Das Zinn kommt als Metall nur sehr selten und meist nur in feinen
Körnern und dünnen Blättchen vor, tritt aber hauptsächlich in Gestalt
des Kassiterits auf; dieser besteht aus Zinndioxyd (SnO₂) und bildet
zuweilen sehr schöne, durchsichtige oder auch gelbliche bis bräunliche
Krystalle von ganz auffälliger Schwere und von so lebhaftem Glanze,
daß er in manchen Gegenden noch jetzt zu den Edelsteinen gezählt und
gleich diesen gefaßt und als Schmuck getragen wird[6193]. Die genannten
Eigenschaften sind es vielleicht, die zuerst die Aufmerksamkeit auf das
Mineral lenkten, worauf dann der Zufall gelehrt haben mag, daß es ohne
besondere Schwierigkeit zu einem schön silberweißen, luftbeständigen
und leichtflüssigen Metalle reduzierbar ist. Diese Entdeckung, die
auch der +neuen+ Welt nicht fremd war[6194], dürfte in der +alten+ an
einigen der recht spärlichen Punkte, die sich durch Reichtum an Zinnerz
auszeichnen, selbständig gemacht worden sein; ihr Gegenstand, das Zinn,
galt anfangs wohl als eine Kostbarkeit wie Gold oder Silber, und es
ist nicht ausgeschlossen, daß Versuche, das Kupfer irgendwie mit Zinn
einzulegen oder zu verzieren, zur Entdeckung der Bronze führten, deren
Schönheit und Nützlichkeit wieder das Zinn zu einer vielbegehrten und
gesuchten Bedarfsware machen mußten.
Mit großer Wahrscheinlichkeit, wenn auch nicht mit Gewißheit, läßt
sich behaupten, daß den Bewohnern +Sinears+, des +Zweistromlandes+,
die sich mit der Bronze, wie oben angeführt, schon gegen 3000 v. Chr.
wohlvertraut zeigten, das Zinn bereits in noch früherer Zeit bekannt
geworden war und daß es ihnen in dieser bereits ebenso wie im Laufe des
3. Jahrtausends[6195] aus nördlich oder nordöstlich gelegenen Gegenden
zukam. Daß das Metall außer von diesen auch noch von der kaukasischen
Landschaft Iberien geliefert wurde, deren Gruben jedoch sehr frühzeitig
erschöpft worden seien[6196], ist eine haltlose Vermutung, und
tatsächlich konnten bisher nirgendwo im Kaukasus Lagerstätten von
Zinnerz aufgefunden werden[6197]. Nachgewiesen sind solche dagegen in
den südöstlich des kaspischen und Aral-Sees verlaufenden Gebirgszügen
Chorasans und Transoxaniens, im Paropamisus, ferner in der Drangiana,
im östlichen Iran und im Tale des Etymandros (jetzt Hilmend), woselbst
sich bis tief in das Mittelalter hinein, -- so lange nämlich die
(später dem sagenhaften ~Rustem~ zugeschriebenen) Kanäle in Stand
erhalten wurden --, ein reich bewässertes und daher überaus fruchtbares
Kulturland erstreckte[6198]; ihr Vorhandensein ist bezeugt durch das
Vorkommen von Zinnschmuck in nordpersischen Gräbern aus der Zeit um
2000 bis gegen 1500[6199], durch die Erwähnungen bei ~Strabon~[6200],
~Ibn Hauqal~ (902-968), ~Alistakhri~ (um 970) und anderen arabischen
Schriftstellern, sowie durch Bestätigungen aus neuerer Zeit[6201].
Wie der geringe Zinnzusatz der ältesten Bronzen ersehen läßt, war
das Metall anfänglich sehr kostbar und selten; von wann an es etwas
häufiger wurde, läßt sich nicht mit Sicherheit angeben, um so mehr
als auch nicht genügend feststeht, welcher Periode die Wandflächen
babylonischer Gebäude entstammen, die völlig durch sehr schöne Ziegel
mit einer durchscheinenden zinnhaltigen Glasur überkleidet sind[6202].
Daß es auch in verhältnismäßig später Zeit hochgeschätzt und gesucht
blieb, zeigt z. B. die Tatsache, daß noch 842 König ~Jehu~ von
Israel an ~Salmanassar~ III. neben Gold und Silber in Barren sowie
goldenen Gefäßen auch Zinn als Tribut abzuliefern hatte[6203]. Bei den
Babyloniern (und nach ihnen bei den Syrern und Arabern) hieß das Zinn
ânak, welches Wort ursprünglich nur Blei bezeichnet haben soll, als
dessen Abart das Zinn fast allerorten galt; ânak findet sich auch in
den biblischen Schriften, jedoch nur einmal, und zwar beim Propheten
~Amos~[6204], während sonst der Ausdruck bedîl benützt wird[6205],
dessen Bedeutung aber ebenfalls noch als unsicher und schwankend
anzusehen ist[6206]. Bei den Akkadern war der Name des Zinns anna
oder naga, bei den Assyrern anaku, außerdem gebrauchten aber diese
Völker noch einen anderen, der bei den ersteren ik-kasduru, bei den
letzteren kâzazatira lautet[6207] und u. a. auch das Material einer
der sieben schon weiter oben erwähnten Platten bezeichnet, die in
den Fundamenten des 706 v. Chr. errichteten Palastes von Khorsabad
aufgefunden wurden. Er ist weder sumerischen, noch akkadischen, noch
assyrischen, noch sonstigen semitischen Ursprunges, sondern vermutlich
„barbarischen“[6208], d. h. er gehört der Sprache irgend eines der
Völker an, aus deren Gebiet das Zinn zuerst nach dem Zweistromlande
gebracht wurde; nach ~Bapst~ ging aus ihm auch das spätbabylonische
kastira hervor[6209].
