1. Berthelot als Historiker.

Verschiedene Abschnitte des vorliegenden Werkes machten es

erforderlich, auf erhebliche Mängel der ~Berthelot~schen

geschichtlichen Arbeiten und Auffassungen hinzuweisen, was

vielleicht manchem Leser insofern überraschend gewesen sein mag,

als der Historiker ~Berthelot~, wiederholten und keineswegs erst

der allerjüngsten Zeit entstammenden Einwendungen zum Trotze, immer

noch den Ruf einzigartiger Sachkenntnis, seltenster Umsicht und

unfehlbarer Zuverlässigkeit genießt; indessen ist dieser hauptsächlich

dadurch zustande gekommen, daß der als Chemiker und Gelehrter,

Freigeist und Patriot, Politiker und Minister bereits hochberühmte

Verfasser, dessen rastlose Bemühungen und unermüdliche Tätigkeit auch

auf geschichtlichem Felde keineswegs unterschätzt werden sollen,

ihn im Laufe eines noch langen Lebens und mit allen Mitteln seiner

weitreichenden Einflüsse immer wieder aufs neue selbst für sich in

Anspruch nahm und durch ausgedehnte, von ihm abhängige Kreise in

gleichem Sinne verkünden ließ[7055], bis er schließlich hierin nicht

weniger bei seinen Volksgenossen Glauben fand als im Auslande. Auch

dort wurden seine Schriften in zumeist maßloser und einseitiger Weise

verherrlicht und verhimmelt, wobei indessen den Kritikern zwei Umstände

zur Entschuldigung gereichen: einerseits standen ihre Meinungen mehr

als billig unter dem Eindrucke, den der Umfang des Geleisteten, die

vortreffliche Darstellung, der schöne Stil sowie die selbstbewußte

Sicherheit des Verfassers auf sie ausübten; andererseits ermangelten

sie, entweder völlig oder doch in ausreichendem Grade, gründlicher

eigener, aus erster Hand geschöpfter Kenntnis der betreffenden Quellen

und vollends der gesamten für die Beurteilung der behandelten Fragen

in Betracht kommenden Litteratur. Die unter solchen Verhältnissen

gefällten Urteile standen aber zunächst einmal als maßgebende fest,

und es bedurfte längerer Zeit, bevor sich die Stimmen einzelner

wirklicher Sachkenner erhoben, und noch längerer, bevor sie seitens der

Allgemeinheit einiges Gehör finden konnten.

~Berthelot~ selbst befand sich -- anfänglich wenigstens -- über die

Schwierigkeiten einer „Editio princeps“ der griechischen und gar der

orientalischen Texte alchemistischen Inhaltes nicht im unklaren[7056],

zumal er in dieser Hinsicht nicht die geringste Erfahrung besaß

und außerdem der griechischen Sprache nur in bescheidenem Umfange

mächtig war, vom Arabischen und Syrischen aber kein Wort verstand;

späterhin neigte er jedoch in zunehmendem Maße zur Überschätzung des

zuwege Gebrachten und ließ jede gesunde Selbstkritik vermissen. Die

Voraussetzung für das Zustandekommen guter Ausgaben waren ihm zwar

wohlbekannt und er gibt ihnen an einer Stelle in dem klaren Satze

Ausdruck, man solle sämtliche Handschriften sorgfältig prüfen und den

berichtigten Text vollständig, ohne Auslassung oder Einschiebung,

sowie ohne Zusätze des Herausgebers zum Abdrucke bringen[7057]. Diese

goldenen Regeln befolgte er jedoch nicht nur selbst in keiner Weise,

sondern ließ auch seine (amtlich ihm unterstellten) sprachkundigen

Mitarbeiter (~Ruelle~, ~Duval~, ~Houdas~) nicht frei gewähren, verfügte

vielmehr völlig willkürlich über die Ergebnisse ihrer Leistungen

und gab von deren Umfang und Tragweite ein so wenig zutreffendes

Bild, daß sich diese Gelehrten wissenschaftlich beeinträchtigt und

auch in kränkender Weise zurückgesetzt fühlen mußten[7058]: ihre

Namen waren zwar genannt, an mehr als einer Stelle und auch mit Lob;

