9. Zink.

Die Tatsache, daß der gesamte Umkreis der Antike noch niemals einen aus

Zink bestehenden Gegenstand an das Tageslicht gelangen ließ, sowie daß

jede Gewinnung des Zinks die Anwendung gewisser, dem Altertum selbst in

ihrer unvollkommensten Gestalt fremd gebliebener Destillations-Methoden

voraussetzt, führt zur Folgerung, daß +Griechen+ und +Römer+ keinerlei

Kenntnis vom metallischen Zink besaßen. Zwar erwähnt ~Strabon~

gelegentlich[6354] ein zu Andeira in der Troas auftretendes Gestein,

das beim Brennen Eisen ergebe, beim Schmelzen mit einer gewissen

Erde „Pseudárgyros“ (nach ~Forbiger~[6355] „Scheinsilber“) abtropfen

lasse, -- das nämliche, das sich auch im Gebirge Tmolos vorfinde --,

mit Kupfer aber die Oreichalkos genannte Legierung (κρᾶμα) liefere;

dieses Pseudárgyros nun erklärten ältere und auch neuere Ausleger für

Tropfzink, entstanden aus einem der nicht gerade seltenen eisenhaltigen

Zinkerze[6356]. Wie indessen schon ~Hofmann~ und ~Blümner~

hervorhoben[6357], ist die fragliche Stelle völlig unklar, was nicht

wundernehmen kann, da ~Strabon~ kein Fachmann war und über vieles

Technische (ebenso wie etwa ~Plinius~) nur auf Hörensagen hin und nach

Maßgabe seines Verständnisses berichtete; die Annahme, es sei bei ihm

vom Zink die Rede, ist daher durchaus abzuweisen[6358]. Dahingestellt

bleibt dabei, was man unter dem Pseudárgyros zu verstehen habe, ob nach

~Gsell~[6359] metallisches Arsen, nach ~Zippe~[6360] Arsenkupfer, nach

~Schäfer~[6361] eine sonstige Arsen-Legierung, nach einem anderen Autor

metallisches Nickel usf.; daß es aber +kein Zink+ gewesen sei, darf dem

ganzen Sachverhalte gemäß und nach den Auseinandersetzungen zwischen

~Diergart~[6362] und ~Neumann~[6363] für unzweifelhaft gelten.

