Die vielfachen und in hellenistischer Zeit ganz besonders engen
Beziehungen zwischen Ägypten und Syrien machen es sehr wahrscheinlich,
daß in letzterem Lande auch die alchemistischen Lehren bereits
frühzeitig eine Stätte fanden, ja den nach Westen vordringenden
Arabern zuerst schon dort bekannt wurden[4072]. Mit Recht betonte
daher, wie dies bereits oben bei Besprechung des ~Pseudo-Demokritos~
Erwähnung fand, der berühmte Orientalist ~G. Hoffmann~ schon 1884
die Wichtigkeit der einschlägigen früh-syrischen und -arabischen
Handschriften (namentlich der in London und Cambridge vorhandenen) und
deren Unentbehrlichkeit zur Aufklärung der anfänglichen Geschichte
der Chemie und Alchemie. Ebenso wurde weiter oben auch erwähnt, daß
~Berthelot~, dem gegebenen Fingerzeige folgend, ~Duval~ und ~Houdas~
zur Herausgabe und Übersetzung zweier der bedeutsamsten dieser
Manuskripte veranlaßte; sie erwiesen sich teils als vermutlich dem
7.-9. und 9.-10. Jahrhunderte angehörige Kompilationen[4073], teils
als dem 9.-10. und 10.-11. Jahrhunderte entstammende Übersetzungen
aus dem Griechischen, die vieles sehr Alte, aber auch so vieles von
weit späteren Autoren Zugefügte und Eingeschobene enthalten, daß ihr
eigentlicher Sinn oft arg verdunkelt, oft auch bis zur gänzlichen
Unerkennbarkeit entstellt erscheint. Da die Niederschriften der jetzt
vorliegenden Fassung frühestens dem 11. Jahrhundert angehören sollen,
Zeitgrenzen für die Interpolationen aber kaum genau festzulegen sind,
lassen sich bestimmte Schlüsse auf die ursprüngliche, von arabischen
Einflüssen noch unberührte Gestalt dieser Werke vorerst nur mit
großer Zurückhaltung ziehen, und zumeist bleiben die Ergebnisse zu
erhoffender weiterer Erforschung der zugehörigen alten Litteratur
abzuwarten; zur Vorsicht betreff dieser mahnt aber das Vorhandensein
vieler Pseudepigraphen, zu denen u. a. auch die von ~Berthelot~[4074]
aus dem „Fihrist“ angeführten, angeblich im 6. Jahrhundert verfaßten
Übersetzungen des ~Sergius von Resaina~ zählen, -- wie dies ~Hoffmann~
schon 1884 hervorhob[4075].
a) Ältere Schriften.
Der in +syrischer+ Sprache abgefaßte +ältere+ Hauptteil der
Manuskripte[4076] verbreitet sich zunächst über die Eigenschaften, die
für jeden des großen Werkes Beflissenen unumgänglich sind, nämlich
Reinheit, Selbstlosigkeit, Freisein von Geiz oder Geldgier usf., in
dem aus den Schriften des ~Pseudo-Demokritos~ und ~Zosimos~ genügend
bekannten Sinne[4077]; sodann führt er die sieben Metalle an nebst
ihren (weiter oben schon im Zusammenhange besprochenen) planetarischen
Zeichen und Namen, als welche zumeist, aber nicht stets gleichbleibend,
die bei den späteren griechischen Autoren gebräuchlichen in
Betracht kommen[4078]. Daß auch die vier Elemente den Planeten
zugeordnet werden, scheint indessen auf kein griechisches Vorbild
zurückzugehen[4079].