aber die ganze, eigentümlich schillernde Art der Darstellung blieb

darauf angelegt, die gesamte geistige Arbeit und überhaupt alles

Verdienstliche allein von ~Berthelot~ ausstrahlen zu lassen, und sie

erreichte dieses Ziel mit solchem Erfolge, daß selbst Fachmänner

wie ~Sudhoff~ oder ~Reitzenstein~ längere Zeit an die alleinige

und persönliche Herausgeber- und Übersetzertätigkeit ~Berthelots~

glaubten[7059]. Dieser große Mann besaß eben auch große Schwächen

und zu ihnen zählte vor allem eine übermäßige Eitelkeit[7060]; sein

Leitmotiv auf +allen+ Gebieten, die er bearbeitete, -- und es wird

hierauf noch weiter unten zurückzukommen sein --, war daher der Satz,

den der einstige Schüler im zweiten Teile des „Faust“ mit den Worten

ausspricht: „Die Welt, sie war nicht, eh’ +ich+ sie erschuf.“

Was die Codices der griechischen Alchemisten anbetrifft, so schenkte

~Berthelot~ allein den in Paris und Venedig befindlichen eingehende

Berücksichtigung, während er von den übrigen bloß einen Teil näher

überprüfen ließ, und auch diesen nicht immer durch Persönlichkeiten von

bewährter Sachkunde. Aber auch die so ermittelten Texte veröffentlichte

er nicht in genauer und wortgetreuer Fassung, vielmehr zog er es vor,

ihnen auf Grund gewisser vorgefaßter Anschauungen, also befangen

in dem, was ~Kopp~ sehr bezeichnend „Pseudopsie“ nennt[7061], eine

neue Einteilung in mehrere Gruppen zu geben und sie dieserhalb zu

zerstückeln (décomposer)[7062], in eine Anzahl von Absätzen aufzulösen,

die oft nur wenige Zeilen lang sind[7063], und mit zugehörigen

Auszügen aus verschiedenen Handschriften sehr verschiedenen Alters

zu durchflechten. Ein solches, von ~Reitzenstein~[7064] mit Recht

als „unbegreiflich“ bezeichnetes, von der Wissenschaft längst als

durchaus unzulässig verworfenes Verfahren der „Rekonstruktion alter

Autoren“ durch unkritisches Zusammenstellen von Resten ihrer Werke mit

Fragmenten späterer und spätester Ausschreiber, war, wie ~Berthelot~

selbst einsah, „nicht ohne Willkür“ durchführbar[7065], und daß er

ihm trotzdessen huldigte, bleibt sehr bedauerlich: der Leser kann

nirgends übersehen, ob die Texte vollständig wiedergegeben sind,

oder Lücken enthalten und welche; da die zeitliche Reihenfolge der

Autoren nicht ausreichend feststeht, und Jüngere oft absichtlich

im Stile der Vorgänger schreiben, ist die Zuteilung der Auszüge

sachlich und chronologisch unsicher; spätere Einschiebsel, ja

ganze Stücke der Kommentare geraten in die eigentlichen Texte; von

+einer+ Handschrift wird oft plötzlich zu einer völlig +anderen+

übergesprungen, die unter Umständen aus rein christlich-byzantinischer,

ja aus spätmittelalterlicher Zeit herrührt[7066]; nicht selten sind

auch minderwertige oder sogar schlechte Handschriften mitbenützt,

„so daß das Corpus ein wirklich geschichtliches Verständnis oft

geradezu ausschließt“[7067], Richtiges, Falsches und ganz aus der

Luft Gegriffenes in unentwirrbarem Durcheinander bietet[7068], und

nach dem Urteile eines Meisters wie ~Diels~ nicht nur als „ganz

unzureichend“ anzusehen ist, sondern „als gar nicht zustande gebracht

und der völligen Neubearbeitung durch einen tüchtigen Philologen

bedürftig“[7069]. Vom nämlichen Gefühle durchdrungen sprach auch

bereits ~Schmidt~ aus: „Noch fehlt gänzlich das wichtige Corpus

Chemicorum“[7070].

Nicht viel besser als mit der Gestaltung des Textes steht es

mit jener der Übersetzungen. Diese ließ ~Berthelot~ durch seine

Mitarbeiter anfertigen, gab sie aber nicht +so+ wieder, wie diese

sie niederschrieben, sondern „revidierte“ sie so lange, bis er einen

seinen vorgefaßten Gesichtspunkten entsprechenden „sens intelligible“

herausgebracht hatte[7071], -- uneingedenk der eindringlichen Warnungen

~Kopps~[7072]. Über ihm Unverständliches oder zur vorgesehenen

Einteilung nicht Passendes ging er dabei nicht selten flüchtig

hinweg, ferner ließ er ganze Textstellen, als „des pures subtilités“

vollständig aus[7073], obwohl ihm nicht unbekannt war, daß auch

Sätze nicht rein sachlichen Inhaltes, ja selbst einzelne magische

Anrufungen oder „barbarische Worte“ als Reste heidnischer oder

altchristlicher Kultformeln, sowie als Überbleibsel alter Anschauungen

und Gebräuche, von außerordentlichem wissenschaftlichem, religions-

oder kulturgeschichtlichem Werte sein können[7074]. Die Übertragungen

aus dem Griechischen und in noch höherem Grade (nach dem Urteile

von Fachmännern) die aus dem Syrischen und Arabischen erweisen sich

daher in der vorliegenden Gestalt vielfach als unvollständig und

unzuverlässig, derart, daß sie nach ~Riess~ „mit dem Original oft

fast nichts zu tun haben“[7075]. Auch ~Lagercrantz~ hebt an vielen

Stellen hervor, wie unrichtig und ungenügend begründet ~Berthelots~

Übersetzungen zuweilen sind[7076], wie willkürlich und gewaltsam er

oft verfuhr[7077], wie er manches als anscheinend unwichtig wegläßt,

manches als anscheinend wichtig zusammenfügt[7078], die überlieferte

Anordnung durch Umstellung zerstört[7079], voreilige Angaben und

Folgerungen zugrunde legt, usf.[7080].

