Die Wege, auf denen nach den Stürmen der Völkerwanderung die chemischen
und chemisch-technologischen Kenntnisse des späten Altertums aufs
neue zum Gemeingute des Abendlandes wurden, sind im einzelnen noch
bei weitem nicht genügend erforscht und aufgeklärt. Betreffs ihrer
Gesamtrichtung meint zwar ~Berthelot~, als erster die ganz neue und
höchst wichtige Tatsache entdeckt zu haben, daß neben und vor der
arabischen, hauptsächlich von Spanien her wirksamen Tradition, auch
eine unmittelbare, auf byzantinische Überlieferung zurückweisende
bestanden habe, -- doch schreibt er sich hierbei, wie auch in
anderen Fällen, Verdienste zu, die ihm in Wirklichkeit keineswegs
gebühren. Daß nämlich mit dem Ende des Altertums, also mit dem Falle
des weströmischen Reiches im Jahre 476, plötzlich die gänzliche und
endgültige Vernichtung alles Bestehenden eingetreten sei, und eine
spätere Zeit auf sämtlichen Gebieten wieder völlig von neuem zu
beginnen und die leer gewischten Tafeln allein aus eigenen Kräften
allmählich neu zu beschreiben gehabt hätte, war allerdings ehemals
eine weitverbreitete Vorstellung; sie ist jedoch längst der besseren
Einsicht gewichen, daß wie zwischen Mittelalter und Neuzeit so
auch zwischen Altertum und Mittelalter Verbindungen und Übergänge
nirgendwo gefehlt haben, und daß insbesondere das geistige Band auf
keinem Gebiete jemals vollkommen gerissen ist. Auf wenigen Feldern
hat sich diese Überzeugung so frühzeitig aufgedrängt und gefestigt
als auf dem des Kunstgewerbes und der Kunsttechnik, und es ist daher
sehr auffällig, daß ~Berthelot~, der sich ihr im übrigen nicht
verschließt[4918], gerade auf diesem seine Entdeckung gemacht zu
haben glaubt; um die Selbsttäuschung begreiflich zu finden, müßte
man annehmen, daß ihm nicht nur die älteren und neueren Forschungen
hervorragender französischer Philologen und Kunsthistoriker unbekannt
blieben, sondern auch die Spezialwerke von ~Eastlake~[4919] und
~Merrifield~[4920], die Abhandlungen und Kommentare der Herausgeber in
der großen als „Wiener Quellenschriften“ bezeichneten Sammlung[4921],
usf. Da aber einige seiner zuweilen nicht ganz an der Oberfläche
liegenden Anführungen ersehen lassen, daß ihm diese Veröffentlichungen
durchaus nicht entgangen waren, so muß es genügen, die Tatsache
festzustellen, daß bereits die genannten Autoren, sobald sie auf
den fraglichen Zusammenhang zu sprechen kommen, ihn als einen +im
allgemeinen+ ganz offenkundigen voraussetzen; sie betrachten ihn
als einen angesichts der politischen und kulturgeschichtlichen
Beziehungen zwischen dem oströmischen Reiche und Italien gar
keinem Zweifel unterliegenden und beziehen sich hierbei u. a. auf
die nämlichen frühesten Werke des Mittelalters, von denen auch
~Berthelots~ Darlegungen ihren Ausgang nehmen, d. s. hauptsächlich
die „Compositiones ad tingenda musiva“ und die „Mappae clavicula de
efficiendo auro“. Hingegen befanden sie sich, da ihnen der Wortlaut
der chemischen Texte griechischer und byzantinischer Herkunft gar
nicht oder nur sehr unvollkommen, der Inhalt demnach fast nur aus den
spärlichen Berichten zweiter oder dritter Hand bekannt war, nicht
in der Lage, auch +im einzelnen+ Ähnlichkeiten und Analogien zu
erkennen und nachzuweisen, und in dieser Hinsicht bleibt die Leistung
~Berthelots~, deren wahre Vorzüge nicht verkleinert werden sollen,
selbstverständlich die weitaus überlegene.
Was die erwähnte Übermittlung chemischer und vor allem
chemisch-technologischer Traditionen durch die Araber betrifft, -- die
schon seit Beginn des 8. Jahrhunderts ihre Herrschaft und ihren Einfluß
über Sizilien, Süditalien, Spanien und Südfrankreich zu erstrecken
begonnen hatten --, so steht sie zwar als +Ganzes+ fest, und an ihrer
Tatsächlichkeit und hohen Bedeutung ist nicht zu zweifeln; ihre
+Einzelheiten+ hingegen liegen noch so gut wie gänzlich im Dunkeln,
und nur in Ausnahmefällen lassen sich die Fragen beantworten, welche
Vorbilder zunächst Nachahmung fanden, oder wo, wann und durch wen
dies zuerst geschah? Überlegt man, daß die einschlägigen Verfahren
nach Tunlichkeit geheim gehalten wurden, weshalb selbst die spätere
Litteratur nur selten einige dürftige Winke über sie gibt, daß
ferner deren ausschließliche eigene Verwertung größte Wichtigkeit
für Handel und Verkehr der Eroberer besaß, daß aber die Arabisierung
der besetzten Länder nur eine oberflächliche war und blieb (selbst
in weiten Teilen Spaniens), so ist wohl allein an eine unverhütbare
allmähliche Aneignung seitens Mitbeschäftigter und Lernbeflissener
zu denken, nicht aber an eine gewollte Lehrtätigkeit der Araber.
Ebenso sind auch gewisse, wie in älterer so noch in neuerer Zeit mit
lebhaften Farben ausgemalte Schilderungen abzuweisen, denen gemäß,
etwa vom 11. Jahrhundert an, junge Leute mitteleuropäischer Herkunft
die arabischen Universitäten Spaniens aufgesucht hätten, um dort neben
anderen Geheimwissenschaften auch Alchemie zu studieren und sie in
den Laboratorien der großen Meister praktisch zu betreiben[4922].
In Wirklichkeit[4923] waren nämlich diese „Universitäten“ teils
eine Art Seminare und als solche unmittelbar den Moscheen
angegliedert[4924], teils eine Art Stifte oder Kollegien und als
solche in eigenen, „Medreseh“ genannten Schulgebäuden untergebracht.
Unterrichtsgegenstände bildeten in ersteren ausschließlich Theologie
und ihre Nebenzweige, namentlich Jurisprudenz, in letzteren aber
auch Philosophie, Philologie, sowie zuweilen Medizin, Astronomie und
Mathematik[4925], und zwar wurden, wie noch heutzutage etwa in den
entsprechenden Anstalten zu Konstantinopel oder Kairo, die Paragraphen
des von einer „anerkannten Autorität“ verfaßten Lehrbuches durch den
Vortragenden abgelesen und erklärt, die Lehrstoffe aber durch die
Zuhörer nachgeschrieben und memoriert; nur die „Vorlesung“ kam also
in Betracht, nicht eine selbständige und praktische Forscherarbeit
der Lehrer, geschweige denn der Schüler, am allerwenigsten aber eine
auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, die als solche noch gar kein
Sonderdasein führten, in den Lehrplänen keine Stätte besaßen und
in den Augen der Strenggläubigen immer noch mit Magie und Zauberei
zusammenhingen, also für „verdächtig“ galten. Endlich waren aber auch
diese Schulen, angesichts der gerade in Spanien großen Intoleranz der
Geistlichkeit und ihrer regen Eifersucht gegen alles Fremde[4926], für
Ungläubige völlig unzugänglich, so daß schon allein dieser Umstand
der angeführten Hypothese jeden Boden entzieht. Infolgedessen wurde
sie dahin abgeändert, daß nicht die arabischen Hochschulen Ziel der
Alchemie-Studierenden gewesen seien, sondern die aus ihnen schon
seit der Rückeroberung Toledos (1085) hervorgegangenen spanischen.
Aber auch diese sog. Universitäten pflegten, gleich sämtlichen
mittelalterlichen, ausschließlich die Geisteswissenschaften (in
weiterem Sinne), -- in erster Linie natürlich die Theologie --, während
die Naturwissenschaften für sie überhaupt nicht vorhanden waren und
auch späterhin nicht die geringste Beachtung erfuhren; wer niemals
Anlaß hatte, sich mit den Erzeugnissen ihres rein scholastischen
Betriebes zu befassen, schöpft die richtigste Vorstellung von ihrer
starr konservativen und orthodoxen Gesinnung in früheren Jahrhunderten
aus einer Antwort, die noch 1771 die vornehmste Universität,
Salamanca, auf Vorschläge König ~Karls~ III. zu einer zeitgemäßen
Umgestaltung der Lehrweise erteilte: „~Newton~ lehrt nichts, was einen
guten Logiker oder Metaphysiker bilden könnte, und ~Gassendi~ oder
~Descartes~ stimmen nicht mit der Wahrheit der Offenbarung überein,
wie das ~Aristoteles~ tut[4927].“ Von einem Studium der Chemie an den
spanischen Universitäten und von alchemistischen Arbeiten in deren
Laboratorien, kann also ernstlich gar nicht gesprochen werden. Wie
sich indessen die großen Übersetzer arabischer Werke aller Art in das
Lateinische, z. B. ~Gerhard von Cremona~ (1114-1187)[4928] und andere,
gelegentlich ihres Aufenthaltes in Toledo und sonstigen spanischen
Städten nicht etwa der Mithilfe akademischer Kreise bedienten, sondern
jener gelehrter sach- und sprachkundiger Juden, so dürften sich auch
die auf Kenntnis der Geheimwissenschaften und der Alchemie Ausgehenden
unmittelbar an Personen gewendet haben, die im Rufe standen, selbst
mit diesen Dingen Bescheid zu wissen. Das werden aber, wie jederzeit
und allerorten, vorwiegend Schwindler, Betrüger und allenfalls
betrogene Betrüger gewesen sein, die teils einzeln im verborgenen
wirkten, teils jenen mystischen, magischen und nekromantischen
Geheimzirkeln angehörten, die z. B. nach ~Del Rio~ und ~Gesner~ noch
um 1600 in Toledo, Granada, Cordova, Sevilla und Salamanca ihr Wesen
trieben[4929], und es kann daher nicht wundernehmen, daß das im Dunkeln
Ausgeübte auch im Dunkeln verblieb, und schriftliche Aufzeichnungen
darüber nicht vorliegen. -- Im ganzen scheint man jedoch überhaupt
die Rolle des eigentlichen Spaniens als Ausgangspunkt der Verbreitung
und Vervollkommnung chemischer und alchemistischer Kenntnisse
und Verfahren bisher überschätzt zu haben, und die maßgebenden
arabischen Anregungen fielen vermutlich in der Provence, in Italien
und in Sizilien auf fruchtbareren Boden. Die einschlägige arabische
Litteratur dieser Länder ist leider noch sehr ungenügend erforscht,
doch steht es z. B. fest, daß schon ~Ibn Badschrun~, ein sizilischer
Autor (des 11. Jahrhunderts?), ein Buch „Sirr Alkîmijâ“ (= Geheimnis
der Chemie) verfaßte, und sizilischen Ursprunges scheint auch eine
ausführliche Anweisung zu sein, behandelnd die Herstellung von Tinten
in verschiedenen Farben, von Goldtinte mittelst Auripigment, von
Silbertinte mittelst Zinnamalgam, sowie die Vergoldung von Papier und
Pergament[4930].
In Sizilien wurden um 1150 alchemistische Schriften auch +ohne+
den Umweg über das Arabische unmittelbar aus dem Griechischen
übersetzt[4931]. Daß dies möglich war, kann nicht überraschen, wenn
man bedenkt, daß große Teile Italiens, namentlich Süditaliens, seit
ihrer Wiedereroberung durch die oströmischen Kaiser jahrhundertelang in
engster Verbindung mit dem byzantinischen Reiche standen, so daß die
griechische Sprache bis tief in das Mittelalter hinein eine allgemein
verstandene, ja in vieler Hinsicht eine herrschende blieb: daher zeigen
zahlreiche süditalische Münzen des 8. bis 11. Jahrhunderts griechische
Aufschriften[4932], und noch Kaiser ~Friedrich~ II. erließ im 13.
Jahrhundert seine Gesetze zugleich in lateinischer und griechischer
Fassung[4933]. Diese Umstände sind namentlich sehr beachtenswert
betreffs der Überlieferung der chemisch-technologischen Kenntnisse und
der auf ihnen beruhenden kunstgewerblichen Verfahren. Schon während der
Kaiserzeit war die römische Kunst „nur eine von Nicht-Römern geleitete
Fortbildung hellenistischer Motive“, wie dies schon allein die
Tatsache zeigt, daß für die im Kunstgewerbe beschäftigten kaiserlichen
Freigelassenen und Sklaven in sämtlichen bekannten Inschriften, mit
einer einzigen Ausnahme, nur griechische und orientalische Namen
erscheinen[4934]; nach dem Sturze des weströmischen Reiches gingen
dann die Traditionen der Kunst, die am getreuesten und längsten die
Werkstätten der ägyptischen Edelschmiede bewahrt hatten, zunächst ganz
an die Byzantiner und später an die Araber über und wurden durch sie
erhalten und weiter verbreitet[4935].
