Die Ausbreitung der am Schlusse des vorigen Abschnittes erwähnten
astrologischen und alchemistischen Gedanken seit 1300 und damit die
ferneren Geschicke der Alchemie während des späteren Mittelalters und
der Neuzeit in eingehender Weise zu schildern, ist an dieser Stelle
nicht beabsichtigt, und zwar aus verschiedenen Gründen.
Zunächst kann von einer Weiterentwicklung, deren Verfolgung
chemisches oder wissenschaftliches Interesse böte, nicht mehr die
Rede sein, vielmehr ist für diese ganze Periode in noch höherem
Maße als für die ihr vorausgehende festzustellen, daß die Autoren
so gut wie ausschließlich nur die nämlichen, längst bekannten, der
hellenistischen Zeit entstammenden Ideen und Theorien immer wieder
aufs neue vorbringen, ausdeuten, umdeuten, erklären und kommentieren;
begreiflicherweise wird hierbei das Verständnis allmählich immer
unzureichender und die Sachkenntnis immer geringer, dagegen die
Verwässerung des Inhaltes immer ausgiebiger und die Dunkelheit des
Ausdruckes immer größer. Auf wenigen Gebieten bewähren sich wie auf
diesem die ~Goethe~schen Worte vom „Kochen breiter Bettelsuppen“
und vom „getretenen Quark, der breit wird, nicht stark“. Manche
Schriften machen sogar, wie schon ~Kopp~ treffend hervorhob,
geradezu parodistischen Eindruck und würden dazu auffordern, sie als
Träger eines ganz anderen, der scheinbar behandelten Sache völlig
fernliegenden Sinnes anzusehen, soferne ein solcher ihnen nur überhaupt
irgendwie zu entnehmen wäre.
Sodann erfreuen sich sowohl die Geschichte der eigentlichen Alchemie
und ihrer immer bedeutsamer hervortretenden führenden Persönlichkeiten,
der Schwärmer und Schwindler, als auch die ihres kulturhistorischen
Zusammenhanges mit den verschiedenen Formen des Aberglaubens und
Sektenwesens, mit dem Treiben der Rosenkreuzer und Illuminaten
usf., für dieses Zeitalter (namentlich für die zweite Hälfte
seines Verlaufes) bereits eingehender, nach mancher Richtung sogar
erschöpfender Darstellung[5281]. Außer auf die schon oft genannten
Hauptschriften ~Chevreuls~[5282], ~Hoefers~ und ~Kopps~, vor allem
dessen „Alchemie in älterer und neuerer Zeit“[5283], ist der Belehrung
Suchende hauptsächlich auf nachstehende Werke zu verweisen, die teils
den Wortlaut der frühmittelalterlichen, echten und gefälschten Quellen
wiedergeben, teils die Art und Weise ersehen lassen, in der diese
zunächst die Schriftsteller der Folgezeit beeinflußten, und sodann bis
in die neuere, ja neueste Zeit hinein nach den mannigfaltigsten Seiten
hin weiter fortwirkten:
~Perna~, „Artis, quam Chemiam vocant, antiquissimi auctores“ = „Älteste
Autoren der Chemie genannten Kunst“ (Basel 1572).
~Zetzner~, „Theatrum chemicum“ = „Chemischer Schauplatz“ (Straßburg
1613-1622; 2. Aufl. 1659): die umfangreichste Sammlung, 6 enggedruckte
Bände, im ganzen etwa 5000 Seiten umfassend.
~Manget~, „Bibliotheca chemica curiosa“ = „Bibliothek chemischer
Merkwürdigkeiten“ (Genf 1702).
~Lenglet du Fresnoy~, „Histoire de la philosophie hermétique“ (Paris
1742).
——————————
~Del Rio~, „Disquisitiones magicae“ = „Untersuchungen über Magie“
(Venedig 1599 und 1652).
~Borrichius~, „De ortu et progressu Chemiae“ = „Über Ursprung und
Entwicklung der Chemie“ (Kopenhagen 1668); „Hermetis, Aegyptiorum, et
Chemicorum sapientia“ = „Weisheit des Hermes, der Ägypter, und der
Chemiker“ (ebd. 1674); „Conspectus scriptorum chemicorum illustriorum“
= „Übersicht der Werke berühmter Chemiker“ (ebd. 1696).
~Conring~, „De hermetica medicina“ = „Über die hermetische Medizin“
(Helmstaedt 1648 und 1669).
——————————
~Welling~, „Opus mago-cabbalisticum et theosophicum“ = „Über Magie,
Kabbala und Theosophie“ (Frankfurt 1760)[5284].
~Wiegleb~, „Historisch-kritische Untersuchung der Alchemie“ (Weimar
1777): ein kritisches Hauptwerk.
~Schmieder~, „Geschichte der Alchemie“ (Halle 1832).
~Migne~, „Dictionnaire des sciences occultes“ (Paris 1848): Enthält,
außer „Alchemie“ (2, 308), noch zahlreiche einschlägige Artikel des
gelehrten, aber fanatisch-ultramontanen Verfassers.
~Graesse~, „Bibliotheca magica et pneumatica“ (Leipzig 1843).
~Figuier~, „L’alchimie et les alchimistes“ (Paris 1854).
~Schindler~, „Der Aberglaube des Mittelalters“ (Breslau 1858).
~Meyer~, „Der Aberglaube des Mittelalters“ (Basel 1884), 41.
~Jacob~, „Curiosités des sciences occultes“ (Paris 1885); besonders 1,
3-155.
~Poisson~, „Théories et symboles des Alchimistes“ (Paris 1891).
~Lehmann~, „Aberglaube und Zauberei“ (Stuttgart 1898), 140, 190.
~Steinschneider~, „Der Aberglaube“ (Hamburg 1900).
~Seligmann~, „Der böse Blick“ (Berlin 1910).
~Jennings~, „Die Rosenkreuzer“ (Berlin 1912), 197: sehr reichhaltiges
Material, leider in ganz unkritischer und unübersichtlicher Fassung.
~Silberer~, „Probleme der Mystik und ihrer Symbolik“ (Wien und Leipzig
1914): mißt, unter vorwiegender Berücksichtigung der ~Freud~schen
„Psychoanalyse“, in absonderlich-einseitiger, jedoch gerade hierdurch
auch wieder lehrreicher Weise, erotischen Problemen eine übertriebene
Bedeutung bei.
——————————
Endlich stehen zwar, dank den angeführten und vielen anderen Schriften,
Richtung und Verlauf der +Gesamt+entwicklung im allgemeinen genügend
fest, was dagegen den +besonderen+ Anteil der einzelnen Zeiten und
Länder (namentlich betreffs der ersten Anfänge) anbelangt, so fehlt es
immer noch, und meist gerade bezüglich der entscheidenden Fragen, an
ausreichenden Vorarbeiten; diese zum Ziele zu führen, oder auch nur
mit Aussicht auf einen wesentlichen Fortschritt in die Wege zu leiten,
übersteigt aber bei weitem die Kräfte eines einzelnen.
Die nachstehenden Zeilen erheben daher nicht den Anspruch, ein irgend
vollständiges Bild zu bieten, sie sollen vielmehr nur einiges hellere
Licht auf wenige Punkte geschichtlichen Interesses werfen, die bisher
entweder keine, oder doch keine entsprechende Beachtung fanden.
Vorausgeschickt sei die Bemerkung, daß die Kirche gegenüber Alchemie
und Astrologie keineswegs stets eine unbedingt ablehnende Haltung
einnahm. Der letzteren gegenüber fand sie häufig die Zusicherung für
ausreichend, daß die Sterne nicht bewirken, sondern nur anzeigen,
während sie sich bezüglich der ersteren (wenigstens zeitweilig) mit
dem Hinweise beschwichtigen ließ, daß schon die hl. Schrift „die
das Feuer vertragenden sechs Metalle, Gold, Silber, Kupfer, Eisen,
Blei, Zinn, ganz nach gehöriger Ordnung“ im 4. Buche ~Mosis~, sowie
Silber, Erz (Kupfer), Eisen, Blei, Zinn, „die man im Schmelzofen
schmilzt“, auch bei ~Ezechiel~ aufzähle[5285], im übrigen aber nichts
enthalte, was +gegen+ die Möglichkeit einer Metallverwandlung spräche;
+zugunsten+ einer solchen wurde übrigens, neben einigen noch weniger
deutlichen Stellen, der evangelische Satz angeführt: „~Jesus~ autem
transiens per medium illorum ibat“ („Jesus aber ging hinweg, ihre Mitte
durchquerend“), „denn ungesehen und geheimnisvoll wie ~Jesus~ durch die
Mitte der Pharisäer schritt, wird in der Mitte der Unwissenden auch das
Gold hervorgebracht“[5286].
