Das wichtigste Erz des Antimons, das Schwefelantimon, Antimonsulfid
oder Grauspießglanzerz, auch Grauspießglanz oder Antimonglanz genannt,
bildet prächtige Drusen wohlausgestalteter, oft erstaunlich langer,
hellgrau bis silberweiß glänzender, leicht brüchiger und spröder
Nadeln, läßt sich schon bei gelinder Wärme aus- und umschmelzen und
ist außerordentlich leicht zu metallischem Antimon reduzierbar; es
kann daher nicht wundernehmen, daß letzteres schon zu sehr entlegener
Zeit an mehr als einem Orte bekannt war, wenn es auch oft nur für
Blei oder für eine Art Blei gehalten wurde. So z. B. erwies sich eine
in den Ruinen von Telloh (im Zweistromlande) aufgefundene Vase aus
dem Anfange des 3. Jahrtausends v. Chr. als aus reinem Antimonmetall
bestehend[6800]; aus dem Gräberfelde von Koban bei Tiflis, das der
Zeit gegen 1000 angehört, kamen kleine Geräte und Schmucksachen aus
gediegenem Antimon zutage[6801]; Gebrauchsgegenstände der ältesten
babylonischen Periode, zu der man noch kein oder nur wenig Zinn
besaß, enthalten nicht selten bis 3% Antimon, stellen also wahre
Antimon-Bronzen dar, die vielleicht der Zinnbronze vorausgingen[6802];
in gewissen französischen Depotfunden aus der Bronzezeit sind neben
85% Kupfer und 8,25% Zinn etwa 6,75% Antimon und Blei vorhanden[6803],
in Fundstücken aus den Pfahlbauten des Neuenburger Sees 10 und selbst
15%[6804] usf. Auch in China stellte man bereits zu sehr früher,
wenngleich nicht näher angebbarer Zeit metallisches Antimon und
Antimon-Blei dar, also ein Hartblei, das dem in Japan noch jetzt zum
Gießen von Spiegeln üblichen glich und vielleicht mit dem weiter oben
erwähnten Char Sînî identisch war, oder doch unter diesem Sammelnamen
mit begriffen wurde[6805]; endlich verstanden auch die alten Japaner,
und nach ~Rivero~ die alten Peruaner, Antimonmetall abzuscheiden und es
mit Silber, Zinn und anderen Metallen zu legieren[6806].
Eine weit bedeutendere Rolle als das metallische Antimon spielte
jedoch das Schwefelantimon oder Grauspießglanzerz, und zwar in Gestalt
seines feinsten, glänzend-schwarzen Pulvers, das sich vortrefflich
zum Schminken, sowie zum Bemalen oder Verlängern der Augenbrauen
eignet. Gebräuche dieser Art, vermutlich Überreste der bei allen
Völkern des Erdballs weitverbreiteten Sitte der Körperbemalung,
lassen sich in den entlegensten Kulturkreisen nachweisen, z. B. in
Mexiko[6807], in Abessinien[6808], in Indien, wo schon dem ~Brahma~
100 Himmelsjungfrauen „Augensalbe“ darbringen[6809], in Babylonien,
dessen älteste Grabstätten aus der Zeit um 3000 bereits Schminknäpfe
und -töpfe aus Alabaster enthalten[6810], vor allem aber in Arabien
und Ägypten. Im Klima dieser Länder erweisen sich nämlich metallische
Präparate wie Braunstein (Mangansuperoxyd), Bleiglanz (Schwefelblei),
Antimonglanz usf. auch als höchst wirksame Vorbeugungs- und Schutzmittel
gegenüber den endemischen Augenkrankheiten verschiedener Art[6811].
In +Ägypten+ z. B. schminkte man bereits während der vorgeschichtlichen
Steinzeit Lider und Brauen schwarz, umgab die Augen mit grünen Ringen
fein gepulverten Malachits (eines Kupfercarbonates) und setzte
unter sie einen grünen Strich[6812]; in den Gräbern dieser Periode
pflegt die Hand der Toten die zum Anreiben der Schminke bestimmten
Schiefertafeln zu halten, die oft schon reich geschmückt sind[6813];
die Schönheit der Ausstattung nimmt unter der Herrschaft der ältesten
Könige, der Horus-Verehrer (um 4240), noch zu[6814], und erst zur
Zeit der Thiniten, um 3000, kommt die Benützung solcher Tafeln
allmählich ab, ist aber auch während des alten Reiches noch nicht
gänzlich verschwunden[6815]. Die der Schminken selbst dauert hingegen
fort: nach den Ritualbüchern des alten Reiches legt der Priester den
Götterbildern schwarze und grüne Schminke auf und bedient sich dieser
auch zum Malen gewisser Zeichen beim Hersagen von Zaubersprüchen und
Beschwörungen[6816]. Um 2500, sowie unter König ~Senkhera~ um 2300,
kommt die schwarze Augenschminke in Säckchen oder Beuteln aus oder
über Pitsew, d. i. Arabien, heißt Stem, Mestem oder Stimmi[6817], und
besteht, soweit die erhaltenen Reste ersehen lassen, aus Bleiglanz
(Schwefelblei)[6818]. Das nämliche gilt von dem „guten Stimmi“ aus
den auf uns gekommenen Toiletten-Kästchen des mittleren Reiches
(2160-1785)[6819], sowie von dem damals im Tempeldienst allgemein
gebräuchlichen, als dessen Ursprungsort die Puntländer angegeben
werden[6820], also Südarabien und Ostafrika; 1901 erhielt aber König
~Sesostris~ II. auch aus Syrien seitens eines Häuptlings ein Geschenk
an Schminke[6821], über deren Beschaffenheit und Herkunft jedoch
nichts Näheres bekannt ist. Erst seit Anfang des neuen Reiches beginnt
man unter Stimmi, welcher Name sich weiter erhält[6822], auch den
Grauspießglanz mitzuverstehen[6823]. Unter ~Thutmosis~ III. und der
Königin ~Hatschepsut~, um 1500, kam die Augenschminke Stimmi oder
Stibi[6824] in Beuteln und Krügen aus dem Punt[6825]; im „Papyrus
~Ebers~“ des nämlichen Zeitalters ist von „echtem“ und von „männlichem“
Stimmi die Rede, -- wonach es also offenbar auch ein „unechtes“
(vielleicht Schwefelblei, vielleicht aber auch bloß Kohle oder Ruß)
und ein „weibliches“ (minderwertiges) gab[6826]. Daß ~Ramses~ III. den
Göttern u. a. 50 Pfunde Stimmi zum Geschenke machte[6827], beweist die
fortdauernde Kostbarkeit dieser Ware auch im 13. Jahrhundert. Woher
die Ägypter zuerst den Grauspießglanz empfingen, steht nicht sicher
fest; die Annahme, daß er über Arabien aus Indien zu ihnen gelangte,
besitzt wenig Wahrscheinlichkeit, denn die schwarze Augenschminke der
Inder, die bei diesen (wie bei allen Orientalen) auch als sicheres
Mittel gegen den „bösen Blick“ galt[6828], bestand aus Schwefelblei
und hieß „Surma“, was auch der indische Name des Bleiglanzes
ist[6829], während „Stimmi“ noch zu Beginn unserer Zeitrechnung nach
den großen Hafenplätzen der vorderindischen Westküste +ein+geführt
wurde, anscheinend aus Ostafrika[6830]; vermutlich waren also dessen
Landschaften seine Heimat.