Sowohl ~Eastlake~ als ~Merrifield~ heben in ihren oben genannten Werken
nachdrücklich und an vielen Stellen die Bedeutung der byzantinischen
Übermittlung hervor, die teils auf mündlichem, teils auf schriftlichem
Wege, bald an geistliche, bald an profane Künstler, und in vielen
Fällen auch außerhalb Italiens weit früher erfolgte, als man sehr
allgemein anzunehmen pflegt[4936]: sind doch z. B. „griechische“
Glasmaler, die nicht nur die Malereien auszuführen, sondern auch die
erforderlichen Farben zu bereiten verstanden, schon 687 in Frankreich
nachweisbar[4937] und um die nämliche Zeit nach ~Beda Venerabilis~
auch in England[4938]. Sehr bezeichnend für die „innige Kontinuität“
der hellenistischen, byzantinischen und italienischen Vorschriften
erweisen sich nach ~Wessely~ auch die frühmittelalterlichen Rezepte
für „Chrysographie“ (Goldschrift), denn unter 17 von ihm angeführten
gehen 8 auf die bewährten alten Verwendungen echten Goldes zurück
(Grundieren; Auftragen von Goldstaub, Goldblättchen, Goldamalgam,
nebst Gummi u. dgl.; Polieren mit dem Tierzahn) und 9 auf die ebenso
bekannten der Ersatzmittel (Auripigment, Zinnober, Safran, Galle,
...)[4939]. Charakteristische, den hellenistischen und byzantinischen
Quellen entlehnte Züge sind ferner u. a. die folgenden: die Herstellung
von „Auripetrum“[4940] durch Vergolden von Zinnfolie mittelst
eines Firnisses aus Sandarach (oder anderen Harzen) und Leinöl
oder Nußöl (dieses nach ~Aëtios~, 6. Jahrhundert), sowie mittelst
Gallenfarben[4941]; das Feinreiben von Gold und anderen Materialien
auf ägyptischem Porphyrstein, so daß „porphyrisiert“ überhaupt so
viel wie „feingerieben“ bedeutet, -- eine Benennung, die sich im
französischen „porphyriser“ dauernd erhalten hat; die Verwendung von
Zusätzen, z. B. Bleiweiß, zur „Multiplicatio“ (Vervielfachung) des
Azurs, dessen violette Sorte den Namen „Manghanese“ führt[4942], sowie
des Zinnobers, der sich auch in Italien findet und dort Hämatit heißt
[d. i. in Wirklichkeit Roteisenstein][4943]; das „Ausbrüten“ von
Quecksilber in einem „Ei“ zu Gold von der richtigen „Goldfarbe“[4944];
die Anfertigung künstlicher Perlen und ihre Reinigung durch Verfüttern
an Tauben oder Hühner[4945]; die Benützung von Ätzkalk zu Mischungen,
die sich in Berührung mit Wasser entzünden[4946]; das Aufsagen von
Gebeten (Paternoster, Miserere, Ave Maria) zwecks Zeitmessung[4947],
usf. Wie völlig bewußt sich die frühmittelalterlichen Autoren dieser
Zusammenhänge waren, beweist u. a. auch die „Schedula diversarum
artium“ des sog. ~Theophilus Presbyter~, die im 11. oder 12.
Jahrhundert auf Grund weit älterer Überlieferungen abgefaßt ist und
sich nicht nur wiederholt auf „griechische“ Rezepte zur Darstellung
von Gold (aus Zinn und Safran), Farben, Präparaten und Gläsern beruft,
sondern auch ausdrücklich versichert, „alles zu enthalten, was nur
die Griechen an verschiedenen Gattungen von Farben und Mischungen
besitzen“[4948]. Nach Deutschland, besonders auch nach Norddeutschland,
scheinen „griechische Meister“ nicht selten bereits im 10. Jahrhundert,
unter der Regierung Kaiser ~Ottos~ II., gekommen zu sein, dessen
Gemahlin ~Theophano~ bekanntlich eine byzantinische Prinzessin war; in
Verbindung hiermit steht vielleicht die Erwähnung eines byzantinischen
Alchemisten bei einem Kommentator der „Kirchengeschichte“ des ~Adam
von Bremen~ aus der Zeit ~Ottos~ III. (983 bis 1002), während
dessen Minderjährigkeit seine Mutter ~Theophano~ die Würde der
Reichsverweserin bekleidete[4949].
a) „Compositiones ad tingenda musiva ...“.
~Muratori~, der im Laufe des 18. Jahrhunderts eine große Reihe
wichtiger, die politische und Kultur-Geschichte Italiens betreffender
Abhandlungen und Sammelwerke herausgab, entdeckte diese, dem 8.
Jahrhundert angehörige Schrift „Über das Färben der Mosaïke ...“ in der
Bibliothek zu Lucca und veröffentlichte sie zum ersten Male in seinen
„Antiquitates Italicae medii aevi“[4950], jedoch nach ~Guareschi~[4951]
anscheinend nicht ganz vollständig. Sie besteht aus einer Sammlung
von Rezepten zu praktischen, meist kunsttechnischen Zwecken, die
verschiedenen Quellen entlehnt und ziemlich regellos aneinander gereiht
sind, und ist in einem barbarischen Latein abgefaßt, das deutlich
die mindestens teilweise Übersetzung aus dem Griechischen und den
byzantinischen Ursprung erkennen läßt; letzteren bezeugt sie auch durch
die Bewahrung gewisser griechischer und ägyptischer Überlieferungen,
die sich in späteren gleichartigen Werken z. B jenen des sog.
~Heraklius~ und ~Theophilus~ (aus dem 10. bis 12. Jahrhundert?), nicht
mehr erhalten haben. ~Kopp~, ~Hoefer~ und anderen Historikern der
Chemie, blieb ihr Vorhandensein unbekannt[4952], obwohl ~Lessing~ in
der Schrift „Vom Alter der Ölmalerei“ (1774)[4953], ~Beckmann~ in den
„Beiträgen zur Geschichte der Erfindungen“ (1792)[4954], ~Berthollet~
in den „Elements de l’art de la teinture“ (1804)[4955], und in neuerer
Zeit ~Eastlake~ (1847)[4956], ~Merrifield~ (1849)[4957] und ~Bucher~
(1875)[4958] ihrer gedachten. Der wesentliche Inhalt, soweit chemische
Fragen in Betracht kommen, ist nach ~Berthelot~ der folgende[4959]:
Die Metalle, wie Gold, Silber, Kupfer, Orichalcum (= Messing),
Blei usf., werden aus verschiedenen Erzen gewonnen, Blei z. B. aus
männlichen und weiblichen, und miteinander durch Löten vereinigt[4960].
Aus Gold macht man zarte Fäden, aus Gold und Silber feinen „Staub“, und
aus Gold, Silber und Zinn auch äußerst dünne Blätter[4961], die man mit
Leinöl oder ähnlichen Mitteln auf unedle Metalle, Glas, Stein, Holz
und Gewebe aufklebt, um diese zu vergolden oder zu versilbern[4962].
Blattgold ersetzt man nach Bedarf durch Zinnfolie, die man mit einem
[bereits im Leidener Papyrus erwähnten] Firnis aus Safran, Chelidonium
und Auripigment überzieht[4963], doch versteht man Metalle, besonders
Kupfer, überhaupt so zu „färben“, daß sie wie Gold aussehen[4964]. Das
Blattgold löst man ferner in Quecksilber und gebraucht das Amalgam zur
Herstellung von Goldschrift, doch können auch hier Safran und andere
gelbe Farbstoffe [wie im Leidener Papyrus] zur Aushilfe dienen[4965].
Als „Compositio brandisii“ wird die Bereitung einer Legierung aus 2
Teilen Kupfer (aeramen), 1 Teil Blei und 1 Teil Zinn, oder aus 2 Teilen
Kupfer, 1 Teil Blei, ½ Teil Zinn und ½ Teil „Vitrum“ [wörtlich Glas,
hier wohl ein krystallinisches Flußmittel] beschrieben[4966]; sie ist
also eine bleihaltige und daher minderwertige +Bronze+, und letzterer
Name soll nach ~Berthelot~ von dem dieser Legierung abgeleitet sein
(siehe weiter unten).
Von Mineralien und Präparaten finden sich genannt: Schwefel und
Auripigment[4967]; Hämatit (Roteisenstein), Oker und Rötel[4968];
das Kupfererz Chalkitis, gebranntes Kupfer, Kupferblau (?) und
Jarin [Grünspan] aus Kupfer und Essig[4969]; Bleiglätte, Bleiweiß
aus Blei und Essig, sowie Siricum [Mennige, zuweilen aber auch
Rötel][4970]; Kathmia, auch kupferhaltige[4971]; natürliches und
künstliches Quecksilber, sowie Zinnober, bereitet aus Quecksilber und
Schwefel[4972]; Lasurstein (?), Koralle und Gagat[4973]; Salz, Alaun
und Vitriol [ein unreines, eisenhaltiges Kupfersulfat aus zersetztem
Pyrit], durch Einkochen der wässerigen Lösung dargestellt und nach
~Berthelot~ hier zuerst unter dem Namen „vitriolum“ erwähnt[4974],
[der aber sicherlich sehr viel älter ist, da z. B. schon ~Plinius~ die
Ähnlichkeit der krystallisierten Substanz mit blauem Glase hervorhebt];
Nitron und Aphronitron (Schaumnitron)[4975].
Durch Erhitzen von Nitron und Glassand in den Glasöfen schmilzt man das
Glas zurecht und verleiht ihm zugleich durch gewisse Zusätze beliebige
Farben: Zinn macht es weiß, Bleiglätte gelb, Zinnober, gebranntes
Kupfer und Kathmia hell- bis dunkelrot, usf., und aus solchem buntem
sowie aus vergoldetem und versilbertem Glase verfertigt man die
Glasmosaïken, die auch eine schöne Politur annehmen[4976]; prächtig
gelbe, purpurne und andere Färbungen lassen sich aber auch mittelst
geeigneter Firnisse bewirken, z. B. mittelst des „antimio di damia“ (?)
genannten[4977].
Zum „Färben“ [Bemalen; Anstreichen] von Pergament, Holz, Knochen,
Horn, Mauerwerk usf. bedient man sich zahlreicher Farbstoffe[4978],
teils der oben genannten mineralischen, die sich auch zu Beimischungen
eignen, teils tierischer, z. B. des Purpurs[4979], teils pflanzlicher.
Zu diesen zählen u. a. die der Rinden und Früchte von Nußbäumen, Ulmen
und Eichen [Galläpfel], der Blüten von Veilchen, Mohn, Lein, blauen
Lilien usf., der Wurzeln des Krapps, ferner Vermeil, Ficarin, Lazurin,
Lulazin oder Lulax, u. dgl. mehr[4980]. Als Lösemittel gebraucht man
Regenwasser, Seewasser, Essig oder gefaulten Harn, als Bindemittel
aber, je nach der Natur des Untergrundes, Öl, Leinöl, Harze, Mastix,
Gummi, Fett, Wachs, Bitumen, Fischleim, die „amor aquae“ (?) genannte
schaumige Masse usf.[4981].
Stoffen und Geweben erteilt man ebenfalls alle möglichen Farben, z. B.
purpur, zinnoberrot, dunkelgelb, hellgelb (melium), grün, blaugrün
(venetum)[4982] und „pandium“, zu dem Bleiweiß, Zinnober, Grünspan und
gewisse blaue, grüne und purpurne Farbstoffe verwendet werden[4983].
b) „Mappae clavicula“.
Als „Mappae clavicula de efficiendo auro ...“, „Schlüssel zur
Anweisung Gold zu machen“ (zunächst zu Zwecken der Malerei und des
Kunstgewerbes) führt nach ~Becker~[4984] das Bibliotheks-Verzeichnis
des Klosters Reichenau aus dem Jahre 821-822 eine (jetzt verlorene)
Schrift an, in der ~Berthelot~ die älteste, noch sämtliche Rezepte der
„Compositiones ad tingenda musiva ...“ mitenthaltende Vorlage der bis
auf uns gekommenen „Mappae clavicula“ vermutet[4985]. Von dieser ist
ein kürzerer Auszug in einer nach ~Giry~ spätestens dem 10. Jahrhundert
entstammenden (noch ungedruckten) Handschrift in Schlettstadt
vorhanden, sowie ein ausführlicherer, dem 12. Jahrhundert angehöriger,
das sog. „~Way~sche Manuskript“, in England[4986]; für den Verfasser
des letzteren erklärt ~Berthelot~ (oder sein nicht klar ersichtlicher
Gewährsmann) den ~Adelhard~ von ~Bath~, einen hochgebildeten englischen
Mönch, der um 1130 von weiten Reisen zurückkehrte, die ihn bis in den
Orient führten, und unter dessen Werken sich eine „Mappae clavicula“
erwähnt findet[4987]. Hiernach würde es sich erklären, daß der
~Way~sche Text einige Worte altenglischen und arabischen Ursprunges
zu enthalten scheint[4988], und daß allein in ihm an die Stelle der
zum Teile weggefallenen Rezepte der „Compositiones“ verschiedene
Zusätze späterer Herkunft getreten sind, die teils arabischen Einfluß
verraten (wie die über Zucker, Stärke, Seife, ... handelnden), teils
auf die sog. „Schedula“ des ~Theophilus~ (12. Jahrhundert?) oder deren
Quellen zurückweisen[4989]. -- Die ursprüngliche „Mappae clavicula“
ist als eine nach ~Berthelot~ in Italien, nach ~Diels~[4990] eher
im karolingischen Frankreich um 800 verfaßte Sammlung von Rezepten
anzusprechen, die entweder griechischen und byzantinischen Schriften
entnommen wurden, oder (was wahrscheinlicher ist) älteren lateinischen
Auszügen aus solchen; Spuren, die diese Entstehungsart verraten, sind
eine Anzahl griechischer Lehnworte[4991], gewisse Übereinstimmungen
mit Vorschriften des Leidener Papyrus und des ~Pseudo-Moses~[4992],
Reste heidnischen Götterglaubens[4993], Empfehlungen von „Gebeten“
um gutes Gelingen der Operationen[4994] usf. -- Die hauptsächlichen
Angaben, die chemische Kenntnisse und Verfahren betreffen, sind die
nachstehenden[4995]:
Silber und Gold bereitet man durch Herstellung entsprechend gefärbter
Legierungen aus edlen und unedlen Metallen, auch unter Benützung von
Auripigment, Sandarach und anderen Zutaten[4996]; gefördert werden
diese verschiedenen Methoden der „Diplosis“ oder „Duplicatio auri“ (=
Verdopplung des Goldes) durch Beifügen kleiner Mengen fertigen Silbers
oder Goldes[4997] und durch Bittgebete während des Schmelzens[4998];
dieses setzt man fort „donec hilare fiat“, „bis die Masse hellen Blick
zeigt“ (s. unser „Silberblick“), -- „καὶ γένηται ἱλαρός“ heißt es im
Leidener Papyrus[4999]. Zum Versilbern und Vergolden bedient man sich
auch des „Magnesia“ genannten Quecksilber-Amalgams, das aber nicht
identisch mit der Magnesia der Glasmacher ist[5000], oder gewisser
silber- und goldfarbiger Firnisse[5001]; mittelst solcher Firnisse,
die Auripigment, Galle verschiedener Tiere, Drachenblutharz u. dgl.
