2. Die Alchemie nach 1300.

Die Ausbreitung der am Schlusse des vorigen Abschnittes erwähnten

astrologischen und alchemistischen Gedanken seit 1300 und damit die

ferneren Geschicke der Alchemie während des späteren Mittelalters und

der Neuzeit in eingehender Weise zu schildern, ist an dieser Stelle

nicht beabsichtigt, und zwar aus verschiedenen Gründen.

Zunächst kann von einer Weiterentwicklung, deren Verfolgung

chemisches oder wissenschaftliches Interesse böte, nicht mehr die

Rede sein, vielmehr ist für diese ganze Periode in noch höherem

Maße als für die ihr vorausgehende festzustellen, daß die Autoren

so gut wie ausschließlich nur die nämlichen, längst bekannten, der

hellenistischen Zeit entstammenden Ideen und Theorien immer wieder

aufs neue vorbringen, ausdeuten, umdeuten, erklären und kommentieren;

begreiflicherweise wird hierbei das Verständnis allmählich immer

unzureichender und die Sachkenntnis immer geringer, dagegen die

Verwässerung des Inhaltes immer ausgiebiger und die Dunkelheit des

Ausdruckes immer größer. Auf wenigen Gebieten bewähren sich wie auf

diesem die ~Goethe~schen Worte vom „Kochen breiter Bettelsuppen“

und vom „getretenen Quark, der breit wird, nicht stark“. Manche

Schriften machen sogar, wie schon ~Kopp~ treffend hervorhob,

geradezu parodistischen Eindruck und würden dazu auffordern, sie als

Träger eines ganz anderen, der scheinbar behandelten Sache völlig

fernliegenden Sinnes anzusehen, soferne ein solcher ihnen nur überhaupt

irgendwie zu entnehmen wäre.

Sodann erfreuen sich sowohl die Geschichte der eigentlichen Alchemie

und ihrer immer bedeutsamer hervortretenden führenden Persönlichkeiten,

der Schwärmer und Schwindler, als auch die ihres kulturhistorischen

Zusammenhanges mit den verschiedenen Formen des Aberglaubens und

Sektenwesens, mit dem Treiben der Rosenkreuzer und Illuminaten

usf., für dieses Zeitalter (namentlich für die zweite Hälfte

seines Verlaufes) bereits eingehender, nach mancher Richtung sogar

erschöpfender Darstellung[5281]. Außer auf die schon oft genannten

Hauptschriften ~Chevreuls~[5282], ~Hoefers~ und ~Kopps~, vor allem

dessen „Alchemie in älterer und neuerer Zeit“[5283], ist der Belehrung

Suchende hauptsächlich auf nachstehende Werke zu verweisen, die teils

den Wortlaut der frühmittelalterlichen, echten und gefälschten Quellen

wiedergeben, teils die Art und Weise ersehen lassen, in der diese

zunächst die Schriftsteller der Folgezeit beeinflußten, und sodann bis

in die neuere, ja neueste Zeit hinein nach den mannigfaltigsten Seiten

hin weiter fortwirkten:

~Perna~, „Artis, quam Chemiam vocant, antiquissimi auctores“ = „Älteste

Autoren der Chemie genannten Kunst“ (Basel 1572).

~Zetzner~, „Theatrum chemicum“ = „Chemischer Schauplatz“ (Straßburg

1613-1622; 2. Aufl. 1659): die umfangreichste Sammlung, 6 enggedruckte

Bände, im ganzen etwa 5000 Seiten umfassend.

~Manget~, „Bibliotheca chemica curiosa“ = „Bibliothek chemischer

Merkwürdigkeiten“ (Genf 1702).

~Lenglet du Fresnoy~, „Histoire de la philosophie hermétique“ (Paris

1742).

——————————

~Del Rio~, „Disquisitiones magicae“ = „Untersuchungen über Magie“

(Venedig 1599 und 1652).

~Borrichius~, „De ortu et progressu Chemiae“ = „Über Ursprung und

Entwicklung der Chemie“ (Kopenhagen 1668); „Hermetis, Aegyptiorum, et

Chemicorum sapientia“ = „Weisheit des Hermes, der Ägypter, und der

Chemiker“ (ebd. 1674); „Conspectus scriptorum chemicorum illustriorum“

= „Übersicht der Werke berühmter Chemiker“ (ebd. 1696).

~Conring~, „De hermetica medicina“ = „Über die hermetische Medizin“

(Helmstaedt 1648 und 1669).

——————————

~Welling~, „Opus mago-cabbalisticum et theosophicum“ = „Über Magie,

Kabbala und Theosophie“ (Frankfurt 1760)[5284].

~Wiegleb~, „Historisch-kritische Untersuchung der Alchemie“ (Weimar

1777): ein kritisches Hauptwerk.

~Schmieder~, „Geschichte der Alchemie“ (Halle 1832).

~Migne~, „Dictionnaire des sciences occultes“ (Paris 1848): Enthält,

außer „Alchemie“ (2, 308), noch zahlreiche einschlägige Artikel des

gelehrten, aber fanatisch-ultramontanen Verfassers.

~Graesse~, „Bibliotheca magica et pneumatica“ (Leipzig 1843).

~Figuier~, „L’alchimie et les alchimistes“ (Paris 1854).

~Schindler~, „Der Aberglaube des Mittelalters“ (Breslau 1858).

~Meyer~, „Der Aberglaube des Mittelalters“ (Basel 1884), 41.

~Jacob~, „Curiosités des sciences occultes“ (Paris 1885); besonders 1,

3-155.

~Poisson~, „Théories et symboles des Alchimistes“ (Paris 1891).

~Lehmann~, „Aberglaube und Zauberei“ (Stuttgart 1898), 140, 190.

~Steinschneider~, „Der Aberglaube“ (Hamburg 1900).

~Seligmann~, „Der böse Blick“ (Berlin 1910).

~Jennings~, „Die Rosenkreuzer“ (Berlin 1912), 197: sehr reichhaltiges

Material, leider in ganz unkritischer und unübersichtlicher Fassung.

~Silberer~, „Probleme der Mystik und ihrer Symbolik“ (Wien und Leipzig

1914): mißt, unter vorwiegender Berücksichtigung der ~Freud~schen

„Psychoanalyse“, in absonderlich-einseitiger, jedoch gerade hierdurch

auch wieder lehrreicher Weise, erotischen Problemen eine übertriebene

Bedeutung bei.

——————————

Endlich stehen zwar, dank den angeführten und vielen anderen Schriften,

Richtung und Verlauf der +Gesamt+entwicklung im allgemeinen genügend

fest, was dagegen den +besonderen+ Anteil der einzelnen Zeiten und

Länder (namentlich betreffs der ersten Anfänge) anbelangt, so fehlt es

immer noch, und meist gerade bezüglich der entscheidenden Fragen, an

ausreichenden Vorarbeiten; diese zum Ziele zu führen, oder auch nur

mit Aussicht auf einen wesentlichen Fortschritt in die Wege zu leiten,

übersteigt aber bei weitem die Kräfte eines einzelnen.

Die nachstehenden Zeilen erheben daher nicht den Anspruch, ein irgend

vollständiges Bild zu bieten, sie sollen vielmehr nur einiges hellere

Licht auf wenige Punkte geschichtlichen Interesses werfen, die bisher

entweder keine, oder doch keine entsprechende Beachtung fanden.

Vorausgeschickt sei die Bemerkung, daß die Kirche gegenüber Alchemie

und Astrologie keineswegs stets eine unbedingt ablehnende Haltung

einnahm. Der letzteren gegenüber fand sie häufig die Zusicherung für

ausreichend, daß die Sterne nicht bewirken, sondern nur anzeigen,

während sie sich bezüglich der ersteren (wenigstens zeitweilig) mit

dem Hinweise beschwichtigen ließ, daß schon die hl. Schrift „die

das Feuer vertragenden sechs Metalle, Gold, Silber, Kupfer, Eisen,

Blei, Zinn, ganz nach gehöriger Ordnung“ im 4. Buche ~Mosis~, sowie

Silber, Erz (Kupfer), Eisen, Blei, Zinn, „die man im Schmelzofen

schmilzt“, auch bei ~Ezechiel~ aufzähle[5285], im übrigen aber nichts

enthalte, was +gegen+ die Möglichkeit einer Metallverwandlung spräche;

+zugunsten+ einer solchen wurde übrigens, neben einigen noch weniger

deutlichen Stellen, der evangelische Satz angeführt: „~Jesus~ autem

transiens per medium illorum ibat“ („Jesus aber ging hinweg, ihre Mitte

durchquerend“), „denn ungesehen und geheimnisvoll wie ~Jesus~ durch die

Mitte der Pharisäer schritt, wird in der Mitte der Unwissenden auch das

Gold hervorgebracht“[5286].