Von den Metallen findet sich, neben Alchemistischem in üblicher
Darstellung, auch allerlei Technologisches berichtet. Gold prüft
man auf Feinheit und Gehalt durch eine Art Zementation mit Alaun,
Vitriol und Kochsalz[4080], und lötet es mittels „Tanger“ (Tinkâr =
Lot, Lötmittel), d. i. Tinkal oder Borax[4081]. Silber oder Asem,
das man u. a. aus Kupfer durch Einwirkung von Arsen gewinnt, am
besten unter Zusatz etwas schon fertigen Silbers, legiert sich mit
Gold zu Silbergold oder Elektron, das [irrtümlicherweise] auch
dem „Kahrubâ“ gleichgesetzt wird [persisch = Strohräuber, d. i.
Bernstein, griech. Elektron][4082]. Eisen erleidet durch Glühen und
Abkühlen große Veränderungen und liefert durch Ablöschen dünner
Blättchen in Weißwein ein medizinisch sehr wirksames Elixir[4083].
Kupfer, andauernd mit Essig oder saurem Traubensaft behandelt[4084],
geht in Grünspan oder Irin über (d. i. das Jarim oder Jarin der
mittelalterlichen Alchemisten)[4085]. Aus Blei entsteht beim Erhitzen
mit Schwefel das schwarze Schwefelblei, dessen sich die Augenärzte
bedienen, beim „Verbrennen“ die gelbe Bleiglätte, und bei längerem
Liegen „auf Ruten, über sehr scharfem und nicht gefälschtem Essig, in
der Wärme des Düngers“ das leuchtende Bleiweiß[4086]; beim „Rösten“
gibt letzteres Mennige oder Minium, auch Sandarach geheißen[4087],
weil es die rote Farbe des Harzes Sandarach besitzt [arab. sandarus
d. i. Harz oder Gummi][4088]. Dieser Name bezeichnet aber auch das
rote Schwefelarsen, aus dem sich, ebenso wie aus dem gelben „Safran“
(= Auripigment), beim Erhitzen ein „Alaun“ verflüchtigt [d. i.
Arsenigsäure]; nach wiederholter Sublimation ist dieser, „die Blume
des Arsens“, eine feste und glänzend weiße Masse, im Gegensatze zum
gemeinen „männlichen“ Arsen, das rot oder gelb erscheint[4089]. Durch
Verreiben von Quecksilber mit Schwefel und Sublimieren des Gemisches
bildet sich der Zinnober[4090]; der als Rötel oder Sîrîkôn bezeichnete
Farbstoff ist +kein+ Zinnober, vielmehr bereiten ihn einige durch
Rösten von Chalkitis [wobei, je nach dem Vorwalten des Kupfers oder
Eisens im Vitriol, unter Umständen ein rotes Kupfer- oder Eisen-Oxyd
hinterbleiben kann], andere durch Rösten von Chalkitis nebst Bleiweiß
[letzteres hinterläßt Mennige], und noch andere durch Vermischen
von Mennige mit Eisenrot [Eisenoxyden][4091]. Zu vielerlei Zwecken
gebraucht man die Kadmia, die auch Kalimía (καλιμία) heißt [welches
Wort wohl zur Bezeichnung zinkhaltiger Mineralien als „Calamine“ Anlaß
gab][4092]; aus dem Rauche der Öfen, in denen man sie verarbeitet,
schlägt sich Tutia oder Pompholyx nieder[4093] [d. i. das weiße, an
den Ofengewölben haftende Zinkoxyd]. Der glänzende Pyrit oder Markasit
[d. i. Schwefelkies] liefert [beim Rösten] Schwefel, dessen reinste
Form die „Schwefel-Blumen“ sind[4094], ferner [beim Verwittern]
Chalkitis oder Vitriol, dessen syrische Benennung „Glas“ bedeutet[4095]
[vgl. die wohl wörtliche Übersetzung „vitriolum“]; diesem ähnlich ist
der Alaun, von dem es viele Sorten gibt, u. a. den vortrefflichen
„römischen“, und als dessen Bezeichnung ✶ üblich ist, d. i. ein
Stern[4096]. „Stern der Erde“, γῆς ἀστήρ, ist aber auch bald der
Selenit [= krystallisierter Gips] bald der Talk, dem noch unzählige
andere Namen zukommen[4097].