Bestandteile enthalten, -- die Vorschriften kommen teils schon im
Leidener Papyrus und bei ~Pseudo-Moses~ vor, teils scheinen sie erst
aus dem ~Heraklius~ und ~Theophilus~ interpoliert zu sein --, bringt
man auch Gold- und Silberschrift auf Pergament, Stein oder Metall
da an, wo die Verwendung echter goldener oder silberner zu teuer
wäre[5002].
Die Rezepte zur Herstellung und Bereitung von Metallen (und auch von
Gläsern, s. unten) sind im Schlettstädter Manuskript nur dem Titel nach
erhalten[5003], dagegen findet sich nach ~Giry~ +allein+ in diesem, und
+nicht+ in der ~Way~schen Handschrift, eine Angabe über die „Compositio
brindisii“ aus 2 Teilen Kupfer und 1 Teil Blei, sowie (unter den
Zusätzen, die auf einigen der letzten Blätter eingetragen stehen) über
die „Compositio brondisono“ aus 2 Teilen Kupfer, 1 Teil Blei und 1 Teil
Zinn[5004]; ~Berthelot~ zieht auch diese Stellen als Stütze seiner
Vermutung über den Ursprung des Namens „Bronze“ heran (s. unten).
Nur im ~Way~schen Manuskripte vorhanden sind die das Niello (nigellum)
betreffenden, allerlei arabische Worte aufweisenden Vorschriften[5005],
eine ganze Anzahl den „Compositiones ad tingenda musiva“
entlehnte[5006], sowie einige auf Glas bezügliche: diese berichten vom
Callaïnum oder Calaino, das wohl als ein grünes Krystallglas anzusehen
ist[5007], -- da auch der „Papyrus ~Kenyon~“ (im 3. Jahrhundert) von
Smaragd und Kallaïs als „grünen Steinen“ spricht[5008] --, sowie von
dem schon bei den antiken Autoren oft erwähnten „unzerbrechlichen
Glase“[5009], dessen Bereitung auch „ein rätselhaftes und mystisches,
Drachenblut enthaltendes Rezept“ dienen soll, das sich weiterhin bis
auf den sog. ~Raymund Lull~ und andere spätere Alchemisten forterbte.
~Berthelot~ vermutet, es habe sich hierbei im Grunde doch um eine
wirkliche, schon zu Beginn der römischen Kaiserzeit gemachte Erfindung
gehandelt, ebenso wie bei dem gleichfalls angeführten Verfahren „ad
cristallum comprimendum in figuram“ (Krystallglas in Formen zu pressen).
Auf griechische und byzantinische Quellen zurück geht die Schilderung
der Feuerpfeile und Brandsätze aus Harzen, Erdölen u. dgl.
(+nicht+ aber aus Salpeter)[5010], sowie die Beschreibung der
hydrostatischen Wage, die sich auch bei ~Heraklius~, sowie im Pariser
Sammel-Manuskripte 12292 (aus dem 10. Jahrhundert) findet[5011].
Allein im ~Way~schen Manuskripte ist endlich anhangsweise eine
anagrammatische Vorschrift zur Darstellung von Weingeist erhalten: sie
befiehlt, 1 Teil alten und sehr starken Wein nebst ⅓ Teil Salz in den
hierzu gebräuchlichen Gefäßen zum Sieden zu bringen, wodurch man ein
„Wasser“ erhält, das sich zur Flamme entzündet, ohne seine Unterlage
zu verbrennen [also einen noch stark wasserhaltigen Weingeist]; in dem
Anagramm sind die Buchstaben jedes Wortes durch die ihnen im Alphabete
nachfolgenden ersetzt, xkok, qbsuf, tbmkt bedeuten also vini, parte,
salis, usf. Wie in den Schriften anderer späterer Autoren des 13.
Jahrhunderts (s. unten), so soll nach ~Berthelot~ auch in der hier
besprochenen das angeführte Rezept einer arabischen Quelle entnommen
sein[5012]; diese Behauptung ist indessen ganz irrtümlich, der Alkohol
ist vielmehr eine Erfindung des Abendlandes, die vermutlich erst im 11.
Jahrhundert gemacht wurde, und wahrscheinlich in Italien[5013].
c) Heraklius.
Das Werk „Von den Farben und Künsten der Römer“[5014], überliefert
als das des ~Heraklius~, -- in welchem Namen aber einige nur eine
Anspielung auf den „herakleïschen Stein“ = Probierstein sehen wollen
--, gliedert sich in drei Abschnitte, deren erster und zweiter,
in Hexametern abgefaßte, vermutlich von einem zu Rom lebenden
(geistlichen?) Autor des 10. Jahrhunderts herrühren, während der
dritte, in Prosa geschriebene, erst zu Anfang des 12. oder 13.
Jahrhunderts in Frankreich entstanden und nachträglich hinzugefügt
sein dürfte[5015]. Auf Grund der verschiedenen Handschriften, die
schon ~Lessing~ 1774 in der Abhandlung vom „Alter der Ölmalerei“
erwähnte, jedoch erst ~Giry~ 1877 kritisch verglich, stellte zuerst
~Merrifield~ einen korrekten Text her[5016], und 1873 ließ ~Ilg~ eine
neue verdienstliche Ausgabe mit (unzuverlässiger) Übersetzung und
eingehenden Erklärungen folgen[5017].
Die beiden älteren Abschnitte besprechen hauptsächlich die Vergoldung
mit echtem Flitter- und Blatt-Gold oder mit den Ersatzmitteln, wie
Auripigment und Gallenfarben, ferner die Herstellung goldener und
farbiger Miniaturen und Verzierungen auf Glas- und Tonwaren, das
Anbringen weißen, schwarzen, grünen und bunten Emails auf Tongefäßen,
die Bereitung des Grünspans und einiger anderer Präparate, das
Erweichen von Glas und Krystall (u. a. mit dem für besonders heiß
angesehenen Bocksblute, das auch zum Härten des Stahles empfohlen
wird), sowie die Gewinnung künstlicher Edelsteine durch Färben des
Glases. -- Die dritte, weit reichhaltigere Abteilung erörtert u. a.:
die Feststellung des Goldgehaltes von Gold- und Silber-Legierungen
unter Benützung der hydrostatischen Wage (sehr unklar!); das Löten von
Gold, Silber und Messing mittelst eines Lotes aus Messing und Zinn
nebst Borax; das Vergolden von Silber, Kupfer, Erz, Messing und Eisen
mittelst des Amalgams aus Gold und Quecksilber, welches letztere sich
in den Zinnober-Bergwerken vorfindet; das Vergolden der Zinnblätter
(Auripetrum); die Anfertigung von Goldschriften aus Gold oder aus
Oker, Karmin u. dgl.; das Verzieren des Silbers mit Niello (Nigellum),
einer schwarzen Masse aus Kupfer, Blei, Quecksilber und Schwefel;
das Schmelzen des Glases aus weißem Sand und Asche, z. B. der aus
Farnkraut[5018], ferner die Herstellung sog. biegsamer Gläser[5019],
Glasspiegel mit Metall-Folien[5020], farbiger Gläser (hell- und
dunkelroter, rosiger, grüner, gelber, ...), bunter Edelsteine, sowie
mittelst Kupfer, Messing oder Eisenrost gefärbter Bleigläser; das
Schneiden von Edelsteinen mittelst der Bleiplatte, das Schleifen und
das Polieren (auch mit Nußöl); das Versehen der Tonwaren mit farbigen
Glasuren, auch schon mit Bleiglasuren. An Materialien werden u. a.
genannt: Salz, Alaun, Chalkanthum, Lasur, Auripigment, Sandarach,
Bleiweiß, Mennige, Zinnober, Chrysokolla (hier eine Art Malachit),
Grünspan, Indigo [seines Metallglanzes halber für ein Metall angesehen]
und verschiedene Erden; Waid, Krapp (sandix, garancia), indisches
Drachenblut [rotes Harz], indisches Braxillium oder Brasilium
[Rotholz]; Vermeil [vermiculum, vom arabischen Kermes = Würmchen, d. i.
die Eichenschildlaus Coccus ilicis; daher auch Carmoisin, Karmin];
Purpur aus dem Safte der Schnecke, Purpur aus dem Blute des Fisches
Ostrea; Vernix (= Firnis), Leinöl, Nußöl, Glassa (= Bernstein).
Daß ein erheblicher Teil dieser Verfahren und Präparate bereits
arabischen Einfluß verrät, bedarf wohl kaum der Hervorhebung.
d) Theophilus.
Die „Schedula diversarum artium“ (Verzeichnis verschiedener Künste)
genannte Schrift, die u. a. 1530 ~Cornelius Agrippa~[5021] und 1688
~Morhof~[5022] erwähnten, über die 1774 ~Lessing~ in der Abhandlung
„Vom Alter der Ölmalerei“ ausführlich berichtete, deren in neuerer
Zeit ~Bucher~[5023] sowie ~Guareschi~[5024] gedachten, und die ~Ilg~
in berichtigtem Wortlaute herausgab[5025], stammt in der vorliegenden
Form vermutlich aus der Zeit um 1100. Ihr Verfasser, dessen Namen und
Heimat sicher zu ermitteln noch nicht gelungen ist, schöpfte aus einer
großen Anzahl zum Teil weit älterer Vorgänger und beabsichtigte, alles
zu beschreiben, was Italien (besonders Tuscien = Toscana), Frankreich,
Deutschland und Arabien auf dem Gebiete der Künste und Kunstgewerbe
zu leisten vermögen, und so auch „alles, was nur Griechenland
an verschiedenen Gattungen von Farben und deren Mischungen
besitzt“[5026]. Die Benützung ursprünglich griechischer, richtiger
byzantinischer Quellen erhellt u. a. aus der Nennung von griechischem
Pergament[5027], griechischen Blättern (folia graeca) aus Niello[5028],
griechischem Glas (Mosaïk)[5029], griechischem Salz oder Nitron[5030],
Affronitron (Aphronitron)[5031], Ematis (= Hämatit)[5032], Marmor
porphyriticus (= Porphyrstein)[5033], Olivenöl-Pressen[5034] usf.;
auf spanische Herkunft deuten spanisches Gold, spanisches Messing,
spanisches Grün (Viride hispanicum = Grünspan)[5035], auf deutsche der
Leim vom Fische Huso (= Hausen)[5036] und vielleicht auch die Glassa
(Bernstein)[5037], auf orientalische der Barabas (= Borax)[5038] und
möglicherweise auch die Namen Posch oder Pox sowie Menesch für zwei
Farbstoffe[5039].
Im Vordergrunde stehen die kunstgewerblichen Arbeiten aus Metallen,
deren Gewinnung nur andeutend, deren Verarbeitung aber ausführlich
beschrieben wird[5040].
Von den Arten des +Goldes+ ist die schönste das arabische, deren
prächtiges Rot die Neueren (moderni) durch Verschmelzen von ⅘
Blaßgold mit ⅕ Kupfer nachzuahmen suchen, -- doch hält die auf solche
betrügerische Weise hergestellte Mischung dem Feuer nicht stand[5041];
zu manchen kunstgewerblichen Zwecken sind indessen Gemische von ⅔
Gold mit ⅓ Rotkupfer sehr geeignet[5042]. Gold wird, teils für sich,
teils mit Quecksilber [d. h. nach der Abscheidung aus dem Amalgam],
zu „Staub“ gemahlen[5043], zu Blättchen gehämmert und in dünne
Fäden ausgezogen[5044] und läßt sich mittelst gebrannten Kupfers
[Kupferoxydes], Zinns und eingedickter Lauge aus Buchenasche (laxiva;
französisch lessive) auch gut löten[5045]. Um es von Silber zu trennen
schmilzt man das Gemisch so oft mit Schwefel, bis sich kein schwarzes
Schwefelsilber mehr bildet, -- aus welchem letzteren man das Silber
durch Schmelzen mit Kohle, Buchenholzasche und Blei zurückgewinnen
kann[5046]. Zur Trennung von Kupfer wickelt man das Schabsel in
Bleiblech, schmilzt erst mit Holzasche und gebrannten Knochen [Kohle,
Phosphaten], sodann mit Blei und setzt dies so lange fort, bis
alles Kupfer ausgeschieden ist[5047]. Zu Vergoldungen aller Art,
namentlich auch von Schriften und Büchern[5048], verwendet man feine
Goldblättchen (auripetula), die sich aber je nach Bedarf auch durch
Oker oder Auripigment, gefirnißte Zinnblättchen, Ochsengalle, Safran
und den safrangelben Farbstoff gewisser Rinden ersetzen lassen[5049].