Die Erklärungen und Kommentare werden gleichfalls durch schwerwiegende

Fehler entstellt[7081]. Als einer ihrer größten Mängel tritt hervor,

daß ~Berthelot~ die Werke des ~Platon~ und ~Aristoteles~ nicht genügend

kannte und daher den Inhalt ihrer Lehren und deren ausschlaggebende

Einflüsse nur dem Ungefähr nach zu beurteilen[7082], nicht aber ihrer

wahren Tragweite gemäß darzustellen vermochte; überhaupt fehlte es

ihm an ausreichender Kenntnis der griechischen Philosophie und ihrer

Geschichte, wofür als einziger, an dieser Stelle aber ausreichender

Beweis die Behauptung angeführt sei, „es stehe fest, .... daß die

Lehren der Stoïker in Alexandria so gut wie unbekannt geblieben

seien“[7083]. Ein weiterer und tiefgreifender Mangel ist es, daß

~Berthelot~ nicht selten in der Art seiner Darstellung die objektive

Gerechtigkeit gegenüber den Leistungen seiner Vorgänger und den

Verdiensten anderer Forscher völlig vermissen läßt[7084], daß er ihre

Namen nicht oder nicht nach Gebühr oder erst dann nennt, wenn sich ihre

Ansichten als unrichtig herausgestellt haben sollten, und daß er die

Quellen, aus denen er schöpfte, bald gar nicht, bald unzureichend, bald

nur in ganz versteckter Weise angibt[7085]; und doch wäre ~Berthelot~

hierin zu besonderer Genauigkeit verpflichtet gewesen, denn er war

auf Grund seiner in der Jugend gemeinsam mit ~Renan~ betriebenen

Studien[7086] der deutschen Sprache ausreichend mächtig und durch die

Fähigkeit, deutsche Bücher und Werke zu benützen, der großen Mehrzahl

seiner gleichaltrigen Landsleute an Kunde der fremden Litteraturen

himmelweit überlegen.

Am auffälligsten und unerklärlichsten erweist sich, -- wie schon in

den vorhergehenden Abschnitten wiederholt auszuführen war --, sein

Verhalten gegen ~Kopp~, dessen geradezu vorbildliche Genauigkeit und

Gewissenhaftigkeit in der Verwertung einer riesigen Quellen- und

Litteraturkenntnis noch neuere Gelehrte, wie ~Hoffmann~[7087] und ~E.

Wiedemann~[7088], immer wieder bewährt fanden und rühmend hervorheben,

und dessen Werke, insbesondere die „Beiträge zur Geschichte der

Chemie“, wahre Denkmale grundlegender Erkenntnis, kritischer Sorgfalt,

sowie historischer Einsicht, Umsicht und Vorsicht sind, -- trotz

ihrer zuweilen unübersichtlichen Anordnung, ihrer schwerfälligen und

oft verworrenen Schreibweise und des Fehlens ausreichender Register.

Von gebührender Würdigung und Anerkennung ~Kopps~ und vom offenen

Eingeständnisse, daß sich auf dessen Leistungen die seiner sämtlichen

Nachfolger durchaus aufbauen, findet man bei ~Berthelot~ keine Spur.

Über die „Geschichte der Chemie“ sagt er nur, „man könne dieses

gelehrte Werk zurate ziehen (consulter)“[7089], und gelegentlich

der Aufzählung der Quellen[7090] bleiben ~Kopps~ Schriften ganz

unerwähnt, vor allem die „Beiträge“, obwohl ~Berthelot~ für seine

Zwecke gerade ihnen das Meiste entnahm: besprechen sie doch allein

die alchemistischen Handschriften und Litteraturnachweise auf nicht

weniger als 100 Seiten[7091], stellen bereits fest, daß der jetzige

+Inhalt+ des „Codex Marcianus“ sein altes Inhalts+verzeichnis+ nicht

mehr deckt[7092], erörtern von Fall zu Fall die Übereinstimmungen

oder Abweichungen seiner Angaben und jener der verschiedenen übrigen

Codices[7093], usf. Demgegenüber weiß ~Berthelot~ nur zu berichten,

daß die Beiträge eine ausführliche und interessante Zusammenstellung

über Manuskripte enthalten[7094], daß ~Kopp~ in ihnen derlei Notizen

vereinigt und einander nähergebracht habe (réuni et rapproché

ces notices)[7095], und daß sie mehrere lehrreiche Abbildungen

aufweisen[7096]; über alles Sonstige bewahrt er Stillschweigen, so

daß der Uneingeweihte glauben müßte, er habe die Beiträge gar nicht

näher gekannt, bewiesen nicht seine Zitate in einem ganz anderen Werke

(dem über ~Lavoisier~) das Gegenteil[7097], und bezeugte nicht die

weitgehende Ausnützung ihres gesamten Inhaltes, daß er mit diesem bis

in alle Einzelheiten genau vertraut war. Über ein so unbegreifliches

Verhalten läßt sich wohl kein anderes Urteil fällen als das seitens des

vortrefflichen Historikers der Chemie, ~E. v. Meyer~, ausgesprochene:

„~Berthelot~ hat ~Kopps~ grundlegende Forschungen rücksichtslos

ignoriert“[7098]. Dies war auch der Eindruck, den ~Kopp~ selbst empfing

und er versuchte deshalb schon nach dem Erscheinen der „Origines“,

seine Ansprüche in einer kurzen und rein sachlichen Darlegung zu

wahren, die er den „Annales de chimie et de physique“ einsandte;

~Berthelot~ wußte jedoch nicht nur diese zur Ablehnung der Aufnahme zu

bestimmen, sondern verhinderte durch seine Einflüsse auch den Abdruck

in irgend einer anderen maßgebenden französischen Zeitschrift, was

~Kopp~ „als der Wissenschaft unwürdig“ tief verstimmte[7099], ihn

aber nicht hinderte, in seiner „Alchemie“ der „Origines“ mit einigen

anerkennenden Worten zu gedenken[7100].