——————————
In +Spanien+, dessen einheimische Litteratur sich erst nach
Zurückdrängung der Araber, etwa von 1150 an, kräftiger zu entwickeln
begann, scheint die Alchemie, vermutlich gerade infolge der engen
Berührungen mit arabischen Kreisen, ziemlich frühzeitig in ihrer
Nichtigkeit erkannt und als ausgesprochen heidnische und unchristliche
Wissenschaft angesehen worden zu sein, im Gegensatze zur Astrologie,
die unter den bekannten Einschränkungen meist als zulässige und
zuverlässige Kunst galt. Schon ~Alfons~ X. von Castilien, wegen
seiner umfassenden Bildung und seiner Bemühung um Förderung geistiger
Bestrebungen aller Art „der Weise“ (richtiger: der Gelehrte) genannt,
der 1252 zur Regierung gelangte, glaubte zwar an die Astrologie und
schützte deren Ausübung in den 1265 von ihm erlassenen Gesetzen,
verbot jedoch in diesen an zwei Stellen ausdrücklich die Alchemie
als etwas Unmögliches und Unausführbares[5287]; hiermit stimmt es
überein, daß eine 1272 verfaßte Abhandlung „Tesoro“ (= der Schatz),
die teils in Prosa, teils in achtzeiligen Stanzen (den ältesten der
spanischen Litteratur) den Stein der Weisen behandelt, -- jedoch der
noch unentzifferten Geheimschrift halber vielfach unverständlich ist
--, nicht von ~Alfons~ X. herrührt, wie man früher glaubte, sondern
von einem anderen, vorerst nicht sicher ermittelten Autor[5288]. Auch
ein Neffe dieses Königs, der Prinz ~Don Juan Manuel~ (1282-1347), von
dessen gerühmten Schriften allein die „Graf Lucanor“ betitelte erhalten
blieb, eine Sammlung von Anekdoten, Geschichten und Gleichnissen
zumeist morgenländischer Herkunft[5289], macht sich im 8. Kapitel
über die Alchemie lustig, über die Leute, die vorgeben sie auszuüben
(facer alqimia)[5290], sowie über die Fürsten, die an sie glauben und
dabei abgefeimten Betrügern zum Opfer werden; die sehr unterhaltende
Erzählung, die er als Beispiel vorbringt, entstammt ebenfalls einer
orientalischen Quelle[5291]. Der Dichter ~Villena~ (1384-1434), der
sich außer mit Geschichte, Philosophie und Astrologie auch noch mit
Alchemie befaßt haben soll, galt dieserhalb für einen Zauberer[5292],
und mit einem solchen zu verkehren und seine Werke zu besitzen oder
auch nur im Munde zu führen, war bedenklich, ja selbst gefahrbringend.
Mit derlei Anschauungen ist es vielleicht auch in Verbindung zu
bringen, daß z. B. in der umfassenden Sammlung „Altspanischer
Sprichwörter“[5293] keine auf Alchemie bezüglichen vorkommen, und daß
auch in der schönen Litteratur, die sich seit dem 15. Jahrhundert
so herrlich und überreich entfaltet, einschlägige Anspielungen ganz
auffällig selten zutage treten, während astrologische aller Art sehr
häufig sind.
So z. B. eröffnet ~Gil Vincente~ (1470-1532?) eines seiner „Auto“
genannten geistlichen Festspiele mit dem Auftreten des ~Merkur~
als Planeten, der in eingehender Rede die Konstruktion des ganzen
Weltsystems vorträgt[5294]; bei ~Encina~ (1468-1534) hilft ~Merkur~
sogar einen Toten auferwecken, was bei der Geistlichkeit großen
Anstoß erregte[5295]; bei dem etwas späteren ~Carajaval~ äußern
sich u. a. ~Heraklit~ und ~Demokritos~ über die Himmel und ihre
Sphären[5296]; bei ~Yanguas~ endlich führt die Himmelfahrt der hl.
~Maria~ diese durch alle sieben Sphären, deren Götter sie willkommen
heißen, bis auf ~Venus~, die sich aus Scham verborgen hält[5297].
Von ~Lope de Vega~ (1560-1635) wird berichtet, daß er sich in seiner
Jugend den Geheimwissenschaften und „dem Labyrinth des ~Raymund
Lull~“ ergab[5298], doch der Alchemie gedenkt er nur selten und dann
in abweisendem Tone[5299], ganz so wie sein Zeitgenosse ~Bernardo~
(1568-1627) in den „Epischen Fragmenten“[5300]. Schon diesen Dichtern
gilt alles, was in Beziehung zur Magie steht, an deren Wirklichkeit
keiner von ihnen im geringsten zweifelt, für „arabisch“, rein heidnisch
und durchaus verwerflich[5301]; in ganz dem nämlichen Sinne spricht
auch ~Poyo~, dessen Stücke um 1600 erschienen, von Horoskopie,
Zeichendeuterei und Zauberei[5302]; ~Amesuna~ (1578-1635?) läßt die
Planeten-Dämonen ihre Sphären und deren Zubehör an Gold, Silber,
Edelsteinen usf. regieren und „Nigromancia“ lehren[5303]; ~Alarcon~
wieder (1580-1617) erwähnt in dem berühmten Schauspiele „Die Höhle
von Salamanca“ den allgemeinen Glauben an die Magie, an ihre Kräfte
(die richtig zu gebrauchen man „studiert“) und an die ungeheure Macht
der arabischen Zauberer, besonders der afrikanischen[5304]. Bei
~Calderon~ (1601-1681) versteht und lehrt im „Wundertätigen Magier“
(Magico prodigioso) ein gefallener Engel, der die Gestalt eines Dämons
angenommen hat, Magie und Zauberei, die Künste der Magier des Orients
gelten auch hier als die hervorragendsten, und am Schlusse erscheint
der böse Geist auf seinem Zaubertiere, der Schlange, reitend[5305].
Das Horoskopstellen spielt eine Hauptrolle in dem reizenden Lustspiele
„El Astrologo fingido“ (Der falsche Astrolog)[5306], das alsbald von
italienischen und französischen Autoren nachgebildet wurde, u. a.
auch von ~Corneille~, und auf dessen Arbeit hin noch in zweiter
Verdünnung von englischen (~Dryden~)[5307]. In den 18 Bänden der
„Fronleichnams-Festspiele“ (Autos) begegnet man sehr zahlreichen
allegorischen Figuren, -- von denen übrigens bei gleichem Anlasse schon
~Gil Vincente~ Gebrauch machte[5308] --, u. a. den 4 Elementen[5309],
den 4 Weltaltern[5310], den 7 Wochentagen, die eine Himmelskugel
mit den Tierkreisbildern und Planeten geleiten[5311], sowie dem
~Merkur~, der „alles Wissens Meister“, zugleich aber als Cherub mit
dem feurigen Schwerte auch Paradieses-Hüter ist[5312]; ferner findet
wiederholt die Astrologie Erwähnung, bald als etwas Erlaubtes[5313],
bald als etwas Teuflisches und Verwerfliches[5314]; nirgends ist
jedoch von Alchemie die Rede, auch nicht in dem Auto „Der verborgene
Schatz“[5315], das hierzu reichlichen Anlaß böte. -- Erst in der Zeit
des Verfalles der Litteratur, die etwa mit 1675 einsetzt, treten
Alchemie, Magie und Zauberei wieder mehr in den Vordergrund, und zwar
auf dem Theater vornehmlich mit Rücksicht auf Effekthaschereien und
Dekorationskünste[5316]; aufgeklärtere Geister standen indessen auch
damals dieser Vorliebe nur als Satyriker gegenüber, wie z. B. das
ausführliche Spottgedicht über die Alchemie in ~Solorzanas~ Novelle „La
garduna de Sevilla“ (um 1680) beweist[5317].
In +Frankreich+ waren Astrologie und Alchemie schon im 12. Jahrhundert
vielfach und im 13. sehr allgemein verbreitet, nicht nur in den
provençalischen Landesteilen, -- deren Litteratur zahlreiche
einschlägige Anspielungen enthält und auch allerlei Übersetzungen,
sowie einige anscheinend von einheimischen Verfassern herrührende,
jedoch ganz unselbständige Werke hervorbrachte[5318] --, sondern
auch im Norden, wie dies schon die oben angeführte Äußerung des
~Albertus Magnus~ (1193 bis 1280) über die Pariser Fälscher bezeugt.
~Langlois~ bringt hierfür in dem bereits erwähnten, trefflichen Buche
„La connaissance de la nature et du monde au moyen-âge“ eine Anzahl
Belege bei: ~Bartholomaeus Anglicus~ (der für einen Zögling der Schule
von Montpellier gilt) hält in seinem gegen 1240 verfaßten Werke „De
proprietatibus rerum“, einer der wichtigsten, vielgelesensten und
maßgebendsten Kompilationen des gesamten Mittelalters, die Existenz
der Alchemie für etwas ganz Selbstverständliches und zweifelt nicht
daran, daß z. B. die Wärme aus Erde und gewissen Zutaten ganz ebenso
das Silber und Gold hervorzubringen vermöge, wie aus Kieselsand und
Asche das Glas[5319]; der Bearbeiter des Buches „~Sidrach~“ (um 1250)
schildert die „Salbe der Philosophen“ als eine allgemeine Panacee, die
„die Aussätzigen heilt“, die Kranken gesund, die Männer unverwundbar,
die Frauen fruchtbar macht, und während der ersten acht Tage des
April[5320] durch die Philosophen und Astrologen der in Großindien
gelegenen Stadt Stramon hergestellt wird, und zwar aus 372 [= 365 + 7]
Kräutern und dem Blute des weißen indischen Drachen[5321]; nach dem
Verfasser der Erzählung „~Placidus~ und ~Timeo~“ (gegen 1300) stehen
die Metalle in engster Verbindung mit den die Geschicke lenkenden
Planeten, und diese sind nach gewissen Helden benannt, z. B. nach
~Jupiter~ und ~Merkur~, die die Griechen zu Göttern erhoben und als
Herren der Gestirne ansahen[5322], usf.