——————————

In +Spanien+, dessen einheimische Litteratur sich erst nach

Zurückdrängung der Araber, etwa von 1150 an, kräftiger zu entwickeln

begann, scheint die Alchemie, vermutlich gerade infolge der engen

Berührungen mit arabischen Kreisen, ziemlich frühzeitig in ihrer

Nichtigkeit erkannt und als ausgesprochen heidnische und unchristliche

Wissenschaft angesehen worden zu sein, im Gegensatze zur Astrologie,

die unter den bekannten Einschränkungen meist als zulässige und

zuverlässige Kunst galt. Schon ~Alfons~ X. von Castilien, wegen

seiner umfassenden Bildung und seiner Bemühung um Förderung geistiger

Bestrebungen aller Art „der Weise“ (richtiger: der Gelehrte) genannt,

der 1252 zur Regierung gelangte, glaubte zwar an die Astrologie und

schützte deren Ausübung in den 1265 von ihm erlassenen Gesetzen,

verbot jedoch in diesen an zwei Stellen ausdrücklich die Alchemie

als etwas Unmögliches und Unausführbares[5287]; hiermit stimmt es

überein, daß eine 1272 verfaßte Abhandlung „Tesoro“ (= der Schatz),

die teils in Prosa, teils in achtzeiligen Stanzen (den ältesten der

spanischen Litteratur) den Stein der Weisen behandelt, -- jedoch der

noch unentzifferten Geheimschrift halber vielfach unverständlich ist

--, nicht von ~Alfons~ X. herrührt, wie man früher glaubte, sondern

von einem anderen, vorerst nicht sicher ermittelten Autor[5288]. Auch

ein Neffe dieses Königs, der Prinz ~Don Juan Manuel~ (1282-1347), von

dessen gerühmten Schriften allein die „Graf Lucanor“ betitelte erhalten

blieb, eine Sammlung von Anekdoten, Geschichten und Gleichnissen

zumeist morgenländischer Herkunft[5289], macht sich im 8. Kapitel

über die Alchemie lustig, über die Leute, die vorgeben sie auszuüben

(facer alqimia)[5290], sowie über die Fürsten, die an sie glauben und

dabei abgefeimten Betrügern zum Opfer werden; die sehr unterhaltende

Erzählung, die er als Beispiel vorbringt, entstammt ebenfalls einer

orientalischen Quelle[5291]. Der Dichter ~Villena~ (1384-1434), der

sich außer mit Geschichte, Philosophie und Astrologie auch noch mit

Alchemie befaßt haben soll, galt dieserhalb für einen Zauberer[5292],

und mit einem solchen zu verkehren und seine Werke zu besitzen oder

auch nur im Munde zu führen, war bedenklich, ja selbst gefahrbringend.

Mit derlei Anschauungen ist es vielleicht auch in Verbindung zu

bringen, daß z. B. in der umfassenden Sammlung „Altspanischer

Sprichwörter“[5293] keine auf Alchemie bezüglichen vorkommen, und daß

auch in der schönen Litteratur, die sich seit dem 15. Jahrhundert

so herrlich und überreich entfaltet, einschlägige Anspielungen ganz

auffällig selten zutage treten, während astrologische aller Art sehr

häufig sind.

So z. B. eröffnet ~Gil Vincente~ (1470-1532?) eines seiner „Auto“

genannten geistlichen Festspiele mit dem Auftreten des ~Merkur~

als Planeten, der in eingehender Rede die Konstruktion des ganzen

Weltsystems vorträgt[5294]; bei ~Encina~ (1468-1534) hilft ~Merkur~

sogar einen Toten auferwecken, was bei der Geistlichkeit großen

Anstoß erregte[5295]; bei dem etwas späteren ~Carajaval~ äußern

sich u. a. ~Heraklit~ und ~Demokritos~ über die Himmel und ihre

Sphären[5296]; bei ~Yanguas~ endlich führt die Himmelfahrt der hl.

~Maria~ diese durch alle sieben Sphären, deren Götter sie willkommen

heißen, bis auf ~Venus~, die sich aus Scham verborgen hält[5297].

Von ~Lope de Vega~ (1560-1635) wird berichtet, daß er sich in seiner

Jugend den Geheimwissenschaften und „dem Labyrinth des ~Raymund

Lull~“ ergab[5298], doch der Alchemie gedenkt er nur selten und dann

in abweisendem Tone[5299], ganz so wie sein Zeitgenosse ~Bernardo~

(1568-1627) in den „Epischen Fragmenten“[5300]. Schon diesen Dichtern

gilt alles, was in Beziehung zur Magie steht, an deren Wirklichkeit

keiner von ihnen im geringsten zweifelt, für „arabisch“, rein heidnisch

und durchaus verwerflich[5301]; in ganz dem nämlichen Sinne spricht

auch ~Poyo~, dessen Stücke um 1600 erschienen, von Horoskopie,

Zeichendeuterei und Zauberei[5302]; ~Amesuna~ (1578-1635?) läßt die

Planeten-Dämonen ihre Sphären und deren Zubehör an Gold, Silber,

Edelsteinen usf. regieren und „Nigromancia“ lehren[5303]; ~Alarcon~

wieder (1580-1617) erwähnt in dem berühmten Schauspiele „Die Höhle

von Salamanca“ den allgemeinen Glauben an die Magie, an ihre Kräfte

(die richtig zu gebrauchen man „studiert“) und an die ungeheure Macht

der arabischen Zauberer, besonders der afrikanischen[5304]. Bei

~Calderon~ (1601-1681) versteht und lehrt im „Wundertätigen Magier“

(Magico prodigioso) ein gefallener Engel, der die Gestalt eines Dämons

angenommen hat, Magie und Zauberei, die Künste der Magier des Orients

gelten auch hier als die hervorragendsten, und am Schlusse erscheint

der böse Geist auf seinem Zaubertiere, der Schlange, reitend[5305].

Das Horoskopstellen spielt eine Hauptrolle in dem reizenden Lustspiele

„El Astrologo fingido“ (Der falsche Astrolog)[5306], das alsbald von

italienischen und französischen Autoren nachgebildet wurde, u. a.

auch von ~Corneille~, und auf dessen Arbeit hin noch in zweiter

Verdünnung von englischen (~Dryden~)[5307]. In den 18 Bänden der

„Fronleichnams-Festspiele“ (Autos) begegnet man sehr zahlreichen

allegorischen Figuren, -- von denen übrigens bei gleichem Anlasse schon

~Gil Vincente~ Gebrauch machte[5308] --, u. a. den 4 Elementen[5309],

den 4 Weltaltern[5310], den 7 Wochentagen, die eine Himmelskugel

mit den Tierkreisbildern und Planeten geleiten[5311], sowie dem

~Merkur~, der „alles Wissens Meister“, zugleich aber als Cherub mit

dem feurigen Schwerte auch Paradieses-Hüter ist[5312]; ferner findet

wiederholt die Astrologie Erwähnung, bald als etwas Erlaubtes[5313],

bald als etwas Teuflisches und Verwerfliches[5314]; nirgends ist

jedoch von Alchemie die Rede, auch nicht in dem Auto „Der verborgene

Schatz“[5315], das hierzu reichlichen Anlaß böte. -- Erst in der Zeit

des Verfalles der Litteratur, die etwa mit 1675 einsetzt, treten

Alchemie, Magie und Zauberei wieder mehr in den Vordergrund, und zwar

auf dem Theater vornehmlich mit Rücksicht auf Effekthaschereien und

Dekorationskünste[5316]; aufgeklärtere Geister standen indessen auch

damals dieser Vorliebe nur als Satyriker gegenüber, wie z. B. das

ausführliche Spottgedicht über die Alchemie in ~Solorzanas~ Novelle „La

garduna de Sevilla“ (um 1680) beweist[5317].

In +Frankreich+ waren Astrologie und Alchemie schon im 12. Jahrhundert

vielfach und im 13. sehr allgemein verbreitet, nicht nur in den

provençalischen Landesteilen, -- deren Litteratur zahlreiche

einschlägige Anspielungen enthält und auch allerlei Übersetzungen,

sowie einige anscheinend von einheimischen Verfassern herrührende,

jedoch ganz unselbständige Werke hervorbrachte[5318] --, sondern

auch im Norden, wie dies schon die oben angeführte Äußerung des

~Albertus Magnus~ (1193 bis 1280) über die Pariser Fälscher bezeugt.

~Langlois~ bringt hierfür in dem bereits erwähnten, trefflichen Buche

„La connaissance de la nature et du monde au moyen-âge“ eine Anzahl

Belege bei: ~Bartholomaeus Anglicus~ (der für einen Zögling der Schule

von Montpellier gilt) hält in seinem gegen 1240 verfaßten Werke „De

proprietatibus rerum“, einer der wichtigsten, vielgelesensten und

maßgebendsten Kompilationen des gesamten Mittelalters, die Existenz

der Alchemie für etwas ganz Selbstverständliches und zweifelt nicht

daran, daß z. B. die Wärme aus Erde und gewissen Zutaten ganz ebenso

das Silber und Gold hervorzubringen vermöge, wie aus Kieselsand und

Asche das Glas[5319]; der Bearbeiter des Buches „~Sidrach~“ (um 1250)

schildert die „Salbe der Philosophen“ als eine allgemeine Panacee, die

„die Aussätzigen heilt“, die Kranken gesund, die Männer unverwundbar,

die Frauen fruchtbar macht, und während der ersten acht Tage des

April[5320] durch die Philosophen und Astrologen der in Großindien

gelegenen Stadt Stramon hergestellt wird, und zwar aus 372 [= 365 + 7]

Kräutern und dem Blute des weißen indischen Drachen[5321]; nach dem

Verfasser der Erzählung „~Placidus~ und ~Timeo~“ (gegen 1300) stehen

die Metalle in engster Verbindung mit den die Geschicke lenkenden

Planeten, und diese sind nach gewissen Helden benannt, z. B. nach

~Jupiter~ und ~Merkur~, die die Griechen zu Göttern erhoben und als

Herren der Gestirne ansahen[5322], usf.

