10. Quecksilber.

Das Quecksilber, das in der Regel als Begleiter seines wichtigsten

Erzes, des Zinnobers (Schwefel-Quecksilbers) auftritt und in

verschiedenen Ländern der alten und neuen Welt vorkommt, wenn auch

nur selten in größerer Menge, dürfte durch seine auffälligen äußeren

Eigenschaften schon seit jeher die Aufmerksamkeit der Beobachter erregt

haben; weil aber die Möglichkeit regelmäßiger Verwendung fehlte, wie

sie z. B. der Zinnober zu allen Zeiten und in allen Weltteilen als

Farbstoff fand, -- zunächst zwecks Bemalung des menschlichen Körpers

--, so blieb ihm auf lange hinaus nur der Reiz einer Merkwürdigkeit

anhaften.

Als ältester Fund von Quecksilber ist der durch ~Schliemann~ während

seiner ägyptischen Reisen zu Kurna gemachte anzusehen, woselbst aus

Gräbern, die dem 16. oder 15. Jahrhundert v. Chr. angehören, ein

kleines mit Quecksilber gefülltes Gefäß zutage gefördert wurde,

vermutlich ein Amulett, nach Art der Quecksilber enthaltenden Nüsse,

Kapseln und Federspulen, die im Orient noch gegenwärtig im Gebrauch

stehen[6466]; wahrscheinlich stammte es aus Kleinasien, vielleicht

aber auch aus Spanien, dessen nächst dem späteren Sisapo (dem heutigen

Almaden) gelegenen Gruben bereits zu +sehr+ früher Zeit ausgebeutet

wurden[6467] und u. a. auch den schon in den biblischen Schriften

(z. B. im „Hohen Liede“) erwähnten „Stein von Tarschisch“ lieferten,

d. i. den krystallisierten Zinnober, der wegen seines goldroten

Glanzes auch als Chrysolith (= Goldstein) bezeichnet wurde[6468]. --

Unbewiesen ist, daß die Quecksilber-Gewinnung zu Avala, im jetzigen

Serbien, in eine gleich entlegene Vergangenheit zurückreiche; die dort

vorgefundenen Tonschalen und -töpfe, die zum Sammeln des Quecksilbers

gedient haben sollen, sind nicht als „urgeschichtliche“ anzuerkennen,

sondern bestenfalls als vorrömische[6469].

In +Griechenland+ ist nicht, wie meist angegeben wird, ~Theophrastos~

der erste, der das Quecksilber erwähnt, sondern ~Aristoteles~ (gest.

322), nach dessen Bericht der halbmythische Allerweltskünstler

~Daidalos~ ἄργυρον χυτόν, d. i. „geschmolzenes Silber“ (= Quecksilber)

in die Höhlung eines hölzernen Abbildes der ~Aphrodite~ eingoß, um

es dadurch beweglich erscheinen zu lassen[6470]. Nach ~Natorp~ hätte

diese Erzählung erst der attische Komöde ~Philippos~ aufgebracht, und

zwar als „rationelle Erklärung“ der Behauptung, dem ~Daidalos~ sei es

zuerst gelungen, Statuen mit der Gabe und dem Anscheine wahrer Bewegung

zu schaffen, weshalb sie gar nicht als eine ernstliche aufzufassen

wäre[6471]; dies kann indessen dennoch sehr wohl der Fall sein, denn

schon eine Figur etwa nach Art der sog. „Stehaufmännchen“, oder dergl.,

dürfte der damaligen Zeit als etwas höchst Wunderbares erschienen sein.