Frühzeitig fanden alchemistische Ideen auch Eingang in die poetische
Litteratur, und dies läßt ersehen, wie sehr der allgemeine Zeitgeist
sich bereits mit ihnen befreundet hatte und wie vertraut sie, bis
zu gewissem Grade, auch jener großen Menge geworden waren, die den
Leser- und Hörerkreis volkstümlicher Dichtungen bildete[5323]. Eines
der lehrreichsten zugehörigen Beispiele enthält der altfranzösische,
fast 24000 Verse umfassende „Roman de la rose“, der um 1237 von
~Guillaume de Loris~ begonnen und um 1277 von ~Jean Clopinel~ (genannt
~de Meung~) vollendet wurde und fast fünf Jahrhunderte lang eines
der volkstümlichsten, verbreitetesten und einflußreichsten Bücher
der französischen Litteratur blieb, -- dank dem novellistischen
Interesse seiner Fabel, der beispiellos kühnen Satire auf weltliche
und geistliche Macht und dem Reize dunkler naturgeschichtlicher
Anspielungen. Zu den letzteren zählt auch eine alchemistische Stelle,
in der der Verfasser schildert, wie die Natur immer und überall
der Kunst überlegen bleibe, worauf er im Hinblicke auf letztere
fortfährt[5324]:
„Und brächt’ Alchemie ihr auch bei, die Metalle
Mit farbigem Glanz zu tingieren alle,
Sie könnte, und sollt’s um ihr Leben sich handeln,
Doch Art nie wirklich in Art verwandeln, --
Sie müßte denn erst einen Weg ersinnen,
Die ‚materia prima‘ zurückzugewinnen:
Daß sie ihr Lebtag dessen Spur
Nicht findet, dafür sorgt Natur.
Mag sie nun noch so mühsam streben,
Den Stoffen die Urform zurückzugeben,
Fruchtlos bleibt sie des Werks beflissen,
Denn ihr Fehler ist: nicht zu wissen,
Wie ihr das Elixir gelänge,
Dem die richtige ‚Form‘ entspränge,
Die, mit ‚Materie‘ im Verbande,
Die einzelnen Stoffe bringt zustande, --
Dies Elixir, das erscheinen muß,
Bringt einer die Sache recht zum Schluß.
Dennoch aber, und mit Vergunst,
Ist Alchemie eine wahre Kunst;
Wunderbare Dinge fände,
Wer sie nur so recht verstände.
Würd’ +der+ sich an die Substanzen machen
Mit Hilfe der seltsamen Siebensachen,
Die zu sotanem Werke nötig:
+Der+ fänd’ sie zu jeglicher Wandlung erbötig.
Er ändert ihre Komplexion
Durch diese und jene Digestion,
Und wenn die Verwandlung gelungen ganz,
So hat er eine +neue+ Substanz,
Und die +alte+ ging auf in Dunst.
So wissen die Meister der Glasmacherkunst
Aus den Pflanzen vom Strand am Meer[5325]
Asche und Glas zu stellen her
Kraft einer Läuterung sanft und milde;
Und doch ist die Pflanze kein Glasgebilde,
Und auch das Glas kein Gewächs im Meer!
Dann, -- wenn der Blitz und der Donner schwer
In den Boden schlägt: da wird sich Dir zeigen,
Wie den Gesteinen Dämpfe entsteigen,
Die sonst niemals aus Felsen brechen.
Bist Du nun Kenner, dann magst Du sprechen
Und die Ursache machen kund,
Die solcher Wandlung liegt zu Grund,
Völlig die Stoffe umgestaltet,
Völlig neu an ihnen entfaltet
(Sei es durch Zwang, sei’s durch Natur)
Fremdes Wesen und fremde Figur.
Wer gründlich erfaßt diese Wege alle,
Verwandelt leicht auch die Metalle.
Er weiß von Beimischung sie zu befreien
Und ihnen die rechte Form zu verleihen,
Er macht sie die Nachbarstufen durchschreiten,
Die eine zur andren hinüberleiten,
Bis +so+ das Werk er fertig bringt,
Wie der Natur es selbst gelingt:
Denn, wie in weisen Büchern zu lesen,
Laßt diese der Metalle Wesen
Aus Schwefel und Quecksilber sich gestalten
Durch mancherlei Kraft in der Erde Spalten.
Wer nun die Geister
Zu nützen wüßt’ als Meister,
Wer ihre Kraft könnt’ zwingen
Ins Innre der Stoffe zu dringen
Und, ohne wieder zu verfliegen,
Im reinen Stoffe festzuliegen,
(Denn +rein+ muß der Schwefel sein wie billig,
Zu weißer und roter Tingierung willig), --
+Der+ wäre Fronherr der Metalle,
Und wandelte nach Wunsch sie alle.
Der, dem die Alchemie ist hold,
Gewinnt gar leicht aus Quecksilber Gold,
Und verleiht ihm den Glanz und der Schwere Kraft
Durch Zutaten, die er sich billig verschafft.
Aus Gold auch macht er sich Edelsteine
Herrlich leuchtend in lautrem Scheine
Und aus gemeiner Metalle Substanz
Zeugt er Silber von hellem Glanz
Durch kräftig bleichende Medizinen,
Die die Form zu veredeln dienen.
Doch nichts von all dergleichen Dingen
Wird dem Sophisten[5326] je gelingen:
Der mühet sich, Zeit seines Lebens,
Natur zu meistern ganz vergebens.“
Wie eindrucksvoll diese in geschickter und leicht faßlicher Weise
vorgebrachten Lehren für die Dauer blieben, bezeugt die Tatsache,
daß noch ~Palissy~ (1510-1590?), der hervorragende Technologe und
Vorkämpfer der induktiven Methode, neben den Werken des ~Geber~ und
des ~Arnold~ von ~Villanova~ den „Roman de la Rose“ als wichtigste der
von den Vorfahren hinterlassenen Schriften bezeichnet[5327]. Er selbst
verwirft übrigens wie die Astrologie[5328] so auch die Alchemie[5329],
deren Theorien und Methoden durchaus unsinnig und betrügerisch
sind[5330]; freilich versichern so manche der zahlreichen Alchemisten
und Ärzte Frankreichs, an den künstlichen Edelmetallen, sowie an ihrem
die größten Wunderkuren verrichtenden „trinkbaren Golde“ viel Geld zu
verdienen; aber bis sein Wunsch in Erfüllung gehe, deren Verfahren
selbst ausüben zu lernen, ziehe er vor, stillzuschweigen und jenen die
Beweise für ihre Behauptungen zu überlassen[5331]. Diesen gemäß müßte
übrigens das Gold, um in Lösung gehen zu können, in Schwefel und das
giftige Quecksilber zerfallen, aus denen es, gleich sämtlichen anderen
Metallen, nach den Lehren aller „Philosophen“ bestehen und entstehen
soll, -- woran nur insofern etwas Richtiges sein mag, als diese Stoffe
vielleicht irgendwie bei der Abscheidung der Metalle und Erze im Innern
der Erde mitwirken, dann aber gleich unbrauchbaren Schlacken wieder
abgeschieden werden[5332].
Für ~Palissys~ großen Zeitgenossen ~Rabelais~ (1483-1555) sind
Astrologen und Alchemisten ein unerschöpflicher Gegenstand beißenden
Witzes, und in unnachahmlicher Weise trifft die Lauge seines Hohnes
bald ihre Voraussetzungen und Deutungen, bald die Erzeugnisse ihrer
„Künste“, -- zu denen auch die von Hühnern blank verdauten Perlen
gehören[5333] --, bald die „chaldäischen“ Wirkungen, ausgeübt von
den 7 planetarischen Metallen und Steinen, in Form von Ringen, von
Weinkrügen, von Statuen, die in einem verborgenen Zaubertempel
aufgestellt sind, usf.[5334]. -- Mit gleich scharfem Spotte äußert
sich ~Periers~ in den geistvollen Satiren seines „Cymbalum mundi“ (=
„Weltglocke“; 1537) und der „Nouvelles récréations“ (1558)[5335]:
die Alchemisten sind und bleiben Schwindler und Betrüger, groß im
Versprechen, klein im Halten, verheißen den Gläubigen die Geheimnisse
des Königs ~Salomon~ und der Prophetin ~Maria~, speisen sie aber mit
Redensarten ab, stellen ihnen den Stein der Weisen in Aussicht,
liefern jedoch statt dessen Sand, lassen die Getäuschten rechtzeitig
im Stiche, suchen neue Anhänger, finden sie auch, und werden hierin
fortfahren, so lange sie solche finden.