Daß die +Ägypter+ gegen 3000 ebenfalls schon Bronzen besaßen, und
zwar zunächst sehr zinnarme, ist bereits weiter oben erörtert worden;
ungewiß bleibt aber, ob sie diese fertig einführten oder selbst
bereiteten, seit wann sie, wenn letzterer Fall zutrifft, dieser Kunst
mächtig waren und woher sie das erforderliche Zinn bezogen. Lager
von Zinnstein sind zwar im Süden, Südwesten und Südosten Afrikas, in
Nigeria sowie am Kongo vorhanden, und es ist nicht ausgeschlossen,
daß die Eingeborenen schon vor vielen Jahrtausenden verstanden, was
noch ~Vasco de Gama~ von ihnen berichtet, nämlich das Ausschmelzen des
Zinns und seine Verwendung zu Schmuck oder Zierrat an Waffen[6210];
der Gedanke einiger Forscher aber, Verbindungen zwischen jenen
Gegenden und dem Ägypten des alten Reiches (2895-2540) anzunehmen,
ist ein derart phantastischer, daß er einer ernstlichen Erörterung
nicht erst bedarf. Dafür, daß das nordwestliche Arabien in der Ägypten
benachbarten Landschaft Midian Zinn hervorgebracht habe[6211], fehlt,
wie ~Beckmann~ schon vor über hundert Jahren betonte[6212], jeglicher
Beweis; desgleichen wird die Behauptung, das Zinn Südarabiens sei seit
altersher über das Rote Meer an den oberen Nil und dann flußabwärts
nach Ägypten gelangt, durch die Tatsache widerlegt, daß Südarabien gar
kein Zinn besitzt und daß dieses nach ~Aldimeschqi~ (gest. 1327) gerade
bei den Bewohnern der oberen Nilgegenden bis ins späte Mittelalter
hinein noch wenig bekannt und daher hochgeschätzt war. Kaum glaubhaft
klingt auch die Vermutung, orientalische Seefahrer hätten Ägypten
schon gegen 3000 mit Zinn aus den westlichen Mittelmeerländern
versehen[6213], da deren Küsten zu so entlegener Zeit, nach allem was
man weiß, weder selbst solches besaßen, noch überseeischem Verkehre
erreichbar waren. Die größte Wahrscheinlichkeit spricht also dafür,
daß die Ägypter gleich der Bronze auch das Zinn zuerst aus dem Osten
erhielten, und zwar auf den nämlichen Wegen, die dem uralten, sich
durch ganz Vorderasien erstreckenden Handel seit jeher als Bahnen
dienten[6214]. Wie in Asien selbst, so blieb aber auch in Ägypten
das Zinn spärlich, kostbar und gesucht; +diese+ Umstände waren es,
die im Laufe des 2. Jahrtausends, als die Schiffahrt sich wesentlich
vervollkommnet hatte, kühne Seefahrer, wie die Phönizier, veranlaßten,
anfänglich den Spuren des Handels mit Zinn nachzugehen, dem sie
vermutlich zuerst im südwestlichen Spanien zufällig begegnet waren,
späterhin aber auch die Stätten seiner Herkunft ausfindig zu machen.
Es liegt auf der Hand, daß kein Kauffahrer daran denken konnte, von
den Grenzen der bewohnten Welt her mit unsagbaren Gefahren und Kosten
eine Ware heranzuholen, über deren Verwendbarkeit und Wert nicht schon
längst völlige Gewißheit bestand; entgegen der üblichen Tradition
lernte man also nicht vom Zinne Gebrauch zu machen, als die Phönizier
solches einführten, sondern diese schafften es herbei, weil sie
wußten, daß die heimische Nachfrage das Angebot weitaus übersteige und
daher ein ungewöhnlich hoher Handelsgewinn sicher sei[6215]. Mit der
fortschreitenden Entwicklung der Westschiffahrt bei den Phöniziern,
neben denen vielleicht eine Zeitlang auch sardinische und etrurische
Seefahrer in Betracht kamen[6216], nahm daher etwa von 1600 an die
Menge des verfügbaren Zinns im Osten und so auch in Ägypten merklich
zu, mit ihr aber auch jene der erzeugten Bronze[6217]; selten und
kostspielig blieb es jedoch noch viele weitere Jahrhunderte lang, so
daß noch der gegen 1200 verfaßte „Papyrus ~Harris~“ von ~Ramses~ III.
„den Göttern gemachte Geschenke“ verzeichnet, die 95 und später 2130
Pfunde Zinn „aus den Tributen“ betrugen[6218]. Ein altägyptischer Name
des Zinns fehlt nicht völlig (wie man bis vor einiger Zeit annahm), er
lautet aber nicht tran, -- welches Wort erst im „Leidener Papyrus“,
also ganz spät, auftaucht[6219] --, sondern nach dem Ägyptologen
~W. M. Müller~ „dhti techt“ = „Blei, weißes“, stimmt also völlig
mit dem lateinischen, noch zu Beginn der Kaiserzeit allein üblichen
„plumbum album“ oder „plumbum candidum“ überein[6220]. Hinsichtlich
der Zinneinfuhr nach Ägypten in der Periode vom 12. bis etwa zum 4.
