2. Die „Schriften der Treuen Brüder“.

Zu den für die Geschichte der Chemie wichtigsten Werken, die uns aus

früharabischer Zeit erhalten blieben, gehört die große Enzyklopädie,

die unter dem Namen „Schriften der lauteren Brüder“, richtiger der

„treuen Brüder“ oder „treuen Genossen“ (Ikhwân alsafâ) bekannt ist;

ihr Titel entstammt der Vorrede zur „Erzählung der Ringeltaube“ in der

Märchensammlung „Kalîlah wa Dimnah“[3821], deren Grundstock etwa im 6.

Jahrhundert n. Chr. aus Indien nach Persien und von dort aus zu den

Syrern und Arabern gelangte.

Die „treuen Brüder“ (Brüder der Reinheit, der Lauterkeit)[3822]

waren Mitglieder eines in Basra (Bassorah) gegen 950 begründeten

Geheimbundes, einer gelehrten Zwecken dienenden, aber von politischen

Nebenabsichten nicht ganz freien Vereinigung, die für die Versöhnung

der Wissenschaften mit dem „wahren“ Glauben kämpfte, sich mit den

Forderungen der Orthodoxie vermöge gewagter äußerer und innerer

Umdeutungen und Allegorisierungen abzufinden suchte, in ihren eigenen

Lehren aber einem weitgehenden Eklektizismus naturphilosophischer

und abergläubischer Ideen huldigte[3823]. Unter den „Eingeweihten“

gab es vier Grade, und die Kenntnisse jener der obersten Klasse

legte man in einer „Enzyklopädie des gesamten Wissens“ nieder[3824],

bestehend in 51 Abhandlungen, die seitens verschiedener „Weiser“

(von denen sich fünf mit Namen angeführt finden) zu gleicher Zeit im

einzelnen ausgearbeitet, und sodann zu einem Ganzen zusammengefaßt

wurden[3825]. Ihren Inhalt bilden „die Wissenschaften und Erfahrungen,

deren Besitz den Menschen über das Tier erhebt“[3826], eingeteilt,

geordnet und dargestellt nach ihren Stoffen[3827], jedoch nicht in

erschöpfender Art, sondern nur in übersichtlich andeutender, unter

mancherlei Hinweisen auf die benützten Quellen[3828]. Diese sind,

obwohl die Verfasser vieles ihren nächsten arabischen Vorgängern

entlehnten (namentlich dem hochgelehrten ~Alfarabi~[3829], gest.

950; s. unten) und auch der syrischen, hebräischen, persischen,

indischen, lateinischen und griechischen Sprache und Schrift mehr oder

weniger kundig scheinen (?)[3830], dennoch +so gut wie ausschließlich

griechische+, und zwar ganz vorwiegend solche der letzten Periode;

die Enzyklopädie ist daher von ganz besonderem Werte für die Kenntnis

dieser spätgriechischen Lehren und Vorstellungen, deren manche

uns anderweitig gar nicht, oder doch bei weitem nicht in gleicher

Vollständigkeit und Klarheit überliefert sind, und aus diesem Grunde

erscheint es auch gerechtfertigt, sie schon an dieser Stelle, außerhalb

der eigentlichen chronologischen Ordnung, zu besprechen.

Daß die „Treuen Brüder“ unmittelbar aus griechischen Originalen

schöpften, ist wenig wahrscheinlich, sie hielten sich vielleicht

wohl so gut wie allein an die syrischen Übersetzungen, die die 431

und 489 ausgewiesenen und nach Persien und anderen orientalischen

Ländern geflüchteten Nestorianer angefertigt hatten[3831], und die

betreff der Medizin ausgesprochen galenischen Charakter trugen[3832],

betreff der Philosophie und Naturwissenschaft aber aristotelischen,

neupythagoräischen und neuplatonischen[3833]; besondere

Berücksichtigung fand hierbei die entsprechend umgebildete Lehre des

~Plotinos~, daß die Welt eine in Stufen (angeblich in neun) erfolgte

Emanation ihres Schöpfers (hier des Allah) sei[3834], sowie die des

~Pseudo-Pythagoras~, daß die Natur alles in der Welt Vorhandenen durch

jene der Zahlen bedingt sei, vor allem der Zahlen 1 bis 9, über deren

maßgebende Bedeutung sich sämtliche Völker der ganzen Welt im klaren

befänden[3835].