Zu sehr weit zurückliegender Zeit faßte die Alchemie in +Italien+
Boden, woselbst (wie oben erwähnt) nachweislich auch zahlreiche
Geistliche des 12. und 13., und vermutlich bereits solche des
11. Jahrhunderts, sie auf das Eifrigste betrieben; damit, daß
„Italien diese Krankheit so sehr früh durchmachte“, steht es nach
~Burckhardt~[5336] im Zusammenhange, daß es sie auch als erstes aller
Länder glücklich überstand, nämlich „dem Wesentlichen nach schon im
Verlaufe des 14. Jahrhunderts“, um dessen Mitte die große Kunst in den
Augen der Einsichtigen „bereits allen ihren Reiz eingebüßt hatte“ und
zum bloßen Werkzeuge der Übervorteilung und des Betruges herabgesunken
war. Demgemäß versetzt ~Dante~ schon in der um 1300 vollendeten
„Hölle“ den Alchemisten, der auf verbotenen Wegen (vielleicht auch
im Bunde mit bösen Geistern) als „Affe der Natur“ die echten Metalle
nachzuahmen suchte, in die tiefste, dem Höllenfeuer zunächst liegende
der zehn „Bolgen“[5337]; desgleichen spricht ~Petrarca~ (1304-1374) in
seiner 1366 verfaßten Abhandlung „De remediis utriusque fortunae“ mit
schärfstem Hohn und denkbar größter Verachtung und Erbitterung über das
Treiben der Alchemisten, und wählt als Motto des betreffenden Dialoges
das Distichon:
„Alchemistischer Trug, der Vielen ein Gipfel der Kunst scheint,
Haß nur erweckt er dem Mann, der die Betörten verlockt[5338].“
Auch der Münzfälschung gelten die Goldmacher wenn nicht für überwiesen
so doch für verdächtig, und derlei Vorfälle scheinen Anlaß zu der
diesen öffentlichen Schaden ausdrücklich erwähnenden Bulle Papst
~Johannes~ XXII. (1316-1334) gegeben zu haben, die jede Ausübung
der Alchemie grundsätzlich verbot[5339]; eine Wirkung erzielte sie
natürlich nicht, es sei denn die, daß man den Papst selbst als geheimen
Alchemisten hinzustellen versuchte, der aber bei seinen Bemühungen vom
Glück nicht begünstigt gewesen sei[5340].
Zur Zeit der Renaissance, während derer die italienischen (aber auch
andere) „Meister“ in den nordischen Ländern und an deren Fürstenhöfen
die lohnendsten Erfolge einheimsten und zu niegesehenem Einflusse
gelangten, spielte die Alchemie in Italien selbst nur mehr eine
ganz untergeordnete Rolle, so daß z. B. der „Große Rat“ zu Venedig
die fernere Ausübung dieser Betrügerei schon 1488 ein für allemal
untersagte[5341], und am päpstlichen Hofe die wenigen, die ihr noch
anhingen, für „ingenia curiosa“, (= nicht recht gescheit) galten[5342].
Als daher 1514 der „große“ ~Aurelio Augurelli~ (1441-1524) dem Papste
~Leo~ X. seine poetische Darstellung und Verherrlichung der Alchemie
überreichte[5343], in der er u. a. den kühnen, schon dem ~Raymund
Lull~ zugeschriebenen Satz erneuerte: „Das Meer würde ich in Gold
verwandeln, bestünde es aus Quecksilber“, ließ ihm jener aufgeklärte
Fürst als Gegengeschenk einen leeren Beutel verabfolgen und tröstete
den Betroffenen mit den Worten: „Wer selbst Gold zu machen versteht,
bedarf nur einer Börse, um es aufzubewahren.“
~Lionardo da Vinci~ (1452-1519), der mit erstaunlichen
naturwissenschaftlichen Kenntnissen und Erkenntnissen allgemeinen
Charakters auch weitgehende besondere Erfahrungen über chemische
Operationen mannigfaltiger Art verband[5344], war ein abgesagter
Feind „der lügnerischen und verderblichen Kunst der Alchemie und
ihrer fälschenden und betrügenden Anhänger“, bestritt, daß Schwefel
und Quecksilber Bestandteile der Metalle seien, und erklärte die
künstliche Darstellung des Goldes für ebenso unmöglich wie die
Quadratur des Kreises oder die Erfindung des Perpetuum mobile[5345].
Ähnliche Ansichten äußert auch sein Zeitgenosse, der hervorragende
Technologe ~Biringucci~ (1480-1539?), -- der feststellt[5346], daß
noch kein Alchemist jemals die Wahrheit seiner Versicherungen auch
nur im geringsten Punkte nachgewiesen habe, daß er selbst an derlei
Möglichkeiten nicht glaube und nichts über sie wisse, und daß die
Metalle weder Schwefel noch Quecksilber enthielten[5347] --, sowie der
etwas spätere ~Garzoni~, der Verfasser des enzyklopädischen Werkes
„Piazza universale“ (1585); nach Wiedergabe der alchemistischen
Verheißungen ruft er dem Leser ein „Hüte Dich!“ zu[5348] und empfiehlt
dem nach Silber und Gold Begehrenden, sich lieber in irgend ein Münzamt
zu begeben, woselbst er die beste „Alchemie“ vorfinden werde, nämlich
die wahre Kunst des Goldmachens[5349].
In ~England~ war die Alchemie im 13. und 14. Jahrhundert nicht minder
verbreitet als in Frankreich; während der andauernden Kämpfe zwischen
diesen beiden Ländern, die die englischen Finanzen wiederholt in
die mißlichste Lage brachten, scheint sie in nahe Beziehungen zur
Münzfälschung getreten zu sein, die von englischer Seite zeitweise
geradezu von Staats wegen gefördert wurde, angeblich auch, um
den feindlichen Wohlstand durch das in Umlauf gesetzte Truggold
zu schädigen. Jene äußerst anrüchige Verbindung, die zu mehrmals
wiederholten strengen Verboten führte, u. a. durch ~Carl~ V. (1380)
für Frankreich und ~Heinrich~ VI. (1404) für England[5350], erklärt
wohl die Tatsache, daß die Alchemie in England verhältnismäßig
frühzeitig in so völligen Verruf kam, wie ihn das 4. Buch der
„Confessio amantis“ des Dichters ~Gower~ (vollendet 1390)[5351] und
in noch höherem Grade die „Canterbury-Tales“ seines Zeitgenossen
~Chaucer~ (verfaßt 1391?) ersehen lassen: die ganze ausführliche
„Erzählung des Canonicus“[5352] ist eine einzige schonungslose Satire
auf das unverschämte Auftreten, die frechen Vorspiegelungen und die
gemeinen Betrügereien der Alchemisten, dieser würdigen Klienten ihrer
Schutzpatrone, des ~Platon~, ~Hermes~ und ~Arnold~ von ~Villanova~. --
Auf die Dauer hielt diese Erkenntnis überlegener Geister freilich auch
hier nicht vor, und im 15. und 16. Jahrhundert zeigt sich die gerade
in England besonders konservative Denkweise der großen Menge wieder
völlig durchsetzt von alchemistischen und astrologischen Vorstellungen
und Gedanken. Daß solche jedermann verständlich waren und selbst dem
gewöhnlichen Theaterbesucher durchaus vertraut klangen, beweisen
die sehr mannigfaltigen Anspielungen auf dramatischem Gebiete: so
z. B. erhalten in „Maria Magdalena“, einem der seit 1450 besonders
zahlreichen und beliebten „Moralitäten- und Mysterien-Spiele“, die
ausziehenden 7 „Fürsten der Hölle“ (= 7 Todsünden) als Geschenke der
Planeten deren 7 Metalle, von der Sonne das Gold, vom Monde das Silber,
vom Mars das Eisen, vom Merkur das Quecksilber, von der Venus das
Kupfer, vom Jupiter das Zinn, vom Saturn das Blei[5353]; die zwischen
1590 und 1612 auf der Bühne erschienenen Werke ~Shakespeares~ wimmeln
von alchemistischen und astrologischen Hinweisungen[5354]; sehr häufig
finden sich solche auch in den Stücken seiner Zeitgenossen, u. a. des
~Lilly~ (1554-1602), z. B. in der „Gallathea“[5355], sowie in „The
woman in the moon“, worin „Natur“ eine Hirtin ~Pandora~ erschafft und
mit allen möglichen Gaben ziert, „geraubt den Göttern der 7 Planeten“,
die dann zur Rache „aufgehen“ und ~Pandora~ auch aller ihrer bösen
Eigenschaften teilhaftig machen, bis sie zuletzt unter dem Einflusse
der Luna „lunatic“ (wahnsinnig) wird[5356]; ~Ben Jonsons~ Lustspiel
„Der Alchemist“ (1610) setzt sogar eine völlig ins einzelne gehende
Kenntnis des alchemistischen Schwindels, mindestens aber ein sehr
lebhaftes Interesse für ihn voraus[5357].
Auch in einem bald nach 1500 verfaßten erzählenden Gedichte des
~Hawes~, Hofpoëten König ~Heinrich~ VII., besiegt ein die „Seele“
verkörpernder Ritter das „Ungeheuer der 7 Metalle“, dessen Glieder eine
Zauberin unter dem Einflusse der gerade regierenden Planeten schuf,
-- das Haupt aus Gold, den Nacken aus Silber, die Brust aus Eisen,
die Vorderfüße aus Messing [Mischmetall?], den Rücken aus Kupfer, die
Hinterfüße aus Zinn, den Schweif aus Blei[5358] --, und noch in den um
ein Jahrhundert jüngeren Erzählungen des ~Barclay~, „Euphormio“ (1603)
und „Argenis“ (1621), diesen (in lateinischer Sprache geschriebenen)
Moderomanen der Zeit, die ihren Weg sofort durch alle Länder Europas
nahmen, spielen Alchemie und Astrologie eine ausführliche, sichtlich
den Bedürfnissen des Leserkreises angepaßte Rolle[5359].