Bestreicht man dünne Blättchen reinsten Rotkupfers beiderseits mit
einer Mischung aus scharfem Essig, getrocknetem Blut eines Rothaarigen
und Asche des Basilisk genannten Tieres (das die Heiden aus den Eiern
alter Hähne großzuziehen verstehen), glüht sie im Feuer und löscht sie
in der nämlichen Mischung, so nehmen sie völlig Farbe und Gewicht des
Goldes an und taugen so gut wie dieses zu jeglicher Verwendung[5050].
-- +Silber+ reinigt man durch wiederholtes Schmelzen mit Blei und
Abschöpfen des aufsteigenden Schaumes; sollte es hierbei kochen und
spratzen, so war es mit Zinn oder Messing versetzt, und man überstreut
es dann mit feingepulvertem Glase, setzt neues Blei zu und fährt mit
dem Schmelzen fort, bis sich kein Schaum mehr abscheidet[5051]. Aus
Silber gewinnt man ebenfalls „Staub“ und feine Fäden[5052], sowie
durch Verschmelzen mit Kupfer, Blei und Schwefel das schwarze Nigellum
[Niello][5053]. -- +Kupfer+ stellt man durch Brennen gewisser in
der Erde wachsender Steine mit Kohle dar, und das Reinste ist schön
rot[5054]. Beim Verbrennen gibt es „flos aeris“ [Kupferoxyd][5055];
beim Eingraben dünner Platten nebst Essig, Harn oder auch Salz
in Mist das schön grüne Viride salsum und hispanicum [Grünspan
u. dgl.][5056]; beim Verschmelzen mit Calamina [Galmei] und Kohle das
prächtige Aurichalcum[5057] [Messing; irrtümlich auch mit aes = Bronze
bezeichnet][5058]; beim Verschmelzen mit Zinn endlich „das Metall,
aus dem man die Glocken gießt“[5059] [aes, d. i. Bronze, welcher
Name sich aber nicht genannt findet]. Auch aus Kupfer und Messing
verfertigt man Staub und Fäden, sowie dünne Blättchen (laminae), die
sich leicht schön vergolden und versilbern lassen[5060] (z. B. mit
flüssigem Zinn). -- +Zinn+ dient, entweder für sich, oder mit Blei und
zuweilen auch mit etwas Quecksilber versetzt, zum Gießen von Kännchen
und ähnlichen Geräten, zum Ziehen feiner Drähte, zur Herstellung von
Lötmetall[5061], sowie zur Bereitung dünner Blättchen zwecks Vergoldung
und Versilberung[5062]. -- +Eisen+ geht aus den in der Erde wachsenden
Eisensteinen durch Erhitzen, Schmelzen und Bearbeiten hervor und läßt
sich mit Kupfer (oder Kupfer und Zinn) nebst gebranntem Weinstein und
Salz löten[5063] und auch dauerhaft verzinnen[5064]; durch Glühen
und Härten, am besten im Harn eines mit [angeblich sehr hitzigem]
Farnkraut gefütterten Bockes oder eines rothaarigen kleinen Knaben,
wird es zu Stahl, der „Calibs“ heißt, „von dem Berge, wo er zumeist
gebraucht wird“[5065]. -- +Blei+ ist weich, leichtflüssig und schwarz,
ergibt aber die schön weiße Cerosa [Bleiweiß], die beim Erhitzen in
gelbe Bleiglätte übergeht und beim Brennen in rotes Minium[5066].
-- +Quecksilber+ und namentlich sein erstickender Rauch (foetor)
sind furchtbare Gifte; erhitzt man es mit Schwefel in einem gut
verschlossenen, mit Ton lutiertem Gefäße (ampulla), bis man ein starkes
Geräusch hört, so entsteht Zinnober (cenobrium)[5067].
Von +Farbstoffen+ werden genannt: Sinopis [Rötel], gebrannter Oker,
Zinnober[5068], Minium[5069], Karmin [Carmoisin, Kermes][5070],
Rubrica [Krapp][5071]; Bleiglätte[5072], Auripigment[5073], Croceum
[Safran], safrangelbe Rinde[5074]; Indicum [Indigo], Lasur[5075];
Grünspan und grünliches Prasinum[5076], sowie die Säfte von Sambucus
[Holunder], Schwertlilie, Lauch und Kohl[5077]; Ruß und der auch als
Tinte (incaustum) dienliche Saft der Spina [Schwarzdorn][5078];
Gips, Bleiweiß und die aus Weiß und Schwarz gemischte Veneda[5079];
die Mischfarben (?) Posch und Menesch, die bläulichen, rötlichen,
grünlichen und anderen Ton besitzen können[5080]; die Säfte der
Folium-Arten [Croton tinctorium], die sich als rot, purpurn und
sapphirblau beschrieben finden[5081]. -- Aus der Reihe der +Binde-+ und
+Verdickungs-Mittel+ sind anzuführen: Tannenharz, die Harze Drachenblut
und Glassa [Bernstein][5082]; Nuß-, Mohn-, Lein- und Oliven-Öl[5083];
Eikläre und Eidotter[5084]; Käsestoff (gluten casei)[5085]; Kleister
aus Weizenmehl[5086]; Wachs und Pech[5087]; arabisches, Kirsch-
und Pflaumen-Gummi[5088]; Leim aus Knochen, Leder und Pergament,
sowie Fischleim aus der Blase (vesica) des Huso [Hausen][5089];
Vernitio [Firnis][5090]. -- +Chemikalien+, die gelegentlich
sonst noch genannt werden, sind Schwefel[5091], Atrament [auch =
Colcothar, Cothus?][5092], Alaun[5093], Nitron und Aphronitron[5094],
Pflanzenasche[5095], roher und gebrannter Weinstein[5096] und Barabas
[Borax][5097].
Aus einer Mischung von 2 Teilen bester Buchenholzasche und 1 Teil
reinster Kiesel, die man in gut gebrannte Töpfe aus weißem Ton füllt,
stellt man das +Glas+ dar, und zwar durch andauerndes Schmelzen in
großen eingewölbten Werköfen, zu denen auch Kühlöfen und Öfen zum
Ausbreiten des mit der Pfeife erblasenen Tafelglases gehören[5098];
man kann es klar und durchsichtig belassen, oder auch weiß, gelb,
rotgelb, purpurn, sapphirblau, grün usf., in hellen und dunklen Tönen
färben, und so zur Zusammensetzung der kostbaren bunten oder mit
Glasgemälden gezierten Fenster verwenden[5099]. Nicht durchsichtig,
sondern fest und dicht wie Marmor sind die bunten, schon bei den
Heiden zur Herstellung von „opus musivum“ [Mosaïk] gebrauchten, aber
auch für die des Elektrons [hier = Email] dienlichen Glaswürfel[5100],
die sich mit Gold- oder Silber-Blättchen auch schön zu „vitrum
graecum“ [griechischem Glase] vergolden oder versilbern lassen[5101].
Durch Blasen und Schwingen des Glases formt man ferner Gefäße,
Flaschen, Schalen, Ringe und vieles andere, in den verschiedensten
Gestalten[5102], weiß, bunt, vergoldet, mittelst vorsichtigen
Einbrennens feinst gemahlenen Glases jeglicher Farbe bunt verziert,
mit weißen und bunten Fäden oder Stäbchen umwunden[5103], usf. Aus
bunten Glasflüssen bestehen ferner die gläsernen Edelsteine, die man
(ebenso wie die natürlichen und wie das „Krystall“ genannte, durch
vieljährigen scharfen Frost zu einer Art Eis verhärtete Wasser) erst
mit Feinsand oder mit Ismaris [Schmirgel], sodann auf der Bleiplatte
mit bestem Ziegelstaube und Speichel (saliva), zuletzt aber mittelst
feinster Hirschhaut poliert[5104], jedoch auch durch Einlegen in
frisches [überaus heißes] Bocksblut erweicht, und dann durch Sägen
(unter Benützung äußerst zarten und scharfen Sandes) nach Belieben
zerschneidet[5105].
In ähnlicher Weise wie Glaswaren verziert man auch +Tonwaren+, bemalt
sie mit bunten Glaspulvern oder anderen passenden Farben, belegt sie
mit Gold- oder Silber-Blättern usf. und setzt sie dann vorsichtig zum
Brennen in die Öfen[5106].
e) Marcus Graecus.
Unter den chemischen Schriften des frühen Mittelalters, die man
auf griechischen Ursprung zurückzuführen pflegt, gebührt dem sog.
„Feuerbuche“ des ~Marcus Graecus~ eine hervorragende Stelle, schon
weil es u. a. eine der ersten Vorschriften zur Darstellung des
Schwarzpulvers enthält, die sogar unbestritten als überhaupt erste
gelten müßte, wenn (wie man lange, ja vielfach bis in die neueste Zeit
hinein glaubte) das „Feuerbuch“, so wie es uns heute vorliegt, als ein
Erzeugnis des 8. oder 9. Jahrhunderts anzusehen wäre.
Mit gewohntem Scharfsinne verfocht indessen bereits 1805 ~Beckmann~
die Meinung, daß dieses Werk in der Form, in der wir es gegenwärtig
besitzen, nicht vor etwa 1250 niedergeschrieben sein könne[5107]; nach
~Kopp~[5108] weicht überdies die ältere Fassung, d. i. jene der 1438
vollendeten Münchener Handschrift, in vielen Punkten sehr erheblich
von der jüngeren ab, die z. B. das Pariser Manuskript Nr. 7156 bietet.
Im 16. und 17. Jahrhundert kennen den ~Marcus Graecus~ u. a. ~Porta~,
~Biringucci~, ~Cardanus~ und ~Scaliger~, letzterer wohl auf Grund
seiner Studien in der Pariser Bibliothek. Den in Nr. 7156, sowie in
noch einem anderen Pariser Manuskript enthaltenen Text gab aber erst
1804 ~La Porte du Theil~ heraus, jedoch nur in ganz wenigen Exemplaren,
die nicht in den Handel gelangten, so daß ihn ~Hoefer~ 1842 in seiner
„Geschichte der Chemie“ zum ersten Male vollständig zu veröffentlichen
glaubte[5109]; ~Beckmann~, und später auch ~Kopp~[5110], war indessen
die Publikation ~La Porte du Theils~ bekannt.
~Berthelot~ nennt bei Besprechung dieser Verhältnisse[5111] die Namen
~Beckmanns~ und ~Kopps~ nicht und übergeht es auch mit Stillschweigen,
daß letzterer die Verschiedenheiten der jüngeren Pariser und der
älteren[5112] Münchener Handschrift bereits erwähnt und betont[5113].
Auf Grund der von ihm selbst vorgenommenen Prüfung und Vergleichung
beider Manuskripte bezeichnet er den ~Hoefer~schen Abdruck als
fehlerhaft und flüchtig[5114] und beschuldigt ~Hoefer~ auch, die
(vermutlich bei ~Dutens~ vorgefundene) falsche Behauptung wiederholt zu
haben, daß ~Marcus Graecus~ schon seitens des arabischen Arztes ~Mesue~
zitiert werde[5115]; hierzu ist jedoch zu bemerken, daß die Schriften
mindestens des älteren der beiden unter diesem Namen berühmten Ärzte
(aus dem 9. und 11. Jahrhundert) von sehr zweifelhafter Echtheit
sind, daß ~Hoefer~ es dahingestellt sein läßt, ob ein dort angeblich
genannter ~Marcus~ gerade ~Marcus Graecus~ sei, und daß ~Kopp~
diese Bemerkungen ~Hoefers~ in seinen „Beiträgen“ auch ausführlich
wiedergibt[5116].
~Berthelot~ selbst neigt zur Annahme, das „Feuerbuch“ sei ursprünglich
in griechischer Sprache abgefaßt, sodann in die arabische und
schließlich in die lateinische übersetzt worden, wobei es zahlreiche
Ergänzungen und Einschiebungen erfahren haben mag, die letzten im
Laufe des 13. Jahrhunderts[5117]; sein eigentlicher Verfasser könnte
vielleicht der nämliche Chemiker gewesen sein, der als ~Markos~,
~Markusch~, „König ~Marchus~“ und „~Markusch~, König von Ägypten“
in einigen späten und unklaren orientalischen und lateinischen
Überlieferungen auftaucht[5118], dessen „Gespräche“ die syrischen
Manuskripte, und dessen „Künste“ die von ~Carra de Vaux~ übersetzten
arabischen „Wundergeschichten“ rühmen[5119]. Das Vorhandensein eines
Manuskriptes mit dem +griechischen+ Titel „περὶ τῶν πυρῶν“ in einer
englischen Bibliothek erwähnte schon 1733 ~Jebb~, der erste und sehr
willkürliche Herausgeber von ~R. Bacons~ „Opus majus“, doch zitiert er
aus ihm nur lateinische Sätze, deren genaue Übereinstimmung mit den in
anderen lateinischen Vorlagen enthaltenen den Schluß rechtfertigt, daß
auch der Text, den er benützte, ein +lateinischer+ war[5120]. Weiteres
über jenes Manuskript scheint auch nicht wieder verlautet zu sein,
wir besitzen ferner weder eine Handschrift aus früherer griechischer,
noch aus späterer byzantinischer Zeit, während wiederum von einer
+selbständigen+ litterarischen Produktion der jüngeren Byzantiner auf
naturwissenschaftlichem Gebiete allen neueren Forschungen zufolge
überhaupt nicht die Rede sein kann[5121]; endlich wurde bisher
auch keine arabische Übersetzung aufgefunden, und die gegenwärtig
bekannten lateinischen Texte stammen erst aus der Zeit gegen 1300,
der auch die meisten anderen im Pariser Codex Nr. 7156 enthaltenen
angehören[5122]. Die Hinweise auf arabische Quellen, deren Benützung
~Kopp~ sowie ~Berthelot~ annehmen[5123], müssen übrigens Zweifeln
begegnen, denn Worte wie Alkitran (= Pech), Zambac (ein flüchtiges Öl),
Kampher u. dgl.[5124], oder Anschauungen wie die von ~Aristoteles~
als magischem Künstler und Erfinder[5125], können sehr wohl auch auf
spanische, provençalische oder italienische Vermittlung zurückgehen;
ganz irrtümlich ist endlich ~Berthelots~ Identifikation[5126]
des ~Hassan al Rammah~, angeblichen Verfassers eines arabischen
Feuerwerksbuches um 1300, mit ~Ibn Amram~, einem gelehrten arabischen
Botaniker und Arzte (?) gegen 900.
