7. Chemie und Alchemie in China.

Nicht anders wie Ägypten oder Babylonien, Persien oder Indien, so hatte

sich zeitweise, namentlich im 18. Jahrhundert, auch China einseitiger

Überschätzung und maßloser Bewunderung seitens gewisser europäischer

Gelehrter zu erfreuen, die daselbst die Heimat jeglicher Kultur und

Wissenschaft, sowie die Entstehungsstätte aller geheimen Weisheit

aufgefunden zu haben vermeinten; so sollten die Chinesen auch seit

jeher Großes in der Naturwissenschaft geleistet und u. a. schon vor

Jahrtausenden eingehende Kenntnis der Chemie und Alchemie besessen

und diese letztere in nahe Verbindung mit der Astronomie und der

Planeten-Verehrung gebracht haben, -- wie dies alles durch unzählige

Zeugnisse einer uralten Litteratur unwiderleglich bewiesen werde.

Sämtliche Voraussetzungen solcher Art haben indessen einer näheren

Prüfung nicht standzuhalten vermocht.

Zunächst ist daran festzuhalten, daß die chronologisch beglaubigte

Geschichte Chinas erst mit dem Jahre 841 v. Chr. beginnt[4798], und

daß auch in den ältesten kanonischen Schriften, die ~Confucius~

(~Kung-fu-tze~ = ~Kung~ der Meister, 551-478) abgefaßt haben

soll[4799], alle über diese Grenze hinausgehenden Angaben auf Mythe

und Phantasie beruhen. Von den echten alten Schriften fand ferner

ein sehr großer Teil im Jahre 213 v. Chr. seinen Untergang, als der

Kaiser ~Schi-hoang-ti~ zwecks wirksamer Bekämpfung der Neuerer alle

ihm erreichbaren Bücher verbrennen ließ, mit Ausnahme derer über

Ackerbau, Baumzucht, Wahrsagerei, Medizin und Pharmazie[4800]. Zur

Zeit der Han-Dynastie (205 v. Chr. bis 220 n. Chr.), die bald darauf

das Zerstörte nach Möglichkeit wieder herzustellen suchte und für die

Herbeischaffung alles der Vernichtung Entgangenen hohe Belohnungen

gewährte, entwickelte sich dann die Fälschung zu einem ebenso

ausgebreiteten wie einträglichen Gewerbe[4801], und obwohl man sie

durch vorbeugende Maßregeln einzuschränken suchte[4802], wurde doch die

Zahl teils bewußt untergeschobener, teils aus wahren und angeblichen

Bruchstücken wieder zusammengesetzter, teils durch nachträgliche

Ergänzungen und Zusätze nach Belieben erweiterter Werke alsbald fast

unübersehbar[4803]. Weil aber der von den Han-Kaisern hochgehaltene

Grundsatz der „Rückkehr zur ruhmreichen Vergangenheit“ auch für die

ganze fernere Gestaltung der Litteratur maßgebend blieb, entfaltete

sich seither die für den chinesischen Geist so bezeichnende und ihm

offenbar ganz besonders zusagende Tätigkeit der Sammler, Herausgeber,

Erklärer und Kommentatoren[4804]: in endloser, seit über anderthalb

Jahrtausenden niemals abreißender Reihe fügten sie ein Glied der Kette

an das andere und schufen ihre immer dickleibiger und vielbändiger

werdenden Zusammenstellungen und Enzyklopädien, stets erfüllt von Fleiß

und vom Bestreben, alles so vollständig wie tunlich zu bringen und es

als so alt wie möglich hinzustellen, dagegen meist gänzlich unbeirrt

von Wahrheitsliebe, Gewissenhaftigkeit und Kritik. Boten schon ältere

kanonische Texte, z. B. die sog. „Landesbeschreibung“, eine Fülle

unerhörter und märchenhafter Wunderdinge[4805], so glaubten spätere

Autoren ihrer Erfindungsgabe erst recht freien Lauf lassen zu dürfen;

man nahm ferner keinen Anstand, selbst wirklich bessere historische

Werke, u. a. das des ~Chu-Hi~ (1130-1200), immer wieder, und zwar

bis in das 18. Jahrhundert hinein, „neu herauszugeben“, hierbei im

Stillen bis zur Gegenwart herab- und bis in die mythische Urzeit

zurückzuführen[4806] und durch willkürliche Zutaten und Ergänzungen

zu bereichern, deren späten Ursprung oft nur ganz zufälligerweise

irgend ein vereinzelter Zug verrät[4807]. Infolgedessen kann es nicht

überraschen, daß gewisse „Fanatiker der Skepsis“[4808] schließlich die

Echtheit fast +aller+ chinesischen Litteraturwerke in Zweifel zogen,

sogar die des von ~Confucius~ redigierten kanonischen „Schi-king“

und „Schu-king“[4809], deren Inhalt in der Regel als beruhend auf

wesentlich echten Überlieferungen des 12. bis 7. Jahrhunderts v. Chr.

anerkannt wird[4810], sowie die des „Tao-teh-king“ (= Buch vom Tao)

des großen Religionsstifters ~Lao-tze~ („des Meisters ~Lao~“, 604-425

v. Chr.?)[4811], -- wobei ihnen in nicht wenigen Fällen allein entgegen

gehalten werden kann, daß es ganz unwahrscheinlich wäre, Fälschern

so viel geistige Eigenart und Tiefe, aber auch Gewandtheit und

Geschicklichkeit zuzutrauen[4812].