In wissenschaftlicher Hinsicht sei daran erinnert, daß ~Bacon~ von
~Verulam~ (1551-1626) zwar die eigentliche Alchemie verwirft, dagegen
auf Grund seiner eigenen Theorien vom Wesen der Materie die Umwandlung
der unedlen Metalle in edle, sowie die künstliche Darstellung des
Goldes für sehr wohl möglich erklärt; er gibt hierzu sogar eine
ausführliche Anweisung, die darauf hinausläuft, die einzelnen, seiner
Ansicht nach selbständig bestehenden „Formen“ des Goldes, also die
gelbe Farbe, den Glanz, die Dehnbarkeit und Hämmerbarkeit, das hohe
spezifische Gewicht usf., zu vereinigen, um so eine Art Synthese des
Goldes zu bewerkstelligen[5360]. -- Während der folgenden Jahrhunderte
traten in England noch eine ganze Reihe einflußreicher Alchemisten auf,
deren Schriften in ~Ashmoles~ „Theatrum chemicum Britannicum“[5361] und
zum Teil auch in den „Collectanea chemica“ abgedruckt sind[5362]. Kaum
glaublich erscheint es, daß noch 1702 ~Dickinson~ großes Aufsehen mit
der Behauptung erregen konnte, der Mensch enthalte infolge astraler
Einflüsse wahres Quecksilber im Blute und wahre Metalle in Fleisch,
Eingeweiden und Exkrementen, so daß man aus seinem Körper Gold, die
Universaltinktur, sowie den Stein der Weisen auszuziehen vermöge[5363];
aber sogar noch 1779 kaufte das Parlament einer alten Jungfer namens
~Jane Stephens~ ihr Verfahren zur Herstellung des Steines der Weisen
für 5000 Pfund ab, „um es zum allgemeinen Nutzen öffentlich bekannt
zu machen“, -- „jedoch (so sagt ~Wiegleb~ sehr hübsch)[5364], wie
gewöhnlich, bekannt gemachte Geheimnisse verlieren ihren Wert!“
Für +Deutschland+ zählen die oben angeführten Berichte bei ~Adam~
von ~Bremen~ (gest. 1076) über das Erscheinen eines byzantinischen
Alchemisten namens ~Paulus~ am Hofe des Erzbischofs ~Adalbert~ von
~Bremen~[5365], -- er behauptete, Kupfer in Gold verwandeln zu können
--, sowie des ~Albertus Magnus~ über die Tätigkeit der Kölner Fälscher
jedenfalls zu den ältesten Erwähnungen der Alchemie. Irrtümlich ist
die Behauptung, daß ihrer auch der sprachgewaltige Kanzelredner Bruder
~Berthold~ von ~Regensburg~ (gest. 1272) gedenke, denn in seinen
Predigten erwähnt er zwar oft die 7 Planeten und ihre vielerlei
Kräfte[5366], auch die vier Elemente[5367], das Wachsen von Gold und
Silber in der Erde[5368], die Legierungen von Zinn mit Gold und Kupfer,
deren erstere sich wieder zerlegen lasse, während die letztere „kein
Meister und nicht die ganze Welt voneinander bringen kann“[5369],
nirgends berührt er aber auch nur mit einem Worte die Goldmacherei.
Außerordentlichen Aufschwung nahmen Alchemie und Astrologie seit
Beginn der Renaissance, die zwar den Hang zur Mystik und sog.
Geheimwissenschaft allerorten steigerte, nirgendwo aber in höherem
Maße als in Deutschland, dessen Zersplitterung und Kleinstaaterei
den „Adepten“ ein von der kaiserlichen bis zur bescheidensten
reichsunmittelbaren Hofhaltung herabreichendes, ebenso ausgebreitetes
wie lohnendes Feld der Tätigkeit eröffnete. Unter den Größen des 15.
Jahrhunderts sei an dieser Stelle nur „die Leuchte der Weisheit“, der
hochgelehrte Abt ~Trithemius~ von Sponheim bei Kreuznach (1462-1516)
erwähnt; er selbst scheint zwar nichts von Goldmacherei gehalten zu
haben, sein 1506 zu Passau schon gedruckt erschienenes „Wunderbuch“
ist aber eine wahre Fundgrube abergläubischer Vorstellungen, u. a.
derer über die 7 Planeten, ihre Geister und Zeichen[5370]; über
die zugehörigen Pflanzen, Steine und Metalle, sowie deren innere
Verwandtschaft mit den Wandelsternen[5371]; über die unreifen und
reifen Metalle nebst ihren Zwittern und Hermaphroditen (auch einen aus
Eisen und metallischem Antimon)[5372]; über das ägyptisch-chaldäische
„Elektron magicum“, eine aus allen sieben Metallen zusammengeschmolzene
Legierung, deren unbeschreibliche Eigenschaften sie besonders geeignet
zur Anfertigung von Zaubervorrichtungen aller Art machen[5373], usf.
Bei ~Trithemius~ erwarb, nach eigener Angabe, einen erheblichen Teil
ihrer alchemistischen Kenntnisse die größte Gestalt der deutschen
Renaissance, ~Theophrastus Paracelsus~ (~Hohenheim~; 1483-1541), auf
dessen überragende Bedeutung für die Geschichte der Medizin, der
Chemie und anderer Wissenschaften nebst ihren Seitenzweigen, aber auch
für die des Humanismus und der Mystik, hier nur hingewiesen, nicht
eingegangen werden kann. Der Umfang seiner überlieferten einschlägigen
Schriften, -- sie füllen in der Sonderausgabe von ~Waite~[5374] etwa
800 Seiten in Großquart --, die Schwierigkeit, sie angesichts des
fast völligen Mangels eigenhändiger Manuskripte in echte, entstellte
und untergeschobene zu sondern, die Unsicherheit betreffs ihrer
zeitlichen Entstehung, nicht zum mindesten auch die Dunkelheit und
Zweideutigkeit des Ausdruckes, machen es ungewöhnlich schwer, über
die wahren Ansichten des ~Paracelsus~ Klarheit zu gewinnen. An vielen
Stellen verwirft er die eigentlichen Lehren der Alchemisten, „dieser
Narren, die leeres Stroh dreschen“; an vielen billigt er sie, wenn auch
oft nur zum Teil und in abgeänderter Weise, wie er denn Schwefel und
Quecksilber als die beiden Grundbestandteile aller Substanzen annimmt,
ihnen aber „Salz“ als einen gleich wichtigen dritten hinzufügt; an
anderen deutet er sie symbolisch um, und an wieder anderen überträgt
er sie aus dem Gebiete der Chemie in das der Medizin und gelangt so zu
seinen iatrochemischen Elixiren, Essenzen, Quintessenzen („Tugenden
der Dinge“), Tinkturen, Arkanen[5375], Panaceen, Allheilmitteln
und Universalpräparaten[5376]. Die durch ~Paracelsus~ und die
Paracelsisten entfesselte Bewegung war mächtig und tiefgreifend;
nicht nur im deutschen Reiche, sondern in allen Kulturländern löste
sie geistige Kämpfe von weitgehender Bedeutung aus, und wie so oft
in derlei Fällen trugen die Mißverständnisse und Übertreibungen der
Schüler nicht zum wenigsten dazu bei, auch den schwachen Lehren des
Meisters unverdiente Beachtung zu verschaffen, hier also der Alchemie
zu neuem und gesteigertem Ansehen zu verhelfen.
In der Zeit vor und gegen 1500 war dieses auf einen gewissen Tiefpunkt
gesunken, so daß z. B. ~Sebastian Brand~ im „Narrenschiff“ (1494) die
Alchemisten und Astrologen nicht nur als Narren hinstellt, sondern
als Gauner, Betrüger und gemeingefährliche Fälscher[5377]; als solche
sahen sie auch die Behörden an, und es erklären sich hieraus die
wiederholten und strengen Verbote der Alchemie, wie sie u. a. 1492 die
Reichsstadt Nürnberg erließ, allerdings ohne dauernden Erfolg[5378].
Noch für den in den Naturwissenschaften nicht unbewanderten
~Melanchthon~ (1497-1560), der übrigens Schwefel und Quecksilber als
Universalelemente bestehen ließ, ist die Alchemie nichts weiter als ein
„sophistischer Schwindel“[5379], während ~Luther~ (1483-1546) zwar die
Astrologie mit fast gleichlautenden Worten verwirft[5380], die Alchemie
aber mit Rücksicht auf die Wiederbelebung der getöteten Metalle milder
beurteilt, „besonders um ihrer Allegorie und heimlichen Deutung willen,
die überaus schön ist, nämlich die Auferstehung der Toten am jüngsten
Tage“[5381]. Irrtümlich ist die Angabe, daß auch sein Zeitgenosse
~Agricola~ (1494-1555) zu Chemnitz ein Freund oder gar Förderer der
Alchemie gewesen sei; die Schriften, aus denen dies gefolgert wurde,
gehören nämlich nicht ihm an, sondern einem Namensvetter, während
er selbst sich in seinen ausgezeichneten und geradezu grundlegenden
mineralogischen und metallurgischen Werken durchaus zurückhaltend
äußert und allenfalls nur die Frage nach der bloßen Möglichkeit einer
Metall-Verwandlung als eine vorerst noch offene bestehen läßt.