Immerhin ist es nicht unmöglich, daß das „Feuerbuch“ tatsächlich
zuerst von einem Griechen ~Markos~ und in griechischer Sprache
geschrieben wurde; in diesem Falle dürfte es jedoch anfänglich +allein+
von Brandsätzen, allenfalls auch vom sog. „griechischen Feuer“ des
~Kallinikos~ (7. Jahrhundert) u. dgl. gehandelt haben, worauf schon
der Titel „Liber ignium ad comburendos hostes“ hinweist, der vom
„Verbrennen der Feinde“ spricht, und nicht etwa vom „Erschießen“. Die
Anwendung von Zündmassen und Brandsätzen aus leicht entflammbaren
Bestandteilen war schon der Kriegskunde des frühen Altertums durchaus
geläufig[5127], später aber kannte man insbesondere auch solche, die
Ätzkalk, Schwefel, Erdöle usf. enthielten und sich beim Benetzen
(infolge der Wärmeentwicklung beim Ablöschen) entzündeten; zu diesen
zählen u. a. auch die von ~Livius~ (aus dem Jahre 186 v. Chr.)
erwähnten „Fackeln der Bacchantinnen“, die sich beim Eintauchen in
Wasser entflammten[5128], die Brandsätze, deren ein Einschiebsel des
7. (?) Jahrhunderts in den „Kesten“ des ~Sextus Julius Africanus~
gedenkt[5129], sowie ähnliche Zündmassen, deren Rezepte sich bis
auf das Sammelbuch des ~Jehan le Begue~ von 1431 fortgeerbt zu
haben scheinen[5130]. Angeblich konnten ihre durch Wasser nicht zu
erstickenden Flammen allein durch den mit so besonders kalter Natur
begabten Essig gelöscht werden[5131].
Das „griechische Feuer“, das der byzantinische Architekt ~Kallinikos~
(aus Heliopolis in Syrien) im Jahre 678 in Konstantinopel einführte,
bestand aus Mischungen von leichtflüchtigen Erdölen (oder aus Lösungen
von Harz, Asphalt, Teer u. dgl. in solchen Ölen) mit feingepulvertem
gebranntem Kalk, und entzündete sich beim Aufspritzen auf Wasser
infolge der heftigen Reaktionswärme des sich ablöschenden Ätzkalkes.
~Berthelots~ Behauptung, „die Basis des griechischen Feuers, das die
Araber den Byzantinern entlehnt und gegen 1300 nach dem Westen gebracht
hätten, sei Salpeter gewesen“, und das „sal coctum“ (gekochtes Salz)
in den einschlägigen, bei ~Marcus Graecus~ wiedergegebenen Rezepten
bedeute Salpeter[5132], ist völlig irrtümlich und unhaltbar[5133].
Abgesehen davon, daß Salpeter, nach allem was man bisher weiß, im
Abendlande vor dem 13. Jahrhundert nicht bekannt war, und daß dem
Schwarzpulver analoge Mischungen, selbst wenn man sie schon 678 zu
bereiten verstanden hätte, auf Wasser gespritzt oder gegossen nicht
in Brand geraten wären, ist auch das „sal coctum“ nichts weiter als
ein feinkörniges, aus Sole gekochtes Salz, im Gegensatze zu dem im
nämlichen Abschnitte erwähnten grobkörnigen gewöhnlichen „sal commune
grossum“[5134]; im Münchener Manuskript +fehlt+ überdies die Vorschrift
seines Zusatzes[5135], der wohl allein deshalb erfolgte, weil man die
intensiv gelbe Kochsalzflamme auch für ganz besonders heiß hielt[5136].
Erst in späterer Zeit wurden in den Text des ~Marcus Graecus~ jene
Rezepte eingeschoben, die die Bereitung des Schwarzpulvers aus Kohle,
Schwefel und Salpeter, sowie dessen Benützung zur Herstellung von
Raketen (ignis volans = fliegendes Feuer) und anderen Feuerwerkskörpern
zum Gegenstande haben[5137], und die zudem der (ältere) Münchener Codex
größtenteils noch gar nicht enthält[5138]; wie neu der Salpeter zur
Zeit ihrer Abfassung noch war, geht aus der Tatsache hervor, daß der
Autor glaubt, zunächst erklären zu müssen, was Salpeter eigentlich ist:
„Sal petrosum est minera terrae ..., reperitur in scrophulis contra
lapides“, „Salpeter ist ein Mineral aus dem Erdboden, ... wird aber
auch als Ausschwitzung an den Mauern gefunden“.
Als jüngere, aber allerdings nicht genau zu datierende Interpolationen
sind auch die Vorschriften des Münchener Codex über Destillation
anzusehen[5139]. Vom Terpentin (terebentinum) wird gesagt[5140], daß
man es bei gelindem Kohlenfeuer in Gestalt einer wasserhellen und
wasserklaren Flüssigkeit so wie Rosenwasser destillieren könne, wobei
jedoch große Vorsicht geboten sei, wegen des „etor et incendium“;
~Berthelot~ übersetzt dies mit „odeur et risque d’incendie“[5141],
gemeint ist aber „+Dunst+ und Feuersgefahr“, und im Sinne eines
„subtilen Dunstes“ findet sich das Wort auch anderweitig schon
frühzeitig gebraucht, z. B. in der (gelegentlich von ~Berthelot~
selbst zitierten) um 1200 verfaßten lateinischen Übersetzung eines
alchemistischen Traktates des ~Pseudo-Platon~, woselbst es heißt:
„Ether est substantia lucis, vacua accidentibus“, „Äther ist die
Substanz des Lichtes und frei von jeder Beimischung“[5142]. Durch
Destillation wird ferner das [von den arabischen Ärzten seit jeher als
besonders heilkräftig gerühmte] „Oleum laterinum“ (Ziegelöl) bereitet,
das man durch Zersetzung von Lein-, Nuß- oder Hanföl an glühenden
Ziegelbrocken und durch Übertreiben der entstehenden aromatischen
Produkte gewinnt[5143]. Nur im Anhange des Codex beigeschrieben findet
sich endlich ein Rezept zur Darstellung des Weingeistes, das nahe
verwandt, aber nicht identisch mit dem des Pariser Manuskriptes Nr.
7156 ist[5144].
Dieses letztere schreibt vor[5145]: man löse „in una quarta“ [in einer
Quart, nicht in einem viertel Pfund, wie ~Berthelot~ meint] alten
dichten Rotweines 2 Skrupel feinstgepulverten Schwefels, 1 oder 2
Skrupel (?, ~Berthelot~ meint Pfunde) aus gutem Weißwein gewonnenen
Weinsteines, und 2 Skrupel gewöhnlichen groben Salzes; man fülle das
Ganze in eine „cucurbitam bene plumbeatam“, bringe den Helm (alembicum)
an und destilliere das „brennbare Wasser“ ab (destillabis aquam
ardentem), das man in einem geschlossenen Glasgefäße aufzubewahren
hat; ebenso wie „aqua ardens“ destilliert man auch Terpentin [für das
zuweilen die nämliche Bezeichnung gebraucht wird]. -- Der Zusatz des
flüchtigen und leicht entzündlichen Schwefels hat vermutlich den Zweck,
die „Brennbarkeit“ des Destillates zu fördern, während die Beigaben
von Weinstein und Salz den Siedepunkt des Phlegmas erhöhen, also die
Abscheidung reichlicher und wasserarmer Alkoholdämpfe beim Erhitzen
erleichtern. Die „cucurbita bene plumbeata“, in der dieses erfolgt,
ist übrigens kaum, nach ~Berthelot~, ein Gefäß aus Blei (alembic de
plomb), das zum Abdestillieren von Alkohol so ungeeignet wie möglich
wäre, sondern eher „ein gut plombiertes“ (= gedichtetes), oder, wie es
an anderer Stelle heißt[5146], „juncturis bene lutatis“, „eines mit gut
lutierten (d. h. mit Ton, lutum, verschmierten) Dichtungen“; ebenso hat
man unter der „cucurbita bene vitreata“ nicht, mit ~Berthelot~[5147],
ein „gut mit Firnis, vernix, gestrichenes Gefäß“ zu verstehen, sondern
ein „gut glasiertes“ (vitrum = Glas, Glasur). Das „sal comatum“, das
~Berthelot~ unerklärt ließ[5148], ist offenbar das feine, fadenartige
„Haarsalz“ (griechisch „Trichitis“; lat. coma = Haar); „classa“ (une
matière résineuse?) aber[5149] bedeutet „glaessa“ oder „glaessum“,
welches germanische Wort für Bernstein schon zur römischen Kaiserzeit
wohlbekannt war; „semen psillii“ endlich[5150] ist nicht Samen der
Petersilie, sondern Psyllium, Flohsamen.
Auf +Italien+ als das Land, in dem der lateinische Text (oder die
lateinische Übersetzung?) des sog. ~Marcus Graecus~ niedergeschrieben
wurde, deutet nach ~Berthelot~ die Erwähnung des „aes italicum“
hin, sowie die der „terra de Michna, dico Messinae“, also des
„italischen Erzes“ und der „Erde von Michna, d. i. Messina“[5151].
Diesen vereinzelten Anführungen mangelt es allerdings an zureichender
Beweiskraft, doch spricht eine andere Tatsache zugunsten der Vermutung:
das Pariser Manuskript Nr. 7156 und das analoge, gleichfalls zwischen
1275 und 1300 niedergeschriebene Nr. 6514, enthält nämlich neben dem
Text des ~Marcus Graecus~ noch eine ganze Anzahl von verschiedenen
Autoren herrührender Abhandlungen, die des sog. ~Arnaldus~ von
~Villanova~ und ~Raymund Lull~ noch mit keinem Worte gedenken[5152]
und zumeist auf griechische Tradition zurückgehen, daneben aber auch
einige arabische Fachausdrücke aufweisen. Zu diesen zählen nach
~Berthelot~ „Antimonium“[5153] und „Tutia, deren verschiedene Sorten
das Kupfer gelb machen“[5154], -- während das hier und bei ~Marcus
Graecus~[5155] zuerst nachweisbare „Lato“ (ad latonem deaurandum)
+kein+ arabisches Wort ist, vielmehr entsprechend ~Ducanges~
Vermutung von „Elektron“ stammt, was auch die Worte des ~Vincentius
Bellovacensis~ (um 1250) über das Messing bestätigen: „hoc aurum ...
vocatur electrum“, „diese goldige Masse nennt man Elektrum“[5156]. In
jenen Abhandlungen nun ist häufig von den zahlreichen Alchemisten des
12. und 13. Jahrhunderts in Nord- und Süditalien die Rede, und zwar
nach Namen, Wohnort und Stand, wodurch, soweit letzterer (wie sehr
oft) der geistliche ist, der Nachweis aus den Annalen der Minoriten,
Predigermönche usf. ermöglicht wird, durch den die erwähnten Angaben
Bestätigung finden. Diese geistlichen Alchemisten besitzen Bücher
chemischen Inhaltes, sie arbeiten praktisch über Metalle und andere
nützlich verwertbare Präparate[5157], geraten aber leicht in den
Verdacht der Zauberei, Ketzerei und Häresie[5158], und bedienen sich
deshalb, um ihre Forschungen und Resultate zu verbergen, nicht selten
der Kryptogramme[5159]; einige von diesen sind bisher unentzifferbar
geblieben, bei anderen ist die Enträtselung gelungen, z. B. bei dem
für „alchimia“, dem für Schwarzpulver (überliefert bei ~R. Bacon~) und
dem für Weingeist (s. oben).
f) Zeitalter der lateinischen Übersetzer und Pseudepigraphen.
α) +Übersetzer.+
Während die bisher besprochenen frühmittelalterlichen Werke vorwiegend
Chemisches oder Chemisch-Technologisches enthalten und nur ziemlich
selten, an vereinzelten Stellen, Anspielungen auf alchemistische Lehren
Raum geben, bilden diese letzteren den eigentlichen Gegenstand jenes
Teiles der abendländischen Litteratur, der auf arabische Vermittlung
zurückgeht. Die Frage, wie sich die Verbreitung alchemistischer Lehren
durch die Araber, üblicher Annahme gemäß hauptsächlich von Spanien
her, vermutlich aber auch von Sizilien, Italien und der Provence aus,
im einzelnen vollzog, kann (wie schon weiter oben bemerkt) auch heute
noch, trotz der andauernden Erschließung arabischer, spanischer,
katalonischer, provençalischer und italienischer Quellen, nach keiner
Richtung hin genügend beantwortet werden. Über Personen und Werke
der Anfangszeit, die einige schon mit dem 9. oder 10. Jahrhundert
einsetzen lassen, liegt immer noch dichtes Dunkel, viele Schriften
aus der +ersten+, gegen Ende des 12. Jahrhunderts beginnenden Periode
der lateinischen Übersetzungen erregen schon mannigfaltige Bedenken,
bei den meisten der +zweiten+, die bis in das letzte Viertel des 13.
Jahrhunderts hineinreicht, bleibt es aber, wie ~Kopp~[5160] treffend
ausspricht, nur zweifelhaft, ob die Frechheit im Unterschieben oder die
Leichtgläubigkeit im Hinnehmen größer gewesen sei, so daß mindestens
als unsicher anzusehen ist, was sich nicht ohne weiteres als unwahr und
gefälscht zu erkennen gibt.
