Die Geschichte der Bronze, der Legierung von Kupfer und Zinn, ist
auf das Innigste mit jener dieses letzteren Metalls verknüpft, auf
die jedoch aus verschiedenen Gründen erst weiter unten des näheren
eingegangen und daher an dieser Stelle nur hingewiesen werden kann.
Die Erfindung der Bronze, sei sie anläßlich zufälligen gemeinsamen
Verschmelzens von Kupfererzen und Zinnstein, oder von fertigem Kupfer
und Zinn gemacht worden[5858], setzt jedenfalls gewisse metallurgische
Erfahrungen voraus, namentlich solche im Darstellen und Gießen
des Kupfers, und zwar eines ziemlich reinen[5859], -- wenngleich
es unmöglich ist, ihr, mit ~Kahlbaum~ und ~Hoffmann~[5860], schon
die klare Absicht unterzulegen, den hohen Schmelzpunkt des Kupfers
(1135°) durch den niedrigen des Zinns (228°) auf den mittleren der
Bronze (900°) herabzudrücken. Sie einem einzigen bestimmten Volke
zuzuschreiben, etwa den Ägyptern[5861] oder den Phöniziern[5862],
erweist sich als unzulässig, vielmehr scheint sie an mehreren, wenn
auch nur wenigen Punkten selbständig gemacht und dann von diesen
aus allmählich weiter verbreitet worden zu sein[5863], wobei sich
zwar Vorderasien, Europa und Afrika als zusammengehörig ergeben, ein
völlig gemeinsamer Herd aber selbst für die +alte+ Welt so gut wie
undenkbar erscheint[5864]. Auch im vorliegenden Falle mahnt nämlich
die +neue+ zur Vorsicht in allen weitgehenden Schlüssen, denn „in
beiden Hemisphären findet sich die Kunst dieser Legierung“, wie bereits
~Humboldt~ hervorhob[5865]: so besaßen die Mexikaner, bei denen
~Cortez~ Zinn in großen Mengen gewinnen und an Geldes Statt benützen
sah[5866], auch bronzene Geräte und Werkzeuge, 94% Kupfer und 6%
Zinn enthaltend, und waren im Gusse größerer und großer Gegenstände
wohlerfahren[5867]; die Peruaner, bei denen sich auch Wagen und
Gewichte vorfanden, die in Mexiko fehlten, verstanden ebenfalls,
Bronze mit 6% Zinngehalt herzustellen und zu gießen, und wandten sie
zu den mannigfaltigsten Zwecken an, obwohl ihnen das Eisen nicht mehr
unbekannt war[5868]; endlich bedienten sich auch einige, jedoch nicht
alle Völkerschaften Chiles, vermutlich von Peru aus beeinflußt, neben
der kupfernen auch bronzener Schmucksachen, Werkzeuge, Geräte und
medizinischer Instrumente[5869].
Für die oben erwähnte Vermutung ~Smiths~, die Bronze sei in +Ägypten+
erfunden worden, lassen sich zureichende Gründe nicht vorbringen,
dagegen kannte man sie daselbst in weit früherer Zeit, als ~Gsell~
annahm[5870], nämlich schon unter der Regierung der Thiniten und
der ersten Königsdynastien[5871], also etwa seit 3000; um 2500 war
sie bereits verbreiteter[5872], und dem alten Reiche scheint auch
ein aus Kupfer gegossenes Gefäß anzugehören, das schon ein mittels
eines Bronze-Plättchens verlötetes Loch aufweist[5873]. In einem
Gedichte aus der Zeit um 2000 ist von „Riegeln aus Bronze an Türen
aus Kupfer“ die Rede[5874], und spätestens um 1500 verstand man den
Hohlguß auch größerer Stücke und Statuen[5875], der jedenfalls eine
lange andauernde Übung voraussetzt. Die Frage, ob die Bronze, als
deren Namen thisd, thesed, aber auch chesmen angegeben werden[5876],
sowie die Bronze-Technik, den Ägyptern aus einem bestimmten Lande des
Orients zugekommen sei, aus welchem, und namentlich aus oder über
Cypern, muß vorerst unentschieden bleiben, ebenso wie die nach der
Herkunft des zu ihrer Darstellung erforderlichen Zinns. Tatsache ist,
daß dieses anfangs nur in sehr kleiner Menge vorhanden war[5877]:
der Gehalt beträgt bei den ältesten Bronze-Funden (um 3000) nur
1-2%[5878], bei den etwas jüngeren (um 2500) schon 6%[5879], und steigt
dann rasch auf die normale Höhe von 10-12%, die im 2. Jahrtausend
bereits die gewöhnliche ist[5880]. Die Fundstücke umgekehrt, auf
Grund ihres Zinngehaltes, einem bestimmten Zeitalter zuzuteilen, ist
aber im Einzelfalle ganz unzulässig, da man zinnarme Bronzen auch in
späterer Zeit weiter erzeugte, ferner aber auch Bronze-Gegenstände,
wahrscheinlich aus religiösen Gründen, zu gewissen Zwecken, z. B.
als Grabbeigaben, nicht anwandte, diese vielmehr (noch um 1500)
ausschließlich aus reinem Kupfer anfertigte[5881]. In älteren,
gegossenen Bronze-Gegenständen findet sich nicht selten ein merklicher,
zwischen 6 und 12% schwankender Zusatz an Blei, offenbar weil dieses
die Verflüssigung und Handhabung der Legierung erleichtert[5882],
während jüngere, geschmiedete, zuweilen 1-2% Eisen enthalten,
das vermutlich aus den benützten Kupfererzen herstammt und ihnen
eine bedeutende, aber zur Bearbeitung der Hartgesteine doch nicht
ausreichende Härte verleiht[5883]. Mit was für Werkzeugen die Ägypter
Granit, Syenit, Diorit und Basalt meisterten, ist noch strittig; ein
Härten der Bronze nach Art des Stahles, durch Abschrecken in Wasser
oder Öl (διά τινος βαφῆς), von dem ~Proklos~ und einige Spätere
fabeln[5884], darf für ausgeschlossen gelten, die Bereitung einer
Art Phosphor-Bronze mittels phosphorhaltiger Beigaben ist unbewiesen
und unwahrscheinlich[5885], und ein Zusatz von 22-30% Zinn macht die
Bronze zwar stahlhart, aber auch äußerst spröde[5886]. Da indessen
ägyptische Prägestempel des 6. Jahrhunderts v. Chr. von gerade dieser
Zusammensetzung vorliegen[5887], die Sprödigkeit zum großen Teil
durch Ausglühen zu beheben ist[5888], ferner sehr harte Instrumente,
z. B. medizinische, durch anhaltendes starkes Hämmern hergestellt
werden können[5889], endlich aber auch bronzene Feilen aufgefunden
wurden[5890], so scheint die Existenz einer Hartbronze doch noch
keineswegs ausgeschlossen; weitere Untersuchungen müssen Aufklärung
darüber bringen, ob bei ihrer Gewinnung mechanische Behandlungsweisen
die Hauptrolle gespielt haben, chemische Beimischungen (unter denen
auch noch das Arsen zu berücksichtigen wäre), oder beide.