Etwa von 1550 an schwillt allerorten, zumeist aber in Deutschland,
die alchemistische Litteratur zur Hochflut auf, so daß um 1650 die
Zahl der zugehörigen Werke von ~Borelli~ auf annähernd 4000, und um
1720 von ~Rothscholz~ auf über 5000 beziffert wird[5382], -- und alles
dies, ohne daß auch nur ein einziger wirklich neuer Gedanke befruchtend
eingriffe! Der Alchemie huldigen nicht nur die Mystiker, wie etwa
~Khunrath~ (1560 bis 1605), Verfasser des „Amphitheaters der ewigen
Weisheit“ und des „Dreieinigen natürlichen Chaos der Chemiker“, oder
~Jakob Böhme~ (1575 bis 1624), der sich in der „Signatur der Dinge“,
der „Aurora“ usf., an der Macht der Planeten und ihres Zubehörs,
an den Kräften des „Marcurius“ und „Sallniter“, an den Wundern des
Schwefels, Quecksilbers, Salzes, u. dgl. mehr, gar nicht genug zu tun
weiß, sondern auch die bedeutendsten Naturforscher des Zeitalters,
u. a. ~Libavius~ (gest. 1616), ~Van Helmont~ (1577-1644), der den
Stein der Weisen selbst in der Hand gehabt und mit größtem Erfolge
gebraucht hat, ~De la Boe~ (1614-1672), ~Kunckel~ (1630-1702), ja zum
Teil sogar ~Boyle~ (1626-1691) und ~Boerhaave~ (1686-1738); und doch
hatte dieser selbst nachgewiesen, daß die Metalle weder Schwefel noch
Quecksilber enthielten, daß die Fixation des letzteren unmöglich sei,
und daß sich Blei nicht in Quecksilber überführen lasse[5383]. Auch
für diese Periode findet sich also bewährt, was ~Kopp~ betreffs des
Mittelalters ausspricht: „Daran, daß die Alchemie ihr Problem lösen
könne, glaubten fast alle, daran, daß sie es bereits gelöst habe,
und zwar mit großartigem Erfolge, die meisten, selbst hervorragende
geistige Größen[5384].“
Sehr vereinzelt stehen unbedingte Verurteilungen da, wie die durch
den berühmten Jenaer Mediziner und Anatomen ~Rolfink~ (1599-1673),
der die an Alchemie Glaubenden den Starblinden gleichstellt[5385],
oder durch den, trotz aller Absonderlichkeiten, von staunenswertem
Wissen erfüllten ~Athanasius Kircher~ S. J. (1665); dieser will zwar
nicht bestreiten, daß vordem, jedoch freilich nur mit Hilfe des
Teufels, künstliches Gold gemacht worden sei, im übrigen sind aber
für ihn einfach alle Astrologen Beutelschneider und alle Goldmacher
Münzfälscher[5386]. Der gesunde Sinn solcher Männer verdient
aufrichtige Bewunderung, wenn man liest: wie sich 1629 der Vorsteher
der kurfürstlichen Sammlung in Dresden bemühte, die 7 Hauptmetalle den
Kräften der 7 Planeten gemäß aufzustellen und „auszuteilen“[5387]; wie
1669 ~Becher~, in vielem unbedingt einer der offensten Köpfe seiner
Zeit, mit weitläufigen Darlegungen die Behauptung verteidigt, König
~Salomon~ habe, trotzdem er genötigt war Gold aus Ophir holen zu lassen
und seine Untertanen übermäßig zu besteuern, doch den Stein der Weisen
besessen[5388]; wie 1682 der gelehrte Jenaer Professor ~Wedel~, dessen
altes bleiernes Tintenfaß zufällig durch Quecksilber beschädigt worden
war, die abenteuerlichsten Hypothesen über die Ursache der plötzlichen
Umwandlung des einen Metalles in das andere erörterte[5389]; wie der
überaus belesene Polyhistor ~Morhof~ 1719 die Transmutation der Metalle
für eine zweifellose Tatsache erklärte[5390]; wie Kaiser ~Franz~
I. 1746 gegen den vermeintlich im Besitze des Steines der Weisen
befindlichen Adepten ~Sehfeld~ „peinlich inquirieren“ ließ, und der
sonst so mißtrauische ~Friedrich der Grosse~ 1751 zur Durchführung
alchemistischer Versuche seitens einer Frau ~von Pfuel~ 10000 Taler
bewilligte[5391]; wie 1764 ~Koelreuter~ zugunsten seiner grundlegenden
Beobachtungen über Pflanzenbastarde anführt, daß sie trefflich mit
den Theorien der Alchemisten hinsichtlich der Umwandlung der Metalle
übereinstimmen[5392]; endlich, wie 1760 der keineswegs ganz ungläubige,
aber durchaus ehrliche ~Justi~[5393], vor allem aber 1777 der
ebenso sachverständige wie unbestechliche ~Wiegleb~[5394], zwar die
völlige Nichtigkeit der Alchemie mit den überzeugendsten Gründen für
jedermann nachwiesen, der für solche empfänglich ist, einen dauernden
Erfolg aber nicht zu verzeichnen hatten. Schon wenige Jahre später
vermochte ein Schwindler wie ~Price~, Mitglied der Londoner „Royal
Society“, -- der sich schließlich vergiftete, als diese Gesellschaft
auf ernstliche Untersuchung drang --, das Urteil auch der deutschen
Gelehrten derartig irrezuführen, daß 1782 selbst der aufgeklärte
und scharfsinnige ~Lichtenberg~ schwarz auf weiß versicherte, ihm
vorerst den Glauben nicht versagen zu können[5395]; ebenso wurden erst
1789 die Ankündigungen des redlichen Halleschen Theologieprofessors
~Semler~, denen gemäß in seinen vor den Fenstern stehenden Gläsern
Goldblätter etwa so wuchsen wie Hyacinthen, als Ausflüsse eines
Betruges aufgedeckt, dem der Leichtgläubige selbst zum Opfer gefallen
war[5396]. Aber auch diese Enthüllungen, die großes und berechtigtes
Aufsehen erregten, fielen rasch der Vergessenheit anheim, und von 1796
an konnte ~Kortum~[5397] mit Hilfe des damals in Gotha erscheinenden
„Reichsanzeigers“ weite ungelehrte und gelehrte Kreise mit dem
Glauben an das Bestehen einer vielverzweigten „Deutschen Hermetischen
Gesellschaft“ erfüllen und sie über ein Jahrzehnt lang in einer Weise
an der Nase herumführen, die dem witzigen Verfasser der „Jobsiade“
insgeheim manche vergnügte Stunde bereitet haben mag.
Einen nochmaligen Aufschwung nahm die Alchemie im Zeitalter der
Romantik, das dem Mystizismus, dem Glauben an Wunderwirkungen,
Geister, Gespenster usf. ganz außerordentlich ergeben war, -- es
braucht in dieser Hinsicht nur an den polaren „männlichen und
weiblichen Feuerstoff“ des Jenenser Mediziners ~Voigt~[5398], oder an
den „tierischen Magnetismus“ erinnert zu werden, dessen Entdecker,
~Mesmer~ (1734-1815)[5399], sich schon 1766 durch die abenteuerliche
Dissertation „Über den Einfluß der Planeten auf den menschlichen
Körper“ hervorgetan hatte. Begünstigend, wenn nicht geradezu fördernd,
erwies sich dabei die Haltung der sog. Naturphilosophie. Läßt doch
selbst der Begabteste ihrer Vertreter, ~Schelling~ (1775-1854), in
der „Philosophie der Kunst“ (1802)[5400], in seiner „Zeitschrift für
spekulative Physik“[5401] und der „Neuen Zeitschrift für spekulative
Physik“[5402], in den „Ideen zu einer Philosophie der Natur“[5403]
usw., eine Fülle ebenso wortreicher wie nichtssagender, völlig hohler
Redensarten niedergehen, die auf eine noch unfertige Jugend nur
verwirrend wirken konnten: Da beweist die Naturphilosophie, daß den
verschiedenen Ordnungen der Metalle, dem Silber oder Gold, gleiche
Ordnungen am Himmel entsprechen; daß die Gestirne auf die Bildungen
der Erde Einflüsse von eigentlich magischer, mit der gewöhnlichen
natürlichen ganz unvergleichbarer Art ausüben; daß hierbei die Gesetze
der Zahl und des Abstandes der Planeten mitspielen, die zugleich
Einsicht in das innere System der Töne eröffnen, wobei sich die
Zentripetalkraft als Rhythmus, die Zentrifugalkraft aber als Harmonie
erkennen lassen; da ist die Rede von den geheimnisvollen Zusammenhängen
zwischen den vier edlen Metallen (hier Gold, Silber, Quecksilber,
Platin) und dem Reiche der Planeten; da wird die wahrhafte innere
Gleichheit und absolute Identität aller Materien und die Lehre von
den Metamorphosen dieser Urmaterie verkündigt usf. Es waren derlei
phantastische Träume, wie sie diese Werke, in noch erhöhtem Maße
aber das berüchtigte, seit 1810 in wiederholten Auflagen erschienene
~Oken~sche „Lehrbuch der Naturphilosophie“ erfüllten[5404], aus denen
~Liebig~, der 1821 in Erlangen ~Schellings~ Hörer gewesen war, „mit
Schrecken und Entsetzen“ erwachte[5405]; von ihnen umnebelt sah noch
1824 der Bonner Chemieprofessor ~Wurzer~ in den von ihm geprüften
Mineralwässern „organische Verbindungen von der Physik und Chemie
unerreichbaren Imponderabilien und geheimnisvollen Potenzen“[5406],
erklärte sich noch 1832 der verdiente Historiker der Alchemie,
~Schmieder~, als durchdrungen von der Erkenntnis, daß das Goldmachen
eine Tatsache sei, und daß es einzelne bevorzugte Besitzer des Steines
der Weisen allezeit gegeben habe und noch immer gebe[5407].
Der Glauben an die Möglichkeit der Alchemie ist übrigens bis auf
den heutigen Tag nicht völlig erloschen, ja die gegen Ende des 19.
