Wie bereits weiter oben bemerkt wurde, können weder die Ansichten
betreffs einer ursprünglichen Kupfer- und Bronzezeit[6521] noch die
Vermutungen hinsichtlich eines überlegenen Alters des Eisens[6522]
irgendwelchen Anspruch auf ausschließliche Wahrheit und Allgültigkeit
erheben; ebensowenig läßt sich ein bestimmtes Land als erster
Ausgangspunkt, oder ein bestimmtes Volk als erster Erfinder der
Eisen-Gewinnung bezeichnen, -- auch völlig abgesehen von der neuen
Welt, in deren Kulturstaaten, Mexiko und Peru, zur Zeit der Entdeckung
zwar ganz vorwiegend Kupfer in Gebrauch stand, Eisen aber keineswegs
mehr durchaus unbekannt war[6523]. Es ist vielmehr sicher, daß die
Darstellung des Eisens in selbständiger Weise zu sehr verschiedenen
Zeiten entdeckt wurde und auch an sehr verschiedenen Punkten, an
solchen nämlich, die passende und leicht reduzierbare Erze besaßen;
zu ihnen sind mit größerer oder geringerer Wahrscheinlichkeit u. a.
zu zählen: China, Indien, Persien, Armenien, die kaukasischen und
die Pontus-Länder[6524], Phönizien, Palästina, Cypern[6525], die
Gebiete der Jakuten, der Tungusen[6526], das zentrale, nordwestliche
und südliche Afrika, Finnland[6527], Illyrien, Keltiberien usf. Zwar
trifft es zu, daß das +Meteoreisen+ bei vielen Völkern frühzeitig
bekannt war, seiner „himmlischen“ Herkunft wegen in großer Verehrung
stand und zuweilen auch, angesichts seiner hohen Reinheit, ohne
weiteres zu Bedarfszwecken benützt und verarbeitet wurde, wie das z. B.
nach dem Nordpolfahrer Ross noch 1818 bei den Eskimos durch „kaltes
Hämmern“ geschah[6528]; die immer noch verbreitete Ansicht aber, die
Entwicklung einer Eisenzeit habe von +ihm+ aus ihren Ursprung genommen,
ist völlig unhaltbar, und keine einzige geschichtliche oder technische
Überlieferung gereicht ihr zur Stütze. In dieser Hinsicht genügt es,
daran zu erinnern, daß das Erhitzen und Schmelzen festen gediegenen
+Eisens+ bei 1500-1600° oder darüber +sehr+ erhebliche Anforderungen
an den Kunstfertigen und an seine Werkvorrichtungen stellt, daß sich
hingegen aus vielen +Erzen+ das Eisen mittels Kohle ohne besondere
Schwierigkeit bei verhältnismäßig niedriger Temperatur (etwa 700°) in
erweichtem (+nicht+ in geschmolzenem) Zustande gewinnen und sodann mehr
oder minder schlackenfrei ausschmieden läßt[6529]; beide Vorgänge sind
freilich in ihrem Gelingen von vielerlei Umständen und Wechselfällen in
so weitgehender Weise abhängig, daß es nicht wundernehmen darf, wenn
die Untersuchung alter Fundstücke nach den modernen metallographischen
Verfahren zur Erkenntnis führt, es könne bei ihnen von irgend
regelmäßiger Zusammensetzung und von scharfen Grenzen zwischen Eisen
und Stahl nicht im entferntesten die Rede sein.
Die besondere Natur des Eisens und die durch sie bedingte Eigenart
seiner Behandlung brachte es mit sich, daß erst mit dem Anfange
der Eisenzeit jene eigentliche Entwicklung der Schmiedekunst
einsetzte[6530], die in erster Linie den +Eisen+schmied zum „Schmiede“
machte und seine Bedeutung und Stellung in bemerkenswerter Weise
beeinflußte. Der Schmied ist in seiner Tätigkeit an das Vorhandensein
bestimmter Rohstoffe gebunden, er haust im Waldgebirge, wo ihm das
Nötige an Erz, Holz oder Holzkohle zur Verfügung steht, er kann den
Ort, den andere noch mit nomadischer Unbeständigkeit wechseln, nicht
ohne weiteres verlassen, wird dadurch frühzeitig seßhaft, hierdurch
aber wieder für die Nachrückenden ein Fremdling, dessen Kunst überdies
einen unheimlichen, ja zauberischen Charakter trägt. Aus diesen
Umständen erklärt es sich, daß zahlreiche Völker der verschiedensten
Herkunft den Schmied als außerhalb des Stammes und der Gemeinschaft
stehend betrachten, auch ihm und den Seinigen die Einheirat versagen;
während sie ihn als unentbehrlich, sein Erzeugnis als wichtiges
Bedarfs- und Tauschmittel, sein Haus daher als öffentlichen und
neutralen Platz anerkennen[6531], begegnen sie zugleich seiner Person
mit Scheu und Mißtrauen, wenn nicht mit Abneigung und Haß, da sie
ihn einerseits verachten, andererseits fürchten, auf alle Fälle aber
gebrauchen[6532]. Nach einer von ~Lenormant~ eifrig verfochtenen
Behauptung ~d’Ecksteins~ (1854) wären turanische und finnische Völker,
die ihre ursprünglichen Sitze im Gebiete des Altai, des Paropamisos
und des Kaukasus hatten, die den Glanz der Metalle verehrten und
ihn mit ihren Mythen und Lehren von den „Göttern der Tiefe“ in
Zusammenhang brachten, auch die ersten eigentlichen Bergleute,
Metallarbeiter und Schmiede gewesen[6533]. Spätere Eroberer rotteten
sie aus, oder verdrängten sie in ferne Gegenden, und die Mitglieder
der restlichen, weithin zersprengten Stämme oder Familien, die letzten
Träger der alten, sorgfältig geheimgehaltenen Künste[6534], galten
nun als mächtige und gefährliche Zauberer, zugleich aber als häßliche
und mißgestaltete Stammfremde; so wurden sie allmählich zu jenen
„Karrikaturen der Stämme, die zuerst Metalle verarbeiteten“, denen
man bei allen möglichen Völkern unter den Namen von Gnomen, Zwergen,
Kobolden, Pygmäen, Daktylen, Kabiren, Kureten, Telchinen, Korybanten,
und unter den Gestalten des ~Ptah~, ~Hephaistos~, ~Vulcan~, ~Mimir~
usf. begegnet[6535]. Läßt sich nun auch diese Hypothese weder in ihrer
Gesamtheit, noch allen Einzelheiten nach aufrecht erhalten, so muß man
doch zugeben, daß ihr ein gewisser berechtigter Kern innewohnt und daß
sie insoferne die Erscheinung, zu deren Deutung sie aufgestellt wurde,
in manchen Fällen wirklich zureichend erklären mag, während in anderen
zu bedenken bleibt, daß viele Völker Verkrüppelte oder Lahme, die aber
sonst genügende Kräfte besitzen, zur Ausübung von Handwerksarbeiten,
und so u. a. auch von Schmiedekünsten, anzuhalten pflegen[6536].
Sehr beachtenswert ist in den berührten Beziehungen das Verhalten
der afrikanischen Stämme, bei denen, wie bereits erwähnt, eine der
Eisenzeit vorausgehende Kupfer- und Bronzeperiode nicht nachzuweisen
ist[6537]. Sowohl zahlreiche Negervölker, als auch die Hottentotten,
stellen Eisen teils in primitivster Weise durch Erhitzen von Erzen
mit Holzkohle in Erdgruben dar, teils nach bereits verbesserter durch
Schmelzen in (freilich immer noch sehr unvollkommenen) Öfen mit oder
ohne Tonmantel, sowie in tönernen Tiegeln; nach ersterer lassen sich
durch sog. „Rennarbeit“[6538] viele Rasen- und Brauneisensteine, nach
letzterer aber auch Hämatit und Magnetit schon von 700° an mehr oder
weniger vollständig reduzieren, und zwar zu schwammartigen, fest
zusammenhängenden Massen, deren Klumpen mittels Steinen zu einer Art
Stabeisen ausgeschmiedet werden. Unentbehrlich ist hierbei in den
weitaus meisten Fällen die Anwendung eines (gewöhnlich aus Tierfellen
angefertigten) Gebläses, mittels dessen, je nach Erfordernis, 3 bis
6, aber auch bis 40 Stunden lang Luft eingeblasen werden kann[6539];
das Ergebnis der Schmelzarbeit ist also eine halbfeste Eisenmasse,
nicht etwa flüssiges Gußeisen, und jenes der Schmiedearbeit im
wesentlichen weiches Eisen (Schmiedeeisen)[6540], wenngleich es an
Übergängen zu härteren Sorten und auch zu Stahl mancherorts nicht
fehlt[6541]. Auf diese Weise werden, oft äußerst geschickt, allerlei
Gegenstände und Waffen angefertigt, aber auch zum Schmuck dienende
Perlen[6542], Spiralen und Spangen[6543], schwere Halsringe[6544],
dicke und dünne Drähte[6545] u. dgl. m. Die in derlei Arbeiten geübten
Bewohner eisenreicher Gegenden durchstreifen nicht selten, bloß
mit den notwendigsten Geräten versehen, als „Wanderschmiede“ die
Nachbarstaaten; ihre Künste sind dort gesucht und finden reichliche
Entlohnung, sie selbst gelten aber für gefährliche Zauberer, für
Angehörige einer verachteten und verfemten Kaste, für ehrlose und
unreine Stammfremde, deren Erzeugnisse daher ebenfalls unrein sind und
erst nach ritueller Reinigung in Gebrauch genommen werden dürfen[6546].