Noch erheblich schlechter als ~Kopp~ fahren bei ~Berthelot~ seine

Landsleute ~Hoefer~ und ~Chevreul~. Anfänglich kann man zwar ~Hoefers~

gelehrte „Histoire de la Chimie“[7101] ebenfalls noch mit Nutzen

einsehen, und sie enthält einige interessante Figuren[7102]; der

Verfasser sprach in ihr von den griechischen Texten, und gab einige

Auszüge und Übersetzungen[7103], -- in Wirklichkeit nehmen die

griechischen Texte 12 Seiten ein[7104], die Inhaltsangaben der Pariser

Manuskripte 43[7105], und die Anweisungen zu ihrer Herausgabe, die

~Berthelot~ nur zum Teil befolgte, 4[7106]. Später heißt es, ~Hoefer~

sei oberflächlich und unzuverlässig, seiner Meinung z. B., der Satz des

~Dioskurides~ „Quecksilber finde sich ἐν μετάλλοις“ sei alchemistischen

Inhaltes, habe sich ~Berthelot~ anfangs angeschlossen[7107] (ohne

~Hoefer~ zu nennen!), sie aber bei weiterem Nachdenken als falsch

erkannt[7108] (wobei dann ~Hoefers~ Name hervortritt); ~Hoefer~

druckte den ~Marcus Graecus~ fehlerhaft, schlecht und als neu ab,

weil er, entgegen ~Berthelot~, die Veröffentlichung des ~Porte du

Theil~ [die aber nur ein Privatdruck war!] übersehen hatte[7109], --

wobei jedoch unerwähnt bleibt, daß schon ~Kopp~ diese kannte und die

Verschiedenheiten der Manuskripte erörterte. Schließlich hat ~Hoefer~

gar keine wirkliche Sachkenntnis, sondern schreibt den alten Autoren

des 16. und 17. Jahrhunderts nach[7110] und ist ein unerfahrener

Phantast, der überhaupt von Chemie fast nichts verstand[7111].

Auch wenn man weiß, daß ~Hoefer~ die alte, sehr reichhaltige und

genaue „Geschichte der Chemie“ von ~Gmelin~[7112] höchst ausgiebig

benützte[7113] und den Schriften ~Chevreuls~ viele Einzelheiten

entnahm[7114], erscheint ein solches Urteil durchaus befangen und

äußerst ungerecht; freilich aber war ~Hoefer~, der Freund ~Alexander

von Humboldts~ und Übersetzer seiner Werke, ein durchaus selbständiger,

dem Cliquenwesen zeitlebens völlig fernstehender Mann, dem daher im

offiziellen Frankreich ungefähr die nämliche Behandlung zuteil wurde

wie vor ihm ~Gerhardt~ und nach ihm ~Tannéry~. -- Über ~Chevreul~, der

in Frankreich für die Geschichte der Chemie durch seine langjährigen

und eingehenden Arbeiten zweifellos das Bedeutendste vor ~Berthelot~

leistete[7115], findet dieser überhaupt nichts zu sagen, geht selbst

in der biographischen Darstellung, die das Buch „Science et libre

pensée“[7116] enthält, auf diese Seite seiner Tätigkeit nicht ein und

erklärt sie also hiermit für der Erwähnung gar nicht wert.

