„Aber,“ begann jetzt Leuben: „kannst Du denn hierbei nicht die Hilfe
der Deinigen in Anspruch nehmen, Edmund? -- Ich bin gewiß, Dein
Vater, Deine Mutter würden Dich gerne aus dieser Verlegenheit ziehen
-- es bedarf vielleicht nur eines offenen und zugleich reumüthigen
Bekenntnisses von Deiner Seite. -- Du siehst, ich rede zu Dir als
Freund.“
Es hatte leicht reden, dieses edle Herz. War es ihm doch hinlänglich
bewußt, daß der General für seinen Sohn in diesem Falle nichts thun
würde; ja, daß er, unterrichtet von dem wüsten, unvernünftigen und
unehrenhaften Treiben des Letztern -- vielleicht ganz und gar seine
Hand von ihm abziehen, ihn verstoßen dürfte. Der Charakter und die
Grundsätze des alten Herrn bürgten dafür.
Edmund begnügte sich daher auch, statt aller Antwort -- laut und mit
einem gräßlichen Tone aufzulachen; sodann barg er das Gesicht in beide
Hände und blieb völlig stumm.
„Und Deine Schwester?“ fing Jener wieder an. „Sollte Cölestine, welche
Dich doch so zärtlich liebt und zugleich von Deiner innigen Neigung zu
ihr überzeugt ist -- sollte sie Dich nicht retten können?... Freilich
ist sie in diesem Augenblick noch nicht Herrin ihres Vermögens --
und darf über das eigene eben so wenig, wie über jenes ihres Mannes
verfügen. Gleichwohl scheint es, daß es ihr im Ganzen nicht schwer
werden sollte.... mehrere tausend Gulden aufzutreiben....“
„Wo denn?“ fuhr der Jüngling dazwischen. „Etwa bei Meister Lips?“
„Nein doch! -- aber -- ich meine -- -- sie besitzt ja Kostbarkeiten,
Juwelen -- Schmuck -- --“
Edmund stieß bei diesen Worten einen tiefen, erschütternden Seufzer,
der aus dem innersten Grunde der Seele kam, aus. Seine Augen wurden
feucht, und als er die folgenden Worte sprach, schluchzte er wie ein
Knabe: „Ach, unglückliche Schwester! Arme Cölestine! Liebevolles,
heiliges Herz -- -- -- womit, womit hast Du dies Alles verdient! -- --
O! Ich bin ein Frevler, ein Nichtswürdiger, ein Verräther an Dir und
Deiner Liebe! -- Und ich verdiene nicht mehr in Dein mitleidvolles,
zärtliches Auge zu blicken! -- Ja, ja! Möge es sich mir auf ewig
verschließen.... möge es Einem leuchten, der dessen würdiger ist, als
ich... -- O, ich Elender!“ schrie er im gewaltigen Schmerze auf: „ich
verachte mich! ich speie mich an!“
Nach diesen Worten schien es, als bräche sein innerstes Wesen zusammen.
Er lag bewegungslos, starr wie ein Leichnam da -- -- und hätte nicht
das schwere Stöhnen, welches er von Zeit zu Zeit hören ließ, Kunde von
seinem Leben gegeben -- man würde ihn haben hinaustragen können zur
Bestattung. -- Daher gab er auch auf die Frage, welche Leuben zuletzt
an ihn that: „Und Marsan -- Dein Freund, der glänzende, großmüthige
Marsan? -- -- Weshalb vertraust Du Dich nicht ihm an?“ -- keine Antwort.
-- -- Wir hoffen, der Charakter Edmunds von Randow ist unsern Lesern
bereits deutlich genug vor Augen gestellt. -- Wie aus mehrfachen
Scenen, in denen wir diesem jungen Menschen begegnet sind -- erhellt,
haben wir es hier mit einer, aus zweien, scheinbar widerstreitenden
Hälften zusammengesetzten, Natur zu thun -- diese Hälften jedoch, diese
scheinbaren Gegensätze -- sind nichts weiter, als die zwei Theile
einer aus derselben Wurzel entsprießenden Pflanze -- einer Blume, die
Blüthen und zugleich scharfe Dornen trägt...
Wir wollen uns sogleich weitläuftiger über diese Sache auslassen
und versuchen, ein Spiegelbild jener Menschengattung zu liefern --
in welcher der Krankheitsstoff unserer Zeit am entschiedensten zum
Durchbruch gekommen. --
Edmund war ein leichtsinniger, ein verschwenderischer, ein
nichtsthuender junger Mensch, der jedoch in gewissen Fällen der
wärmsten Hingebung, der edelmüthigsten Aufopferung -- und einer bis zur
reinsten Liebe gesteigerten Zuneigung fähig war. -- Er an und für sich
war wenig... durch Denjenigen, an welchen er sich anschloß, konnte er
jedoch Alles werden. Er hatte von der Natur weiter nichts mitbekommen,
als ein weiches Herz und einen heitern Sinn; diese Gabe aber ist
äußerst gefährlich; ohne die richtige Pflege bildet sich durch sie ein
Charakter heraus, der zuerst blos +gut+ und +schwach+ scheint
-- später jedoch +leichtfertig+ und +thöricht+ wird. Vermöge
des Ersteren hing Edmund seinen Verwandten und darunter besonders
seiner Schwester mit schwärmischer Liebe an -- vermöge des Letztern
schloß er schnell mit Jedermann -- am schnellsten mit lustigen Brüdern
Bekanntschaften und Bündnisse.
Welche Resultate für sein Leben, für seine persönlichen Verhältnisse
hieraus erwuchsen, ließ sich voraussehen. Da es in der menschlichen
Natur liegt, mit einem Gemüthe, wie das Edmunds, dem Bösen zugänglicher
zu sein als dem Guten, so war auch nichts natürlicher, als daß bei ihm
der Einfluß seiner +Freunde+ jenen seiner Verwandten nicht nur
überwog -- sondern in progressivem Verhältniß langsam vernichtete,
dermaßen, daß Edmund zum Beispiele im gegenwärtigen Zeitpunkte --
Dank dem elenden Leuben -- Althing -- dem alten Wollheim und dem
Würger Lips, der anfangs als +Freund in der Noth+ galt, -- Dank
also diesen schlechten Freunden -- in diesem Augenblick auf einem
schauderhaften Gipfel des Elends und der geheimen Noth stand.