Die in +Syrien+ und +Palästina+ übliche Augenschminke wird in den
Büchern des alten Testamentes entweder „Puch“ benannt[6831], was
sich in der „Septuaginta“, der zur ptolemäischen Zeit verfertigten
griechischen Bibel-Übersetzung, mit Stimmi wiedergegeben findet, oder
„Kahhâl“[6832]; dieses Wort bezeichnet als „Kuchli“ auch die Schminke,
die König ~Hiskia~ 701 als Tribut an König ~Senacharib~ (~Sanherib~)
abzuliefern hatte[6833] und besagt in den semitischen Sprachen, als
„Kohol“, schließlich oft nichts weiter wie ein sehr feines, im übrigen
aber ganz beliebiges Pulver.
Aus Vorderasien oder Ägypten, wo das Stimmi außer als Zusatz
zu Augenheilmitteln und -kollyrien auch sonst als trocknende,
blutstillende, fäulniswidrige Substanz vielfach in der Medizin benützt
wurde, dürften die +griechischen+ Ärzte seine Anwendung entlehnt
haben. Für die älteste Erwähnung pflegt man die an einer Stelle der
hippokratischen Schriften anzusehen, woselbst bei Erläuterung eines
Rezeptes vom τετράγωνον (Tetrágonon = Viereckigem) die Rede ist,
und zwar ohne jede nähere Angabe[6834]; es bleibt indessen durchaus
zweifelhaft, was unter diesem Tetrágonon zu verstehen sei und ob
sich das Wort nicht etwa bloß auf die äußere (viereckige) Form der
verschriebenen Pastillen beziehe[6835], denn dem Grauspießglanz
kommt keineswegs charakteristische „viereckige“ Gestalt zu, und
von metallischem Antimon, dessen Krystalle zuweilen viereckige
Pyramiden bilden sollen[6836], kann im betreffenden Zusammenhange
nicht wohl die Rede sein. Daß man aber Stimmi tatsächlich bei der
Herstellung gewisser Pastillen benützte, zeigen die Auszüge aus
späteren griechischen (im Original nicht erhalten gebliebenen) Werken
bei den Autoren der beginnenden römischen Kaiserzeit: ~Celsus~
(um 30 n. Chr.) verordnet sehr oft Stimmi, rohes, gewaschenes und
gebranntes, läßt Pastillen und Zäpfchen aus ihm anfertigen und rühmt
es als wohltätig für die Augen, austrocknend und erweichend[6837];
~Scribonius Largus~ (um 50 n. Chr.) macht häufig von Stibium oder
Stibi Gebrauch, u. a. von ausgeschmolzenem (coctum)[6838]; ~Plinius~
und ~Dioskurides~ (um 75) kennen Stimmi auch unter den Namen Stibi,
Larbasis (unerklärtes Fremdwort), Alabastron (nach dem Material
der Gefäße?), Chalkedónion (chalkedonisches), Platyophthalmón
(Augen-Erweiterndes), Kalliblépharon (Augen-Verschönerndes),
Gynaikéion (den Weibern Zukommendes), unterscheiden männliches und
weibliches, rühmen seine medizinischen Eigenschaften und wissen,
daß es beim Erhitzen mit Kohle ein Metall ergibt, das sie für Blei
halten (plumbum fit; μολυβδοῦται)[6839]; ~Soranus~ (um 100, zur
Zeit ~Trajans~) empfiehlt Stimmi zu gynäkologischen Zwecken[6840],
~Galenos~ (131-200?) zu ophthalmologischen, laryngologischen, sowie
als allgemeines Prophylaktikum[6841], und in ähnlicher Weise äußern
sich alle späteren Ärzte, bis herab zu ~Marcellus Empiricus~[6842] im
5., ~Alexander~ von ~Tralles~[6843] im 6. und ~Paulos Aigineta~[6844]
im 7. Jahrhundert. Die Verwendung als Kosmetikum, die in der
griechischen Litteratur anscheinend bei dem Komöden ~Antiphanes~ im
4. Jahrhundert v. Chr. zuerst auftaucht[6845], dauert aber während
dieser ganzen Zeit ebenfalls weiter fort[6846]. Mittels Stibi (στίβι)
und der von Stimmi und Stibi abgeleiteten Verba στιμμίζω (stimmízo)
oder στιβίζω (stibízo) übersetzt schon die „Septuaginta“ das Wort
Puch sowie die Ausdrücke für das Schminken mit Schönheitsmitteln
dieser Art, deren sich, wie oben erwähnt, die biblischen Schriften
bedienen[6847]; im „Períplus des Roten Meeres“ (um 40 n. Chr.) ist
von στίμη (Stíme) und στῆμι (Stémi) die Rede[6848]; ~Kriton~, der
Leibarzt der Kaiserin ~Plotina~, der Gemahlin ~Trajans~, verfaßte
ein Toiletten-Handbuch „χρισμᾶτων σκευασία“, dessen allein erhaltene
Kapitelüberschriften ersehen lassen, daß es die Bereitung zahlreicher
Salben, Pomaden und Schminken behandelte, u. a. die der στιμμίσματα
(Stimmísmata) für die Augenbrauen[6849]; über die nämlichen Gegenstände
berichten im 2. Jahrhundert auch ~Pollux~[6850] und ~Galenos~[6851],
deren ersterer vom στίμμις ομματογράφος spricht (dem „Stimmi zum
Augenmalen“), während letzterer die ὁσημέραι στιμμιζόμεναι γυναῖκες
erwähnt („die sich täglich schminkenden Weiber“), wobei στιμμίζειν
ganz ebenso „sich mit Stimmi malen“ bedeutet, wie nach ~Hesychios~
ἀγχουσίζεσθαι „sich mit Anchusa malen“ (= rotfärben)[6852]. Auch als
Name der Sklavin, die ihrer Herrin das Kalliblépharon anschminkt, ist
„~Stimmi~“ überliefert[6853]. Den christlichen Autoren galten alle
Künste dieser Art für spezifisch heidnische, ja teuflische[6854],
weshalb ~Tertullianus~[6855] (gest. 220), ~Arnobius~[6856] (gest. 330),
~Hieronymus~[6857] (gest. 420) und andere sie unbedingt verwerfen und
sich namentlich auf das Schärfste gegen die „orbes stibio fuliginatos“
aussprechen, „die mit Stimmi angerußten Augenbrauen“[6858].