Den Nomadisierenden ereilt also hier, inmitten bereits dauernd
Ansässiger, das nämliche Schicksal, wie in anderem Falle den schon an
festem Wohnsitze Haftenden seitens wandernder oder bis vor kurzem auf
Wanderung begriffener Völkerschaften.
——————————
+Ägypten+ besaß, wie schon weiter oben erwähnt, in den bereits um
4000 bearbeiteten Minen des Sinai-Gebietes treffliche, mangan- und
titanhaltige Eisenerze, die aber völlig unbenützt blieben[6547]; auch
das Niltal selbst, die östliche Wüste längs des Roten Meeres, sowie
Nubien, Äthiopien und der Sudan sind reich teils an gering-, teils an
hochwertigen Erzen (darunter Rot- und Magnet-Eisenstein); es ist daher
beachtenswert, daß im eigentlichen Ägypten bisher nur eine einzige,
nächst der Südgrenze gelegene Grube ziemlich leicht reduzierbaren
Roteisensteins und Eisenglanzes entdeckt ist, die schon in sehr ferner
Periode gründlich abgebaut worden zu sein scheint[6548]. Zur Zeit der
Thiniten (um 3000) fehlt Eisen noch[6549], zu jener des alten Reiches
(2896-2540) ist aber schon von Eisen „des Südens und des Nordens“ die
Rede[6550], auch entstammt ihm weiches Eisen in Gestalt verschiedener
Stücke, aber noch kein eisernes Werkzeug[6551]. Als älteste Spur
eines solchen gilt das 1837 von ~Hill~ aus dem Mauerwerk der um 2500
errichteten großen Pyramide des ~Cheops~ bei Gizeh hervorgezogene
Bruchstück, das aus weichem Eisen besteht und neben gebundenem
Kohlenstoff eine Spur Nickel enthält, die aber keineswegs rechtfertigt,
es mit ~Feight~ für gekohltes Meteoreisen zu erklären[6552]; überdies
liegen ähnliche Funde jetzt auch aus anderen, nur wenig jüngeren
Pyramiden vor, z. B. aus der des Königs ~Unas~[6553], während aus
der gegen 2000 vollendeten von Dahschur sogar ein ganzer Haufen
zerbrochener Werkzeuge an das Tageslicht gelangte[6554], das um
1800 erbaute Grabmal eines Unbekannten aber auch bereits eine
eiserne Lanzenspitze lieferte, die älteste bisher bekannt gewordene
Eisenwaffe[6555]. Da auf den frühesten ägyptischen Abbildungen
häufig Tribute von Eisen-Erzen (?) und -Waffen zu sehen sind, die
seitens nubischer, äthiopischer oder sudanesischer Neger dargebracht
werden[6556], so vermuten einige Forscher in diesen die Lehrmeister,
durch die sich die Ägypter in die Kunst der Eisen-Darstellung hätten
einweihen lassen; andere sind indessen der umgekehrten Meinung und
glauben, daß die Negervölker ihre primitive Technik den Ägyptern
verdanken[6557], wofür besonders die Benützung des Blasebalges
spreche, den die Ägypter selbst wieder, und zwar vermutlich samt der
Eisen-Darstellung, gewissen orientalischen Völkerschaften entlehnt
haben sollen[6558]. Diese Hypothesen beruhen indessen sämtlich auf
sehr unzureichenden Grundlagen. Tatsache ist, daß schon das alte Reich
das Eisen mit dem Worte „men“ schreibt, durch Zusatz des (schon vorher
üblichen) Zeichens für Kupfer determiniert[6559] und dieses gewöhnliche
(Schmiede-)Eisen bräunlich oder schwärzlich malt[6560]; nach ~Lepsius~
kommt men nur in den frühesten Inschriften vor[6561], während in
späterer, jedoch nicht genau angebbarer Zeit ein anderes Wort „tehset“
oder „techset“ auftaucht, das nach ihm nicht Bronze bedeutet[6562],
sondern das „echte Eisen“, das „reine Eisen“[6563], d. i. den Stahl,
der blau gemalt wird, jedenfalls wegen der bekannten Anlauffarben,
die er bei etwa 300° zu zeigen beginnt[6564]. ~Gsell~ glaubt, daß
seine Darstellung durch Kohlung von Schmiedeeisen mit Tierdung
geschah[6565] und schon im alten Reiche bekannt gewesen sein müsse,
weil die nachweislich schon damals ausgeübte Bearbeitung von Granit und
anderen Hartgesteinen +allein+ mittels stählerner Werkzeuge möglich
sei[6566]. Diese Ansicht, die auch schon ~Lepsius~ erwog[6567], läßt
aber nach anderen Gelehrten noch Zweifeln Raum: zunächst ist, wie schon
oben erwähnt, die Benützung einer Hartbronze nicht ausgeschlossen,
die von Obsidian und Schmirgel[6568] aber in technischer Hinsicht
nicht genügend erforscht; sodann kommen auf den Abbildungen aus dem
alten Reiche blau gemalte, also stählerne Gegenstände nicht vor,
vielmehr sind Waffen und Arbeitsgeräte aller Art, auch Sägen, Meißel,
Rasiermesser usf. nur hellbraun oder rot wiedergegeben[6569]; endlich
sind auch keinerlei stählerne Fundstücke bekannt, und die Annahme,
diese seien durchgehends verrostet[6570], steht im Widerspruche mit
der Erfahrung, daß uralte stählerne und eiserne Überreste, wenn auch
in beschädigtem Zustande, im Boden sehr vieler anderer Länder bewahrt
blieben, deren wechselndes und feuchtes Klima einer dauernden Erhaltung
sehr viel ungünstiger ist, als das im ganzen so beständige und trockene
der meisten Gegenden Ägyptens. Aus allen diesen Ursachen ist es
unwahrscheinlich, daß schon das alte Reich mit dem Stahle vertraut
gewesen sei; auf Gemälden aus jüngerer, aber nicht genau datierbarer
Zeit wird er, blau gemalt, von semitischen Völkern als Tribut
dargebracht[6571], was auf eine Einfuhr aus Vorderasien schließen ließe
(s. unten).
In gewissen Pyramiden-Inschriften und Papyrus-Urkunden wird das Eisen
in Beziehung zu dem bösen Gotte ~Seth~ (~Typhon~) gebracht, z. B. wenn
es heißt: „Ein Haken aus Eisen, aus dem Eisen (bj’), das aus dem ~Seth~
gekommen ist“[6572]; da der rote Eisenrost auch den Decknamen „Blut
des ~Osiris~“ führt[6573], so erklärt sich vermutlich hieraus die von
~Plutarch~ auf die Autorität ~Manethons~ hin überlieferte Bezeichnung
des Eisens als „Knochen des ~Seth~“ und des Magneteisensteins als
„Knochen des ~Horus~“[6574], sowie die alte Vorstellung, daß das Eisen
unrein sei und deshalb bei religiösen Zeremonien, als Grabbeigabe
usf., nicht verwendet werden dürfe[6575]. Erst etwa im Verlaufe der
Hyksos-Zeit (1785-1580) soll die Anschauung durchdringen, daß das
Meteoreisen, „bj’-ni-pet“ (benipet, benipe; koptisch benîpe), als
„Eisen des Himmels“ aus dem eisern gedachten Himmel herabfalle[6576],
und soferne diese Etymologie richtig ist, -- was nach ~Lepsius~[6577]
und ~Schrader~[6578] ungewiß bleibt --, erschiene es begreiflich, daß
seither das Eisen überhaupt allmählich höher geachtet und schließlich
auch als für kultische Zwecke zulässig befunden wurde[6579]. Der
auf Grund von Vorlagen aus dieser und noch älterer Zeit um 1500
niedergeschriebene medizinische „Papyrus ~Ebers~“ erwähnt Eisen nur
zweimal, als „Eisen aus der Stadt Qesi“ (in Oberägypten), und als
„art-pet“ = himmelsgemachtes Eisen, d. i. wohl Meteoreisen, dem viele
Völker seit jeher seines Ursprunges halber besondere Kräfte und
namentlich auch Heilwirkungen zuschrieben[6580].