Was die chinesische Astronomie anbelangt, so hält es ~Kugler~ für

wahrscheinlich, daß der altchinesische Kalender von babylonischem

Einflusse zeugt[4813], und ~Bezold~ für gewiß, daß den einigermaßen

sicher datierbaren Werken, wie z. B. dem um 100 v. Chr. abgefaßten

„Schi-ki“, chaldäische Anschauungen zugrunde liegen[4814], während

wieder ~Saussure~ das hohe Alter und den einheimischen Ursprung

einer rein wissenschaftlichen, in innigem Verbande mit Religion und

Staatswesen stehenden Astronomie nachgewiesen zu haben glaubt[4815].

In Ansehung der Tatsache, daß der chinesische Geist seit jeher und

auf sämtlichen Gebieten immer nur allein die praktisch brauchbaren

Erfolge als wertvolle anstrebte und als würdige anerkannte, müßte

die frühzeitige Ausbildung einer wirklich theoretischen Astronomie

wundernehmen; vermutlich kommen daher nicht sowohl astronomische

als astrologische Beobachtungen in Frage, zusammenhängend mit dem

weitverbreiteten und auch in China sehr alten Volksglauben, „daß

die Ereignisse auf Erden irgendwie beeinflußt würden von denen am

Himmel“, und das Geschick des Gesamtstaates und seiner Einzelprovinzen

„sich widerspiegle im gestirnten Firmament, dieser himmlischen

Projektion des irdischen Reiches“[4816]. Zwecks richtiger Deutung

der Himmelsbilder unterhielt der Staat eigene Beamte[4817], die

sich u. a. im 2. und im 7. Jahrhundert v. Chr. als „Astrologen“ und

„Großastrologen“ erwähnt finden[4818], sowie für 671 v. Chr. auch

im „Yih-king“[4819], dem kanonischen, wie man glaubt in ziemlich

ursprünglicher Gestalt vorliegenden „Buche der Wandlungen“[4820].

In diesem, hauptsächlich von Wahrsagerei handelnden Werke sind die

Astrologen etwa gleichwertig den Wahrsagern, Losziehern, Geisterbannern

und Traumdeutern, von welchen letzteren auch das Buch „Schi-king“

spricht, wo es die Träume mit den Stellungen der Gestirne am Himmel in

Verbindung bringt[4821], während +andere+ Arten des Aberglaubens in

ihm, wie auch im „Schu-king“, +keine+ Erwähnung finden[4822]. Daß die

großen Ritualwerke „Li-ki“ und „Chou-li“ der Chou-Dynastie (1122-255

v. Chr.) sie +sämtlich+ kennen und als „uralte“ bezeichnen[4823], wäre

daher schon an sich auffällig, doch wissen wir zudem, daß z. B. das

Buch „Li-ki“ erst in den Jahrhunderten zwischen 200 v. und 200 n. Chr.

zusammengestellt wurde, und daher keinerlei Rückschlüsse auf eine

entfernte Vergangenheit gestattet[4824]. Daß erst in solchen jungen

und zweifelhaften Texten die Planeten besonders erwähnt, zusammen mit

Sonne und Mond als „7 Lenker“ und „7 Regenten“ bezeichnet und ebenso

wie die zwölf Tierkreisbilder mit gewissen Opfern bedacht werden[4825],

spricht für das späte Aufkommen auch dieser, sichtlich aus der Fremde

stammenden Vorstellungen[4826]; von einer Verbindung der 7 Wandelsterne

mit den 7 Metallen ist übrigens zunächst auch hierbei gar nicht die

Rede, vielmehr werden nur die 5 Planeten mit den sog. 5 „Elementen“

der Chinesen in Beziehung gebracht, nämlich Saturn mit Erde, Mars mit

Feuer, Merkur mit Wasser, Jupiter mit Holz und Venus mit Metall[4827].

