Von

Julian Chownitz,

Verfasser von: Moderne Liebe, Marie Capelle, Leontin,

Eugen Neuland, Geld und Herz, Heinrich von

Sternfels u. s. w.

Zweiter Theil.

Mit 3 Illustrationen.

[Illustration]

Leipzig,

Verlag von Franz Peter.

1842.

Cölestine,

oder

der eheliche Verdacht.

Inhaltsverzeichnis.

Erstes Kapitel.

Edmund und einer seiner besten Freunde. 3

Zweites Kapitel.

Die Nichtswürdigen. 33

Drittes Kapitel.

Der Schmerz der Gatten. 58

Viertes Kapitel.

Hoffnung, Verzweiflung, Resignation. 76

Fünftes Kapitel.

Die Promenade auf der Bastei. 95

Sechstes Kapitel.

Immer noch Promenade. 124

Siebentes Kapitel.

Der Zurückgezogene. 150

Achtes Kapitel.

Die Verlassene. 189

Neuntes Kapitel.

Trauer und Verzweiflung. 210

Zehntes Kapitel.

Auf der That ertappt. 234

Elftes Kapitel.

Die Katastrophe. 240

Zwölftes Kapitel.

Das Fest bei dem Chevalier von Marsan. 245

Dreizehntes Kapitel.

Schluß. 280

Erstes Kapitel.

Edmund und einer seiner besten Freunde.

Seit dem beim Schlusse des vorhergehenden Bandes erzählten Vorfall sind

zwei Tage vergangen. --

Es ist jetzt nahe vor Tagesanbruch und wir haben das uns bereits

bekannte Logis Edmunds von Randow vor unsern Augen. Wir wissen,

dasselbe befand sich im väterlichen Hause und nahm hier einen ziemlich

ausgedehnten Raum ein. Wo wir uns jetzt befinden, dies ist das

Schlafzimmer des jungen Mannes -- wir müssen gestehen, daß sich hier

seit der Zeit unseres früheren Besuches so Manches, und zwar nicht zum

Vortheile, verändert hat, was, wenn es eine Folgerung auf den Bewohner

gestattet, diesen in ein sehr trauriges Licht stellen wird.