Wenn nun auch nicht das Zink selbst, so waren aber den Alten doch

gewisse zinkhaltige Mineralien bekannt, und sie verwendeten diese, oder

einige aus ihnen gewonnene Produkte, zu technischen und medizinischen

Zwecken, ohne freilich (wie in so zahlreichen anderen Fällen) die

Ursache der eintretenden Wirkungen im geringsten zu ahnen; als

Beispiel sei nur auf des ~Pseudo-Aristoteles~ „Wundergeschichten“

verwiesen, die von der Darstellung des Messings aus Kupfer mittels

einer im Lande der Mossynöken vorkommenden „Erdart“ erzählen, sowie

von der bei Augenkrankheiten so heilsamen „phrygischen Asche“[6364],

vermutlich der nämlichen Substanz, deren zu gleichem Zwecke schon

der medizinische „Papyrus ~Ebers~“ gedenkt[6365] (niedergeschrieben

um 1500 v. Chr. auf Grund noch weit älterer Vorlagen). Unter jenen

Mineralien dürfte in erster Linie das heute „Galmei“ genannte in

Frage kommen, ein Zinkcarbonat, aus dem man u. a. durch Erhitzen

und Rösten mit gewissen (reduzierenden) Zusätzen den Pómpholyx

(weißes, staubfeines Zinkoxyd) und den Spodós (dunklen, zinkhaltigen

Rückstand, sog. Ofenbruch) abzuscheiden verstand[6366]; was indessen

~Plinius~[6367], ~Dioskurides~[6368], ~Galenos~[6369] und einige

andere Schriftsteller über diese Vorgänge mitteilen, ist zum großen

Teile verworren und läßt namentlich auch Vorkommen und Beschaffenheit

der benützten Rohstoffe mehr als billig im Dunklen. Wie es scheint,

führen bereits die dem ~Hippokrates~ zugeschriebenen Werke, in denen

der „Ofenbruch“ (zuweilen als cyprischer bezeichnet) schon eine

vielseitige Rolle spielt[6370], Galmei mit unter der Bezeichnung

„Chalkitis“ an; doch ist dies ein bloßer Sammelname, der auch Alaun,

eisen- oder kupferhaltigen Alaunstein, Eisenoxyde, Schwefeleisen,

Eisenvitriol, Kupfervitriol, eisenhaltigen Kupfervitriol u. dgl. mehr

umfassen kann[6371], und dessen große Vieldeutigkeit daher nur selten

bestimmte Schlüsse zuläßt. In jüngerer Zeit taucht der Name καδμία,

καδμεία (Kadmeía) auf[6372], der als abgeleitet gilt „von jenem des

Phöniziers ~Kadmos~“, der das Gestein und seine Verwendung entdeckt

und diese zuerst aus dem Orient nach Griechenland gebracht haben

soll[6373]. Die Deutung des Namens ~Kadmos~ als eines phönizischen oder

überhaupt semitischen im Sinne des „Östlichen“, des „Orientalischen“,

der gemäß sich auch jener des Metall-grabenden und -bearbeitenden

Kabiren ~Kadmos~ auf Samothrake erkläre[6374], wird jedoch neuerdings

völlig abgelehnt: ~Kadmos~ ist ursprünglich Heros eponymos der Burg

Kadmeia zu Theben und dort allein nachweisbar[6375], auch kennen die

ältesten Berichte keine phönizischen Ansiedlungen im ägäischen Meere;

erst seit dem 7. Jahrhundert läßt die Sage wie den ~Danaos~ aus Ägypten

so den ~Kadmos~ aus dem Orient kommen, bringt ihn mit dem Karischen

Bergnamen Kadmos (= Ostberg?) in Verbindung[6376], sieht in ihm später

(bei ~Hekataios~; zum Teil sogar erst in hellenistischer Periode)

einen phönizischen König oder Heros[6377] und identifiziert ihn

schließlich mit einer etwa dem ~Hermes~ analogen semitischen Gottheit

~Kadmillos~ oder ~Kamillos~[6378]. Sollte nun in ~Kadmilos~ oder

~Kadmos~ ein semitisches Wort für Gold verborgen sein[6379], und das

Gestein Kadmia seinen Namen von ~Kadmos~ führen, so könnte es nur das

„zu Gold machende“, d. h. dem Kupfer Goldfarbe verleihende, bedeuten;

diese weithergeholte Annahme ist aber allein Obigen zufolge durchaus

unwahrscheinlich, es liegt vielmehr erheblich näher, an den tatsächlich

Zinkerz führenden Bergvorsprung Kadmos des Tmolos zu denken[6380],

wonach also das Mineral einfach, wie in so manchen anderen Fällen, nach

einer frühzeitig gutbekannten Fundstätte benannt worden wäre.