Die Lehre von diesen 5 Elementen wird allerdings als eine schon in

der Zeit der Einwanderung der „hundert Familien“ (= des Volkes) in

China[4828], mindestens aber in jener der mythischen Kaiser ~Ki~ (um

2200 v. Chr.) oder gar ~Hoang-hi~ (um 2700 v. Chr.) wohlbekannte

vorausgesetzt[4829], gehört jedoch in der Tat erst einer weit späteren

Periode an, die indessen vorerst noch nicht genau abgegrenzt werden

kann. Von wirklich hohem, vermutlich weit über das der kanonischen

Schriften hinausreichende Alter ist nur die Theorie von dem

„allgegenwärtigen Dualismus“ der beiden einander entgegengesetzten

kosmischen Urkräfte Yang und Yin, durch deren Zusammenwirken und

Kreislauf schon das Buch „Yih-king“ alle überhaupt vorhandenen

Einzeldinge körperlicher und geistiger Natur aus dem chaotischen

Anfangszustande der Welt hervorgehen und sich sodann weiter entwickeln

läßt[4830]. Unter diesen Kräften gilt seit jeher Yang als die lichte,

männliche, zeugende, herrschende, aktive, den geraden Linien und

ungeraden (vornehmeren) Zahlen entsprechende, Yin aber als die

dunkle, weibliche, empfangende, dienende, passive, den gebrochenen

Linien und geraden (gemeineren) Zahlen zugehörende[4831]; weiterhin

wurde dann Yang mit der roten Farbe, der Sonne, den guten Geistern,

und in der Pharmakologie mit dem Heißen, Trockenen, Heilsamen, in

Verbindung gebracht, Yin aber mit der schwarzen Farbe, dem Monde, den

bösen Geistern, und in der Pharmakologie mit dem Kalten, Feuchten,

Schädlichen[4832]. Nach der Lehre des ~Lao-tze~ sind Yang und Yin mit

in seinem „Tao“ (= „Weg“ und auch „Vernunft“) enthalten, weil dieses

Prinzip, als höchstes und umfassendstes, -- in mancher Hinsicht dem

griechischen Logos vergleichbares[4833] --, wie die ganze übrige Welt

so auch „jene beiden Wagenlenker der schaffenden Kräfte“ in sich

schließen muß[4834]. Hierbei bleibt jedoch ihr völliger Gegensatz

unverändert bestehen, und ihn nach monistischer Weise in eine höhere

Einheit aufzulösen versuchte erst ~Chou-tze~ (~Chou~ der Meister),

dessen Lebenszeit in die Jahre 1017-1073 fällt[4835]: bei ihm erzeugt

das ewige und einzige Urprinzip „Tai-kih“ durch seine Bewegung den

Yang, und durch seine Ruhe am Ziele der Bewegung den Yin, und diese

erst gesellen sich und bringen dadurch die 5 Elemente Wasser, Feuer,

Erde, Holz, Metall hervor, „jedes von seiner eigenen Beschaffenheit,

jedes von seiner eigenen Natur“, so daß man im Tai-kih bereits Yang

und Yin als enthalten anzusehen hat, und in diesen beiden wiederum

die 5 Elemente[4836]. In den folgenden Jahrhunderten und namentlich

unter dem Einflusse der rasch zu andauernder und kaum glaublicher

Bedeutung gelangenden sog. Wissenschaft „Feng-Schui“, einer Art vom

gröbsten (namentlich auch astrologischen) Aberglauben erfüllten

Geomantie[4837], erfolgte dann zum Teil eine Erweiterung, zum Teil

eine Neuschöpfung und systematische Ausgestaltung der Lehre von den

Beziehungen der 5 Elemente zu allem nur Möglichen und Unmöglichen,

u. a. zu den 5 Planeten[4838], zu den 5 Farben (grün, gelb, rot, weiß,

blau)[4839], zu den Tieren, Pflanzen, Mineralien und Metallen, sowie

zu deren Gottheiten[4840], zu den verschiedenen Teilen der Länder, der

Erdoberfläche, des Erdinneren usf.[4841].

Was die Frage nach dem Auftauchen einer eigentlichen Alchemie

betrifft, so hat man sich im Bereiche der chinesischen Kultur nicht

minder als in dem der indischen davor zu hüten, daß man zwischen

einheimischen Gedanken oder Vorstellungen und irgendwie ähnlichen,

aus der griechischen Alchemie her bekannten, statt einer gewissen

Analogie kurzweg Identität voraussetze und dieser durch unmittelbare

Anwendung der überlieferten hellenistischen Schlagworte auch schon eine

ausreichende Stütze gesichert zu haben glaube. Der Wunsch z. B., ein

langes Leben in Gesundheit und Wohlstand hinzubringen, ist ein so tief

in der menschlichen Natur begründeter, daß es nicht überraschen darf,

ihn bei den verschiedensten Völkern der alten und neuen Welt auftauchen

und sich allerorten der Meinung verbinden zu sehen, das erstrebte Ziel

sei entweder durch Frömmigkeit und Gebete oder durch Zauberkraft und

magische Kunst in mehr oder weniger vollkommener Weise erreichbar.

So zweifelten die alten Mexikaner nicht an der Wirksamkeit ihres

Unsterblichkeits-Trankes[4842]; bei innerafrikanischen Negerstämmen

begegnete ~Schweinfurth~ dem Glauben, man vermöge mittels gewisser

Pflanzensäfte Gold zu erzeugen oder die ewige Jugend zu gewinnen[4843];

sowohl südamerikanische wie südasiatische Völker hielten sich für

überzeugt, daß bestimmte Pflanzen, besonders die vermeintlich der Sonne

oder dem Monde zugehörigen, nicht nur verborgene Schätze finden ließen,

sondern auch selbst Gold oder Silber hervorbrächten, während wieder

bestimmte andere (z. B. solche, die Erschöpfte stärken, Kranke heilen,

weiße Haare schwarz färben) auch Jugend, Gesundheit, Zeugungsfähigkeit,

langes Leben, ja Unsterblichkeit verliehen[4844]. Es kann daher

nicht wundernehmen, auch bei den alten Chinesen schon frühzeitig auf

verwandte Anschauungen zu stoßen, die sich hauptsächlich an ihre

„großen drei Glücksgüter“ (San-fuh) knüpften, d. s. langes Leben,

Kindersegen und Reichtum[4845].

Bereits im 4. vorchristlichen Jahrhundert ist eine an den Mythus von

der Atlantis anklingende Sage lebendig, von fabelhaften, inmitten des

fernen östlichen Ozeans liegenden, für die jetzigen Menschen nicht

mehr erreichbaren Inseln, deren Einwohner Paläste und Tore aus Gold

und Silber, sowie den Trank des langen Lebens und der Unsterblichkeit

besäßen, bereitet aus der Pflanze Ling-chi-tsao[4846]; noch im 3.