Den +Sumerern+ war die Bronze schon gegen 3000 gut bekannt, da die
ältesten Schichten zu Telloh (um 2900) zahlreiche bronzene Ringe,
Äxte und Götterbilder aufweisen[5891], aus der nämlichen Zeit ein
prächtiger Stierkopf in Bronze herrührt[5892], und aus der nur wenig
jüngeren des Königs ~Urnina~ (um 2800) zahlreiche Bronzefiguren
vorliegen[5893], sowie Bronzestifte von Rollsiegeln[5894]. Um 2700
tragen die Krieger auf der sog. Geier-Stele des ~Eannatum~, Sohnes
des ~Entemena~, mit Metallbuckeln beschlagene Schilde, Lederhelme mit
Metallrändern, sowie Lanzen mit zweischneidigen Metallspitzen, und
das Metall scheint Bronze zu sein[5895]; eine ganze Anzahl kleiner,
sehr gut gearbeiteter Bronzefiguren sind nur etwa 30 Jahre nach dieser
Stele angefertigt[5896]. Unter der Regierung ~Gudeas~, der zu den
„Königen von Sumer und Akkad“ gehört[5897], etwa um 2300, stand die
Verarbeitung von Gold, Kupfer, Zinn und Bronze auf einer hohen Stufe,
und letzteres Metall wird auch in Inschriften und Zaubersprüchen
erwähnt[5898]; auffälligerweise erteilen die Sumerer in dieser Periode
den Göttergestalten nicht mehr den Typus ihres eigenen Volkes, sondern
jenen der Semiten[5899], von denen sie anscheinend auch die Verbindung
der Götter mit den Gestirnen sowie mit dem Lebenswasser übernahmen, --
wie denn auch auf dem Siegel ~Gudeas~ ein sitzender Gott Vasen hält,
aus denen das Wasser des Lebens hervorsprudelt[5900]. Im Zeitalter
~Hammurabis~, um 2000, war die Bronze längst allgemein bekannt[5901],
und im 16. Jahrhundert bilden bronzene Rüstungen und Waffen einen
Gegenstand der Ausfuhr nach Syrien[5902]. Wie bei den Bronzen Ägyptens,
so ist im allgemeinen auch bei denen Babyloniens und Assyriens der
Gehalt an Zinn anfangs sehr gering, oft nur 0,1-0,3%, steigt dann auf
3-5 und später auf 10-12, zuweilen auch auf 16-20%, und wird nicht
selten von einem solchen an Blei (3-7%), Antimon (4%), Eisen (2-4%,),
Arsen (0,6%) und etwas Nickel begleitet, die, mit Ausnahme des Bleies
und vielleicht des Antimons, wohl sämtlich aus dem benützten Rohkupfer
herrühren[5903]. Bestimmte Anhaltspunkte über das Alter einzelner
Gegenstände liefert aber der Zinngehalt auch hier nicht, so z. B. fand
~Berthelot~ in einigen Stücken aus dem 2. Jahrtausend 10-12% Zinn,
in jüngeren (Anfang des 1. Jahrtausends) 11%, in noch jüngeren (um
800) 8,5%, aber auch 14-20%, neben 3,5-7% Blei und 2-3% Eisen oder
Nickel[5904]. -- Was die Frage betrifft, ob das Land der Sumerer als
die (oder doch als eine) Ursprungsstätte der Bronze anzusehen sei, so
ist zu bemerken, daß +allein+ dieses Volk neben dem Worte für Kupfer,
urudu, noch ein besonderes für Bronze besitzt, zabar, das „feurigrot,
glänzend“ bedeutet; in einem zweisprachigen Hymnus an ~Gibil~, den Gott
des Opfer-, Herd- und Welt-Feuers, den Lehrmeister der Schmiede[5905],
heißt es: „Du bist es, der Gold und Silber läutert; Du bist es, der
Kupfer (urudu) und Zinn (anna) mischt“[5906], und in diesen Versen wird
unleugbar dem Gotte die Erfindung der Legierung zugeschrieben[5907].
Sollte aber wirklich „anna“ ursprünglich nicht Zinn, sondern Blei
bedeutet haben[5908], so läge die Vermutung nahe, daß die Blei-Bronze,
-- es sei hier nur an die Statue des Königs ~Bur-Sin~ von Ur (um
2600) mit 18% Blei erinnert[5909] --, älter ist als die Zinn-Bronze,
und daß der anfängliche Zusatz ein solcher von Blei war, das erst
späterhin durch Zinn ersetzt wurde. -- In jüngerer babylonischer Zeit
führt die Bronze auch andere Namen, so z. B. weihte ~Nebukadnezar~ II.
(um 600) einer Göttin je zwei Hunde aus Gold, Silber und Bronze, für
welche Metalle die Bezeichnungen hurasu, kaspu, und eru oder namru
stehen, d. h. „glänzendes Kupfer“[5910]. Ob der ältere Name zabar in
dem noch bei den späteren Arabern gebräuchlichen zafar, zafr, safr,
fortlebt[5911], ist fraglich.
In der +Ägäis+ soll nach ~Karo~ das Kreta der frühminoïschen Periode
(3. Jahrtausend) Bronze noch nicht, und das der spätminoïschen (2.
Jahrtausend) anfangs nur spärlich, reichlicher erst seit etwa 1600,
besonders aber seit 1500, besessen haben[5912]; nach ~Meyer~ ist aber
Bronze schon zu Beginn des 3. Jahrtausends bekannt[5913] und nach
~Forrer~ bald nach dessen Ende in Knossos nicht selten[5914]. Das
nämliche gilt nach den zuletzt genannten Autoren von Cypern, woselbst
jedoch die Bronze-Gegenstände noch lange Zeit hindurch die Formen der
kupfernen festhalten und sich neben diesen nur sehr allmählich Bahn
brechen[5915]. Auch die Cykladen sind, entgegen ~Karos~ Ansicht[5916],
um 2500 schon reich an Bronze-Geräten, -Gefäßen und -Waffen; nur die
Spitzen der dortigen Pfeile sind nicht aus Bronze gefertigt, sondern
aus dem Obsidian der vulkanischen Insel Melos[5917].
Zu +Troja+ findet sich Bronze, wenngleich vereinzelt, schon in sehr
tiefliegenden Schichten, und ist anfangs arm an Zinn[5918]; um 2500 ist
bereits viel Bronze und solche von 8-11% Zinngehalt vorhanden[5919],
um 2000 treten Schmucksachen (auch gelötete) und getriebene Gefäße
auf[5920] und um 1500, in der sog. homerischen Schicht, mannigfaltige
Geräte und Waffen[5921].
Das +mykenische+ Zeitalter (um 2000) war mit der Verarbeitung der
Bronze durchaus vertraut, namentlich auch mit der Herstellung größerer
Gegenstände in Hohlguß[5922]; der Gehalt an Zinn ist sehr wechselnd,
kaum 1% bei einem Kessel aus Mykene[5923], 5,5% bei einem Schwert
und 9,5% bei einem Szepter (?) ebendaher[5924], dagegen 10-13% bei
Fundstücken aus Tiryns[5925]. Nach einigen Forschern waltet hierbei der
Zufall, nach anderen sollen die zinnreichen Geräte durch die Phönizier
eingeführt sein[5926]; die Herstellung kleinerer Gußsachen dürften
diese schon sehr frühzeitig verstanden haben, und jedenfalls reichte
ihre Erfahrung aus, um ihnen im 11. Jahrhundert den Guß der gewaltigen
Bronzesäulen vor dem Tempel zu Gades (der sog. Säulen des ~Herkules~)
zu ermöglichen, und im 10. Jahrhundert den der Prunkstücke im Tempel
~Salomons~, wobei sie Tonformen benützten[5927]. Unter mykenischem
Einflusse standen auch die Inseln des östlichen Mittelmeeres sowie
Sizilien[5928]; betreffs ersterer ist dem weiter oben Gesagten noch
hinzuzufügen, daß in Cypern die einheimischen Erzeugnisse auch während
dieser Zeit noch die alten Formen beibehielten und daher durchaus
archaisch erscheinen[5929], während sich in Kreta starke babylonische
Einflüsse geltend machten, deren Spuren auch die Bronze-Barren von ¼, ½
und 1 Talent babylonischen Gewichtes verraten[5930].