Eichen, Pappeln, Feigenbäume und zahlreiche sonstige Pflanzen
hinterlassen beim Verbrennen eine scharfe, salzige Asche; behandelt man
ihre wässerige Lösung mit Ätzkalk, so erhält man die noch schärfere
„Lauge“[4098], die sehr dienlich zur Gewinnung von Seife ist[4099].
Unentbehrlich erweist sich jene Asche aber auch zur Darstellung des
Glases; diese erfolgt, indem man 1 Teil feinstes, durch ein Haarsieb
gesichtetes Pulver von Kieselsteinen mit 3 Teilen Asche gründlich
vermischt, das Gemenge in einem Tiegel auf starkem Feuer schmilzt
und mit einer zweizackigen Eisengabel so lange verrührt, bis es die
richtige Dicke „zum Herausziehen“ erlangt hat. Durch Zusätze kann man
ihm jede gewünschte Farbe erteilen, z. B. die weiße durch Bleiweiß,
die grüne durch „gebranntes Kupfer“, die blaue (?) durch spanisches
Antimon [Schwefelantimon], die schwarze durch eine goldglänzende Kadmia
[hier wohl das Sulfid eines Schwermetalles] usf.[4100]. Ein Gemenge
aus feinstem Glaspulver und Nitron ist das vortreffliche, ἱερόκολλα
(Hierókolla) genannte Lötmittel[4101]; die Gewinnung eines anderen
Bindemittels [wohl einer Art Leim oder Gelatine] erfolgt durch Auflösen
der Knochen junger Kälber oder Kamele in Essig, dem man noch Kampher
zuzusetzen pflegt[4102].
Die zur Herstellung der Präparate empfohlenen Vorschriften werden
als „Schlüssel“ (κλεῖσις = Verschließung) oder als „Macht“ (κράτος)
bezeichnet[4103]. Die Apparate, die zum Teil durch [sehr unzulängliche]
Abbildungen veranschaulicht sind[4104], gleichen zumeist genau den von
den griechischen Alchemisten, z. B. von ~Synesios~, benützten, so u. a.
der als ὄργανον (Organon) angeführte Sublimations-Ofen[4105] und die
beiden auf einander gestellten „Töpfe“ zum Sublimieren der Arsenigsäure
„aus dem unteren in den oberen“[4106]; auch die Gleichsetzung der „Erde
der Philosophen“ mit der Tiegelerde aus Assuan am oberen Nil[4107]
bezeugt die ägyptische Herkunft der beschriebenen Vorrichtungen.
b) Jüngere Schriften.
Die mit syrischen Buchstaben geschriebene, aber in +arabischer+
Fassung oder Übersetzung eingeschobene, +jüngere+ Abteilung der
Manuskripte[4108] bespricht ebenfalls die sieben Metalle und ihre
unzähligen Benennungen, deren sie für Gold 23 anführt, für Silber
17, für Kupfer 15, für Blei 20 (darunter mehrere auch für Schwefel
gültige), für Eisen 18, für Zinn 17, für Quecksilber 51[4109]. Die
unedlen Metalle in edle zu verwandeln vermag die Kunst des großen
Werkes, das zugleich auch die Darstellung der Edelsteine und Perlen
lehrt, sowie deren Verschönerung durch besondere Verfahren, z. B.