Was übrigens die „alten Autoren des 16. und 17. Jahrhunderts“ sowie

ihre Nachfolger betrifft, so sind deren Kenntnisse und Leistungen, wie

~Berthelot~ selbst am besten wußte, keineswegs gering anzuschlagen. In

dem Absatze der „Origines“ über die von Vorgängern herrührenden Studien

und Veröffentlichungen betreff der griechischen Alchemisten[7117],

sowie an einigen anderen Stellen seiner Werke, sagt er von ihnen

allerdings nur, sie hätten die Titel der griechischen Urschriften und

auch diese selbst gekannt, sie gelesen und zuweilen zitiert, sie

besprochen, einige Notizen und Fragmente aus ihnen veröffentlicht,

usf.; aus diesen Worten kann sich aber niemand einen annähernd

zutreffenden Begriff vom wirklichen Sachverhalte bilden, namentlich

wenn Gelehrte in Frage kommen wie die beiden ~Scaliger~ (1484-1558 und

1540-1609), ~Casaubonus~ (1559-1604) oder gar ~Salmasius~ (~Saumaise~,

1588-1653), dessen Darbietungen seines bewunderungswürdig vielseitigen

antiquarischen Wissens zwar durch die geradezu trostlose Form der

Darstellung sowie durch die Verquickung mit kleinlichen sachlichen

oder persönlichen Streitigkeiten ganz erheblich an Wert verlieren,

aber auch heute noch wahrhaft unversiegliche Quellen mannigfaltigster

Belehrung bilden. Solche hat auch ~Berthelot~ aus ihnen in reichem Maße

geschöpft und wenn er in bezug auf diese und andere Werke kurzweg sagt,

„er habe sie benützt“, „er habe aus ihnen Nutzen gezogen“ (on a tiré

parti)[7118], so erscheint dies nicht ausreichend und gestattet weder

zu ersehen, +was+ ~Berthelot~ ihnen entnahm, noch auch, ob er dies

in fehlerfreier Weise tat. Verhüllungen und unbestimmte Andeutungen

dieser Art liebt übrigens ~Berthelot~ außerordentlich, so daß er

zuweilen Schriften ohne Nennung ihrer Verfasser anführt, zuweilen

Autoren ohne Nennung ihrer Werke, während er auch wieder, -- nur für

den Kenner ersichtlich --, statt der in der Regel beigezogenen Ausgaben

gewisser Schriftsteller +andere+ benützt, diese aber gar nicht, oder

nur an einer einzigen Stelle zufällig erwähnt[7119], wie z. B. die

~Sprengel~sche des ~Dioskurides~[7120], oder die ~Sillig~sche des

~Plinius~[7121]. Nachstehend sei, ohne Anspruch auf Vollständigkeit,

eine alphabetische Liste von Werken gegeben, die ~Berthelot~ fraglos

(zum Teil offenbar aus ~Kopps~ „Beiträgen“) gekannt und vielfach

gebraucht, jedoch nicht, nicht in entsprechender Weise, oder nur ganz

nebenbei namhaft gemacht hat[7122]:

~Ameilhon~: Aufsätze über alchemistische Zeichen und Kunstausdrücke,

über ~Demokritos~ und ~Synesios~, in den „Notices et Extraits des

manuscrits de la Bibliothèque Nationale“, Bd. 5-7 (Paris 1799, 1801,

1804)[7123].

~Beckmann~, „Beiträge zur Geschichte der Erfindungen“ (Leipzig 1786

ff.)[7124].

~Borrichius~, „De ortu et progressu Chemiae“ (Kopenhagen 1668);

„Hermetis et Aegyptiorum sapientia“ (Kopenhagen 1774).

~Cardanus~, „De subtilitate“ (Lyon 1554); „De rerum varietate“

(Avignon 1558)[7125].

~Chwolsohn~, „Ssabier und Ssabismus“ (Petersburg 1856)[7126].

~Conring~, „De hermetica medicina“ (Helmstädt 1648 und 1669).

~Ducange~, „Glossarium mediae et infimae Graecitatis“ (Lyon 1688).

~Etienne~ (~Estienne~) s. ~Stephanus~.

~Fabricius~, „Bibliotheca graeca“ (Hamburg 1708 ff.); u. a. mit

Abdruck aus ~Pizzimenti~ (Padua 1573).

~Gmelin~, „Geschichte der Chemie“ (Göttingen 1797).

~Gruner~, „der um 1800 einige Fragmente in schwer zugänglichen

[deutschen] Dissertationen und Programmen veröffentlichte“[7127].

~Hauréau~, „Histoire littéraire de la France“, Bd. 28[7128].

~Ideler~, „Physici et Medici graeci minores“ (Berlin 1842).

~Jacobs~ und ~Ukert~, „Beiträge zur älteren Litteratur“ (Leipzig

1835)[7129].

~Jourdain~, „Geschichte der aristotelischen Schriften im

Mittelalter“[7130], üb. ~Stahr~ (Halle 1831).

~Kopp~, „Beiträge zur Geschichte der Chemie“ (Braunschweig 1869 ff.).

~Labbé~, „Nova Bibliotheca“ (Paris 1653).

~Leclerc~, „Histoire de la médecine arabe“ (Paris 1876)[7131].

~Lenglet du Fresnoy~, „Histoire de la philosophie hermétique“ (La

Haye 1742).

~Lobeck~, „Aglaophamos“ (Königsberg 1829)[7132].

~Merrifield~, „Original treatises on the arts of painting“ (London

1849)[7133].

~Montfaucon~, „Palaeographia graeca“ (Paris 1708); „Bibliotheca

Bibliothecarum“ (Paris 1739).

~Morhof~, „Polyhistor“ (Lübeck 1695 und 1714).

~Palladius~, „De febribus“, ed. ~Bernard~ (Leiden 1745)[7134].

~Reinesius~, „Variae lectiones“ (Altenburg 1640); s. ~Fabricius~ Bd.

12 (Hamburg 1724).

~Rossignol~, „Les métaux dans l’antiquité“ (Paris 1863).

~Rulandus~, „Lexicon alchemiae“ (Nürnberg 1571; Frankfurt 1612).

~Salmasius~, „Plinianae exercitationes“ (Paris 1629; Utrecht

1689)[7135].

~Scaliger~, J. C., „Exercitationes“ (Frankfurt 1607)[7136].

~Schneider~, „Eclogae Physicae“ (Jena 1801)[7137].

~Stephanus~, R. und H., „Thesaurus linguae latinae“ (Paris 1534),

„Thesaurus linguae graecae“ (Paris 1572).

Wiener „Quellenschriften für Kunstgeschichte“ (Wien 1871 ff.)[7138].

~Wüstenfeld~, „Geschichte der arabischen Ärzte und Naturforscher“

(Göttingen 1840)[7139].