Aus dem griechischen Kadmeia entstand später bei den +Arabern+, wie

~Karabacek~ 1891 zeigte[6381], vermöge fortschreitender Entstellung der

anfangs richtigen Transkription zunächst Kalmeia, sodann Kalimija und

Kalimina; hieraus wieder ging bei der Rückübersetzung ins Lateinische

das mittelalterliche „lapis calaminaris“ hervor, schließlich aber

auf verschiedenen Umwegen das moderne Galmei mit seinen Nebenformen,

unter denen eine nächst Aachen noch jetzt gebräuchliche, Kalmis oder

Kelmis, dort bereits gegen 1500 nachweisbar ist[6382]. Ein ebenfalls

durch die Araber verbreiteter Ausdruck ist Tutia, entstammend (wie

schon in früheren Abschnitten erwähnt) dem persischen Dûd, d. i. Rauch,

nämlich der in Gestalt einer dichten weißen Wolke feinsten Zinkoxydes

aufsteigende Rauch der Galmeiöfen; noch ~Marco Polo~, dessen Reisen

in die Jahre 1275 bis 1291 fallen, schildert Anlage und Betrieb

solcher zu Cobinam zwischen Yezd und Kerman in +Persien+ errichteter

Öfen[6383] und gedenkt ihrer beiden, unter den Bezeichnungen Pómpholyx

und Spodós bereits den Griechen bekannten Produkte; die Namen dieser

wichtigen Arzneimittel gingen schon frühzeitig aus der medizinischen

Litteratur der Araber in die gesamte europäische über, die sie entweder

in den latinisierten Gestalten Tutia und Spodium kennt, oder in

entsprechenden einheimischen, als welche z. B. ~Aldebrandino di Sienas~

altfranzösisches „Regime du corps“ von 1225 „Tuschie“ und „Podien“

gebraucht[6384]. Irrtümlich ist die Angabe, die Perser hätten in sehr

alter Zeit auch schon die Darstellung metallischen Zinks verstanden;

soweit hierbei die Pharmakologie des ~Abu Mansur~ (um 975) in Betracht

kommt, handelt es sich, wie ~Lippmann~ vermutete und ~Diergart~ des

näheren bewies, um einen Übersetzungsfehler[6385]; bei ~Marco Polo~

aber ist von der Gewinnung eines Metalles aus Galmei überhaupt mit

keinem Worte die Rede.

Auch die Schriften der fast durchaus aus persischen Quellen schöpfenden

alten arabischen Augenärzte ~Ali Ibn Isa~ (gegen 1000), ~Al-mausili~

(um 1000), sowie die ihrer späteren Nachfolger und Ausschreiber

~Alhalabi~ (um 1256) und ~Salah Addin~ (um 1296)[6386], erwähnen

+nur+ „gewöhnliche“ und „leichte“ Tutia [= nihilum album] aus den

persischen Orten Kirman[6387] und Haschar[6388], ferner „gewöhnliche“,

„beste“ und „grüne“ Tutia ohne Herkunftsbezeichnung[6389], sodann

Zinkblume („gewöhnliche“, „grüne“, „indische“)[6390], Zinkasche (auch

„grüne“)[6391], sowie Galmei aus Kirman und Ispahan[6392], mit keinem

Worte jedoch gedenken sie des metallischen Zinks.