die der Perlen, indem man sie an Tauben verfüttert und durch deren
Verdauungskanal gehen läßt[4110]. Materialien, die den Zwecken des
großen Werkes dienen, sind Kadmia, Bleiglätte, Mennige, Bleiweiß,
Alkali, Glas[4111], orientalisches und okzidentalisches Quecksilber
(oft zu gleichen Teilen gemischt)[4112], zuweilen auch Grünspan
von Emesa, ägyptischer und persischer Vitriol, Malachit und
Lasurstein[4113], sowie noch andere zum gründlichen Färben oder
oberflächlichen Firnissen geeignete Stoffe[4114]. Die Umwandlung dauert
42 Tage[4115], und ihr Endprodukt, eine goldrote Masse, vermag die
Kranken zu heilen[4116] und wirkt auf die Rohmetalle als Elixir; zur
Gewinnung des Elixirs sind aber auch viele pflanzliche und tierische
Stoffe tauglich[4117], deren Veränderungen oft gar wunderbare Wirkungen
entfalten, wie denn durch die Fäulnis von Haaren Schlangen, von Rindern
Bienen, von Eiern Drachen entstehen[4118].
Alle Metalle schmelzen bei genügender Hitze und gehen dabei in den
Zustand des Quecksilbers über, das als ihr eigentliches Prinzip
anzusehen ist[4119]. Als erster und wesentlicher Bestandteil der
Metalle, sowie als Grundstoff auch aller übrigen Substanzen, ist das
Quecksilber ein „Körper“ von fester und beständiger Natur; da es jedoch
dem Feuer nicht widersteht und sich in der Wärme verflüchtigt, ist
es aber auch ein „Geist“; demnach kommt ihm das Wesen eines, diesen
+beiden+ Reichen angehörigen Zwitters zu, und demgemäß erklären sich
viele seiner zahllosen Namen, wie „das Kalte“, „die Wolke“, „der
flüssige Geist“, „der Schweiß der Körper“, „der flüchtige Diener“
[„servus fugitivus“ der mittelalterlichen Alchemisten], „der Erwecker
der Toten“, „das Wasser des ~Kiwan~“ (aramäisch = ~Saturn~, auf dessen
Metall, das Blei, hinweisend) usf.[4120].
Der flüchtigen Geister zählt man sieben, neben dem Quecksilber nämlich
noch den gelben und roten Schwefel, den weißen Schwefel, das gelbe und
rote Arsen, sowie den Salmiak[4121]. -- Der gelbe Schwefel, arabisch
Kibrit[4122], ist der gewöhnliche, der die Kraft hat alles zu färben,
alles in Umwandlung zu versetzen und sich mit allem zu verbinden,
weshalb einige seiner 26 Namen lauten: „der göttliche Stein“ (vgl.
θεῖον), „der Färber“, „das Wachs“ [das alle Farben annimmt], „die
Hefe“, „der Bräutigam“ usf.[4123]; der rote Schwefel ist auch identisch
mit Sandarach [rotem Schwefelarsen], der weiße mit Arsenigsäure;
das gelbe und rote Arsen [dies sind Auripigment und Realgar] heißen
u. a., -- im ganzen werden 21 Namen aufgeführt --, „die beiden Vögel“,
„die beiden Brüder“, „die beiden Khalifen“, „das Gelbe und Rote der
Philosophen“[4124]. Den Salmiak, -- dessen Kenntnis die Araber schon
von den spätalexandrinischen Chemikern übernahmen, von dessen Vorkommen
in den vulkanischen Gegenden Vorderasiens und Chinas aber auch die
alten arabischen Geographen, sowie die von ~Carra de Vaux~[4125]
herausgegebenen arabischen „Wundergeschichten“ berichten --, zeichnet
seine große Flüchtigkeit aus, die eine völlige Reinigung durch
wiederholte Sublimation ermöglicht[4126]; auf diese deuten auch viele
seiner 13 Namen, z. B. „Vogel von Chorasan“, „Oberster oder Khalif von
Armenien“, „Kampher“, „Adler“[4127], sowie [offenbar bei Färbung durch
Eisenoxyd] „roter Adler“[4128]. Was als „Fixation“ des Salmiaks durch
Ätzkalk beschrieben wird[4129], entspricht sichtlich der Darstellung
von Chlorcalcium.