Jahrhundert ist Näheres nicht bekannt; andauernd groß und umfangreich
gestaltete sie sich unter den Ptolemäern und bildete die Grundlage
einer höchst vollkommenen Bronze-Industrie (namentlich Kunstindustrie),
deren Blüte auch während der römischen, ja bis zu gewissem Grade noch
während der byzantinischen Herrschaft fortdauerte und deren Bedeutung
u. a. durch umfangreiche Funde, durch zahlreiche Fachausdrücke,
sowie durch die Erhebung einer eigenen Gewerbesteuer, nach den
verschiedensten Richtungen hin bezeugt ist[6221]. Aber auch aus Zinn
selbst fertigten besondere Handwerker mannigfache Geräte an[6222],
ferner diente Zinn als Zusatz bei der von ~Agatharchides~ und ~Diodor~
beschriebenen Reinigung des Goldes durch Umschmelzen[6223], und endlich
bereitete man aus ihm die so vielgebrauchte Zinnfolie, deren πέταλα
und λεπίδες auch in der Zauber-Litteratur ihre Rolle spielten[6224]
und nach ~Alexander von Aphrodisias~ (um 210 n. Chr.) u. a. schon
zum Belegen von Glasspiegeln dienten[6225]. Als Herkunftsort des
Zinns wird Britannien genannt, wohin noch im 6. Jahrhundert n. Chr.
alexandrinische Schiffe mit Getreide fuhren, die sich den Preis ihres
Frachtgutes zur einen Hälfte in Geld bezahlen ließen, zur anderen
in Zinn[6226]; für ~Stephanos~ von ~Alexandria~ (7. Jahrhundert)
ist dieses daher einfach „das britannische Metall“, „ἡ βρεττανικὴ
μέταλλος“[6227].
In der +Ägäis+ läßt sich, wie oben angegeben, Bronze um 3000
nachweisen, in +Troja+ nach Beginn des 3. Jahrtausends, woraus aber
nicht folgt, daß man daselbst auch schon das Zinn als solches kannte;
für das Cypern des +mykenischen+ Zeitalters dürfte dies aber zutreffen,
da diese Insel damals bereits eine einheimische, wenngleich noch sehr
primitive Bronzefabrikation besaß[6228]. Im übrigen scheinen während
der mykenischen Periode zinnarme und zinnreiche Bronzen nebeneinander
herzugehen, und die Vermutung ist nicht unbegründet, daß letztere durch
die Phönizier eingeführt, erstere aber mittels orientalischen Zinns an
Ort und Stelle angefertigt worden seien[6229]; in menschlichen Knochen
von etwa 2000 aus Kreta und Kleinasien vermochte ~Kobert~ einen Gehalt
an Zinn nachzuweisen, dessen Quelle, wie er mit Recht bemerkt, nur die
benützten Bronzegefäße sein können[6230].
Zuerst in Kleinasien lernten wohl auch die +Griechen+ gleich den
meisten anderen Metallen das Zinn kennen, und zwar anfangs vermutlich
das orientalische[6231], wofür der Name κασσίτερος (Kassíteros)
spricht, der mit den oben angeführten akkadischen, assyrischen und
spätbabylonischen Bezeichnungen ik-kasduru, kâzazatira und kastira
in sichtlichem Zusammenhange steht. Nach Kleinasien verlegt die
griechische Sage die erste Auffindung des Zinns durch König ~Midas~ von
Phrygien[6232], und der Name κασσίτερος ist ein orientalischer[6233]
und keinesfalls ein keltischer, den etwa die Phönizier zugleich
mit dem keltischen Zinn übermittelt hätten[6234]: das Zinn heißt
nämlich irisch créd und im keltischen ystaen, sten, staen (woher
das spätlateinische stagnum und stannum rührt[6235], und der
verführerische, von vielen Forschern betonte Anklang an keltische
Eigennamen, wie ~Cassignatos~, ~Cassiovelaunus~, ~Viducassis~ usf.
ist ein rein zufälliger, da „cassis“ in diesen Worten „gelockt“
bedeutet[6236].
Entgegen den von manchen Seiten erhobenen Bedenken kann es keinem
Zweifel unterliegen, daß das bei ~Homer~ zuerst in der griechischen
Litteratur auftauchende κασσίτερος Zinn bedeutet, und daß das
archaische, in der „Ilias“ geschilderte Zeitalter, -- auch wenn die
uns vorliegende letzte Redaktion des Gedichtes bis in das 8. oder
7. Jahrhundert herabreicht[6237] --, tatsächlich das Zinn bei der
Ausstattung und Verzierung von Waffen und Geräten +so+ anwandte, wie
dies ~Homer~ angibt[6238]; zuzugestehen ist dabei, daß z. B. „zinnerne“
Beinschienen nicht die Widerstandskraft besitzen könnten, die er ihnen
zuschreibt, daß er also entweder die Eigenschaften des Metalles nicht
näher kannte[6239], oder sich, da er nicht als Technologe, sondern als
Dichter schrieb, eines nicht wörtlich zu nehmenden Ausdruckes bediente,
so wie wir etwa von einem mit Diamanten verzierten Diadem als einem
„diamantenen“ sprechen, ohne damit sagen zu wollen, daß es in seiner
Gänze aus Diamant bestehe. In ähnlicher Weise wie ~Homer~ erwähnt auch
~Hesiod~ das Zinn in dem angeblich gegen 700 verfaßten Gedichte vom
„Schilde des ~Herakles~“[6240]; eine schon sehr frühzeitige Benützung
zinnerner Gerätschaften und Instrumente in der Medizin beweisen die
zahlreichen Anführungen in den sog. Schriften des ~Hippokrates~[6241].
Daß das Zinn aus den entlegensten Gegenden Europas komme, scheint
zuerst der Geschichtschreiber ~Hekataios~ von ~Milet~ (um 500) als
etwas zu seiner Zeit längst Wohlbekanntes ausgesprochen zu haben,
und nennt als Heimat des Metalles die kassiteridischen Inseln oder
Kassiteriden[6242], an deren Namen und Lage sich eine ganze Litteratur
knüpft, die hier nur einigen Hauptpunkten nach besprochen werden
kann[6243].