Zu Anfang des 15. Jahrhunderts eroberte ~Thutmosis~ III. (1501-1447)
das eisenreiche Palästina und Syrien; eiserne Waffen und Geräte
erscheinen auf seinen Siegesberichten als Tribute der den Libanon
bewohnenden Retenu, sowie als Beutestücke (neben Gold, Silber,
Chesbet, Mafek, ...), und das Eisen wird seit dieser Zeit in
Ägypten häufiger[6581], ohne aber die Bronze schon weitgehend zu
verdrängen[6582]. ~Ramses~ II. (1348-1281) verlangt noch 1290 „reines
Eisen“ (= Stahl) vom Chetiterkönig ~Chattusil~, der ihm erwidert,
er habe augenblicklich keines vorrätig, werde es aber anfertigen
lassen, und übersende ihm einstweilen eine eiserne (stählerne)
Schwertklinge[6583]. Chetiter, die mit eisernen Waffen abgebildet
werden, lieferten Eisen und Stahl auch noch unter der Regierung
~Ramses~ III., um 1200, und erst seither kann man in Ägypten von
einer eigentlichen Eisenzeit sprechen[6584], in der angeblich auch
schon Gußeisen bekannt war, jedoch nicht oder kaum in Verwendung
stand[6585]. Sehr allmählich entwickelte sich dann eine eigentliche
Eisenindustrie, die aber ihren technischen Höhepunkt, unter
weitgehender Spezialisierung, erst in der ptolemäischen und römischen
Ära erreichte[6586]; sie verfiel während der späteren Kaiserzeit und
der byzantinischen Herrschaft, so daß seit dem frühen Mittelalter
Ägypten wieder fortdauernder Einfuhr bedurfte, die noch im Zeitalter
der Kreuzzüge, trotz der päpstlichen und venetianischen Verbote
jeglicher Waffenlieferung an Ungläubige, in fast unverminderter Weise
fortdauerte[6587].
Die +Sumerer+ sollen nach ~Schrader~[6588] das Eisen schon +vor+ der
Einwanderung der Semiten, also um 3000 oder noch früher, gekannt und
barza benannt haben[6589]; dies erscheint insoferne auffallend, als
barzillu (barzel, barza) gerade das ur- und gemeinsemitische Wort
für Eisen ist[6590], das als barzil auch in den biblischen Schriften
vorkommt und noch den Namen des ~Berzelaios~ beim Historiker ~Flavius
Josephus~ (1. Jahrh.) sowie der äthiopischen Heiligen ~Berzelia~
zugrunde liegt, die also nichts anderes bedeuten als der oder die
Eiserne[6591]. Im babylonischen Gilgamesch-Epos, und zwar in einer
etwa aus dem Jahre 2000 herstammenden Fassung, findet sich bereits
der „Tod durch das Eisen“ erwähnt[6592], -- falls keine spätere
Einschiebung vorliegt; an eine solche zu glauben liegt aber insofern
nahe, als unter ~Hammurabi~, also so ziemlich im nämlichen Zeitalter,
Eisen noch für kaum bekannt gilt und nur 8mal niedriger als Silber,
oder 24 mal niedriger als Gold im Preise stand[6593]. Während der
Regierung der späteren und spätesten babylonischen und assyrischen
Könige ist Eisen noch fortdauernd kostspielig und begehrt, so z. B.
mußte der Philisterkönig ~Mari~ im Jahre 800 an ~Hadadmirari~ IV.
neben 20 Talenten Gold, 2300 Talenten Silber und 3000 Talenten Kupfer
auch 5000 Talente Eisen abliefern[6594], ebenso der König ~Hiskia~ im
Jahre 701 an ~Senacherib~ (~Sanherib~) neben 20 Talenten Gold und 800
Talenten Silber auch Geräte aus Kupfer, Bronze, Zinn und Eisen[6595];
es kann daher nicht überraschen, daß z. B. bei den Ausgrabungen im
Palaste zu Khorsabad, den ~Sargon~ II. 705 errichtete, ein Schatz
von nicht weniger als 1600 dz Eisen (meist in Gestalt roher Luppen)
zutage kam, der dort als Vorrat aufgehäuft und bei späterer Gelegenheit
gänzlich verschüttet worden war[6596]. Sowohl nach diesen, wie nach
den vorerwähnten ägyptischen Berichten zeichneten sich Palästina und
Syrien durch großen Reichtum an Eisen aus. Die Angaben der biblischen
Schriften lauten hierüber nicht übereinstimmend, was sich jedoch aus
der Verschiedenheit ihrer Quellen und aus den oft weit auseinander
liegenden Zeiten der Abfassung und Redaktion genügend erklärt. Wie
~Lepsius~ erinnert[6597], gehörten unter ~Josua~ eiserne Geräte noch
zum Schatze des Heiligtums, die Lanzenspitze des in Erz gerüsteten
~Goliath~ bestand aus Eisen, und zum Baue des Tempels ~Salomonis~ (um
1000) wurden nicht weniger als 100000 Talente Eisen aufgewandt; unter
der Regierung ~Samuels~ war dagegen kein Schmied im Lande vorhanden und
man ließ die Geräte bei den Philistern schärfen[6598]. Ferner finden
sich im alten Testamente eiserne Waffen und Geräte zwar öfters erwähnt,
aber den erzenen gegenüber doch nur im Verhältnisse 4 : 83[6599], und
bei Kulthandlungen darf von Eisen in der Regel kein Gebrauch gemacht
werden[6600]. Aus späterer Zeit sei nur der Nachricht gedacht, daß
~Nebukadnezar~ II. im Jahre 604 aus Damaskus an tausend Schmiede und
Zimmerleute ins Exil wegführte[6601].
Die +Perser+ verlegen die Erfindung des Eisens und Stahles in die
fernste Urzeit und schreiben sie schon dem völlig mythischen König
~Dschemschid~ zu. ~Firdusis~ „Königsbuch“ berichtet von ihm:
„In Fürstenglanz er Eisen schmolz;
So Helm wie Panzer und Harnisch stolz,
So Waffenrock wie Roßgeschirr
Schuf er, und ward im Werk nicht irr“[6602];
des weiteren erzählt ~Firdusi~, daß gelegentlich der Einsetzung
des gleichfalls mythischen Schahs ~Feridun~ das Schurzfell seines
Parteigängers, des Schmiedes ~Kawe~, zum Reichspanier erhoben
wurde[6603] und daß es damals bereits einen „Bazar der Schmiede“
gegeben habe[6604]. Letzteres ist natürlich ein dem Dichter zu
verzeihender Anachronismus, ebenso wie der (in die nämliche sagenhafte
Periode verlegte) Gebrauch von Schwertern, Schilden, Speeren und
Beilen aus indischem oder chinesischem Stahle[6605], von damascierten
Klingen[6606] und von mittels Blut gehärteten [gekohlten = verstählten]
Waffen[6607]. Es unterliegt aber keinem Zweifel, daß die Perser
tatsächlich schon zu +sehr+ früher Zeit jene hohe Vollendung in der
Darstellung und Verarbeitung von Eisen und Stahl erlangten, die ihnen
seitens aller antiken und mittelalterlichen Schriftstellen einstimmig
nachgerühmt wird[6608], wobei nur an die persischen Ringel- und
Kettenpanzer, an die sog. Sichelwagen, sowie an die Panzer-Reiter
und -Rosse erinnert sei. Hiernach ist die Erwähnung des Stahles im
(nachexilischen) „Buche ~Daniel~“, das starke iranische Einflüsse
verrät, sowie im „Avesta“ leicht erklärlich[6609]; in diesem nimmt das
Wort ayah, ursprünglich = Kupfer oder Bronze, allmählich die Bedeutung
des Eisens an, das im „tannur“ (= Ofen) zurechtgeschmolzen wird[6610].
Stahl heißt im Pehlevi pulafat, im Neupersischen pulad, woher auch das
russische bulatu rührt[6611]. Ein anderes, später weitverbreitetes Wort
ist „andun“, das nach ~Schrader~ dem Ossetischen entstammen soll[6612],
während es ~Yule~ vom persischen Hindwaniy und Hundwan = Indischer
[Stahl] ableitet; dieses findet sich als Hindiah auch bei ~Avicenna~
und ~Alidrisi~ (im 11. und 12. Jahrhundert), sowie als Andaine,
Andoine, Ondanique usf. auch bei frühmittelalterlichen europäischen
Schriftstellern, z. B. bei ~Marco Polo~, der über die persischen
Stahlwaren, u. a. die herrlichen großen Stahlspiegel, sowie über die
Eisengewinnung in Kerman und Cobinam eingehend berichtet[6613].