Daß das Quecksilber spätestens zu Anfang des 5. Jahrhunderts bereits

wohlbekannt war, zeigt übrigens eine bisher unbeachtet gebliebene

Stelle der um diese Zeit verfaßten „Indika“ des ~Ktesias~[6472]; er

fabelt in ihr von einer zu Indien fließenden Quelle „flüssigen Goldes“

(ὑγροῦ χρυσίου), das offenbar als indisches Wunderprodukt das „flüssige

Silber“ (ἄργυρον ὑγρόν) noch übertrumpfen soll und demgemäß auch dessen

entsprechend umgebildeten Namen trägt. -- Über die nahe Beziehung, in

der Quecksilber zum Zinnober steht, sowie über die Möglichkeit, es

aus ihm zu gewinnen, war man sich um die Zeit des ~Theophrastos~ (um

300) schon seit langem im klaren; doch sind seine und seiner Nachfolger

einschlägige Angaben sämtlich undeutlich und verworren, da ihnen allen

der springende Punkt verborgen blieb, nämlich die Notwendigkeit eines

Zusatzes von Metall oder einem anderen Reagens (z. B. Kalk), das zum

Schwefel des Zinnobers eine größere Verwandtschaft besitzt als das

Quecksilber; ~Theophrastos~ selbst schreibt z. B. vor[6473], den

Zinnober, der sich reichlich bei Ephesus in Kleinasien, in Kolchis und

in Spanien vorfinde, unter Beigabe von Essig in einem kupfernen Gefäße

mit einem kupfernen Stämpfel zu verreiben, wobei sich Quecksilber

(ἄργυρος χυτός) abscheide [insoweit etwas Schwefel in Form von

Schwefelkupfer abgespalten wird][6474].

Wo die Bildung der Amalgame und die Löslichkeit der Edelmetalle

in Quecksilber entdeckt wurde, ist nicht bekannt, doch dürfte es

in Kleinasien oder in Ägypten geschehen sein, woselbst, wie schon

weiter oben erwähnt, das Vergolden mit Quecksilber-Amalgam sowie die

Herstellung der Goldschrift zu den Geheimnissen der Tempelwerkstätten

gehörte. Um Beginn unserer Zeitrechnung beschreibt ~Vitruv~[6475] die

Gewinnung von Quecksilber aus den Dämpfen des im natürlichen Zinnober

eingeschlossenen [oder beim Erhitzen mit einem Zusatze aus ihm frei

werdenden] Metalles durch Kondensation an den Deckengewölben der

Öfen und erwähnt bei diesem Anlasse auch das Ausziehen des Goldes

mittels Quecksilbers aus der Asche alter, unbrauchbar gewordener

Goldstickereien. ~Plinius~, dem besagter Kunstgriff ebenfalls geläufig

ist[6476] und der auch der kalten, sowie der Feuer-Vergoldung mit

Quecksilber gedenkt[6477], unterscheidet das natürliche „argentum

vivum“ (= lebendiges Silber) vom künstlichen „hydrargyrum“ (=

Silberwasser) und bespricht die Darstellung dieser „ewig flüssigen“

Substanz (liquor aeternus) aus Zinnober nach der Vorschrift des

~Theophrastos~, sowie nach einem höchst unvollkommenen Destillations-,

richtiger Sublimations-Verfahren durch Erhitzen in einer überdeckten

eisernen Schale[6478] [wobei, falls nichts anderes beigefügt wurde,

das Eisen den Schwefel zu binden hätte]. Nach ~Dioskurides~[6479]

findet sich das Quecksilber (ὑδράργυρος, Hydrárgyros) in den Gruben

(ἐν μετάλλοις), ist sehr giftig, besonders in Gestalt seines

Dampfes, und wird aus dem Zinnober mit Hilfe eines [sehr primitiven]

Sublimations-Apparates gewonnen, der aber immerhin schon aus zwei

Teilen besteht, und an dessen oberem, dem ἄμβιξ (Ambix = Deckel), sich

das Quecksilber als ἀιθάλη (Aithále = Dunst) ansetzen soll.

Über die wichtige Rolle des Quecksilbers bei den alexandrinischen

Alchemisten ist schon in früheren Abschnitten eingehend

berichtet worden, desgleichen über die hervorragende Bedeutung

der vermutlich im 4. Jahrhundert n. Chr. gemachten Entdeckung

der Quecksilber-Destillation[6480], sowie über die auf gewisse

aristotelische Anschauungen hin entwickelte Theorie des Bestehens

aller Substanzen, vornehmlich aber aller Metalle, aus Schwefel und

Quecksilber[6481]. Für die fortgesetzte Verwendung zu mancherlei,

denen des ~Daidalos~ ähnlichen Kunststücken zeugt die Erwähnung

solcher bei ~Heron~ von ~Alexandria~[6482] (dessen Lebenszeit bald

in das 1. oder 2. Jahrhundert +vor+, bald +nach+ Chr. verlegt wird)

und vielleicht bei ~Hippolytos~ in dem um 200-230 verfaßten Kapitel

„Gegen die Magier“[6483]; dort ist namentlich auch von der Vergiftung

durch Eingießen des Quecksilbers in die Ohren die Rede [die man als in

unmittelbarer Verbindung mit dem Sitze der Seele stehend wähnte][6484].