Mitten im Gemache steht ein Bett, über welchem sich aus Seidenzeug

ein drapirtes Zelt erhebt -- aber einige dieser Draperien sind hart

beschädigt -- einige, wie es scheint, erst gestern oder heute mitten

entzwei gerissen worden.... Das Bett ist nicht einmal aufgedeckt und

doch liegt eine Person darauf, von der wir später reden werden. --

Rings herum erblickt man umgestürzte Meubel, zerbrochenes Geschirre --

hingeschleuderte Kleidungsstücke; -- ferner sind die Fenster angelweit

offen, wiewohl es draußen stürmt (wir befinden uns im Anfange des

Winters,) und selbst die Thür ist nicht fest verschlossen, sondern wird

vom Zugwind hin- und herbewegt.... Kurz in diesem Zimmer deutet Alles

darauf, daß hier nur ein Trunkener schlafen und ein Liederlicher wohnen

kann. --

Wir haben uns nicht geirrt. Jene Person +auf+ dem Bette ist

wirklich in dem bezeichneten Zustande: sie liegt nur halb entkleidet,

und zwar so, daß der eine ihrer Füße (er ist mit einem Stiefel

versehen) sich auf dem Bette befindet, der andere (dieser ist ohne

Stiefel) neben demselben herunterhängt; die Arme sind in einer

ähnlichen Positur -- und der Kopf folgt jenem Arme, der über den Rand

hinausragt. -- Diese Person ist +Edmund+. --

Nicht weit von hier, an die Wand gerückt, steht ein Sopha, welches

ebenfalls aussieht, als hätte man darauf z. B. getanzt. Hier liegt ein

zweites Individuum im tiefsten Schlaf versunken, was durch zeitweises

kräftiges Schnarchen hinlänglich bestätigt wird... auch dieses

Individuum ward gestern vom Genius der Nüchternheit nicht begleitet

-- und was seine Gestalt betrifft, so war sie uns schon einigemal

vorgekommen. Jedoch ist hier weder der edle Venusritter von Althing --

noch etwa gar (das Gegentheil wäre indeß nicht so ganz unmöglich) der

tapfere Graf von Wollheim gemeint.... an Herrn von Marsan ist nicht zu

denken. -- Eine ganz andere Person tritt hier vor unsere Erinnerung und

wir fühlen uns hierbei zu den Anfangspunkten gegenwärtiger Geschichte

versetzt. Kurz: der Baron von Leuben, jener bleiche, schwärmerische,

wilde Jüngling, den die Vermählung Cölestinens so unglücklich gemacht

hatte -- steht, oder vielmehr liegt hier vor uns. -- Wie aber ist er

hierher gekommen? wie in diesen Zustand, der nicht sein gewöhnlicher

war, gerathen? -- welche innige Verbindung herrscht zwischen ihm

und Edmund, da ihre Bekanntschaft in früherer Zeit doch eine ganz

alltägliche, wie sie unter allen jüngern Leuten eines Standes

herrscht, war? -- -- Geduld, alle diese Fragen sollen früher oder

später beantwortet werden. Man sieht es, daß auch dieser Mensch stark

betrunken ist; indeß hat sein Zustand bei ihm keine so eclatanten

Symptome hervorgebracht -- -- entweder ist seine Natur kräftiger, wie

jene Edmunds (was aber nicht scheint) -- oder -- --[A]

Edmund scheint den Schlaf schon vor dem Eintreten in dieses

Schlafzimmer, worin indeß das Gelage nicht stattfand, -- antizipirt zu

haben... er befindet sich jetzt in jenem abscheulichen Zustande, wo die

Dünste des Weines bereits den Kopf, die Hefen jedoch den Magen noch

nicht verlassen haben. Man schläft nicht -- man ist nicht mehr ohne

Besinnung -- aber man wird von schmachvoller Uebelkeit gequält. --

In dieser Indigestion (gleichgesinnte Jünglinge in Deutschland nennen

sie: +Katzenjammer+) fährt Edmund auf seinem Lager, welches

für ihn eine Folter ist -- wüthend hin und her -- er möchte Alles

zerbrechen und zersprengen -- er möchte die ganze Welt zerreißen, nur

um aus ihr, d. h. aus sich selber herauszukommen..... Alle Augenblicke

sehen wir die Lage des wackern Jünglings verändert -- und haben wir

früher eines seiner Beine aus dem Bette heraushängen sehen, so wird uns

jetzt das Vergnügen zu Theil, beide so zu erblicken.... später will

sogar der Kopf der Mutter Erde näher kommen.... kurz: ein Kaleidoskop

bietet nicht so viel abwechselnde Bilder wie Edmunds Lage in dieser

Stunde.

„Verflucht!“ schreit der junge Ehrenmann in einem Anfalle von

Verzweiflung auf: „wird denn das ewig so währen? -- Seit einer Stunde“

(seit dieser Zeit +wußte+ er von seinem Zustande -- früher hatte

er in demselben blos vegetirt,) „seit einer Stunde leide ich wie ein

Lazarus... und Keiner von den Spitzbuben, meinen Bedienten, kommt

-- mir Hilfe zu leisten.... Ah, Ah! die Schurken haben seit einiger

Zeit allen Respect vor mir verloren.... Seit dieser Hund von einem

+Lips+ mich besucht -- seit ich so recht wie der Herrgott in

Frankreich lebe -- -- sind die Kerle wie verwechselt.... ja sie werden

mit mir ordentlich familiär... Doch was red’ ich da? -- Es gehört nicht

hierher... Lieber will ich klingeln -- -- aber der Teufel weiß, wo die

Klingel ist... und gepocht hab’ ich bereits hinlänglich, ohne etwas

auszurichten.... auch das Rufen wird nichts nützen: -- Johann! - Franz!

-- Karl! -- Karl! -- oder Charles!....“ brüllte er, hörte jedoch bald

auf: „es ist umsonst -- Oh! Oh! Uh! Buh! Auh! -- -- Hätt’ ich nur einen

-- Tropfen Sodawasser...“ setzte er ermattet hinzu.