Frühzeitig fanden alchemistische Ideen auch Eingang in die poetische

Litteratur, und dies läßt ersehen, wie sehr der allgemeine Zeitgeist

sich bereits mit ihnen befreundet hatte und wie vertraut sie, bis

zu gewissem Grade, auch jener großen Menge geworden waren, die den

Leser- und Hörerkreis volkstümlicher Dichtungen bildete[5323]. Eines

der lehrreichsten zugehörigen Beispiele enthält der altfranzösische,

fast 24000 Verse umfassende „Roman de la rose“, der um 1237 von

~Guillaume de Loris~ begonnen und um 1277 von ~Jean Clopinel~ (genannt

~de Meung~) vollendet wurde und fast fünf Jahrhunderte lang eines

der volkstümlichsten, verbreitetesten und einflußreichsten Bücher

der französischen Litteratur blieb, -- dank dem novellistischen

Interesse seiner Fabel, der beispiellos kühnen Satire auf weltliche

und geistliche Macht und dem Reize dunkler naturgeschichtlicher

Anspielungen. Zu den letzteren zählt auch eine alchemistische Stelle,

in der der Verfasser schildert, wie die Natur immer und überall

der Kunst überlegen bleibe, worauf er im Hinblicke auf letztere

fortfährt[5324]:

„Und brächt’ Alchemie ihr auch bei, die Metalle

Mit farbigem Glanz zu tingieren alle,

Sie könnte, und sollt’s um ihr Leben sich handeln,

Doch Art nie wirklich in Art verwandeln, --

Sie müßte denn erst einen Weg ersinnen,

Die ‚materia prima‘ zurückzugewinnen:

Daß sie ihr Lebtag dessen Spur

Nicht findet, dafür sorgt Natur.

Mag sie nun noch so mühsam streben,

Den Stoffen die Urform zurückzugeben,

Fruchtlos bleibt sie des Werks beflissen,

Denn ihr Fehler ist: nicht zu wissen,

Wie ihr das Elixir gelänge,

Dem die richtige ‚Form‘ entspränge,

Die, mit ‚Materie‘ im Verbande,

Die einzelnen Stoffe bringt zustande, --

Dies Elixir, das erscheinen muß,

Bringt einer die Sache recht zum Schluß.

Dennoch aber, und mit Vergunst,

Ist Alchemie eine wahre Kunst;

Wunderbare Dinge fände,

Wer sie nur so recht verstände.

Würd’ +der+ sich an die Substanzen machen

Mit Hilfe der seltsamen Siebensachen,

Die zu sotanem Werke nötig:

+Der+ fänd’ sie zu jeglicher Wandlung erbötig.

Er ändert ihre Komplexion

Durch diese und jene Digestion,

Und wenn die Verwandlung gelungen ganz,

So hat er eine +neue+ Substanz,

Und die +alte+ ging auf in Dunst.

So wissen die Meister der Glasmacherkunst

Aus den Pflanzen vom Strand am Meer[5325]

Asche und Glas zu stellen her

Kraft einer Läuterung sanft und milde;

Und doch ist die Pflanze kein Glasgebilde,

Und auch das Glas kein Gewächs im Meer!

Dann, -- wenn der Blitz und der Donner schwer

In den Boden schlägt: da wird sich Dir zeigen,

Wie den Gesteinen Dämpfe entsteigen,

Die sonst niemals aus Felsen brechen.

Bist Du nun Kenner, dann magst Du sprechen

Und die Ursache machen kund,

Die solcher Wandlung liegt zu Grund,

Völlig die Stoffe umgestaltet,

Völlig neu an ihnen entfaltet

(Sei es durch Zwang, sei’s durch Natur)

Fremdes Wesen und fremde Figur.

Wer gründlich erfaßt diese Wege alle,

Verwandelt leicht auch die Metalle.

Er weiß von Beimischung sie zu befreien

Und ihnen die rechte Form zu verleihen,

Er macht sie die Nachbarstufen durchschreiten,

Die eine zur andren hinüberleiten,

Bis +so+ das Werk er fertig bringt,

Wie der Natur es selbst gelingt:

Denn, wie in weisen Büchern zu lesen,

Laßt diese der Metalle Wesen

Aus Schwefel und Quecksilber sich gestalten

Durch mancherlei Kraft in der Erde Spalten.

Wer nun die Geister

Zu nützen wüßt’ als Meister,

Wer ihre Kraft könnt’ zwingen

Ins Innre der Stoffe zu dringen

Und, ohne wieder zu verfliegen,

Im reinen Stoffe festzuliegen,

(Denn +rein+ muß der Schwefel sein wie billig,

Zu weißer und roter Tingierung willig), --

+Der+ wäre Fronherr der Metalle,

Und wandelte nach Wunsch sie alle.

Der, dem die Alchemie ist hold,

Gewinnt gar leicht aus Quecksilber Gold,

Und verleiht ihm den Glanz und der Schwere Kraft

Durch Zutaten, die er sich billig verschafft.

Aus Gold auch macht er sich Edelsteine

Herrlich leuchtend in lautrem Scheine

Und aus gemeiner Metalle Substanz

Zeugt er Silber von hellem Glanz

Durch kräftig bleichende Medizinen,

Die die Form zu veredeln dienen.

Doch nichts von all dergleichen Dingen

Wird dem Sophisten[5326] je gelingen:

Der mühet sich, Zeit seines Lebens,

Natur zu meistern ganz vergebens.“

Wie eindrucksvoll diese in geschickter und leicht faßlicher Weise

vorgebrachten Lehren für die Dauer blieben, bezeugt die Tatsache,

daß noch ~Palissy~ (1510-1590?), der hervorragende Technologe und

Vorkämpfer der induktiven Methode, neben den Werken des ~Geber~ und

des ~Arnold~ von ~Villanova~ den „Roman de la Rose“ als wichtigste der

von den Vorfahren hinterlassenen Schriften bezeichnet[5327]. Er selbst

verwirft übrigens wie die Astrologie[5328] so auch die Alchemie[5329],

deren Theorien und Methoden durchaus unsinnig und betrügerisch

sind[5330]; freilich versichern so manche der zahlreichen Alchemisten

und Ärzte Frankreichs, an den künstlichen Edelmetallen, sowie an ihrem

die größten Wunderkuren verrichtenden „trinkbaren Golde“ viel Geld zu

verdienen; aber bis sein Wunsch in Erfüllung gehe, deren Verfahren

selbst ausüben zu lernen, ziehe er vor, stillzuschweigen und jenen die

Beweise für ihre Behauptungen zu überlassen[5331]. Diesen gemäß müßte

übrigens das Gold, um in Lösung gehen zu können, in Schwefel und das

giftige Quecksilber zerfallen, aus denen es, gleich sämtlichen anderen

Metallen, nach den Lehren aller „Philosophen“ bestehen und entstehen

soll, -- woran nur insofern etwas Richtiges sein mag, als diese Stoffe

vielleicht irgendwie bei der Abscheidung der Metalle und Erze im Innern

der Erde mitwirken, dann aber gleich unbrauchbaren Schlacken wieder

abgeschieden werden[5332].

Für ~Palissys~ großen Zeitgenossen ~Rabelais~ (1483-1555) sind

Astrologen und Alchemisten ein unerschöpflicher Gegenstand beißenden

Witzes, und in unnachahmlicher Weise trifft die Lauge seines Hohnes

bald ihre Voraussetzungen und Deutungen, bald die Erzeugnisse ihrer

„Künste“, -- zu denen auch die von Hühnern blank verdauten Perlen

gehören[5333] --, bald die „chaldäischen“ Wirkungen, ausgeübt von

den 7 planetarischen Metallen und Steinen, in Form von Ringen, von

Weinkrügen, von Statuen, die in einem verborgenen Zaubertempel

aufgestellt sind, usf.[5334]. -- Mit gleich scharfem Spotte äußert

sich ~Periers~ in den geistvollen Satiren seines „Cymbalum mundi“ (=

„Weltglocke“; 1537) und der „Nouvelles récréations“ (1558)[5335]:

die Alchemisten sind und bleiben Schwindler und Betrüger, groß im

Versprechen, klein im Halten, verheißen den Gläubigen die Geheimnisse

des Königs ~Salomon~ und der Prophetin ~Maria~, speisen sie aber mit

Redensarten ab, stellen ihnen den Stein der Weisen in Aussicht,

liefern jedoch statt dessen Sand, lassen die Getäuschten rechtzeitig

im Stiche, suchen neue Anhänger, finden sie auch, und werden hierin

fortfahren, so lange sie solche finden.