Die sieben Geister sind hauptsächlich in sieben Steinen enthalten,
nämlich im Markasit, Antimon [Schwefelantimon], Magnesia [oft = Pyrit],
Hämatit [hier = Zinnober], Magnetstein [ein Metallsulfid?], Vitriol
(arab. Zâdsch)[4130] und „Salz“; von jedem dieser Steine kennt man
sieben Arten in sieben Farben, so daß es z. B. auch sieben Magnete
gibt, deren jeder ein anderes der sieben Metalle anzieht, ferner sieben
Vitriole, sieben Alaune, sieben Boraxe [arab. Tinkar, meist = Alkalien]
und sieben Salze, deren Gewinnung und Reinigung, oft bis zur Weiße
und Härte des persischen Tabarzad-Zuckers[4131], die „Philosophen“
entdeckten und lehrten[4132]. Steine, die +keine+ Geister in sich
führen, gibt es ebenfalls sieben, nämlich Talk, Kohol (Blei- oder
Antimon-Glanz), Perlmutter, Krystall, Malachit, Lasurstein und Achat.
[Alle diese Angaben gehen in letzter Linie auf die weiter oben unter
dem Namen „Steinbuch des ~Aristoteles~“ angeführte pseudepigraphische
Schrift oder auf deren Quellen zurück, strotzen aber von Irrtümern und
Verwechslungen.]
Aus dem weißen Schwefel [= Arsenigsäure], dem Sandarach [= Realgar]
und dem italischen Kohol [= Antimonsulfid] läßt sich ebenfalls ein
„Quecksilber“ erhalten[4133], unter dem offenbar metallisches Arsen
und Antimon zu verstehen ist, welches letztere auch als „Antimon“ aus
Stibi oder Stimmi (= Kohol) erwähnt zu werden scheint[4134], sowie
in einer Vorschrift, die (in der Übersetzung) lautet: „nimm gleiche
Teile Kohol und Antimon“[4135]. Aus Kupfer und „gebranntem Antimon“ [=
metallischem Antimon oder Antimon-Oyxden?] wird u. a. die goldfarbige
Legierung Schabh dargestellt, vermutlich eine Antimon-Bronze[4136];
ähnlich wie die mit einer dicken Lösung arabischen Gummis angeriebenen
Goldflitter[4137] fand wohl auch sie Verwendung zur Herstellung von
„Goldschrift“.
Behandelt man das eigentliche Quecksilber mit Kochsalz und Vitriol,
so erhält man zwei verschiedene Substanzen[4138] [die gegenwärtig als
Quecksilber-Chlorür und -Chlorid, Calomel und Sublimat, bezeichnet
werden]; die eine, die sich leicht verflüchtigt, kann man in schönen
weißen Krystallen gewinnen, indem man sie wiederholt sublimiert[4139],
doch muß man hierbei, weil Dampf und Sublimat furchtbar giftig sind,
Mund, Nasenlöcher und Augen durch Beschmieren mit Honig schützen[4140];
ihre Lösung in Wasser gleicht der Milch und ist von solcher Kraft,
daß sie viele Metalle und Erze auflöst, weshalb sie auch „scharfes
Wasser“ oder „dreifach-scharfes Wasser“ heißt[4141]. -- Wie auch
diese Stelle bezeugt, braucht das „scharfe Wasser“ (aqua acuta, aqua
fortis der mittelalterlichen Alchemisten) keineswegs, wie man früher
irrtümlicherweise oft annahm, eine mineralische Säure zu sein, und
tatsächlich kennen auch die syrischen Manuskripte als Säuren nur
Essig[4142], Citronensaft[4143] u. dgl.