Auch nach ~Berthelot~[5161] ist die Hauptzeit für die Abfassung der
lateinischen Übersetzungen das 12. und 13. Jahrhundert, und als ihre
Grenzwerke kann man einerseits das Buch des ~Morienus~ betrachten,
das nach ausdrücklicher Angabe des lateinischen Textes im Jahre
1182 vollendet ist, andererseits das sog. „Rosarium philosophicum“,
das anscheinend bald nach 1250 niedergeschrieben wurde[5162]. Die
+ältesten+ dieser Bücher sind nach ~Berthelot~ aus arabischen
Originalen übersetzt, -- vorsichtiger wird man, da diese bisher
unbekannt blieben, sagen müssen, daß sie sich für Übersetzungen aus
solchen geben --, und erweisen sich als formlose und ungeordnete
Kompilationen, die ganz vorwiegend den Theorien und Traditionen der
alexandrinischen Chemiker folgen, freilich unter zuweilen erheblicher,
oft völliger Entstellung des ursprünglichen Kernes[5163]. Die
+späteren+ dagegen[5164] haben hauptsächlich praktische Zwecke im
Auge, atmen in ihrer guten Disposition, wohlgeordneten Darstellung und
systematischen Vortragsweise den Geist der Scholastik und verraten
sich schon hierdurch als apokryph, -- ganz abgesehen davon, daß die
angeblichen arabischen Vorlagen durchwegs fehlen, daß die lateinischen
Handschriften erst gegen 1300 oder später auftauchen, und daß
~Vincentius Bellovacensis~ (der um 1250 schrieb), ~Albert der Grosse~
(der 1280 starb) und andere wichtige Autoren des 13. Jahrhunderts sie
noch nicht kennen.
Eine ausführliche Erörterung der genannten Übersetzungen ist an dieser
Stelle nicht beabsichtigt, um so mehr als sie selbständiger Gedanken
völlig ermangeln und sich ausschließlich auf die mehr oder minder
getreue Wiedergabe der in ihren Vorbildern enthaltenen beschränken;
größere Breite und Ausführlichkeit geht dabei keineswegs mit besserem
Verständnisse parallel.
Zu den wichtigsten Vertretern der ersten +älteren+ Gruppe gehören das
bereits weiter oben besprochene Buch des (als vorgeblicher Lehrer des
omajjadischen Prinzen ~Khalid ibn Jazid~ bezeichneten) ~Morienes~
oder ~Marianos~, dem der Überlieferung nach ein arabischer Text
des 8. Jahrhunderts zugrunde liegen soll[5165], ferner die seitens
der Späteren oft zitierten Schriften des ~Rosinos~, ~Rosinus~ oder
~Rubinus~, d. s. Auszüge aus den Werken des ~Zosimos~, die noch
vielerlei griechische Worte und Fachausdrücke enthalten[5166], und
endlich die sog. „Turba philosophorum“ (Versammlung der Philosophen).
Diese Abhandlung, deren Name „Turba“ bereits in religiösen Schriften
der ersten Jahrhunderte vorkommt[5167], während ihre Form schon bei
~Olympiodoros~, ja eigentlich schon bei ~Cicero~ ihr Vorbild hat[5168],
schildert die Beratungen einer Anzahl Alchemisten, die in wirrem
und völlig phantastischem Durcheinander, ohne eine Spur sachlichen
Verständnisses und ohne die geringste wirkliche Kenntnis der alten
Autoren deren vermeintliche Vorschriften und Theorien vortragen und
besprechen. Nach ~Berthelot~[5169] muß die benützte arabische Vorlage
einer sehr frühen Zeit entstammen, denn sie führt noch keine arabischen
Autoritäten an, sondern nur griechische (teils mit richtigen, teils
mit entstellten, teils mit erdichteten Namen), und zeigt sehr nahe
Beziehungen zu den Schriften der alexandrinischen Chemiker, besonders
denen des ~Pseudo-Demokritos~[5170]; aus diesen werden ganze Stellen
wiedergegeben, und zwar einige in zutreffender und sachgemäßer
Gestalt, andere in durch Mißverständnisse getrübter, und noch andere
(infolge falscher Auslegung und mystischer Einschiebungen) in völlig
sinnloser[5171]. -- Trotz ihrer wahrhaft trostlosen Inhaltsarmut
und Formlosigkeit erfreute sich übrigens gerade die „Turba“ eines
besonders großen Erfolges, sowie einer ganz ausnehmenden Beliebtheit
und Verbreitung; schon zu Beginn des 12. Jahrhunderts genießt
sie autoritatives Ansehen und ruft zahlreiche, meistens +noch+
minderwertigere Nachahmungen ins Leben.
Als bezeichnendes Produkt einer +etwas späteren+ Übergangszeit ist das
„Buch der Priester“ anzuführen („Liber sacerdotum“; nicht identisch mit
einem gleichnamigen, dem ~Alrazi~ zugeschriebenen), das ~Berthelot~
aus dem Pariser Manuskript Nr. 6514 abgedruckt hat[5172], leider
in völlig unkritischer Art und ohne irgendwelche Korrektur, so daß
selbst die unsinnigsten Schreibfehler, wie z. B. sol (Sonne) statt sal
(Salz) u. dgl., unverbessert stehen geblieben sind[5173]. Das Werk ist
vermutlich im 10. oder 11. Jahrhundert abgefaßt, im 12. oder 13. aber
durch einen nicht näher bekannten ~Johannes~ aus dem Arabischen in das
Lateinische übersetzt und dabei umgearbeitet[5174]. Die Bemerkungen
dieses Autors betreffs seiner Erfahrungen in Ferrara[5175], sowie
seine Versicherung[5176], gewisse Vorschriften seien wiedergegeben
„juxta assertionem Romanorum“, „gemäß Angabe der Römer“, -- die
~Berthelot~ irrtümlich für alte Römer hält --, bieten abermals
beachtenswerte Hinweise auf Italien. Der vorliegende lateinische Text
vereinigt, wie schon sein Titel erkennen läßt, hellenistische und
arabische Traditionen[5177], enthält viele aus dem Arabischen, aber
auch verschiedene aus dem Griechischen und einige aus dem Spanischen
entlehnte Worte[5178] und weist auch eine Art arabisch-lateinischen
Lexikons der Namen vielgebrauchter Chemikalien auf[5179]. Eine Auswahl
wichtiger Termini, die jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit
erhebt, bietet nachstehende Liste:
Alkali[5180].
Alkitran (Pech)[5181].
Alkool (ein feines Pulver, meist von Schwefelantimon)[5182].
Almizadir (Alnûschâdir, Salmiak)[5183].
Alumen scaiolae (Feder- und „kastilischer“ Alaun)[5184].
Attincar (Borax)[5185].
Azenzar, auch Azur (Zinnober)[5186].
Brunire (= deaurare, vergolden)[5187].
Calcitarin (Kupfervitriol u. dgl.)[5188].
Cinis clavellata (gestampfte Asche, Pflanzenasche)[5189].
Duenec (Vitriol)[5190].
Ismet, Ismit (Schwefelantimon)[5191].
Laton (Messing, franz. laiton)[5192].
Magnesia (der Glasmacher, und andere)[5193].
Marcacide, al-Marcacida (Markasit); auch „lapis canis“[5194].
Oleum laterinum (Ziegelöl)[5195].
Sapo, sapo gallicus (Seife, französische Seife)[5196].
Tartarus = faex vini (Weinstein)[5197].
Tutia (unreines Zinkoxyd u. dgl.)[5198].
Vermilio (ein Rötel?; franz. vermeil)[5199].
Ausführlich gedacht wird des Gold- und Silber-Machens, der Verwandlung
und Färbung der Metalle, der Diplosis, sowie der zugehörigen
Präparate[5200], u. a. des Quecksilbers und des Schwefels, die beim
Erhitzen schließlich Zinnober, anfangs aber nur eine schwarze Masse
liefern[5201]. Der „Stein zum Goldmachen“ heißt bald „Alkimia“,
bald „Kimium“, wird auch als Schmelze oder Lösung angewandt („aqua
alkimiae“) und ergibt „aurum optimum“, „bestes Gold“[5202]; ob die
Worte „dimitte in alkemia“[5203] nur als ungenaue Ausdrucksweise
anzusehen sind, oder ob Alkemia hier auch einen chemischen +Apparat+
bedeuten soll, bleibe dahingestellt.
β) +Fälscher+: ~Pseudo-Geber~, ~-Avicenna~, ~-Razi~, usf.
Unter den Pseudepigraphen der +letzten+ Periode, also des ausgehenden
13. Jahrhunderts, nehmen die wichtigste Stelle die Schriften des
sog. ~Geber~ ein, die man, wie schon weiter oben angeführt, bis
in die neueste Zeit für Übersetzungen solcher des ~Dschabir~, und
demgemäß als aus dem 8. oder 9. Jahrhundert stammend ansah, --
wodurch die Geschichte der Chemie in zahlreiche schwere und unlösbare
Widersprüche verwickelt wurde. Diese fielen allerdings schon manchen
Historikern des 17. und 18. Jahrhunderts auf, wie denn z. B. bereits
1718 ~Stahl~ in seinem Buch „Vom Sulphure“ berichtet, daß u. a. auch
die Lebensbeschreibung und die Werke ~Gebers~ für der Hauptsache
nach erdichtet und durchaus fragwürdig gelten[5204]; der Orientalist
~Reiske~ (1716-1774) nennt ~Geber~ den fabelhaften Autor angeblicher
alchemistischer Werke[5205]; ~Beckmann~ bezeichnet diese 1800 als
Fälschungen etwa des 12. Jahrhunderts[5206], ~Sprengel~ 1820 als
teils entstellt, teils unecht[5207], ~Davy~ 1820 als Kompilationen
von Alchemisten des 15. oder 16. Jahrhunderts[5208]; ~Wüstenfeld~
unterscheidet 1840 zwischen den Werken des ~Dschabir~ und den nur
„unter seinem Namen in [lateinischer] Übersetzung gedruckten Büchern“
des ~Geber~[5209]; 1856 sagt in seiner „Geschichte der Botanik“[5210]
~E. Meyer~, der selbst des Arabischen mächtig und mit den neueren
morgenländischen Forschungen vertraut war, „daß sich Geschichte und
Sage betreff des ~Geber~ vermischen, ... und dieser vielleicht gar nie
gelebt und geschrieben hat“; 1869 vertritt ~Latz~ die Meinung, „daß
den lateinischen Abhandlungen ~Gebers~ nie und nimmer ein arabisches
Original zugrunde lag, daß es sich vielmehr um abendländische
Schriften und einen fingierten Autor handelt“[5211]; 1871 endlich
erklärt ihn der Orientalist ~Steinschneider~ für „eine fast mythische
Person“[5212] und bemerkt, daß die ihm zugeschriebenen Kenntnisse in
den Werken des wahren ~Dschabir~ nicht zu finden seien. Diese letzteren
Hinweise waren es jedenfalls, die ~Kopp~ veranlaßten[5213], die von ihm
in der „Geschichte der Chemie“ (1843), und ebenso von ~Hoefer~ in der
„Histoire de la Chimie“ (1842 und 1866) festgehaltene Meinung von der
Echtheit der ~Geber~schen Schriften, in den „Beiträgen zur Geschichte
der Chemie“ einer Revision zu unterziehen[5214]: Die Mängel der älteren
Angaben über ~Geber~, sowie die Verwechslung mit Gleichnamigen, haben
bisher die Geschichtsforscher irregeführt[5215]; nach dem um 850 [in
Wirklichkeit 987] vollendeten arabischen Sammelwerke „Fihrist“ war aber
schon zu jener Zeit nichts Sicheres über ~Gebers~ Person, die Tatsachen
seines Lebens und die Echtheit der zahlreichen ihm zugeschriebenen
Werke bekannt[5216], und die im „Fihrist“ aufgezählten Büchertitel
sind nicht die der angeblichen ~Geber~schen Schriften[5217]; auch
die Verfasser der großen arabischen „Lexica der Biographien“, ~Ibn
Khallikan~ im 13. und ~Hadschi Khalifa~ im 16. Jahrhundert, führen
jene Werke nicht an und nennen auch nichts, was als deren arabisches
Original gelten könnte[5218]; wie der Orientalist ~Weil~ feststellte,
spricht auch kein Umstand dafür, daß die vorliegenden lateinischen
Texte des ~Geber~ aus dem Arabischen übersetzt seien[5219], und
kein wirklicher Araber des nämlichen oder eines späteren Zeitalters
besitzt die in ihnen niedergelegten, geschweige denn erweiterte
Kenntnisse[5220]. Erwäge man endlich, daß die ~Geber~schen Abhandlungen
durchaus die gute scholastische Form und Darstellungsart aufweisen,
daß erst die Schriftsteller um und nach 1300 sie zitieren, und daß
Handschriften aus früherer Zeit nicht, solche aus der genannten und
aus späterer aber in ziemlicher Anzahl vorliegen[5221], so komme man
zum Schlusse, daß zwischen dem Inhalte der arabischen Schriften des
~Dschabir~ und der lateinischen des ~Geber~ irgendwelche Zusammenhänge
nicht nachgewiesen und auch gar nicht glaublich seien[5222]. Nur „mit
einem nach dem Vorhergehenden leicht zu bemessenden Vorbehalte“
meint ~Kopp~, in seiner gewohnten großen Zurückhaltung und Vorsicht,
die fraglichen Werke noch insolange „als solche ~Gebers~ bezeichnen,
und darauf, daß sie aus dem Arabischen übersetzt seien, Bezug nehmen
zu dürfen“, als für ihre „Unechtheit und Entstellung“ nicht auch
der +positive+ Beweis geliefert sei[5223]. -- Insoweit nun, allem
Dargelegten zufolge, ein solcher wirklich noch von nöten war, hat ihn
~Berthelot~ durch die sehr verdienstliche Herausgabe der (schon weiter
oben besprochenen) Schriften des echten ~Dschabir~ erbracht und dadurch
den letzten Ring in die Beweiskette des fast allzu gewissenhaften
~Kopp~ eingefügt; dafür aber, daß er seiner Vorgänger, und vor allem
~Kopps~, auch bei diesem Anlasse +mit keinem Worte+ Erwähnung tut,
alles Verdienst vielmehr mit größtem Nachdruck und bei jedem Anlasse
immer aufs neue +ganz allein sich selber+ zuschreibt, gibt es keine
Erklärung.