Zu sehr weit zurückliegender Zeit faßte die Alchemie in +Italien+

Boden, woselbst (wie oben erwähnt) nachweislich auch zahlreiche

Geistliche des 12. und 13., und vermutlich bereits solche des

11. Jahrhunderts, sie auf das Eifrigste betrieben; damit, daß

„Italien diese Krankheit so sehr früh durchmachte“, steht es nach

~Burckhardt~[5336] im Zusammenhange, daß es sie auch als erstes aller

Länder glücklich überstand, nämlich „dem Wesentlichen nach schon im

Verlaufe des 14. Jahrhunderts“, um dessen Mitte die große Kunst in den

Augen der Einsichtigen „bereits allen ihren Reiz eingebüßt hatte“ und

zum bloßen Werkzeuge der Übervorteilung und des Betruges herabgesunken

war. Demgemäß versetzt ~Dante~ schon in der um 1300 vollendeten

„Hölle“ den Alchemisten, der auf verbotenen Wegen (vielleicht auch

im Bunde mit bösen Geistern) als „Affe der Natur“ die echten Metalle

nachzuahmen suchte, in die tiefste, dem Höllenfeuer zunächst liegende

der zehn „Bolgen“[5337]; desgleichen spricht ~Petrarca~ (1304-1374) in

seiner 1366 verfaßten Abhandlung „De remediis utriusque fortunae“ mit

schärfstem Hohn und denkbar größter Verachtung und Erbitterung über das

Treiben der Alchemisten, und wählt als Motto des betreffenden Dialoges

das Distichon:

„Alchemistischer Trug, der Vielen ein Gipfel der Kunst scheint,

Haß nur erweckt er dem Mann, der die Betörten verlockt[5338].“

Auch der Münzfälschung gelten die Goldmacher wenn nicht für überwiesen

so doch für verdächtig, und derlei Vorfälle scheinen Anlaß zu der

diesen öffentlichen Schaden ausdrücklich erwähnenden Bulle Papst

~Johannes~ XXII. (1316-1334) gegeben zu haben, die jede Ausübung

der Alchemie grundsätzlich verbot[5339]; eine Wirkung erzielte sie

natürlich nicht, es sei denn die, daß man den Papst selbst als geheimen

Alchemisten hinzustellen versuchte, der aber bei seinen Bemühungen vom

Glück nicht begünstigt gewesen sei[5340].

Zur Zeit der Renaissance, während derer die italienischen (aber auch

andere) „Meister“ in den nordischen Ländern und an deren Fürstenhöfen

die lohnendsten Erfolge einheimsten und zu niegesehenem Einflusse

gelangten, spielte die Alchemie in Italien selbst nur mehr eine

ganz untergeordnete Rolle, so daß z. B. der „Große Rat“ zu Venedig

die fernere Ausübung dieser Betrügerei schon 1488 ein für allemal

untersagte[5341], und am päpstlichen Hofe die wenigen, die ihr noch

anhingen, für „ingenia curiosa“, (= nicht recht gescheit) galten[5342].

Als daher 1514 der „große“ ~Aurelio Augurelli~ (1441-1524) dem Papste

~Leo~ X. seine poetische Darstellung und Verherrlichung der Alchemie

überreichte[5343], in der er u. a. den kühnen, schon dem ~Raymund

Lull~ zugeschriebenen Satz erneuerte: „Das Meer würde ich in Gold

verwandeln, bestünde es aus Quecksilber“, ließ ihm jener aufgeklärte

Fürst als Gegengeschenk einen leeren Beutel verabfolgen und tröstete

den Betroffenen mit den Worten: „Wer selbst Gold zu machen versteht,

bedarf nur einer Börse, um es aufzubewahren.“

~Lionardo da Vinci~ (1452-1519), der mit erstaunlichen

naturwissenschaftlichen Kenntnissen und Erkenntnissen allgemeinen

Charakters auch weitgehende besondere Erfahrungen über chemische

Operationen mannigfaltiger Art verband[5344], war ein abgesagter

Feind „der lügnerischen und verderblichen Kunst der Alchemie und

ihrer fälschenden und betrügenden Anhänger“, bestritt, daß Schwefel

und Quecksilber Bestandteile der Metalle seien, und erklärte die

künstliche Darstellung des Goldes für ebenso unmöglich wie die

Quadratur des Kreises oder die Erfindung des Perpetuum mobile[5345].

Ähnliche Ansichten äußert auch sein Zeitgenosse, der hervorragende

Technologe ~Biringucci~ (1480-1539?), -- der feststellt[5346], daß

noch kein Alchemist jemals die Wahrheit seiner Versicherungen auch

nur im geringsten Punkte nachgewiesen habe, daß er selbst an derlei

Möglichkeiten nicht glaube und nichts über sie wisse, und daß die

Metalle weder Schwefel noch Quecksilber enthielten[5347] --, sowie der

etwas spätere ~Garzoni~, der Verfasser des enzyklopädischen Werkes

„Piazza universale“ (1585); nach Wiedergabe der alchemistischen

Verheißungen ruft er dem Leser ein „Hüte Dich!“ zu[5348] und empfiehlt

dem nach Silber und Gold Begehrenden, sich lieber in irgend ein Münzamt

zu begeben, woselbst er die beste „Alchemie“ vorfinden werde, nämlich

die wahre Kunst des Goldmachens[5349].

In ~England~ war die Alchemie im 13. und 14. Jahrhundert nicht minder

verbreitet als in Frankreich; während der andauernden Kämpfe zwischen

diesen beiden Ländern, die die englischen Finanzen wiederholt in

die mißlichste Lage brachten, scheint sie in nahe Beziehungen zur

Münzfälschung getreten zu sein, die von englischer Seite zeitweise

geradezu von Staats wegen gefördert wurde, angeblich auch, um

den feindlichen Wohlstand durch das in Umlauf gesetzte Truggold

zu schädigen. Jene äußerst anrüchige Verbindung, die zu mehrmals

wiederholten strengen Verboten führte, u. a. durch ~Carl~ V. (1380)

für Frankreich und ~Heinrich~ VI. (1404) für England[5350], erklärt

wohl die Tatsache, daß die Alchemie in England verhältnismäßig

frühzeitig in so völligen Verruf kam, wie ihn das 4. Buch der

„Confessio amantis“ des Dichters ~Gower~ (vollendet 1390)[5351] und

in noch höherem Grade die „Canterbury-Tales“ seines Zeitgenossen

~Chaucer~ (verfaßt 1391?) ersehen lassen: die ganze ausführliche

„Erzählung des Canonicus“[5352] ist eine einzige schonungslose Satire

auf das unverschämte Auftreten, die frechen Vorspiegelungen und die

gemeinen Betrügereien der Alchemisten, dieser würdigen Klienten ihrer

Schutzpatrone, des ~Platon~, ~Hermes~ und ~Arnold~ von ~Villanova~. --

Auf die Dauer hielt diese Erkenntnis überlegener Geister freilich auch

hier nicht vor, und im 15. und 16. Jahrhundert zeigt sich die gerade

in England besonders konservative Denkweise der großen Menge wieder

völlig durchsetzt von alchemistischen und astrologischen Vorstellungen

und Gedanken. Daß solche jedermann verständlich waren und selbst dem

gewöhnlichen Theaterbesucher durchaus vertraut klangen, beweisen

die sehr mannigfaltigen Anspielungen auf dramatischem Gebiete: so

z. B. erhalten in „Maria Magdalena“, einem der seit 1450 besonders

zahlreichen und beliebten „Moralitäten- und Mysterien-Spiele“, die

ausziehenden 7 „Fürsten der Hölle“ (= 7 Todsünden) als Geschenke der

Planeten deren 7 Metalle, von der Sonne das Gold, vom Monde das Silber,

vom Mars das Eisen, vom Merkur das Quecksilber, von der Venus das

Kupfer, vom Jupiter das Zinn, vom Saturn das Blei[5353]; die zwischen

1590 und 1612 auf der Bühne erschienenen Werke ~Shakespeares~ wimmeln

von alchemistischen und astrologischen Hinweisungen[5354]; sehr häufig

finden sich solche auch in den Stücken seiner Zeitgenossen, u. a. des

~Lilly~ (1554-1602), z. B. in der „Gallathea“[5355], sowie in „The

woman in the moon“, worin „Natur“ eine Hirtin ~Pandora~ erschafft und

mit allen möglichen Gaben ziert, „geraubt den Göttern der 7 Planeten“,

die dann zur Rache „aufgehen“ und ~Pandora~ auch aller ihrer bösen

Eigenschaften teilhaftig machen, bis sie zuletzt unter dem Einflusse

der Luna „lunatic“ (wahnsinnig) wird[5356]; ~Ben Jonsons~ Lustspiel

„Der Alchemist“ (1610) setzt sogar eine völlig ins einzelne gehende

Kenntnis des alchemistischen Schwindels, mindestens aber ein sehr

lebhaftes Interesse für ihn voraus[5357].

Auch in einem bald nach 1500 verfaßten erzählenden Gedichte des

~Hawes~, Hofpoëten König ~Heinrich~ VII., besiegt ein die „Seele“

verkörpernder Ritter das „Ungeheuer der 7 Metalle“, dessen Glieder eine

Zauberin unter dem Einflusse der gerade regierenden Planeten schuf,

-- das Haupt aus Gold, den Nacken aus Silber, die Brust aus Eisen,

die Vorderfüße aus Messing [Mischmetall?], den Rücken aus Kupfer, die

Hinterfüße aus Zinn, den Schweif aus Blei[5358] --, und noch in den um

ein Jahrhundert jüngeren Erzählungen des ~Barclay~, „Euphormio“ (1603)

und „Argenis“ (1621), diesen (in lateinischer Sprache geschriebenen)

Moderomanen der Zeit, die ihren Weg sofort durch alle Länder Europas

nahmen, spielen Alchemie und Astrologie eine ausführliche, sichtlich

den Bedürfnissen des Leserkreises angepaßte Rolle[5359].