„Und jener Kerl dort -- --“ fing er später wieder an, „jener Lump von

einem Freunde dort auf dem Sopha... wie der schnarcht -- schläft --

und sich um mich, der hier fast des Teufels wird -- nicht für einen

Dreier Werthes bekümmert.... Heda! Holla! -- Leuben! -- -- Klotz,

Murmelthier!... Wirst Du endlich erwachen? -- -- Aber das schläft --

als sollte es erst zum jüngsten Tag wieder aufstehen!“ --

In diesem Augenblick brach, durch einen allzuhastigen Ruck, den unser

Tugendheld that, die Bettstelle unter ihm durch -- -- und alsbald

fühlte der Unglückliche sich mit einem Ende seines Körpers zwölf

Zoll über, mit dem andern zwei Fuß unter seinem vorigen Horizont. Er

schrie entsetzlich -- denn abgesehen von dem Schmerze, den ihm dieser

Wechselfall verursachte -- wußte er im Schrecken auch nicht sogleich,

was mit ihm geschah. --

Bei dem Schrei erwachte der jenseitige Tugendspiegel auf dem Sopha --

streckte die Arme von sich -- und stammelte auf eine Weise, als hätte

er den Mund mit Brei gefüllt: „Nun, was ist denn das hier -- für ein

Tausend Donnerwetter! -- -- Was geschieht denn?“

„Oh weh! Oh weh!“ jammerte Edmund...

„Schweige doch -- -- und störe einen ehrlichen Menschen nicht in seiner

Ruhe -- -- Du -- Du --“

„Hol’ Dich der Kuckuk -- sammt Deiner Ruhe, abscheulicher Kerl -- der

seit einem halben Tage schläft -- wie ein Pflanzer in Domingo ... Oh

weh! Au! Au! -- ich bin gerädert!“

„Lass’ mich zufrieden.... Ich möchte schlafen!“ murmelte Jener und

drehte sich um...

„Nein, nein, Du sollst nicht schlafen! Das ist schändlich! Du sollst

mir helfen aus diesem verdammten Abgrunde herauszukommen.... Hörst Du!

Oh weh!“

Der Andere brummte etwas Unverständliches und legte sich gemüthlich auf

den Bauch...

„Aber -- zum Henker! -- Hörst Du denn nicht, Leuben?... ich bin

gerädert -- zerfleischt -- -- zu Hilfe! -- -- Au! die verdammte

Bettstelle! der verdammte Zustand!“

Der edle Baron indeß gab als ganze Antwort einige Schnarchlaute zum

Besten. -- Da wurde jedoch unser Mann wüthend, griff um sich herum --

zog eine Latte aus der Bettstelle und warf sie mit einem Fluche seinem

Kameraden dermaßen auf die Beine, daß -- einen solchen Schlag auf den

Kopf -- die Welt um einen Biedermann ärmer geworden wäre. --

Mit einem Satz stand Leuben auf seinen magnetisirten Beinen (nur nicht

ganz fest) -- und indem er versuchte die Augen aufzuthun, welche jedoch

wie zusammengenäht waren, rief er: „Was ist denn das! Ist hier der

Beelzebub los.... und schmeißt nach mir mit Knitteln?... Was ist denn

das? Was ist denn das?“

„Still! still!“ entgegnete Edmund, der unter dem Einfluß der letztern

Begebenheit abermals um einen Grad nüchterner geworden schien: „Still!

Mach’ kein solches Geschrei! Es war eine Latte und weiter nichts! --

-- Ich habe Dich mit derselben geweckt, da es auf andere Weise nicht

ging....“

„Hol’ Euch -- allesammt der Teufel...“ schrie Leuben, der zu glauben

schien -- in einer Gesellschaft von Mehrern zu sein...; dann bückte

er sich mechanisch und rieb an seinem Beine, fiel jedoch bei dieser

Operation zurück auf’s Sopha, wo er alsbald wieder eingeschlafen sein

würde, hätte Edmund sich jetzt nicht aus den Trümmern und Matratzen

losgewickelt und wäre er nicht zu ihm hin gewankt, rufend: „Aber nein!

