aus dem Garten Gottes -- vor mich .... sie

trat als holde, lieblich-unschuldige Fee, als eine jener guten Feen,

die in alten Zeiten die Schutzgeister der Menschen waren, vor mein

Angesicht -- -- -- -- damals, damals hätte ich, wären die Gedanken

meines Hirnes nur im geringsten fähig gewesen, sie zu beflecken,

den Blitz des Himmels selbst auf mich herabgerufen, daß er mich

zerschmettere.... Damals! Ach, welche Zeiten und welche Gefühle! -- --

Und jetzt, jetzt! -- -- Wer hätte glauben sollen -- daß trotz ihrer

elysäischen Gestalten und ihrer ambrosischen Düfte jene Zeiten doch

nur von Trug und Verrath geschwängert waren?.... Allein, so ist der

Mensch! Er hofft und vertraut bis zu des Abgrunds Rand -- und glaubt

nicht eher an ihn, als bis er hineingestürzt ist und sich windet mit

zerschmettertem Haupte zwischen Molchen und scheußlichen Ungeheuern....“

Der Graf ging lange im Zimmer auf und ab, ohne ein Wort zu sprechen,

ohne nur einmal aufzublicken -- -- aber im Stillen hielt er eine

entsetzliche Gedankenjagd -- -- und die schwarzen Ideen tummelten sich

immer dichter neben ihm -- um ihn und über ihm... sie schlossen ihn

von allen Seiten ein, wie ein wildes Heer von dämonischen Erd- und

Luftgeistern....

Da brach der erste Lichtstrahl der heraufsteigenden Morgensonne durch

den Rand seiner Gardinen und traf sein Antlitz.... und als wäre ein

Bote des Ewigen zu ihm herangeflogen und hätte seine Stirne mit

glänzenden Strahlenfingern berührt.... erhob aus dem wilden dunkeln

blutigen Chaos seiner Seele sich ein weißer Gedanke, so daß er schrie:

„Und wenn sie dennoch unschuldig wäre?!!“

„O mein Gott!“ flüsterte er leise: „was hätte ich dann gethan!“

Mit dieser Idee entschlief er bald darauf, denn sein Physisches

vermochte nicht länger dieser unsäglichen und abwechselnden An- und

Abspannung zu widerstehen.

Viertes Kapitel.

Hoffnung, Verzweiflung, Resignation.

Als Alexander erwachte, mochte es bereits wieder gegen Abend sein,

wenigstens umgab ihn im Zimmer eine Dunkelheit, welche nicht allein

durch die ausgebrannte Lampe erzeugt ward. Doch was kümmerte ihn Zeit,

Licht, Sonnenschein -- Finsterniß.... lebte er doch kaum mehr in der

Außenwelt, sondern hatte sich ganz zurückgezogen in den tiefsten

Winkel seines Herzens. Die Idee, mit welcher er eingeschlafen war

-- begleitete auch wieder sein Erwachen, und darum war dies das

freundlichste seit vielen Tagen. --

Ja, sie konnte dennoch unschuldig sein! -- Trotz aller Beweise, trotz

aller Zeugnisse, worunter die wichtigsten allerdings die seiner

eigenen Augen waren -- konnte doch dasjenige, was schon tausendmal

geschehen war, auch noch dies eine Mal eintreffen: Cölestine konnte

verkannt, verläumdet, sie konnte durch eines boshaften Dämons Gaukelei

verläumdet worden sein. -- Denn ist es wohl nicht schon vorgekommen

-- daß man z. B. einen Unglücklichen des Mordes -- eine Unglückliche

der Giftmischerei +überführt hatte+ .... sie starben den Tod des

Gesetzes.... und nach Jahren erwies es sich, daß sie +unschuldig

waren+?

Ach, die +Liebe+ klammert sich so gerne an einen solchen

Hoffnungsanker an -- und zwar erst dann recht eifrig, wenn des

Sturmes Wuth wild über sie eingebrochen ist. -- Die Liebe, wenn

sie zur Leidenschaft, zur Tyrannei geworden -- lebt in Contrasten

und ist bisweilen fähig, von der rasendsten Eifersucht -- zur

fanatischen Gläubigkeit umzuspringen.... je nachdem diese oder jene

ihr Befriedigung schafft. -- „Nie,“ sagt ein geistreicher deutscher

Schriftsteller,[B] „war eine Liebe echt und tief, wenn dieselbe nicht

fähig ist, heute für denselben Gegenstand zu leben -- für welchen sie

gestern in den Tod gehen wollte.....“

Weshalb sollte der arme Gatte nicht den Trost hinnehmen, der ihm

plötzlich wie durch unsichtbare Geisterschwingen zugeweht wurde --

da dieser Trost seinem leidensheißen Herzen doch so wohl that? --

-- Und daß er ihm kam -- wenn es auch noch so plötzlich, noch so

unerwartet und unbestimmt geschah -- -- wer wird daran zweifeln, wenn

er anders das Menschenherz kennt? -- Kommen und gehen von Augenblick zu

Augenblick nicht die verschiedenartigsten Empfindungen in und aus uns

-- -- ohne daß wir wüßten, woher und wohin? -- -- Aber sie kommen doch

und scheiden doch.... das ist gewiß -- -- und es scheint uns dann, als

würde mit einem Male ein Räthsel aufgelöst durch unsichtbare Hände --

-- wozu wir uns lange vergebliche Mühe gaben.