In wissenschaftlicher Hinsicht sei daran erinnert, daß ~Bacon~ von

~Verulam~ (1551-1626) zwar die eigentliche Alchemie verwirft, dagegen

auf Grund seiner eigenen Theorien vom Wesen der Materie die Umwandlung

der unedlen Metalle in edle, sowie die künstliche Darstellung des

Goldes für sehr wohl möglich erklärt; er gibt hierzu sogar eine

ausführliche Anweisung, die darauf hinausläuft, die einzelnen, seiner

Ansicht nach selbständig bestehenden „Formen“ des Goldes, also die

gelbe Farbe, den Glanz, die Dehnbarkeit und Hämmerbarkeit, das hohe

spezifische Gewicht usf., zu vereinigen, um so eine Art Synthese des

Goldes zu bewerkstelligen[5360]. -- Während der folgenden Jahrhunderte

traten in England noch eine ganze Reihe einflußreicher Alchemisten auf,

deren Schriften in ~Ashmoles~ „Theatrum chemicum Britannicum“[5361] und

zum Teil auch in den „Collectanea chemica“ abgedruckt sind[5362]. Kaum

glaublich erscheint es, daß noch 1702 ~Dickinson~ großes Aufsehen mit

der Behauptung erregen konnte, der Mensch enthalte infolge astraler

Einflüsse wahres Quecksilber im Blute und wahre Metalle in Fleisch,

Eingeweiden und Exkrementen, so daß man aus seinem Körper Gold, die

Universaltinktur, sowie den Stein der Weisen auszuziehen vermöge[5363];

aber sogar noch 1779 kaufte das Parlament einer alten Jungfer namens

~Jane Stephens~ ihr Verfahren zur Herstellung des Steines der Weisen

für 5000 Pfund ab, „um es zum allgemeinen Nutzen öffentlich bekannt

zu machen“, -- „jedoch (so sagt ~Wiegleb~ sehr hübsch)[5364], wie

gewöhnlich, bekannt gemachte Geheimnisse verlieren ihren Wert!“

Für +Deutschland+ zählen die oben angeführten Berichte bei ~Adam~

von ~Bremen~ (gest. 1076) über das Erscheinen eines byzantinischen

Alchemisten namens ~Paulus~ am Hofe des Erzbischofs ~Adalbert~ von

~Bremen~[5365], -- er behauptete, Kupfer in Gold verwandeln zu können

--, sowie des ~Albertus Magnus~ über die Tätigkeit der Kölner Fälscher

jedenfalls zu den ältesten Erwähnungen der Alchemie. Irrtümlich ist

die Behauptung, daß ihrer auch der sprachgewaltige Kanzelredner Bruder

~Berthold~ von ~Regensburg~ (gest. 1272) gedenke, denn in seinen

Predigten erwähnt er zwar oft die 7 Planeten und ihre vielerlei

Kräfte[5366], auch die vier Elemente[5367], das Wachsen von Gold und

Silber in der Erde[5368], die Legierungen von Zinn mit Gold und Kupfer,

deren erstere sich wieder zerlegen lasse, während die letztere „kein

Meister und nicht die ganze Welt voneinander bringen kann“[5369],

nirgends berührt er aber auch nur mit einem Worte die Goldmacherei.

Außerordentlichen Aufschwung nahmen Alchemie und Astrologie seit

Beginn der Renaissance, die zwar den Hang zur Mystik und sog.

Geheimwissenschaft allerorten steigerte, nirgendwo aber in höherem

Maße als in Deutschland, dessen Zersplitterung und Kleinstaaterei

den „Adepten“ ein von der kaiserlichen bis zur bescheidensten

reichsunmittelbaren Hofhaltung herabreichendes, ebenso ausgebreitetes

wie lohnendes Feld der Tätigkeit eröffnete. Unter den Größen des 15.

Jahrhunderts sei an dieser Stelle nur „die Leuchte der Weisheit“, der

hochgelehrte Abt ~Trithemius~ von Sponheim bei Kreuznach (1462-1516)

erwähnt; er selbst scheint zwar nichts von Goldmacherei gehalten zu

haben, sein 1506 zu Passau schon gedruckt erschienenes „Wunderbuch“

ist aber eine wahre Fundgrube abergläubischer Vorstellungen, u. a.

derer über die 7 Planeten, ihre Geister und Zeichen[5370]; über

die zugehörigen Pflanzen, Steine und Metalle, sowie deren innere

Verwandtschaft mit den Wandelsternen[5371]; über die unreifen und

reifen Metalle nebst ihren Zwittern und Hermaphroditen (auch einen aus

Eisen und metallischem Antimon)[5372]; über das ägyptisch-chaldäische

„Elektron magicum“, eine aus allen sieben Metallen zusammengeschmolzene

Legierung, deren unbeschreibliche Eigenschaften sie besonders geeignet

zur Anfertigung von Zaubervorrichtungen aller Art machen[5373], usf.

Bei ~Trithemius~ erwarb, nach eigener Angabe, einen erheblichen Teil

ihrer alchemistischen Kenntnisse die größte Gestalt der deutschen

Renaissance, ~Theophrastus Paracelsus~ (~Hohenheim~; 1483-1541), auf

dessen überragende Bedeutung für die Geschichte der Medizin, der

Chemie und anderer Wissenschaften nebst ihren Seitenzweigen, aber auch

für die des Humanismus und der Mystik, hier nur hingewiesen, nicht

eingegangen werden kann. Der Umfang seiner überlieferten einschlägigen

Schriften, -- sie füllen in der Sonderausgabe von ~Waite~[5374] etwa

800 Seiten in Großquart --, die Schwierigkeit, sie angesichts des

fast völligen Mangels eigenhändiger Manuskripte in echte, entstellte

und untergeschobene zu sondern, die Unsicherheit betreffs ihrer

zeitlichen Entstehung, nicht zum mindesten auch die Dunkelheit und

Zweideutigkeit des Ausdruckes, machen es ungewöhnlich schwer, über

die wahren Ansichten des ~Paracelsus~ Klarheit zu gewinnen. An vielen

Stellen verwirft er die eigentlichen Lehren der Alchemisten, „dieser

Narren, die leeres Stroh dreschen“; an vielen billigt er sie, wenn auch

oft nur zum Teil und in abgeänderter Weise, wie er denn Schwefel und

Quecksilber als die beiden Grundbestandteile aller Substanzen annimmt,

ihnen aber „Salz“ als einen gleich wichtigen dritten hinzufügt; an

anderen deutet er sie symbolisch um, und an wieder anderen überträgt

er sie aus dem Gebiete der Chemie in das der Medizin und gelangt so zu

seinen iatrochemischen Elixiren, Essenzen, Quintessenzen („Tugenden

der Dinge“), Tinkturen, Arkanen[5375], Panaceen, Allheilmitteln

und Universalpräparaten[5376]. Die durch ~Paracelsus~ und die

Paracelsisten entfesselte Bewegung war mächtig und tiefgreifend;

nicht nur im deutschen Reiche, sondern in allen Kulturländern löste

sie geistige Kämpfe von weitgehender Bedeutung aus, und wie so oft

in derlei Fällen trugen die Mißverständnisse und Übertreibungen der

Schüler nicht zum wenigsten dazu bei, auch den schwachen Lehren des

Meisters unverdiente Beachtung zu verschaffen, hier also der Alchemie

zu neuem und gesteigertem Ansehen zu verhelfen.

In der Zeit vor und gegen 1500 war dieses auf einen gewissen Tiefpunkt

gesunken, so daß z. B. ~Sebastian Brand~ im „Narrenschiff“ (1494) die

Alchemisten und Astrologen nicht nur als Narren hinstellt, sondern

als Gauner, Betrüger und gemeingefährliche Fälscher[5377]; als solche

sahen sie auch die Behörden an, und es erklären sich hieraus die

wiederholten und strengen Verbote der Alchemie, wie sie u. a. 1492 die

Reichsstadt Nürnberg erließ, allerdings ohne dauernden Erfolg[5378].

Noch für den in den Naturwissenschaften nicht unbewanderten

~Melanchthon~ (1497-1560), der übrigens Schwefel und Quecksilber als

Universalelemente bestehen ließ, ist die Alchemie nichts weiter als ein

„sophistischer Schwindel“[5379], während ~Luther~ (1483-1546) zwar die

Astrologie mit fast gleichlautenden Worten verwirft[5380], die Alchemie

aber mit Rücksicht auf die Wiederbelebung der getöteten Metalle milder

beurteilt, „besonders um ihrer Allegorie und heimlichen Deutung willen,

die überaus schön ist, nämlich die Auferstehung der Toten am jüngsten

Tage“[5381]. Irrtümlich ist die Angabe, daß auch sein Zeitgenosse

~Agricola~ (1494-1555) zu Chemnitz ein Freund oder gar Förderer der

Alchemie gewesen sei; die Schriften, aus denen dies gefolgert wurde,

gehören nämlich nicht ihm an, sondern einem Namensvetter, während

er selbst sich in seinen ausgezeichneten und geradezu grundlegenden

mineralogischen und metallurgischen Werken durchaus zurückhaltend

äußert und allenfalls nur die Frage nach der bloßen Möglichkeit einer

Metall-Verwandlung als eine vorerst noch offene bestehen läßt.