Andun ist eine auch sonst in vielen kaukasischen Sprachen gebräuchliche
Bezeichnung[6614], und es steht außer Frage, daß das Bergland des
+Kaukasus+ mit zu den Hauptausgangspunkten der Eisenerzeugung
zählt[6615], wenn man es auch nicht zur „ersten“ Stätte der Erfindung
stempeln kann, wie dieses ~Forrer~ mit dem Hinweise tut, daß Gräber
aus dem 13. oder 11. Jahrhundert bei Koban (nächst Tiflis) eiserne
Beigaben enthalten, und zwar noch sehr spärliche und rein ornamental
ausgeführte[6616]. Auf dem Gebiete Vorderasiens und insbesondere
+Kleinasiens+ dürfte die Darstellung des Eisens mindestens bis 1500
v. Chr. zurückreichen[6617], und die metallographischen Untersuchungen
der ältesten Funde zeigen, daß gewisse Kenntnisse vom Härten und
wohl auch Anlassen des Stahles ebenfalls als schon uralte anzusehen
sind[6618]. Besondere Wichtigkeit erlangte die Eisengewinnung in den
erz- und holzreichen kleinasiatischen Landschaften am südöstlichen
Ufer des schwarzen Meeres, bei den Mossynöken und Tibarenern (den
Moschern und Tubal des alten Testamentes)[6619], vor allem aber bei
den +Chalybern+, einem versprengten Reste der noch bei ~Herodot~
erwähnten Alarodier[6620]; sie können zwar nicht als eigentliche
„Erfinder der Kunst des Ausschmelzens von Erzen im Feuer, sowie
der Darstellung von Eisen und Stahl“ gelten, wohl aber als deren
eifrige und außerordentlich alte Pfleger[6621], von deren Namen
(Χάλυβες, Χαλύβοι) sich u. a. der griechische Name χάλυψ (Chályps)
für Stahl ableitet, den erst späte Scholiasten mit ~Chalyps~, einem
angeblichen Sohne des ~Ares~, in Verbindung bringen wollten[6622]. Als
chalybisches Erzeugnis lernten jedenfalls die Griechen, vermutlich
die kleinasiatischen, den Stahl zuerst kennen; das beim Propheten
~Jeremias~ erwähnte „nordische Eisen“ scheint gleichfalls Stahl der
Chalyber gewesen zu sein[6623]; endlich führte auch ein Trupp nach dem
Städtchen Doliche im nördlichen Syrien einwandernder Chalyber dort die
Verehrung des „~Baal von Doliche~, des Erfinders des Eisens“ ein[6624],
die noch zur Kaiserzeit durch syrische Söldner, Händler und Sklaven,
als die des „~Jupiter Dolichenus~“ weithin durch das römische Reich
verbreitet wurde, so daß z. B. Weihinschriften bekannt sind, die den
„Jupiter optimus maximus Dolichenus“ ausdrücklich „natus ubi ferrum
nascitur“ benennen („geboren, wo das Eisen herstammt“)[6625]. Dieser
Baal (= Gott) der Chalyber ist indes, wie ~Ed. Meyer~ erwies, kein
anderer, als der Feuer- und Gewittergott ~Teschub~ der Chetiter[6626],
und es erhebt sich hiernach die (derzeit nicht spruchreife) Frage, in
welchem Verhältnisse die Chalyber zu den Chetitern standen, und ob sie
vielleicht die Eisenerzeugung von ihnen entlehnten, oder umgekehrt? Daß
sich die Chetiter bereits zur Zeit ~Ramses~ II. (um 1300) altbewährten
Rufes in der Stahlerzeugung erfreuten und sich mit eisernen Waffen
und Geräten abgebildet finden, ist schon weiter oben erwähnt worden;
sie besaßen auch Sagen über ein den Daktylen (= Däumlingen) analoges,
schmiedendes Volk der Zwerge, Diener der „großen Göttin“, deren Kult
bereits im 2. Jahrtausend bei ihnen nachweisbar ist[6627].
In der +Ägäis+ erscheint das Eisen während der zweiten Hälfte des 2.
Jahrtausends, ist gegen 1100 schon recht verbreitet[6628] und in Cypern
vielleicht auch in Gestalt von Gußeisen nicht ganz unbekannt[6629]. Zu
+Troja+ wurden aus Schichten mittlerer Tiefe eiserne Rasierklingen,
sowie stählerne oder verstählte Dolche zutage gefördert[6630], und
ähnliche Funde sind auch aus der phrygischen Landschaft bekannt[6631].
Im +mykenischen+ Zeitalter fehlt anfänglich, z. B. in Mykene und
Tiryns, Eisen noch ganz und tritt auch später nur in sehr spärlichen
Mengen auf[6632], denn einzelne Exemplare von Waffen, die sorgfältig
mit Streifen aus Gold, Kupfer oder Bronze eingelegt sind, sprechen
noch für seine Seltenheit und Kostbarkeit[6633]; erst gegen Ende der
Periode erfolgt hierin jener tiefgreifende Wandel, der das allgemeine
Übergewicht des Eisens in den nachfolgenden Jahrhunderten anbahnt[6634].
Zu den +Griechen+ verbreitete sich das Eisen seit etwa 1500 von
Kleinasien, Syrien und Phönizien her, jedoch nur äußerst langsam[6635],
so daß eine eigentliche Eisenzeit erst mit dem Erlöschen der
mykenischen Kultur einsetzt und zu durchgreifender Bedeutung nicht vor
1300, nach anderen Forschern sogar nicht vor 1000 gelangt[6636]. Die
Erinnerung an eine Epoche, zu der es, wie ~Hesiod~ sagt, „noch kein
dunkles Eisen gab“ (μέλας δ’ οὐκ ἔσκε σίδηρος)[6637], und man dieses
Material noch nicht „zum Unheil der Menschheit entdeckt hatte“[6638],
war im heroischen Zeitalter noch nicht erloschen; den homerischen
Gesängen sind jedoch, namentlich in den Teilen mittleren und jüngeren
Alters, Eisen und Stahl schon durchaus geläufig (wenngleich sie
ihnen noch eine gewisse Seltenheit und Kostbarkeit zusprechen), und
der χαλκεύς (Chalkeús), der ursprünglich nur Kupfer und Edelmetall
bearbeitete, ist bereits zum Eisenschmiede geworden[6639]. Einen
σόλον ἀυτοχόωνον, d. i. einen erweicht gewesenen Eisenklumpen,
eine Rohluppe, setzt ~Achilleus~ als Kampfpreis aus[6640]; Eisen
dient als Tauschmittel[6641], ~Mentes~ bringt Eisen nach Temese
und holt dagegen dort Kupfer[6642]; der Schmied härtet φαρμάσσων
(d. h. ein Phármakon, ein Kunstmittel, anwendend) das Beil in kaltem
Wasser[6643]; Waffen und Werkzeuge bestehen aus Eisen, richtiger wohl
aus Stahl, der als κύανος (Kýanos) = der Blaue, oder als ἰόεις = der
Veilchenfarbige bezeichnet wird[6644]; das graue Eisen (πολιός) und
der funkelnde Stahl (αἴθοψ) sind πολύκμητος = mühevoll zu gewinnen
und zu bearbeiten[6645]; endlich ist auch oft schon in übertragenem
Sinne von einem eisernen Herzen, Gemüte, Kampfe usf. die Rede. Einen
besonderen Namen für Stahl gebraucht ~Homer~ nicht, ein solcher, und
zwar Adamas = der Unbezwingliche, findet sich erst bei ~Hesiod~,
der von einer ἀδάμας κυνέη, einer stählernen (ihrer Härte wegen
unbezwinglichen) Sturmhaube spricht[6646]. -- Den Stahl der Chalyber
lernten die Griechen anfänglich wohl in Kleinasien kennen, näher aber
erst seit der Kolonisation der Pontos-Küsten, die ungefähr gegen
750 begann[6647]; in der Litteratur tauchen die „eisenbearbeitenden
Chalyber“ (Χάλυβες σιδηροτέκτοντες) und ihr Erzeugnis, der Stahl
(χάλυψ, Chálybs), zuerst[6648] bei ~Aischylos~ auf[6649], später auch
bei ~Sophokles~[6650] und ~Euripides~[6651], bei ~Xenophon~, nach
dem „fast alle Chalyber von der Herstellung des Eisens (σιδηρία)
leben“[6652], und auch bei anderen Schriftstellern.