Nicht nach Persien, sondern nach +Indien+ will ~G. Oppert~ die

Erfindung der Zinkdarstellung verlegen, sie jedoch nicht erst den

eigentlichen Indern zuschreiben, sondern bereits den Ureinwohnern des

Landes[6393] in deren Sprache (+nicht+ im Sanskrit) bedeute Kalam,

oder eigentlich Kal-Ijam, den „Stein des Bleies oder Zinnes“, ganz

so wie Kar- und Vel-Ijam das „schwarze und weiße Blei“; desgleichen

heiße im Tamulischen Ven-Kalam das „Weißmetall“ (= Messing) und im

Malayischen Kalang das „Zinn“, usf. Kalang hätten die Araber in der

Form Kalai nach Indien zurückgebracht, und von Kalai und Kalam leiteten

sich einerseits die Ausdrücke Kalaïm und Calaëm ab, unter denen die

Portugiesen das ostindische Zink im 16. Jahrhundert in Europa bekannt

machten, andererseits aber auch die alten Worte Kalimija, Klimia,

Calaminaris und sogar Cadmia, bei welchem letzteren die häufige

Lautverschiebung l--d zugrunde liege, wie z. B. bei lacrima -- δάκρυ

(Träne). Kaum bedarf es nach allem Vorausgehenden des Beweises,

daß diese Darlegungen ~Opperts~ sprachlich zum Teil anfechtbar,

sachlich durchaus unhaltbar und nur aus seiner eigentümlichen, oft

zur Hintansetzung jeglicher Kritik führenden Sucht erklärlich sind,

das älteste Indien als Ursprungsstätte aller nur möglichen wichtigen

Erfindungen hinzustellen. Unterlagen für die Behauptung, die alten

Inder hätten das Zink durch eine Art absteigender Destillation mittels

gewisser unvollkommener, nach ~Rây~ noch gegenwärtig benützter Apparate

im kleinen dargestellt[6394], fehlen gänzlich, auch in medizinischer

Richtung[6395], und wenn es zutrifft, daß die Messingbereitung erst

im 6. Jahrhundert aus Persien nach Indien gedrungen sei, so ist es

auch unwahrscheinlich, daß die Inder sich vorher überhaupt schon

viel mit dem Galmei beschäftigten. ~Hiuen-Thsang~ (629 n. Chr.) sagt

zwar[6396], das nordwestliche Indien sei reich an Galmei, da aber

die Übersetzung des betreffenden chinesischen Wortes unsicher und

strittig ist[6397], Galmei überdies noch zur Zeit ~Marco Polos~ in

das westliche Vorderindien +ein+geführt wurde[6398], so kann jene

Angabe vorerst nicht als beweisend gelten. Wenig zuverlässig ist

auch alles das, was die in einem früheren Abschnitte besprochenen

indischen Werke chemischen oder mineralogischen Inhaltes über die

Entdecker und die Entdeckung des metallischen Zinkes vorbringen; denn

über die Abfassungszeit fast aller dieser Schriften besteht große

Ungewißheit, und über das Alter der zahlreichen Einschiebungen, die

sie nach indischer Gewohnheit bis in die neueste Zeit fortgesetzt

erfuhren, liegen wissenschaftliche Untersuchungen noch kaum vor. Die

Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß keines der Bücher, in denen

metallisches Zink erwähnt sein soll, älter ist als die Zeit der

Tantras (beginnend etwa 1100 n. Chr.); das Wort yaçada oder yasada

für Zink findet sich nach dem indischen Gelehrten ~Rây~ sogar erst

in einem Wörterbuche von 1374. Über die damalige Darstellungsweise

aus Galmei (rasaka) wird berichtet, daß man das Mineral zerkleinerte,

mit Hilfe organischer Zusätze [die als Reduktionsmittel dienten] zu

Kugeln formte, diese in bedeckten Tiegeln erhitzte und das gebildete

Zink vermöge einer Art absteigender Destillation abfließen ließ und

sammelte[6399]; sie war also eine äußerst unvollkommene und gewährte

bestenfalls eine ganz geringe Ausbeute. Es bleibt überdies zweifelhaft,

ob sie wirklich in Indien ausgearbeitet und später von dort, wie es

heißt, nach China verpflanzt wurde[6400]; verschiedene Tatsachen

sprechen vielmehr für den umgekehrten Vorgang[6401], unter ihnen als

wichtigste die, daß fraglos Zink im großen zuerst in +China+ gewonnen

wurde[6402].