Etwa von 1550 an schwillt allerorten, zumeist aber in Deutschland,

die alchemistische Litteratur zur Hochflut auf, so daß um 1650 die

Zahl der zugehörigen Werke von ~Borelli~ auf annähernd 4000, und um

1720 von ~Rothscholz~ auf über 5000 beziffert wird[5382], -- und alles

dies, ohne daß auch nur ein einziger wirklich neuer Gedanke befruchtend

eingriffe! Der Alchemie huldigen nicht nur die Mystiker, wie etwa

~Khunrath~ (1560 bis 1605), Verfasser des „Amphitheaters der ewigen

Weisheit“ und des „Dreieinigen natürlichen Chaos der Chemiker“, oder

~Jakob Böhme~ (1575 bis 1624), der sich in der „Signatur der Dinge“,

der „Aurora“ usf., an der Macht der Planeten und ihres Zubehörs,

an den Kräften des „Marcurius“ und „Sallniter“, an den Wundern des

Schwefels, Quecksilbers, Salzes, u. dgl. mehr, gar nicht genug zu tun

weiß, sondern auch die bedeutendsten Naturforscher des Zeitalters,

u. a. ~Libavius~ (gest. 1616), ~Van Helmont~ (1577-1644), der den

Stein der Weisen selbst in der Hand gehabt und mit größtem Erfolge

gebraucht hat, ~De la Boe~ (1614-1672), ~Kunckel~ (1630-1702), ja zum

Teil sogar ~Boyle~ (1626-1691) und ~Boerhaave~ (1686-1738); und doch

hatte dieser selbst nachgewiesen, daß die Metalle weder Schwefel noch

Quecksilber enthielten, daß die Fixation des letzteren unmöglich sei,

und daß sich Blei nicht in Quecksilber überführen lasse[5383]. Auch

für diese Periode findet sich also bewährt, was ~Kopp~ betreffs des

Mittelalters ausspricht: „Daran, daß die Alchemie ihr Problem lösen

könne, glaubten fast alle, daran, daß sie es bereits gelöst habe,

und zwar mit großartigem Erfolge, die meisten, selbst hervorragende

geistige Größen[5384].“

Sehr vereinzelt stehen unbedingte Verurteilungen da, wie die durch

den berühmten Jenaer Mediziner und Anatomen ~Rolfink~ (1599-1673),

der die an Alchemie Glaubenden den Starblinden gleichstellt[5385],

oder durch den, trotz aller Absonderlichkeiten, von staunenswertem

Wissen erfüllten ~Athanasius Kircher~ S. J. (1665); dieser will zwar

nicht bestreiten, daß vordem, jedoch freilich nur mit Hilfe des

Teufels, künstliches Gold gemacht worden sei, im übrigen sind aber

für ihn einfach alle Astrologen Beutelschneider und alle Goldmacher

Münzfälscher[5386]. Der gesunde Sinn solcher Männer verdient

aufrichtige Bewunderung, wenn man liest: wie sich 1629 der Vorsteher

der kurfürstlichen Sammlung in Dresden bemühte, die 7 Hauptmetalle den

Kräften der 7 Planeten gemäß aufzustellen und „auszuteilen“[5387]; wie

1669 ~Becher~, in vielem unbedingt einer der offensten Köpfe seiner

Zeit, mit weitläufigen Darlegungen die Behauptung verteidigt, König

~Salomon~ habe, trotzdem er genötigt war Gold aus Ophir holen zu lassen

und seine Untertanen übermäßig zu besteuern, doch den Stein der Weisen

besessen[5388]; wie 1682 der gelehrte Jenaer Professor ~Wedel~, dessen

altes bleiernes Tintenfaß zufällig durch Quecksilber beschädigt worden

war, die abenteuerlichsten Hypothesen über die Ursache der plötzlichen

Umwandlung des einen Metalles in das andere erörterte[5389]; wie der

überaus belesene Polyhistor ~Morhof~ 1719 die Transmutation der Metalle

für eine zweifellose Tatsache erklärte[5390]; wie Kaiser ~Franz~

I. 1746 gegen den vermeintlich im Besitze des Steines der Weisen

befindlichen Adepten ~Sehfeld~ „peinlich inquirieren“ ließ, und der

sonst so mißtrauische ~Friedrich der Grosse~ 1751 zur Durchführung

alchemistischer Versuche seitens einer Frau ~von Pfuel~ 10000 Taler

bewilligte[5391]; wie 1764 ~Koelreuter~ zugunsten seiner grundlegenden

Beobachtungen über Pflanzenbastarde anführt, daß sie trefflich mit

den Theorien der Alchemisten hinsichtlich der Umwandlung der Metalle

übereinstimmen[5392]; endlich, wie 1760 der keineswegs ganz ungläubige,

aber durchaus ehrliche ~Justi~[5393], vor allem aber 1777 der

ebenso sachverständige wie unbestechliche ~Wiegleb~[5394], zwar die

völlige Nichtigkeit der Alchemie mit den überzeugendsten Gründen für

jedermann nachwiesen, der für solche empfänglich ist, einen dauernden

Erfolg aber nicht zu verzeichnen hatten. Schon wenige Jahre später

vermochte ein Schwindler wie ~Price~, Mitglied der Londoner „Royal

Society“, -- der sich schließlich vergiftete, als diese Gesellschaft

auf ernstliche Untersuchung drang --, das Urteil auch der deutschen

Gelehrten derartig irrezuführen, daß 1782 selbst der aufgeklärte

und scharfsinnige ~Lichtenberg~ schwarz auf weiß versicherte, ihm

vorerst den Glauben nicht versagen zu können[5395]; ebenso wurden erst

1789 die Ankündigungen des redlichen Halleschen Theologieprofessors

~Semler~, denen gemäß in seinen vor den Fenstern stehenden Gläsern

Goldblätter etwa so wuchsen wie Hyacinthen, als Ausflüsse eines

Betruges aufgedeckt, dem der Leichtgläubige selbst zum Opfer gefallen

war[5396]. Aber auch diese Enthüllungen, die großes und berechtigtes

Aufsehen erregten, fielen rasch der Vergessenheit anheim, und von 1796

an konnte ~Kortum~[5397] mit Hilfe des damals in Gotha erscheinenden

„Reichsanzeigers“ weite ungelehrte und gelehrte Kreise mit dem

Glauben an das Bestehen einer vielverzweigten „Deutschen Hermetischen

Gesellschaft“ erfüllen und sie über ein Jahrzehnt lang in einer Weise

an der Nase herumführen, die dem witzigen Verfasser der „Jobsiade“

insgeheim manche vergnügte Stunde bereitet haben mag.

Einen nochmaligen Aufschwung nahm die Alchemie im Zeitalter der

Romantik, das dem Mystizismus, dem Glauben an Wunderwirkungen,

Geister, Gespenster usf. ganz außerordentlich ergeben war, -- es

braucht in dieser Hinsicht nur an den polaren „männlichen und

weiblichen Feuerstoff“ des Jenenser Mediziners ~Voigt~[5398], oder an

den „tierischen Magnetismus“ erinnert zu werden, dessen Entdecker,

~Mesmer~ (1734-1815)[5399], sich schon 1766 durch die abenteuerliche

Dissertation „Über den Einfluß der Planeten auf den menschlichen

Körper“ hervorgetan hatte. Begünstigend, wenn nicht geradezu fördernd,

erwies sich dabei die Haltung der sog. Naturphilosophie. Läßt doch

selbst der Begabteste ihrer Vertreter, ~Schelling~ (1775-1854), in

der „Philosophie der Kunst“ (1802)[5400], in seiner „Zeitschrift für

spekulative Physik“[5401] und der „Neuen Zeitschrift für spekulative

Physik“[5402], in den „Ideen zu einer Philosophie der Natur“[5403]

usw., eine Fülle ebenso wortreicher wie nichtssagender, völlig hohler

Redensarten niedergehen, die auf eine noch unfertige Jugend nur

verwirrend wirken konnten: Da beweist die Naturphilosophie, daß den

verschiedenen Ordnungen der Metalle, dem Silber oder Gold, gleiche

Ordnungen am Himmel entsprechen; daß die Gestirne auf die Bildungen

der Erde Einflüsse von eigentlich magischer, mit der gewöhnlichen

natürlichen ganz unvergleichbarer Art ausüben; daß hierbei die Gesetze

der Zahl und des Abstandes der Planeten mitspielen, die zugleich

Einsicht in das innere System der Töne eröffnen, wobei sich die

Zentripetalkraft als Rhythmus, die Zentrifugalkraft aber als Harmonie

erkennen lassen; da ist die Rede von den geheimnisvollen Zusammenhängen

zwischen den vier edlen Metallen (hier Gold, Silber, Quecksilber,

Platin) und dem Reiche der Planeten; da wird die wahrhafte innere

Gleichheit und absolute Identität aller Materien und die Lehre von

den Metamorphosen dieser Urmaterie verkündigt usf. Es waren derlei

phantastische Träume, wie sie diese Werke, in noch erhöhtem Maße

aber das berüchtigte, seit 1810 in wiederholten Auflagen erschienene

~Oken~sche „Lehrbuch der Naturphilosophie“ erfüllten[5404], aus denen

~Liebig~, der 1821 in Erlangen ~Schellings~ Hörer gewesen war, „mit

Schrecken und Entsetzen“ erwachte[5405]; von ihnen umnebelt sah noch

1824 der Bonner Chemieprofessor ~Wurzer~ in den von ihm geprüften

Mineralwässern „organische Verbindungen von der Physik und Chemie

unerreichbaren Imponderabilien und geheimnisvollen Potenzen“[5406],

erklärte sich noch 1832 der verdiente Historiker der Alchemie,

~Schmieder~, als durchdrungen von der Erkenntnis, daß das Goldmachen

eine Tatsache sei, und daß es einzelne bevorzugte Besitzer des Steines

der Weisen allezeit gegeben habe und noch immer gebe[5407].

Der Glauben an die Möglichkeit der Alchemie ist übrigens bis auf

den heutigen Tag nicht völlig erloschen, ja die gegen Ende des 19.