Nach dem Osten gelangte, wie schon mehrfach angedeutet, das
westeuropäische Zinn zuerst durch die Phönizier, deren West-Verkehr
im 16. Jahrhundert schon völlig entwickelt war, wenngleich er sich
lange Zeit nur auf Vermittlung des Handels beschränkte; eigene größere
Niederlassungen entstanden erst allmählich wie in Cypern und Kreta so
auch in Unteritalien und Nordafrika, ferner auf den Mittelmeer-Inseln
und an den Südküsten Spaniens[6244]. Daselbst, in der südwestlichen
Landschaft Tartessos oder Tarschisch, war die Hauptniederlassung die um
1100 gegründete Stadt Gades (jetzt Cadix)[6245], irrtümlich auch selbst
als Tartessos bezeichnet; sie erfreute sich der besonders vorteilhaften
Lage nächst der Mündung des großen Stromes Baëtis (Guadalquivir) und
in einer Gegend, nach der schon frühzeitig und auf verschiedenen Wegen
die wertvollsten Erzeugnisse der Länder von weither gebracht wurden,
u. a. Edelmetalle, Kupfer und Zinn. Auf dem Umstande, daß die Griechen
von +daher+, anfänglich durch die Phönizier[6246], später durch die
Karthager[6247] und schließlich (etwa von 700 an) auch schon durch
eigene Schiffer[6248], das Zinn empfingen, beruht die ganz grundlose
Fabel, der Baëtis setze zugleich mit seinem Sande und neben Gold,
Silber und Kupfer auch gediegenes Zinn ab, -- wie ihn denn noch der
Dichter ~Skymnos von Chios~ als den Fluß rühmt,
„Der stromgerolltes Zinn aus Keltika
Und Gold zugleich und Erz in Menge führt[6249]“;
sie geht vielleicht auch auf die Bemühung zurück, zwischen Kassiteros
und dem Namen des Berges Kassios auf der Insel Erytheia im Baetis-Delta
einen etymologischen Zusammenhang herzustellen[6250].
Das Zinn, dem die Phönizier zu Tartessos, vermutlich in Form von
Schmuck u. dgl., zuerst begegneten, gelangte dahin zunächst wohl
durch Landhandel oder Küstenschiffahrt aus Lusitanien (Portugal),
Callaecien (Provinz Gallizia) und den der nordwestlichen iberischen
Küste vorgelagerten kleinen Inseln; sodann, als deren geringe
Hervorbringung der Nachfrage nicht mehr genügte, aus der westlichsten
Bretagne und den ihr benachbarten Inselchen; schließlich aber, als
der steigende Bedarf die Beschaffung immer bedeutenderer Mengen
erforderte, aus Britannien. (Spätestens vom letzteren Zeitpunkte ab
schlug jedoch der Zinnhandel auf gallischem Boden auch noch andere
Wege ein, auf die weiter unten zurückzukommen sein wird.) Der Herkunft
des kostbaren Metalles nachspürend dehnten demgemäß die Phönizier und
später auch die Karthager den Umfang ihrer Seefahrten immer weiter
aus, sie erkundeten die ozeanischen Küsten der iberischen Halbinsel,
erforschten allmählich jene Galliens und erreichten zuletzt auch die
Britanniens, des eigentlichen Vaterlandes und einzigen Massenerzeugers
des Zinns[6251]. Über dessen stets nur spärliche Gewinnung bei
den Artabrern im nördlichen Lusitanien sowie in Callaecien ist
nichts Näheres überliefert, weder bei ~Poseidonios~, der zuerst
den Namen Καλλεγία, Καλαικία (Callaecia, Gallaecia, Gallicia ...)
erwähnt[6252], noch bei ~Diodor~[6253], noch bei ~Plinius~[6254]; die
vorgelagerten Inseln, d. s. die 10 oder 11 kleinen Eilande an der
Küste von Pontevedra zwischen Cap Folceiro und Silleiro, mögen ehemals
ein wenig Zinn hervorgebracht haben (?), können aber, gemäß allen
vorliegenden Angaben, entgegen einigen Forschern, unmöglich als die
Kassiteriden angesehen werden[6255]. Das nämliche gilt von den mit
diesen iberischen Inseln zuweilen verwechselten oestrymnischen vor
der Bretagne[6256], die zwar erst ~Avienus~ im 4. Jahrhundert +nach+
Chr. anführt[6257], jedoch auf Grund von Quellen, die dem 4. oder
5. Jahrhundert +vor+ Chr. entstammen, zu welcher Zeit karthagische
Handelsschiffe sie noch besuchten[6258]. Ungewiß ist auch hier, ob
ihre Bewohner selbst Zinn ausschmolzen, oder ob sie es von jenem Teile
der keltischen Ostrymnier (auch Osismier genannt) empfingen, der das
äußerste Ende der Bretagne, gegenüber den Inseln, bewohnte[6259]; dort,
am Cap Pennestain oder Penstain, in dessen Namen die Silbe „Stain“
das lateinische stannum = Zinn bedeuten soll, in einigen benachbarten
Gegenden des westlichen und in einigen des mittleren Galliens, gab
es tatsächlich uralte Zinngruben, deren Ergiebigkeit allerdings nur
sehr mäßig war[6260], und den dortigen keltischen Völkerschaften wird
auch die Erfindung des Verzinnens von Gefäßen zugeschrieben, die noch
~Plinius~[6261] als eine von den Biturigern gemachte überliefert[6262].