Aus einer Mischung von feingepulverten Kieselsteinen (13 Teilen) und
Aschen-Alkali (10 Teilen) bereitet man das Glas; die „Philosophen“
haben Glasöfen von wunderbarer Einrichtung ausgedacht, kleine,
große, mehrstöckige, mit besonderen Kammern zum Einsetzen, Erhitzen
und Abkühlen versehene, mit Zirkulation des Feuers eingerichtete,
usf. Aus der in den Tiegeln zu einem „Gummi“ geschmolzenen Masse
formt man Gefäße, Becher, Phiolen und noch vieles andere; was
während der Arbeit zerspringt, wird mit einem heißen Glasfaden
vereinigt und dann nochmals erhitzt. Man versteht auch alle nur
denkbaren Färbungen hervorzubringen, z. B. weiße durch weibliche
Magnesia [d. i. Braunstein, der entfärbend wirkt], schwarze durch
Eisenschlacke, blaue (?) durch gebranntes Antimon, rote durch dieses
nebst Eisenschlacke, gelbe durch Bleiglätte, sapphirblaue durch
gebranntes Blei und Zinn, -- wobei nur die reinsten Metalle von völlig
„schönem Blick“ [s. „Silberblick“] zu verwenden sind --, ferner auch
citronengelbe, grüne und pistazienartige[4144]. Auch ein schönes Email
bereitet man unter Benützung bleihaltiger Materialien[4145] [dies ist
eine der frühesten ausdrücklichen Erwähnungen von Bleiglasuren].
Zu den Einfügungen aus sehr später Zeit gehört die Erwähnung des
„Barud“ im Sinne von Salpeter[4146]; dieses „Salz von China“, das
in Syrien noch wenig bekannt ist[4147], wird als weiß, hart und
nach gekochten Eiern [also wohl nach Schwefelwasserstoff] riechend
bezeichnet, was insoferne zutreffen kann, als es mit dem [an
Kellerwänden, Düngestätten usf. auswitternden] „Salz der Mauern“
identifiziert zu werden scheint[4148]. Aus Mischungen von Barud,
Schwefel und Kohle in verschiedenen Verhältnissen verfertigt man
Brandsätze für Feuerpfeile, Petarden und Feuerwerkskörper, wobei
man zuweilen auch noch Kampher hinzufügt[4149]. -- Es ist sehr
bemerkenswert, daß der Gebrauch dieses „Pulvers“ zum +Schießen+, sowie
die Verwendung von +Schießwaffen+, +nicht+ erwähnt wird, und daß
eine der angeführten Mischungen [die ganz an jene in dem angeblich
um 1275-1295 niedergeschriebenen sog. „Feuerwerksbuche“ des ~Hassan
Alrammah~ erinnern] den Namen „Fränkische Körner“, „Körner der Franken“
führt[4150], was auf Herkunft aus dem Okzident hinweist. Ebendahin
deuten auch die alchemistischen „Verfahren der Franken“, bei denen
Quecksilber, Zinn, sowie europäisches und römisches „Harz“ benützt
werden[4151], ferner eine Stelle, die vielleicht einige Kenntnis der
Mineralsäuren verrät (?)[4152] und in diesem Falle erst um oder nach
1300 niedergeschrieben sein könnte.
Von Apparaten finden sich genannt: Rohre, Aludeln (Athal, Udal,
Udel)[4153] und Schalen, u. a. solche aus Porzellan[4154] [was
wohl ein Übersetzungsfehler ist und schwerlich das im Oriente zwar
schon seit etwa dem 9. Jahrhundert bekannte, aber unerschwinglich
teure chinesische Porzellan bedeuten dürfte]; Tiegel aus Erde von
Assuan[4155]; zwei aufeinander gesetzte Tiegel, deren einer einen
durchlöcherten Boden hat (z. B. zum Sublimieren von Arsenigsäure,
Salmiak u. dgl.), „But ber But“ genannt [persisch = „Tiegel
auf Tiegel“, d. i. der „Botus barbatus“ der mittelalterlichen
Alchemisten][4156]; Gefäße zur Destillation von Wässern und
wohlriechenden Essenzen[4157]; Wasserbäder[4158], in der Übersetzung
einige Male mit „bain-Marie“ wiedergegeben[4159]; Haar- und
Seiden-Siebe[4160].
c) Buch der Erkenntnis der Wahrheit.