Jahrhunderts, als ein unverkennbares Zeichen der Zeit, abermals

allerwärts und in überraschender Weise hervortretende Neigung zu

Okkultismus, Mystik, Astralkunde, Theosophie, Spiritismus usf.,

führte ihm neue Nahrung zu. So entstand in Paris 1894 eine „Société

hermétique de France“[5408] und bald darauf eine „Société alchimique

de France“[5409], in deren Laboratorien ~Jollivet-Castelot~ und

seinen Freunden die Darstellung des Goldes gelang oder doch beinahe

gelang[5410]; seit 1890 erschien eine „Bibliothèque rosicrucienne“,

seit 1894 eine „Collection hermétique“ in zwei Serien, seit 1896 eine

Monatsschrift „Hyperchimie et Rosa alchemica“, seit 1904 eine „Revue

d’Astrologie“[5411], und alle diese Unternehmungen scheinen bis in

die jüngste Zeit fortgesetzt worden zu sein. Aber auch in Deutschland

begann, etwa mit der Herausgabe des (sehr oberflächlichen) „Handbuches

der Astrologie“ von ~E. Mayer~ (1891)[5412], die einer ganzen Anzahl

ähnlicher Schriften, und die gesamte geistesverwandte Litteratur

nahm alsbald derartig an Umfang zu, daß sich 1907 „die Notwendigkeit

ergab“, in Leipzig ein „Zentralblatt für Okkultismus“ und 1912 eine

„Astrologische Bibliothek“ zu begründen. Daß das „Wöchentliche

Verzeichnis des Börsenvereines der Deutschen Buchhändler“ eine

ständige Abteilung „Philosophie und Geheimwissenschaft“ führt, daß

ferner Anzeigen betreffs Astrologie, Nativitäts-Stellen, Wahrsagerei

u. dgl. alltäglich in vielen großen Zeitungen erscheinen, sich also

sichtlich gut bezahlt machen, beweist ebenfalls, daß es an einem

ausgebreiteten Leserkreise auch gegenwärtig keineswegs fehlt[5413]. Was

aber insbesondere die Hoffnungen der Goldmacher anbelangt, so werden

sie zur Zeit wesentlich mit Hinweis auf das Radium und die radioaktiven

Stoffe wachgehalten[5414], „von deren völlig wunderbaren und für

die Wissenschaft gänzlich unerklärlichen Eigenschaften sich +alles+

erwarten läßt“ und denen man, je ungenügender sie noch bekannt sind,

desto kühner die außerordentlichsten Wirkungen zuschreiben darf, ohne

eine unmittelbare Widerlegung durch den Versuch befürchten zu müssen.

——————————

Nicht des näheren eingegangen, sondern nur kurz hingewiesen werden kann

an dieser Stelle auf die Beziehungen der Alchemie zur +Kunst+, die

wesentlich durch jene zu den 7 Planeten bedingt sind.

Zu Alexandria, woselbst, wie weiter oben dargelegt, der Kult

der Planeten, gefördert von den Gnostikern, Mithrasverehrern,

Neuplatonikern usf. erst zu voller Entwicklung und vielseitigster

Bedeutung gelangte, dürften auch die Urbilder, aus ihnen aber

wieder die bleibenden Typen jener plastischen und zeichnerischen

Darstellungen entstanden sein, die u. a. als Vorlagen der in den

ältesten astrologischen Codices des Mittelalters auftauchenden und aus

diesen dann auch von den meisten jüngeren Handschriften übernommenen

Miniaturen anzusehen sind. Sichtlich zeigen sie sich durchaus

beeinflußt von der Antike, namentlich auch von der spätrömischen

und byzantinischen Verehrung der Planeten als Tagesgottheiten, die

bereits im Laufe der Kaiserzeit große Verbreitung und allgemeine

Volkstümlichkeit erlangt hatte[5415].

Aber auch für den Osten wurden jene „hellenistischen Typen“ maßgebend,

allerdings in „orientalisierter Gestalt“; verraten doch die islamischen

Darstellungen der Planeten[5416], deren älteste auf einer Messingkanne

des 12. Jahrhunderts und in der Damascener ~Qazwini~-Handschrift von

1366 vorliegen, ein sichtlich schon längst[5417] feststehendes Gepräge

deutlich synkretistischer Art, dessen orientalischer Bestandteil in

letzter Linie auf die chaldäischen Planetengötter zurückgeht[5418]

und hauptsächlich wohl durch die Ssabier übermittelt wurde, mit deren

Angaben über die Gestalten der Planeten-Idole und über die zugehörigen

Symbole, Farben, Kleidungen usf. die islamischen Nachbildungen

durchaus übereinstimmen[5419]. Erst seit dem 12. Jahrhundert sollen

diese aber weitere Verbreitung in den muslimischen Kreisen und durch

sie auch in jenen der westlichen Mittelmeer-Völker gewonnen haben,

und zwar kamen den letzteren nicht nur, wie man früher annahm, bloße

Beschreibungen (aus litterarischen Quellen) zu, sondern auch die

charakteristischen Abbildungen, die sich u. a. noch in den farbigen

Miniaturen alchemistischer Handschriften (z. B. des ~Geber~, gegen

1300) unverkennbar erhalten haben[5420]. Die Frage, durch wen und wo

diese Weitergaben im einzelnen erfolgten, läßt sich vorerst nicht

ausreichend beantworten; +eine+ der Stellen, denen hierbei eine

wichtige Rolle zufiel, war aber zweifellos der am Hofe des kastilischen

Königs ~Alfons~ X. tätige Gelehrtenkreis, dem um 1240 die sog.

„Picatrix“ entsprang, ein Buch, das u. a. (natürlich nur indirekt)

aus ssabischen Quellen, z. B. aus dem „Ghâjat“ schöpfte und in seinen

Planeten-Beschreibungen bei ~Jupiter~, dem „großen Glücke“[5421], sowie

bei ~Mars~ ausdrücklich auch deren Metalle erwähnt, bei ~Mars~ den

Ring aus Kupfer und die Räucherpfanne aus Eisen[5422]. Die „Picatrix“

gehört anscheinend mit zu den Vorlagen des von ~Michael Scotus~, dem

Hofastrologen Kaiser ~Friedrichs~ II., gegen 1250 vollendeten großen

astrologischen Traktates, in dem die alten chaldäischen Astralgötter,

wenn auch nicht nochmals neu- so doch umgebildet, nunmehr auch in

mittelalterlichem Gewande und Äußeren erscheinen[5423]. Den ~Scotus~

versetzt ~Dante~ (um 1300) in die Bolge der falschen Wahrsager und

Zauberer[5424], da er selbst, ganz so wie ~Albertus Magnus~ (gest.

1280), der ausschließlich griechische, jüdische oder arabische Autoren

astrologischer Schriften nennt, vom christlichen Standpunkte aus die

gesamte Sterndeuterei völlig verwirft[5425]. Im übrigen schließt

er sich, gleich ~Thomas~ von ~Aquino~, der schon von ~Origenes~

gebilligten Lehre an, daß die Planeten von Schutzengeln geistigen

Wesens (substantiae spirituales) gelenkt und geleitet werden und

spricht diese daher im „Paradies“, sowie in der zweiten Canzone des

„Gastmahles“ (Convito) mit den Worten an: „Voi, che intendendo il

terzo cielo movete“. ~Gildemeister~ übersetzt sie[5426]: „O Ihr, Die

Ihr den dritten Himmel lenkt, erkennend,“ ~Kannegiesser~[5427]: „Die

denkend Ihr bewegt der Himmel Dritten“. Indem ~Dante~ den 7 Planeten

die 7 Sphären sowie die 7 Reihen der Seligen, im „Gastmahl“[5428] aber

auch die 7 Wissenschaften des Tri- und Quadriviums zuordnet, bahnt er

einen ersten Schritt in der Richtung der künstlerischen Darstellungen

enzyklopädischer Art an, die allmählich, und besonders seit der Zeit

der Renaissance, das Übergewicht über die älteren, wesentlich vom

mittelalterlich-scholastischen, kirchengemäßen Geiste getragenen

erlangten[5429].

Betreffs einer der frühesten Wiedergaben der 7 Planeten (anscheinend

auf Wandteppichen), von der gegen 1107 das sehr merkwürdige Gedicht

des Abtes ~Baudri~ über „Das Schlafgemach der Gräfin ~Adele~ von

~Blois~“ berichtet, läßt sich leider Näheres nicht angeben, da der

von ~Schlosser~ veröffentlichte Auszug gerade an dieser Stelle große

Lücken aufweist[5430]; auch über die Miniaturen der im Britischen

Museum befindlichen, gegen 1320 vollendeten lateinischen Übersetzung

der „Astronomie“ des ~Albumasar~ (= ~Abu Maschʿar~, gest. 886) ist

Genaueres nicht bekannt[5431], was desto bedauerlicher erscheint,

als dieser Autor wieder Vieles aus der „Sphaera“ des ~Teukros~ von

~Babylon~ schöpfte, die ihm allerdings nur in persischer Übersetzung

zugänglich war[5432].