Wann die Griechen selbst mit der Eisengewinnung begannen, läßt sich
nicht genau angeben, doch dürfte es kaum vor 1000 geschehen sein[6653],
und zwar zunächst auf den erzreichen Inseln, wie Samothrake und
Euböa[6654], sowie in den erzreichen Landschaften, z. B. Sparta und
Böotien[6655], nicht aber in Kreta, Rhodus und anderen metallarmen
Gegenden[6656]; in diese verlegte erst eine spätere Zeit den Schauplatz
von Sagen, deren ursprüngliche Heimat das nordöstliche Kleinasien
und Kolchis, Syrien und Cypern, vor allem aber Phrygien war[6657],
und die gewisse übernatürliche Wesen betrafen, Zwerge oder Riesen,
bekannt als Daktylen, Kabiren, Kureten, Korybanten und Telchinen, die
in Wäldern und Höhlen das Schmiedehandwerk ausübten und als Meister
ihrer Kunst geschätzt, ebensosehr aber als arglistige und trugvolle
Bösewichte gefürchtet wurden[6658]. Ein Gedicht über die Kureten und
das Eisenschmieden soll bereits ~Hesiod~ verfaßt haben[6659]. Von
den Daktylen meldet der Dichter ~Hellanikos~ (gest. um 400)[6660] in
der „Phoronis“, sie hätten in Phrygien, im troischen Ida-Gebirge, als
ιδαῖοι γόητες (idäische Zauberer) und werktätige kunstgeübte Dämonen
die Bereitung des Eisens erfunden, und zwar im Dienste und Auftrage
der auch ~Adrasteia~ genannten „großen Göttin“, der „großen Mutter“,
der „Mutter der Berge“ (μήτηρ ορείη), die als Herrin der Klüfte auch
deren Erze durch ihre Gefolgleute, die κόβαλοι (Kobolde)[6661],
fördern und bearbeiten läßt. Über Zahl, Geschlecht und Name der
Daktylen gehen die Berichte jüngerer Quellen auseinander, was sich
aus dem unter hellenistischen und orphischen Einflüssen entstandenen
synkretistischen Wirrwarr und der Verbindung und Verwechselung mit
Kureten und Kabiren, Telchinen und Korybanten genügend erklärt;
nach ~Hellanikos~ jedoch hießen die drei phrygischen oder idäischen
Daktylen ~Kelmis~ (Amboß), ~Akmon~ (Hammerstein) und ~Damnameneus~
(Bezwinger)[6662]. Bis in späte Zeiten hinein gelten diese „Erfinder
und Bearbeiter des bläulichen Eisens (= Stahles) im phrygischen Ida“
als δημιουργοί (hier = Kunstkundige), φαρμακεῖς (hier = Wundertäter)
oder γόητες (Zauberer)[6663], und demgemäß spielt ~Damnameneus~ noch
in den Zauberpapyri eine Rolle[6664]; auch ~Plutarch~ erwähnt, daß
die (kauderwelschen) Worte „Damnameneus, askion, kataskion, lix,
tetrax, aïsion“ ein unfehlbares Schutz- und Heilmittel darstellten,
da sie „ephesische Charaktere“ seien, d. h. solche, die sich auch an
der Statue der ephesischen ~Diana~ angeschrieben fanden[6665]. Die
„große ~Diana~ von Ephesos“[6666] ist aber nur eine der Formen, unter
denen die schon wiederholt erwähnte „große Göttin“ seit dem zweiten
Jahrtausend in ganz Vorderasien verehrt wurde[6667], und mit ihrem Kult
gerieten die Daktylen offenbar auf die nämliche naheliegende Weise in
Verbindung, wie etwa mit jenem der ~Demeter~ als Herrin Samothrakes und
seiner Mysterien[6668]. Die Versetzung der Daktylen nach Kreta erklärt
sich vermutlich durch Identifikation des kretischen Berges Ida mit dem
phrygischen; auf welchem Wege aber aus den Daktylen, die in Phrygien
ursprünglich (wie schon ihr Name besagt) als Däumlinge angesehen
und verehrt wurden, die gewaltigen Riesen hervorgingen[6669], die
schließlich als cyklopische Schmiedegesellen des ~Hephaistos~ galten,
bedarf noch der näheren Erforschung.
Über die Technik der griechischen Eisendarstellung liegen nur
mangelhafte Nachrichten vor; ursprünglich scheint es sich um sog.
Rennarbeit gehandelt zu haben, bei der man die Erze in kleinen Gruben
mit Kohle zum μύδρος (Mýdros; Massa) niederschmolz, worauf dieser
dann noch glühend und weich zu Schmiedeeisen ausgehämmert wurde,
ein Vorgang, der nach ~Herodot~ noch zur Zeit des ~Krösus~ (im 6.
Jahrhundert) dem Zuschauer sehr neu und wunderbar erschien[6670]
und keineswegs stets derartig glückte, daß das Eisen tadellos und
frei von Hohlstellen (διπλόη, Diplóe) ausfiel[6671]. Derartiges
Schmiedeeisen dürften die sog. spartanischen Spieße (ὀβελοί, ὀβελίσκοι;
Obelisken) gewesen sein, die, ebenso wie eiserne Ringe und Barren, in
Sparta und anderen peloponnesischen Staaten als „Eisengeld“ dienten,
richtiger als Metall in gebrauchsfähiger und daher stets verwertbarer
Gestalt[6672]. Erster Erfinder des Zusammenschweißens (κόλλησις,
Kóllesis) von Eisenstücken, -- nicht, wie meist angenommen wird, des
Verlötens --, war ~Herodot~ zufolge[6673] ~Glaukos~ von ~Chios~ (um
700), der aber wohl eher nur als Verbreiter des Verfahrens anzusehen
ist[6674]. Eigentliches Gußeisen, also dünnflüssig geschmolzenes, nicht
nur in zäher Form +aus+geschmolzenes Eisen, scheint in Griechenland,
wie überhaupt bei den Alten, nicht oder nur im kleinen gelegentlich
dargestellt worden zu sein, da man keine Hochöfen besaß, die die zur
Gewinnung bedeutender Massen erforderliche Temperatur zu erreichen
gestatteten[6675]. Die einschlägigen Litteraturstellen sind durchwegs
so unsicherer und fragwürdiger Natur[6676], daß selbst jene Fachmänner,
die sie zugunsten einer Kenntnis des Gußeisens auszulegen geneigt
sind, entweder zugestehen, von Vorschriften einer eigentlichen
Gießereitechnik könne nicht die Rede sein[6677], oder annehmen, diese
wären aus nicht näher bekannten Gründen wieder in Vergessenheit
geraten und verloren gegangen[6678], -- wobei insbesondere noch eine
Bemerkung des Alexandriners ~Aristarchos~ (220-145) zu beachten ist,
der gemäß „Eisen nicht (so wie Erz) gegossen wird“[6679]. Was aber
die Fundstücke und deren metallographische Untersuchung anbelangt,
so dürfen die Deutungen nur mit größter Vorsicht aufgenommen und
keinesfalls verallgemeinert werden, da man von den Erzeugnissen des
Altertums in keiner Hinsicht Gleichmäßigkeit und Einheitlichkeit zu
erwarten, vielmehr stets zu bedenken hat, daß es sich um Produkte rein
empirischer Verfahren handelt, deren Beschaffenheit je nach der Art
der Rohstoffe und der Geschicklichkeit des Künstlers innerhalb weiter
Grenzen schwanken kann, und die nicht selten sogar am nämlichen Stücke
Übergänge zwischen den verschiedenen Arten des Eisens aufweisen[6680].
Die klare Erkenntnis, daß Gußeißen (mit 2,25-5% Kohlenstoffgehalt)
durch teilweise Entkohlung in Stahl (mit über 0,4-0,5% Kohlenstoff)
übergeht und umgekehrt, ist eben eine +sehr+ neue Errungenschaft; noch
was die besten Autoren des 16. bis 18. Jahrhunderts schreiben[6681],
läßt ersehen, wie gänzlich sie im Dunkeln tappen, ja noch 1805 sagt
der hervorragendste Technologe seiner Zeit, ~Beckmann~, mit gewohnter
Redlichkeit: „Was eigentlich das Eisen zu Stahl macht, wissen wir noch
nicht einmal, ... ob eine Verdichtung, ob ein Verlust oder Zusatz,
ob ein solcher von Kohlenstoff oder etwas anderem“[6682]. Ebenso
meint ~Döbereiner~ noch 1815, daß es eine Beimischung von Braunstein
sei, die das Eisen zum Stahle mache[6683]. Hiernach erscheint es
leicht begreiflich, daß zwar die Kunstgriffe, Eisen durch Erhitzen
und Abkühlen, Härten und Anlassen, in Stahl überzuführen, schon
frühzeitig entdeckt und ausgeübt wurden, daß man aber die Vorgänge
hierbei nur unzureichend zu beherrschen und gar nicht ihrem Wesen
nach zu beurteilen verstand. Dem Löschen in Wasser oder Öl, welches
letztere schon dem ~Hippokrates~ geläufig ist[6684], haftet daher in
seinen Wirkungen etwas Zauberisches an[6685], es ist ein Ummischen
und Umfärben (βαφή, Baphé), ein temperare und tingere[6686], dessen
Erfolg in weitgehendem Maße von der geheimnisvollen Beschaffenheit des
benützten Wassers abhängt[6687] und durch das Geheimmittel des für
äußerst „hitzig“ geltenden Bocksblutes in hohem Grade gefördert werden
kann[6688].
Den Namen des Eisens, der schon bei ~Homer~ σίδηρος (síderos), dorisch
und äolisch auch σίδαρος (sídaros) lautet[6689], brachte ~Pott~ mit
sidus (= Gestirn) in Verbindung, ausgehend von der Vorstellung über den
himmlischen Ursprung des Meteoreisens und die eiserne Beschaffenheit
des Himmelsgewölbes[6690]; nach ~Schrader~ fehlt aber hierzu jegliche
Berechtigung[6691], es ist vielmehr das kaukasische zido = Eisen
zugrunde zu legen, an das auch eine Reihe kaukasischer Ortsnamen
anklingt[6692]; ~Pauli~ endlich verweist auf ein ähnliches, in manchen
Eigen- und geographischen Namen Lykiens erhaltenes Wort, ferner auf das
verwandte etruskische sethala (Eisen), auf ~Sethlans~ (den etruskischen
~Vulkan~ = den Eisernen), sowie auf die Benennung Haithalia, Saithalia
(= Land des Eisens), die sowohl der dem ~Hephaistos~ heiligen Insel
Αἰθάλεια (Aitháleia, d. i. Lemnos) als auch dem eisenreichen Eilande
Elba zukommt[6693]. -- „Magnetis“ (ἡ μαγνησίη λίθος, der magnesische
Stein) ist nicht die Bezeichnung unseres heutigen Magneten oder
überhaupt eines bestimmten einheitlichen Minerals, sondern, wie schon
in früheren Abschnitten erwähnt, die sehr verschiedener Gesteine, die
im Gebiete der Städte namens Magnesia vorkommen, z. B. bei Magnesia am
Mäander, Magnesia am Sipylos, Magnesia in Mazedonien. Der eigentliche
Magneteisenstein war seit alters her bekannt und seiner wunderbaren
Eigenschaften halber auch als Heilmittel gebraucht, kann also sehr
wohl unter dem „magnetischen Stein“ der hippokratischen Schriften zu
verstehen sein[6694]; der μαγνῆτις λίθος des ~Theophrastos~ hingegen,
das silberglänzende Gestein, das man nach ihm u. a. auf der Drehbank
bearbeitete[6695], war vermutlich Hämatit, denn die oft prächtig
silberfarben schimmernden, feinkörnigen Varietäten dieses Erzes wurden
sowohl in Babylonien als in Ägypten schon seit jeher hochgeschätzt
und zur Herstellung von Siegelzylindern, Schmucksteinen u. dgl.
verwendet[6696].