Nach diesem, auch als „Causa causarum“ (Ursache der Ursachen)
bekannten, in syrischer Sprache im 11. oder 12. Jahrhundert abgefaßten,
aber auf weit ältere Quellen zurückgehenden Buche bestand die Welt
ursprünglich aus einer form- und gestaltlosen Urmaterie „Hýle“[4161],
aus der nach Gottes Willen zunächst vermöge der vier Qualitäten die
vier Elemente hervorgingen, die ganz bestimmte Eigenschaften besitzen
und unveränderlich an Menge und Gewicht sind[4162], weiterhin aber alle
übrigen Dinge[4163], auch die Gestirne, die kein besonderes fünftes
Element enthalten[4164].
Die ersten, allerorten gegenwärtigen Substanzen, die sich aus den
Elementen bilden, sind Schwefel und Quecksilber[4165]. Aus dem Innern
der Erde steigen nämlich Dünste und Dämpfe gegen ihre Oberfläche
empor, auf der die Berge nicht anders sitzen wie die Schädel auf den
Rümpfen oder die Deckel auf den Töpfen, und in ihnen schlagen sich
die Dünste nieder und tropfen ab[4166], wobei sich Erde und Feuer zu
weiblichem Schwefel vereinigen, Wasser und Luft aber zum [männlichen]
Quecksilber[4167]; der Schwefel wird fest, das Quecksilber (Ziwag)
ist und bleibt jedoch ein Wasser, eine Art Tau, der zuweilen auch
als solcher aus den wässerigen Dünsten des Himmels herabfällt[4168].
Unter den Einflüssen der planetarischen Strahlungen[4169] und
der „auskochenden“ Kraft der Sonne verbinden sich Schwefel und
Quecksilber[4170] und ergeben, je nach ihrer Reinheit und den
Mengenverhältnissen, je nach Ort, Klima, Luftmischung, Wärme, Zeitdauer
und je nach Gottes Zulassung +alle+ übrigen Substanzen, nämlich Gold,
Silber, Kupfer, Zinn, Eisen und Blei, ferner Edelsteine, Perlen, Purpur
und andere Farbstoffe[4171], sodann die verschiedenen Arten Schwefel,
Arsen, Markasit, Magnesia, Lasur, Mennige, Tutia, Salz, Nitron, Alaun,
Vitriol und endlich sämtliche übrigen Gesteine und Erden[4172].
Die Erze finden sich hauptsächlich in den Bergwerken[4173], und
aus ihnen gewinnt man die Metalle durch kunstvolle Trennungen,
denn Gold z. B. läßt sich von Kupfer ebenso scheiden wie süßes
Wasser vom Salze des Meeres[4174]; ihre Eigenschaften sind oft sehr
merkwürdige, u. a. erhält das Eisen erst durch Blitzschlag seine beste
Beschaffenheit[4175], auch wird es vom Magneten angezogen, soferne
nicht die Gegenwart übelriechender Stoffe, wie Zwiebel oder Knoblauch,
dessen Kraft behindert[4176].
Außer den Metallen bearbeitet man mittels Feuers auch das Glas, und
die Glasmacher vollbringen mit Hilfe ihrer sinnreich gebauten Öfen,
die in mehreren Abteilungen ein rasches Erhitzen und ein langsames,
stufenweises Abkühlen gestatten, die erstaunlichsten Künste[4177].
Im Feuer, das sonst alles tötet, lebt der Vogel Amianton, dessen
Gefieder den Asbest liefert[4178]; die das Leben erhaltende Luft
hinwiederum ist an manchen Orten tödlich, z. B. in tiefen Schachten und
in Zisternen[4179].