Unter den +Griechen+ lernten die Bronze zuerst jedenfalls jene
Kleinasiens kennen, woselbst man gegen Ende des 10. Jahrhunderts z. B.
in Ephesus schon Zahlbarren (ohne Prägung) in Gold, Silber, Elektron,
Bronze und Blei besaß[5931] und wo auch der Hohlguß um diese Zeit
längst in Anwendung stand, so daß dessen „Erfinder“, ~Theodoros~
und ~Rhoikos~ von Samos (6. Jahrhundert), von denen ~Pausanias~
und andere erzählen, in Wirklichkeit wohl nur die Verbreiter
waren[5932]. Das nämliche gilt betreffs der Bronze selbst, die nach
den „Wunder-Geschichten“ des ~Pseudo-Aristoteles~ ein Lyder ~Skythes~,
nach ~Theophrastos~ ein Phryger ~Delas~, und nach den „Fabulae“ des
~Hyginus~ der Phönizier ~Kadmos~ zu Theben zuerst bereitet haben
soll[5933]. Auch von der Erfindung durch die im Ida-Gebirge hausenden
Daktylen berichten ältere Sagen[5934], doch ist es unzutreffend, daß
dieser bereits ~Homer~ gedenke; bei ihm bedeutet χαλκός (Chalkós)
bald Kupfer, bald Bronze, die dem geschilderten Zeitalter wohlbekannt
ist und als φαεινός (glänzend), αἶθοψ (funkelnd), νῶροψ (blendend)
bezeichnet wird[5935]. Wann die +europäischen+ Griechen zuerst von ihr
Gebrauch machten, läßt sich nicht bestimmt angeben, doch fehlt sie
z. B. noch in den tiefsten, bis in das 2. Jahrtausend zurückreichenden
Schichten Olympias[5936]; auf frühzeitiges erstes Auftauchen deuten
die Sagen vom ehernen Zeitalter, sowie die Anschauungen, daß Bronze
als das ältere Metall sich auch besser und edler erweise als Eisen,
für kultische und daher auch für medizinische Anwendungen den Vorzug
verdiene, den Göttern wohlgefällig sei, ihre Stimme in seinem Klange
wiedertönen lasse, die bösen Geister und Gespenster vertreibe, Zauber
und Zauber-Wirkungen breche, u. dgl. mehr[5937]. Die Darstellung der
Bronze aus Kupfer und Zinn, sowie ihre Eigenschaften, waren zwar
spätestens im 5. Jahrhundert ganz allgemein bekannt, -- ~Empedokles~
(gest. 444) erwähnt ihrer, und ~Aeschylos~ (gest. 456) sagt, „das
Erz ist ein Spiegel des Körpers wie der Wein einer der Seele“[5938]
--, aber über ihr Wesen als Legierung kam man nicht ins klare; noch
~Aristoteles~ war, wie schon weiter oben ausführlich erörtert, der
Ansicht, daß das Kupfer durch Zinn etwa ebenso zu Bronze „gefärbt“
werde, wie durch Galle zu „Gold“, und daß das Zinn sich völlig auflöse
und im Kupfer verschwinde, wobei es dieses hart, rein, glänzend mache
und „färbe“[5939]. Die griechischen Erzgießer und Künstler verstanden
es, der Bronze durch allerlei Beimischungen die verschiedensten
Farbentöne zu erteilen (s. das aes hepatizon, graecanicum usf. bei
~Plinius~)[5940], und dies trug vielleicht dazu bei, die aristotelische
Lehrmeinung zu bestätigen und zu festigen, so daß sie als übliches
Schulbeispiel dauernd in jedermanns Munde blieb, wie denn z. B.
noch ~Plutarch~ (48-125) sie bei jeder Gelegenheit immer wieder
vorbringt[5941].
In +Etrurien+ weisen schon die älteren Nekropolen, sowie die wiederholt
erwähnten Grabstätten zu Villanova und Felsina (Bologna) viel Bronze
auf[5942], die ursprünglich gegossen, sehr frühzeitig aber auch schon
getrieben wurde, derart, daß die ältesten Tonwaren des Landes sich als
Nachahmungen solcher getriebener Bronzegefäße zu erkennen geben[5943];
diese besitzen einen eigenartigen Stil, den die Phönizier mindestens
seit dem 15. Jahrhundert nicht mehr tiefer beeinflußten[5944],
und sind an ihm meist mit Sicherheit kenntlich, z. B. im Norden,
wohin sie bereits in alter Zeit ihren Weg nahmen[5945]. Die auch
für den vorliegenden Fall bedeutsame Frage nach orientalischen,
insbesondere babylonischen Beziehungen der Etrusker, für die unleugbare
religiöse Anhaltspunkte vorliegen sollen (Zauberwesen, Aberglauben,
Leberschau)[5946], ist, ebenso wie die nach ihrer orientalischen
Herkunft und nach der Stellung ihrer Sprache, vorläufig noch strittig
und nicht spruchreif. -- Bei den +Römern+, deren Glauben und
Aberglauben so vielfach an den etruskischen anknüpft, ist die kultische
Bedeutung der Bronze bemerkenswert, so z. B. dürfen sich die Flamines
genannten Priester gelegentlich gewisser Opfer nur tönerner Gefäße,
wollener Kleider mit Erzspangen und bronzener Geräte bedienen[5947].
Noch um 300 v. Chr. stand die Bronze so hoch im Preise, daß unter den
Geschenken, die ~Fabricius~ den Samniten wieder zurücksandte, außer
fünf Sklaven und fünf Pfunden Silbers auch zehn Pfunde Erz aufgezählt
werden[5948]. Im Laufe des 2. Jahrhunderte wurde Campanien, und
ganz besonders die Stadt Capua, zum Hauptsitze einer ausgedehnten
Bronze-Industrie, namentlich auch Kunst-Industrie, die seither, zumeist
aber vom Beginne der Kaiserzeit an, ganz Italien sowie die Provinzen
mit ihren Erzeugnissen versorgte, u. a. mit Spiegeln, deren beste, die
Brundisium (Brindisi) lieferte, etwa 30% Zinn, zuweilen auch etwas Blei
(5-6%) enthielten[5949]; anderen Bronzewaren wurde jedoch, besonders in
späterer Zeit, viel mehr Blei beigemischt.
In +Mitteleuropa+ ist, wie schon oben erwähnt, bereits während der
jüngeren Steinzeit ein Handel anzunehmen, der sich auf Feuersteine,
Steinwerkzeuge, Tongeräte und primitiven Schmuck, vor allem Bernstein,
erstreckte, gegen Ende der Periode aber auch Muscheln des Mittelmeeres,
Glasperlen, Kupfer in Barren und Doppeläxten, Gold, Zinn und Bronze
umfaßte[5950]. Die sog. Bronzezeit setzt in Mitteleuropa um 2000
ein, erstreckt sich in mehreren Stufen bis zu dem nicht überall
gleichzeitig (etwa zwischen 1000 und 600) erfolgenden Eintritte der
Eisenzeit, dauert aber auch während deren älteren (sog. Hallstädter)
und jüngeren (sog. La Tène-)Abschnittes weiter fort, -- die Grenze
beider bildet ungefähr das Jahr 400 --, und endigt vollständig erst
um 100 v. Chr.[5951]; im nördlichen Europa beginnt sie erst gegen
1700 und währt bis etwa 50 v. Chr.[5952]. Da gerade jene Gegenden
Mitteleuropas, in denen sich die Bronzezeit am reichsten entfaltete,
damals weder Kupfer noch Zinn erzeugten[5953], das Zinnland Britannien
aber keine Bronze besaß[5954], so fanden die Behauptungen einiger
Gelehrten, z. B. ~Wilsers~[5955], von einer selbständigen Erfindung
der Bronze in Mittel- oder Nordeuropa bisher keinen Anklang in der
Wissenschaft; die allgemeine Meinung geht vielmehr dahin, daß der
Gebrauch der Bronze aus dem Südosten des Weltteils, woselbst sie
zuerst bekannt war, sich allmählich nach Mittel- und von da aus nach
Nordeuropa ausgebreitet habe[5956]. Träger dieser Verbreitung, die
um 2000 nachweisbar wird, aber erst einige Jahrhunderte später ihren
Höhepunkt erreicht, waren anfangs Tauschhändler, durch deren Tätigkeit
die besondere Wichtigkeit des Bernsteins, auf die schon weiter oben
aufmerksam gemacht wurde, sichtlich zutage tritt[5957], später wohl
auch wandernde eigentliche Erz-Händler und -Arbeiter, aus deren Händen
die in den ältesten Pfahlbauten vorgefundenen bronzenen Geräte und
Schmucksachen herrühren dürften[5958]. Diese wurden also zunächst in
fertiger Gestalt eingeführt, und zwar offenbar von wenigen gemeinsamen
Ausgangspunkten her[5959], wobei als erste Hand, anscheinend bis gegen
1500, kretische, nachher aber phönizische Vermittler ins Spiel kamen,
so daß sich hieraus das Auftreten von Ringen, Barren und Geräten
anfänglich kretischen, später aber (bis in die ältere Hallstädter Zeit
hinein) phönizischen Gewichtes genügend erklärt[5960]. Jedenfalls
„zehren die Funde aus der Bronzezeit überall vom Einflusse des
Ostens und der Ägäis“[5961], und für ihren einheitlichen Ursprung
zeugen die fast allerorten gleichmäßigen Formen, Verzierungen und
Mischungsverhältnisse[5962]. Die ältesten weisen einen geringen
Zinngehalt auf, doch steigt dieser alsbald auf den regelmäßigen von
10-12%[5963], während Blei gänzlich zu fehlen pflegt[5964]. Wann
das für die allgemeine Verbreitung ausschlaggebende Gießen an Ort
und Stelle begann, -- zunächst wohl durch die fremden Händler und
Wanderarbeiter, nachher auch durch Einheimische --, läßt sich genauer
nicht feststellen, um so mehr als fürs erste nur kleine Gegenstände in
Frage kamen, die teils aus eingeführten Barren, teils aus Bruchstücken
oder Resten angefertigt wurden[5965]; auf einen frühen Anfang solcher
Bemühungen deutet aber die Benützung von Gußformen aus einheimischen
Gesteinen, sowie die beharrliche Nachahmung der Gestalten von Stein-
und Kupfergeräten[5966], die namentlich im Norden bis in späte Zeiten
hinein andauert, obwohl man zu diesen auch dort schon verhältnismäßig
vollendete Gegenstände anzufertigen verstand, wie Wagen, Wagenräder mit
Speichen, u. dgl.[5967]. Im Laufe des 2. Jahrtausends schreitet die
Gußtechnik jedoch allenthalben erheblich fort[5968]; ihr schließt sich
die Treibarbeit an, die fraglos südlichen Vorbildern nacheifert[5969],
und zuletzt, wohl erst seit Beginn der Eisenzeit (etwa um 1000), folgt
das Schmieden, als jüngste der Künste[5970].