Bei den +alexandrinischen Alchemisten+ gehört, wie in früheren
Abschnitten dargelegt, das Stimmi zu den wichtigsten, und seitens
aller Autoren von ~Pseudo-Demokritos~ bis ~Hierotheus~ am
häufigsten genannten Präparaten. Schon nach dem „Leidener Papyrus“
soll ein Farbstoff fein gerieben werden wie Stimmi[6859], und im
„Papyrus ~Kenyon~“ wird Stimmi von Koptos (in Oberägypten) als
Augenheilmittel empfohlen[6860]. Stimmi (στίμμι, στίβι, στίμι[6861],
στίμη[6862], στήμη[6863]), und zwar koptisches, italisches,
occidentalisches und chalkedonisches, sowie die „Schwärze aus Stimmi“
(μελανία στίμμεως)[6864], erwähnen ~Pseudo-Demokritos~ und seine
Nachfolger[6865]; sie betrachten Stimmi, -- offenbar wegen des
weißen Glanzes seiner Krystalle --, als dem Silber und samt diesem
dem Monde zugehörig[6866], benützen es zum „Machen“ von Gold und
Silber und gewinnen aus der weiblichen Abart Blei, nämlich „unser
Blei“ (μόλυβδος ἡμῶν)[6867], d. i. metallisches Antimon, dessen
Sublimierbarkeit sie kennen und es daher auch als ein Quecksilber
(ὑδράργυρος) ansehen[6868]. Die syrischen Auszüge aus ~Demokritos~
und ~Zosimos~ gedenken ebenfalls des koptischen und italischen
(occidentalischen?) Stimmis[6869], das zum Machen oder Färben von
Gold und Silber „fein wie Kohol“ zerrieben werden muß[6870], das dem
Schwefelblei ähnlich sieht „wie es die Augenärzte durch Verbrennen von
Blei mit Schwefel darstellen“[6871], das als „Staubwolke“ (= feiner
Staub) ein treffliches Augenheilmittel abgibt[6872], und aus dem [bei
der Reduktion] etwas entsteht, was den beiden Quecksilbern [d. i. dem
Quecksilber und Arsen] aus Zinnober oder Sandarach gleicht[6873],
[nämlich das metallische, gleichfalls sublimierbare Antimon]. An einer
Stelle sprechen sie auch von spanischem Stimmi, das sich angeblich gut
zum Blaufärben (?) des Glases eignen soll[6874].
Die +Araber+, denen der Gebrauch des Kohol (eigentlich Kohl) ohnehin
schon wohlbekannt war, fanden ihn auch bei den Syrern vor, ferner
bei den Persern, die ein eigenes „Fest des Stibi“ besaßen, in deren
Ritual das Mittel aber auch an anderen Feiertagen seine bestimmte
Stelle einnahm[6875], sowie besonders bei den Ssabiern, die an gewissen
Festtagen ihre Augen mit Stimmi malten[6876]; sie begegneten ferner
in Persien der in der Pharmakologie des ~Abu Mansur~[6877] von 975
bezeugten medizinischen, sowie in Syrien oder Ägypten der chemischen
Anwendung der Präparate und unternahmen es in ihrer üblichen Weise, die
in allen diesen Beziehungen herrschenden Anschauungen und Lehren zu
vereinigen und zu erweitern.
Der Tradition zufolge bestrich schon ~Muhammed~ seine Augenlider mit
Kohol, nicht anders als dies die Beduinen seit jeher gewohnt waren
und bis in die neuere und neueste Zeit hinein gewohnt blieben[6878];
der Stift, dessen er sich hierbei bediente, war in einer Moschee zu
Kairo als kostbare Reliquie zu sehen[6879]. Die Schriften der „Treuen
Brüder“ überliefern, Stimmi[6880] entstehe durch völlige Verbrennung
seiner Bestandteile, des Schwefels und Quecksilbers[6881], brauche
10759 Tage bis zu seiner gänzlichen „Reifung“[6882] und vermöge dann,
dieser seiner Natur gemäß, selbst nicht mehr weiter zu schmelzen oder
zu verbrennen[6883]. Nach ~Alrazi~ (850-923 oder 932?) ist Stibi
oder Kohol kalt, trocken, adstringierend und nützlich bei vielen
Krankheiten, vor allem bei denen der Augen[6884]; ähnlich äußert
sich in Spanien ~Abulkasis~ (912-1013?) und läßt beim „Brennen“ der
Substanz Blei entstehen[6885]. ~Avicenna~ (980-1037) erklärt im
„Kanon der Medizin“ ausführlich das Wesen des Stimmi[6886], das er
auch Itmid (Atmed oder Atemed) nennt und als „faex plumbi“ (Hefe =
Abfall des Bleies) ansieht[6887], rühmt die treffliche bei Ispahan
in Persien vorkommende Sorte[6888] und führt es (unverändert oder
gebrannt) als Bestandteil zahlreicher bewährter Rezepte an, besonders
solcher für die Augensalben und -kollyrien[6889]. Die spätarabischen
und -persischen Ärzte sowie ihre Jünger wiederholen in bekannter
Weise, und ohne Stimmi und metallisches Antimon stets genügend
auseinander zu halten, die Aussprüche dieser klassischen Autoritäten:
so z. B. der sog. jüngere ~Serapion~ (12. Jahrhundert?)[6890], der
auch den Ausdruck Itmid gebraucht[6891]; ferner die unter dem Namen
„Al Kahhâl“ (= die Schminker) bekannten Augen-Spezialisten des 11.