Auf den Inhalt der sog. ~Geber~schen Schriften hier des näheren
einzugehen, ist nicht erforderlich, um so mehr als alle größeren
chemischen Geschichtswerke in dieser Hinsicht Ausführliches bieten. Es
sei jedoch daran erinnert, daß ~Geber~ u. a. zahlreiche verbesserte
Verfahren und Apparate zum Verdunsten, Kochen, Filtrieren, Schmelzen,
Sublimieren, Destillieren und Krystallisieren mit außerordentlicher
Klarheit und Genauigkeit schildert; daß er verschiedene Vitriole
und Alaune, das mineralische und vegetabilische Alkali, den Salmiak
und Salpeter usf. annähernd rein zu erhalten versteht; daß er durch
Erhitzen von Schwefel mit Alkalien sog. Schwefelleber, und durch Fällen
einer Lösung von Schwefel in Ätzlauge mittelst Essigsäure Schwefelmilch
zu bereiten, ferner Quecksilberoxyd, Sublimat, Zinnober, Silbernitrat,
Bleiacetat und andere Acetate, rein und zum Teil krystallisiert zu
gewinnen weiß; daß er die Darstellung unreiner Schwefelsäure durch
trockene Destillation des Alauns und die der Salpetersäure durch
Erhitzen eines Gemenges von Salpeter, Vitriol und Alaun beschreibt, und
endlich auch die Entstehung des Königswassers beim Lösen von Salmiak
in Salpetersäure, sowie die Löslichkeit des Schwefels und des Goldes
im Königswasser kennt[5224]. Die Fragen, woher der Verfasser der sog.
~Geber~schen Schriften sein Wissen geschöpft hat, und wo, wann zuerst,
und durch wen, die Verfahren und Methoden entdeckt und ausgebildet
wurden, die uns bei ihm, gegen Ende des 13. Jahrhunderts, in völliger
Vollendung, demnach als Ergebnisse einer längeren Entwicklungszeit
entgegentreten, lassen sich vorerst nicht beantworten, und gehören
zu den dunkelsten, weiterer Aufklärung bedürftigsten, in der ganzen
Geschichte der Chemie[5225]. Die Araber spielen auf diesem Gebiete
keinesfalls die ihnen früher zugeschriebene, allgemein bahnbrechende
Rolle, bleiben doch z. B. die so ungeheuer wichtigen, gegen 1300
auftauchenden Mineralsäuren, bei ihnen und im ganzen Bereiche der
rein arabischen Chemie noch jahrhundertelang unbekannt und unbenützt.
Dagegen weisen auch hier viele Umstände auf Italien hin: von dort
scheint die nähere Kenntnis des Salpeters und die Bekanntschaft mit dem
Schwarzpulver auszugehen; von „römischem Harz“, „Körnern der Franken“,
„fränkischen Verfahren“ sprechen die jüngsten Einschiebsel der
syrischen Manuskripte; mit dem Worte σαλονίτρον (Salonítron), das dem
italienischen Salnítro nachgebildet ist, und +nicht+ (wie zu erwarten
wäre) mit ἁλονίτρον (Halonítron), bezeichnen die späten Byzantiner
den Salpeter; „römischen Vitriol“ (richtiger Alaun) empfehlen ihre
schon weiter oben erwähnten Rezepte zur Darstellung der Schwefelsäure
und der Salpetersäure, die „ὕδωρ ἰσχυρόν“ (aqua fortis, ital. aqua
forte) genannt wird (λέγεται), wenn sie den Helm, τὸ καπούτζιν (ital.
capuccio, Kaputze), des Destillations-Apparates verläßt; ähnliche, dem
Italienischen entlehnte Bezeichnungen für Chemikalien und chemische
Verfahren finden sich auch sonst noch in größerer Zahl (s. oben).
Reich wie an wertvollen einzelnen Tatsachen erweisen sich die
~Geber~schen Schriften auch an wichtigen allgemeinen Betrachtungen; die
besondere Originalität, die man für diese in Anspruch zu nehmen pflegt,
kommt ihnen jedoch in Wahrheit nicht zu, und dies gilt vor allem,
entgegen den Annahmen sämtlicher bisheriger Historiker der Chemie, für
die Theorie vom Bestehen der Körper, und insbesondere der Metalle,
aus Schwefel und Quecksilber. Dieser Gedanke, der vom +chemischen+
Standpunkte aus ganz unbegreiflich, ja völlig widersinnig erscheint,
ist in der Tat nicht +chemischen+ Anschauungen entsprossen, sondern
gewissen Grundsätzen spätgriechischer +Philosophen+: er beruht nämlich
auf den Lehren, daß alle Körper wechselnde Mischungen sämtlicher vier
Elemente enthalten müssen, daß unter diesen einerseits die „aktiven“,
d. s. Feuer und Luft, andererseits die „passiven“, d. s. Wasser und
Erde, zwei in vielen Hinsichten teils einander entgegengesetzte, teils
einander ergänzende Gruppen bilden, und daß als deren geeignetste und
geradezu typische Vertreter der brennbare und als Dunst verfliegende
(also viel Feuer und Luft enthaltende) Schwefel, sowie das flüssige
und metallische (also an Wasser und Erde reiche) Quecksilber anzusehen
sind. Bereits in der großen arabischen Enzyklopädie der sog. „~Lauteren
Brüder~“ (richtiger: „~Treuen Brüder~“), die im 10. Jahrhundert
abgefaßt ist, aber durchweg auf weit ältere Vorlagen zurückgeht,
tritt diese Lehre (wie schon weiter oben ausgeführt wurde) im steten
Verbande mit anderen rein griechischer Herkunft in völlig bestimmter,
rein dogmatischer Gestalt auf und wird ohne jeden Anspruch auf
Neuheit als etwas Selbstverständliches und zweifellos Feststehendes
vorgetragen. Die späteren Araber haben sie demnach, wie so unzähliges
andere, den Schriften älterer Vorfahren entnommen, allenfalls (ihren
Gewohnheiten entsprechend) erweitert und verbreitert, und in dieser
Gestalt ihren jüngeren Nachfolgern und Nachahmern zugebracht. Wenn
also, wieder aus +deren+ Werken schöpfend, z. B. der sog. ~Geber~
sagt, der Schwefel (als dessen bloße Abart ihm auch das Arsen gilt)
sei das Prinzip der Verbrennbarkeit und Flüchtigkeit, das Quecksilber
bestehe aus Wasser und Erde, beide zusammen ergäben die Metalle, wobei
ein höherer Gehalt an Schwefel die minderwertige Beschaffenheit, ein
solcher an Quecksilber aber die größere Vollkommenheit bedinge, so
daß u. a. Blei auf Zufuhr weiteren Quecksilbers hin in Zinn übergehe,
usf.[5226]: so kommen hier nicht, wie ~Kopp~ meinte[5227], „Verwebungen
der aristotelischen Lehren von den vier Elementen mit +neuen+
Betrachtungen über Schwefel und Quecksilber in Frage“. Ebenso ist auch
~Berthelot~ im Unrecht[5228], der in der Lehre vom Bestehen der Metalle
aus mehr oder weniger großen Mengen Schwefel und Quecksilber von
mehr oder minder hoher Reinheit eine „doctrine singulière“ erblickt,
hervorgegangen vielleicht durch „modification profonde“ der Ideen des
~Synesios~ und ~Stephanos~ über die Fixierung des Quecksilbers durch
den Schwefel (bei der Bildung des Zinnobers); da sich in den Schriften
des ~Dschabir~ nichts Zugehöriges findet, soll diese „modification“
erst im 11. Jahrhundert stattgefunden haben, und zwar wohl durch
~Avicenna~, worauf sie dann im 12. Jahrhundert aus den arabischen
Originalen des ~Avicenna~ und des ~Pseudo-Aristoteles~ auch in Europa
bekannt und dort alsbald allgemein angenommen wurde[5229].
Wie indes schon weiter oben erwähnt, ist ~Avicennas~ „De anima“
benannte „Alchemie“ +selbst+ eine ganz späte pseudepigraphische
Schrift, für die man ein arabisches Original weder kennt noch
vorauszusetzen hat, deren Verfasser aber vermutlich mit den älteren
arabischen Quellen vertraut war und vieles aus ihnen schöpfte[5230].
Beweisen, wie den von ~Berthelot~ versuchten, kann sie daher als
zureichende Grundlage nicht dienen.
Das nämliche gilt betreffs der Abhandlung „De perfecto magisterio“
(„Vom vollkommenen Elixir“) des ~Pseudo-Aristoteles~ und der mit ihr
vielfach genau übereinstimmenden Schrift „Lumen luminum“ („Licht
der Lichter“) des ~Alrazi~, richtiger (wie ebenfalls bereits weiter
oben dargelegt) ~Pseudo-Razi~. Diese dürfte, da ihrer ~Vincentius
Bellovacensis~ noch nicht gedenkt, erst nach 1250 abgefaßt sein[5231]
und zeigt streng scholastische Eigenart, mindestens in ihrer
ursprünglichen, in den Pariser Manuskripten erhaltenen Fassung, denn
eine spätere (u. a. im „Theatrum Chemicum“ von 1616 abgedruckte)
enthält zahlreiche Interpolationen aus dem arabischen (?) „Buch des
Emanuel“ und „Buch der zwölf Wässer“[5232]; sie definiert die Chemie
als eine irdische Astrologie, erörtert daher in eingehender Weise die
Beziehungen der Metalle zu Planeten und Geistern, und bespricht die
Darstellung von Gold und Silber mit Hilfe des Elixirs, das der „Stein
der Philosophen“ und zugleich das „Wasser des ewigen Lebens“ (aqua
vitae) ist[5233]. -- Den gleichfalls pseudepigraphischen Charakter
der dem ~Vincentius Bellovacensis~ noch unbekannten Abhandlung des
~Pseudo-Razi~ „De salibus et aluminibus“ („Über Salze und Alaune“)
erkannten schon 1832 ~Schmieder~[5234] und 1866 ~Steinschneider~[5235],
welcher letztere bemerkt, daß der Verfasser sich selbst als in Spanien
wohnhaft bezeichnet, von einem Vitriol als „bei uns in Spanien
vorkommend“ spricht[5236] und neben ~Geber~ auch ~Gilgil~ zitiert,
d. i. ~Ibn Dschuldschul~, der um das Jahr 1000 in Spanien wirkte;
~Kopp~ gibt diese Angaben ausführlich wieder[5237], während ~Berthelot~
auch hier seine Vorgänger vollständig übergeht[5238].
g) Die „Autoritäten“ des 13. Jahrhunderts.
Den im vorstehenden genannten apokryphen und pseudepigraphischen
Schriften, sowie ihren gleichartigen Nachahmungen und Erweiterungen,
verdanken den Hauptteil ihrer einschlägigen Kenntnisse diejenigen
Autoren des 13. und beginnenden 14. Jahrhunderts, aus deren Werken,
echten oder +abermals+ untergeschobenen, das ganze weitere Mittelalter
und die Neuzeit (bis fast zur Gegenwart) ihre alchemistische Weisheit
schöpften, das sind ~Albert der Grosse~, ~Thomas von Aquino~,
~Vincentius Bellovacensis~, ~Roger Bacon~, ~Arnoldus von Villanova~
und ~Raymund Lull~[5239]. Daß schon bei ihnen, geschweige denn
bei ihren Nachfolgern, die alten hellenistischen Traditionen der
Alchemie sowie die griechischen Eigennamen und Fachausdrücke teils
ganz der Vergessenheit anheimfallen, teils nur mehr undeutlich und
entstellt unter der immer dichteren Schicht „arabischen“ Firnisses
hindurchschimmern, vermag angesichts der geschilderten Art der
Überlieferung nicht wunder zu nehmen. Auf die hohe allgemeine Bedeutung
dieser Schriftsteller und auf die hervorragende Wichtigkeit ihrer
eigentlichen, der Theologie, Philosophie, Medizin usf. zugehörigen
Hauptwerke einzugehen, ist an dieser Stelle ganz ausgeschlossen, und es
mögen daher einige wenige, nur die Geschichte der Chemie und Alchemie
betreffende Andeutungen genügen.
~Albert von Bollstaedt~, geboren 1193 zu Lauingen an der Donau,
gestorben 1280 als emeritierter Bischof von Regensburg zu Köln,
wegen seiner umfassenden und allseitigen Gelehrsamkeit ~Albertus
Magnus~ zubenannt[5240], zählt zu den Häuptern der Scholastik und
schreibt, ihren Grundsätzen gemäß, nicht als selbständiger Forscher,
sondern als vielbelesener Gelehrter, dessen Richtschnur die von der
Kirche anerkannten „Autoritäten“ sind, und der als „zulässig“ nur
solche Ergebnisse anstrebt und (anscheinend absichtslos) auch stets
erreicht, die zu deren schon im voraus als unfehlbar feststehenden
„Meinungen“ stimmen, mögen letztere nun der Wahrheit entsprechen oder
nicht.