Über den Bahnen, auf denen die Kenntnis der Bronze nach Mitteleuropa
gelangte, schwebt noch Dunkel. Zwischen der Ägäis und der
ostkarpathischen Ebene walten zwar sehr alte, bis gegen 2500
zurückreichende Zusammenhänge, sie brechen aber bald nach dieser
Zeit jäh ab[5971] und ob sie sich wirklich später erneuerten und zu
einer Benützung des Weges Donau-aufwärts Anlaß gaben, bleibt ungewiß.
Unter den westlichen Pfaden gilt als der wichtigste der längs der
Rhone aufwärts bis in das Quellgebiet des Rheins und weiterhin der
Donau, und dann wieder diese Flußläufe abwärts führende, doch läßt die
genauere Erforschung dieses Hauptzuges noch ebensoviel zu wünschen
übrig wie die seiner Verzweigungen, besonders der auf französischem
Boden vorauszusetzenden; sehr auffällig sind die Bronzen der Charente,
die zeitweise ebenfalls bis 3% Arsen (aus dem Kupfer herrührend)
enthalten[5972], sowie einige sog. Depotfunde, z. B. die von Bonneville
(um 1000?), die neben 7% Zinn bis 5% Blei und zuweilen auch Antimon
führen[5973]. Was endlich die jüngeren etrurischen Einflüsse anbelangt,
so soll sie ~Genthe~[5974] nach manchen Richtungen überschätzt haben,
ob aber in so hohem Grade wie ~Partsch~ und einige andere Forscher
behaupten[5975], bleibt fraglich.
Ein durchaus selbständiges Entstehungs- und Verbreitungsgebiet der
Bronze ist, soweit sich dermalen übersehen läßt, das ostasiatische,
u. a. das indische, malayische und chinesische. In +China+ erfanden
nach „uralten Überlieferungen“ heilige Männer den Nutzen des Feuers
und verfertigten mit seiner Hilfe Gefäße aus Kupfer und Bronzen[5976],
deren Bestandteile, Kupfer und Zinn, schon unter der Regierung des
völlig mythischen Kaisers ~Yü~ (angeblich um 2200 v. Chr.) von gewissen
Völkern neben Gold und Silber als Tribut geliefert wurden[5977];
nach anderen, ebenso alten Erzählungen sollen aber fremde Eroberer
vor unvordenklichen Jahren die Kunst der Bronze-Darstellung nach
China gebracht haben[5978]. Jedenfalls ist eine erste Blütezeit der
Bronzetechnik schon in die Periode 1800-1500 v. Chr. zu setzen und
eine zweite in die der Tschou-Dynastie, d. i. 1000-900 v. Chr.[5979];
aus letzterer sind datierte Stücke von ganz außerordentlicher
Vollendung erhalten[5980], auch liegen Rezepte über sechs verschiedene
Mischungsverhältnisse vor, die den Zinnzusatz auf 20-100% des Kupfers
bemessen, niemals aber auf den im Mittelmeergebiete vorherrschenden von
10-12%[5981]. Die ältesten Bronzen, z. B. die im Lössboden gefundenen
Gefäße[5982], sollen ausschließlich aus Kupfer und Zinn bestehen[5983]
und sich dadurch jenen der Altai-Gegenden und der Tschudengräber
anschließen, die gleichfalls 20 und mehr Prozent Zinn zu enthalten
pflegen[5984]; spätere Legierungen, darunter bereits die der Glocken,
deren Gebrauch in China aber immerhin schon sehr alt ist, weisen
dagegen nicht selten auch bis 3% Arsen und Antimon auf[5985].
In +Indien+ besaß man Bronze schon in der älteren vedischen Zeit,
aus der zahlreiche Funde vorliegen sollen, die bemerkenswerterweise
sehr zinnarm sind[5986]; da die Indogermanen +vor+ ihrer Trennung
noch nichts von der Bronze wußten[5987], so müßten die Einwanderer
sie entweder bei der indischen Urbevölkerung schon vorgefunden, oder
unterwegs kennen gelernt haben. -- Den alten +Iraniern+ scheint die
Bronze unbekannt geblieben zu sein; einige Erwähnungen im „Avesta“
sind fragwürdiger Natur, zudem läßt sich ihre Abfassungszeit nicht
ermitteln[5988]. In späteren Epochen waren dagegen die Perser wie
mit metallurgischen Verfahren aller Art, so auch mit der Gewinnung
und Verwendung der Bronze wohlvertraut; noch 629 n. Chr. berichtet
der chinesische Pilger ~Hiuen-Thsang~ von den Platten, aus denen die
riesigen Statuen des ~Buddha~ zusammengesetzt werden, und sagt, daß
zu ihrer Herstellung der „Stein“ Teou-Schih von goldgelber Farbe
diene, der angeblich in Persien gefunden werde[5989]. Zur Zeit des
Khalifats waren persische Bronzen, nach dem Haupthandelsplatze auch
Mossul-Bronzen genannt, ein wichtiger Gegenstand der Ausfuhr[5990].
Was die +Namen+ der Kupfer-Zinn-Legierung anbetrifft, so stehen ganz
abseits das irische créd-uma = „Zinn-Kupfer“ und das deutsche Erz
(althochdeutsch aruz, erezi; altnordisch arud, so auch in Ortsnamen;
mittelhochdeutsch erz), das ~Hehn~ von „aes arretium“ ableiten will,
da Arezzo lange Zeit hindurch einen der wichtigsten Erzeugungsorte
der über die Alpen gehenden Waren bildete[5991]. Alle anderen neueren
Sprachen bedienen sich aber der Bezeichnung „Bronze“, die bei den alten
Griechen und Römern unbekannt war, und über deren Herkunft schon eine
ganze Anzahl sehr verschiedener Vermutungen ausgesprochen worden sind.