und 12. Jahrhunderts[6892]; sodann der Armenier ~Mechithar~, der im
„Trost bei Fiebern“ (1184) namentlich den Grauspießglanz von Ispahan
preist[6893]; ~Ibn Baitar~ aus Malaga (gest. 1248), der eine lange
Reihe von Zitaten über Stimmi und Kohol zusammenstellt[6894]; ein
Ungenannter, nach dem Glanz und Sehkraft der Augen durch nichts mehr
gefördert werden als durch „Kohol mit Fliegen verrieben“[6895]; endlich
~Ibn Alʿauwam~ (um 1150), der auch in der Veterinärkunde allerlei „fein
wie Kohol geriebene“ Augenheilmittel verschreibt[6896].
Die Quellen, aus denen das „Steinbuch des ~Aristoteles~“ schöpft,
verstehen unter dem bei den Krankheiten der Augen, aber auch bei
vielerlei anderen, so wohltätigen Itmid bald Antimon-, bald Bleiglanz,
und die Übersetzer bezeichnen es auch als Itmad, Atmid, Azmet, Ezmit
u. dgl.[6897]. Bei den Syrern soll „Tu“, das in der Regel Blei
(Bleiglanz?) bedeutet, auch = Kohol, Stibi oder Stimmi sein[6898]; es
gehört zu den sieben Steinen, die einen „Geist“ (etwas Flüchtiges)
enthalten, tritt in sieben Arten von sieben Farben auf[6899] und
liefert das „Blei des Kohols“ (Alkohls, Alkools, Alchools, Alcofols,
Alchofols)[6900], d. i. metallisches Antimon, das u. a. mit Kupfer die
goldfarbige Legierung Schabah (eine Antimonbronze) bildet[6901]. Für
~Altughrai~ (gest. 1128), den angeblich unter dem Namen ~Artefius~ im
Abendlande frühzeitig bekannten Alchemisten, ist Antimon „ein Stück
des Bleies und hat allermaßen dessen Natur“[6902], und im nämlichen
Sinne sprechen auch die in der „Turba philosophorum“ zitierten älteren
Meister vom Blei aus dem Stein Kuhul[6903]. Nach ~Qalqaschandi~
war im Ägypten des 12. und 13. Jahrhunderts Augenschwärze eine der
wichtigsten Waren und wurde ebenso wie Augenschminke und -salbe
pfundweise verkauft[6904]. ~Alqazwini~ (gest. 1283) erzählt, daß das so
nützliche Antimonium am reichlichsten in Persien zu Ray (bei Teheran)
und in Spanien vorkomme, woselbst ein Berg es bei zunehmendem Monde
regelmäßig in großen Mengen ausschwitze[6905]; die Vortrefflichkeit
der verschiedenen (mindestens viererlei) Sorten Ithmid aus Ispahan
und Spanien bestätigt auch ~Aldimeschqi~ (1256 bis 1327)[6906], hält
seine Entstehung durch Verbrennen von Schwefel und überschüssigem
Quecksilber bei starker Hitze für erwiesen, gibt jedoch zu, daß es
selbst noch weiter vom Feuer verändert werde und u. a. das Eisen
„verbrenne“[6907]. Nach ~Abulfeda~ (1273-1331) übertrifft seit jeher
keine Sorte Kohol die von Ispahan[6908], obwohl auch Spanien und
Westafrika vortreffliche hervorbringen[6909]; tatsächlich wird schon
in den ersten Zeiten des Khalifats der Kohol von Ispahan, von Ray
(bei Teheran) und vom Demawend als vorzügliches Schmink-, Heil- und
Abwehrmittel gegen den „bösen Blick“ empfohlen[6910] und, weil „offen
zutage liegend“, als ein Gemeingut erklärt, auf das dem Herrscher
keinerlei besonderes Schurfrecht oder Regal zustehe[6911]. In den
Erzählungen „1001 Nacht“ findet sich der Kohol unzählige Male erwähnt:
man trägt ihn (nebst dem Silberstift zum Auflegen) in einer kleinen
Büchse an zierlicher Kette um den Hals[6912], er verschönert die Augen
und Augenbrauen[6913], er stärkt die Sehkraft der Neugeborenen[6914],
die Frauen haben Augen „von Natur gefaßt in Linien von Kohol“[6915],
sie sind siegreich „durch den magischen Kohol ihres Blickes“[6916], und
man möchte ihnen „den Kohol vom Augapfel stehlen“[6917]. -- Eine fast
zahllose Menge ähnlicher Bilder weist die schöne Litteratur der Araber
und Perser auf, in deren Liebesgedichten der Kohol einen nicht minder
unentbehrlichen Bestandteil darstellt, wie Moschus und Ambra, Rosen und
Nachtigallen. Schon in den alten Liedern der von ~Abu Tammam~ (805-846)
zusammengestellten „Hamâsa“ heißt es:
„Zarte Adern schwellen ihrer Augen Stern,
Deren Schöne mißt schwarze Schminke gern.“
„Von Augensalbe redet +sie+ mit Hohn,
Sie braucht sie nicht und hörte nur davon“,
und von einer Negerin:
„Es ist, als ob das Auge sie färbte mit der Haut[6918].“
~Mutenabbi~ (915-965) sagt:
„Der Scharfsinn schmückte sie, statt des Kohols, mit Klarheit.“
„Der eigenen Schwärze des Aug’s gleicht nicht der schwarze
Kohol“[6919],
~Firdusi~ (940-1020):
„Durch Augenschminke zu dämonischem Gefunkel
Verschärft sie ihrer Blicke Dunkel“[6920],
der spanische Araber ~Alcharisi~ (um 1250):
„Unsere Augen belegten sich wohl
Mit der Trennung Alkohol“[6921],
und ~Hafis~ (gest. 1390?):
„O Morgenwind, bring mir Kohol!“[6922].