Ursache der Entstehung, Erhaltung, Einheitlichkeit und Harmonie der

Welt ist die +Weltseele+, die selbst eine Einzig-Eine ist, einheitliche

geistige Beschaffenheit besitzt, aber zahlreiche Kräfte in sich

schließt, vermöge derer sie alles hervorbringt, alles bewirkt und

alles mit Eigenschaften erfüllt von den unermeßlichen Sphären an bis

zu den kleinsten Einzeldingen herab[3836]. Es geschieht dies durch

Emanationen, d. s. Ausstrahlungen und Ergüsse, die der Reihe nach

zuerst die Sphären ins Leben treten lassen (von der äußersten bis zur

innersten), sodann die Urmaterie, die Qualitäten, die Elemente und

zuletzt die Einzeldinge, die am jüngsten Tage alle in umgekehrter Folge

wieder vergehen werden[3837]; die äußerste Sphäre und die Urmaterie

sind, als der Weltseele zunächst benachbart, ihr auch noch am engsten

verwandt, daher gleichfalls von einfacher Natur und nur geistig

erfaßbar[3838]. Der äußersten oder Umgebungs-Sphäre reihen sich an:

die der Fixsterne, des ~Kronos~, des ~Zeus~, des ~Ares~, der (inmitten

der Planeten thronenden) Sonne, der ~Aphrodite~, des ~Hermes~, des

Mondes, und schließlich die Feuer nebst Luft, sowie die Wasser nebst

Erde umfassende, so daß man also im ganzen ihrer 11 zählt[3839]; die

Weltseele versetzt sie in Kreisbewegung und läßt sie hierbei durch die

Reibung jene wundersamen Töne hervorbringen, deren Harmonie zuerst

~Pythagoras~ vermöge der Reinheit seiner Seele vernahm, verkündete und

mit Hilfe der von ihm erfundenen Lyra auch auf Erden wiederklingen

ließ[3840]. Bis zur Sphäre des ~Kronos~ (des äußersten Planeten)

empor stieg der Prophet ~Idris~, auch „~Hermes~, der Dreifache in

der Weisheit“ genannt, verweilte dort 30 Jahre [die Umlaufszeit des

Saturn], nahm Einblick in alle Vorgänge der oberen Welt und kehrte

dann zur Erde zurück, um die Völker auf die bis dahin vernachlässigte

Sternkunde und die Kenntnis der Himmelserscheinungen hinzuweisen[3841];

denn den Menschen erscheint auch das Wunderbarste nicht merkwürdig,

wenn sie es täglich vor Augen sehen[3842].

Die +Urmaterie+ ist, gleich der Weltseele und den von einigen Gelehrten

„Atome“ genannten, kleinsten, nicht mehr teilbaren Körperchen[3843],

etwas für die Sinne nicht Erfaßbares, Ungeordnetes, Ungeformtes,

jedoch alle Formen anzunehmen Fähiges[3844], und zwar ergibt sie

durch die „Formung“ zunächst die vier Qualitäten heiß, kalt, trocken

und feucht[3845], weiterhin aber aus je zweien von diesen die vier

Elemente, von denen Feuer und Luft aktiven Charakter tragen, Wasser und

Erde aber passiven[3846].

