Da es mit Gewißheit feststeht, daß metallisches Zink in Asien nicht vor
dem späteren Mittelalter, in Europa aber erst gegen 1600 bekannt wurde
(s. unten), so kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die Messing
genannte Kupfer-Zink-Legierung ursprünglich allein durch gemeinsames
Verschmelzen von Kupfer oder Kupfererzen mit zinkhaltigen Mineralien,
namentlich Galmei (Zink-Carbonat, zuweilen auch -Silikat), gewonnen
wurde und daher keine gleichbleibende Zusammensetzung und Färbung
besaß, vielmehr, je nach der Höhe des Zinkgehaltes, einen rötlichen,
gelblichen, goldgelben bis weißen Farbenton zeigte[6093].
In welchem Lande oder welchen Ländern und zu welcher Zeit das Messing
zuerst dargestellt wurde, steht bisher nicht fest; in Babylonien,
in der Ägäis, in Troja und während der älteren mykenischen Periode
scheint es nicht, während der jüngeren nicht sicher nachgewiesen zu
sein[6094]; aber auch betreffs Ägyptens bleibt es fraglich, ob Messing
unter jenem Kupfer zu verstehen sei, das unter der Regierung ~Ramses~
III. (1269-1244) „mit der Färbung des Goldes dritter Feinheitsgüte“ aus
Etek (im Sinaï?) kam, oder unter jener Kupfermischung „von der Farbe
des guten Wüstengoldes“, die nach Angabe des „Papyrus ~Harris~“ (13.
Jahrhundert) erst gegossen und dann gehämmert wurde[6095].
Frühzeitig sollen die Perser die Kunst der Messing-Gewinnung betrieben
haben, und aus Messing bestanden nach aller Wahrscheinlichkeit die
Trinkschalen des Königs ~Darius~, von denen die „Wundergeschichten“
des ~Pseudo-Aristoteles~ berichten, daß sie glänzend, leuchtend,
unverrostbar wie Gold und von diesem nicht der Farbe, sondern nur dem
Geruch nach unterscheidbar gewesen sein[6096]; daß nämlich, abweichend
vom Golde, die unedlen Metalle tatsächlich einen gewissen, besonders
beim Reiben und Erwärmen hervortretenden Geruch zeigen, bestätigten
schon im 16. Jahrhundert ~Las Casas~, im 17. und 18. ~Becher~ sowie
~A. von Haller~ und noch neuerdings (1907) ~Gruhn~[6097]. Persien
ist sehr reich an dem zur Herstellung des Messings unentbehrlichen
Galmei; dessen Benennung „Tutia“, die schon im frühen Mittelalter
auftaucht, ist nichts anderes als das persische „Dûd“ = Rauch und
bezog sich ursprünglich auf die für die Galmeiöfen charakteristische
Wolke zartesten weißen Zinkoxydes, das zufolge augenblicklicher
Verbrennung des zunächst in feinsten Tröpfchen abgeschiedenen
metallischen Zinks entsteht und in dichten Massen an die Ofendecke
emporsteigt[6098]. Der chinesische ~Buddha~-Pilger ~Hiuen-Thsang~
erzählt 629 n. Chr. von der Darstellung des Messings in Persien aus
Kupfer und Galmei, dem Steine Yu-Schih[6099], der daselbst in vielen
Gegenden vorkomme[6100]. Aus Persien soll diese Kunst nach Indien
gelangt sein, wo man angeblich erst im 6. Jahrhundert an Stelle der
älteren kupfernen oder bronzenen ~Buddha~-Statuen messingene zu setzen
begann[6101] und das Messing seither schon ebenso zu Schmucksachen
verarbeitete, wie dieses ~Somadeva~ noch ein halbes Jahrtausend später
erwähnt[6102]; nach ~Hiuen-Thsang~[6103] gab es auch in Indien viel
Galmei, besonders im Sind, -- doch läßt dieser Bericht Zweifeln Raum,
da die Übersetzung des betreffenden chinesischen Wortes mit „Galmei“
nicht ganz sichersteht. Den Chinesen soll die Darstellung des Messings
nach einigen ebenfalls aus Persien zugekommen sein, und zwar nicht vor
dem 8. Jahrhundert[6104], während andere sie als eine einheimische
Errungenschaft hohen Alters betrachten. Jedenfalls gelangte im
Mittelalter Tutia nicht nur aus Kerman und Ispahan in Persien, sondern
auch aus Indien und China nach den östlichen Mittelmeer-Ländern, und es
bestand namentlich zu Damaskus eine ausgedehnte und technisch höchst
vollendete Fabrikation von Messingwaren, was aber nicht hinderte, daß
solche gleichzeitig auch aus Europa in den Orient kamen, besonders nach
Ägypten[6105].