Die ausführliche chinesische Enzyklopädie des ~Li-schi-tschin~ von

1552, „Pen-tsao“ genannt, soll allerdings noch nichts über Zink

enthalten, vielleicht weil seine Bereitung geheimgehalten wurde, und

auch was die späteren Enzyklopädien von 1637 und 1713 mitteilen,

ist (vermutlich aus dem nämlichen Grunde) äußerst unvollständig und

unklar; da sich aber, wie aus den Berichten der europäischen Entdecker

hervorgeht, im 16. Jahrhundert bereits größere Mengen Zink im Handel

befanden, so kann seine Darstellung damals schon längst nichts Neues

mehr gewesen sein. Soweit die dürftigen Angaben älterer und die

flüchtigen Erzählungen späterer Schriftsteller zu ersehen gestatten,

erhitzte man ein Gemenge von Galmei und Kohle in gut verschlossenen

tönernen Gefäßen oder Tiegeln auf nicht zu hohe Temperatur, ließ

die Zinkdämpfe durch ein Abzugsrohr aufsteigen und verdichtete sie

in kaltem Wasser[6403]. Das so im großen, aber freilich doch nur

in geringer Ausbeute erhaltene Metall galt als solches eigener Art

und kann daher weder mit dem weiter oben besprochenen Char Sînî

identifiziert werden[6404], noch mit der Kupfer-Zink-Nickel-Legierung

Packfong[6405], noch mit der Kupfer-Zink-Eisen-Legierung Tutanego

(Tutenage), dem sog. „chinesischen Kupfer“ der Malayen[6406]. Bei

letzteren, also in Hinterindien und im Archipelagus, scheinen die

Portugiesen und später die Holländer zuerst die Bekanntschaft des

Zinkes gemacht, es aber mit dem dort gleichfalls vorgefundenen Zinn

verwechselt, oder für eine bloße Abart des Zinns, für „indisches Zinn“,

gehalten zu haben, -- woraus sich auch die dem malayischen Namen des

Zinns, kalai, nachgebildete portugiesische Benennung Calaïm oder

Calaëm erklärt. Noch ~Van Linschoten~, der 1579, gelegentlich seiner

Fahrt an der Küste von Malakka, zu Para dem Zink begegnete, spricht

darüber in seiner Reisebeschreibung[6407] mit Worten, die erkennen

lassen, daß es ihm sichtlich ganz neu war; zur Zeit des Reisenden ~De

Laval~ (1601) prägten die Könige der indischen Inseln Münzen aus dem

„allerorten hochgeschätzten Metall Kalin, das so weiß wie Zinn, aber

viel härter und schöner ist“, und die Portugiesen hatten ihnen diesen

Brauch damals schon nachgeahmt[6408]; 1620 kaperten die Holländer ein

portugiesisches Schiff und verkauften das auf ihm vorgefundene indische

Zinn als „Speautre“[6409]. Dieser Name, der auch als Spiauter, Spelter,

Piautre, Pewter auftritt[6410], leitet sich nach ~Karabacek~ von einem

persischen Beinamen des Zinnes ab, der isbîdâr lautet und selbst wieder

auf das persische sefîd rûy (= das Weißglänzende) zurückgeht[6411].

In Persien scheint metallisches Zink unter der Bezeichnung jest oder

dschest, die selbst wieder mit dem indischen jasada zusammenhängen

dürfte[6412], erst in später Zeit aufzutreten; es fand Anwendung zur

Herstellung der zahlreichen, bis dahin aus Kupfer und Galmei gewonnenen

Legierungen, unter denen hervorzuheben sind: Rotguß mit 80-97% Kupfer

nebst 20-30% Zink; Gelbguß mit 50-70% Kupfer nebst 50-30% Zink;

Weißmessing mit 20-55% Kupfer und 80-45% Zink; schmiedbares Messing

mit 60% Kupfer und 40% Zink; Beidri (aus der Stadt dieses Namens?)

mit 94% Zink nebst etwa 3% Kupfer, 3% Blei und etwas Zinn; Koftgari;

Haftdschausch aus je ⅐ Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Zinn, Blei und

Zink, -- eine Legierung, deren Perlen in Persien noch jetzt als Amulett

um den Hals getragen werden[6413].

