Zwei Tage lang blieb er eingeschlossen in seinem Zimmer, ließ
Niemand vor sich, selbst seine treuesten Diener nicht; was er an
Lebensbedürfnissen für seine körperliche Hälfte brauchte -- ließ er
sich wie ein Gefangener durch die Thür reichen. -- Da erzählten sich
die Diener wunderliche Sagen von ihrem Herrn und was mit demselben
vorgegangen sei -- so wie von dessen Aussehen. Ein in geheimnißvollen
Dingen erfahrner alter Lakai (er hatte früher bei einem englischen
Lord gedient, der viel mit Magnetismus, Sterndeuterei und „andern
schwarzen Künsten“ sich abgegeben) meinte: des gnädigen Herrn
bleiche Miene und sein übernatürlich glänzender Blick -- sodann
die sonderbar eingesunkenen Wangen deuteten bestimmt -- auf einen
Verkehr mit überirdischen Mächten hin, welcher in dem verschlossenen
Studierzimmer, wo all’ die großen Bücher und die wunderbaren Werkzeuge
(Kunstrequisiten) lagen -- stattfände...... Wozu ein anderer alter
Diener mit einer rothen großen Nase, worauf viele kleine blaue
Karbunkel, bemerkte: deshalb höre man zu Zeiten, besonders des Nachts,
auch ein so heftiges Gehen und ein so wirres Hin- und Herreden...
solche außerordentlichen Rufe, und was dergleichen mehr ist. -- Dieser
alte Freund hatte -- wenn er betrunken war, schon so manchen Geist
gesehen...
Am meisten bestärkte der Umstand die Dienerschaft in ihrem Glauben, daß
ihr Gebieter -- sich standhaft weigerte, seine Frau vor sich kommen zu
lassen, trotzdem, daß sie Tag und Nacht darum flehte....
In der That hatte Alexander allen Versuchen, die sie machte, um
zu ihm zu gelangen, widerstanden. Ihre Bitten, ihre Klagen, ihr
verzweiflungsvolles Flehen verhallte vor der Thür und wurde nur von den
todten Wänden, nicht von ihm, vernommen....
Am Morgen nach jener verhängnißvollen Nacht, wo er sie mit dem fremden
Manne ertappt, hatte sie vergebens gewartet, ihn bei sich in ihrem
Schlafzimmer, in ihrem Boudoir oder im Gemache, wo sie gewöhnlich
zusammen frühstückten, eintreten zu sehen.... sie hatte nach ihm
geschickt, und als man ihr die Nachricht brachte, er sei noch in
seinem Studierzimmer eingeschlossen -- -- begab sie sich selbst auf
den Weg dahin, um ihn, wie sie glaubte, aus allzuemsiger Arbeit
hervorzuziehen.... Sie gelangte zur Thür: wie erstaunte sie, dieselbe
geschlossen zu finden; jetzt rief sie ihm -- jetzt bat sie ihn, sie
bei sich einzulassen.... da wuchs ihr Staunen, denn er antwortete
nicht. -- Nun glaubte sie, er sei nicht mehr hier, und schon wollte
sie den Rückweg antreten -- -- da hörte sie ihn drinnen einen schweren
Seufzer ausstoßen.... und voll Entsetzen schrie sie auf: „Um Gott! --
Alexander, was ist Dir geschehen? -- -- Hörst Du mich denn nicht?...“
Und weil er noch immer nicht antwortete, so rief sie Diener herbei und
gebot ihnen, die Thür mit Gewalt zu öffnen, wähnend, eine Ohnmacht,
irgend eine schreckliche Krankheit habe ihren Gatten überfallen....
In diesem Augenblick ertönte drinnen seine Stimme finster und
gebietend: „Mir ist nichts widerfahren! -- Wage es Niemand, in meine
Nähe zu kommen. Ich werde die übrigen Befehle geben!“ --
Von dieser Stunde an -- sehen wir das junge Weib fast den ganzen
Tag über und tief in die Nacht hinein sich stundenlang vor der Thür
aufhalten und mit ihren stummen und lauten Bitten, mit ihren Thränen
und Seufzern die Luft erfüllen.... Doch, wie schon gesagt, er, der
Unglückliche drinnen hört sie nicht.... ihn umschließt die glühende
eiserne Mauer seines Schmerzes mit den scharfen Zacken der Schande
umgeben... dieser Wall ist undurchdringlich. --
Endlich nach vielem Sinnen hatte Cölestine ein Mittel erdacht. In
einer Stunde -- es war zur tiefen Nachtzeit -- nahte sie sich, wie sie
so oft gethan, still auf den Fußspitzen dem Zimmer ihres Mannes. Vor
der Thür angelangt, horchte sie lange -- sie vernahm außer dem Picken
einer Pendule, die darinnen stand, nichts -- als die tiefen und starken
Athemzüge eines in tiefen Schlummer Versunkenen. Es war Alexander.