Jahrhundert v. Chr. rüstete deshalb der Kaiser ~Schi-hoang-ti~ eine

Flotte zur Aufsuchung dieser Inseln aus, die jedoch, obwohl sie unter

der Leitung eines besonders hervorragenden „Zauberers“ stand, ihre

Aufgabe nicht zu lösen vermochte[4847]. In China selbst soll den

Unsterblichkeits-Trank zuerst ~Chung-li-küan~ „erlangt“ haben, von dem

man nur weiß, daß er noch zur Zeit der Chou-Dynastie (also spätestens

255 v. Chr.) lebte, zu den „acht großen Siën“ gehörte, d. h. zu den

Genien und Obermeistern aller magischen und geheimen Wissenschaften,

und diesen auch die Kenntnis der neuen Errungenschaft übermittelte

„in der Verborgenheit der tiefsten Wildnis seiner heimatlichen

Berge“[4848]. Hiernach wird man annehmen dürfen, daß ~Chung-li-küans~

Trank hauptsächlich aus Pflanzensäften bestand, und daß er selbst zu

jenen Einsiedlern gehörte, deren Erscheinung den während der letzten

vorchristlichen Jahrhunderte dem Aberglauben ganz besonders ergebenen

Chinesen etwas völlig Neues und höchst Erstaunliches war, und denen man

daher übernatürliche Kräfte aller Art zutraute, z. B. Fliegen durch

die Luft, willkürliches Trennen der Seele vom Körper, Verlängern des

Lebens, Überwinden des Todes, usf.[4849]. Es ist sehr wahrscheinlich,

daß das Auftauchen dieses dem eigentlichen chinesischen Geiste ganz

fern liegenden Einsiedlertumes und alles sich daran Knüpfenden mit dem

Eindringen des Buddhismus zusammenhängt[4850], dessen Verbreitung in

China, entgegen früheren Annahmen, schon im 3. Jahrhundert v. Chr.

begann und im 2. bereits eine ziemlich ausgedehnte war[4851].

Die sehr weitgehenden gegenseitigen Beeinflussungen und Anpassungen

der älteren chinesischen Religionen und des Buddhismus erstreckten

sich insbesondere auch auf die Lehre des ~Lao-tze~, dessen

philosophische Betrachtungen über das Tao der großen Menge ohnehin

seit jeher vielerlei Schwierigkeiten geboten hatten. Schon im Laufe

des 2. vorchristlichen Jahrhunderts zerfiel daher die Tao-Lehre in

zwei Richtungen, deren eine die Grundlagen des reinen und lauteren

Aufwärtsstrebens festhielt, während in der anderen das Tao vom Prinzipe

höchsten Gutes und vollkommenster Einsicht zu dem des Wundertuns

und Zauberns herabsank, das den Gläubigen vor allem Erfüllung ihrer

irdischen Wünsche in Aussicht stellte, u. a. derer nach langem Leben

und Reichtum[4852]. Die letztere Richtung daraufhin von vornherein als

„alchemistische“ zu bezeichnen[4853], liegt indessen keine Berechtigung

vor, denn auch in seiner Entstellung bleibt das Tao zunächst nichts

weiter als ein geistiges Symbol ungeheurer geheimer Macht: „dem, der

es erlangt hat, ist nichts unmöglich“, daher vermag er sogar den Tod

zu überwinden und sich durch seine Kunst Gold zu verschaffen[4854].

Natürlicherweise wurden diese Fähigkeiten in besonders hohem Grade

schon dem ~Lao-tze~ selbst zugeschrieben: Einer der großen „Siën“

unterrichtete ihn in allen zauberkräftigen und geheimen Wissenschaften,

und er selbst vervollkommnete sich in diesen dermaßen, daß er

unendliche Schätze an Gold zu gewinnen verstand, -- weshalb ihn die

chinesischen Alchemisten noch heutzutage als Schutzpatron verehren --,

und sein Leben bis 1040 n. Chr. zu verlängern wußte, in welchem Jahre

er auf einem mit blauen Ochsen bespannten Wagen nach dem Abendlande zu

entschwand, um in Indien als ein Buddha wiedergeboren zu werden[4855].

Diese Überlieferungen gehören indessen, wie schon die genannte

Jahreszahl zur Genüge zeigt, einem weitaus späteren Zeitalter an, in

dessen Verlaufe die Chinesen andauernde und tiefgehende, nach ihren

Einzelheiten noch durchaus ungenügend erforschte Beeinflussungen

von Westen her erfahren hatten: in Chinesisch-Turkestan vollzog

sich u. a. die Berührung mit manichäischen und nestorianischen

Lehren, deren Träger zum Teil auch ostiranische Sogdier waren[4856],

635 erreichten die Nestorianer von Indien aus auf dem Seewege

China[4857], und 714 erschienen die ersten arabischen Schiffe in dem

700 den fremden Völkern geöffneten Hafen von Kanton, worauf sich

der Handelsverkehr alsbald mit überraschender Schnelligkeit zu fast

unglaublicher Höhe emporschwang[4858]. Nach der Überzeugung, die sich

einer der größten Kenner Chinas und der chinesischen Litteratur, ~v.

Richthofen~, im Laufe jahrzehntelanger Forschungen bildete[4859],

gelangten die Chinesen erst seit dieser Periode, also etwa seit dem

8. Jahrhunderte, zur Kenntnis einer wirklichen Alchemie, nämlich

der von den Arabern übermittelten hellenistischen, gliederten deren

Gesamtbilde ein, was sie selbst an irgend passenden, oder unter

einiger Umänderung verwertbaren Zügen besaßen, und suchten sodann,

gemäß der unbeschränkten Eitelkeit, die eine Haupteigenschaft

ihres Nationalcharakters bildet, das Ganze als ihre eigene,

selbstverständlich uralte Erfindung hinzustellen. Wie auf anderen

Gebieten, so nahm man auch auf diesem keinen Anstand, die fehlenden

Beweise nachträglich zu beschaffen, und dem Sachkenner muß sich, nach

~Richthofen~, je gründlicher er sich mit dem Problem beschäftigt, desto

überzeugender die Ansicht aufdrängen, daß jenseits des 8. Jahrhunderts,

sobald Alchemie in Frage kommt, sowohl einzelne litterarische

Zeugnisse wie ganze Werke durchwegs entweder späterer betrügerischer

Einschiebungen oder gänzlicher Fälschung verdächtig sind.