~Ducange~ im 17. Jahrhundert und ihm folgend ~Muratori~ im 18. und
~Diez~ im 19., nahmen als Stammwort das spätlateinische bruntus und
brunus an, das bald soviel wie braun besagen soll, bald so viel wie
glatt oder glänzend[5992]; diese Vieldeutigkeit entspringt nach
~Eastlake~ dem Umstande, daß das Wort ursprünglich die Farbe des
armenischen Bolus bezeichnete, den man im Kunstgewerbe als Untergrund
für das Auflegen von Gold zu benützen pflegte[5993]. Hiernach scheint
es erklärlich, daß z. B. schon in älteren Schriften des Mittelalters,
aus denen dann noch mehr als ein halbes Jahrtausend schöpfte, „brunire“
= deaurare (vergolden) und „or bruni“ = aurum politum (glänzendes,
poliertes Gold) ist[5994], daß ~Boileaus~ erstes Pariser Statutenbuch,
das „Livre des métiers“ von 1254, unter brunti oder bruni nichts
weiter als poli versteht[5995], und daß die mittelhochdeutschen
Dichter und Schriftsteller brunit auf Waffen, Schmucksachen, Gläser
usw. abwechselnd im Sinne von braun, von glatt, oder von glänzend
anwenden[5996]. Aus „aes brunum“ oder „brunum aes“ soll dann nach
~Rossignol~[5997], der als „verkürzte Sprechweise“ „brunses“
annimmt, sowie nach ~Schrader~[5998], das mittellateinische bronzium
hervorgegangen sein, sowie das italienische bronzo, bronza (auch =
glühende Kohle), das französische bronce und braise, das deutsche
Bronze, wohl auch das angelsächsische braes, das englische brass, das
albanesische brunto, das russische bronza usf.; desgleichen aus dem
mittellateinischen brunitius das italienische brunizzo, bruniccio,
bronzino[5999]. Mit brunus bringt ~Rossignol~ auch das von ~Ducange~
für 804 nachgewiesene „brunia“ in Verbindung, d. i. der erzene
Küraß[6000]; hiermit befindet er sich aber jedenfalls im Irrtum, denn
dieses Wort, gotisch brunjo, altnordisch brynja, angelsächsisch byrne,
altfranzösisch broigne und brunie, provençalisch bronha, althochdeutsch
brunja und bronja, mittelhochdeutsch bruyna, neuhochdeutsch Brünne,
leitet sich vom keltischen und irischen „bruisne“, d. i. Brust, ganz
ebenso ab, wie altfranzösisch harnais, französisch harnois, italienisch
arnese, spanisch arnes, altnordisch hardneskja, mittelhochdeutsch
harnasch, neuhochdeutsch harnisch, vom keltischen und irischen „iarn“
oder „haiarn“, d. i. Eisen[6001]. -- Obwohl sich nun der Zusammenhang
vieler der angeführten Worte mit bruntus und brunus nicht bezweifeln
läßt, so erscheint es doch auffällig, daß nach ~Schrader~ diese selbst
wieder in letzter Linie vom germanischen bruno = braun herkommen
sollen[6002]; denn da die Spätlateiner die Bronze nicht von den
Germanen kennen lernten, sondern umgekehrt, und die braune Farbe auch
nicht wohl als die für Bronze charakteristische anzuerkennen ist, so
behält hierdurch die ganze Erklärungsweise etwas Gezwungenes.
Das nämliche gilt von einer anderen, durch ~Pott~[6003] und später
durch ~Karabacek~[6004] aufgestellten, der gemäß die Stammworte der
Bronze das armenische plinj, das kaukasische pilindz und spilendzi, das
mittelpersische barnidz und beredsch, vor allem aber das neupersische
baradsch und birindsch sein sollen[6005]; als ihre eigentliche
Bedeutung wird „leuchtend, glänzend“ angegeben, und aus dieser dürfte
es sich erklären, daß die Perser mit Birindsch u. a. auch gewisse
Pflanzen und Pflanzenteile bezeichnen, z. B. die Reiskörner[6006].
Die Frage aber, wann, wo, und unter welchen Umständen gerade dieses
persische Wort zur Benennung der Bronze auserkoren und für sie
maßgebend geworden wäre, läßt sich vorerst nicht in überzeugender Weise
beantworten.
In den von ~Berthelot~ unter dem Namen „Technische Abhandlungen“
zusammengestellten, meist spätgriechischen Vorschriften findet sich
auch eine zur Herstellung des für Gußsachen dienlichen βροντήσιον
(Brontésion) „aus einem Pfunde cyprischen Kupfers und zwei Unzen
Zinn“[6007]. ~Berthelot~ glaubt, sie stamme aus der Zeit gegen 1100
und war zunächst der Meinung, daß hier zum ersten Male das wahre
Ursprungswort der Bronze, βροντήσιον, auftauche; von Gegenständen
ἀπὸ βροτισίων (Brotisíon) spricht aber schon eine Stelle bei
~Zosimos~[6008], und wenn sie auch angeblich erst ein byzantinisches
Einschiebsel aus dem 8.-10. Jahrhundert sein soll[6009], so bezeugt
sie doch ein bereits erheblich höheres Alter des Ausdruckes. Daß
dieser bereits vor 800 wohlbekannt war, ergibt sich aus zwei von
~Berthelot~ zuerst nachgewiesenen Rezepten: die im 8. Jahrhundert
verfaßten „Compositiones ad tingenda ...“, derer schon weiter oben
eingehend gedacht wurde, beschreiben als „compositio Brandisii“ und
„alia compositio Brandisii“ Legierungen aus 2 Teilen Kupfer, 1 Teil
Zinn, 1 Teil Blei, oder aus 2 Teilen Kupfer, ½ Teil Zinn, 1 Teil
Blei und ½ Teil Glas (vitrum)[6010]; die desgleichen oben erwähnte
„Mappae clavicula“ enthält ebenfalls die „Compositio Brindisii“, und
zwar nach ~Giry~ allein im älteren Schlettstädter Texte, während
der jüngere ~Way~sche die betreffende Vorschrift, jedoch mit 1
Teil statt ½ Teil Zinn, als „compositio brondisono“ nur unter den
einzelnen Rezepten aufweist, die die letzten Blätter der Handschrift
ausfüllen[6011]. ~Berthelot~ wirft nun die Frage auf, +wonach+
eigentlich die Kupfer-Zinn-Legierung βροντήσιον heiße? Die Benennung
nach der Farbe, also nach bruntus, scheint ihm wenig zutreffend; ihr
Befürworter, ~Ducange~, führt eine „Compositio Brundi“ an (2 Teile
Kupfer, 1 Teil Zinn, 1 Teil Blei), deren das nicht näher ermittelte
alte Werk eines Autors namens ~Palladius~ gedenke[6012]; ferner
kommt ein Mineral βροντήσινος (Brontésinos), vermutlich eine Art
Pyrit, auch im sog. „Lexikon“ vor[6013], das einen Bestandteil schon
der ältesten alchemistischen Handschriften bildet, aber allerdings
einen erst nachträglich beigefügten und nicht einheitlichen. Eine
Beziehung zu dem anklingenden βροντή (Bronté) = Donner ist auch nicht
anzunehmen, ebensowenig eine solche zu einem Erfindernamen. Die größte
Wahrscheinlichkeit spricht daher für die zu einem Ortsnamen, nämlich
zu Brundisium (= Brindisi), dem wichtigsten und hervorragendsten
Fabrikationsorte römischer Bronzewaren[6014]. Wie es nach ~Plinius~ ein
korinthisches, aeginetisches, delisches Erz gab, so vermutlich auch
ein brundusisches, „aes brundusinum“, das die Bronze im Gegensatze
zum „aes cyprium“, dem Kupfer, bezeichnet haben mag, und das wohl
schon ~Plinius~ im Sinne hatte, als er von der Vortrefflichkeit der
„brundisina specula“ sprach[6015], d. i. der brundusischen (also
bronzenen) Spiegel; in diesem Zusammenhange scheint es beachtenswert,
daß auch der ~Way~sche Text der „Mappae clavicula“ im Abschnitt 89, der
von Versilberung handelt, der „brundisini speculi, tusi et cribellati“
Erwähnung tut, der „zerstoßenen und gesiebten [Masse] der brundisischen
Spiegel“[6016].