Daß es das Geld ist, welches im vorliegenden Falle wieder den _nervus
rerum_ vorstellt, läßt sich leicht errathen; wann sollte dieses
fluchwürdige Princip nicht das herrschende gewesen sein -- -- mag
man auch die Bücher der Weltgeschichte, von den grauen Zeiten des
Alterthums bis auf die neuesten, durchblättern.... wo war es dies nicht
stets? -- Fürwahr, man ist versucht, dieses Princip für dasjenige zu
nehmen -- von welchem die Bücher der heiligen wie die der weltlichen
Weisheit als von dem +bösen+ sprechen. -- --
Wir könnten hier eine lange Expectoration einschließen -- wir könnten
hier mit sanften Engelsstimmen sowohl wie mit dem Brüllen des Donners
reden, um unserm Satz die rechte Verständlichkeit und Kraft zu
verleihen; wir könnten tausend Mal fragen: „Wo ist das Gute, welches
durch den Mammon gestiftet wurde?“ -- ohne daß man uns hierauf auch nur
eine einzige Antwort zu geben vermöchte; -- -- wir könnten hinwieder
fragen: „Wo ist das Böse, das durch ihn angerichtet wurde?“ und auf der
ganzen Erde würde jeder Punkt rufen: „Hier! hier! hier!“
-- Doch zu solchen Experimenten ist hier weder Zeit noch Raum, und so
kehren wir denn wieder zu den wesentlichen Theilen unserer Darstellung
zurück.
Als wir Edmund zum ersten Male sahen, fanden wir im Aeußern einen jener
lustigen, ausgelassenen, dabei gutmüthigen jungen Kavaliere, an welchen
in großen Städten eben kein Mangel ist. Wir hatten jedoch zu jener
Zeit uns noch nicht näher um ihn bekümmert... wir hatten noch nicht
nach seinen inneren Zuständen geforscht und so konnten wir leicht über
ihn +lachen+; wir hatten noch keine Ursache, uns wegen seiner zu
+betrüben+ -- denn ein Mensch kann lustig, ausgelassen und bei
dem Allen doch sehr glücklich sein. Als uns Edmunds schönes Verhältniß
zu Cölestine, als uns einige der edleren Eigenschaften seines Herzens
bekannt wurden -- mußten wir sogar für ihn eingenommen werden. --
-- Aber nur zu bald enthüllten sich unserem Blick alle jene düstern
Einzelheiten dieses Wesens und Lebens, welche nicht mehr geeignet sind
zu belustigen, sondern wodurch unsere bisherige Theilnahme dem Schreck,
ja dem Ekel wich. -- Wir sahen Edmund nicht mehr blos aus Leichtsinn
und Unüberlegtheit sich thörichten Neigungen hingeben -- sondern mit
schamlosem Bewußtsein; -- ja wir erblickten ihn zuletzt sogar in den
Armen der nichtswürdigsten Laster.... und bald, bald werden wir mit
Entsetzen vor ihm fliehen. --
Dahin jedoch mußte die Consequenz eines Treibens, wie das seinige war,
ihn führen, und dahin wird Jeder kommen, der, gleich ihm, auf die
Sirenentöne jener Leute hört, die sich uns im gewöhnlichen Leben häufig
als unsere „+besten Freunde+“ bezeichnen. -- Wenn wir die Liste
der Kameraden Edmunds durchgehen -- welche Subjecte finden wir da!
Alle Sorten der Thorheit und des Lasters -- von der niedrigsten Stufe
bis zur schwindelndsten Höhe. Zuerst den im Ganzen unschädlichsten
alten Gecken +Althing+, an dessen Seite er zuerst die traurige
Süßigkeit des Müßiggangs und die lügnerische der Galanterie kennen
lernte; sodann den albernen Jäger und Säufer Wollheim -- mit dessen
Hilfe er schon um einige Stufen höher stieg. -- Diese zwei Leute
beglückten ihn durch jahrelangen Umgang und nannten ihn in allem
Ernste ihren „+Schüler+“, sowie er dieselben lange Zeit hindurch
als seine „+Meister+“ anerkannte. Später sodann machte er die
Bekanntschaft des Chevaliers -- und diese wirkte eben wegen ihrer
direkten Entgegengesetztheit am verderblichsten unter allen bisherigen
auf ihn; denn durch dieselbe plötzlich in eine Sphäre gerissen,
worin er sich noch niemals befunden -- gerieth er in abscheuliche
Verlegenheiten -- denen er nur dadurch entkam, daß er seine Zuflucht zu
dem allesvermögenden Götzen des Geldes nahm -- ein Götze, welcher den
jungen wüsten Verschwender rasch in die Klauen seines Priesters: des
Meister Lips führte...
Zu Allem diesen kam noch, gleichsam als Krone des Werkes -- die
Verbindung mit Leuben, welche dieser seit Kurzem absichtlich und
dringend suchte und auch sehr leicht gefunden hatte. -- Leuben, früher
ein gewöhnlicher Mensch und ein verliebter Wahnsinniger, trat ihm jetzt
als der ausgemachteste Roué entgegen und führte ihn in noch tiefere und
stinkendere Kloaken des Lebens -- als in welchen der Thor Edmund bisher
gewatet hatte.
-- -- So standen die Sachen und nun antworte man uns: ist hier nicht
ein ursprünglich zu Gutem bestimmtes Gemüth, eine an sich reine
und edle Natur untergegangen? Doch -- so mächtig ist der Keim des
Göttlichen in uns, daß er, und wäre er auch nur so groß wie ein
Samenkorn, die hundertfachen Schichten des Lasters und des Bösen, von
denen er eingeschlossen wird, und die ihn gerne ersticken möchten,
dennoch durchdringt -- um über ihnen, wenn auch nur auf Augenblicke zu
leuchten.... den blinden Thoren sehen zu machen.