Die wirklichen Kassiteriden, der Endpunkt der phönizischen und
karthagischen Entdeckungsfahrten, waren die der Südwestspitze
Britanniens vorgelagerten heutigen Scilly-Inseln, Hauptsitz des
Zinn-Zwischenhandels der Eingeborenen mit dem Zinn (und Blei) aus
Cornwall, und daher auch (wie in so vielen ähnlichen Fällen) irrtümlich
selbst als „Heimat des Zinns“ angesehen[6263]. Wann es den Phöniziern
gelang, sie zu erreichen, bleibt vorerst ungewiß; die Tatsache aber
überliefert noch ~Plinius~[6264] mit den Worten: „Zinn brachte zuerst
aus der kassiteridischen Insel (ex cassiteride insula) ~Midacritus~“,
unter welchem Namen unschwer jener des phönizischen Schutzgottes
und Heros ~Melkart~ zu erkennen ist. Desgleichen weiß ~Strabon~ zu
melden, daß die Phönizier das Zinn ursprünglich im Tauschhandel gegen
festes Salz erwarben[6265], das also sichtlich noch etwas Neues und
Schätzbares für die Bewohner der Kassiteriden war. Daß letzterer
Name kein aus dem Keltischen stammender und von den Phöniziern nur
weiterverbreiteter ist, wurde bereits oben angeführt; wie die Bernstein
liefernden „elektridischen“ Inseln ihre Bezeichnung dem Elektron
(Bernstein) verdanken und nicht umgekehrt, so wurden offenbar auch die
Zinn liefernden „kassiteridischen“ nach dem Kassiteron (Zinn) benannt,
-- in beiden Fällen kannte man eben die Erzeugnisse seit undenklicher
Zeit, ehe es gelang, ihre Ursprungsstätte ausfindig zu machen;
ausdrücklich sagt überdies ~Plinius~[6266], „diese Inseln seien
Kassiteriden geheißen worden wegen ihres Reichtums an Blei“ (nämlich an
„weißem“).
Unter den anderen Wegen, auf denen das britannische Zinn die
Mittelmeer-Küsten erreichte, sind namentlich zwei zu erwähnen. Der
erste führte zur See längs der gallischen Küste bis zum Ausflusse der
Garonne, stromaufwärts bis in die Gegend von Tolosa (Toulouse) und
von dort den Abhängen der Pyrenäen entlang an den Sinus gallicus;
es ist der nämliche, dessen noch der Araber ~Ibn Saʿid~ (1212-1274)
gedenkt, wo er erwähnt, daß man das britannische Zinn auf Saumtieren
aus Toulouse nach Narbonne bringe, um es dort nach Alexandria zu
verschiffen[6267], und auch der nämliche, der zu dem Glauben Anlaß gab,
die Pyrenäen selbst brächten das Zinn hervor[6268]. Der zweite benützte
die Niederungen und Wasserstraßen der Loire, der Seine oder des Rheins,
gelangte von deren Mittel- oder Oberläufen unter Überwindung der
geringen Höhenunterschiede an die Saône und Rhône und diesen folgend
an den gallischen Meerbusen, oder, einen Seitenweg über die Alpen
und das Gebiet der Tauriner einschlagend, an den ligurischen, sowie
an die Mündung des Po[6269]. Der britannische Zinnhandel nach den
Küsten des nördlichen Galliens und Belgiens hatte seinen Mittelpunkt
auf der Insel Iktis oder Viktis (jetzt Wight)[6270]; nach ihr wurde,
wie noch ~Diodor~[6271] (hierin dem ~Timaios~, gest. um 260, folgend)
und ~Plinius~[6272] zu berichten wissen, das Zinn 6 Tagereisen weit
gebracht, um dort verkauft und dann zunächst über die See und weiterhin
binnen 30 Tagen quer durch Gallien nach dem Sinus gallicus und der
Mündung der Rhône, oder noch durch Ligurien nach jener des Po zu gehen.
Aus diesen Gegenden und vor allem aus der um 600 durch die Phokäer
gegründeten Colonie Massalia (Massilia, Marseille)[6273], die das Zinn
aber auch von der pyrenäischen Seite her empfing, holten griechische
Schiffer schon frühzeitig, spätestens im 5. Jahrhundert, das kostbare
Metall[6274]. Von Massilia aus trat um 360 auch ~Pytheas~ die berühmte
Seefahrt nach den nordwestlichen und nördlichen Küsten Europas an,
die die einen als Forschungs-, die anderen eher als Handelsreise
betrachten, indem ihr Hauptzweck die Erreichung der Insel Viktis und
der Kassiteriden gewesen sei[6275]; jedenfalls betrat und beschrieb er
wohl als erster unter den Griechen das blei- und zinnreiche Britannien
und schilderte den Zinnbergbau in der Nähe des Vorgebirges Belerion an
der Westspitze von Cornwall[6276]. Die richtigen Kenntnisse über die
Lage der Kassiteriden, die sich bei ~Hekataios~ (um 500) in letzter
Linie auf phönizische oder karthagische Berichte, bei ~Pytheas~
aber auf eigene Anschauung stützten, wurden jedoch alsbald wieder
verdunkelt. Schon ~Herodot~ (gest. 429) sagt, wo er die Herkunft des
Zinns aus den äußersten Gegenden Europas streift, „kassiteridische
Inseln kenne ich nicht“[6277]. Aus den Schriften des ~Pytheas~ wieder
schöpften u. a. der oberflächliche ~Timaios~ (gest. um 260)[6278]
und sodann ~Polybios~ (198-117), der Belerion für die Inseln an der
nordwestlichen Küste Spaniens hält[6279], sowie ~Poseidonios~ (135-51),
der neben dem Zinn Lusitaniens auch das Britanniens und den Seehandel
von da aus nach Gallien kennt, der Kassiteriden aber nur flüchtig
gedenkt und nichts Näheres über ihre Lage mitteilt[6280]. Nur hieraus
ist es erklärlich, daß der Irrtum des gelehrten und einflußreichen
~Polybios~ nicht nur von ~Diodor~[6281] und von ~Strabon~[6282]
festgehalten wurde, sondern sogar noch von ~Ptolemaios~ (um 150
n. Chr.)[6283], obwohl schon ~Caesars~ Legat ~Crassus~ die Fahrt nach
den Kassiteriden, den Zinninseln, gemacht und hierdurch alle etwa noch
bestehenden Zweifel endgültig beseitigt hatte[6284].