In +Europa+ scheint man an den alten Erzeugungsstätten des Messings

schon frühzeitig eine richtige, jedoch nirgends weiter verfolgte

Ansicht über die Natur des Galmeis gewonnen zu haben; spricht

doch bereits ~Albert der Grosse~ an einer allerdings nicht ganz

einwandfreien[6414] Stelle seiner mineralogischen Schrift vom Goslarer

„Gold-Markasit“ (marchasita aurea) im Sinne eines „zu Gold machenden“

(das Kupfer zu Gold färbenden) und sagt, daß sein Metall im Feuer

verfliege und nur unnützen Rückstand hinterlasse[6415]. Die Frage,

wann und wo es dennoch glückte, des Metalles habhaft zu werden, und ob

das, wie ~Paracelsus~ (1493-1541) in seiner 1538 erschienenen „Chronik

des Landts Kärnthen“ behauptet, tatsächlich in diesem Herzogtum zuerst

gelang, läßt sich nicht mit Sicherheit beantworten, zumal die Angaben

des ~Paracelsus~, wie in so vielen Fällen, genügender Bestimmtheit

ermangeln. In der „Chronica“ ist er der (irrtümlichen) Ansicht, daß

allein in Kärnten „das Ertz Zincken, ... ein gar frembdes Metall“

vorkomme[6416]; hiernach, sowie auf einige gleich unklare Äußerungen

hin[6417], hat man angenommen, ~Paracelsus~ habe mit „Zincken“ nur

das Galmei+erz+ benannt, -- der zackigen Formen wegen, nach denen

auch viele Bergspitzen in den Ostalpen Zinken heißen --, das +Metall+

Zink sei ihm hingegen unbekannt geblieben[6418]. In Wirklichkeit aber

redet er zwar öfters von den „künstlichen Bollen oder Zincken der

falschen Korallen“[6419], von den „Zincken des Hirschhorns“[6420], von

den „Spitzen und Ecken, Schroffen und Zincken der Mineralien“[6421],

unterscheidet jedoch sehr wohl einerseits den „Galmey, der Messing

macht“[6422], und andererseits den „Zincken, ... der ein Metall

ist unbekannt in der Gemein, ... flüssig [= gießbar] aber nicht

hämmerbar“[6423], den „Zincken, ... der ein Metall ist, nicht bei den

Alten“[6424], den „Zinck, der ein Metall ist und auch keins, ... ein

Bastart vom Kupfer“[6425]. Ausdrücklich erklärt er ferner „im Zincken

wird gefunden primum ens stanni“[6426] (= das Wesen des Zinnes, mit

dem er das Zink gleichstellt), und wenn dieser Ausspruch dadurch

Verdunkelung erleidet, daß gelegentlich auch Kupfer, Blei oder Eisen

aus „Zincken“ hervorgehen, so setzt ihn doch die Bezeichnung des

Quecksilbers als des „primum ens“ des Zinnobers wieder ins rechte

Licht: ~Paracelsus~ gebraucht eben Zincken oder Zinck in der Regel von

Erzen und so auch vom Galmeierz, überträgt den Namen aber auch auf

das aus dem „einzigen“ kärnthner Erze gewinnbare Metall, und ihm, als

dem Schöpfer einer ebenso ausgedehnten wie willkürlichen Nomenklatur

auf zahlreichen Gebieten, ist ein solches Vorgehen ohne weiteres

zuzutrauen. Umgekehrt nimmt er „Metall“ keineswegs nur im strengen

heutigen Sinne, es ist ihm vielmehr (wie noch so manchen späteren)

häufig gleichbedeutend mit Gefördertem oder Mineral überhaupt.

~Agricola~ wendet in seinem Hauptwerke „De re metallica“, das schon um

1530 vollendet gewesen sein soll, aber erst 1550 erschien, das Wort

Zink nicht an, scheint aber das Metall als „Conterfey“ zu kennen[6427],

d. h. als eine „Nachbildung“ sei es des Zinns und Silbers, sei es

(gemeinsam mit Kupfer, demnach als Messing) des Goldes; in den erst

nach seinem Tode erschienenen Schriften „De natura fossilium“[6428]

und „Bermannus“[6429] erwähnt er zwar „das, was die Kärnthner und

Tiroler Zink nennen“ (quod Norici et Rheti Zincum vocant) und „das,

was sie in Rauris Zink heißen“ (quod Zincum nominant), versteht

aber hierunter, der ganzen Beschreibung nach, kein Metall, sondern

offenbar eine Art Kies[6430]. ~Luthers~ Freund ~Mathesius~ sagt 1555

in der 3. „Bergpredigt“[6431], zu Freiberg habe man „roten und weißen

Zink“, womit er ebenfalls nur gewisse Erze meinen kann, und auch in

des ~Albinus~ „Meißnischer Bergchronika von 1590 ist „Zincken“ nur

„eine Bergarth, die in Freyberg schön roth und weiß bricht“[6432].