-- Die gefürchtete Stunde nahte heran; je näher sie kam, je heftiger
zitterte das Herz in dem Leibe des Elenden. Leuben hatte ihn verlassen
.... er wollte nur kurze Zeit wegbleiben, um seinen Anzug in Ordnung
zu bringen, dann wollte er, wie er sagte, wieder kommen, und aus
freiem Antriebe seinen „unglücklichen lieben Freund Edmund“ mit einem
Darlehen -- gegen die Wuth des Meister Lips schützen. Das hatte er
ihm gelobt. -- Was er jedoch that, bestand in Folgendem: er verfügte
sich von hier zuerst zu dem andern „lieben Freunde“ +Theobald
Wurmholzer+, sodann -- denn die Verbindungen, welche er seit einiger
Zeit angeknüpft hatte, reichten weit -- zu seinem dritten „lieben
Freunde“ dem Meister +Sophronias Lips+.... und setzte diese zwei
Ehrenmänner von der Gemüthslage Edmunds in Kenntniß. -- Er handelte,
wie man sieht, nach einem Systeme, dessen Ziele uns immer näher und
immer zahlreicher vor den Blick treten -- bis wir sie zuletzt als
Schlußstein eines ganzen Intriguengebäudes sehen werden -- welches
Gebäude bestimmt ist, auf die Welt darunter zusammenzustürzen, -- wenn
anders nicht etwa eine mächtigere Hand noch bei Zeiten dazwischen
fährt, zertrümmernd den arglistigen, verderbenschwangeren Bau....
erlösend und versöhnend die Welt, welche so lange in diesem Kerker
geseufzet. --
Zweites Kapitel.
Die Nichtswürdigen.
Eben hatte es auf einem Thurme in der Nähe elf Uhr geschlagen. Dieser
Klang tönte erschütternd durch die Ohren Edmunds, welcher sich
von seinem Lager noch immer nicht erhoben hatte, sondern dasselbe
Stunde für Stunde mit seinem Angstschweiße tränkte -- gleich einem
Armensünder-Lager. Wir haben bereits Vieles von dem Treiben und Thun
dieses verlornen Jünglings erzählt -- wir haben jedoch noch nicht
Alles, noch nicht das Letzte gesagt. -- Edmund von Randow, der Sohn
eines der edelsten und ruhmvollsten Häuser des Landes, war nicht
nur Müßiggänger, Libertin, Verschwender, Spieler und ein Roué der
gemeinsten Klasse geworden -- -- Edmund von Randow, der Sohn eines der
ersten und vornehmsten Geschlechter zweier Reiche -- -- war sogar bis
zum +Betrüger+ hinabgestürzt....
Nachdem wir dies entsetzliche Wort ausgesprochen haben, bleibt uns
nichts anderes übrig, als es zu rechtfertigen, und dies soll sofort
geschehen.
Es waren seit dem letzten Glockenschlage noch kaum einige Minuten
verflossen, als nicht der Baron von Leuben, wohl aber Herr Theobald
Wurmholzer in’s Zimmer trat. Auf die Stirne dieses Menschen hatte sein
Leben und sein Handwerk Züge gezeichnet, die nicht zu verkennen waren.
-- Herr Theobald erschien mit einer lustigen Schurkenmiene und einem
schmetternden „Guten Morgen!“ Als er Edmund, dessen Zustand und Lage
erblickte -- brach er laut in die Worte aus: „_Sacre bleu!_ Was
ist denn das? Hat für meinen Busenfreund Edmund der Hahn noch nicht
gekräht? -- _Bougre!_ das nenn’ ich einen guten Schlaf -- der
freilich auch einem guten Tage folgt....“
Edmund begnügte sich damit, sich halb aufzurichten und dem
Abscheulichen eine Art von Willkomm entgegen zu murmeln, womit dieser
zufrieden schien, denn er setzte sich, nach dem Brauche solcher Herren,
ohneweiteres auf das Bett -- und fuhr in seiner lärmenden Weise fort:
„Sie werden wissen, mein verehrungswürdiger Freund Randow -- daß ich
nicht gekommen wäre, Ihren süßen Schlaf zu stören, nöthigte mich hierzu
nicht jene dringende Pflicht, die ich gegen mich selber habe und die
Ihnen hinlänglich bekannt ist; Sie begreifen --: Die heiligste Pflicht
des Gentlemans und Spielers besteht in --“
Edmund fuhr bei dem letzteren Worte ein wenig überrascht in die Höhe
--: „Sie nennen sich also kurzweg: einen Spieler!“
„Darauf kommt es hier nicht an und es wird Ihnen auch gewiß sehr
gleichgiltig sein...“
„Ich meine nur -- -- bisher haben Sie sich unter diesem Titel noch
nicht vorgestellt....“
„_Diable!_ -- dies will ich schon glauben!... Wer in der Welt wird
sich bei einem fremden Menschen gleich als +Spieler+ einführen?
-- Es wäre sehr gegen die Lebensart! -- Allein nachdem man zusammen
drei bis vier Nächte hindurch am grünen Tische gesessen -- nachdem man
mit Einem überdies auf Ehrenwort gespielt -- und endlich gar an ihn
eine Forderung von circa 2000 Ducaten zu stellen hat -- darf man sich
doch wohl kurzweg als das bezeichnen, ... was man ist, _Tonneur de
Dieu!_ -- Welchen Titel soll man für sich erfinden? -- -- Man hat
von Jemand für einige Sätze im _rouge et noir_ 2000 Ducaten zu
fordern... also ist man ein +Spieler+.“
„An dieser Logik ist wohl nichts auszusetzen --“ versetzte Edmund
eintönig und mit bitterem Lächeln -- --; „ich hätte längst selber von
ihr Gebrauch machen sollen....“
„Allein, wie ich sehe, _mon cher_ -- -- so jagen wir uns da
mit einer nutzlosen Phraseologie ab... und beim Himmel! meine Zeit
ist sehr kostbar: ich habe heute noch wichtige Geschäfte in Ordnung
zu bringen. Kommen wir daher zur Sache! -- +Haben Sie das Geld in
Bereitschaft+, _mon petit coeur_?“
Mit kurzen Worten antwortete Randow: „Ich habe nichts in Bereitschaft.