Im Laufe des 5. Jahrhunderts v. Chr. war das Zinn in Griechenland
bereits wohlbekannt und nicht übermäßig teuer, so z. B. kosteten im
Jahre 421 zu Athen das Kilo Blei und Zinn etwa 1 und 7 Mark[6285],
welche Preise, um sie den heutigen Geldwerten vergleichbar zu
machen, allerdings um mindestens das 30- bis 40fache erhöht werden
müßten[6286]. ~Aristoteles~ spricht einige Male von Zinn, und die
unter seinem Namen gehenden „Wundergeschichten“ wissen, daß dieses
Metall den keltischen Ländern entstamme und behaupten, daß auf
jenen elektridischen Inseln, die an der Mündung des Po liegen, eine
Statue aus Zinn und eine andere aus Bronze stehe[6287]; sein Schüler
und Nachfolger ~Theophrastos~ erwähnt im Aufsatze „Über das Feuer“
verzinntes Kupfergeschirr als etwas nicht mehr Ungewöhnliches[6288],
und während der Folgezeit waren zinnerne und verzinnte Gefäße schon
ganz allgemein gebräuchlich[6289].
In +Etrurien+ fanden sich ehemals unweit der Küste gegenüber Elba
und besonders bei Populonia einige verhältnismäßig reiche Lager von
Zinnerz, die Anlaß zur Verfertigung von Bronze an Ort und Stelle und
damit zur selbständigen Entwicklung der so wichtigen etruskischen
Bronzeindustrie gegeben haben mögen[6290]; ob sie jemals genügten,
um eine Zinnausfuhr durch etrurische Seefahrer zu gestatten, steht
dahin, und jedenfalls waren sie ziemlich frühzeitig so gut wie
erschöpft, so daß das Land seither seinen Zinnbedarf auf einem der
oben erörterten Wege zu decken hatte[6291]. Ganz irrtümlich ist die
Ansicht, Kassiteros leite sich vom etrurischen „cassis“ ab, denn dieses
nur zufälligerweise anklingende Wort bezeichnet den charakteristischen
etrurischen Eisenhelm, der überdies bei den Römern erst zur Zeit
der Republik in Gebrauch gekommen sein soll[6292]; zudem heißt das
Zinn im Lateinischen ursprünglich nicht Kassiteros, sondern „plumbum
album“ oder „plumbum candidum“, d. i. weißes oder feines Blei[6293],
so noch bei ~Plinius~, zu dessen Zeit die campanische Bronze vielfach
mittels spanischen „plumbum argentarium“ bereitet wurde[6294], unter
welchem mehrdeutigem Ausdrucke an dieser Stelle vielleicht auch
nichts anderes als Zinn zu verstehen ist[6295]. Erst im Laufe der
Kaiserzeit taucht das dem Keltischen entlehnte stannum, sowie das dem
Griechischen entnommene Kassiterum auf, und ~Festus~ führt z. B. beides
gleichzeitig an, neben Gold, Silber, Orichalkum, Eisen und Blei[6296].
Äußerst mannigfach waren die Verwendungen des Zinns; hervorzuheben
ist unter ihnen die zur Herstellung der Glasspiegel, von denen eine
Anzahl mit Zinn-, aber auch mit Blei- oder Gold-Folie belegter und mit
Firnisüberzug versehener, in Ägypten, in der Rheinprovinz, im Taunus
und anderwärts aufgefunden wurde[6297].
Daß +Indien+ wie kein Kupfer so auch kein Zinn besitze, sagt schon
~Plinius~[6298]. Die Angabe, ~Ktesias~ erwähne es als Erzeugnis
dieses Landes, ist unzutreffend[6299] und stützt sich nur auf ein
unrichtiges Zitat in den „Wunderberichten“ des späten alexandrinischen
Grammatikers ~Apollonios Dyskolos~ (im 2. Jahrhundert n. Chr.),
demzufolge nach ~Ktesias~ ein in Indien vorkommendes Holz alle
Metalle anziehen soll, auch das Zinn[6300]. Bloße Fabel ist ferner,
was ~Euhemeros~ (um 280 v. Chr.) vom Zinnreichtume der „indischen“
Insel Panchaia erzählt[6301], -- fehlte ja sonst mit dem kostbaren
Metalle ein unvergleichlicher Schatz auf dieser „glücklichen Insel“
(νῆσος εὐδαίμων)[6302], die übrigens keine andere ist, als die schon
in ägyptischen Märchen des 2. Jahrtausends vorkommende Pa-anch oder
Pen-en-ka (= Weihrauch-Insel), d. i. Sokotora[6303]. Daß Vorderindien
zu Beginn unserer Zeitrechnung tatsächlich kein Zinn besaß[6304],
bestätigt auch der um 40 n. Chr. verfaßte „Periplus“[6305], das
berühmte kaufmännische Handbuch der Küstenschiffahrt im Roten und im
nördlichen Indischen Meere: nach dem indischen Haupthafen Barygaza
(südlich der Indus-Mündung) +ein+geführt wurden damals u. a. Stimmi
(Schwefelantimon), Arsenikum, Sandarach, Blei, Kupfer und Zinn[6306],
welche letzteren man von da aus zum Teil nach anderen Punkten der
persischen und arabischen Küste weiter verfrachtete[6307], und dieser
Import okzidentalischen Zinns dauerte bis in die späte Kaiserzeit
fort[6308]. Wie schon hieraus hervorgeht, sind die Behauptungen
~Bapsts~[6309], die Phönizier hätten das Zinn aus Malakka und Banka
geholt und mit ihm zugleich den indischen Namen „Kastira“ nach
Europa gebracht, leere Phantasien; das indische kastira ist vielmehr
umgekehrt, wie schon ~Movers~[6310] und ~Lenormant~[6311] mutmaßten,
aus Kassiteros entstanden, wofür ebenso die Benennung „yavanestha“ =
„abendländisches“ (Metall) zeugt[6312] wie der einheimische Name sisa
und trapu (= dunkles), der ursprünglich das Blei bezeichnete, als
dessen Abart das Zinn auch hier zunächst angesehen wurde[6313].