~Fabricius~ wieder erklärt 1565 in „De metallicis rebus“[6433] das

„Cincum“ für ein gut gießbares, aber nicht hämmerbares Metall und

mutmaßt dessen Identität mit Antimon, während sich ~Dorn~ 1583 im

„Dictionarium Paracelsi“[6434] ungefähr ebenso wie sein Meister äußert,

nur noch etwas unbestimmter. Nach des ~Libavius~ „Alchymia“ und den

„Commentationes metallicae“ von 1597 ist „Zinckum“ eine Art weißer

oder roter Markasit von der Natur des Kupfers[6435], und die nämliche

Definition geben auch noch 1615 seine „Arcana Alchymiae“[6436].

Inzwischen hatte ~Libavius~ zwar sowohl das Goslarer Zink kennen

gelernt, -- er klagt in einem Briefe, daß er sich nicht noch mehr davon

verschaffen könne --, als auch das ostindische (ihm 1597 aus Holland

zugekommene) Calaëm, das er „indisches und malabarisches Blei“ oder

„malabarisches Zinn“ nennt[6437], aber er blieb im unklaren, ob das

Messing Galmei oder Zink enthalte, und ob Zink und Calaëm das nämliche

seien oder nicht[6438]; schließlich entscheidet er sich dafür, daß

Calaëm +nicht+ aus „Conterfey“ bestehe, sondern aus Quecksilber, Arsen

und Silber, in welches letztere es daher auch überzugehen vermöge[6439].

In deutlicher Weise erklärt 1617 ~Löhneyss~ das Zink oder Conterfeyt,

das zum Nachmachen des Goldes dient, für ein Metall (das er aber

irrtümlich dem Wismut gleichsetzt) und schildert, wie es sich an und

vor den Wandungen der Goslarer Schmelzöfen ansammle und dort von den

Knechten, falls ihnen jemand ein Trinkgeld verspreche, abgeklopft

werde[6440]. Der französische Arzt ~Jean Rey~ (1583-1646), der zuerst

die Gewichtszunahme der Metalle beim „Verkalken“ durch Aufnahme eines

Bestandteiles aus der Luft erklärte, spricht 1630 auch vom Verbrennen

des indischen Calaëm zu Zinkblumen[6441]; ~Glauber~ (1657)[6442]