Bei den griechischen Ärzten scheint, eben seiner Giftigkeit halber,

Quecksilber nicht oder kaum in Gebrauch gestanden zu sein; ~Galenos~

(131-200?) führt es auffälligerweise nur als ein (offenbar aus Zinnober

gewonnenes) Präparat an, das sich als solches etwa dem Bleiweiß

oder dem Grünspan anschließt, schweigt völlig über sein natürliches

Vorkommen, fügt jedoch hinzu, daß ihm weder über die äußere noch die

innere Anwendung dieser giftigen Substanz irgendwelche eigene Erfahrung

zu Gebote stehe[6485]. Auch spätere Ärzte, wie ~Oreibasios~ (326-403)

und ~Caelius Aurelianus~ (um 400), ~Alexander~ von ~Tralles~ (um 550)

und andere benützen das giftige Quecksilber nicht, und erst bei ~Paulos

Aigineta~ (um 640) findet sich eine kurze unklare Bemerkung über „zu

Asche gebranntes Quecksilber“ als angebliches Heilmittel bei Koliken

und Darmverschlingungen[6486].

Stätten der äußeren und inneren Anwendung, die der Ausspruch des

~Galenos~ bezeugt, dürften +Ägypten+ und der +Orient+ gewesen sein,

woselbst man es frühzeitig verstand, das „bewegliche und lebendige

Quecksilber“ durch Verreiben mit Schwefel, Alkalien, Fetten, Ölen,

Speichel usf. in feine Verteilung zu bringen, unbeweglich zu machen,

also „abzutöten“, und die so dargestellten Mittel zur Bekämpfung der

beiden schlimmsten Landesplagen zu verwenden, der Hautkrankheiten und

des Ungeziefers. In Persien z. B., dessen Provinzen und Nachbarländer

reich an Quecksilber sind[6487], waren, wie die Art der Erwähnung

in der ersten persischen Pharmakologie des ~Abu Mansur~ (um 975)

zeigt[6488], Quecksilbersalben zur Bekämpfung von Ekzemen und

Parasiten, namentlich Läusen, jedenfalls schon seit Jahrhunderten

wohlbekannt, und dem arabischen Schriftsteller ~Ibn Qutaïba~ (834-898)

ist daher die Vertreibung der Läuse durch Quecksilbersalbe schon etwas

ganz Geläufiges[6489]. ~Alrazi~ (10. Jahrhundert) erzählt[6490], daß

er einem Affen Quecksilber eingegeben und es als solches unschädlich

befunden habe, außer beim Eingießen in die Ohren; dagegen seien

„getötetes“ Quecksilber (extinctum = ausgelöschtes), oder gar

„sublimiertes“ (Sublimat), desgleichen auch Zinnober, furchtbare

Gifte, die sich aber eben deshalb in Form von Salben vortrefflich zur

Vernichtung der Läuse und zur Heilung gewisser Hautkrankheiten eignen.

~Avicenna~ (~Ibn Sina~; 11. Jahrhundert) sagt im „Canon der Medicin“,

Quecksilber in Substanz, natürliches wie aus Zinnober dargestelltes,

-- die sich, entgegen der Ansicht des ~Galenos~, als identisch

erweisen, und mit Schwefel behandelt Zinnober zurückergeben, -- sei bei

einmaliger Anwendung nur gefährlich, wenn man es ins Ohr eingieße, bei

andauerndem Gebrauche aber giftig, und führe entsetzliche Folgezustände

herbei, ganz besonders in Form seines Dampfes; getötet (extinctum),

sublimiert, oder in Zinnober verwandelt, sei es dagegen innerlich unter

allen Umständen ein schreckliches Gift, solle aber auch äußerlich

nur mit großer Vorsicht gehandhabt werden, so ausgezeichnet es sich

auch bei der Heilung von Hautkrankheiten (scabies), Skrofeln, Wunden,

Fisteln, Geschwüren und Krebs, sowie bei der Vernichtung von Läusen und

anderem Ungeziefer bewähre[6491]. In gleicher Weise wie ~Alrazi~ und

~Avicenna~, und ohne wesentlich Neues hinzuzufügen, äußern sich auch

alle späteren arabischen Ärzte, z. B. der sog. jüngere ~Serapion~ (~Ibn

Sarafiun~)[6492].

Über die Quecksilber-Teiche, die die arabischen Herrscher des 9. und

10. Jahrhunderts zur Verzierung ihrer Schloßgärten in Cordova, Kairo

und Bagdad anlegen ließen, ist schon weiter oben berichtet worden.