~Dschami~ (1414-1492) singt:
„Sie färbt der Braue Neumond,
Ziert mit Schminke ihre Augen.“
„Der Staub von deinen Schuhen dient
Als Schminke meinen Augen“[6923],
ja noch ~Baki~ (1525-1591) ahmt, wie gewöhnlich, ältere Vorbilder in
den Versen nach:
„Kohol brauch ich nicht fürs Auge,
Staub der Füße dünkt mir lieblich.“
„Des Fußstaubs Kohol auf mein Auge fällt.“
„Gebt Kohol mir aus der Sterne Schnuppen!“[6924].
In der +mittelalterlichen+ Litteratur taucht der Grauspießglanz
unter dem Namen „Antimonium“, dessen Ursprung noch weiter zu
erörtern sein wird, zuerst bei dem schon oben genannten, in Salerno
tätigen ~Constantinus Africanus~ (gest. 1087) auf, der ihn im Buche
„De gradibus“ als Augenheilmittel, als trocknende, blutstillende,
fäulniswidrige Substanz rühmt[6925]; ~Matthaeus Platearius~ im
„Circa instans“ (um 1150)[6926], sein Sohn ~Johannes Platearius~ (um
1180)[6927], der ~Magister Salernus~ (gest. bald nach 1167) in den
„Tabulae“[6928], ~Nikolaos~ im „Antidotarium“ (gegen 1200)[6929]
und andere Salernitaner schließen sich ihm an, und ersterer hält
diese Substanz, trotz ihrer Ähnlichkeit mit dem Zinn, für kein
eigentliches Metall. Vom Antimonium sprechen ferner: um 1200 der
unbekannte Verfasser gewisser pharmakologischer Verse[6930], Magister
~Bernardus der Provenzale~ im „Kommentar“ zu den „Tabulae“ des
~Magister Salernus~[6931], sowie ~Otho von Cremona~ in „De electione
medicamentorum“[6932]; um 1250 ~Vincentius Bellovacensis~ im „Speculum
naturale“[6933], 1256 ~Aldebrandino di Siena~[6934], um 1260 ~Johannes
de Sancto Amando~, der es für abgestorbenes oder totes Blei (plumbum
mortuum) erklärt[6935]; um 1266 ~Theodor Borgognoni~[6936], um
1270 ~Guilelmus de Saliceto~[6937], und noch etwas später ~Simon
Januensis~ (gest. 1303) und ~Matthaeus Sylvaticus~ (gest. 1342),
bei denen sich neben Antimonium und Antimonum auch die entstellten
Bezeichnungen Aitruad[6938], sowie Stibeos, Stibeus, Stilbos und
Stimeos vorfinden[6939]. Die genannten Schriften, sowie die unter
dem Namen des ~Villanova~ und ~Lull~ gehenden[6940], vermitteln
dann die Kenntnis des Antimoniums den Ärzten und Alchemisten der
folgenden Jahrhunderte, während derer aber auch die Darstellung
des metallischen Antimons zunehmende Ausdehnung gewinnt, und zwar
besonders in Deutschland, das solches um 1500 schon in größeren
Mengen zur Ausfuhr brachte, u. a. nach Italien. Dort erwähnen die
Werke des ~Biringucci~ (1540)[6941], ~Piccolpasso~ (1548)[6942] und
~Pedemontanus-Ruscelli~ (1563)[6943] den „Regulus Antimonii“, das
deutsche Antimon, das man am besten in Venedig erhält, zur Reinigung
des Goldes benutzt, auch u. a. der Glockenspeise zusetzt, weil es den
Ton der Glocken verschönern soll; jene des ~Aldrovandi~ (1522 bis
1601)[6944] sowie seines Zeitgenossen ~Caesalpinus~[6945] besprechen
auch die leichte Reduzierbarkeit des Stibiums zu einem Metall, das sie
bald als Blei, bald als Zinn ansehen. Schärfer als fast alle seine
Vorgänger unterscheidet zwischen „Antimonium crudum“, d. i. dem rohen
Grauspießglanz, und dem Antimonmetall der im Berg- und Hüttenwesen
so erfahrene ~Paracelsus~ (1493-1541), der die „unerschöpflichen
Tugenden“ des Antimoniums preist[6946], Antimon-Präparate (zugleich
mit denen aus verschiedenen anderen Metallen) kühnlich in die Therapie
einführte[6947] und durch diese Neuerungen erbitterte Streitigkeiten
heftigster Art und langandauernde Kämpfe entfesselte: erneuerte doch
die konservative medizinische Fakultät der Pariser Universität noch
über 60 Jahre nach des ~Paracelsus~ Tode durch Ausstoßung des ~Turquet
de Mayerne~ (1573-1655) und anderer hervorragender Ärzte, die antimon-
und quecksilberhaltige Mittel verordnet hatten, ihre oft wiederholten
Versuche, deren Gebrauch unbedingt zu verhindern[6948], und verfaßte
doch ~Carneau~ noch 1656 das Spottgedicht „La stimmimachie, ou le grand
combat des médecins modernes, touchant l’usage de l’antimoine“![6949].
~Dorn~ spricht im „Dictionarium Paracelsi“ von dem aus Stibium oder
Antimonium gezogenen (tractum) „philosophischen Blei“[6950], nennt
im „Clavis totius philosophiae“ das Antimonium oder Stibium auch
Blei-Markasit (Marcasita plumbea) und verwendet das metallische Antimon
zum Reinigen des Goldes[6951]. Ähnlich äußern sich in technologischer
Hinsicht u. a. ~Mathesius~, der in seiner „Bergpostilla“ von 1555 zu
lange und stark erhitztes Spießglas in Blei übergehen läßt[6952],
~Encelius~ (1557)[6953], sowie ~Fabricius~ (1565)[6954], ferner in
medizinischer ~Matthiolus~ (1501-1577)[6955] und ~Amatus Lusitanus~
(1554)[6956], der auch bemerkt, das meist Antimonium genannte Stibium
heiße bei den Spaniern noch jetzt +so+, wie ehemals bei den Arabern,
nämlich Alkohol. Der Name Alkohol war im Laufe des Mittelalters
tatsächlich vollständig in das Spanische übergegangen, und zwar auch
in die Volkssprache, wie dies z. B. die gegen 1500 angeblich von
~Rojas~ verfaßte Sittenkomödie „Celestina“ beweist, in deren 3. und
17. Akt (sie hat deren 21!) die Heldin, eine gemeine Kupplerin, die
Waren aufzählt, die es ihr ermöglichen, sich hausierend in vornehme
Familien einzuschleichen, darunter „soliman“ (Sublimat) und „alcohol“,
also Schminke für die Wangen[6957] und für die Augen[6958]. Auch nach
dem „Wörterbuch der Spanischen Akademie“ bedeutet „alcoholado“ soviel
wie „mit Kohol gefärbt“, und die spanische Bibelübersetzung gibt die
oben angeführte Stelle des ~Ezechiel~ „Du schminktest deine Augen
mit Stimmi“ durch die Worte wieder „alcoholaste tus ojos“[6959]. Die
Bezeichnung Alkohol für ein Feinstes, zu zartestem Pulver Verriebenes,
übertrug dann ~Paracelsus~, völlig willkürlich, im Sinne einer
Quintessenz auf den Weingeist als den wesentlichen und edelsten
Bestandteil des Weines, und diese Benennung gelangte schließlich, wenn
auch nur sehr langsam, zur allgemeinen und dauernden Einbürgerung[6960].