Du sollst nicht länger schnarchen -- abscheulicher Kerl. Bei der

Hölle, Du sollst kein Auge mehr zuthun -- -- denn so allein halte ich

es in diesem Zustande nicht aus....“ Und er rüttelte und schüttelte

den Braven so lange, bis dieser, abermals sich die Augen reibend, in

gähnender Weise ausrief: „Nun, es ist vorbei! -- Aus ist es mit dem

schönen Schlafe! -- -- Aber, zum Henker... wozu soll ich denn jetzt

mitten in der Nacht wachen?“

„Weil ich auch wache...“

„Und weshalb wachst Du?“

„Weil ich nicht schlafen kann... weil ich wie ein Märtyrer leide...

und...“

„Du wie ein Märtyrer?“

„Die verfl-- Fête! Ich werde an sie denken!“

„Ja -- es war eine herrliche Fête!“

„Hol’ sie der Teufel! -- -- Sie hat mich vollständig ruinirt, an Leib

und Seele...“

„Aber, das begreife ich nicht... Ah! Ah!“ Und er gähnte wie ein

Lohnkutscher.

„-- -- Ich begreife es um so mehr! -- Oh! Oh! -- -- Wenn nur erst

dieser schmähliche Katzenjammer vorüber wäre! Ich habe doch im Leben

so manchen verdaut... aber einer wie dieser ist in Europa noch nicht

vorgekommen...“

„Du hast also den Katzenjammer! Was ist dabei? -- Lumperei! Weiter

nichts als Lumperei....“

„Ja, ja -- -- ich merke aber, daß mein Katzenjammer nicht nur

ein physischer ist, sondern aus physischem und moralischem

zusammengesetzt...“

„Aus moralischem?... Wenn auch!... Was will das noch Alles sagen? --

habe im Leben so manchen allermoralischsten Katzenjammer verarbeitet --

und stehe noch da, als eine Säule der Junggesellenschaft...“

„Thor! Weißt Du denn auch, auf was sich dieser mein moralischer

Katzenjammer gründet? -- Er gründet sich auf 8000 Stück Dukaten, die

ich in Zeit von vier Stunden zahlen muß.“

„Muß, muß! -- was heißt das: muß?“ versetzte Leuben, und in diesem

Augenblicke hätte Einer, der schärfer sah als jetzt Edmund -- bemerken

können, daß hinter dieser Gleichgiltigkeit und Trunkenheit, hinter

dieser ganzen Geberdung Leubens .... noch etwas steckte, welches aussah

wie der böse Geist Mephistopheles, als er in Auerbachs Keller hinter

einem mit Flaschen und Betrunkenen besetzten Tische stand. --

Um nicht lange in Räthseln zu sprechen, erklären wir frischweg, Leuben

war zwar berauscht -- jedoch nicht so sehr, wie er +that+.

Ein scheußliches Lächeln hatte sich nach obigen Worten über seine Züge

ausgedehnt... und er wiederholte:

„Muß! Muß! -- Du mußt in vier Stunden 8000 Dukaten zahlen, sagst Du?...

Ich aber sage: ein Mann kennt das Wort „Muß“ gar nicht...“

„Ja -- Du hast leicht reden!... Wäre ich in Deinen Verhältnissen! --

Erstens -- reich wie ein Nabob und dazu Herr seines Vermögens; sodann

überhaupt nicht an Familienrücksichten gebunden -- -- drittens, was

die Hauptsache ist, ein Kerl, der die Kaltblütigkeit eines Krokodils

besitzt, wenn es sich um Dinge handelt, die Einem an den +Hals+

gehen... endlich viertens, und dies ist die hauptsächlichste

Hauptsache: Du Beneidenswerther besitzest noch Deine Seele! Hast sie

dem Beelzebub noch nicht verkauft... dem Beelzebub, welcher unter uns

einherschreitet in der Gestalt des Meisters Lips.... Oh, Oh! meine

Zunge brennt schon, wenn ich diesen Namen nur nenne.“

„Nun -- gut; aber was ist mit diesem Lips weiter? -- Mache Dich von

dem Spitzbuben los!....“

„-- Mensch! Mensch! -- dies ist leichter gesagt, als gethan. „Mache

Dich los!“ wie schnell ist das ausgesprochen! -- Aber ich sage Dir:

eher macht man sich aus den lieblichen Umarmungen der Menschenfresser

los, wie von Meister Lips -- besonders wenn man sich mit ihm bereits so

weit eingelassen, wie -- leider Unsereins.“

Leuben neigte sich ein wenig zur Erde, um die Freude, von der sein

Gesicht strahlte, zu verbergen; darauf fragte er in neugierigem Tone:

-- -- „Also ihm hast Du die 8000 Ducaten zu bezahlen....?“

„Freilich -- freilich, Du Narr, Du! -- Ihm, dem Meister Lips -- und

dann noch jenem verfl-- Coujon, den Du seit vier oder fünf Tagen zu den

Orgien mitbringst, die wir bei jener saubern Frau Wratschifratschi --

oder wie sie sonst heißt.... kurz bei jener tugendhaften Dame mit ihrem

halben Dutzend tugendhafter Freundinnen feiern; -- -- diesen zwei

Menschen bin ich 8000 Dukaten schuldig; dem Ersteren zwei -- dem Andern

sechs Tausend....“

„Du nanntest meinen Freund einen Coujon, obwohl er ein Ehrenmann ist,

wie Du oder ein Anderer; doch das mag Dir um unseres beiderseitigen

Zustandes willen hingehn. -- --“

„Was -- Zustandes! Ich wiederhole nochmals: ein Coujon, ein Spitzbube

ist der Kerl ... ein falscher Spieler, woran nicht zu zweifeln; denn

seit vier oder fünf Tagen hat er mir mit einer Regelmäßigkeit, die

mathematisch genau ist, ungefähr 10,000 Dukaten abgenommen... und ich,

ich Thor, ich spielte mit ihm noch immerfort .... spielte, als mein

Geld verloren war, auf Ehrenwort.... und.... beraubte meine..... doch

genug!“

Edmund schwieg plötzlich. Ein besseres Gefühl schien über ihn gekommen

zu sein, welches die nichtswürdigen Gesinnungen, die seine Brust jetzt

beherrschten, auf einen Augenblick überwand.... er ging wieder zu

seinem Bette zurück -- legte sich darauf und barg sein Gesicht in die

Kissen....

Der Andere aber schickte ihm einen Blick nach, der von der Natur des

Basilisken geborgt zu sein schien -- nickte mit dem Kopfe und rieb

sich die Hände; sodann streckte er sich der Länge nach und mit großer

Behaglichkeit ebenfalls auf sein Sopha hin -- und begann wieder...:

„Und diese beiden Gläubiger, sagst Du, holen in vier Stunden ihre 8000

Dukaten? -- Aber woher dies Zusammentreffen? -- Es wirft auf meinen

Freund ein ungünstigeres Licht, als mir lieb ist....“

„Hol’ ihn der Henker, Deinen Freund, sammt allen Lichtern, die jemals

auf eine solche Schandgestalt wie die seine gefallen sind! -- -- Aber

eben dies Zusammentreffen, wie zufällig dasselbe auch sein mag, gleicht

einem geheimen Fingerzeig Gottes, der so viel sagen will, als: diese

zwei Schufte gehören neben einander.... Wenigstens, was mich betrifft,

ich dachte gestern, als ich diesem saubern Freunde Deines Herzens

sagte, er möge heute 11 Uhr Vormittags sein Geld bei mir in Empfang

nehmen -- damals dachte ich nicht daran, daß zur selben Zeit auch

Meister Lips hier erscheinen werde, wiewohl ich es längst wußte.....

und jenes Spiel einige Minuten früher blos in der einzigen Hoffnung

eingegangen war, das Geld, welches ich für Lips heute brauchte, dabei

zu gewinnen --“

„Mit diesen Worten, mein Bester, vernichtest Du ja selbst den Verdacht,

welchen Du vorhin auf meinen Freund +Theobald Wurmholzer+ so

ungerechter Weise geworfen.... Hast Du ihn für keinen ehrlichen Mann

gehalten, so hättest Du mit ihm nicht spielen sollen.... allein eben

weil Du mit ihm spieltest, gabst Du ihm so zu sagen selbst das Zeugniß,

daß er einer sei.“

„Schon gut, schon gut!“ versetzte Edmund, und fing wieder an, sich

umherzudrehen -- -- „Deine Argumentation scheint sehr richtig....