Ein Stoff, der in so großen Mengen zur Verfügung stand, mußte auch

im übrigen allgemein bekannt sein, und dies bestätigen u. a. die

Erwähnungen in der schönen Litteratur. Bei dem Dichter ~Mutanabbi~

(915-965) heißt es[6493]:

„Unsere Augen rollen wir voll Angst und Verwirrung;

So wie das Quecksilber rollt, rollt Lid auf dem Lid“;

bei ~Unsuri dem Perser~ (gest. 1038)[6494]:

„Sein Schwert, geschwungen gen den Feind,

Quecksilber Dir im Feuer scheint“;

bei ~Thaʿalibi~ (961-1038)[6495]:

„Es glänzt der Stern des Jupiter

Quecksilber, dem Bewegten, gleich“;

bei ~Omar Alkhajjam~ (um 1100)[6496]:

„Füllt mir den Becher! Mein Herz steht in Flammen!

Wie Quecksilber nur hält das Leben zusammen!“,

und ein Unbekannter, der die silberglänzenden Tropfen des Morgentaues

als Quecksilber vom Himmel herabfallen läßt[6497], preist die Gnade des

Khalifen mit den Worten:

„Er träufelt vom Gewölb des Regenbogens

Quecksilber auf die Erde, die durchnäßte“[6498].

Die Erzählungen „1001 Nacht“ gedenken des Quecksilbers als eines

Heilmittels, nennen einen eiligen Hin- und Herläufer ~Ali Zaibak~ =

Ali den quecksilbernen, und sprechen von Zinnober als einer kostbaren

Farbe der Bilder- und Schriftenmaler[6499]. Vielfach beschäftigten

sich, wie ebenfalls schon erwähnt, die arabischen Physiker und Chemiker

mit dem Quecksilber: ~Albiruni~ (gest. 1048) und ~Alkhazini~, der

Verfasser der „Wage der Weisheit“ (1121), bestimmten das spezifische

Gewicht dieses „schwersten aller Körper“ zu 13,557 bis 13,560, welche

Werte genauer sind als die ~Galileis~ (13,357 und 13,760)[6500];

einen hohlen Wagebalken, gefüllt mit etwas Quecksilber, das bei

unauffälligem Neigen auf die Seite der Last hinüberfloß, benützten

nach ~Aldschaubari~ (gegen 1220) die Betrüger beim Verkaufe von

Edelsteinen und Gewürzen[6501]; Gold den feingepochten Gesteinen

mittels Quecksilbers zu entziehen verstanden im 12. Jahrhundert nach

~Alidrisi~ bereits einige einheimische Völkerschaften des westlichen

Afrikas und nördlichen Abessyniens[6502], die dies jedenfalls von den

Arabern erlernt hatten, usf. Das meiste Quecksilber scheinen diese aus

den bei dem heutigen Almadén liegenden Gruben empfangen zu haben[6503],

und noch im Zeitalter der Kreuzzüge war Quecksilber ein wichtiger

Gegenstand der Ausfuhr, den die Schiffe aus den spanischen Häfen nach

Sizilien, Ägypten und dem Orient beförderten[6504].

In +China+ kannte man, wie schon in einem früheren Abschnitt erörtert,

seit altersher sowohl Quecksilber wie Zinnober; letzterer, dessen Farbe

die kaiserliche und daher auch die des kaiserlichen Siegels war, blieb

dauernd sehr kostbar und nicht selten dem Silber gleichwertig[6505];

in den Gartenanlagen um die Kaisergräber wurden Hügel aus Zinnober

aufgeschüttet, zwischen denen sich Teiche, Bäche, Flüsse, ja Meere aus

Quecksilber befunden haben sollen, für deren stete Bewegung eigene

Antriebs-Vorrichtungen sorgten[6506]. Zur Zeit ~Marco Polos~ war das

Quecksilber in China besteuert[6507], vielleicht als Luxusgegenstand.

Näheres über die Kenntnis von Quecksilber und Zinnober in +Indien+ ist

ebenfalls bereits weiter oben beigebracht worden; die Einverleibung

beider Substanzen in den allgemein üblichen Arzneischatz erfolgte

daselbst, auch nach ~Tschirch~, erst unter dem Einflusse arabischer

Vermittlung[6508].

Ausschlaggebend war diese auch für das +mittelalterliche Europa+.