Der +Qualitäten+ sind vier, wie der Pole, Himmelsgegenden, Jahreszeiten

und Winde[3847], der Temperamente und Säfte des Körpers[3848], der

Hauptsaiten der Musikinstrumente[3849], sowie der Hauptfarben, die

z. B. auch am Regenbogen in der Reihenfolge rot, gelb, blau und grün

deutlich hervortreten[3850]. Durch Vereinigung je zweier Qualitäten

entstehen die vier +Elemente+ oder +Arkân+[3851], die „Allmütter“

und „Mütter alles Seins“[3852], die sämtlich ineinander übergehen

können[3853], und deren „Reinheit“ sich in aufsteigender Linie von der

Erde über Wasser und Luft zum Feuer bewegt[3854]. Gänzlich verschieden,

und nicht etwa bloß dem Grade nach abweichend, steht ihnen das „fünfte

Wesen“, die „fünfte Natur“, gegenüber, d. i. die des Himmels und alles

Himmlischen, deren Vollendung und Unveränderlichkeit sich im ewigen und

stetigen Kreislaufe der Gestirne offenbart[3855]; dieses fünfte Wesen

ist identisch mit dem +Äther+ (athîr), der einem Feuer ohne Licht und

Wärme gleicht und sich von der Sphäre des Mondes an bis zur äußersten

Grenze des Weltalls ausbreitet[3856]. Als Formen der Elemente erwies

~Euklid~ [!] den Würfel für die Erde, das Ikosaeder für das Wasser,

das Oktaeder für die Luft und das Tetraeder für das Feuer, während

der fünfte regelmäßige Körper, das Dodekaeder, dem Allhimmel oder

Weltganzen zugehört[3857]; wie sich diese fünf körperlichen Gebilde aus

den Flächen aufbauen, kann nur ein der Mathematik Kundiger einsehen,

denn allein die Mathematik erschließt das Verständnis der Dinge,

sowie das der so wichtigen Zahlenkünste, Zahlen- und Zauber-Quadrate

usf.[3858].

Was die +einzelnen+ Elemente anbelangt, so soll von der +Erde+ noch

weiter unten die Rede sein. Das +Feuer+ ist dem Äther wenn nicht

wesensgleich so doch wesensverwandt[3859], und die Bewegung, die den

übrigen Elementen nur zeitweise zukommt, gehört bei ihm zu seiner

Natur, so daß es unaufhörlich zittert und unaufhaltsam nach oben

steigt[3860]; vermöge der ungeheuren Kraft, die ihm innewohnt, ist

es „der große Richter über alle Dinge“ und der mächtige Bewirker der

wichtigsten menschlichen Arbeiten, z. B. der das Eisen, Kupfer, Messing

und Glas, den Kalk und Ton, das Pech usf. betreffenden[3861].

Die +Luft+ fördert als Lebensgeist die Atmung und die Wärme des

Herzens[3862]; an manchen Orten, z. B. in Gruben und Bergwerken, wirkt

sie verlöschend auf das Feuer und erstickend auf die Menschen, so

daß diese dort nur verweilen können, wenn man ihnen durch Rohre und

gewisse Vorrichtungen frische und atembare Luft zuführt[3863]. Wie der

Glasbläser durch seinen Hauch die Rundungen der Flaschen, und wie

der Stein durch seinen Fall die Wellen des Wassers hervorbringt, so

entstehen durch Schlagen von Glocken, durch Schellen und Kesselpauken

usf. auch in der Luft Bewegungen, die sich fortpflanzen und als Töne

verschiedener Art vernommen werden, je nachdem das erklingende Material

aus Gold, Silber, Messing, Eisen, Legierungen von Zinn mit Kupfer

oder Eisen (nicht aber aus Blei!) bestand[3864]; mit Hilfe der Luft

wirken die Töne unmittelbar auf die Seele ein, daher vermochten die

griechischen Weisen „mit ihrem Instrumente, dem Organon [der Orgel]“

selbst Feinde in die Flucht zu jagen[3865].

Daß das +Wasser+ in Gestalt von Dünsten emporschwebt und in der

von Tropfen wieder herabfällt, lehrt die Beobachtung der Vorgänge

in der Natur, in den Badehäusern, sowie bei der Ausübung gewisser

Künste[3866]. Die aus dem Erdboden aufsteigenden Dünste erzeugen den

Tau[3867], die wasserführenden Wolken der höheren Regionen Regen und

Schnee, die die Quellen und Flüsse speisen, wofür das bekannteste

Beispiel das Steigen des Nils ist, das infolge der Sommerregen

eintritt, die in den äquatorialen Gebieten niedergehen[3868]. Fließt

das Wasser zunächst durch die Erde, so nimmt es aus den Schichten

auf, was es in ihnen vorfindet, daher sind die zutage tretenden

Wässer bald süß, bald aber herb, salzig, oder sauer, je nachdem sie

Salze, Vitriole, Alaune, Schwefel, Naphtha, Quecksilber (?) und

noch manche andere Stoffe enthalten[3869]; Wässer, die durch derlei

Fremdstoffe verunreinigt sind, werden durch sie befähigt, Mineralien

und Metalle zu bilden[3870]. Sehr bemerkenswert erscheint es, daß

auch das reinste Wasser „die Dinge für das Auge krumm macht“ [d. h.