Wann das Zinn der malaiischen Inseln und der hinterindischen Halbinsel
zuerst nach dem Westen gelangte, ist bisher nicht bestimmt ermittelt,
doch fanden es die Araber, deren Schiffahrt im 8. und 9. Jahrhundert
ihre erstaunliche Entwicklung nahm, in Vorderindien noch nicht vor;
die schon weiter oben erwähnten Erzählungen ~Sindbads~ (um 800),
sowie die bei ~Abu Saʿid~ (9. Jahrhundert), bei ~Almasʿudi~ (gest.
956), bei ~Almuqaddasi~ (um 975), bei ~Jaqut~ (1178-1229) und bei
anderen Reisenden, Geographen und Enzyklopädisten erhaltenen Berichte
stimmen dahin überein, daß das Zinn zuerst in Qalah geholt wurde,
worunter aber nicht das jetzige Point de Galles auf Ceylon zu verstehen
ist[6314], sondern Qalah auf Malakka. Nach diesem Orte soll das Zinn
den volkstümlichen Namen „Blei al Qalai“, abgekürzt auch Alqalai
oder Qalai empfangen haben[6315], der als Alcalai, Algalai, plumbum
alcalai, plumbum akaleum, alsbald auch in die wissenschaftliche und
namentlich in die medizinische Litteratur überging[6316] und sich
in den entstellten Formen Alkalir, Alkardir, Alardir bis in das 18.
Jahrh. hinein erhielt[6317]. Doch wird auch vermutet, daß umgekehrt
der Ort nach dem Metall benannt wurde, das den Arabern bereits unter
der Bezeichnung Qalai oder Qalja bekannt gewesen sei, wie denn z. B.
Zinn im Georgischen gala, im Ossetischen kala, im Armenischen galjak,
im Türkischen kalai heiße usf.[6318]. Während Zinn aus dem malayischen
Archipelagus und aus Birma, wie u. a. der in einem früheren Abschnitte
angeführte indische Mineraloge ~Narahari~ berichtet, nach Bengalen erst
im 12. oder 13. Jahrhundert gelangt zu sein scheint, brachten es gemäß
den Angaben des berühmten Geographen ~Alidrisi~ (um 1150) und des ~Ibn
Alwardi~ (gest. 1232?) die arabischen Kaufleute und Händler schon im
10. und 11. Jahrhundert bis nach Aden[6319], und zwar nicht nur aus den
hinterindischen Inseln, deren Zinnreichtum noch den Entdeckern des 16.
Jahrhunderts sehr überraschend erschien[6320], sondern sogar aus China.
In +China+ war das Zinn bereits seit undenklicher Zeit gut bekannt,
wie schon die beiden ersten, um 1800 und um 1000 v. Chr. einsetzenden
Blüteperioden der Bronzeindustrie beweisen[6321], sowie die spätestens
dem 12. Jahrhundert v. Chr. angehörigen Vorschriften über Verfertigung
von sechs verschiedenen Kupfer-Zinn-Mischungen zwecks Herstellung
von allerlei Gefäßen, Idolen usf.[6322]; es wird schon zur Zeit des
völlig mythischen Kaisers ~Yü~ neben Gold, Silber und Kupfer unter
den empfangenen Tributen aufgezählt[6323] und war zweifellos ein
uralter Gegenstand des inneren Handels, der hauptsächlich aus dem
Süden kam[6324], wie denn z. B. noch um 250 v. Chr. „die wertvollen
Schätze des Zinnes und Goldes geliefert werden aus dem Gebirge
Kiang-Nan“[6325]. Über das Wesen des Zinns war man sich jedoch auch in
späterer Zeit noch im unklaren: einige sahen es als ein edleres oder
geläutertes Blei an, andere glaubten, es sei die Asche besonderer, nur
in gewissen fernen Gegenden wachsender Pflanzen[6326].
In +Mitteleuropa+ beginnt das Zinn gegen Ende der Kupferzeit
aufzutauchen, also etwa um 2000, und zwar zunächst als Blattzinn, das
zur Verzierung von Tongefäßen[6327] und von Schmucksachen dient und
letztere nur auf der Schauseite bedeckt, weshalb ~Vogel~ vermutet,
daß derlei Versuche, kupferne Gegenstände mit Blattzinn, später
auch durch Eintauchen in das geschmolzene Metall, zu verzinnen,
erst zur Entdeckung der Bronzedarstellung führten[6328]. Ein wenig
häufiger wurde das Zinn im Laufe der Bronzezeit. Unter den immerhin
sehr spärlichen Fundstücken aus den Pfahlbauten, z. B. jenen des
Neuenburger und Züricher Sees, sind u. a. zu verzeichnen: Tongefäße und
Schilde mit Ein- und Auflagen aus Zinn[6329], zinnerne Dolchspitzen,
Spatel, Nadeln, Stäbchen, Stifte, Rädchen, Ringe, Perlen, Spiralen,
Spiralscheiben, sowie allerlei kleinere und größere „Klumpen“[6330];
diese, zu denen auch eine 1800 g schwere, an einem Bronzering
befestigte „Scheibe“ gehört[6331], sind nach ~Forrer~ nichts weiter
als plattgedrückte Kugeln, die ursprünglich, gleich den bleiernen,
als Gewichte dienten[6332]. Erwähnenswert sind ferner zinnerne Fäden,
wie sie u. a. auch in Gräbern der Nordseeinsel Amrum aufgefunden
wurden und bei den Eskimos noch um 1800 in Benützung standen [6333].