Ich besitze keinen Heller!“
„Wie -- Sie besitzen keinen Heller!“ schrie Herr Theobald so mächtig,
daß es draußen auf allen Gängen widerhallte: „_Morbleu!_ -- Sie
besitzen keinen Heller!“ Theobald war aufgesprungen und hatte sich vor
ihn hingestellt: „Was ist dies für eine sonderbare Erklärung -- mein
Herr von Randow?“
„Die Erklärung ist sehr einfach und noch dabei sehr wahr;“ sprach
Edmund mit einer Ruhe, deren man ihn nach seiner früheren Stimmung
nicht fähig hätte halten sollen. -- Allein freilich die früheren
Bewegungen seines Innern standen weniger mit diesem als mit dem andern
Falle, mit dem Meister Lips, in Verbindung.
„_Enfin!_“ rief der Spieler: „Sie zahlen also nicht: Sie tragen
Ihre Schuld nicht ab -- mein Herr?“
„Es ist mir unmöglich -- mein Herr.“
„Wissen Sie auch, mein Herr -- daß dies eine Ehrenschuld ist?... daß
Sie auf’s +Wort+ gespielt haben?“
„Ich weiß es, ich weiß Alles.“
„Und dennoch -- glauben Sie mir so mit der größten Seelenruhe sagen zu
dürfen, daß Sie nicht zahlen wollen?...“
„Allein -- was soll ich Anderes thun? Sagen Sie es selbst, mein
Herr!...“
„Dies -- _mon Dieu_!“ versetzte scheußlich lachend Herr Theobald
-- der nach Art der Leute seines Metiers unabläßlich mit französischen
Brocken um sich herum warf... „Dies, _mon Dieu_ -- ist doch
fürwahr nicht meine Sache... es geht mich nicht im Geringsten an...
_Sacre!_ Was soll ich Ihnen denn noch sonst sagen, als: zahlen
Sie! zahlen Sie -- -- ich muß auch zahlen! -- --“
Der junge Mensch antwortete nicht -- er seufzte nur und rieb sich die
Stirne, die zu zerspringen drohte unter den Gedanken, welche -- nicht
Herrn Theobald betrafen.
„Endlich, mein Herr,“ nahm dieser sich zusammen und blickte ihn wild
und finster an: „Endlich -- damit wir zum Schlusse kommen: was ist
Ihre Absicht? Wollen Sie mich als Mann von Ehre, wie es Ihrem Stande
angemessen, befriedigen -- oder aber wünschen Sie, daß ich noch in
dieser Stunde zu Ihrem Vater gehe -- -- und den würdigen General von
Randow veranlasse, das Wort seines Sohnes und dessen Reputation zu
retten?... _Morbleu!_“
Der Spieler war richtig berathen. Kaum hatte er den Namen von Edmunds
Vater genannt, als der Jüngling erschrocken vom Lager aufsprang und
im Nu aufrecht stehend sich seinem Gläubiger gegenüber befand: „Um
Gotteswillen, mein Herr!“ rief er mit bebender Zunge: „Thun Sie das
nicht! Machen Sie keinen Schritt aus diesem Zimmer -- bevor unsere
Angelegenheit nicht in Ordnung gebracht ist. -- -- Sie wollen, ich soll
Ihnen 2000 Ducaten bezahlen. -- Nun wohl -- nun wohl.“
Er sann einen Augenblick nach -- -- jetzt hatte sein ganzes Denken sich
um diesen Punkt konzentrirt: „Hören Sie meinen Vorschlag! -- Gedulden
Sie sich noch bis morgen -- dann sollen Sie Alles bis auf den letzten
Pfennig erhalten...“
„_Tonneur!_ -- --“ versetzte der Spieler schon mit einem viel
heiteren Tone: „das geht nicht, mein Bester! -- Das wird nicht
gehen! .... Wie ich es immer auch herumdrehe -- wie ich auch immer
kalkulire.... ich brauche das Geld noch heute...“
„Nun denn --“ bedeutete Jener, dem der Angstschweiß von der Stirne
rann: „dann geben Sie mir mindestens einige Stunden Frist -- -- z. B.
bis zum Nachmittage...“
Nach einer Pause rief Theobald aus: „_Eh bien donc!_ -- Bis zum
Nachmittage -- 3 Uhr will ich warten, _mon coeur_... bis 3 Uhr
also .... Jedoch länger nicht eine Minute... fürwahr ich kann nicht!
_Parole d’honneur_ -- es liegt nicht in meiner Macht.... es ist
unmöglich ... _c’est impossible!_“
„Nun denn -- um 3 Uhr holen Sie hier das Geld ab.“
„_Bon, bon!_ -- Ich werde hier sein -- _sans doute_ --
ich werde erscheinen, _mon très cher ami_! -- Also: -- _au
revoir_!“
Er reichte ihm die Hand hin -- die der Unglückliche ergriff und
drückte, als sei sie die Hand eines Ehrenmannes. Darauf verließ
Monsieur Theobald Wurmholzer das Zimmer. --
-- Kaum war er fort, als schon wieder an der Thür geklopft wurde.
Dieses Klopfen erkannte Edmund -- es drang ihm erschütternd durch
Mark und Bein. Sogleich öffnete sich die Thür und herein trat, mit
lächelndem Joko-Gesichte und der trauten Keule in der Hand, Meister
Sophronias Lips, Wechsler, Antiquar, Juwelier, Hühneraugen-Operateur
und Würgengel dieser guten Stadt. Er war ganz so anzuschauen, wie
wir ihn sahen, als uns das unaussprechliche Glück ward, zum ersten
Male mit ihm zusammenzutreffen. Da war wieder der mittelalterliche
Gustav-Adolph’sche Rock, halb Frack und halb Jacke -- da waren wieder
die antediluvianischen Beinkleider -- da die Wunderstiefeln, der eine
mit Stulpen, der andere ritterlich trichterförmig mit einem Stück
Sporren daran -- da war auch der Hut, _vulgo_ Pferdesattel --
da die heidnische Priesterweste -- -- da endlich -- und natürlich im
vollen Glanze, die herrliche Keule, diese Königin unter den Handstützen.