und ~Becher~ (1661)[6443] halten Zink oder Spiauter für ein Metall,

„aber für ein unzeitiges, wie Quecksilber, Antimon, Zinnober und

Vitriol“; auch ~Boyle~ (1626-1691) gedenkt in seinen Schriften neben

dem neuen ostindischen Metall „Tutanag“[6444] wiederholt des Metalls

„zink“[6445], „pewter“[6446], „zink or spelter“[6447], unter welchem

letzteren Namen es bei den Händlern bekannt sei[6448]. In deutschen

Städten, z. B. in Nürnberg, wurde nach ~Jungius~ (1667) zu dieser

Zeit einheimisches Zink auch bereits in größeren Mengen verkauft

und zu verschiedenen Zwecken verwendet[6449]; ob zu diesen auch die

medizinischen zählten, ist fraglich, denn was einige Apotheker-Taxen

von 1687 und 1700 unter dem Namen „Marchasita pallida“ aufführen[6450],

kann nicht das +Metall+ „Zinck“ sein. Über die Darstellung des

letzteren findet sich noch nichts in dem ausführlichen Kapitel des

„Museum museorum“ ~Valentinis~ von 1714[6451], 1721 war sie jedoch

dem deutschen Bergmeister ~Henckel~[6452] und spätestens 1730 auch

englischen Hüttenleuten bekannt, es gelang aber, sie einige Jahrzehnte

lang weiterhin versteckt zu halten. Noch in seiner „Kieshistorie“

von 1754 teilt ~Henckel~ zwar die Gewinnung aus Galmei und Kohle

mit[6453], spricht öfters von „zinkischem Wesen“[6454] und beschreibt

das Metall[6455], gibt jedoch vor, „vom Halbmetall Zink oder Spiauter

... könne die Entstehung noch nicht so gar eigentlich gelehret

werden“[6456] und ähnlich behauptet er auch 1755 in seiner „Terra

saturnizans“[6457]: „Der Zink, ... ein Körper von der allerseltensten

Mischung und Eigenschaft, wird auf den Harzer Schmelzhütten in denen

Spuren der Öfen gefunden, ... und man kann eigentlich nicht sagen,

woraus er kommt und besteht.“ So blieb es denn dem großen Chemiker

~Marggraf~ (1709-1782) vorbehalten, auf dem Wege selbständiger

Forschung das eigentliche Geheimnis der Darstellung ausfindig zu

machen, nämlich die Fernhaltung der Luft, die das reduzierte Zink

sogleich zu Zinkoxyd verbrennt, und da er weder zu den Dunkelmännern

zählte, noch anderen als rein wissenschaftlichen Zielen nachstrebte,

gab er seine Beobachtungen auch umgehend (zuerst 1743) öffentlich

bekannt[6458]; praktische Verwendungen bahnte er jedoch auch in diesem

Falle nicht an.

Was den +Namen+ „Zink“ anbelangt, so hat man ihn mit dem neupersischen

seng in Verbindung zu bringen gesucht[6459]; obwohl sich als

Bestätigung anführen ließe, daß nach ~Hammer~ auch jener des

Musikinstrumentes Zinke (einer helltönenden Trompete) vom persischen

„Tscheng“ herstammen soll[6460], so dürfen doch beide Ableitungen

als unzutreffend gelten, die erstere besonders deshalb, weil seng im

Persischen nicht etwa gerade Zink bedeutet, sondern Stein, Erz oder

Mineral überhaupt, ferner auch, weil das Zink nachweislich nicht aus

oder über Persien nach Europa gelangte. Wenig wahrscheinlich ist auch

ein Zusammenhang von Zink mit dem althochdeutschen zinco oder zincho,

mittelhochdeutsch zinke, d. i. nach ~Kluge~ „der weiße Fleck im Auge“

(von tinka = weiß?)[6461]. Am naheliegendsten und natürlichsten ist

es, an das von ~Kluge~ gleichfalls angeführte althochdeutsche zinko

zu denken, altnordisch tindr, angelsächsisch tind, mittelhochdeutsch

zint oder zinke, d. i. Zacke oder Zinke, also an das Wort, von dem

~Paracelsus~ tatsächlich ausgeht, das sich in gleichem Sinne auch bei

späteren Schriftstellern vorfindet, z. B. bei ~Hainhofer~, der von den

„Zincken der Aloe und der Korallen“ redet[6462], und dessen sich in

nämlicher Weise auch die heutige Sprache noch zu bedienen pflegt. Daß

sich in dem Briefwechsel ~Reys~ und des ihm befreundeten Apothekers

~Brun~ mit dem hochgelehrten ~Mersenne~, dem 1632 das „Calaëm“ noch

etwas ganz Unbekanntes war[6463], der „indische Regulus“ nicht nur

„Speautre, deutsch Spiauter“ benannt findet, sondern auch „Zinc“[6464],

und daß dieses deutsche Wort ebenso dem ~Boyle~ ganz geläufig ist,

erklärt sich jedenfalls aus der Bekanntschaft dieser Forscher mit den

einschlägigen (lateinisch abgefaßten) Schriften deutschen Ursprungs,

auf die sie sich nicht selten ausdrücklich beziehen, so ~Boyle~ auf

~Glauber~, und ~Rey~ auf ~Libavius~[6465].

Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange · 第 114 / 127 题