Daß in dieser Hinsicht ein eigentümliches Verhalten ~Berthelots~

vorliegt, kann man aus der Tatsache schließen, daß er z. B. selbst

seinen ältesten und getreuesten Freund ~Renan~, dem er wohl alles

verdankte, was er unmittelbar über die orientalische Litteratur

wußte, nur ausnahmsweise anführt[7140]; ebenso bezeichnet er zwar

seinen Mitarbeiter ~Ruelle~ als Urheber einer für die Textgestaltung

des „Marcianus“ wichtigen Hypothese[7141], nennt ihn aber bei deren

späteren Besprechungen nicht wieder[7142], und sagt schließlich

„j’ai établi ...“[7143]. Auffällig ist endlich, daß ~Berthelot~

einige Male Quellen anführt, die er, entgegen dem, was hiernach

jeder Leser annehmen muß, anscheinend gar nie zu Gesichte bekommen

oder doch in keiner Weise berücksichtigt hat: zu diesen zählt u. a.

~Lürings~ „Commentaire médicinal“[7144], in Wirklichkeit eine

Straßburger Dissertation von 1888, betitelt „Die über die medizinischen

Kenntnisse der alten Ägypter berichtenden Papyri“[7145], der Aufsatz

~Gildemeisters~[7146] über den Namen der Chemie[7147], und „der

Artikel über Chemie, den der gelehrte Professor ~Hoffmann~ in Kiel für

~Heumanns~ Lexikon schrieb“[7148].

Angesichts dieser Tatsachen wird es erklärlich, daß ~Berthelot~ unter

Beiseitesetzung alles von Vorgängern und Zeitgenossen Geleisteten

allein seinen eigenen Arbeiten Geltung zuerkannte und ihnen in stetig

zunehmendem Maße und in immer begeisterteren Tönen eine Verherrlichung

angedeihen ließ, die jede billige Grenze auch für denjenigen weitaus

überschreitet, der ihre wahre Bedeutung gerne und freudig anerkennt.

Betreff der griechischen Alchemisten heißt es z. B.: Der Ursprung,

die theoretischen Grundlagen, die Philosophie der alten Chemie und

Alchemie lagen bisher im Dunkel[7149], man befand sich in völliger

Unwissenheit über die von ihnen ausgegangenen Einflüsse[7150], auch

übte man an ihnen keine modern-exakte historische Kritik, sondern

zitierte wie ~Hoefer~ die Autoren des 16. und 17. Jahrhunderts[7151];

+ich+ habe die verlorenen Lehren und die Geschichte der führenden

Ideen aufgefunden[7152]; ich zeigte die Abkunft der Alchemie von den

Praktiken der ägyptischen Metallurgen und Goldarbeiter, die erst

nachahmten und fälschten, dann aber selbst an das „Machen“ glaubten,

und zwar infolge philosophischer, magischer und astrologischer

Vorstellungen, die auf babylonische Quellen zurückgehen[7153]; ich

schlang auf diese Weise das historische Band, das Theorie und Praxis

der Alten mit jener der griechischen Alchemisten und ihrer Nachfolger

verknüpft[7154]; ich entdeckte so neue und unerforschte Regionen,

bewirkte eine wahre Auferstehung, und rekonstruierte durch meine

Studien eine ganze Wissenschaft[7155]; ich eröffnete neue Einsichten

hinsichtlich des Aufbaues, des Zusammenhanges und der Anordnung der

griechischen Texte und publizierte diese als „les preuves de ma

découverte“[7156]; ich löste hierdurch das alte Rätsel (la vieille

énigme) der Alchemie[7157].

Bezüglich der arabischen Alchemie sagt ~Berthelot~: Die wahre Alchemie

der Araber war bis auf den heutigen Tag unbekannt[7158]; +ich+

entdeckte ihren Zusammenhang mit jener der Griechen und wies dessen

Spuren in den sog. arabischen Übersetzungen nach[7159]; ich habe die

herrschenden Ansichten über das chemische Wissen der Araber nicht

weniger als vollständig umgestürzt[7160]; ich habe die maßgebenden

Kenntnisse geschaffen und die bisher unedierten Quellen unter der

schätzbaren Beihilfe ~Duvals~ herausgegeben[7161]; ich habe diese

ungeheuere und schwierige Arbeit verrichtet, die noch niemals in

wirklich kritischer Weise versucht worden ist[7162]. An die Echtheit

der ~Geber~schen Schriften glaubte ich anfangs[7163] „wie fast alle

Welt“, später aber stiegen mir Zweifel auf und führten mich dahin,

sie als lateinische Apokryphen und Pseudonyme des 13. Jahrhunderts

anzusehen[7164]; ich zeigte, daß ~Gebers~ „Summa“ (verfaßt gegen 1300),

sowie das „Testamentum“ und die „Alchimia“ (verfaßt nach 1300?), weder

Theorien noch Autoren zitieren[7165], sich vielmehr auf bestimmt

und klar beschriebene praktische Versuche aufbauen[7166] und rein

scholastische Art und Mache verraten[7167]; ich legte klar, daß die

arabischen Originale des ~Geber~ nicht bekannt sind und daß lateinische

Übersetzungen dem ~Albertus Magnus~ und ~Vincentius Bellovacensis~ im

13. Jahrhundert nicht bekannt waren, was ein ganz unerwartetes Ergebnis

von hervorragendster Bedeutung (question capitale) vorstellt[7168] und

die gesamte bisherige Geschichte der Chemie als eine durch Unwissenheit

verfälschte dartut[7169]; ich entdeckte, daß schon die Persönlichkeit

des ~Geber~ fragwürdig ist, daß die Werke des ~Dschabir~ nicht die dem

~Geber~ zugeschriebenen Kenntnisse enthalten, sondern sich meist in

weitläufiger und sehr allgemeiner Weise über die alten griechischen

Theorien verbreiten[7170], und daß bereits ~Dschabir~ selbst „un peu

légendaire“ ist[7171].