In +Italien+ beginnt die eigentliche Eisenzeit um 1150 v. Chr.[6697],
doch war das Eisen, insbesondere das Elbas, schon einige Jahrhunderte
vorher bekannt[6698], vielleicht bereits bald seit dem Auftreten
der Etrusker, das einige Gelehrte vor der Mitte, andere gegen das
Ende des 2. Jahrtausends stattfinden lassen[6699]. In den ältesten
etrurischen Nekropolen von Felsina (Bologna) und Villanova spielt
das Eisen der Bronze gegenüber noch kaum eine Rolle[6700], nach dem
Jahre 1000 nahm aber seine Erzeugung erheblich zu und wurde bald
so bedeutend, daß aithalisches Eisen zur See bis nach Griechenland
ausgeführt wurde[6701]; in Oberitalien war jedoch Eisen um diese
Zeit noch sehr selten und in den Pfahldörfern der Po-Ebene, auch in
jenen, die an Kupfer und Bronze schon recht reich sind, fehlt es
gänzlich[6702]. In Rom gab es, wie die neueren Ausgrabungen erwiesen,
schon vor der Zeit der angeblichen Stadtgründung Eisenschmiede, deren
Erzeugnisse völlig die Formen der uralten bronzenen besaßen[6703].
Zu Beginn der Republik (um 500) unternahm es der etrurische König
~Porsenna~, den besiegten Römern jede Verwendung des Eisens außer
zu Ackergeräten zu verbieten[6704]; sie bedienten sich also damals
offenbar noch überwiegend des Erzes, das sich aber auch späterhin lange
Zeit mannigfacher Bevorzugung erfreute, die namentlich in kultischen
und abergläubischen Gebräuchen zutage tritt: so z. B. durfte bei
vielen religiösen Zerimonien, u. a. beim Dienste der Arvalbrüder,
kein Eisen benützt werden[6705], ebensowenig beim Beginne des
Pflügens und Aussäens, bei den Feld- und Gartenarbeiten während des
Vollmondes[6706], beim Einernten heilkräftiger Pflanzen[6707], usf.
Grund derartiger Vorschriften war die Annahme, das Eisen vernichte
und zerstöre die Wirkung der Geister, denen es widerlich und verhaßt
sei[6708]; in späterer Zeit entsprang ihr die Lehre, man könne Eisen,
als den Feind böser Geister, auch benützen, um diese fernzuhalten, zu
vertreiben, sowie ihren Zauber zu brechen, und es ist wahrscheinlich,
daß den eisernen Ringen der Römer, besonders den eisernen Brautringen,
der Charakter eines schützenden Amuletts zukam[6709].
Die Etymologie des Wortes „ferrum“ ist noch strittig; „acies“
bezeichnete, wie das griechische στόμωμα (Stómoma), ursprünglich die
Schärfe, den verstählten schneidenden Teil des Eisens, erst weiterhin
aber den Stahl selbst, der auch als „nucleus ferri“ = Knospe oder Blüte
des Eisens angesehen wird, also als dessen Bestes und Edelstes[6710].
In Ostasien ist +China+ ein ganz selbständiges Gebiet der
Eisendarstellung, die nach einigen Überlieferungen bis gegen 3000
zurückreichen soll[6711]; nach anderen hingegen besaßen die Chinesen
zur Zeit der Einwanderung der „hundert Familien“, d. i. des Volkes,
nur steinerne Waffen und Geräte, -- weshalb auch „Beil“ noch jetzt
mit dem Zeichen des Steines geschrieben wird --, und nahmen das
Eisen erst viel später in Gebrauch, ganz allgemein sogar erst in
den letzten Jahrhunderten v. Chr.[6712]. Auch die von ~Pfizmaier~
zusammengestellten Berichte melden, daß den Chinesen anfänglich das
Eisen fremd war[6713], daß sie es sodann kennen lernten und als Tribut
einhoben[6714], nachher aber auch selbst herstellten, und zwar mit so
großem Nutzen, daß „Eisenschmelzen“ für ein wichtiges und den Weg zum
Reichtum erschließendes Gewerbe galt, das zuletzt nur mit Genehmigung
der Obrigkeit und unter Überwachung durch eigene Beamte, die „Behörden
des Eisens“, betrieben werden durfte[6715]. Genaue Zeitangaben über
diese Entwicklung fehlen, doch wird z. B. erzählt, daß der Vater
des ~Confutse~ (~Confucius~), der zu Beginn des 6. Jahrhunderte
v. Chr. lebte, die Riesenkraft besaß, allein eine schwere eiserne
Gitter-Falltüre zu heben[6716], und daß um 500 v. Chr. chinesische
Lehrmeister die Kunst der Eisengewinnung nach Japan verpflanzten[6717].
Schon frühzeitig sollen die Chinesen den Eisenguß, die Überführung
von Guß- in Schmiedeeisen und umgekehrt, sowie die Darstellung des
Stahles verstanden haben[6718], doch mangelt es auch hier an sicheren
zeitlichen Bestimmungen. Die 5 m hohe gußeiserne Riesenfigur des
thronenden ~Buddha~ zu Tschinanfu wurde angeblich im 6. Jahrhundert
n. Chr. vollendet[6719]; ferner stellte man schon damals große eiserne
Glocken her, -- deren Schall, wie der aller Eisengeräte, die bösen
Geister vertreiben sollte[6720] --, obzwar keine so riesigen, wie die
1403 auf Befehl Kaiser ~Yumlös~ gegossene von 625 dz Gewicht[6721];
endlich verfertigte man aus Gußeisen auch kleinere Gegenstände, u. a.
die bekannten gelochten Scheidemünzen, die an Schnüren aufgereiht
werden[6722]. Ob dem Eisen und Stahl der Serer, die schon ~Plinius~ als
die besten von allen rühmt[6723], chinesischer Ursprung zuzuschreiben
sei, steht dahin, da die vielerörterten Fragen, wer die Serer waren,
wo ihre Wohnsitze lagen, und ob man sie als Erzeuger oder nur
als Vermittler anzusehen habe, noch immer nicht endgültig gelöst
sind[6724]. Der chinesische Buddha-Pilger ~I-Tsing~, der 671-695
n. Chr. Indien bereiste, rühmt den hohen Tauschwert des Eisens auf den
Inseln des chinesischen Meeres[6725]; die malayischen Bewohner des
indischen Archipelagus schätzten es hoch, fürchteten aber sein „Gift“
und zerstörten dieses vor der Benützung durch Zaubersprüche[6726];
die Araber bezogen schon in vorislamischer Zeit chinesische
Eisen-(Stahl-)Waffen und berichteten später über den Eisenreichtum
Chinas, über die dort befindlichen Magnetberge[6727] und über die
Gewinnung großer Mengen trefflichen Eisens und Stahles, -- deren auch
noch ~Marco Polo~ an verschiedenen Stellen seiner Landesbeschreibung
gedenkt[6728].
Den +Indern+ war das Eisen bereits in der letzten Hälfte des 2.
Jahrtausends bekannt, eine eigentliche Eisenzeit setzt aber erst um
1000 v. Chr. ein[6729], also gegen Ende der vedischen Periode[6730]; es
steht hiermit keinesfalls im Widerspruch, daß die Veden, deren Wortlaut
mancherlei Veränderung erlitt und schriftlich erst in verhältnismäßig
sehr neuer Zeit festgelegt wurde, sowohl des „dunkelblauen ayas“ (des
Stahles) gedenken[6731], als des Eisens, von dem es im „Rigveda“ heißt:
„Der Schmied, mit dürrem Reiserwerk,
Mit Flederwisch als Blasebalg,
Mit Amboßstein und Feuersglut,
Wünscht einen, der das Gold nicht spart“,
d. h. der ihm Aufträge erteilt[6732]. Verschiedene Stellen in den
epischen Gedichten, z. B. im „Ramâyana“, sind wegen der zahlreichen
Einschiebungen, die diese immer und immer wieder erlitten, nicht so
beweisend für ein unabsehbares Alter der indischen Eisentechnik, wie
~Oppert~ dies annahm[6733]; auch stammt die berühmte schmiedeeiserne
Kutub-Säule zu Delhi nicht, seiner Voraussetzung gemäß, aus dem 9.