In Griechenland erwähnen die dem ~Hippokrates~ zugeschriebenen
Werke gewisse medizinische Instrumente aus „weißem Kupfer“[6106],
im Gegensatze zum gewöhnlichen „roten“[6107], und versichern, „das
weichste und leichteste Kupfer sei das geeigneteste zur ausgiebigen
Mischung“[6108], als deren Ergebnis zweifellos Messing anzusehen
ist. Fraglich bleibt dagegen, ob man dieses auch als von Anfang her
identisch mit dem ὀρείχαλκος (Oreíchalkos, Orichálcum) zu betrachten
habe, einem u. a. bei ~Hesiod~[6109], in der sog. homerischen Hymne an
~Aphrodite~[6110], sowie im „Kritias“ des ~Platon~ erwähnten, diesem
aber schon nicht mehr näher bekannten, goldähnlichen Metalle von
angeblich ganz außerordentlichem Werte[6111]. Die „Wundergeschichten“
des ~Pseudo-Aristoteles~ melden, daß man aus ihm zu Chalcedon auch
ganze Statuen anfertigte, und halten es offenbar für das nämliche wie
das „Erz der Mossinöken“ (am Südostufer des Schwarzen Meeres), die
eine „vom Erfinder geheim gehaltene Legierung“ (κρᾶμα, κρᾶσις) nicht
aus Kupfer und Zinn, sondern aus Kupfer und einer in ihrem Lande
vorkommenden „Erde“ darzustellen verstanden[6112]; das Röstprodukt
dieser Erde, die sog. „phrygische Asche“ [unreines Zinkoxyd], wird
zugleich als vortreffliches Augenheilmittel gerühmt[6113]. Vermutlich
beruhten die Berichte über das Vorkommen des Orichalcum in der Natur
auf bloßen Sagen, die dadurch entstanden, daß man die zuerst wohl in
Kleinasien auftauchende Legierung nicht als solche erkannte, sie
vielmehr als ein einheitliches Metall unbekannter Herkunft ansah[6114].
Die Bezeichnung Oreíchalkos leiten einige vom „Erz des ~Oreios~“
ab[6115], welcher Erfinder aber sichtlich nur ein Heros eponymos ist,
andere, gemäß der wörtlichen, aber ganz nichtssagenden Übersetzung der
Worte ὄρος (Oros) und χαλκός, von „Berg-Erz“, noch andere endlich von
ὀρεύς (Oreús), dem Berg- oder Maultier, das durch Vermischung von Pferd
und Esel ganz ebenso entstehe, wie das Orichalkum durch die von Kupfer
und Galmei[6116].
Bei den Römern wurde der Name Oreíchalkos durch eine Volksetymologie
zu Aurichalcum (= goldiges Kupfer, Goldkupfer) umgestaltet und
bezeichnete eine Legierung aus Kupfer und Kadmia (Galmei), Kupfer und
„cadmischer Erde“[6117], Kupfer und [zinkhaltigem] sog. „Ofenbruch“ der
Silberhütten[6118]. Im Anfange des hellenistischen Zeitalters schwankte
die Bedeutung allerdings zwischen Messing, Bronze und Kupfer[6119],
wovon die Aufzählungen der 6 (oder 7) Metalle bei ~Pollux~[6120] (2.
Jahrhundert n. Chr.), ja noch bei ~Albertus Magnus~[6121] (um 1260)
eine Spur bewahrt haben, indem sie an Stelle des Kupfers, oder neben
ihm, Orichalcum anführen; spätestens vom 2. Jahrhunderte v. Chr. an
war aber Aurichalcum ausschließlich = Messing[6122] und gilt daher
bei ~Plautus~, ~Cicero~, ~Horaz~ und anderen für billig und wertlos.
Was ~Vergil~ als „orichalcum album“ erwähnt[6123], ist vielleicht
als χαλκὸς λευκός, aes candidum (eine Kupfer-Silber-Legierung)
anzusehen[6124], vielleicht aber auch nur als ein sehr helles
Weißmessing, identisch mit dem vielgedeuteten χαλκολίβανος
(Chalkolíbanos) der „Apokalypse Johannis“[6125]. ~Plinius~ erwähnt
das Orichalcum nur ziemlich flüchtig[6126], ~Festus~ bespricht seinen
Namen, nennt es eine Mischung oder Legierung (κραματινά) und weiß, daß
„cadmische Erde in Kupfer geworfen wird, damit es entstehe“[6127].