Hinsichtlich der späteren Zeiten äußert sich ~Berthelot~: Die

Jahrhunderte vor dem 14. waren bisher „à peu près ignorés“[7172]; +ich+

ermittelte den Zusammenhang ihrer Alchemie mit der antiken, sowie die

wichtige Rolle, die hierbei den Kunsthandwerken zufällt[7173]; ich

erwies die mindestens seit dem 3. Jahrhundert bestehende „filiation non

interrompue“[7174], wenn auch alle Gelehrten, die die alchemistischen

Handschriften kannten, schon seit 1600 eine mit dem 5. Jahrhundert

beginnende für zweifellos erachteten[7175]; ich durchschaute die

„filiation historique“ der antiken Theorien und Praktiken in den

Überlieferungen der Künste und Gewerbe, die bisher kein Mensch

beachtete oder ahnte (que personne n’avait soupçonnée) und entdeckte

diese durchaus grundlegende Tatsache (ce fait capital)[7176].

Überblickt man die angeführten, von ~Berthelot~ erhobenen Ansprüche,

so muß man, da eine so gänzliche Unkenntnis der gesamten einschlägigen

Litteratur nicht anzunehmen ist, die Selbsttäuschung geradezu

erstaunlich, ja in vielerlei Hinsicht völlig unbegreiflich finden.

Einschlägige, bereits an früheren Stellen des vorliegenden Werkes

hervorgehobene Einzelheiten sollen hier nicht wiederholt werden.

Nochmals hingewiesen sei nur, betreff der beiden „capitalen“

Entdeckungen: einerseits auf die eingehenden Darlegungen über die

Erhaltung der antiken Traditionen in den ~Berthelot~ durchaus

geläufigen „Original treatises“ der ~Merrifield~ (1849)[7177],

in den (von dieser oft zitierten) ~Eastlake~schen „Beiträgen zur

Geschichte der Ölmalerei“[7178], und in den Wiener „Quellenschriften

für Kunstgeschichte“; andererseits aber auf die älteren Angaben über

die Frage der Echtheit von ~Gebers~ Schriften[7179], die ~Berthelot~

sehr unzureichend mit den Worten abtut, er habe anfangs „wie fast

alle Welt“ an sie geglaubt. Die Zweifel an der Person und den Werken

des ~Dschabir~ äußert doch schon gegen 1000 der „Fihrist“[7180]; daß

arabische Originale ~Gebers~ nicht vorliegen und daß weder solche noch

lateinische Übersetzungen den Autoritäten des frühen Mittelalters

bekannt waren, wußten bereits die älteren Orientalisten und Historiker

der Chemie; ausdrücklich sagt auch ~E. Wiedemann~ schon 1878[7181], daß

die in den arabischen Codices der Leidener Bibliothek enthaltenen Werke

~Dschabirs~ sich ganz im mystischen Gedankengange der griechischen

Alchemisten bewegen und nicht den klaren wissenschaftlichen Geist der

lateinischen (~Geber~schen) Schriften zeigen, die ebenso unecht sind

wie die sog. Alchemie („De anima“) des ~Avicenna~[7182].

Den „Schöpfer“ aller dieser Erkenntnisse, und damit der Geschichte der

Chemie, kann sich daher ~Berthelot~ mit ebensowenig Recht nennen wie

etwa den Schöpfer der „chemischen Synthese“, als welchen er sich mit

etwas umschriebenen Worten in den „Origines“ bezeichnet, und mit ganz

unverblümten in späteren Werken[7183], -- obwohl die ersten Synthesen

organischer Stoffe, der Oxalsäure und des Harnstoffes, schon 1824

und 1828 von ~Wöhler~ ausgeführt worden waren[7184], der durch sie

die uralte starre Scheidewand zwischen anorganischen und organischen

Substanzen umstürzte, der sog. „Lebenskraft“ den eigentlichen

Todesstoß versetzte, und so eine wissenschaftliche Tat allerersten

Ranges vollbrachte, eine wahrhaft „capitale“. In „Science et

Philosophie“[7185] ist aber von ~Wöhler~ im Abschnitte „Über organische

Synthese“ gar nicht die Rede[7186], und in dem „Über die allgemeinen

Methoden der Synthese“ nur ganz nebenbei als vom Urheber einer

„sehr einfachen“ und „isoliert gebliebenen“[7187]; in „La synthèse

chimique“[7188] wird ~Wöhler~ zunächst ebenfalls ganz übergangen[7189],

und erst gelegentlich ~Kolbes~ Synthese der Essigsäure von 1845

flüchtig erwähnt, -- doch sollen diese Entdeckungen der tieferen

Bedeutung ermangeln[7190], nämlich jenen ~Berthelots~ gegenüber.