-- Die Frage, auf welche Weise das Zinn nach Mitteleuropa gelangte,
läßt sich nicht eindeutig und endgültig beantworten, doch spricht
alle Wahrscheinlichkeit dafür, daß es ursprünglich dahin nicht den
unmittelbaren Weg aus Britannien einschlug, sondern den Umweg über die
Mittelmeerküsten, denen (als den Stätten des Bedarfes) die uralten
westlichen Handelsstraßen zur See und zu Lande zustrebten[6334];
in Übereinstimmung hiermit steht auch das Vorkommen von zinnernen
Fundstücken der oben beschriebenen Art in den Pfahldörfern des
einst ligurischen Po-Gebietes[6335]. Der germanische Name tin, zin,
angelsächsisch tan, mittelhochdeutsch zein, d. i. Stäbchen (noch in der
Münztechnik erhalten), leitet sich nicht aus dem Keltischen ab; auch
hat, entgegen früheren Angaben, das keltische Wort „mein“ nicht die
Bedeutung Zinn, sondern bezeichnet jedes rohe Metall und daher auch
dessen Fundstätte (rom. mina, germ. Mine)[6336].
Während des frühen Mittelalters wurde das Zinn zur Herstellung
wertvoller Gefäße und Geräte und zu Zwecken des Kunstgewerbes
verwendet, wie dies z. B. die einschlägigen Schriften des sog.
~Heraklius~ und ~Theophilus Presbyter~ aus dem 9. bis 11. Jahrhundert
zeigen[6337], sowie das „Livre des métiers“ des ~Boileau~ von
1252[6338]; wohl auf die Autorität griechischer und arabischer
Vorschriften hin blieb es auch in der Medizin gebräuchlich, so z. B.
spricht um 1260 ~Johannes de Sancto Amando~ in den „Areolae“ von
„rasas, id est stagnum“[6339]. Als marktbeherrschender Erzeuger kam
zunächst nur England in Betracht, dessen Zinn aber als +Roh+metall nach
Nordfrankreich, der Provence, Majorka, Genua und Venedig ausgeführt,
dort durch Umschmelzen gereinigt und nun als hochwertige Ware
weiterverkauft wurde. In Gallien gab es nach ~Venantius Fortunatus~
bereits gegen 600 n. Chr. verzinnte Kupferdächer[6340], und in
England deckte man schon frühzeitig ganze Kirchen „mit Zinn statt
mit Blei“ völlig ebenso ein, wie das noch im 15. Jahrhundert der
Ritter ~Rozmital~ in seiner Reisebeschreibung mit großer Verwunderung
erwähnt[6341]. Venedig und Genua lieferten ihr Feinzinn bis in das 16.
Jahrhundert hinein nach Konstantinopel, Kleinasien, Cypern, Persien und
Ägypten[6342]; wie ~Pegolotti~ versichert, war um 1300 in der ganzen
Levante das venetianische Zinn als das beste bekannt[6343] und aus ihm
bestanden auch die prächtigen Gefäße, die man nach ~Leo Africanus~
in Kairo bis zur Zeit der türkischen Eroberung (1517) mit feinstem
Geschmacke und in mannigfachster Auswahl anfertigte[6344].
Das Zinn der pyrenäischen Halbinsel erwähnt zwar noch ~Alqazwini~
(gest. 1283), doch spielte es nicht einmal im Lande selbst eine
Rolle. Ein ernstlicher Wettbewerber erstand dem englischen Zinn erst
im deutschen, das nach der „Chronik“ des ~Matthaeus Parisiensis~ im
Jahre 1241 aufgefunden worden sein soll[6345], und zwar sogleich in
großer Menge und hoher Reinheit; diese Angabe dürfte aber schwerlich
zutreffend sein, da eine Zinngewinnung in Deutschland schon vor der
Zeit ~Alberts des Grossen~ (1193-1280) an verschiedenen Stellen im
Gange war[6346].
Sehr frühzeitig kannten das Zinn die westlichen +Finnen+, deren Land
es, wenn auch nur in geringer Menge, selbst hervorbringt; in den
Sagen der „Kalewala“ gilt es noch als selten und dient, wenngleich
einmal auch eine Stopfnadel aus Zinn erwähnt wird[6347], in der Regel
nur als Schmuck, so daß „die Zinn-Geschmückte“ als stehender Beiname
edler Frauen und Mädchen erscheint[6348]; im „Kanteletar“ dagegen ist
der Zinnschmuck schon „verächtlich, nur gut für Bettlerinnen“[6349],
Das „Kalewipoeg“[6350] und die „Mythischen und magischen Lieder der
Esthen“[6351] kennen Zinn noch als Verzierung, in den „Esthnischen
Märchen“ aber bestehen aus ihm bereits die dem täglichen Gebrauch
dienenden Hausgeräte[6352]. Der lettische Name des Zinns, alwas, leitet
sich von olovo ab, das im Altslavischen das Blei bedeutete[6353].