7. Blei.

Da Bleierze in den verschiedensten Gegenden weit verbreitet sind

und sich, wie namentlich das wichtigste unter ihnen, der Bleiglanz

(d. i. Schwefelblei), glatt reduzieren lassen, da ferner der niedrige

Schmelzpunkt und die große Leichtflüssigkeit des Metalles einfache

Abscheidungs- und mannigfaltige Anwendungsweisen ermöglichen, so ist

das Blei in manchen Ländern schon seit früher Zeit wohlbekannt und

steht in dieser Hinsicht zuweilen dem Kupfer nur wenig nach.

Seit wann die +Ägypter+ es zu benützen verstanden, läßt sich des

genaueren nicht angeben, im 2. Jahrtausend, besonders in dessen zweiter

Hälfte, kommen aber größere Barren und Ziegel aus Blei (teht, tacht)

schon sehr häufig vor und scheinen auch bereits aus Spanien eingeführt

worden zu sein[6150]; in den sog. Tribut-(richtiger Handels-)Listen

~Thutmosis~ III. (um 1500) ist wiederholt von bedeutenden Mengen

die Rede, da sich aber ~Ramses~ III. (um 1200) rühmt, den Göttern

neben anderen kostbaren Metallen auch 9000 Pfunde Blei zum Geschenke

dargebracht zu haben[6151], so muß sein Wert auch damals noch ein recht

erheblicher gewesen sein. Daß es späterhin massenhaft vorhanden war,

als billige und gemeine Ware vielerlei Verwendung fand, seiner leichten

Schmelzbarkeit halber dem ~Osiris~, dem „Herrn alles Flüssigen“,

beigesellt wurde und schließlich als Grundlage aller übrigen Metalle

galt, hat bereits in früheren Abschnitten Erwähnung gefunden; in

ptolemäischer Zeit sprechen die Urkunden öfters vom Bleiarbeiter

(μολυβδουργός) und vom Bleilöter (κολλητής), der Wasserleitungen anlegt

und ausbessert und die beschädigten Rohre (σωλῆνες) der Badeöfen wieder

herstellt[6152].

Auch bei den +Sumerern+ ist die Kenntnis des Bleies uralt, und einige

sehen es als das schon dem Gotte ~Ea~ von Eridu zugehörige Metall an,

während andere als solches allerdings das Kupfer betrachten[6153].

Seiner Verwendung im Laufe des 3. Jahrtausends, sowie der Statue des

Königs ~Bur-sin~ von Ur (um 2600), die aus Bleibronze mit 18% Blei

(abâru) besteht[6154], ist schon weiter oben gedacht worden[6155]; aus

der Zeit um 2300 wird von einem prächtigen Bassin aus Stein und Blei

berichtet, das König ~Gudea~ für einen Tempel stiftete[6156]. Die

Assyrer nannten das Blei ebenfalls abâru[6157], besaßen große Mengen

davon und verwandten es u. a. zu nicht näher aufgeklärten kultischen

Zwecken, so daß sich z. B. in einigen Gräbern des 13. Jahrhunderts

schwere Bleitafeln, darunter solche bis zu 500 kg Gewicht, vorgefunden

haben[6158].

Auch in der +Ägäis+ ist Blei bereits während des 3. Jahrtausends

nachgewiesen, desgleichen in +Troja+, woselbst aus einer tiefen

Schicht (von etwa 2500) die noch sehr rohe Bleifigur einer Göttin

zutage gefördert wurde[6159]; ebenfalls wohlvertraut war das Blei der

+mykenischen+ Kultur, und bleierne Drähte, Ringe usf. zählten nach

Beginn des 2. Jahrtausends nicht mehr zu den Seltenheiten[6160].

Die +Griechen+ lernten das Blei anfänglich in Kleinasien kennen,

worauf noch die Sage hinweist, daß König ~Midas~ von Phrygien es

zuerst aufgefunden habe[6161]; reichlicher scheinen es später die

Phönizier eingeführt zu haben, und zwar nach ~Hekataios~, der um 500

v. Chr. schrieb, aus Spanien, woselbst eine Stadt Molybdíne jenseits

Tartessos lag, eine Stadt Molybdana auf der Insel Plumbaria bei

Carthagena[6162], und wo ein Volk namens Plumbarii die lusitanische

Provinz Madubriga bewohnte[6163]. Zur Zeit des ~Hekataios~ war den

Griechen auch die Verarbeitung des heimischen Bleiglanzes (Molybdaína,

Galéna) und anderer Blei und Silber führender Erze schon seit längerem

geläufig, und sie stellten nach verschiedenen, wenngleich noch

recht unvollkommenen Verfahren Blei dar; sie bereiteten ferner sog.

Werkblei (auch Lithargyrina genannt?), Bleiglätte (u. a. die gold- und

silberglänzende Chrysitis und Argyritis)[6164], Mennige, Bleiweiß [das

auch als Schminke diente[6165] und über das ~Theophrast~ schon ungefähr

dasselbe mitteilt wie ~Dioskurides~], sowie Schwefelblei, dessen

Gewinnung durch Brennen von Blei mit viel Schwefel bereits die sog.