Jahrhunderts, als ein unverkennbares Zeichen der Zeit, abermals
allerwärts und in überraschender Weise hervortretende Neigung zu
Okkultismus, Mystik, Astralkunde, Theosophie, Spiritismus usf.,
führte ihm neue Nahrung zu. So entstand in Paris 1894 eine „Société
hermétique de France“[5408] und bald darauf eine „Société alchimique
de France“[5409], in deren Laboratorien ~Jollivet-Castelot~ und
seinen Freunden die Darstellung des Goldes gelang oder doch beinahe
gelang[5410]; seit 1890 erschien eine „Bibliothèque rosicrucienne“,
seit 1894 eine „Collection hermétique“ in zwei Serien, seit 1896 eine
Monatsschrift „Hyperchimie et Rosa alchemica“, seit 1904 eine „Revue
d’Astrologie“[5411], und alle diese Unternehmungen scheinen bis in
die jüngste Zeit fortgesetzt worden zu sein. Aber auch in Deutschland
begann, etwa mit der Herausgabe des (sehr oberflächlichen) „Handbuches
der Astrologie“ von ~E. Mayer~ (1891)[5412], die einer ganzen Anzahl
ähnlicher Schriften, und die gesamte geistesverwandte Litteratur
nahm alsbald derartig an Umfang zu, daß sich 1907 „die Notwendigkeit
ergab“, in Leipzig ein „Zentralblatt für Okkultismus“ und 1912 eine
„Astrologische Bibliothek“ zu begründen. Daß das „Wöchentliche
Verzeichnis des Börsenvereines der Deutschen Buchhändler“ eine
ständige Abteilung „Philosophie und Geheimwissenschaft“ führt, daß
ferner Anzeigen betreffs Astrologie, Nativitäts-Stellen, Wahrsagerei
u. dgl. alltäglich in vielen großen Zeitungen erscheinen, sich also
sichtlich gut bezahlt machen, beweist ebenfalls, daß es an einem
ausgebreiteten Leserkreise auch gegenwärtig keineswegs fehlt[5413]. Was
aber insbesondere die Hoffnungen der Goldmacher anbelangt, so werden
sie zur Zeit wesentlich mit Hinweis auf das Radium und die radioaktiven
Stoffe wachgehalten[5414], „von deren völlig wunderbaren und für
die Wissenschaft gänzlich unerklärlichen Eigenschaften sich +alles+
erwarten läßt“ und denen man, je ungenügender sie noch bekannt sind,
desto kühner die außerordentlichsten Wirkungen zuschreiben darf, ohne
eine unmittelbare Widerlegung durch den Versuch befürchten zu müssen.
——————————
Nicht des näheren eingegangen, sondern nur kurz hingewiesen werden kann
an dieser Stelle auf die Beziehungen der Alchemie zur +Kunst+, die
wesentlich durch jene zu den 7 Planeten bedingt sind.
Zu Alexandria, woselbst, wie weiter oben dargelegt, der Kult
der Planeten, gefördert von den Gnostikern, Mithrasverehrern,
Neuplatonikern usf. erst zu voller Entwicklung und vielseitigster
Bedeutung gelangte, dürften auch die Urbilder, aus ihnen aber
wieder die bleibenden Typen jener plastischen und zeichnerischen
Darstellungen entstanden sein, die u. a. als Vorlagen der in den
ältesten astrologischen Codices des Mittelalters auftauchenden und aus
diesen dann auch von den meisten jüngeren Handschriften übernommenen
Miniaturen anzusehen sind. Sichtlich zeigen sie sich durchaus
beeinflußt von der Antike, namentlich auch von der spätrömischen
und byzantinischen Verehrung der Planeten als Tagesgottheiten, die
bereits im Laufe der Kaiserzeit große Verbreitung und allgemeine
Volkstümlichkeit erlangt hatte[5415].
Aber auch für den Osten wurden jene „hellenistischen Typen“ maßgebend,
allerdings in „orientalisierter Gestalt“; verraten doch die islamischen
Darstellungen der Planeten[5416], deren älteste auf einer Messingkanne
des 12. Jahrhunderts und in der Damascener ~Qazwini~-Handschrift von
1366 vorliegen, ein sichtlich schon längst[5417] feststehendes Gepräge
deutlich synkretistischer Art, dessen orientalischer Bestandteil in
letzter Linie auf die chaldäischen Planetengötter zurückgeht[5418]
und hauptsächlich wohl durch die Ssabier übermittelt wurde, mit deren
Angaben über die Gestalten der Planeten-Idole und über die zugehörigen
Symbole, Farben, Kleidungen usf. die islamischen Nachbildungen
durchaus übereinstimmen[5419]. Erst seit dem 12. Jahrhundert sollen
diese aber weitere Verbreitung in den muslimischen Kreisen und durch
sie auch in jenen der westlichen Mittelmeer-Völker gewonnen haben,
und zwar kamen den letzteren nicht nur, wie man früher annahm, bloße
Beschreibungen (aus litterarischen Quellen) zu, sondern auch die
charakteristischen Abbildungen, die sich u. a. noch in den farbigen
Miniaturen alchemistischer Handschriften (z. B. des ~Geber~, gegen
1300) unverkennbar erhalten haben[5420]. Die Frage, durch wen und wo
diese Weitergaben im einzelnen erfolgten, läßt sich vorerst nicht
ausreichend beantworten; +eine+ der Stellen, denen hierbei eine
wichtige Rolle zufiel, war aber zweifellos der am Hofe des kastilischen
Königs ~Alfons~ X. tätige Gelehrtenkreis, dem um 1240 die sog.
„Picatrix“ entsprang, ein Buch, das u. a. (natürlich nur indirekt)
aus ssabischen Quellen, z. B. aus dem „Ghâjat“ schöpfte und in seinen
Planeten-Beschreibungen bei ~Jupiter~, dem „großen Glücke“[5421], sowie
bei ~Mars~ ausdrücklich auch deren Metalle erwähnt, bei ~Mars~ den
Ring aus Kupfer und die Räucherpfanne aus Eisen[5422]. Die „Picatrix“
gehört anscheinend mit zu den Vorlagen des von ~Michael Scotus~, dem
Hofastrologen Kaiser ~Friedrichs~ II., gegen 1250 vollendeten großen
astrologischen Traktates, in dem die alten chaldäischen Astralgötter,
wenn auch nicht nochmals neu- so doch umgebildet, nunmehr auch in
mittelalterlichem Gewande und Äußeren erscheinen[5423]. Den ~Scotus~
versetzt ~Dante~ (um 1300) in die Bolge der falschen Wahrsager und
Zauberer[5424], da er selbst, ganz so wie ~Albertus Magnus~ (gest.
1280), der ausschließlich griechische, jüdische oder arabische Autoren
astrologischer Schriften nennt, vom christlichen Standpunkte aus die
gesamte Sterndeuterei völlig verwirft[5425]. Im übrigen schließt
er sich, gleich ~Thomas~ von ~Aquino~, der schon von ~Origenes~
gebilligten Lehre an, daß die Planeten von Schutzengeln geistigen
Wesens (substantiae spirituales) gelenkt und geleitet werden und
spricht diese daher im „Paradies“, sowie in der zweiten Canzone des
„Gastmahles“ (Convito) mit den Worten an: „Voi, che intendendo il
terzo cielo movete“. ~Gildemeister~ übersetzt sie[5426]: „O Ihr, Die
Ihr den dritten Himmel lenkt, erkennend,“ ~Kannegiesser~[5427]: „Die
denkend Ihr bewegt der Himmel Dritten“. Indem ~Dante~ den 7 Planeten
die 7 Sphären sowie die 7 Reihen der Seligen, im „Gastmahl“[5428] aber
auch die 7 Wissenschaften des Tri- und Quadriviums zuordnet, bahnt er
einen ersten Schritt in der Richtung der künstlerischen Darstellungen
enzyklopädischer Art an, die allmählich, und besonders seit der Zeit
der Renaissance, das Übergewicht über die älteren, wesentlich vom
mittelalterlich-scholastischen, kirchengemäßen Geiste getragenen
erlangten[5429].
Betreffs einer der frühesten Wiedergaben der 7 Planeten (anscheinend
auf Wandteppichen), von der gegen 1107 das sehr merkwürdige Gedicht
des Abtes ~Baudri~ über „Das Schlafgemach der Gräfin ~Adele~ von
~Blois~“ berichtet, läßt sich leider Näheres nicht angeben, da der
von ~Schlosser~ veröffentlichte Auszug gerade an dieser Stelle große
Lücken aufweist[5430]; auch über die Miniaturen der im Britischen
Museum befindlichen, gegen 1320 vollendeten lateinischen Übersetzung
der „Astronomie“ des ~Albumasar~ (= ~Abu Maschʿar~, gest. 886) ist
Genaueres nicht bekannt[5431], was desto bedauerlicher erscheint,
als dieser Autor wieder Vieles aus der „Sphaera“ des ~Teukros~ von
~Babylon~ schöpfte, die ihm allerdings nur in persischer Übersetzung
zugänglich war[5432].