„Mein Gnädigster -- ich habe die Ehre, Ihnen einen vortrefflichen Tag
zu wünschen... ’s ist recht kalt heute, auf Ehrenwort!“ So begrüßte der
Biedermann unseren Freund, der sich bei dessen Eintritt erhoben hatte
und ihm wie einem Manne von Rang entgegen ging... jedoch sprach Edmund
nicht ein Wort. Um so mehr Gelegenheit hatte hierzu Meister Lips und er
schien Lust zu haben, heute von dieser Gelegenheit den ausgedehntesten
Gebrauch zu machen: „Nun, wie geht es Euer Gnaden?“ begann er lächelnd,
mit dem Kopfe nickend und seine holde Keule schwingend: „Wie befinden
Sie sich, mein Gnädiger, he? -- Hoffentlich geht es Denenselben recht
wohl -- was mich ausnehmend freuen würde, auf Ehrenwort! -- Und wie
haben Dieselben geschlafen?... Wahrscheinlich gut!“
Wie schon gesagt, Edmund war, trotz dieser Zuvorkommenheit und
Cordialität des Meister Lips -- an Worten ein Bettler; kaum daß er ihm
alle diese Fragen im Allgemeinen beantwortete; jedoch schien Lips das
nicht zu beachten und fuhr fort, seine Freundlichkeit zu verdoppeln,
zu verdreifachen... so daß es eine wahre Lust war, diesen, an sich so
cynischen Philosophen, jetzt eine Fluth der galantesten Redensarten
ausströmen zu hören.
Im Ganzen fand eine merkwürdige Aehnlichkeit zwischen Lipsens
gegenwärtigem Betragen und demjenigen statt, welches Herr Theobald
Wurmholzer bei seinem Eintritt in diese Stube angenommen hatte. Die
Sache ist sehr einfach. Sie wiederholt sich bei jedem Gläubiger. Wenn
Euch ein solcher besucht, ist er die Artigkeit und Liebenswürdigkeit
selber -- -- kaum aber habt Ihr mit ihm einige Worte gesprochen, so
wirft er rasch die Maske ab -- -- er will von Euch Geld haben und keine
Worte -- er wird ernst -- grob -- unverschämt -- so zwar, daß Ihr,
die Ihr anfangs die zärtlichsten Freunde zu sein schienet -- als die
bittersten Gegner, als Feinde auf Tod und Leben von einander scheidet.
-- -- -- -- Eine merkwürdige psychologische Erscheinung; jedoch sehr
bewährt, sehr bewährt!
Doch folgen wir ruhig dem Gange des Gespräches unserer zwei Männer und
sehen wir zu, wie sich dasselbe nach und nach entwickeln wird.
„Allein -- mein theuerster, mein verehrtester, mein süßester Gnädiger
-- -- Sie haben mir ja noch gar nicht gesagt, wie Sie so eigentlich
sich fühlen; und doch wissen Sie, welchen namenlos gewaltigen Antheil
ich an Dero Wohlbefinden nehme -- -- Auf Ehrenwort! ich würde lieber
mir selbst meine rechte Hand abhauen -- -- als daß ich Sie nur den
allerleisesten Schaden nehmen sähe. Auf Ehrenwort!“
„Ich danke, Herr Lips, ich danke!“ antwortete der Jüngling und setzte
sich neben den Alten, welcher auf dem Sopha Platz genommen...: „Ich
glaube Ihnen schon gesagt zu haben, daß es mit meiner Gesundheit
leidlich steht -- bis auf eine kleine Erregung noch von gestern
her.....“
„Ei, ei -- Sie müssen sich schonen, Gnädigster! Wirklich, das müssen
Sie.... So eben bemerke ich, daß Ihr theures Angesicht wirklich Spuren
trägt von -- von -- -- nun gleichviel wovon.... Doch, mit einem
Worte, Sie müssen sich schonen. O wie schade wäre es um einen so
ausgezeichneten Kavalier!“
„Sie sind sehr gütig, mein Herr....“
„Es ist mein heiligster Ernst, auf Ehrenwort! -- Allein weshalb nennen
Euer Gnaden -- mich heute stets „mein Herr“ und „Sie“ und so fort?....
Womit habe ich es verdient, daß das trauliche, das ehrende +Du+,
womit Sie zu anderer Zeit mich anredeten und was meinem treuen Herzen
so wohl that -- daß es, sage ich, heute plötzlich verschwunden ist?....“
Hierauf erwiderte Edmund nichts. Sein Blick, der starr vor sich hin
gerichtet war, verdüsterte sich immer mehr; denn diese sarkastische
Freundlichkeit des alten Schurken erschreckte ihn mit Recht im
Innersten der Seele...
„Und wozu,“ fuhr dieser fort, -- „sind hier die Fenster geöffnet,
gnädiger Herr? -- Dies kann für eine so zarte und edle Constitution,
wie die Ihre, sehr nachtheilig werden. -- Und als treuer Freund oder
vielmehr Diener halte ich es für meine Pflicht, dieses große Unglück
nach Möglichkeit zu verhüten.... weshalb ich mir auch die Freiheit
nehme, Ihre Fenster ein wenig zu schließen.... oder aber mich selbst
vor sie hinzustellen, um auf solche Weise mit meinem eigenen Leibe Sie
zu schützen...... Auf Ehrenwort!“ Wirklich ging er hin und that, wie
er sagte; er verschloß die Fenster -- und da eines derselben vom Winde
in der Nacht zerschlagen worden war, stellte er sich da gleich einer
Schildwache auf....