Zu den erwähnten verwertbaren Zügen einheimischer Herkunft gehören

in erster Linie die mit der Erlangung von Gold und langem Leben

zusammenhängenden. Das schon weiter oben angeführte hohe Alter der

Unsterblichkeits-Tränke wird auch seitens der chinesischen Medizin

bestätigt, deren früheste wirklich zuverlässige Werke, die allerdings,

entgegen der üblichen Tradition, nicht aus dem 2. oder gar 3.

+vor+christlichen Jahrtausende herrühren, sondern erst aus dem 3.

Jahrhundert n. Chr.[4860], bereits von jugend- und lebenserhaltenden

Pflanzensäften und Drogen berichten, wie sie die Weisen der fernen

Vergangenheit herzustellen verstanden[4861]. Die Ergebnisse dieser

inländischen Gelehrten scheinen sich aber nicht ausreichend bewährt

zu haben, denn schon gegen 100 v. Chr. soll der Chinese ~Yo-fu-ku~

nach Japan gekommen sein, um +dort+ nach Unsterblichkeitsmitteln zu

suchen[4862], und eine andere Überlieferung besagt, daß zu gleichem

Zwecke laut ~I-Tsing~ (671-695 n. Chr.) einer seiner Landsleute nach

Indien gesandt wurde[4863], -- obwohl ~I-Tsing~ seiner persönlichen

Meinung dahin Ausdruck gibt, die wahrhaft wirksamen Mittel zur

Verlängerung des Lebens besitze man nur in China selbst, wo man über

mehr als 400 Arten heilsamer Pflanzen und auch Steine verfüge[4864].

Daß die vegetabilischen Substanzen seit jeher die an Zahl weitaus

überwiegenden waren und dies auch blieben, beweist u. a. das große,

1548-1578 verfaßte, 1597 in 52 Bänden gedruckte Sammelwerk „Pen-tsao“

des ~Li-schi-tschin~, das auf Grund von 800 der wichtigsten alten

Schriften (freilich aber auch vieler neuerer und ganz später) nicht

weniger als 1892 Medizinen und 11896 Rezepte wiedergibt[4865] und

als zu deren Herstellung erforderlich 347 Bestandteile aufführt,

unter denen sich nur 43 mineralische befinden[4866]. Auch alte

abergläubische Vorstellungen (die sich zum Teil bis zur Gegenwart

erhielten) kennen nur ein „Kraut der Unsterblichkeit“[4867]; die

spätere Tao-Lehre läßt den Hasen, den die Chinesen im Monde zu

erblicken glauben, in einem Mörser die Kräuter zur Gewinnung des

Unsterblichkeits-Trankes kleinstoßen[4868]; auch ~Chang-tao-ling~, der

um 70 n. Chr. erster „Meister des Himmels“, d. h. erstes eigentliches

Oberhaupt der Tao-Hierarchie wurde, soll seinen Trank des ewigen Lebens

in einer verborgenen Höhle des Gebirges zubereitet haben[4869], also

wohl aus Pflanzenstoffen. Wenn die Sage hinzufügt, die kostspieligen

Versuche hätten seine ganze Barschaft verschlungen, so bezieht sich

dieses vermutlich auf die seit jeher für ganz besonders wirksam

erachteten Zusätze an Perlen und edlen Steinen oder Metallen, betreff

derer ein Buch von 1108 schon ausführliche Auszüge aus Werken der

Vorzeit gibt[4870]; zu den aus diesen stammenden Mythen gehört u. a.

die seitens ~Pfizmaiers~ angeführte vom „Edelsteinfett“, das aus

gewissen unzugänglichen Bergen quillt, binnen 10000 Jahren allmählich

zerrinnt und dabei schließlich zur Pflanze der Unsterblichkeit wird,

die dem glücklichen Besitzer wenn nicht ewiges, so doch wenigstens

tausendjähriges Leben gewährleistet[4871].

+Für+ die Behauptung, die Bewohner des „Reiches der Mitte“ hätten

sich bereits in so weit zurückliegender Ferne eingehender Kenntnisse

mineralogischer und chemischer Natur erfreut, fehlen bisher glaubhafte

Beweise. +Gegen+ sie spricht es aber, daß die Chinesen, nach so genauen

Kennern ihrer älteren und neueren, gelehrten und volkstümlichen

pharmakologischen Litteratur wie ~Hanbury~[4872] und ~Hübotter~[4873],

zu keiner Zeit über die empirische Handhabung gewisser für die Praxis

(namentlich die metallurgische und keramische) brauchbarer Verfahren

hinauskamen; sie besaßen weder eigenartige chemische Methoden noch

Apparate einheimischer Herkunft, sie verwandten als mineralische

„Heilstoffe“ teils völlig unwirksame Substanzen, teils ganz unreine

und rohe, und sie gelangten niemals zu einem zureichenden Begriffe

von der Notwendigkeit und Art richtiger Dosierung[4874]. Aus der

Reihe der in älteren Schriften sowie im „Pen-tsao“ erwähnten und

unter Angabe der einheimischen Fundorte[4875] aufgezählten Mineralien

seien hier angeführt: die Edel- und Schmucksteine, an deren Spitze

der unermeßlich kostbare Yü (Jadeït, Nephrit) steht, hervorgehend

durch allmähliche Reifung und Gerinnung der edelsten Teile einer im

Erdboden enthaltenen Materie Ki[4876]; die Edelmetalle und Metalle,

d. s. Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Blei (das aber zugleich auch Zinn