allein der verd-- Katzenjammer kommt schon wieder.... Uh! Puh!“

„Der moralische -- oder der physische? --“

„Beide, beide! -- Weh mir!“

Mittlerweile war es hell geworden, der Tag guckte zu den Fenstern

herein, was ihm sehr bequem wurde, denn diese waren noch offen, wie

zur Nachtzeit. Indessen fing das Schneegestöber, welches draußen

herrschte, an, seine Wirkung bis mitten ins Gemach zu verbreiten --

weshalb Leuben aufstand, um Fenster und Thür zu schließen; und als er

zufälligerweise die letztern heftig zuschlug, schrie Edmund erschreckt

auf: „Ach! wer kommt da! Sollten es bereits die zwei Schurken sein....?“

„Welche -- Schurken?“

„Lips -- und jener ehrliche Wurmholzer. --“ Erst jetzt erhob er sein

edles Haupt: „Ach!“ sagte er nach der Thür sehend -- mit erleichtertem

Herzen: „sie sind es nicht. -- Freilich aber,“ begann er nach einer

Pause: „werden sie nicht lange ausbleiben. Die eilfte Stunde wird

herankommen, ehe man sich’s versieht. -- Heute galoppirt die Zeit, wie

ein arabischer Renner.... Kannst Du mir vielleicht sagen, was jetzt die

Uhr ist?“

„Ich vergaß meine Uhr zu Hause... Indeß kannst Du ja nach einer von den

Deinigen sehen.“

„Nach einer von den meinigen?!“ wiederholte der wackere Sprosse des

Randow’schen Hauses mit kläglicher Stimme. „Wo sind die -- meinigen! --

Der Teufel hat sie bereits alle geholt....“

„Alle?“

„Ja -- ja; mein lieber Freund -- Lips kann mehr von diesem Kapitel

erzählen....“

„Ich will nicht hoffen -- daß dieser Elende Dich schon sogar um Deine

Uhren gebracht hat --“

„Um meine Uhren? -- Ach, er hat mich noch um so manches Andere

gebracht! Die Uhren, die Ringe, die Ketten, die Waffen, die

tausenderlei hübschen glänzenden Sachen.... sie sind alle sein -- --

-- Ja sogar -- -- Kleider, Wäsche -- Requisiten -- -- Oh! verfl--

Katzenjammer!“

Der Andere schlug, da ihm Edmund in’s Gesicht sah, die Hände zusammen,

mit einer Miene voll zärtlichen Mitleids und Schreckens rufend:

„Allein -- wie konntest Du es nur so weit kommen lassen, unglücklicher

Freund?!“ Er wischte sich eine Thräne aus dem Auge: „Sahst Du denn

nicht, mit wem Du es zu thun hattest.... Meister Lips hätte Dir ja

gleich beim ersten Handel, den Du mit ihm eingingst, die Lust zu einem

zweiten benehmen sollen....“

„O mein Freund!“ seufzte Edmund: „sprich lieber: mit dem +ersten+

Handel hatte der nichtswürdige Kehlabschneider +zugleich alle

übrigen gemacht+.... Einmal in seine Klauen gerathen, gehörte

ich für immer ihm.... ich konnte nicht mehr los! Glaube mir, das

Alles kann ich Dir nicht so leicht erzählen -- wie leicht es ihm zu

+vollbringen+ war.... ich kann Dir von dem Wie und Warum keine

Erklärung geben: ich kann Dir nur sagen: es ist geschehen -- Punktum!

Damit ist Alles gesagt. --“

„Und wenn,“ fuhr der Taugenichts fort, „wenn ich Dir zum Schluß noch

einige Notizen geben soll, so werden es folgende sein: Lips hat

Wechsel, Obligationen, Hypotheken von mir in Händen -- bei deren

Erinnerung mir schon der Kopf schwindelt -- und das Hirn in demselben

siedet..... Der Satan weiß es, wie ich mich aus den schauderhaften

Papieren herauswickle! Soviel jedoch ist gewiß: daß Meister Lips mich

mit Haut und Haar in seiner Gewalt hat -- und es kostet ihm nur ein

Wort -- so bringt er mich dahin, wo Heulen und Zähnklappern herrscht.“

Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Zweiter Theil (von 2) · 第 2 / 15 题