Besonderen Aufschwung erfuhr noch die Anwendung des Antimons durch
die Werke des sog. ~Basilius Valentinus~, die aber nicht, wie man
lange Zeit glaubte, von diesem angeblichen Benediktiner-Mönche schon
um 1450 zu Erfurt verfaßt wurden, sondern ihm erst zu Beginn des 17.
Jahrhunderts durch den „Herausgeber“ ~Thölde~ untergeschoben sind, --
ein Sachverhalt, der schon 1615 dem ~Libavius~[6961], und später u. a.
~Becher~[6962], ~Stahl~[6963], ~Morhof~[6964], ~Leibniz~[6965] und noch
~Sprengel~[6966] nicht unbekannt gewesen zu sein scheint, nachher aber
allmählich in völlige Vergessenheit geriet[6967]. In jenen Werken, dem
„Triumphwagen Antimonii“[6968], in dem sich das Ithmid oder Athmid zu
„Asinat“ entstellt findet[6969], und den „Chymischen Schriften“[6970],
spielen übrigens das als Abart des Bleies betrachtete Antimon und seine
Abkömmlinge nicht nur in medizinischer Hinsicht eine große Rolle,
sondern auch in alchemistischer: galt doch jener „wunderbarliche
Stern“, den das Gefüge des krystallisierten metallischen Antimons
sehr oft deutlich zeigt, als „gestirnter König“, als „Stern der
Weisen“, als „philosophischer Signatstern“, der in besonders nahen
Beziehungen zu den übrigen Sternen und ihren Metallen stehen sollte
und daher den Goldmachern die berechtigtesten Aussichten eröffnete,
zugleich aber auch wieder den Ärzten eine zureichende Erklärung für die
Wunderwirkungen der Antimon-Präparate an die Hand gab. In solchem Sinne
sprechen vom „Sterne des Antimoniums“ (stella antimonii; antimonium
stellatum; regulus stellatus) bereits die von ~Libavius~ in der
„Alchymia“ von 1597 benützten Quellen[6971], -- wenngleich er selbst
das Antimon bald dem Blei gleichsetzt, bald seine Einheitlichkeit
bezweifelt und es aus Quecksilber, Arsen und Schwefel bestehen
läßt[6972] --, desgleichen später ~Suchten~ (1613) in der ebenfalls
von ~Thölde~ „herausgegebenen“ Schrift „Antimonii Mysteria“[6973],
~Poppe~ (1625) in der „Basilica Antimonii“[6974], ~Becher~ in der
„Physica subterranea“ von 1669[6975], ~Kunckel~ in dem um 1690
verfaßten „Laboratorium chymicum“[6976], und noch viele Andere, ja in
gewisser Hinsicht selbst 1732 der so hervorragende, von alchemistischen
Anwandlungen aber keineswegs ganz freie ~Boerhaave~[6977]. Die bei
diesen und ähnlichen Schriftstellern, z. B. bei ~Chartier~ (um 1640)
ausgesprochene Behauptung[6978], „das Antimon sei die großartigste
Medizin der Welt, nicht nur für die Menschen, sondern auch für die
Metalle“, wurde auch benützt, um die Wirkung des Antimonzusatzes als
Reinigungsmittel bei der Goldschmelze zu erklären: es befreit das Gold
von allen unedlen Resten, es zieht diese als „Magnet der Weisen“ an
sich und in sich, es verschlingt sie, es frißt sie auf, es ist daher
der „Lupus metallorum“, der Wolf der Metalle, der reißende Wolf, der
gierige Wolf, der feurige Drachen, der feurige Satan, der Sohn des
Satans, der höchste Richter, das Bad des Königs usf.[6979].
In der Litteratur des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit wird
übrigens unter Stimmi, Kohol oder Antimonium nicht selten sehr
Verschiedenes verstanden, „da es dessen gar mancherlei, den Alten
unbekannt gebliebene Arten gibt“[6980], und bei der Beurteilung der
einzelnen Stellen ist daher häufig einige Vorsicht am Platze; bedeutet
doch noch im 18. Jahrhundert „Stimmi anglicum“ nichts anderes als
Graphit, der damals zuerst in Gestalt eines feinen schwarzen Pulvers
aus England nach Deutschland eingeführt wurde, wo er zunächst als
Anstrichfarbe diente[6981].
Was den +Namen+ Antimonium anbelangt, so bezeichnet schon ~Fabricius~
im 16. Jahrhundert[6982] und ~Ducange~ im 17.[6983] seine Herkunft als
eine unbekannte, und nur weil sie dies war, konnte um die nämliche
Zeit ein (offenbar französischer) Autor es wagen, „Antimoine“ von
„Anti-Moine“ abzuleiten, „weil ~Basilius Valentinus~, der diesen
Stoff mit bestem Erfolge bei der Mast der Schweine verwendet hatte,
ihn zu gleichem Zwecke auch seinen Mitmönchen verabfolgte, wobei sie
aber sämtlich ums Leben kamen“[6984]! Für einen neu eingeführten, und
zwar französischen Namen erklärt Antimonium 1640 ~Chartier~[6985] und
ist der Meinung, er sei aus ἄνθος ἄμμωνος (ánthos Ammonos) gebildet,
d. i. „Blume des ~Ammon~“, nämlich des ~Jupiter Ammon~, da man das
dem Zinn so ähnliche Antimon auch als ein dem ~Jupiter~ zugehöriges
Metall betrachtete[6986]. Neuzeitliche Gelehrte, wie ~Littré~ und
~Huet~[6987], legen als Wurzelwort entweder Stimmi zugrunde, oder
Ithmid (nebst seinen zahlreichen Nebenformen Atmid, Athmid, Athmud,
Othmud, Atemed, Atmed, Itmad, Ithmad, Ismit, Azmet, Ezmêt), lassen
also etwa Al Stimmi oder Al Ithmid sich durch allerlei Zwischenstufen
allmählich zu Antimon abschleifen und berufen sich darauf, daß
derartige Umwandlungen arabischer oder arabisierter Worte, auch
die anscheinend seltsamsten, tatsächlich vorkommen. Dieser Ansicht
schließen sich, obwohl die vermuteten Zwischenstufen bisher nicht
nachgewiesen sind, auch ~Diergart~[6988] sowie ~Ruska~[6989] an,
welcher letztere sowohl Antimon wie Wismut für verdorbene Formen von
Ithmid hält[6990].