+vor+-, sondern aus dem 4. +nach+christlichen Jahrhundert[6734]. Da
sie indessen bei 60 cm Durchmesser und 7,5 m Höhe etwa 170 dz schwer
und außerdem in höchst merkwürdiger, bisher nicht näher aufgeklärter
Weise zusammengeschweißt ist, so setzt auch schon das angegebene Alter
eine lange und stetige Entwicklungszeit der Schmiedekunst voraus,
und für diese zeugen noch einige andere kleinere, aus einzelnen
Stücken verschweißte, teils hohle, teils mit Schlacke gefüllte
Säulen und Träger im Tempel zu Dhar (Mittelindien) und in der Pagode
zu Orissa (Bengalen)[6735]. Die Gewinnung des Eisens erfolgte in
Indien und auch in Ceylon, wo es schon im 1. Jahrhundert n. Chr.
häufig und vielgebraucht war[6736], durch Rennarbeit, vermutlich
in ganz den nämlichen, oft auffällig kleinen Öfen, deren sich die
Schmiede und die in Indien noch sehr verbreiteten Wanderschmiede,
bis auf den heutigen Tag bedienen[6737]; der erweichte Eisenklumpen
wurde dann ausgeschmiedet, worüber es bereits in den seit etwa 1000
v. Chr. abgefaßten „Upanischaden“ in einem Gleichnisse heißt: „(und
dies geschieht) ... gerade so, wie ein Eisenklumpen, vom Feuer
überwältigt und von den Werkleuten gehämmert, mannigfaltige Gestalten
annimmt“[6738].
An das fertige Eisen knüpften sich zahlreiche abergläubische
Vorstellungen: Pflanzen, die in der Nähe von Eisen wuchsen, galten für
giftig; mit Wunder- oder Heilkräften begabte Pflanzen durften nicht mit
eisernen Geräten berührt oder geschnitten werden[6739]; zwei eiserne
Schwerter, die auf dem Grunde eines Brunnens lagen, wehrten Sturm und
Hagel ab, wenn man sie hervorholte und in die Erde pflanzte[6740], usf.
Indisches Eisen und indischer Stahl (στόμωμα) waren nach ~Plinius~
bereits zu Anfang der Kaiserzeit hochgeschätzt[6741] und wurden u. a.
auch nach Ostafrika ausgeführt[6742], dessen Eisen man vielleicht
schon damals, jedenfalls aber in späteren Jahrhunderten, nach Indien
verschiffte, weil es besseren Stahl ergeben sollte als das indische
selbst[6743]. Seit alters her gelangte ferner indischer Stahl nach
Arabien[6744], Persien und Syrien, später aber bezog man ihn dorthin
oft nur in Blöcken, um ihn erst entsprechend umzuarbeiten[6745];
berühmt waren die Schwerterschmiede der von Kaiser ~Diokletian~ in
Damaskus angelegten Waffenfabriken, die ihre Kunst, allen Stürmen der
Zeiten trotzend, von Geschlecht zu Geschlecht vererbten, bis 1399
~Tamerlan~ ihre letzten Nachkommen gewaltsam aufhob und ins Exil nach
Samarkand und Chorasan verschleppte[6746]. -- Der sog. „damascierte
Stahl“ war aber ursprünglich +kein+ damascener Erzeugnis, sondern
gelangte nur über diese Stadt in den Handel, oder wurde dort zu den
wegen ihrer Schönheit und Biegsamkeit hochgeschätzten damascener
Klingen und Schwertern umgeschmiedet, und zwar aus einem Rohmaterial,
dessen Heimat Indien und vor allem die Gegend des Pendschabs war[6747].
Seine Herstellung geschieht dort noch heutzutage im kleinen, indem man
das aus sehr reinen Erzen gewonnene Schmiedeeisen in Stäbchen zerteilt,
diese in gewisser Weise mit Holz und Blättern bestimmter Pflanzen
zusammenschichtet und erhitzt, das entstehende Gemisch an Kohlenstoff
ärmeren und reicheren Eisens wiederholt umschmiedet und es schließlich
anätzt, wobei die Säure das kohlenstoffreichere Produkt schwächer
angreift und hierdurch die bekannte wellen- oder flammenförmige
Zeichnung erzeugt; als wesentlich ergibt sich hierfür, daß genügend
lange, aber nicht zu stark (keinesfalls bei oder oberhalb 700°)
geglüht und die fertige Mischung der Eisen-Kohlenstoff-Verbindungen
(feinkörnigen Cementits und Perlits) weder einer zu hohen Temperatur
ausgesetzt noch während der Abkühlung durchgearbeitet wird[6748].
Unrichtig ist, daß dabei geringe, aus den benützten Erzen herrührende
Gehalte an seltenen Bestandteilen, z. B. an Wolfram, von Einfluß
sind, und fraglich, ob sich ein schon 1780 von ~Perret~ erwähntes
eigentümliches Härten (durch Abkühlen mit kalter, durch eine
schmale Spalte austretender Preßluft) als nützlich oder notwendig
erweist[6749]. Das Zusammenschweißen von fertigen Stäben Stahl und
Schmiedeeisen nebst etwas Holzkohle, Graphit oder Roheisen, -- oft
nach ganz bestimmten Mustern --, ergibt zwar in den Händen Geübter
recht schöne Ware, führt aber stets nur zu mehr oder minder gelungenen
Nachahmungen der eigentlichen echten; Schärfe und Gleichmäßigkeit der
Zeichnung, sowie Glanz und Schiller ins silber- oder goldfarbige hängen
dabei völlig von Beschaffenheit, Reinheit und Mischungsverhältnis
der Rohstoffe ab, sowie von Erfahrung und Geschicklichkeit des
Ausführenden[6750].
Die alten +Araber+ schrieben nach ~Ibn Rusteh~ (um 900) die Erfindung
der eisernen Pflüge, Waffen und Geräte meist dem König ~Salomon~ zu,
verlegten sie also in die mythische Vorzeit, während ~Thaʿalibi~ (um
1000) zu erzählen weiß, der um etwa 500 Jahre ältere ~Dhu Ihzan~ aus
dem Stamme der Himjariten sei zuerst auf den Gedanken gekommen, die
Speeresspitzen aus Rinderhorn durch solche aus Eisen zu ersetzen[6751].
In Wirklichkeit bestand aber schon in vorislamischer Zeit eine alte
einheimische Eisenindustrie in Ostarabien, Bahraïn, Oman und Jemen,
wo Lanzen, Helme, Schwerter und auch Panzer angefertigt wurden, die
besten aus persischem, indischem und angeblich auch chinesischem
Eisen und Stahl, welche letzteren man auf dem Seewege erhielt[6752].
Die Behauptung, die ersten Schwerter hätten aus Eisen des Himmels =
Meteoreisen bestanden, ist eine bloße Sage[6753], gegen die nicht
nur die Schwierigkeit spricht, dieses Material zu schmelzen und zu
bearbeiten, sondern auch die Tatsache, daß die Schmiede bei den
Arabern seit jeher und bis auf den heutigen Tag mißachtet sind, für
stammfremd gelten und außerhalb der Ehegemeinschaft stehen[6754]; es
ist dies um so auffälliger, als die 57. Sure des Korans lehrt, daß
das Eisen eine den Menschen von ~Allah~ verliehene Gabe sei, weshalb
es die Araber, abweichend von vielen anderen Völkern, auch niemals als
solches hinter Kupfer oder Bronze zurücksetzten[6755]. Nach Beginn
der Eroberungskriege und zur Zeit des Khalifats entfaltete sich die
Eisenindustrie in glänzender Weise, worüber schon weiter oben Näheres
berichtet wurde, und zwar besonders in Syrien und Persien[6756], in
Kerman[6757], in Transoxanien, das jährlich 1300 Barren als Tribut
bezahlte[6758], aber auch im Maghreb (Westafrika)[6759]. Persisches
Harteisen, fulâd (= Stahl), gehörte zu den wichtigsten Ausfuhrwaren
nach Indien und China[6760], obwohl die Araber bis zur Schwelle der
Neuzeit hin auch wieder indischen Stahl nach den ägyptischen, syrischen
und kleinasiatischen Häfen brachten[6761], zugleich aber europäische
Eisenwaren aller Art über Ägypten nach Indien verkauften[6762].
Arabischer Vermittlung verdankt der indische Stahl auch seinen hohen
Ruf bei den mittelalterlichen Schriftstellern, die ihn nicht selten
als den vorzüglichsten und widerstandsfähigsten der Welt anpreisen;
in dieses Lob stimmen selbst die Dichter ein, wie z. B. ~Wirnt von
Gravenberch~ (um 1210) an einer Stelle seines „~Wigalois~“ sagt[6763]:
„Dort in der innren India
Da hat von bester Art man Stahl,
Der glänzt wie rotes Gold zumal
Und ist so hart, daß er den Stein
Zerschneidet wie ein Stäbchen fein.“
In +Mitteleuropa+ beginnt die eigentliche Eisenzeit um 1000 v. Chr.,
wenn auch vereinzelte Gegenstände schon einige Jahrhunderte vorher
bekannt gewesen sein mögen[6764], und umfaßt die ältere sog.