Nach ~Vitalis de Furno~[6509] (1247-1327) hätte zuerst der in Salerno

tätige ~Constantinus Africanus~ (gest. 1087)[6510] nach orientalischem

Beispiele das Töten des Quecksilbers mittels Asche, Öl, Butter, Fett

oder Speichel gelehrt, sowie die Vernichtung der Läuse durch derlei

Quecksilbersalben oder auch, soweit Kleider in Betracht kamen, durch

Quecksilber-Dämpfe; von ihm übernahm dann die „Schule von Salerno“

diese Kunstgriffe, die u. a. als bereits wohlbewährte ~Matthaeus

Platearius~ im „Circa instans“ darlegt, dem um 1150 verfaßten

Hauptwerke der Salernitaner[6511], durch die sie seither allgemeine und

weitgehende Verbreitung fanden. Eine solche wurde in gleicher Weise,

und vielleicht von mehr als einer Seite aus, auch dem Gebrauche der

Quecksilbersalben gegen Hautkrankheiten zuteil, so daß sich im 13.

Jahrhundert Quecksilber-Schmierkuren schon verschiedentlich und als

etwas sichtlich nicht mehr ganz Neues beschrieben finden, so z. B. in

der 1266 abgeschlossenen berühmten „Cyrurgia“ von ~Borgognoni~ Vater

und Sohn[6512]; auf Einzelheiten aus der Frühzeit derartiger, rein

medizinischer Anwendungen kann jedoch an dieser Stelle ebensowenig

eingegangen werden wie auf Schilderungen der späteren Neuerungen des

~Paracelsus~, durch dessen bahnbrechende Tätigkeit auch das Quecksilber

nebst seinen Verbindungen, wie überhaupt die metallischen Heilmittel,

zu völlig ungeahnter Bedeutung gelangten.

Darauf, daß die spätgriechische, von den Arabern aufgenommene und

erweiterte Theorie vom Schwefel und Quecksilber als Grundbestandteilen

der Metalle in der gesamten europäischen Wissenschaft zur unbedingten

und widerspruchslosen Herrschaft gelangte, ist bereits weiter oben

hingewiesen worden; daß man sie auf die Autorität des ~Aristoteles~ und

~Platon~ zurückführen zu können glaubte[6513], gereichte ihr zur ganz

besonderen Stütze, und da einige schüchterne Zweifel, die sich zur Zeit

der Renaissance zu erheben begannen, gegen den überragenden Einfluß der

paracelsischen Lehren nicht aufzukommen vermochten, behielt sie bis

tief in das 17. Jahrhundert hinein die Oberhand und wurde selbst durch

so bestimmte Widerlegungen wie die seitens ~Aldrovandis~[6514] oder

~Boyles~[6515] keineswegs endgültig abgetan. Unentwegt fest hielten an

ihr allezeit die eigentlichen Alchemisten; nicht anders als ein halbes

Jahrtausend vorher versuchten sie auch noch gegen 1800 Quecksilber und

Schwefel im Ei zu Gold auszubrüten[6516], und zwar unter Mitwirkung des

Geistes ~Azoth~, dessen Namen ~Paracelsus~ aus dem arabischen Worte für

Quecksilber „Azoch“ bildete, dem nämlichen, von dem sich der spanische

Ausdruck „azogue“ für dieses Metall herschreibt[6517].

Welche zähe Lebenskraft auch dem Glauben an die mystischen Beziehungen

des Quecksilbers innewohnte, zeigt die Bemerkung eines sonst in vieler

Hinsicht so vorgeschrittenen Geistes wie ~Comenius~, der in seiner

„Physicae Synopsis“ von 1625 über die angebliche Verwandlung von

Eisenschlacke in Quecksilber bei zweijährigem Liegen berichtet, und sie

durch Hinzuströmen des „Weltgeistes“ erklärt[6518], des ~Hermes~ oder

~Mercurius~ der Alten.

Die Annahme, daß es, wie ~Plinius~ behauptet, zwei verschiedene

Quecksilber gebe, natürliches und künstliches, wiederholen

gänzlich kritiklos noch die Gelehrten des 16. Jahrhunderts, z. B.

~Brasavola~[6519]; auch dieser Irrtum wurde, gleich unzähligen

ähnlichen, niemals geradezu als solcher einbekannt, sondern starb

langsam aus, wozu im vorliegenden Falle die allmählich zunehmende

bessere Bekanntschaft mit dem Quecksilber beitrug, gefördert

hauptsächlich durch seine Anwendung bei der Gewinnung der Edelmetalle.

Diese erfolgte jedoch nicht erst in der neuen Welt, wie häufig

behauptet wird, sondern war bereits der alten geläufig, u. a. auch

bei der Aufarbeitung des goldführenden Rheinsandes im Elsaß, wo sie

sich z. B. 1582 als etwas in Straßburg schon längst Bekanntes erwähnt

findet[6520].

Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange · 第 115 / 127 题