In der mittelalterlichen Litteratur kommt, wie bereits ~Ducange~
feststellte, „Antimonium“ zuerst bald nach 1050 bei ~Constantinus
Africanus~ vor und geht aus dessen Schriften in die seiner oben
erwähnten Nachfolger über, zuweilen unter geringer Abänderung, wie
denn z. B. ~Aldebrandino di Siena~ (1256) „Antimomum“ schreibt[6991],
~Simon Januensis~ sowie ~Matthaeus Sylvaticus~ (um 1300) aber
„Antimonum“[6992]. ~Constantinus Africanus~ erklärt nicht erst, was
Antimonium sei, sondern setzt das Wort als bereits bekannt voraus,
entlehnte es also den von ihm benützten Quellenschriften, die
keineswegs, wie man früher annahm, ausschließlich arabische waren,
sondern zum großen Teil auch spätgriechische und byzantinische,
die ihm vieles von ägyptischer und alexandrinischer Herkunft
vermittelten[6993]. Demgemäß darf man annehmen, daß Antimonium
+griechischen+ Ursprungs ist[6994], und zwar spricht alle
Wahrscheinlichkeit dafür, daß es nichts anderes vorstellt als
die latinisierte Form von ἀνθεμώνιον (Anthemónion) = die Blüte,
das Ausgeblühte; das „Tertium comparationis“ bildet dabei die
charakteristische Gestalt des in strahligen, der Blüte der Kompositen
vergleichbaren Drusen krystallisierenden Grauspießglanzes[6995].
Zur Bezeichnung von Pflanzen finden sich begreiflicherweise die
Ausdrücke ἄνθεμον (Anthemon) und ἄνθεμις (Anthemis) vielfältig
verwendet: bei ~Hippokrates~ soll εὐάνθεμον (Euánthemon) u. a. die
Kamille bezeichnen[6996], bei ~Theophrastos~ ἄνθεμον τὸ φυλλῶδες
die weiße Strahlblume[6997]; bei ~Dioskurides~ kommt neben ἄνθεμις,
der Kamille, auch λευκάνθεμον und μελάνθεμον vor (= die hell- und
dunkelblütige Wucherblume?)[6998]; ~Galenos~ benennt mit Euánthemon
wohl ebenfalls die Kamille[6999], während unter βοάνθεμον (Boánthemon
= Kuhblume), χαλκάνθεμον (Chalkánthemon = erzfarbige Blume) und
χρυσάνθεμον (Chrysánthemon = Goldblume) sowohl er, als auch
~Nikander~ in seinem gegen 200 v. Chr. verfaßten pharmakologischen
Lehrgedichte[7000] mehrere verschiedene Pflanzen zu begreifen
scheinen[7001], u. a. auch die bei den Orphikern und Gnostikern
Chrysánthemon genannte Zauberpflanze, die z. B. in der „Pistis
Sophia“ ~Jesus~ in die Hände seiner Jünger legt[7002]. Bei den
späteren griechischen Botanikern heißt z. B. das Herbströschen (Adonis
autumnalis) ἀντεμώνη (Antemóne), ἀντεμωνιάμ (Antemoniám) oder ἀρτεμόνη
(Artemóne)[7003], wobei zu beachten bleibt, daß die Nachsilbe ιάμ
sichtlich nur ein entstelltes ιόν, Antimoniám also = Antimonión ist,
und daß die Namen vieler Dutzender von Gewächsen[7004] mit Hilfe dieses
nämlichen Diminutivs gebildet sind, das sich für die spätgriechische
Volkssprache und den sog. Vulgärdialekt als so charakteristisch
erweist[7005]. Ebenso heißt das Cyclamen Anthimon oder Antimon[7006],
eine Anthemis-Art (Anthemis pyrethrum?) αρτιμόνιον (Artimónion)[7007]
und eine andere αρτεμόνιον (Artemónion), woher sich wohl der
gleichlautende Name eines Augenheilmittels bei ~Galenos~ erklärt[7008].
Frühzeitig kommen auch übertragene Bedeutungen vor: die Arkaderin
Ἀνθεμόνη (~Anthemone~) nennt die Sage als Geliebte des ~Aineias~[7009];
Ἀνθεμόεσσα (~Anthemoessa~) heißt bei ~Hesiod~ und Ἀνθεμόδη
(~Anthemode~) bei ~Euripides~ die Blumige, Blühende[7010]; dem ἄνθεμον
(Anthemon) gleichen die Verzierungen eines Schildes[7011] sowie
die Zweige der Korallen bei ~Pindar~ (522-442)[7012]; κριάνθεμον
(Kriánthemon) ist der als „Widderhorn“ bekannte Edelstein[7013].
Während der hellenistischen Periode und insbesondere bei den
alexandrinischen Chemikern wird die Entwicklung der Krystalle
durchaus jener der Pflanzen gleichgesetzt[7014], Mineralien, Metalle
und Edelsteine wachsen und wachsen nach, es gibt Krystall-Keime
und -Samen, Krystalle schießen auf oder an, sind aufgewachsen oder
verwachsen, erscheinen blättrig und stenglig, baumartig (dendritisch)
und verzweigt, oder blühen aus (effloreszieren)[7015]; als Blüten des
Mineralreiches[7016], im Sinne des Besten und Herrlichsten, erscheinen
insbesondere die Edelsteine, deren Kostbarster, der Diamant, daher
als „Blüte oder Blütenknospe des Goldes“ (χρυσοῦ ἄνθος; auri nodus)
angesehen wird[7017].