und Zink mit umfaßt) sowie ihre Erze, u. a. das an der Grenze gegen

Anam bei Kwang-si in großen Mengen vorkommende Zinkerz [basisches

Zinkcarbonat][4877]; die Yu und Pi geheißenen Verdichtungen aus den

gemeineren Teilen der Materie Ki, d. s. weibliches gelbes Auripigment

und männliches rotes Realgar, aus denen man auch ganze Becher

verfertigte, die die Heilkraft der Arzneien außerordentlich erhöhen

sollten[4878]; Naoscha [= Nûschâdir, Salmiak], eine Art Salz oder

Alaun vulkanischen Ursprunges, das man noch gegenwärtig im Innern

Chinas für besonders wirksam ansieht, daher teuer bezahlt und oft

mit anderen Salzen verfälscht[4879]; Schwefel, eines der mächtigsten

Gegengifte, Zauber- und Schutzmittel, der durch seine Dämpfe die bösen

Geister austreibt, sowie die von diesen verursachten Krankheiten

heilt, und alle, die am Tage des Drachen-Bootfestes ein wenig in Wein

eingerührt trinken, ein Jahr lang vor dem Übelwollen sämtlicher Arten

Dämonen schützt[4880]; das Quecksilber, von dem es im fernen Westen

ein unterirdisches Meer geben soll[4881], ein Stoff, dem man trotz

seiner eigenen Giftigkeit die Fähigkeit zuschreibt, die Wirkungen

anderer (namentlich metallischer) Gifte aufzuheben, und der auch

sonst für kräftig, heilsam und kalt (daher auch weiblicher Natur)

gilt[4882]; der Zinnober, den man wegen seiner roten Farbe, die

glückbringend und deshalb den bösen Geistern unerträglich ist, für

einen hervorragenden Talisman hielt, für ein die Krankheiten heilendes,

die Fieberhitze vertreibendes, die Wunden schließendes, zauberhaftes

Mittel, und außerdem für einen nahen Verwandten des gleichfalls

roten Goldes[4883]. Daß die enge Beziehung, die zwischen Zinnober

und Quecksilber waltet, keineswegs schon in „uralten“ Zeiten bekannt

war, beweist eine Bemerkung im Buche des ~Ko-hung~, das man für ein

unzweifelhaft echtes Erzeugnis des 4. Jahrhunderts n. Chr. ansehen

zu dürfen glaubt[4884]: es heißt daselbst, daß beim „Verbrennen“ von

Zinnober Quecksilber entstehe, was den meisten, die hiervon vernehmen,

völlig unbegreiflich und auch unglaublich erscheine, da doch weder ein

Stein wirklich verbrennen, noch dabei, während er selbst rot gefärbt

sei, weißes Quecksilber ergeben könne[4885]; dennoch, versichert

~Ko-hung~, ist dies so, und das gewonnene Quecksilber verleiht ewiges

Leben und erhebt die Menschen zum Range von „Siën“ (großen Geistern,

Genien), wie das jene richtig beurteilen werden, die die „Lehre“

eingesehen haben [offenbar die Tao-Lehre in ihrer späteren Gestalt].

Nach gewissen „Meistern“ des 4. und 5. Jahrhunderts, die ihre Studien

in den Gebirgen des Südens betrieben, angeblich weil sie daselbst mehr

Zinnober vorfinden, soll dieser, indem er beim Erhitzen Quecksilber

ergibt, selbst „Leben bekommen“, und daher auch wieder geeignet sein,

andere mit Leben und Unsterblichkeit zu erfüllen[4886]; solche und

ähnliche allegorische Auslegungen sind indessen vermutlich erst

späteren Ursprunges, während es sich anfangs nur um rein abergläubische

Vorstellungen, sowie um Zauberkünste zur Überführung ohnehin schon

goldfarbiger Mineralien, z. B. Zinnober, Realgar, oder Auripigment,

in wirkliches Gold gehandelt haben mag. Wird doch schon vom Kaiser

~Wu-ti~ (140-87 v. Chr.) berichtet, er habe den Tau des Himmels in

einer Schale gesammelt, die eine vor seinem Palaste errichtete Statue

in Händen hielt, und aus ihm durch Einrühren feingepulverten Yüs

(Jadeïts, Nephrits) einen Unsterblichkeits-Trank bereitet[4887]; auch

ein Prinz seines Hauses beschrieb sowohl die Entstehung des Goldes in

der Erde durch allmähliche (1500 Jahre dauernde) Umwandlung feinster,

dem Himmel entstammender Teilchen, als auch die Darstellung des

Unsterblichkeits-Trankes, und soll, nachdem er ihn gekostet, alsbald

gen Himmel emporgefahren sein, wohin ihm sein Hund nachfolgte, der

einige vergossene Tropfen aufgeleckt hatte[4888]. Dem nämlichen Kaiser

~Wu-ti~ riet ein Zauberer, er möge kraft bestimmter Opfer gewisse

mächtige Geister bannen, sie Zinnober in Gold verwandeln lassen und aus

derlei Goldgeschirr essen und trinken: dadurch werde er nicht nur das

Gold erlangen, sondern auch langes Leben, den Anblick der „Genien der

fernen Inseln“ und durch diese schließlich Unsterblichkeit[4889]. Die

großen Gaben, Reichtum und langes Leben, gehen hier aus dem „Kin-tan“

(= Gold-Rot) genannten Zinnober hervor, und zwar ausschließlich durch

Zauberei; falls also die Quellen wirklich berichten, „unter der

Regierung des Kaisers ~Wu-ti~ habe man zuerst den ‚Stein der Weisen‘

besessen“[4890], so müssen mindestens diese Worte auf Einschiebung aus

späterer Zeit beruhen, in der die eigentliche Alchemie schon bekannt

geworden und zu jener Vereinigung mit der entstellten Tao-Lehre gelangt

war, die Anlaß zur Entstehung einer ausgebreiteten, an Umfang reichen,

an Inhalt armen, okkultistischen Litteratur gab[4891].