Hallstädter- und die jüngere sog. La Tène-Periode, deren Zeitgrenze
etwa das Jahr 400 v. Chr. bildet[6765]. Nach ~Forrer~ scheint man
anfangs versucht zu haben, kleinere Gegenstände nach Art der Bronze
und in ähnlichen Formen durch Guß herzustellen[6766], wobei sich
in der Regel bedeutende Schwierigkeiten und unzureichende Erfolge
ergeben mußten, die das neue Metall nur langsam und spärlich Boden
fassen ließen; daher weisen auch die späteren Pfahlbauten nur
wenige eiserne Schmucksachen auf, z. B. hin und wieder Bronzebeile
mit eingelegten Eisenklingen, u. dgl.[6767]. Zur Hallstädter Zeit
hatte, falls überhaupt noch kleinere Gußsachen vorkamen[6768], die
Schmiedekunst schon das völlige Übergewicht erlangt und hierdurch dem
Eisen ausgebreitete und steigende Anwendung gesichert; Schmuck ist
selten, Waffen, Werkzeuge und Geräte werden aber in verhältnismäßig
bedeutenden Mengen angefertigt und auch schon oberflächlich gehärtet
und verstählt[6769]. Noch größere Ausdehnung und Mannigfaltigkeit
erreicht die Erzeugung zur La-Tène-Zeit[6770], daß es aber damals
auch eine Gußtechnik gegeben habe, die aus unbekannten Gründen wieder
verloren gegangen und dann erst gegen Ende des Mittelalters aufs
neue entdeckt worden sei[6771], ist ganz unwahrscheinlich und wird
durch die gemachten Funde nicht bestätigt. Die metallographische
Prüfung der Erzeugnisse beider Perioden erweist die Auswahl guter, oft
sogar vorzüglicher Erze und weitgehende Erfahrung hinsichtlich der
Ausgleichung von Fehlern der Materialien durch die Bearbeitung, lehrt
aber zugleich, daß diese doch noch eine äußerst unvollkommene und
unregelmäßige war, so daß z. B. von ausreichender Trennung zwischen
Schmiedeeisen und Stahl gar nicht die Rede sein kann, und Gegenstände
besserer Beschaffenheit auch dann als Einfuhrware (meist etruskische)
gelten dürfen, wenn nicht schon andere Kennzeichen sie mit Sicherheit
als solche erweisen[6772].
Träger der Hallstädter Kultur scheinen +Illyrier+ gewesen zu
sein[6773], Träger der von La-Tène +Kelten+[6774]. Letztere waren schon
lange vor der römischen Zeit im Bergbau wohlerfahren und verstanden
bereits, Schwerter, Speere, Spieße u. dgl., ferner Handwerkszeug und
vielleicht auch eine Art zum Tauschhandel dienlicher Eisenbarren
in ganz der nämlichen Weise herzustellen, von der später ~Caesar~
berichtet[6775]; auch wußten Kelten und Keltiberer frühzeitig
treffliche Stahlwaffen zu gewinnen[6776], deren außerordentliche Härte
und Biegsamkeit bereits der Kriegsschriftsteller ~Philon~ (gegen 200
v. Chr.) als eine altbekannte rühmt[6777], und zwar sollen sie zu
diesem Zwecke das Eisen zunächst in die Erde eingegraben und so lange
in ihr belassen haben, bis die weniger widerstandsfähigen Anteile
verrostet waren, und nur das Brauchbarste als Kern (nucleus = acies)
übrigblieb[6778]. -- Die +Germanen+, denen ursprünglich, wie allen
Indogermanen, allein das Kupfer bekannt war, -- noch ~Herodot~ meldet
als etwas Besonderes, daß ein Skythenstamm seinen Kriegsgott unter der
Gestalt eines eisernen Schwertes (σιδήρεος ἀκινάκης) verehre[6779]
--, empfingen das Eisen, sowohl Sache wie Namen, etwa seit dem 4.
Jahrhundert v. Chr. von den Kelten[6780]; in das Licht der Geschichte
eintretend besitzen sie bereits Eisen und Stahl, wenngleich, wie noch
~Tacitus~ hervorhebt, nur in bescheidener Menge[6781], und bereiten
es durch Ausschmelzen der Erze in kleinen Erdlöchern mittels des
Gebläses, sowie durch Aushämmern der Rohluppen in jenen urwüchsigen
Waldschmieden, die sich in wenig veränderter Gestalt bis tief ins
Mittelalter hinein erhielten[6782]. Auch bei ihnen gelangte erst in
der Eisenzeit die Kunst des Schmiedens zur eigentlichen Entwicklung,
daher ist ihnen der Schmied, für den die Indogermanen noch keine
Bezeichnung haben, und der im Gotischen smitha, im Altnordischen smîdr,
im Althochdeutschen smid heißt, anfänglich nur ganz im allgemeinen ein
Künstler, ein zu irgendwelchen Handgriffen Geschickter, der sich z. B.
auf das Holzschnitzen, oder auf das Zurechtmachen und Wiederherstellen
von allerlei Hausgeräten versteht usf.[6783]. Erst weiterhin wird er
zum ausschließlichen Fachmanne, zum Eisen-Schmiede, dem angesichts
seiner besonderen Kunst ein gewisser Schein des Weisen, Wundertätigen
und Zauberers anhaftet; in dieser Eigenschaft vollbringt er
übernatürliche Taten, wie sie die Sage etwa von ~Wieland dem Schmied~
berichtet[6784], überlistet und vertreibt er böse Geister und Dämonen
(später auch den Teufel), heilt dadurch als „Kurschmied“ kranke Tiere
und Menschen und verfertigt eiserne Opfer- und Weihe-Gaben aller Art,
wie sie bei der katholischen Bevölkerung des deutschen Südens noch
gegenwärtig eine wichtige Rolle spielen[6785]. Der deutsche +Name+,
Eisen, wird seitens einiger Forscher vom gemein-keltischen und in
vielen geographischen Bezeichnungen der Kelten nachklingenden isarno
abgeleitet, dessen erste Silbe is mit ayas, aes, aiz (ursprünglich =
Kupfer) zusammenhängen soll, und das zunächst in das germanische îsarn,
eisarn überging[6786]; nach anderen aber hat isarno nichts mit ayas
oder aes zu tun, sondern kommt vom keltischen isarâ = stark, kräftig,
das sich in zahlreichen Flußnamen erhalten hat (u. a. in Isarkos =
Eisack), und bedeutet also das starke, kräftige Metall (gegenüber dem
Kupfer und der Bronze). Da aber die angedeuteten Namen, auch Isarkos,
ursprünglich illyrisch sein sollen, so gilt hiernach die Voraussetzung
für gerechtfertigt, die Kelten hätten hinwiederum das Metall und seinen
Namen den Illyriern entlehnt, womit es übereinstimme, daß illyrische
Veneter als Träger der älteren Eisenkultur der Hallstädter Zeit
anzusehen seien[6787].
Im +Norden+ Europas, z. B. in Schweden, wird Eisen um 800 v. Chr.
bekannt[6788], die Eisenzeit aber beginnt nach ~Montelius~ und ~S.
Müller~ frühestens um das 5. Jahrhundert v. Chr.[6789]; es werden
eiserne Schmucksachen, Waffen und Werkzeuge dargestellt[6790],
im ganzen geht aber die nordische Entwicklung nur äußerst langsam
vor sich, so daß z. B. nach Norwegen bessere Stahlwaren noch im 9.
Jahrhundert n. Chr. aus Lüttich zur Einfuhr gelangen[6791].
Während die östlichen +Finnen+ das Eisen mit dem iranischen oder
kaukasischen Lehnworte andun benennen, heißt es bei den Westfinnen
rauta (ursprünglich = Kupfer)[6792], wonach ~Schrader~ vermutet,
die Finnen hätten es erst durch ihre germanischen Nachbarn kennen
gelernt und wären anläßlich seiner Benützung allmählich zu tüchtigen
Schmieden geworden[6793]. Nach ~Hackmann~ besaßen indessen die im
4. oder 5. Jahrhundert in ihre jetzigen Sitze einwandernden Finnen
bereits die Kultur des Eisenzeitalters[6794], und die alten Sagen
der „Kalewala“ gedenken in der Tat unzählige Male des Eisens, des
Stahles und der Schmiede, und schildern auch in ausführlicher Weise
die Vorstellungen, die man sich von der Entstehung des Eisens aus dem
Sumpferze machte[6795]. Im „Kalewipoeg“ ist sehr häufig von Eisen und
Stahl die Rede, u. a. von „Stahl, gehärtet mit 7 Wässern“[6796]; in den
„Mythischen und magischen Liedern der Esthen“ schmelzen und schmieden
die „Unterirdischen“ das Eisen, „dessen Wunden giftig sind“[6797], und
in den „Esthnischen Märchen“ sind eiserne Geräte „Gegenstände täglichen
Gebrauches, bei uns zu Lande verfertigt“[6798].
Völlig irrtümlich ist die Angabe, man habe im Norden schon zu
sehr früher Zeit die Kunst verstanden, Weißblech darzustellen,
also das Eisen zu verzinnen; diese Erfindung wurde vielmehr aller
Wahrscheinlichkeit nach während des 14. Jahrhunderts im Erz- und
Fichtelgebirge gemacht, auf das Sorgfältigste geheimgehalten und erst
um 1665 an einen aus England entsandten Auskundschafter verraten[6799].