„Allein,“ fuhr er fort und balancirte seine Keule auf dem Nagel des
kleinen Fingers -- „allein,“ sagte er und jetzt ließ er dieses ungefähr
20 Pfund schwere Instrument wieder herabgleiten und begann dasselbe in
einem Kreise herumzuschwingen, gerade so als wäre es eine Reitgerte
-- --: „ich sehe, daß meine Reden Ihnen Langeweile verursachen --
Hochgebietender .... und so will ich Sie denn nicht länger mit
ähnlichen belästigen, sondern mich augenblicklich hinwegzaubern --
sobald ich nur erst noch zwei unumgänglich nothwendige Wörtchen mit
Höchstdenselben gesprochen haben werde. Also: wie steht es mit unserer
Angelegenheit, Durchlaucht? Haben Allerhöchstdieselben jene lumpichten
6000 Holländerchen schon in Bereitschaft gelegt?... und wo sind die
allerliebsten Dingerchen -- damit ich sie berge in meinen väterlichen
Schooß?“
Hier nun wieder ging an dem Jünglinge eine Veränderung vor, welche mit
der vorigen in Gegenwart Theobalds, und zwar aus derselben Ursache
entsprungen, eine große Aehnlichkeit hatte... Edmund erhob sich kalt
und ruhig, sein Auge richtete sich fest auf seinen Gegner und sein
ganzes Wesen schien plötzlich jener wunderbaren Fassung theilhaftig
geworden zu sein, welche uns stets vom Muthe -- nicht selten aber
auch von der Verzweiflung verliehen wird. „Herr Lips,“ begann Edmund
mit Würde: „wozu sollen wir diese Sachen in die Länge oder gar in’s
Scherzhafte ziehen. Reden wir ernst und kurz mit einander -- denn bei
Gott! mir ist es sehr ernst um die ganze Angelegenheit. Sie, vermöge
Ihres Scharfblickes und Ihrer Menschenkenntniß (Eigenschaften, die
Ihnen selbst Ihr Feind zugestehen muß) --“
Signor Lips verbeugte sich und salutirte mit seiner Keule wie ein
Offizier mit seinem Degen --
„Sie können sich unmöglich auch nur einen Augenblick lang über die
Lage, worin Sie mich jetzt finden, täuschen. Sie wissen recht gut --
daß ich ärmer bin als ein Bettler -- zahlungsunfähiger als ein Kind
-- daß ich indessen auch den redlichsten und eifrigsten Willen habe,
Alles zu thun, was in meiner Macht steht, -- und sollte es auch mit
Aufopferung meines halben Lebens geschehen...“
Die plötzliche Metamorphose im Wesen des Jünglings hatte auch eine in
dem des Greises hervorgerufen, welche zwar ebenfalls ernst und finster
erschien, dabei jedoch einen Strahl von tiefer Ironie nur um so greller
durchblicken ließ, je mehr dieser unterdrückt werden sollte...
„Das ist -- wie mich dünkt -- das alte Lied!“ hatte Lips mit tiefer
Stimme gesprochen .... „Dieses alte Lied jedoch behagt mir in diesem
Augenblick so wenig, daß ich, sollte ich es noch einmal hören müssen,
lieber entschlossen bin, die Zither sowohl wie den Zitherschläger in
tausend Stücken zu zertrümmern..... Ist das Deutsch gesprochen...?“
Edmunds Lippe zitterte ohnmächtig und wortlos -- sein Athmen, sein
Seufzen, wodurch seine Brust bewegt wurde, glich dem Stöhnen eines
Kranken... er fühlte sich hinsinken und mußte sein Haupt auf die Lehne
des Sopha’s legen -- --. Da begann Lips wieder im strengen Tone:
„Sie wissen, wie die Sachen stehen -- mein Bester. Ich habe nicht
nöthig, sie Ihnen weitläuftig wiederzukäuen. -- -- Sie sind erstens
zwei Wechsel, jeden à 1500 Dukaten mir zu bezahlen schuldig -- macht:
3000 _netto_. -- Sodann besitze ich von Ihnen einen dritten
Wechsel à 1000 Dukaten -- trassirt auf Ihren Herrn Schwager, den
hochgebornen und insbesondere hochzuverehrenden Herrn Grafen Alexander
von A--x, und angeblich acceptirt von Hochdemselben -- -- was sich
jedoch später als eine Lüge, d. h. eine Namensfälschung -- d. h. ein
Criminalverbrechen zweiter Klasse erwies, denn nicht der hochgeborne
Herr Graf hat seinen Namen geschrieben -- sondern Sie machten diesen
allerliebsten Streich selber... hehehe!.... -- -- Maßen ich jedoch
in meiner Brust kein Felsenherz -- sondern ein so weiches wie
Schwanenflaum trage -- auf Ehrenwort! -- habe ich mich vor einigen
Tagen in dieser Angelegenheit mit Ihnen dahin geeinigt, daß Sie mir
anstatt der auf dem falschen Wechsel notirten 1000 Dukaten -- 2000
ausbezahlen sollten... was ein wahrhaft christlicher Handel ist..... Da
haben Sie die ganze Sachlage, da den ganzen Casus, wie wir Philosophen
sagen.... Auf Ehrenwort!“
Statt aller Antwort schüttelte der unglückliche junge Mensch wie
sinnlos das Haupt -- -- und schlug sodann ein kurzes heiseres Gelächter
auf. --
„Was -- Sie lachen noch, mein Bester? -- -- Mir aber, das versichere
ich Ihnen -- ist es in diesem Augenblicke gar nicht zum Lachen .... und
gleichwohl dürfte dazu an mir die Reihe noch eher sein, als an Ihnen.
Dies wollte ich blos so nebenbei bemerkt haben. Und jetzt noch einmal
deutsch gesprochen: Ich bitte mir höflichst 6000 Dukaten aus!“
„Ich besitze nicht 6000 Heller --“
„Nun wohl, noch deutscher: Sie haben einen reichen Papa -- -- Papa wird
das Sümmchen bezahlen --“
„Herr Lips, mein Vater bezahlt für mich nichts. Sie wissen es sehr gut.“
„Dann wird Mama es thun....“ fuhr der Wucherer fort und schwang seine
Keule....