Was die chemischen Anschauungen des ~Albertus Magnus~ betrifft, so
ist die schon im 14. Jahrhundert vielgelesene Schrift „De mirabilibus
mundi“ („Von den Wundern der Welt“), die u. a. vom Salpeter (sal
petrosum), dem Schwarzpulver und der Herstellung von Feuerwerkskörpern
(Raketen, Kanonenschlägen) berichtet, fraglos +unecht+[5241];
+untergeschoben+ sind auch, wie man schon im 17. Jahrhundert einsah,
das Buch „Compositum de Compositis“[5242], sowie die „Alchemie“
(Liber de Alchemia)[5243], die sich im Mittelalter gleichfalls großen
Ansehens erfreute und nach ~Berthelot~ zu den ganz vereinzelten
abendländischen Werken gehört, die noch in spätbyzantinischer Zeit
unter dem Namen des Ἀμπέρτος Θεοτονικός (= ~Albertus Teutonikos~,
~Albert des Deutschen~), in das Griechische übersetzt wurden[5244].
Echt sind dagegen die Bücher „De mineralibus“, aus denen (und aus
einigen anderen Schriften) schon ~Kopp~ die wichtigsten einschlägigen
Stellen ausgezogen und dazu bemerkt hat, daß aus ihnen teils rein
aristotelische, teils arabische Lehren und Anschauungen sprechen[5245]:
Die Metalle sind, wie alle Substanzen, aus sämtlichen vier Elementen
zusammengesetzt, bestehen aber zunächst (der „materia proxima“ nach)
aus mehr oder weniger großen Mengen mehr oder minder reinen Schwefels
und Quecksilbers, von denen der flüchtige und verbrennliche (daher als
„fettig“ bezeichnete) Schwefel vorwiegend Luft und Feuer enthält, das
flüssige und metallische Quecksilber aber Wasser und Erde[5246]. Die
Verwandlung der Metalle durch Tinkturen und Elixire, wie sie ~Hermes~,
~Pythagoras~, ~Kallisthenes~, ~Platon~ und ~Aristoteles~ lehrten, ist
und scheint gemäß deren bisher unwiderlegter Autorität möglich, --
von +eigenen+ Erfahrungen ist nirgends die Rede --, und zwar erfolgt
sie entweder auf dem Wege über die „Materia prima“, oder analog der
„Säuberung“ kranker Körper durch „Medizinen“, die die Wirksamkeit der
Natur unterstützen: indem die „affinitas“ und „cognatio“ (Affinität,
Verwandtschaft) das gleiche zum gleichen ziehen, und +ein+ Stoff stets
in den nächstverwandten übergeht, entsteht schließlich das Gold, --
nicht anders, wie auf dem besten und geeignetsten Boden aus +jedem+
Getreidesamen Weizen hervorsprießt[5247]. Das weiße und gelbe Metall
hingegen, die man aus Kupfer durch Arsen und durch Calamina (Galmei),
oder durch die „ex fumo“ (aus Rauch) gewonnene Tuchia (Tutia) gewinnt,
indem man sie mit Hilfe eines Flußmittels zusammenschmilzt und legiert
(ligatur per oleum vitri supernatans), sind +nicht+ Silber und Gold,
obwohl das die Fälscher und Betrüger in Paris und Köln behaupten,
sondern eine Art Erz (aes, aurichalcum)[5248].
Salmiak und Salpeter kennt ~Albertus Magnus~ noch nicht[5249], dagegen
erwähnt er verschiedene „Stiptica“, d. s. Alaune und Vitriole,
z. B. weißen und roten, gelben (alkofol = feingepulvert) und grünen
(alkanthus = chalkanthum), „der von einigen auch ‚Vitreolum‘ genannt
wird“[5250]; daß, wie man lange Zeit glaubte, diese (vermutlich schon
in der klassischen Zeit übliche) Bezeichnung hier zum ersten Male
nachweisbar sei, ist irrtümlich, denn sie taucht (wie weiter oben
angeführt) schon in den „Compositiones ad tingenda musiva“ auf[5251]
und wird auch in den Kommentaren der salernitanischen Autoren als eine
schon wohlbekannte gebraucht, z. B. in dem (um 1150 verfaßten) des
~Platearius~ zu dem weltberühmten „Antidotarium“ des ~Nikolaos~[5252].
Mineralische Säuren sind dem ~Albertus Magnus~ ebenfalls noch
unbekannt; Essig bildet sich nach ihm, den antiken Traditionen getreu,
aus dem Wein, indem dessen heiße und feurige Teilchen verfliegen,
während die kalten zurückbleiben, -- wodurch die so äußerst kalte
Natur des Essigs ihre vollkommene Aufklärung erfährt[5253]. -- Wird
alter starker Wein „nach Art des Rosenwassers sublimiert“, so geht
anfangs eine Flüssigkeit über, die „obenauf schwimmt, von ölartiger,
fettartiger [d. h. verbrennlicher) Natur und leicht entzündlich ist“,
„liquor supernatans, humor oleaginosus, unctuositas inflammabilis“,
[d. i. der +Alkohol+][5254]; mit einem besonderen +Namen+ bezeichnet
sie ~Albertus Magnus~ noch nicht, auch macht er keine näheren Angaben
über die Destillation des Weines, während er an anderen Stellen der
„Alutel“ zum „Sublimieren“, des Destillierhelmes (alembicus), sowie des
Wasserbades (vas aquae bullientis) wiederholt gedenkt, ferner auch vom
Quecksilber berichtet, daß man es in einem (nur unklar beschriebenen)
Gefäße mit langem Halse und einer langen Röhre zur Verdichtung der
Dämpfe fast ohne Veränderung und Gewichtsabnahme oft „sublimieren“
könne[5255].
Wie die meisten dieser Beispiele zeigen, schöpft ~Albertus Magnus~
mit Vorliebe aus ~Aristoteles~ und ~Pseudo-Avicenna~ und bietet
nur wenig Eigenes; den Ausspruch „die Flamme ist nichts als ein
entzündeter Rauch“ nannte zwar ~Kopp~ „einen für seine Zeit
anerkennenswerten“[5256], doch übersah er hierbei, daß diese Definition
schon bei ~Aristoteles~ und bei ~Galenos~ zu finden ist.
So wenig wie ~Albertus Magnus~ ist auch ~Vincentius Bellovacensis~
(~Vincenz von Beauvais~, gest. 1256 oder 1264), der gelehrte Vorleser
und Prinzenerzieher am Hofe König ~Ludwigs des Heiligen~, ein
selbständiger Forscher; das umfangreiche Wissen, das sein um 1250
vollendetes „Speculum naturale“ (ein Teil seiner großen Enzyklopädie)
verrät, gründet sich vielmehr ausschließlich auf vielerlei, meist
ohne jede Kritik und ohne weitere Verarbeitung einfach aneinander
gereihte Auszüge aus den klassischen Autoren, aus ~Isidorus
Hispalensis~ (gest. 636), aus ~Pseudo-Razi~, ~Pseudo-Avicenna~[5257],
nach ~Berthelot~[5258] ferner aus ~Averroes~, aus der lateinischen
Übersetzung des verlorenen arabischen „Buches der 70“ (dessen Kern
das gleichnamige Werk ~Dschabirs~ sein soll)[5259], +nicht+ aber aus
~Dschabir~ selbst (dessen Name jedoch zweimal genannt wird)[5260], und
auch +nicht+ aus ~Geber~[5261]. Über die Entstehung der Metalle aus
Schwefel und Quecksilber, über die Metallverwandlung durch Tinkturen
oder Elixire, sowie über die Erfolge der Projektion spricht er sich
genau nach ~Pseudo-Avicenna~ und im nämlichen Sinne wie ~Albertus
Magnus~ aus, auch äußert er gleich diesem einige schüchterne Zweifel
und bemerkt, daß die Alchemisten nicht selten auf trügerische Weise
verfahren[5262]. Was er von den vier Geistern, vom Herauskehren der
verborgenen Eigenschaften u. dgl. berichtet, ist gleichfalls dem
~Pseudo-Avicenna~ entlehnt[5263], ebenso der größte Teil dessen,
was er über Metalle und Mineralien vorbringt; +keine+ Erwähnung
tut er des Alkohols und der mineralischen Säuren, die (wie schon
wiederholt angedeutet) erst um und nach 1300, und zuerst im Okzident
auftreten[5264].
Betreffs der übrigen weiter oben genannten „Autoritäten“ ist nur
weniges hinzuzufügen: ~Thomas von Aquino~ (1225 oder 1227-1274), die
Leuchte der Scholastik, dessen Ruhm sehr mit Unrecht den seines Lehrers
~Albertus Magnus~ überstrahlt, zweifelte zwar nicht an der Materia
prima, ihren Wandlungen unter dem Einflusse der von Geistern geführten
Gestirne, und ihrer Wichtigkeit für die Probleme der Herstellung des
Goldes, des Lebenswassers und des Steines der Weisen, sowie für jene
der Transmutation und der Alchemie[5265], hat aber fraglos selbst
niemals wirklich eine „Alchemie“ verfaßt[5266] und sagt ausdrücklich
mit aller Zurückhaltung: „machten die Alchemisten wahres Gold und
Silber, der Substanz und nicht bloß dem äußeren Scheine nach, dann
freilich wäre es auch nicht unerlaubt, es für wahres natürliches Gold
und Silber zu verkaufen“[5267]. Desgleichen sind die dem ~Roger Bacon~
(1214-1292?) zugeeigneten alchemistischen Werke „Breve Breviarium“,
„Tractatus trium verborum“, „Speculum Alchemiae“ u. dgl. bloße
Pseudepigraphen. Schon ~Kopp~ hob richtig hervor, daß sie keine Spur
der strengen Anordnung in logischer und der rühmlichen Bestimmtheit in
sachlicher Richtung zeigen, durch die alle echten Werke ~R. Bacons~
in so hohem Maße hervorragen, namentlich auch da, wo er über die
wahren Aufgaben der Chemie als Wissenschaft spricht[5268]: an Stelle
der in Ansehung seiner Grundsätze zu erwartenden klaren Darlegung von
Ergebnissen induktiver Forschungen und planvoller Versuche begegnet
man in jenen Schriften vielmehr einem oft fast unverständlichen
Durcheinander von aristotelischen Ideen, von wirren Theorien nach
~Hermes~, ~Ostanes~, ~Pseudo-Aristoteles~, ~Pseudo-Avicenna~ und
~Geber~, von mystischen Anpreisungen des „philosophischen Eies“ (als
Präparat), des Gold, Gesundheit und Unsterblichkeit verleihenden
Elixirs, usf.[5269].
In der 1914 erschienenen Festschrift zu ~R. Bacons~ 700jährigem
Geburtstage hebt der Herausgeber, ~Little~, auch nur hervor, daß,
gleich allen seinen Zeitgenossen, auch ~Bacon~ (schon unter dem
Einflusse der geozentrischen Weltanschauung) an Astrologie geglaubt
habe[5270] und ebenso an Alchemie, daß aber seine sog. alchemistischen
Werke ein wahres Chaos darstellen, in das zunächst einige Ordnung
gebracht werden müsse[5271]. Diese Aufgabe zu lösen ist aber ~Muir~,
der ihr eine besondere Abhandlung widmete[5272], nicht gelungen, und
als einziges Ergebnis bleibt daher vorerst das rein negative bestehen,
daß wohl keine der zahlreichen Schriften, wie sie gedruckt und
ungedruckt vorliegen[5273], als von ~Bacon~ selbst verfaßt anzusehen
sei. Wo dieser sonst, in seinen echten Werken, auf Alchemie zu sprechen
kommt, versteht er unter „Alchemia speculativa“ die Kunst „Metalle
zu verwandeln vermöge gewisser Umänderungen der in ihnen enthaltenen
Elemente“, und was er hierüber, sowie über die Gold und langes
Leben verleihenden Medizinen vorbringt, knüpft größtenteils an die
einschlägigen Lehren des ~Pseudo-Aristoteles~ an[5274].
Was endlich die sehr zahlreichen und umfangreichen alchemistischen
Abhandlungen des ~Arnaldus~ von ~Villanova~ (1235 oder 1248 bis 1312
oder 1314?) und des ~Raymund Lull~ (1236-1315?) anbelangt, so sind
sie, wie schon ~Kopp~ anführte[5275], in bahnbrechender Weise aber
erst ~Hauréau~ bewies, sämtlich durch katalanische und provençalische
„Schüler“, oder durch Verfasser, die sich als solche ausgaben,
untergeschoben, zumeist erst während des 14. Jahrhunderts[5276];
demgemäß zitieren sie, neben ~Albertus Magnus~[5277], sehr oft den
~Geber~[5278], und verraten, bei sonst nicht wesentlich erweitertem
empirischem Wissen, eine recht genaue Kenntnis des Alkohols und der
mineralischen Säuren[5279]. Im übrigen sprechen sie mit größter
Bestimmtheit über die Transmutation, den „Stein der Weisen“, der
unendliche Reichtümer, Gesundheit und langes Leben verleiht, und
zeigen sich auch sonst gänzlich durchdrungen von den abergläubischen
Vorstellungen aller Art, die jenes Zeitalter völlig erfüllten und
zu einem der dunkelsten des Mittelalters gestalteten; diese sind
jedenfalls zu einem großen Teile aus den „halb philosophischen, halb
astrologischen“ Werken geschöpft, die nach ~P. Paris~ seit dem 12.
Jahrhundert besonders zahlreich in Spanien verfaßt und von ihren
Autoren in rein willkürlicher Weise irgendwelchen gelehrten Arabern,
Syrern und Juden, oder beliebigen anderen, genügend berühmten und als
„Autoritäten“ angesehenen Männern zugeschrieben wurden[5280].