O -- trotz unseren enormen Fortschritten im Felde der Erkenntniß sind

wir noch lange nicht dahin gekommen, die einfachsten Dinge, welche uns

umgeben, zu verstehen. --

Alexander erhob sich vom Lager. Er begann wieder seine Wanderungen

durch’s Gemach. Bunte Bilder flohen vor ihm vorüber -- lange hatte sein

Auge freundlicher Farben entbehrt...

„Nein, nein!“ rief er aus --: „so sehr kann Lüge die Wahrheit doch

nicht nachahmen!... Sie kann Thränen weinen -- Seufzer ausstoßen --

sie kann sich im Staube winden und verzweiflungsvoll aufschreien,

daß sie unschuldig sei... sie kann Alles, Alles, was körperlich und

sichtbar erscheint, imitiren, wie wir es am guten Schauspieler sehen;

jedoch sie kann den Popanz, welchen sie geschaffen, nicht beleben

-- kann ihm keine Seele einhauchen -- kann ihm jene geistige Gewalt

nicht verleihen, die allmächtig zu unserem Geiste spricht, diesen

zu sich hinreißt, daß er nicht widerstehen kann und sich mit ihr

vereiniget, versöhnt. -- Das, das kann die Lüge nicht! -- Das ist nur

der Himmelstochter Wahrheit vorbehalten. -- -- -- -- Und,“ rief er

frohlockend aus: „ihren Einfluß habe ich erfahren -- -- obgleich erst

jetzt, jetzt dies Bewußtsein in mir aufgegangen.... Cölestine ist keine

Verbrecherin... dies wird mir so klar, daß ich erstaune und mich

verfluche, es nicht längst eingesehen zu haben....“

„Allein -- ich weiß schon, weshalb es nicht geschah! Ich +wollte+

nicht, daß es geschehe... ich widersetzte mich gewaltsam der

Ueberzeugung! Ich Thor -- ich Elender marterte mich geflissentlich mit

Schrecknissen, die nicht sind noch waren.“

Voll von dieser neuen Aussicht auf eine neue schöne und blühende Welt

-- machte Alexander sich auf und verließ sein Zimmer, entschlossen,

seine Gemahlin aufzusuchen, sich zu ihren Füßen zu werfen und in einer

Fluth reuiger Thränen seine Schuld abzuwaschen; denn er hoffte, daß

Cölestinens, aus einem Himmel von Güte und Liebe bestehendes Herz sie

ihm verzeihen werde....

Als er auf den Corridor trat, sah er, daß es in der That bereits

wieder dunkel sei. Im Hause war Alles still -- man rüstete sich

zum Schlafengehen. So gelangte er, ohne gesehen zu werden, vor die

Wohnzimmer seiner Frau. Auch hier herrschte die tiefste Stille --

auch hier begegnete man Niemand. Alexander glaubte zuerst, Cölestine

sei entweder nicht zu Hause oder sie habe sich in ihre hintersten

Gemächer zurückgezogen -- -- da vernahm er plötzlich ihre Stimme, die

im zweiten Zimmer Jemand einen Auftrag zu geben schien... und obgleich

diese Stimme kraftlos und eintönig redete, hatte er doch folgende

Worte verstanden: „Aber -- um Alles in der Welt, daß kein Auge dies

Schreiben erblickt, noch Euch selbst, die Ihr damit fortgeht. Stanislaw

-- ich vertraue Dir hier mein halbes Leben an.... erinnere Dich, daß

Du seit 30 Jahren der treueste Diener unseres Hauses bist.... Vermeide

besonders die Zimmer des Grafen....“

Diese leisen Worte machten Alexander fast taub; er, der erst so heiter,

so rasch, so leichtfüßig hierher kam, vermochte in diesem Augenblicke

sich kaum aufrecht zu halten.... Er zog sich seitwärts von der Thür

zurück, lehnte sich hier an die Wand -- und lauerte auf den Boten. --

Dieser trat wirklich heraus -- aber in demselben Momente stürzte sein

Gebieter auf ihn und entriß ihm den Brief.......

Er war an den Chevalier von Marsan gerichtet und enthielt folgende

Zeilen...:

„Ich bin krank und im höchsten Grade geschwächt -- vermag also

nicht an dem bestimmten Orte zu erscheinen; ich hoffe daher, daß

Sie die Mühe auf sich nehmen werden, zu mir zu kommen -- -- -- doch

säumen Sie keinen Augenblick. Es erwartet Sie mit Ungeduld

Cölestine v. A--x.

_NB._ Vermeiden Sie es, von den Dienern unseres Hauses

gesehen zu werden -- der heutige Abend ist sehr günstig zu einer

Zusammenkunft, um so mehr, da mein Mann sich noch immer auf seinem

Zimmer eingeschlossen hält.“

Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Zweiter Theil (von 2) · 第 5 / 15 题