Von Werken der italienischen Frühkunst kommen in Betracht:

die Planeten-Fresken des ~Lorenzetti~ im Rathause zu Siena,

1338-1341[5433]; die dem ~Talenti~, einem Schüler ~Pisanos~,

zugeschriebenen Reliefs am Campanile zu Florenz, um 1350[5434]; der

Cyclus des ~Bonajuti~ in der spanischen Kapelle zu Florenz, gegen

1370[5435]; die Gruppe an einer Säule des Dogenpalastes zu Venedig, um

1350 oder 1400[5436]; die Fresken des ~Guariento~ (?) in der Kirche der

Eremitani zu Padua, um 1365 oder 1400[5437]; die Fresken des ~Miretto~

(aus der Schule ~Giottos~) im Justizpalast zu Padua, um 1420[5438]; die

Gemälde des ~Duccio~ in der Malatesta-Kapelle zu Rimini, um 1455[5439];

die des ~Cossa~ im Schlosse Schifanoja bei Ferrara, gegen 1470[5440];

die des ~Perugino~ an der Decke des Audienzsaales im Gebäude der

Wechslerzunft (Cambio) zu Perugia, um 1499[5441]; die des ~Raffael~

in der Kirche Sta. Maria del popolo zu Rom, um 1516[5442]. Bei den

älteren unter ihnen fehlen ins einzelne gehende Einflüsse der bekannten

Übermittlungen ganz, es sei denn, daß (wie schon bei ~Lorenzetti~) die

Sonne, statt ihrer aber oft auch der ~Jupiter~, in Gestalt eines Königs

mit der Krone erscheint, wie einstens ~Mithras~[5443]. Erst in der

Gruppe des Dogenpalastes (1350, 1400) führt ~Merkur~ die Bezeichnung

„Stilbons“ (= στίλβων, Stilbon, der Glänzende) und hält ~Mars~ ein

Banner mit der Inschrift „De ferro sum“ (Ich bin aus Eisen)[5444], und

bei ~Miretto~ (1420) trägt letzterer Gott einen roten Mantel[5445];

dieser Künstler bildet auch zum ersten Male ~Merkur~ als Astrologen

ab[5446], während ihn ~Duccio~ (1455) als ~Hermes Psychopompos~ auffaßt

und mit Schlangenstab und Mandoline ausstattet, an deren Stelle

bei ~Cossa~ (1470) eine Geige tritt, beide als Ersatz der antiken

Leyer[5447]. ~Perugino~ greift schon ganz offenbar auf die antiken

Typen zurück, nach Art der in den gleichzeitigen Holzschnitten zum

„Astrolabium“ des ~Joh. Angelus~ (Venedig 1494) und in den Stichen

des ~Baldini~ zutage tretenden[5448], und bei ~Raffael~ vollends

tragen die Planeten die ausgesprochene Gestalt der alten Götter,

werden aber zugleich von Engeln geleitet[5449]. Nur sehr langsam,

dem allmählichen Fortschritte entsprechend, der zur Entfaltung der

Renaissance führt, ändert sich also auch die Auffassung und Nachbildung

der Planeten; erst das volle, für die Höhezeit der Renaissance so

bezeichnende Wiederhervortreten der mystischen, abergläubischen und

astrologischen Elemente[5450] bringt sie auch als Tagesgötter und

Vertreter der Siebenzahl-Theorie abermals zu Ehren[5451], lehrt aufs

neue ihren Zusammenhang mit Metallen, Steinen, Pflanzen, körperlichen

Teilen und geistigen Eigenschaften, Lebensaltern, Farben, Gerüchen,

Tönen, Buchstaben usf.[5452] und veranlaßt ihre schon oben erwähnten

enzyklopädischen Darstellungen in Verbindung mit den 7 Tugenden und

Lastern, Sakramenten und Todsünden, Wissenschaften und Künsten, mit

den Musen als Vorsteherinnen der Sphärenharmonie und Leiterinnen der

Himmel und Himmelskörper[5453], mit den Propheten und Heiligen, oder

mit den Jahreszeiten und Tierkreisbildern. Ein Versuch, die fernere

künstlerische Entwicklung der einschlägigen Gestalten, der Symbole

und Attribute, der für die Planeten genau zu berücksichtigenden

Farbengebung usf., im einzelnen zu erörtern, ist aber an dieser Stelle

ausgeschlossen.

Die ziemlich zahlreichen alchemistischen Gemälde und Stiche aus

späteren Zeiten stellen teils die von auffälligen Apparaten und

seltsamem Urväter-Hausrat erfüllten Laboratorien dar, teils tragen sie,

gleich den bekannten ~Teniers~schen, den Charakter von satirischen oder

Genre-Bildern; Belehrung über die Geschichte der alten Alchemie bieten

sie daher nicht mehr.

Sechster Abschnitt.

(Anhang.)

Zur älteren Geschichte der Metalle.

Einleitung.

Die +vorausgehenden+ Abschnitte boten bereits vielfachen Anlaß zur

Erörterung einzelner wichtiger Punkte aus der älteren Geschichte

der Metalle; angesichts des innigen Verbandes, in dem diese mit der

Entwicklung der Alchemie steht, soll sie aber der +vorliegende+

nunmehr noch in zusammenhängendem Umrisse und in etwas erweiterter

Form darstellen. Das Hauptgewicht ist jedoch hierbei auf die

kulturgeschichtlichen und etymologischen Beziehungen gelegt, während

nicht etwa beabsichtigt wurde, aus der Geschichte wohlbekannte

Tatsachen zu wiederholen, oder nach berg- und hüttenmännischer,

chemischer und technologischer Seite hin auf den ungeheuren

Wissensschatz einzugehen, der sich in zahlreichen, ebenso ausführlichen

wie gründlichen Werken hervorragender Sonderforscher niedergelegt

findet.

Was den Ausdruck „Metall“ anbelangt, so sei bemerkt, daß die sämtlichen

älteren Etymologien dieses Wortes jeglichen Wertes entbehren, die

neueren aber ebenfalls noch nicht feststehen oder allgemein anerkannt

sind[5454]. Schon vor fast anderthalb Jahrhunderten brachte ~Gehler~,

jedenfalls auf +noch+ ältere Quellen hin, „Metall“ in Verbindung

mit dem homerischen Zeitworte μεταλλᾶν (metallán) = aufsuchen,

nachforschen[5455]; tatsächlich entsprechen diesem auch im Griechischen

nach ~Schrader~ die Hauptworte μεταλλή (metallé) = Nachforschung und

μέταλλον (métallon) = „Ort der Nachforschung“ in ganz gleicher Weise

wie es innerhalb der lebenden Sprachen z. B. im Russischen der Fall

ist[5456]. In erster Linie bedeutete also Métallon nichts weiter als

eine beliebige Grube, in zweiter dann ein Bergwerk (im Armenischen

noch jetzt Métalk), in dritter ging der Name von dem +Orte+ auf den

+Gegenstand+ der Nachsuchung über, und erst in vierter und spätester

auf jene bestimmte +Art+ des Gegenstandes, die man unter Metall im

heutigen Sinne zu verstehen pflegt[5457]. Wie die Bezeichnungen

vieler edler Metalle und Steine, denen man seit jeher zauberisch

schützende, abwehrende, oder heilende Eigenschaften beilegte, z. B.

χρυσός (Gold), χαλκός (Kupfer), ferner vielleicht σάπφειρος (Sapphir),

ἀμέθυστος (Amethyst) und andere, so entstammte vermutlich auch

μέταλλον einer orientalischen Sprache[5458], anscheinend der eines

kleineren, keiner der führenden Hauptfamilien zugehörigen Volkes.

Im Sinne von Bergwerk begegnen wir μέταλλον erst bei ~Herodot~

(489-425)[5459]; bei ~Aristophanes~ (geb. 444) sind μέταλλα auch

schon die Pachtgelder für Bergwerke[5460]; metallum im Sinne von

Metall scheint, wohl zufälligerweise, erst bei ~Lucretius~ (98-55)

bezeugt zu sein[5461]. ~Strabon~ (66 v. bis 24 n. Chr.)[5462] und auch

~Diodor~ (zur Zeit ~Caesars~)[5463] sprechen von Alaun und Alaungruben

als „Metalla“, und diese Bezeichnung der Grube oder des Gegrabenen

wendet ~Vitruv~ (zur Zeit des ~Augustus~) auch auf Melinum an (eine

weiße oder gelbliche Erdart)[5464], ~Plinius~ (um 75 n. Chr.) u. a.

auf Kreide und Diamant[5465], ~Solinus~ (um 250) in seinen dürftigen

Auszügen aus ~Plinius~ auf Salz (salinarum metalla)[5466], sein

Zeitgenosse ~Heliodor~ auf Smaragden[5467], usf. In späterer Zeit

heißen Metallarii, μεταλλεῖς, erst die mit dem Graben von Gängen und

Stollen beim Bergbau und auch bei Belagerungen Beschäftigten[5468],

und im 4. Jahrhundert sind „Metallarii“ die den Zünften der Bergwerks-

und Steinbruch-Arbeiter Angehörenden. Das Anlegen der Gruben und

die Verarbeitung der Metalle bildete damals, gleich dem Sammeln und

Verwerten des Purpurs, der Herstellung feiner Gewebe (besonders des

Leinens) und dem Betriebe vieler anderer Gewerbe, ein kaiserliches

Vorrecht oder Monopol[5469]; um dessen Ertrag zu sichern, war der

Stand der Metallarii ein zwangsweise erblicher[5470], unterlag

der Aufsicht besonderer Oberbeamten, -- ein „Comes metallorum per

Illyricum“, „Berghauptmann oder Berggraf für Illyrien“, ist für 366

nachgewiesen[5471] --, und hatte eine feste Abgabe, „Canon metallicus“,

zu leisten, die derart eingetrieben wurde, daß der Kaiser z. B.

den privilegierten Goldsuchern oder Goldwäschern (aurileguli) eine

bestimmte Menge ihres Goldes in natura abforderte, während ihm für den

Rest das Vorkaufsrecht zu einem Vorzugspreise zustand[5472].

Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange · 第 105 / 127 题