In dieser treten dann, wie leicht begreiflich, die Analogien hervor,

die u. a. ~Grube~ auffielen und ihn zu dem Ausspruche veranlaßten,

die chinesische und die mittelalterliche Alchemie zeigten eine Reihe

merkwürdig verwandter Züge[4892], während andere Forscher sogar aus

ihnen folgern wollten, die Araber hätten die Idee vom „Stein der

Weisen“ und überhaupt die ganze Alchemie aus China geholt[4893].

Tatsächlich begannen dort erst seit etwa dem 8. Jahrhundert einige aus

dem Westen übermittelte chemische Kenntnisse, sowie die alchemistischen

Ideen, Boden zu fassen. Der „Einsiedler in der Abgeschiedenheit des

Gebirges“ muß nun kultische Reinheit beobachten, den Lebenswandel eines

Geweihten führen, die rechte Jahreszeit und die richtige Stellung der

Gestirne wahrnehmen[4894], die Beziehungen zwischen den fünf Planeten

und dem Gold, Silber, Kupfer, Eisen und Blei (oder Zinn und Zink)

berücksichtigen[4895], mit dem Blei als „Mutter“ und dem Quecksilber

als „Seele“ der Metalle Bescheid wissen[4896], das allmähliche

Heranreifen des aus den Erddünsten zuerst niedergeschlagenen Bleies zu

den edleren Metallen und schließlich zu Gold nachahmen[4897], und mit

Fleiß und Geduld die äußerst schwierige und mühevolle Transmutation

betreiben, die eine mystische Ähnlichkeit mit der 9 Monate währenden

Entwicklung des Fötus zeigt, 9 Umwandlungen erfordert und 9 Monate

in Anspruch nimmt, -- ist doch 9 auch eine „heilige Zahl“ der

Tao-Lehre[4898]. Zahl und Beschaffenheit der zur Darstellung des

Elixirs erforderlichen Ausgangsstoffe werden verschieden angegeben,

in der Regel sind es Schwefel, Quecksilber, Zinnober, gelbes und

rotes Arsen, alkalische Salze, Alaun, Kalkstein, Seifenstein, Kaolin,

Talk (= Perlmutter?) und ein Mineral namens Kung-tsing[4899]; das

aus ihnen hervorgehende Präparat, Tan (= Rotes), Tan-sha (roter

Sand), Kin-tan (Goldrot), später auch Gold-Elixir, Metallsaft,

Metallösung, Trank der Siën usf. geheißen, verwandelt 200 Teile Blei

oder Quecksilber in Gold; es heilt alle Krankheiten, indem es die

Dämonen austreibt, den Körper reinigt und ihm seine und des lauteren

Goldes Beständigkeit und Unvergänglichkeit mitteilt; es macht alles

Zerbrochene und Verdorbene wieder ganz und heil und verleiht langes

Leben und Unsterblichkeit[4900]. Schwefel und Quecksilber beginnen seit

der angegebenen Zeit auch in China die maßgebende Rolle zu spielen,

desgleichen kommen Quecksilber-Verbindungen wie Sublimat und Calomel

in Gebrauch, -- zu deren Darstellung man aber fast bis zur Gegenwart

(gleichwie in Indien und in Japan) nur die unvollkommensten, den alten

arabischen nachgebildeten Apparate besaß und beibehielt[4901], -- und

die „heilbringenden“ Elixire werden gemeingefährlich, sei es, daß sie

allzu lange in Berührung mit giftigen Substanzen blieben, sei es, daß

man Zusätze von wirklichem Quecksilber, Schwefel u. dgl. an Stelle

der mit diesen allegorischen Namen gemeinten Beigaben treten ließ;