Ähnlich äußern sich ~Hesychios~[6128], für den Messing ein
bronzeähnlicher Stoff ist, sowie ~Isidorus~[6129], der seine goldgelbe
Farbe auf die Beimischung eines „medicamen“ zum Kupfer zurückführt;
ὀριχαλκεύς im Sinne von Messingschmied kommt um die nämliche Zeit (um
600) im byzantinischen Ägypten vor, jedoch nur ganz vereinzelt[6130].
Wie die als „Periplus“ bekannte, etwa um 40 n. Chr. verfaßte
Handelsbeschreibung der Gestade des Roten Meeres erwähnt, führten
die Küstengegenden Ostafrikas schon damals Orichalcum = Messing ein,
das als Schmuck sowie an Geldesstatt diente, zu welchem Zwecke man
es in passende Stücke zerschnitt[6131]. Etwas später, zur Zeit des
~Plinius~[6132], wurden die Galmeilager des niederrheinischen Gebietes
entdeckt, und alsbald entwickelte sich dort, hauptsächlich in der
Gegend von Juliacum (Jülich), eine ausgedehnte Messingindustrie,
deren Blütezeit um 150 anzusetzen ist und deren Erzeugnisse durch die
römischen Großkaufleute erst in alle Nordsee-, später aber auch in
die Ostsee-Länder verhandelt wurden[6133]; als gegen 300 die Barbaren
einbrachen, ging sie zwar unter, aber das Vorhandensein der Galmeilager
daselbst, in der Aachener und Stolberger Gegend, sowie im Maastale
scheint niemals völlig in Vergessenheit geraten zu sein und veranlaßte
jedenfalls die Wiederaufnahme dieses Gewerbszweiges vom 11. Jahrhundert
an[6134].
Was den Namen „Messing“ betrifft, so wollte man ihn u. a. von einem
slavischen *mosengju ableiten, dieses vom spätpersischen miss, miess,
moess (= Kupfer) und dieses wieder vom pontischen *moss oder mossu,
dem Erze der Mossynöken[6135]. Viel näher liegt aber als Stammwort
das mittellateinische massa = Klumpen, Klotz (als „Massel“ noch jetzt
für die Roheisen-Luppen gebräuchlich), das als mass, mess, meze,
messe nachgewiesen ist[6136], im mittelhochdeutschen mösch, möschnic,
missinc, messinc, messing lautet[6137], auch in der „Sarepta“ des
~Mathesius~ als „messinc, messnic, messen“ nachklingt[6138], in
niederländischen Dokumenten von 1517 und 1579 als myssink und massener
Ware[6139], und noch im Basler Zeughaus-Inventare von 1666 als Mössinc,
Möschnic, Mösschinen[6140]. Im Niederländischen, Flämischen und
Holländischen wird aber Messing oft auch mit „Kupfer“ bezeichnet (s.
das französische cuivre blanc), indem es für eine bloße Art gefärbten
Kupfers galt[6141]; auf Gleichsetzung mit Bronze wiederum deutet wohl
das angelsächsische braes und das englische brass[6142].
Der in älteren Aachener Urkunden vorzufindende Namen „Latven“ kommt
vom französischen laiton (span. laton; ital. lottone, oder, unter
Hinweglassung des vermeintlichen Artikels, ottone), und dieses nach
~Dietz~ von plata, latta, latte (engl. latten), der Bezeichnung für
das allezeit so beliebte dünngeschlagene Weißmessing-Blech[6143],
nach ~Rossignol~ von „aes luteum“ (= gelbes Erz)[6144], nach der
zweifellos richtigen Erklärung ~Ducanges~ aber von „Elektron“[6145].
Das französische „archal“, von dem neben laton ~Boileau~ schon 1254
spricht[6146], geht auf Orichalcum zurück; noch 1575 heißt in Stolberg
das Rohmessing Arko[6147]. -- Ganz abseits stehen das neugriechische
τούντζυ (Túntzy) und das rumänische Tuciu, die offenbar mit Tutia
zusammenhängen und nicht mit Tumbac oder Tombacco, d. i. das malayische
Wort tambâja = Kupfer[6148]. Daß das Westfinnische ein eigenes Wort für
Messing besessen habe, ist ein Irrtum; Messing war im alten Finnland
ebensowenig bekannt wie Bronze und taucht erst im „Kalewipoeg“ auf, der
aber auch sonst vieles sehr junge erwähnt, z. B. Branntwein und sogar
Tabak[6149].