Schriften des ~Hippokrates~ schildern[6166]. Kleine Bleifiguren aus dem

6. Jahrhundert wurden zu Sparta gefunden, etwas jüngere zu Athen[6167],

und die ersten der neu aufgekommenen Münzen sind nicht selten ebenfalls

bleihaltig[6168]. Das Metall galt für besonders „kalt“ und daher

schon bei ~Theophrastos~[6169], aber auch noch bei ~Galenos~[6170],

für besonders geeignet zum dauernden Aufbewahren empfindlicher Salben

und Wohlgerüche. Im Zusammenhange mit seiner großen Kälte steht auch

vielleicht, -- neben der Zuteilung an ~Osiris~ und andere chthonische

Gottheiten --, die Verwendung zur Herstellung der schon weiter oben

erwähnten sog. „Fluchtafeln“, deren gegenwärtig etwa 400 griechischen,

etruskischen und hellenistischen Ursprunges bekannt sind[6171].

Der Gebrauch derartiger Tafeln erhielt sich bis in die späte

Kaiserzeit[6172]; sie tragen, wie schon ~Tacitus~ angibt[6173], als

Inschriften „carmina et devotiones“ (Fluch- und Bannsprüche), weisen

aber zuweilen auch merkwürdige Zeichnungen auf, z. B. die Gestalt des

verderblichen ~Typhon-Seth~ und bei den gnostischen Sethianern auch

jene des ~Christus-Seth-Typhon~, mit dem von den sog. Spottkruzifixen

her bekannten Kopfe des Esels, als des dem ~Seth-Typhon~ heiligen

Tieres (das ursprünglich das Okapi gewesen sein soll)[6174].

Bei den +Arabern+ stand das Blei seit der Eroberung Persiens in ganz

allgemeinem Gebrauch; bleierne Marken, die an einer Schnur um den Hals

getragen wurden, dienten u. a. als Quittung für die Bezahlung der

Kopfsteuer seitens der Ungläubigen[6175]. Die größten Mengen lieferten

Transoxanien[6176] sowie das eigentliche Persien[6177]; Ray und

Demâwend erzeugten treffliche Bleiglätte[6178], und aus Ispahan kam das

schönste Bleiweiß, dessen Güte auch die Pharmakopöe des ~Abu Mansur~

(um 975) rühmt[6179]. Endlich waren die Araber wenn nicht Erfinder

so doch Verbreiter der mit Bleiglasur versehenen Tonwaren, deren

Anfertigung sie in allen von ihnen eroberten Ländern auf das eifrigste

betrieben, u. a. in Ägypten, Sizilien, Spanien, Südfrankreich und den

Inseln des westlichen Mittelmeeres, von deren einer, dem heutigen

Majorka, sich der Name Majolika herschreibt[6180].

Im südlichen +Mitteleuropa+ wurde das Blei schon während des Verlaufes

der Bronzezeit bekannt, im nördlichen erst gegen deren Ende[6181].

In einigen der Schweizer Pfahlbauten fanden sich plattgedrückte,

mit Ösen versehene Bleiklumpen und -kugeln, die anscheinend als

Gewichte dienten oder doch ursprünglich solche waren. Die ältesten

sind nach babylonischen, ägyptischen oder kretischen Minen (von 618

g) ausgewogen, die jüngeren (um 1000 v. Chr.) nach phönizischen

(von 728 g), die jüngsten nach karthagischen (von 392 g)[6182];

derartig geformte Bleigewichte waren in Phönizien und Karthago seit

altersher üblich[6183] und fanden zugleich mit anderen Maßen bereits

sehr frühzeitig Aufnahme in den westlichen Mittelmeer-Ländern,

wie denn z. B. die Leuge, d. i. die alte, namentlich in Gallien

gebräuchliche Wegmeile von 2200 m Länge, 50000 phönizische Ellen von

44 cm Länge beträgt[6184]. Bronzen der älteren Eisenzeit (900 bis 800

v. Chr.) enthalten nicht selten 4-5% Blei[6185], doch sollen hierbei

ausschließlich solche südlichen Ursprunges in Betracht kommen, während

die in Mittel- oder Nordeuropa selbst bereiteten entweder kein oder

nur sehr wenig Blei führen (z. B. neben 97% Kupfer und 2,4% Zinn

bloß 0,4%), wirklich reich an Blei (bis zu 14, ja 24%) aber nur jene

aus den ersten Jahrhunderten der Kaiserzeit sind, z. B. die auf der

Saalburg gefundenen[6186]. Der jüngeren Eisenzeit (um 500) entstammen

Stäbchen, Drähte und Figuren aus ziemlich reinem Blei, die aber stets

nur vereinzelt und in verhältnismäßig geringen Mengen vorkommen[6187].

Stammwort für den +Namen+ des Bleies ist vielleicht das indogermanische

*mliwom = blau, von dem sich das indische mulwa, das gemein-germanische

*bliwa, das keltische *blawa, das germanische blîu, bly, blâa und

Blei, sowie das griechische μόλιβος, μόλυβος, βόλιμος und βόλιβος

ableiten, während das lateinische plumbum ursprünglich nur = Ziegel

oder Barren ist[6188]. Daß nicht die iberischen Städtenamen Molybdíne

und Molybdána vom griechischen μόλυβος und μολύβδαινα kommen sollen,

sondern umgekehrt, sowie daß Zusammenhänge mit dem baskischen berûn

oder mit einem anklingenden keltischen Worte bestehen, ist ganz

unwahrscheinlich[6189]; aus dem keltischen (und irischen) luaide ist

hingegen das westgermanische *lauda, das mittelhochdeutsche lot, das

niederdeutsche lood, das angelsächsische leod und das englische lead

hervorgegangen[6190]. Ganz abseits stehen das indische sîsa[6191],

sowie das litu-slavische olovo und alwas; das Westfinnische besitzt nur

entlehnte Bezeichnungen[6192].

Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange · 第 112 / 127 题