Von Werken der italienischen Frühkunst kommen in Betracht:
die Planeten-Fresken des ~Lorenzetti~ im Rathause zu Siena,
1338-1341[5433]; die dem ~Talenti~, einem Schüler ~Pisanos~,
zugeschriebenen Reliefs am Campanile zu Florenz, um 1350[5434]; der
Cyclus des ~Bonajuti~ in der spanischen Kapelle zu Florenz, gegen
1370[5435]; die Gruppe an einer Säule des Dogenpalastes zu Venedig, um
1350 oder 1400[5436]; die Fresken des ~Guariento~ (?) in der Kirche der
Eremitani zu Padua, um 1365 oder 1400[5437]; die Fresken des ~Miretto~
(aus der Schule ~Giottos~) im Justizpalast zu Padua, um 1420[5438]; die
Gemälde des ~Duccio~ in der Malatesta-Kapelle zu Rimini, um 1455[5439];
die des ~Cossa~ im Schlosse Schifanoja bei Ferrara, gegen 1470[5440];
die des ~Perugino~ an der Decke des Audienzsaales im Gebäude der
Wechslerzunft (Cambio) zu Perugia, um 1499[5441]; die des ~Raffael~
in der Kirche Sta. Maria del popolo zu Rom, um 1516[5442]. Bei den
älteren unter ihnen fehlen ins einzelne gehende Einflüsse der bekannten
Übermittlungen ganz, es sei denn, daß (wie schon bei ~Lorenzetti~) die
Sonne, statt ihrer aber oft auch der ~Jupiter~, in Gestalt eines Königs
mit der Krone erscheint, wie einstens ~Mithras~[5443]. Erst in der
Gruppe des Dogenpalastes (1350, 1400) führt ~Merkur~ die Bezeichnung
„Stilbons“ (= στίλβων, Stilbon, der Glänzende) und hält ~Mars~ ein
Banner mit der Inschrift „De ferro sum“ (Ich bin aus Eisen)[5444], und
bei ~Miretto~ (1420) trägt letzterer Gott einen roten Mantel[5445];
dieser Künstler bildet auch zum ersten Male ~Merkur~ als Astrologen
ab[5446], während ihn ~Duccio~ (1455) als ~Hermes Psychopompos~ auffaßt
und mit Schlangenstab und Mandoline ausstattet, an deren Stelle
bei ~Cossa~ (1470) eine Geige tritt, beide als Ersatz der antiken
Leyer[5447]. ~Perugino~ greift schon ganz offenbar auf die antiken
Typen zurück, nach Art der in den gleichzeitigen Holzschnitten zum
„Astrolabium“ des ~Joh. Angelus~ (Venedig 1494) und in den Stichen
des ~Baldini~ zutage tretenden[5448], und bei ~Raffael~ vollends
tragen die Planeten die ausgesprochene Gestalt der alten Götter,
werden aber zugleich von Engeln geleitet[5449]. Nur sehr langsam,
dem allmählichen Fortschritte entsprechend, der zur Entfaltung der
Renaissance führt, ändert sich also auch die Auffassung und Nachbildung
der Planeten; erst das volle, für die Höhezeit der Renaissance so
bezeichnende Wiederhervortreten der mystischen, abergläubischen und
astrologischen Elemente[5450] bringt sie auch als Tagesgötter und
Vertreter der Siebenzahl-Theorie abermals zu Ehren[5451], lehrt aufs
neue ihren Zusammenhang mit Metallen, Steinen, Pflanzen, körperlichen
Teilen und geistigen Eigenschaften, Lebensaltern, Farben, Gerüchen,
Tönen, Buchstaben usf.[5452] und veranlaßt ihre schon oben erwähnten
enzyklopädischen Darstellungen in Verbindung mit den 7 Tugenden und
Lastern, Sakramenten und Todsünden, Wissenschaften und Künsten, mit
den Musen als Vorsteherinnen der Sphärenharmonie und Leiterinnen der
Himmel und Himmelskörper[5453], mit den Propheten und Heiligen, oder
mit den Jahreszeiten und Tierkreisbildern. Ein Versuch, die fernere
künstlerische Entwicklung der einschlägigen Gestalten, der Symbole
und Attribute, der für die Planeten genau zu berücksichtigenden
Farbengebung usf., im einzelnen zu erörtern, ist aber an dieser Stelle
ausgeschlossen.
Die ziemlich zahlreichen alchemistischen Gemälde und Stiche aus
späteren Zeiten stellen teils die von auffälligen Apparaten und
seltsamem Urväter-Hausrat erfüllten Laboratorien dar, teils tragen sie,
gleich den bekannten ~Teniers~schen, den Charakter von satirischen oder
Genre-Bildern; Belehrung über die Geschichte der alten Alchemie bieten
sie daher nicht mehr.
Sechster Abschnitt.
(Anhang.)
Zur älteren Geschichte der Metalle.
Einleitung.
Die +vorausgehenden+ Abschnitte boten bereits vielfachen Anlaß zur
Erörterung einzelner wichtiger Punkte aus der älteren Geschichte
der Metalle; angesichts des innigen Verbandes, in dem diese mit der
Entwicklung der Alchemie steht, soll sie aber der +vorliegende+
nunmehr noch in zusammenhängendem Umrisse und in etwas erweiterter
Form darstellen. Das Hauptgewicht ist jedoch hierbei auf die
kulturgeschichtlichen und etymologischen Beziehungen gelegt, während
nicht etwa beabsichtigt wurde, aus der Geschichte wohlbekannte
Tatsachen zu wiederholen, oder nach berg- und hüttenmännischer,
chemischer und technologischer Seite hin auf den ungeheuren
Wissensschatz einzugehen, der sich in zahlreichen, ebenso ausführlichen
wie gründlichen Werken hervorragender Sonderforscher niedergelegt
findet.
Was den Ausdruck „Metall“ anbelangt, so sei bemerkt, daß die sämtlichen
älteren Etymologien dieses Wortes jeglichen Wertes entbehren, die
neueren aber ebenfalls noch nicht feststehen oder allgemein anerkannt
sind[5454]. Schon vor fast anderthalb Jahrhunderten brachte ~Gehler~,
jedenfalls auf +noch+ ältere Quellen hin, „Metall“ in Verbindung
mit dem homerischen Zeitworte μεταλλᾶν (metallán) = aufsuchen,
nachforschen[5455]; tatsächlich entsprechen diesem auch im Griechischen
nach ~Schrader~ die Hauptworte μεταλλή (metallé) = Nachforschung und
μέταλλον (métallon) = „Ort der Nachforschung“ in ganz gleicher Weise
wie es innerhalb der lebenden Sprachen z. B. im Russischen der Fall
ist[5456]. In erster Linie bedeutete also Métallon nichts weiter als
eine beliebige Grube, in zweiter dann ein Bergwerk (im Armenischen
noch jetzt Métalk), in dritter ging der Name von dem +Orte+ auf den
+Gegenstand+ der Nachsuchung über, und erst in vierter und spätester
auf jene bestimmte +Art+ des Gegenstandes, die man unter Metall im
heutigen Sinne zu verstehen pflegt[5457]. Wie die Bezeichnungen
vieler edler Metalle und Steine, denen man seit jeher zauberisch
schützende, abwehrende, oder heilende Eigenschaften beilegte, z. B.
χρυσός (Gold), χαλκός (Kupfer), ferner vielleicht σάπφειρος (Sapphir),
ἀμέθυστος (Amethyst) und andere, so entstammte vermutlich auch
μέταλλον einer orientalischen Sprache[5458], anscheinend der eines
kleineren, keiner der führenden Hauptfamilien zugehörigen Volkes.
Im Sinne von Bergwerk begegnen wir μέταλλον erst bei ~Herodot~
(489-425)[5459]; bei ~Aristophanes~ (geb. 444) sind μέταλλα auch
schon die Pachtgelder für Bergwerke[5460]; metallum im Sinne von
Metall scheint, wohl zufälligerweise, erst bei ~Lucretius~ (98-55)
bezeugt zu sein[5461]. ~Strabon~ (66 v. bis 24 n. Chr.)[5462] und auch
~Diodor~ (zur Zeit ~Caesars~)[5463] sprechen von Alaun und Alaungruben
als „Metalla“, und diese Bezeichnung der Grube oder des Gegrabenen
wendet ~Vitruv~ (zur Zeit des ~Augustus~) auch auf Melinum an (eine
weiße oder gelbliche Erdart)[5464], ~Plinius~ (um 75 n. Chr.) u. a.
auf Kreide und Diamant[5465], ~Solinus~ (um 250) in seinen dürftigen
Auszügen aus ~Plinius~ auf Salz (salinarum metalla)[5466], sein
Zeitgenosse ~Heliodor~ auf Smaragden[5467], usf. In späterer Zeit
heißen Metallarii, μεταλλεῖς, erst die mit dem Graben von Gängen und
Stollen beim Bergbau und auch bei Belagerungen Beschäftigten[5468],
und im 4. Jahrhundert sind „Metallarii“ die den Zünften der Bergwerks-
und Steinbruch-Arbeiter Angehörenden. Das Anlegen der Gruben und
die Verarbeitung der Metalle bildete damals, gleich dem Sammeln und
Verwerten des Purpurs, der Herstellung feiner Gewebe (besonders des
Leinens) und dem Betriebe vieler anderer Gewerbe, ein kaiserliches
Vorrecht oder Monopol[5469]; um dessen Ertrag zu sichern, war der
Stand der Metallarii ein zwangsweise erblicher[5470], unterlag
der Aufsicht besonderer Oberbeamten, -- ein „Comes metallorum per
Illyricum“, „Berghauptmann oder Berggraf für Illyrien“, ist für 366
nachgewiesen[5471] --, und hatte eine feste Abgabe, „Canon metallicus“,
zu leisten, die derart eingetrieben wurde, daß der Kaiser z. B.
den privilegierten Goldsuchern oder Goldwäschern (aurileguli) eine
bestimmte Menge ihres Goldes in natura abforderte, während ihm für den
Rest das Vorkaufsrecht zu einem Vorzugspreise zustand[5472].