Brechungs-Erscheinungen bewirkt][3871]. -- Was die erwähnten Künste

anbelangt, so sind das die jener Sachverständigen, die das Gewerbe der

Destillation betreiben und auf den Märkten aus ihrem „Kürbis“ genannten

Gefäße die zarte Feuchtigkeit der Rosen und Veilchen, aber auch die

scharfe des Essigs, als Dunst aufsteigen und dann als klare Flüssigkeit

wieder herabtröpfeln lassen[3872].

Aus den beschriebenen vier Elementen entstehen die Mineralien,

Pflanzen, Tiere, Menschen und Engel[3873], und zwar vollziehen sich

die Übergänge allmählich und völlig kontinuierlich, indem aus den

Mineralien zunächst Pilze u. dgl. hervorgehen, sodann höhere Pflanzen

und so nach und nach alles Übrige[3874]; es gibt daher drei Reiche,

nämlich die der Mineralien, Pflanzen und Tiere[3875], zu welchen

letzteren als „erhabenstes Tier“ auch der Mensch gehört[3876], denn

nur insoferne können manche auch von vier Reichen sprechen, als sie

den Menschen dem Geiste nach der Klasse der Engel zuzählen[3877].

Im Tierreiche bedingt die richtige Mischung der vier Elemente oder

Temperamente das rechte Verhältnis der vier Säfte und durch dieses

die Gesundheit, während unrichtige Mischungen oder Umwandlungen,

soferne ihnen nicht durch Eingabe entsprechend temperierter Arzneien

entgegengewirkt werden kann, zu Krankheit, Auflösung und Tod

führen[3878].

Bewirkt werden alle die erwähnten Übergänge und Umwandlungen durch

die +Planeten+, „und wer deren Einfluß leugnet, mit dem ist überhaupt

nicht zu streiten“[3879], denn daß von der Sonne Kräfte und Wirkungen

ausgehen, fühlt doch Jeder unmittelbar[3880], daß der Mond die

Tiefen des Meeres erwärmt und hierdurch die Flut veranlaßt, ist eine

alltägliche Erfahrung[3881], und daher liegt der Schluß nahe, daß sich

in gleicher Weise auch die übrigen Wandelsterne ihrer Natur gemäß

geltend machen[3882]. Sie +deuten+ keineswegs nur +an+, was geschieht

oder geschehen wird[3883], sondern +bringen+ es +hervor+[3884], aber

freilich stets nur gemäß dem Willen der Gottheit[3885], und erweisen

sich dadurch als „Gehilfen der Natur“ und als das vermittelnde Band

zwischen Makro- und Mikro-Kosmos[3886]. An den höchsten, in der

Erdferne gelegenen Punkten ihrer Bahn nehmen sie die Emanation der

Weltseele in Form von Licht und Kraft der Fixsterne auf, übertragen

sie, in die Erdnähe zurückgekehrt, auf die vier Elemente und ordnen

diese so zu Mineralien, Pflanzen und Tieren; das Ergebnis hierbei ist

im einzelnen abhängig u. a. von ihrer Größe, dem Abstande ihrer Sphären

von der Erde, ihrem Bahnwege durch die zwölf Tierkreis-Zeichen (deren

je drei einem Elemente zugehören), ihren Stellungen und Konjunktionen,

ihrer Farbe, ihrem Lichte und endlich von der Richtung und Schiefe

der einfallenden Lichtstrahlen[3887]. Da nun die Planeten die wahre

Ursache aller Bewegungen der Elemente auf Erden sind, so müssen die

so hervorgebrachten Dinge auch ihrem Wesen entsprechen, ganz so wie

das Erzeugte dem Erzeugenden gleicht, die Kopie dem Original, das

Spiegelbild dem Abgespiegelten[3888]. Je nach der Beschaffenheit und

Anteilnahme der Planeten werden also in allen drei Reichen Produkte

entstehen, die angemessene harmonische Mischungen, und die zugehörigen

inneren sowie äußeren Eigenschaften (z. B. Farben) aufweisen[3889].