Nach ~Festus~ (4. Jahrhundert n. Chr.), der seine etymologischen
Darlegungen dem ~Verrius Flaccus~ (einem Autor der beginnenden
Kaiserzeit) entnahm, den selbst wir aber wieder nur aus kärglichen
Auszügen des ~Paulus Diaconus~ (um 800) kennen, hieß Brundisium
ursprünglich Βρεντήσιον (Brentésion), abgekürzt auch Βρέντη (Brénte),
Brenda, Breonda, Brendum, Brentium, und zwar nach den Worten βρέντη,
βρέντον, βρέντιον, die bei den Gründern der Stadt, -- es sollen Kreter
oder Messapier gewesen sein --, Hirsch und Hirschgeweih bedeuteten; der
Name des Handelshafens hätte also eine Anspielung auf seine vielfach
verzweigte Gestalt und Ausbreitung gebildet[6017]. Dies bestätigen auch
im 5. Jahrhundert ~Hesychios~[6018], im 7. ~Isidorus~[6019] und zu
Beginn des 9. ~Warnefried~, der in seiner „Geschichte der Longobarden“
bemerkt, „nach der Gestalt des Hirschkopfes hießen die griechischen
Gründer den Ort Brondisium“[6020]. Von diesem Namen, der sich bis in
die Neuzeit hinein erhielt, -- sagt doch z. B. noch 1538 ~Hollanda~
in den „Gesprächen über die Malerei“[6021], daß die Via Appia „bis
Brondusio“ führt --, wäre also der des brundisischen oder brondisischen
Erzes abzuleiten, dessen verschiedene Formen Brunzo, Brunzi, Bronze,
Bronza, Bronsa, Brense gleichfalls bis in das 15., ja bis in das 17.
Jahrhundert hinein nachweisbar bleiben[6022].
Die Hypothese ~Berthelots~ haben indessen schon ~K. B. Hofmann~[6023]
sowie ~Schrader~ abgelehnt[6024], und in der Tat sprechen vielerlei
Gründe gegen sie. Vor allem war Brundisium gar nicht „der wichtigste
und hervorragendste Fabrikationsort für Bronzewaren“, als welcher
vielmehr, wie oben erwähnt, Capua in Betracht kommt; der Behauptung,
die Bronze sei gerade nach den Spiegeln Brundisiums benannt, die zwar
schon ~Plinius~ rühmt, die aber doch immerhin nur eine beschränkte
Spezialität bildeten, wohnt daher nicht viel Wahrscheinlichkeit inne.
Wenig glaubhaft ist es ferner, daß sich von der Stadt Brundisium auch
das spätgriechische oder frühbyzantinische βροντήσιον der „Technischen
Abhandlungen“ und des Zusatzes bei ~Zosimos~ herleite, welches Wort in
den folgenden Jahrhunderten noch weiter entstellt wird, wie denn z. B.
nach ~Ducange~ von einem Gebäude zu Konstantinopel (?) die Rede ist,
das πόρτας προύτζινες (prútzines) = bronzene Türen hatte[6025]. Endlich
läßt sich auch das Mineral βροντήσινος nicht wohl mit Brundisium in
Verbindung bringen, und daß die brundisischen Spiegel der „Mappae
clavicula“ aus Bronze bestanden, ist gewiß sehr möglich, aber nicht
erweisbar. Was schließlich die Zusammensetzung der verschiedenen
„Compositiones“ anbelangt, so spricht der hohe Bleigehalt von 25% zwar
für spätrömischen Ursprung der Rezepte, er erscheint aber, sobald
die Herstellung der vortrefflichen brundisischen Spiegel in Betracht
kommt, als so ungeeignet wie möglich, da ein derartig starker Zusatz
an Blei die Härte und Politurfähigkeit der Legierung ganz erheblich
beeinträchtigt, dem angestrebten Hauptzwecke also völlig zuwiderliefe;
nach ~Bibra~[6026] enthält daher gutes antikes Spiegelmetall ebenso wie
das heutige etwa 70% Kupfer und 30% Zinn, und entweder gar kein Blei,
oder nur geringe Mengen, allenfalls 5-6%.
Sämtliche Vorteile von ~Berthelots~ Annahme lassen sich indessen
wahren, wenn man zwar mit ihm Bronze von βροντήσιος (Brontésios)
ableitet, dieses Wort aber nicht mit dem verführerischen Brundisium
in Verbindung bringt, sondern mit dem von ihm nur im Vorübergehen
erwähnten und ohne weiteres abgelehnten βροντή (Bronté) = Donner.
In der griechischen Mythologie ist Bronte der personifizierte
Donner, der Donner- und Blitzschlag, -- schon ~Olympias~ empfing
~Alexander~ den Großen von dem unter Donnergerolle, βροντή, in der
Schlangengestalt des Blitzes niedergefahrenen Zeus[6027] --, und
~Brontes~ heißt ein Gewitter- und Vulkan-Dämon, der später zum
Cyklopen und Schmiedegehilfen des ~Hephaistos~ wird[6028]. Aus den
Donnerwolken herab (e tonitribus) fällt nach ~Plinius~ und ~Isidorus~
der wunderbare Donnerstein Brontea oder Brontia, der das vom Blitz
gezündete Feuer zu löschen vermag[6029], dessen Zauberkräfte das
gesamte Mittelalter rühmt, ja dem noch 1648 ~Aldrovandi~ in seinem
trefflichen, von wissenschaftlichem Geiste erfüllten „Museum
metallicum“ eine ausführliche, mit vielen Abbildungen ausgestattete
Abhandlung widmet[6030]. ~Zeus Brontos~, ~Brontaios~ oder ~Brontesios~
endlich ist „~Zeus~ der Donnerer“, der ~Jupiter tonans~, tonitrator
oder tonitrualis der Römer[6031]. An den Namen des Donnersteines
Brontia und des ~Zeus Brontesios~ läßt sich völlig ungezwungen jener
der Bronze anknüpfen, also des χαλκὸς βροντήσιος des donnernden, einen
mächtigen Donnerschall verbreitenden Erzes; dieser Voraussetzung
gereicht es zur Bestätigung, daß nach den spätantiken Autoren die
Donnermaschine der Theater βροντεῖον (Bronteíon) hieß und aus einem
λέβης χαλκοῦς, einem bronzenen Kessel, bestand, der mit großen Kieseln
gefüllt war[6032]. Auch bezeichnet das Italienische mit „Bronzino“ noch
jetzt gewisse Steine, z. B. venetianische Marmorarten, deren Platten,
vermöge ihrer eigenartigen Struktur, beim Anschlagen einen starken,
lange nachhallenden Klang von sich geben[6033]; in ähnlicher Weise
mag das der pyritähnliche Stein βροντήσινος getan haben, dessen Namen
~Berthelot~ mit „fulgurante“ übersetzt[6034], -- soferne für seine
Benennung nicht schon seine bronzeartige Farbe maßgebend war.
Noch bleibt aber die Frage zu beantworten, an welche Form des Erzes
der Beiname des „donnernden“ mit besonderer Berechtigung zu knüpfen
war, und ob sich in der Zeit, zu der der Name Bronze gebräuchlicher
wurde, d. i. jedenfalls schon +vor+ dem 8. Jahrhundert, ein bestimmter
Anlaß zu einer derartigen Anknüpfung geboten hatte? In dieser Hinsicht
sei die Vermutung ausgesprochen, daß als solcher die Ausbildung oder
Vervollkommnung des +Glocken+-Gusses zu betrachten ist.