Aber schon wo diese zuerst im Zusammenhange dargestellt werden, in

der „Chimie organique fondée sur la synthèse“[7191], spricht sich

~Berthelot~ über seine Vorgänger in so eigentümlicher, den Sachverhalt

für jeden, der ihn nicht schon genau kennt, so völlig verschleiernder

Weise aus, daß ~Wöhler~, der bekanntlich eine sehr spitzige

Feder führte, hierüber an ~Liebig~ schrieb: „Das ~Berthelot~sche

Buch ist freilich an sich so jesuitisch abgefaßt, daß selbst für

oberflächliche Fachleute der Anschein entstehen kann, als hätte es

vor ihm noch gar keine wissenschaftliche organische Chemie gegeben,

als sei nichts von der künstlichen Bildung organischer Verbindungen

aus den Elementen bekannt gewesen[7192].“ An eine Berichtigung war

natürlich auch in diesen Fällen nicht zu denken; denn es gehörte zu

den Absonderlichkeiten ~Berthelots~, selbst ganz offenbare Irrtümer,

in die ihn weniger gründliche Arbeiten und hartnäckig festgehaltene

rückständige Ansichten wiederholt verstrickten, nicht, nicht in

offener Weise, und auch nicht ohne weiteres zuzugestehen, sie vielmehr

durch Ausflüchte und Hypothesen aller Art so lange als möglich zu

bemänteln[7193]. In diesem Sinne schreibt der berühmte Chemiker

~Wurtz~, der viele Jahre lang ~Berthelots~ Kollege, und oft in

wissenschaftliche Streitigkeiten mit ihm verwickelt gewesen war, an

~Van’t Hoff~, als dieser eine unrichtige Beschuldigung ~Berthelots~

zurückwies, von ihm aber keinen Widerruf erlangen konnte: „Herrn

~Berthelot~ müssen Sie gänzlich einkreisen, sonst wird er sich in

der Richtung der Tangente drücken“ (à M. ~Berthelot~ il faut être

très-serré, sans cela il s’échappera par la tangente)[7194].

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In den Studien des frühverstorbenen, scharfsinnigen Wiener

Kunsthistorikers ~Kallab~[7195] über die Biographien des ~Vasari~

(1512-1574), in denen er auch gewisse Auffassungen ~Thodes~

gegenüber jenen ~Justis~ auf das Entschiedenste verurteilt,

finden sich Sätze, die vollkommen +dem+ Ausdruck geben, was auch

als Zweck der vorstehenden Ausführungen zu betrachten ist. Sie

lauten: „Diese Darlegungen sind gewiß sehr hart und scharf; aber

sie nehmen augenscheinlich die +Sache+ aufs Korn; .... nirgends

ist wohl Patriarchentum weniger am Platze und schädlicher als in

der Wissenschaft[7196].“ „~Vasari~ zitiert Autoren, Urkunden und

Gewährsmänner, aber so, daß durch die Zitate das, was er aus ihnen

entnommen hat, verborgen wird; ... nicht immer ist er dabei völlig naiv

und bona fide verfahren; jedenfalls läßt er sich von dem Vorwurfe, aus

Eitelkeit seine Hauptquellen absichtlich verschwiegen zu haben, nicht

reinwaschen[7197].“ -- Ebenso paßt zumeist wörtlich auf ~Berthelots~

Textausgaben und auf die Ergebnisse, die die Art seiner Zusammenarbeit

mit ~Ruelle~, ~Duval~ und ~Houdas~ zeitigen mußte, was ~Ruska~

im „Steinbuche des ~Aristoteles~“[7198] über die mineralogischen

Schriften ~Clement-Mullets~ sowie über die Zusammenarbeit ~De Mélys~

und ~Courels~ sagt: „Das Durcheinander der zitierten Handschriften

ist für eine zeitliche Orientierung überaus hinderlich; ...

die [des Herausgebers] Erwartung, daß den Beschreibungen stets

bestimmte Kenntnisse und Tatsachen zugrunde liegen, ist vielfach

zuversichtlicher, als wir es nach unseren Eindrücken von dem Charakter

dieser Litteratur gerechtfertigt finden können; ... ein unmethodischer

Eklektizismus bietet weder dem Philologen, noch dem Historiker, noch

dem Mineralogen, was er erwartet; ... Paragraphen sind übergangen, die

für den Philologen gleichgültig sind, auch wenn sie für den Technologen

nützlich sein mögen; ... statt einer objektiven, möglichst nach Quellen

und Zeiten disponierten, geschichtlichen Darstellung des wirklichen

Inhaltes ... haben wir leider nur eine subjektive und willkürliche

Auswahl aus dem Material der in Paris liegenden Handschriften[7199].“

„Gelegentlich der ‚Collaboration d’un orientaliste et d’un médiéviste‘

haben [die Verfasser] ihre Vorgänger, besonders die deutschen,

nicht gekannt oder nicht verstanden, ... und wollen die fraglichen

Entdeckungen selbst gemacht haben; ... man weiß nicht, was man zu den

Resultaten dieser Collaboration sagen soll[7200].“

Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange · 第 118 / 127 题