Behende holte sie aus ihrem Busen einen Schlüssel hervor, welchen sie
in’s Geheim hatte verfertigen lassen -- und steckte ihn behutsam in’s
Schlüsselloch.... Welches Glück! Er paßte vollkommen -- er drehte sich
ohne Geräusch im Schlosse herum... nach zwei Augenblicken war die Thür
geöffnet....
Cölestine stand im Gemache ihres Mannes. Sie schloß sogleich hinter
sich zu, damit nicht ein Windzug die Thür bewege oder von draußen
irgend ein Geräusch hereinschalle. -- Auf dem Tische brannte im düstern
Lichte die Lampe und beleuchtete die Gestalt Alexanders, welcher
angezogen auf einem Ruhebette hingestreckt schlief -- und dessen
gramgebleichtes Antlitz -- worin zwei Tage die Leiden eines halben
Lebens eingezeichnet hatten -- auf die Brust herabgesunken, ihm das
Ansehen eines Mannes gab, der in der Kraft seiner Jahre dahinwelkt --
-- eine Eiche, getroffen vom scharfen Beil.
Namenloser Schmerz schien die Seele Cölestinens zu durchziehen, als sie
das sah -- und da sie diesem Schmerz keinen Laut geben durfte, war es
ihr, als ob ihre Brust mitten entzwei reißen sollte...
Da schien der Schlafende sich zu bewegen -- er wandte sein Haupt nach
der Seite und sodann nickte er mit demselben wie zur Bejahung, wobei
seine Lippen murmelten:
„Ja, ja, gewiß, sie hat mich betrogen!“
Diese Worte schnitten Cölestinen durch die Seele -- sie vermochte
sich nicht mehr zu bemeistern -- alle Besinnung, alle Kraft hatte sie
verlassen -- und mit dem lauten Ausrufe, dessen Ton jammervoll klang --:
„Nein! Gewiß, sie hat Dich nicht betrogen!“ stürzte sie vor ihn auf die
Steine hin.... ohne nur zu wissen, was sie that.
Alexander erwachte: „Wer ist da?!“ rief er wild auf -- und blickte um
sich...
„Ich, ich -- Dein unglückliches Weib, bin es! Cölestine, die elendeste
der Frauen, kniet hier vor Dir -- sinkt an Deinem Lager nieder, wo sie
gerne sterben und mit ihrem Tode es bezeugen möchte -- wie sehr Du sie
verkannt....“
Mehr vermochte sie, ungeachtet aller Anstrengung, nicht zu sprechen; --
ihre Lippe schien erlahmt, ihre Zunge dürr wie getrocknetes Laub.....
Er sah sie von seinem Lager mit seinen glühend düstern Augen, welche
in ihren tiefen Höhlen unbeweglich starrten, an -- er sah sie lange,
lange, stumm und regungslos an -- nach und nach nahm seine leidenvolle
Miene den Ausdruck des Staunens -- der Verwunderung an -- -- ein kaum
merkliches und auch sehr trauriges Lächeln zog sich um seinen Mund, aus
welchem mit tiefem und leisem Tone die Worte kamen:
„Sie sind es? -- Aber was wollen +Sie+ hier?“
Er betonte das Wort „Sie“....
„Oh, mein Gatte!“ dieser Ruf rang sich unter Schluchzen und schwerem
Athmen aus ihrer Brust endlich los.... „Oh, mein Gatte!“ wiederholte
sie, indem sie zitternd die Hände emporstreckte. -- --
Jetzt richtete er sich auf -- und verließ rasch sein Lager -- trat bis
zur Mitte des Gemaches und sagte hier halbabgewendet -- dumpf:
„Verlassen Sie mich -- Gräfin!“