Bronzene Glocken sollen in China schon um 1000 v. Chr. im Gebrauch
gestanden, ursprünglich, wie ~Beckmann~ bereits 1799 anmerkte, aus
den hölzernen sog. Lärmbrettern und Lärmtrommeln hervorgegangen und
deshalb auch, gleich diesen, durch äußeres Anschlagen zum Tönen
gebracht worden sein[6035]. Eine kleine bronzene Glocke mit Klöppel (9
cm hoch), etwa von 860 v. Chr., kam bei den Ausgrabungen nächst Ninive
zum Vorschein[6036], und daß man ähnliche kleinere Glocken, sowie
Glöckchen, Schellen, Cymbeln u. dgl. mehr auch in Persien, Vorderasien,
Ägypten, Griechenland und Rom sehr wohl kannte, ist vielfach bezeugt,
und kann der Natur der Sache nach nicht wundernehmen[6037]; völlig
fehlt es dagegen an Berichten über große Glocken im Sinne der unsrigen,
sowie an Überresten von solchen. Ebenso alt wie die Glocken, ja
vermutlich noch älter, waren in China die gleichfalls durch Umwandlung
der hölzernen Lärmbretter entstandenen Gongs, runde, meist zum
Aufhängen, oft aber (durch Anbringen eines schrägen Randes) auch
zum Aufstellen eingerichtete Bronzeplatten, denen man mittels eines
Schlägels laute, weithin hörbare Töne entlockte[6038]; auch derlei
Vorrichtungen genossen im westlichen Asien weite Verbreitung und
können daselbst ebenso selbständig erfunden worden sein wie in China.
Nach der „Glockenkunde“ ~Bossis~[6039], des gelehrten Mitgliedes der
päpstlichen „Liturgischen Akademie“, steht es nun fest, daß sich die
ersten christlichen Gemeinden im Orient, ihnen nachfolgend aber auch
die des Okzidentes, zur Berufung ihrer Versammlungen, sowie zu anderen
liturgischen Zwecken anfänglich großer hölzerner Tafeln bedienten, die
entweder gegeneinander gestoßen oder mit schweren hölzernen Hämmern
bearbeitet wurden[6040]. Im Orient blieb diese Sitte sehr allgemein
lebendig und wurde in späteren Jahrhunderten, als nach Ausbreitung
des Islams den Christen das Glockenläuten verboten war, sogar wieder
alleinherrschend; aber auch das katholische Ritual bewahrte „als
Erinnerung an die alte, noch glockenlose Zeit“ den Gebrauch, daß
während der Passionszeit, wenn die Glocken zu schweigen haben, „statt
ihrer das Crotalum, d. i. eine starke Holzplatte, mittels schwerer
Holzkugeln geschlagen wird“[6041]. Vielfach trat jedoch, sowohl im
Osten wie im Westen, an Stelle der hölzernen Tafel eine bronzene oder
eiserne, die man in der Nachbarschaft der Versammlungsstätten an
hohen Bäumen, an passenden Gerüsten, oder an eigenen freistehenden
Türmchen befestigte und mit metallenen Hämmern anschlug[6042];
derlei Vorrichtungen zum Geben gewisser, bürgerlichen und häuslichen
Bedürfnissen dienlicher Signale, daher „Signa“ genannt, besaß
übrigens schon das spätere Altertum[6043]. Im Okzident erhielten sie
sich bis gegen Ende des Mittelalters zu allerlei Zwecken, und zwar
namentlich zum „Schlagen“ der Stunden durch besondere Wächter und
durch die mit Zeitmessern und Uhren verbundenen „Schlagwerke“[6044];
aber auch der Orient bediente sich ihrer, so z. B. spricht schon der
arabische Dichter ~Ibn Almuʿtazz~ (861-909) vom Schlage „der den
Morgen verkündet“ und „durch den die Christen ihren Ruf ergehen
lassen“[6045], die Erzählungen „1001 Nacht“ berichten vom Schlagen
der Metallplatte auf dem Dache einer christlichen Kirche[6046], und
die Schriften der „Treuen Brüder“ erörtern die Fortpflanzung solchen
Schalles durch die Luft. Wo und wann zuerst der Gedanke verwirklicht
wurde, mehrere metallene Bleche zu einem schallgebenden Gefäß (vas)
zusammen zu nieten, ist bisher nicht ermittelt, doch scheint dies
bereits in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung geschehen
zu sein[6047], da ein angeblich 613 angefertigtes, jedenfalls aber
außerordentlich altes Exemplar, bestehend aus drei mit Bronzenägeln
vernieteten Eisenplatten, in Köln erhalten geblieben ist[6048]. Den
weiteren Fortschritt, derartige „vasa“ in +einem+ Stück zu +gießen+,
knüpft die Überlieferung an den Bischof ~Paulinus~ von ~Nola~ in
Campanien, um 400, und findet es hiernach erklärlich, daß bald darauf
eigentliche große Glocken unter dem Namen „signum“ oder „campana“ und
kleine unter der Bezeichnung „nola“ bekannt zu werden beginnen[6049].
Erwähnungen der Campana aus dem Anfange des 6. Jahrhundert[6050]
sind nicht ausreichend sicher bezeugt[6051], 580 aber kennt der
Geschichtsschreiber ~Gregor~ von ~Tours~ die Glocke schon am Seile
hängend[6052], 613 läutet man bei der Belagerung von Sens durch den
merowingischen König ~Chlotar~ I. die Glocke der Kirche, „um das
Volk zusammen zu rufen“[6053], und um etwa die nämliche Zeit wird
des Signums oder der Campana auch in Paris gedacht[6054]. ~Beda
Venerabilis~ (gest. 735) nennt den Schall der Glocken, „der die
Gemeinde versammelt“, einen wohlbekannten (notum campanae sonum)[6055].
~Alkuin~ (gest. 804) sagt in „De divinis officiis“, „es sei nicht
neu, die Glocken zu weihen, zu ölen und zu benennen“[6056]; ~Karl
der Grosse~ verbietet diese Taufe der Campanae, „deutsch Clocae
genannt“[6057], und 874 stellt die Kirche das Läuten gegossener
Glocken als rituale Vorschrift auf[6058], obwohl noch Papst ~Leo~ IV.
(gest. 855) „eine Glocke mit einem bronzenen Hammer“ gestiftet hatte
(campana cum malleo aereo)[6059]. Bemerkenswert ist es, daß 864 der
Doge ~Orso Patritiaco~ dem Kaiser ~Michael~ zwölf große Glocken für
die Sophien-Kirche als Geschenk zusandte, denn da die Byzantiner mit
dem Erzgusse sehr vertraut waren und den Venetianern viele seiner
Feinheiten erst beibrachten[6060], so muß man annehmen, daß sie selbst
sich damals der Glocken nicht bedienten; dies scheinen sie auch später
nicht getan zu haben, denn noch gegen 1200 meldet ~Antonius~ von
~Nowgorod~ in seinem „Pilgerbuche“: „... in der Sophien-Kirche haben
sie [die Griechen] keine Glocken, sondern kleine Handklopfer aus Eisen
(?), ... die man gemäß der Vorschrift eines Engels gebraucht; ... die
Lateiner hingegen läuten mit Glocken“[6061].
Was nun die angebliche Erfindung des campanischen Bischofs ~Paulinus~
von ~Nola~ anbelangt, so handelt es sich hierbei offenbar um eine
Sage, wie schon die Tatsache zeigt, daß bereits bei dem spätrömischen
Dichter ~Avienus~ (um 350) das Glöckchen am Hundehalsbande „nola“
heißt[6062]; aber völlig dürfte sie des geschichtlichen Hintergrundes
nicht ermangeln. Wie schon oben erwähnt, hatte nämlich die römische
Bronze-Industrie ihren Hauptsitz in Campanien, insbesondere aber
in Capua. Diese Stadt, um 600 v. Chr. von den Etruskern ins Leben
gerufen und über 150 Jahre lang ein rein etrurisches Gemeinwesen,
scheint u. a. auch die Kunst des Bronzegusses von ihren Begründern
übernommen und in den folgenden Jahrhunderten sorgfältig und unter
ausschließlicher Verwendung der besten Rohstoffe gepflegt zu
haben[6063]; von maßgebender Einwirkung war hierbei jener in Süditalien
(„Groß-Griechenland“) stets mächtige griechische Einfluß, der Capua zu
einem Mittelpunkte der Kunstindustrie überhaupt und zur berüchtigten
Stätte des Luxus und Wohllebens machte, die noch ~Cicero~ ein zweites
Rom (Roma altera) benannte[6064]. Capuanische Bronzewaren fanden
bereits seit dem 5. Jahrhundert v. Chr., in größerem Umfange aber seit
der Begründung Aquilejas zu Beginn des 2., ihren Weg nach dem Norden
(teils über den Brenner, teils durch Pannonien) und bleiben unter
den dortigen Funden, trotz allen Wechsels der Verhältnisse, bis in
das 3. nachchristliche Jahrhundert hinein nachweisbar, namentlich in
Gestalt charakteristischer Bronze-Eimer[6065]. Aber auch im Inlande
waren sie hochberühmt[6066]; der alte ~Cato~ (gest. 149 v. Chr.)