„Meine Mutter kann es ebenfalls nicht, da die Kasse sich nicht in
ihren Händen befindet....“
„Ferner haben Sie eine geliebte und liebende Schwester, mein Freund....“
„Auch Cölestine ist nicht im Stande, mir zu helfen....“
„... Zuletzt bleibt uns noch immer der Herr Graf von A--x, auf welchen
ja auch dies Haupt-Papierchen ausgestellt ist....“
„O -- um aller Seligkeit willen.... mein Herr!“ schrie Edmund auf:
„bringen Sie mich nicht zum Wahnsinn! -- -- Das Alles, was Sie da
vorgeschlagen haben -- hilft zu Nichts. -- Allein, Sie reden immer von
6000 Dukaten .... mein Herr! Habe ich Ihnen denn nicht vor ein paar
Tagen einen +Schmuck+ im Werthe von fast eben so viel überliefert....
weil Sie mir schon damals mit der Geltendmachung des unglückseligen
falschen Papiers -- zu dessen Anfertigung ich mich in halber
Trunkenheit verleiten ließ -- drohten.... Und diesen Schmuck rechnen
Sie für nichts....“
„Ei bewahre!“ versetzte Lips: „wie sollt’ ich das? Halten Sie mich nur
nicht für einen so unbilligen, gefühllosen Menschen! -- Diesen Schmuck
im Werthe von fast 5000 Dukaten gaben Sie mir (Sie müssen sich dessen
noch erinnern,) als blose Abschlagzahlung, weil ich damals von Ihnen
neben diesen dreien annoch im Besitze von zwei älteren Papierchen war
-- wir haben die ersteren vernichtet und ich habe mit dem verfänglichen
bösen Rechte gezögert bis zum heutigen Tage, wo Sie mir das Ganze
bezahlen (will sagen diese 3 vorliegenden Wechselchen honoriren) sollen
-- oder aber Alles steht wie zuvor. Ist das klar gesprochen?“
Nach einigem qualvollen Grübeln versetzte Edmund: „Hören Sie mich,
mein Herr! Um was ist es Ihnen zu thun? -- Um Bezahlung, nicht wahr?
-- -- Nun denn: warten Sie noch einige Tage.... mittlerweile werde ich
Gelegenheit haben, mit meiner Schwester -- vielleicht auch mit meinem
Vater zu reden. Denn so geradezu kann ich mit einer solchen Forderung
nicht vor sie hintreten. Der Letztere würde es mir kurzweg abschlagen
-- ja, erführe er den vollen Thatbestand -- so wäre es mit mir für
immer aus; meine Schwester aber müßte, angenommen, daß sie Etwas thun
könnte -- die Summe jedenfalls erst zu borgen suchen.... denn sie kann
über ihr Vermögen bis jetzt noch nicht verfügen... Geben Sie mir also
5-6 Tage! Herr Lips -- --“
„Fünf bis sechs Tage!“ schrie dieser: „Wo denken Sie hin, das ist
unmöglich! Bis dahin gehe ich ohne das Geld zu Grunde!... Fünf bis
sechs Tage! -- Um Gotteswillen machen Sie mich nicht unglücklich!“
„Aber -- mein Herr -- es ist -- --“
„Wissen Sie was? damit Sie immer mehr meine rührend gefühlvolle Seele
kennen lernen sollen.... einen halben Tag will ich Ihnen noch gewähren!
-- Aber länger ist es mir nicht möglich -- auf Ehrenwort!...“
„Das hilft zu nichts! das ist umsonst!“ versetzte Edmund dumpf und
faßte sein Haupt zwischen beide Hände, um zu verhindern, daß es
zerspringe.
„Nun denn -- noch einen halben Tag dazu! -- Aber auf Ehrenwort!....
das ist Alles, zu was ich mich als Christ -- ja und wäre ich selbst
Herrnhuther, herbeilassen kann!“ Er schwang seine Keule fürchterlich
im Kreise, daß sie in der Luft saus’te, wie ein großes Mühlrad. --
„Erbarmen Sie sich meiner! -- Sie sehen -- ich gehe zu Grunde! Was soll
ich in 24 Stunden ausrichten?.... Sind sie vorüber -- so stehen wir
gewiß noch auf dem alten Fleck, weh mir!“
„Weh +mir+! +mir+! ich habe das Recht, dies auszurufen,“
schrie Lips wild -- und arbeitete mit der Keule umher, wie
Herkules, als er gegen den Nemäischen Löwen auszog.... „Nun denn
-- Donnerwetter!“ brüllte der Wucherer und schlug mit ihr jetzt so
gewaltig auf den Boden, daß in den Dielen ein Loch entstand: „so gebe
ich Ihnen denn eine Frist von 48 Stunden -- mein Mann! Aber,“ setzte
er drohend wie ein Caraibe hinzu und rollte gräßlich die Augen: „sind
diese verstrichen und ich habe mein Geld nicht.... dann, mein Mann
-- lasse ich Sie durch zwei handfeste Polizeisoldaten holen -- und
Ihnen kurzweg den Prozeß machen wegen Wechselfälschung, Betrügerei,
Erpressung -- und noch einiger andern Nebenumstände... so wahr ich
Sophronias Lips heiße und eben sowohl der Freund der Guten wie der
Schrecken der Bösen bin.... Hier haben Sie mein siebenfaches Ehrenwort
darauf! -- -- Wohlan denn: auf Wiedersehen!“ brüllte er wie ein Orkan.
Jetzt stürzte er fort -- man hörte draußen nur noch einige
Keulenschläge, die er im Zorne gegen das Pflaster des Ganges machte....
„Auf Wiedersehen!“ dies sonst so freundliche Wort hätte kein Teufel
fürchterlicher aussprechen können, als es Meister Lips gethan; es klang
ganz so als hätte er gerufen: „Auf Wiederwürgen!“
* *
*
Die anberaumte Frist war verstrichen.