so z. B. starben allein in den Jahren 801 bis 860 nicht weniger als

vier Kaiser der Tang-Dynastie infolge fortgesetzten oder übermäßigen

Genusses der für sie „aus Schwefel und Quecksilber“ hergestellten

und auch noch mit Perlen und Edelsteinen „verstärkten“ Lebens- und

Unsterblichkeits-Tränke[4902]. Mag die Erlangung solcher ehemals das

Hauptbestreben der Zauberer, und ihr gegenüber die des Goldes „weniger

ein Ziel als ein Mittel“ gewesen sein[4903], -- seit der Berührung

mit den Arabern änderte sich dieses jedenfalls gänzlich[4904], und

während der Jahrhunderte des Mittelalters erscheinen Alchemie und

Alchemisten Chinas und Europas durchaus im nämlichen Lichte. Schon in

dem Sammelwerke „Wundergeschichten aus alter und neuer Zeit“, dessen

jetzt vorliegende Form etwa dem 15. Jahrhundert angehören soll, das

aber auf weit älteren Quellen fußt, schildert z. B. eine Novelle „mit

wahrhaft drastischem Humor den Gimpelfang durch die Alchemisten“, die

seit jeher sämtlich nichts anderes waren als Schwindler, Lügner,

Betrüger und geschickte Ausnützer von Leichtgläubigkeit und Dummheit

der großen Menge[4905]: da kennt der schlaue Gauner die „Geheimnisse

der 9 Umwandlungen“, er bereitet aus Schwefel nebst Quecksilber (=

Zinnober) ein Streupulver, von dem schon eine Fingerspitze voll das

richtig geläuterte Zinn oder Quecksilber sogleich in reines Silber

oder Gold verwandelt, er unterstützt diese Transmutation, indem er

etwas Silber oder Gold als „Muttermetall“ hinzusetzt, „je mehr, desto

besser“, und prellt so auf bekannte Weise und mit bekanntem Erfolge

seine Opfer. -- Auch die von ~Pfizmaier~ benützten, leider jedoch nicht

kritisch gesichteten, ihrem Alter nach aber meist weitaus überschätzten

Schriften erzählen von „den Leuten vom Weißen und Gelben“, von den

„Bereitern der Arzneien“ [= medicinae, phármaka], die Blei und Zinn

mittels solcher Arzneien oder „Blüten“ in Silber und Gold verwandeln,

-- was ihnen aber freilich nicht immer, oder doch nicht so gelingt, daß

die Erzeugnisse das Schmelzfeuer aushalten[4906] --, die ferner aus

„geläutertem“ oder nebst gewissen „Arzneien“ in einer Röhre verbranntem

Quecksilber bald einen das Leben über 100 Jahre hinaus fristenden

Trank, bald edle Metalle bereiten[4907] und endlich aus diesen „weiße

und gelbe Eßgeräte“ herstellen, durch deren tägliche Benützung der

Besitzer Unsterblichkeit erlangt[4908].

Von eigentlichen chemischen Kenntnissen in wissenschaftlichem Sinne,

wie sie das europäische Mittelalter allmählich ausbildete, kann aber

im chinesischen gar nicht die Rede sein, auch fehlten solche noch

zur Zeit der ersten Erschließung Chinas im 16. Jahrhundert daselbst

vollkommen. Nach ~Klaproth~, dessen Vermutungen von 1807 ~Guareschi~

neuerdings wiedererwähnte[4909], kannten allerdings die Chinesen schon

im 8. Jahrhundert den Sauerstoff als „Yin der Luft“, als durch Feuer

austreibbare Substanz verschiedener Steine, z. B. des Salpeters, sowie

als Bestandteil des Wassers, „das sie demnach als zusammengesetzt

ansahen“; sie wußten auch, daß der Yin aus Luft, aus Wasser, oder aus

Alaun [?], das Kupfer in Grünspan [?] verwandle; ferner, daß der Yin

sich nur mit dem Golde nicht verbinde, weshalb dieses auch nie anders

als gediegen vorkomme, während er die anderen Metalle angreife und

dabei deren Oxyde ergebe, z. B. das seit uralter Zeit zum Färben des

Porzellans benützte, aber streng geheim gehaltene Antimonoxyd[4910],

usf. usf. Alle diese Voraussetzungen sind indessen hinfällig, oder

beruhen nur auf Auslegungen in vorgefaßtem Sinne: Yin und Yang, die

beide, wie schon weiter oben erwähnt, als kosmische Urstoffe gelten,

sind freilich überall und in allem vorhanden[4911], daher auch in

Luft und Wasser; sie bilden auch die 5 Elemente, und ihr richtiges

Verhältnis verleiht dem menschlichen Körper, dessen Säfte sie samt

Blut und Atemluft erfüllen, Gesundheit[4912] und der Erdoberfläche

sowie dem Erdinnern Fruchtbarkeit, gute Beschaffenheit usf.[4913];

aber nicht der geringste Anhaltspunkt liegt +dafür+ vor, daß man sie

jemals als „Bestandteile“ in chemischem Sinne betrachtete, den Yin,

der doch das minderwertige und passive Prinzip ist, mit dem Sauerstoff

identifizierte, oder diesen seiner elementaren Natur und seiner

Verbindungsfähigkeit nach richtig erkannte. Die angeführten, ohnehin

sehr verworrenen chemischen Einzelheiten stammen sichtlich erst aus

später Zeit; auf eine solche weist auch die Bemerkung hin, daß in die

Zusammensetzung der Metalle, mit Ausnahme des reinen und vollkommenen

Goldes, also vom Silber abwärts, steigende Mengen Schwefel mit eingehen

sollen[4914], und ebenso die Angabe betreff des Porzellans, da dessen

Herstellung, früheren Annahmen entgegen, in China keineswegs uralt ist,

vielmehr erst gegen Ende des 6. Jahrhunderts n. Chr. einen gewissen,

aber immerhin noch bescheidenen Grad der Vollkommenheit erreichte[4915].

Die weiter oben geschilderten Vorstellungen, wie sie im 7. und 8.

Jahrhundert in China herrschten, gelangten im Laufe des 8. Jahrhunderts

auch nach +Japan+; das Doppelprinzip des Yin und Yang, sowie die

Theorie von den 5 Elementen, deren Zahl aber unter buddhistischem

Einflusse alsbald wieder auf 4 (Feuer, Wasser, Erde, Luft) beschränkt

wurde, blieben, namentlich in der für Japan fast allein in Betracht

kommenden medizinischen Richtung, bis in das 16. und 17. Jahrhundert

hinein völlig alleinherrschend[4916]. Beweise dafür, daß während

des Mittelalters, außer einigen unvollkommenen, trotzdem aber stets

unverändert beibehaltenen Verfahren und Apparaten, auch eigentlich

chemische Kenntnisse in Japan vorhanden gewesen, oder aus China

dahin gelangt seien, haben sich bisher nicht erbringen lassen, und

so bestätigt auch dieser Umstand wieder die Überzeugung, daß die

Chinesen solche selbst nicht besaßen; die völlige Haltlosigkeit aller

entgegengesetzten Behauptungen, sowie deren Ursprung aus den zu

gewissen Zwecken absichtlich entstellten Berichten der jesuitischen

Missionäre deckte übrigens schon 1773 ~De Pauw~ auf[4917], indem er

nachwies, daß noch zur genannten Zeit den Chinesen weder mineralische

Säuren bekannt waren, noch eigentliche Destillationsapparate, noch

irgendwelche neuere Vorrichtungen, Verfahren oder Präparate, noch

endlich auch nur die Begriffe Chemie und Chemiker.

Fünfter Abschnitt.

Die Alchemie im Okzident.

Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange · 第 103 / 127 题