rät, Bronzegefäße nur in Capua einzukaufen, zur Zeit des ~Augustus~
bewirkten griechische Künstler daselbst einen neuen Aufschwung der
Industrie[6067], ~Horaz~ preist sein campanisches Bronzegeschirr
(campana supellex)[6068], ~Plinius~ lobt das campanische Erz als
das beste, reinste, von Blei freie[6069], und wenn auch im späteren
Verlaufe der Kaiserzeit ein Rückgang in künstlerischer Hinsicht
eintrat, so dauerte doch die Massenerzeugung stets weiter fort, wie
u. a. noch der ~Horaz~-Kommentator ~Porphyrio~ im 3. Jahrhundert
bezeugt[6070]. Um diese Zeit hatte aber das Christentum schon seit
langem in Capua Boden gefaßt, die Stadt besaß bereits eine größere
christliche Gemeinde[6071] und eine „Basilika der Apostel“[6072],
und es ist daher durchaus glaublich, daß sich die Umgestaltung der
Lärmtafel oder des oben erwähnten Schallgefäßes (vas) zur eigentlichen
Glocke hier vollzog[6073]; gehörten doch „glockenförmige“ Eimer
und Mischgefäße zu den althergebrachten Erzeugnissen der dortigen
Künstler, denen auch die zum Gusse der ersten Glocken erforderliche,
keineswegs gering zu veranschlagende Geschicklichkeit und Erfahrung
zuzutrauen ist[6074]. Ob nun, wie anzunehmen, die Glocken den Namen
„Campana“ nach dem des Landes Campanien und Capuas empfingen, -- denn
~Varro~ sagt ausdrücklich, daß das richtige Wort für alles aus Capua
stammende campanus ist und nicht capuanus[6075] --, oder etwa nach
dem campanischen Erze, dem aes campanum des ~Plinius~, oder nach der
Art ihrer Aufhängung, d. i. jener der längst gebräuchlichen „statera
campana“, der campanischen Schnellwage[6076] usf., muß vorerst dahin
gestellt bleiben; jedenfalls erhielten sie ihn aber erst gelegentlich
ihrer Weiterverbreitung, also schon außerhalb Campaniens oder Capuas.
In dieser Stadt selbst aber, in der, wie in ganz Süditalien, der
griechische Einfluß jederzeit ein herrschender und die griechische
Sprache eine allgemein gebräuchliche blieb[6077], dürften die Künstler,
die zum ersten Male die Glocken „dumpf zusammen hallen“ ließen, dem
Glockengute die Bezeichnung χαλκὸς βροντήσιος oder κρᾶμα βροντήσιον,
„donnerschallendes Kupfer oder Erz“, erteilt haben, sei es, daß sie
sie selbst erdachten, oder schon samt den unvollkommeneren Vorbildern
vom Osten her übernahmen; aus diesem Brontesios oder Brontesion gingen
dann, als seine Bedeutung und Herkunft in Vergessenheit gerieten
oder nicht mehr verstanden wurden, die entstellten Namen Brandisium,
Brindisium, Brondisono usf. hervor, und aus diesen wieder, oder mit
ihnen zugleich, die im Volksmunde vermutlich längst gebräuchlichen
Abkürzungen Brontea oder Brontia[6078], die unmittelbar zu „Bronzo,
Bronza, Bronze“ hinüberleiten. Diminutiva technischer Namen auf -ίον
sind nach ~Schmidt~ charakteristisch für die späte, vulgär-griechische
Arbeitersprache[6079], und dieser Umstand spricht daher gleichfalls
für die Ableitung des Wortes βροντήσιον von βροντή, dem Donner;
aus ihr erklärt sich auch ~Ducanges~ Angabe, daß Bronzina, neben
„vas bronzinum“ die älteste der einschlägigen, frühmittelalterlichen
Bezeichnungen, ein „tormentum bellicum“ bedeutet[6080], also eine
jener Kriegsmaschinen, die bei Angriffen und Belagerungen nach
zahlreichen Berichten „unter donnerartigem Getöse“ mächtige Steine und
Felsblöcke schleuderten. Des weiteren macht der dargelegte Zusammenhang
verständlich, daß nicht nur „Bronzo“ bis in das 17. Jahrhundert hinein
ohne weiteres als Synonym von „Glockenspeise“ gebraucht wird, -- so
noch von ~Becher~ (1635 bis 1675)[6081] --, sondern auch umgekehrt
„Glockenspeise“ jederlei Bronzeguß bezeichnet; so z. B. sagt ~Vitalis
de Furno~ (1247-1327), „unter Erz verstehe man das, woraus die Glocken
gegossen werden“ (aes vocamus, unde fiunt campanae)[6082], und
~Veranzio~ spricht um 1595 von der zum Bau einer Brücke erforderlichen
Glockenspeise[6083]. Doch sei hervorgehoben, daß in Deutschland, wo im
9. Jahrhundert Kirchenglocken schon allgemein gebräuchlich wurden und
Glockengießer u. a. in Aachen urkundlich nachgewiesen sind[6084], der
Name Bronze erst spät auftaucht; er fehlt z. B. in den zahlreichen von
~Schlosser~ gesammelten Dokumenten frühmittelalterlicher Kunst[6085],
sowie bei ~Theophilus Presbyter~, der um 1100, und angeblich in
Deutschland, in seiner „Schedula diversarum artium“ (Verzeichnis
verschiedener Künste oder Kunstgriffe) auch ausführliche Vorschriften
über Glockenguß bringt[6086], die er jedoch zum Teil unzureichend
wiedergegeben oder auch selbst nicht richtig aufgefaßt hat[6087].
Eine genaue und zutreffende Beschreibung findet sich auffälligerweise
erst 1540 in der „Pirotecnia“ des ~Biringucci~[6088], der aber wieder
vielfach aus deutschen Quellen geschöpft zu haben scheint.
Nach der Lehre der katholischen Kirche, wie sie im Abschnitte „De
benedictione Signi vel Campanae“ (Über das Weihen des Signum oder
der Campana) des „Pontificale romanum“ niedergelegt ist, besitzt die
Glocke, das „vasculum ad invitandos filios sanctae Ecclesiae“, das
„Gefäß, das die Kinder der heiligen Kirche zusammenruft“, die Kraft,
böse Geister und Gespenster aller Art zu verscheuchen, Unwetter und
Stürme hinweg zu treiben, Blitz- und Donnerschläge abzuwenden[6089].
Diese Anschauungen sind ein Erbteil der Antike. Allgemein war in ihr
der Glaube, den die Glöckchen, Cymbeln, Erzbecken und Sistren der
Priester, Hierophanten, Schwärmer und Mysten bezeugen, daß der Klang
des angeschlagenen Erzes als der einer Götterstimme anzusehen sei,
daher reinige und sühne, Beschwörungen und Zauber breche, Dämonen
und böse Geister banne[6090]. Auf ihn gründete sich die Überzeugung
der Kirche und des gesamten Mittelalters, daß der Teufel und seine
höllischen Heerscharen den Schall geweihter Glocken fliehen müssen,
daß man sie daher durch Glockenläuten vertreiben könne und samt ihnen,
durch „Wetterläuten“, auch die durch ihre Bosheit erregten Wirbelwinde
und Stürme, Nebelschwaden und Gewitter[6091]. Ebendeshalb sollte es dem
Blitze völlig unmöglich sein, in eine Glocke zu schlagen, namentlich
in eine tönende[6092]; „fulgura frango“ ist daher der Wahlspruch, der
so recht eigentlich der Glocke geziemt, der sie als echte Erbin jenes
das Blitzesfeuer löschenden Donnersteines Brontia kennzeichnet und der
abermals, von wiederum anderer Seite her, die Abstammung der Bronze vom
donnerschallenden Erze Brontésion bestätigt.