Edmund, der nicht vermochte, die 6000 Dukaten aufzutreiben -- war
verschwunden. Niemand wußte, wohin er kam; doch meldete einige Tage
darauf ein Brief, der seinen Eltern von Prag aus zugesendet wurde,
daß er in einer Ehrensache gezwungen gewesen sei, an die Grenze des
Kaiserstaates zu flüchten -- von wo er ihnen jedoch bald weitere
Nachrichten werde zufließen lassen....
* *
*
Ach, welch ein Schlag traf die armen Eltern! Kaum hatten sie den
Brief Edmunds gelesen, als sie von fremder Seite eine ganz andere
Kunde empfingen. -- +Ihr Sohn war der Wechselfälschung und anderer
Verbrechen angeklagt.+
Lips war der Kläger.
Leuben hatte ihn dazu bewogen, indem er ihm die volle Summe von 8000
Dukaten zu bezahlen versprach und im Augenblick der Denunciation auch
sogleich 6000 bezahlte.
Drittes Kapitel.
Der Schmerz der Gatten.
Wir müssen uns bei unserer Erzählung nun um einige Tage in der
Geschichte zurückversetzen. Es handelt sich darum, wieder zu Cölestinen
und ihrem Gatten zurückzukehren, und sie in dem Augenblick und an
jenem Orte aufzusuchen, wo wir beide zuletzt verließen. -- Wir wissen,
wie jene furchtbare Scene geendet, in welcher Alexander einen so
unzweifelhaften Beweis für die Untreue seines jungen Weibes erhalten
zu haben glaubte -- wir wissen, daß er damals mit zertretenem Herzen
und vernichtetem Sinne auf sein Zimmer floh und sich in das Dunkel
desselben barg, wo ihm wohler ward, denn die äußere Lichtlosigkeit des
Ortes harmonirte mit der dumpfen Finsterniß seiner Brust.
Dies ist Alles, was wir von der Begebenheit wissen; hier schnitten wir
uns den ferneren Pfad ab -- hier eröffnen wir uns denselben wieder und
wandeln darauf fort. --
Es ist von uns schon in irgend einem andern Buche gesagt worden --
daß es Keiner versuchen möge, die Qualen eines unglücklich Liebenden
zu beschreiben; denn für diesen Schmerz haben wir keine Worte, für
dies Unglück keine Farben.... Dieser Schmerz ist unbedingt der größte,
der tiefste und der zerstörendste, von dem ein Menschenherz getroffen
werden kann. -- Was sind alle Wunden, alle Qualen, jedes Siechthum des
Körpers... was sind alle Leiden des Geistes und Herzens: Armuth, Noth,
Verbannung, Demüthigung, Verläumdung, verfehltes Streben, verletzter
Ehrgeiz, Verrath des Freundes -- Undank des Kindes -- -- und wie sie
alle heißen mögen, die zahllosen Köpfe der Hydra, welche am Herzen der
Edelsten genagt haben -- -- was sind sie alle gegen die Hyänenbisse
der Eifersucht, gegen die Harpyien-Wuth betrogener, verrathener Liebe.
-- -- Jedes Leiden, mag es auch noch so groß sein, hat dennoch seine
bestimmte Begrenzung -- über diesen Umkreis hinaus fängt wieder die
Welt für uns an mit ihren, wenn auch noch so wenigen, Freuden.... Nur
Liebe, Liebe, zertretene Liebe kennt außer sich keine Empfindung....
denn sie ist so ungeheuer, daß sie den ganzen Raum unseres Daseins
einnimmt -- unsern ganzen Horizont erfüllt. -- Wir haben außer ihr
keine Welt -- keinen Himmel und keine Erde; -- und weil +sie+
denn so ganz und gar +Hölle+ ist, so leben wir in dieser auch vom
Scheitel bis zur Sohle....
Fürwahr, wenn Einer es verdient, daß wir ihm eine Zähre des Mitleids
weihen, so ist es der unglücklich Liebende.... er, der in seinem
größten Schmerze selbst nicht weinen kann.
Da kommen sie dann, die Tage -- in denen er sich flüchtet in den Schooß
der Wüsten und Einöden -- in Höhlen -- Klüfte und Abgründe und auf
die Gipfel riesiger Berge -- hin, wo die wilden Thiere, der Wolf und
der Steinadler hausen.... bei denen, wie er glaubt, er mehr Liebe und
Treue finden wird, wie unter Menschen.... denn das ist nebenbei auch
sein Fluch, daß er, betrogen von +einem+ Weibe, sie alle, ja die
ganze Menschheit für Heuchler und Verräther hält.... Da kommen sie
dann, die Nächte, in denen allein er wagt zurückzukehren zur Stadt, wo
ihn jetzt keine Menschenblicke vergiften -- und keine Menschenworte
verrathen können.... aber er kommt nicht hierher, um zur gewohnten
Lebensweise zurückzukehren -- um sein Haus zu betreten oder gar seine
Lagerstätte aufzusuchen.... nein, er kam nur, weil ihn unbewußt der
Magnet zurückgezogen hat -- der ihn zwingt, bei +ihrem+ Hause
vorbei zu gehen, wenn sie vielleicht längst schläft -- -- sich
ihrem Fenster gegenüber in irgend einen Winkel zu bergen und es
anzustarren -- mit der Qual eines Verdammten es anzustarren -- hinter
dessen herabgelassenen Gardinen sie den süßen Schlaf der Glücklichen
schläft.... Aber es dauert nicht lange -- so reißt es ihn empor und
treibt mit wilder Gewalt ihn von hier weg -- weit, weit weg -- peitscht
mit Wuth seine Füße, daß sie rennen -- rasen möchten bis an’s Ende
der Welt ...... Jedoch nicht lange verträgt die elende Kreatur diesen
Kampf... sie sinkt nieder -- und wenig fehlt, so würde sie ihren Geist
aushauchen... dessen Leben jedoch aufgespart wird zu neuen Qualen....