Bezeichnungen wie „Blüte des Silbers oder Bleies“ (ἀργύρου ἄνθος)
für gewisse feine und glänzende Silber- oder Bleiglätten[7018],
„Blüte des Kupfers“ (χαλκοῦ ἄνθος) für das lebhaftrote
Kupferoxydul[7019], „Kupferblüte“ (χάλκανθος, χάλκανθις) für den
blauen Kupfervitriol[7020], „Auf- oder Ausgeblühtes aus Chalkitis“
(ἐπ-, ἐξάνθισμα χαλκίτεως) für Misy[7021], ferner „Blüte des Salzes,
des Öles, des Mehles“ usf., finden sich sehr allgemein von den
hippokratischen Schriften an bis zu jenen des ~Dioskurides~ und
~Galenos~; aus diesen und ihren griechischen Quellen wieder entlehnten
die römischen Autoren, wie schon ~Cato~ (um 200 v. Chr.)[7022],
~Scribonius Largus~ (um 50 n. Chr.)[7023], ~Plinius~ und viele
andere ihr flos salis, olei[7024], picis, aeris, siliginis, lapidis
assii (Blüte des Salzes, Öles, Pechs, Kupfers, Mehls, assischen
Steins) u. dgl. mehr. Auch die griechischen Alchemisten sprechen von
ἄνθος[7025] (Blüte = Farbstoff aus Anchusa, Safran usf.), ἄνθος ἁλός
(Salzblüte)[7026], ἅλας ἀνθιόν (ausgeblühtem Salz)[7027], ἄνθος χαλκοῦ
(Blüte des Kupfers, Kupferoxydul)[7028], χάλκανθος oder καλάκανθος
(Kupferblüte, Kupfervitriol)[7029], ἄνθος (Blüte = Effloreszenz) aus
Pyrit und Chalkitarin[7030]; sie bezeichnen krystallisierte Stoffe,
z. B. Alaun, mit dem (zugleich an einen Stern erinnernden) Bilde der
Strahlblume [Symbol][7031] und nennen sie Ep- und Exantheme[7032];
sie lassen das Kupfer bei der Transmutation „Blüten tragen“ (= zu
Gold werden, ἄνθη φέρειν)[7033], die schwefelhaltigen Substanzen bei
der Taricheia aufschießen, wachsen und blühen wie βοτάναι (Botánai
= Kräuter)[7034]; sie bereiten durch wiederholte Sublimation die
gelben „Blumen des Schwefels“ und die schneeweißen „Blumen oder
Blumenkelche (κάλυξ) des Arsens“ (= Arsenigsäure)[7035]; sie
gewinnen als Endergebnis des großen Werkes die Blüte (ἄνθος) des
goldfarbigen Pyrits (χρυσίζων)[7036], d. i. Goldstaub oder Goldpulver,
ἄνθος χρυσοῦ[7037], χρυσάνθιον (Chrysánthion)[7038], χρυσάνθινον
(Chrysánthinon)[7039], χρυσάνθεμον (Chrysánthemon)[7040], oder
χρυσάνθιμον (Chrysánthimon)[7041].
Aus dem Dargelegten ergibt sich zur Genüge, daß das „Antimonium“ des
~Constantinus Africanus~ nichts weiter ist als ein latinisiertes
Anthemónion oder Anthimónion und unmittelbar aus dem Spätgriechischen
stammt; ~Simon Januensis~ und ~Matthaeus Sylvaticus~ erwähnen in
der Tat, -- was bisher unbemerkt geblieben zu sein scheint --,
eine griechische Form Antimonos[7042], deren Quelle sie zwar nicht
angeben, die aber, da sie um 1300 schrieben, im 13. Jahrhundert
jedenfalls noch gebräuchlich war. In einem gegen 1400 verfaßten
byzantinischen Goldschmieds-Traktate glaubte ~Berthelot~ das Wort
ἀντεμόνιον (Antemónion) zuerst vorgefunden zu haben, sprach aber
sogleich die Vermutung aus, daß es wohl schon weit älterer Herkunft
sei[7043]; diese ließe sich bis an die Schwelle der alexandrinischen
Zeit zurückverfolgen, falls sich ergäbe, daß das bisher fragwürdig
gebliebene „Antimio di damia“ der „Compositiones ad tingenda ...“ (8.
Jahrhundert), das ~Berthelot~ für einen Firnis (oder eine Farbe) der
Glasmaler hält[7044], mit Antimon zusammenhängt und etwa „Antimon aus
Damiette“ (Ausfuhrhafen in Ägypten) bedeutet.
Für den durch die bekannte Erscheinung des spätgriechischen sog.
Itacismus hinreichend erklärten Übergang von e in i, also Anthemon
in Anthimon, sowie für jenen des th zu t, also Anthimon in Antimon,
sind schon oben Belegstellen angeführt worden[7045]; die auf den
griechischen Ursprung zurückgehende Schreibweise Anthimonium, mit
th, blieb übrigens noch lange Zeit lebendig, sie findet sich u. a.
in des ~Gerhard von Cremona~ (1114-1187) lateinischer Übersetzung
des ~Alrazi~[7046] und ~Serapion~[7047] (auf 3 Seiten 13mal),
bei ~Johannes Platearius~ (um 1175)[7048], bei ~Arnoldus de
Villanova~[7049], in der Pestschrift des Mailänder Arztes ~Crato~
von 1378[7050], in der Eßlinger Apothekertaxe von etwa 1550[7051],
in ~Quattramis~ alchemistischem Werke „La vera dichiaratione“ von
1587[7052], in ~Khunraths~ „Medulla destillatoria“ (1594)[7053] und in
des ~Libavius~ „Alchemistische Practic“ (1603)[7054].
Die Voraussetzung, daß dem Dargelegten zufolge auch etwa das arabische
Athmid (Itmid) durch Entstellung von Anthemon entstanden sei, ist
nach ~Ruska~ nicht wahrscheinlich; Ithmid geht vielmehr auf Stimmi
zurück, und die zahlreichen Nebenformen, deren sich insbesondere die
lateinischen Übersetzer der arabischen Autoren bedienen, sind (wie
in so vielen ähnlichen Fällen) durchaus nur durch Verballhornungen
der richtigen Aussprache und durch Einschiebung beliebiger Vokale zu
erklären.
Nachträge.