Daß es gerade +sieben Planeten+ gibt, erklärt sich aus der besonderen

Vollkommenheit der Siebenzahl, da 7 = 3 + 4 = 2 + 5 = (3 + 3) + 1,

... also „die erste wirklich vollständige Zahl ist“[3890]; von diesen

sieben sind zwei strahlend (Sonne und Mond), zwei glückbringend

(~Zeus~ und ~Aphrodite~), zwei unglückbringend (~Ares~ und ~Kronos~),

und einer gemischter Art (~Hermes~)[3891], ferner sind drei männlich

(Sonne, ~Zeus~, ~Kronos~), drei weiblich (Mond, ~Aphrodite~, ~Ares~),

und einer ein Zwitter (~Hermes~)[3892]. Ihre persischen Namen lauten

~Kaiwan~ (~Kronos~), ~Birdschis~ (~Zeus~), ~Bahram~ (~Ares~),

~Nahid~ (~Aphrodite~), ~Tir~ (~Hermes~)[3893], und man bezeichnet

sie u. a. auch mit den Anfangsbuchstaben, die ihnen in ähnlicher

Weise zugehören wie die 28 Buchstaben des arabischen Alphabetes den

28 Mondstationen[3894]. Ihre Haupteigenschaften sind nach allgemeiner

Ansicht die folgenden[3895]: 1. Die +Sonne+ ist Führer, Herr und König,

macht Könige[3896] und beherrscht im Körper das Herz; 2. der +Mond+

ist „Mutter der Sterne“ und Vezir, macht Weibische, regiert Entstehen

und Vergehen und beherrscht die Lunge, die abwechselnd Luft ein- und

ausatmet[3897]; 3. +Zeus+ ist Richter und Weiser, macht Gerechte und

Einflußreiche, regiert Ausgleiche und Verbindungen und beherrscht

die Leber, die das Blut absondert; 4. +Ares+ ist Feldherr, macht

Tapfere, regiert Bewegung und Streben und beherrscht die Galle, die

die Gelbgalle absondert (als einen Bestandteil des Chylus)[3898]; 5.

+Aphrodite+ ist „Schwester der Sterne“ und Dienerin, regiert Schönheit

und Ordnungsliebe, Lebendigkeit und Begehrlichkeit und beherrscht

den Magen, der die Speisesäfte absondert; 6. +Hermes+ ist „Kleiner

Bruder der Sterne“ und Schreiber, macht Einsichtige und Kluge, regiert

Fähigkeiten und Wissensdrang und beherrscht das Gehirn, das die

Denkkräfte absondert; 7. +Kronos+ ist der Alte und Schatzmeister, macht

Träge und Beständige, regiert Festigkeit und Stillstand, bewirkt daher

das dauernde Haften der Formen an der Materie[3899] und beherrscht die

Milz, die die Schwarzgalle absondert[3900]. ~Ares~, ~Aphrodite~ und

~Hermes~ machen noch insbesondere Handwerker und Künstler; die alten

„Ssâbier“ genannten Mandäer und Harrânier, die die Gestirne ganz ebenso

anbeteten wie die Juden und Christen gewisse Götzen und die Parsen das

Feuer[3901], führten daher ihre Kinder an den Festtagen jener drei

Planeten in deren Tempel und empfahlen sie der Huld der Gottheiten, die

den Planeten und den betreffenden Gewerben vorstehen[3902]. Wegen der

Parallelität des Makro- und Mikrokosmos[3903] entsprechen die sieben

Planeten nicht nur den genannten sieben Hauptteilen des Körpers[3904],

sondern bedingen auch Entstehung und Wachstum des Embryos während

der neun Monate der Schwangerschaft, und zwar in der Reihenfolge

~Kronos~, ~Zeus~, ~Ares~, Sonne, ~Aphrodite~, ~Hermes~, Mond, ~Kronos~,

~Zeus~[3905], weshalb, da auf den achten Monat wieder der schädliche

~Kronos~ trifft, die Achtmonat-Kinder nicht lebensfähig sind[3906];

ferner stehen noch die eigentlichen fünf Wandelsterne in naher

Beziehung zu den fünf Hauptdenkkräften[3907].

Was die +Farben+ der Planeten betrifft, so entspricht der Sonne die

goldene, dem Mond die silberne, dem ~Kronos~ die schwarze, dem ~Zeus~

die grüne, dem ~Ares~ die rote, der ~Aphrodite~ die blaue und dem

~Hermes~ die bunte[3908], und demgemäß regeln sie, je nach den näheren

Verhältnissen, auch die Farben der ihnen zugehörigen Tiere, Pflanzen

und Mineralien: so z. B. erzeugt die Sonne u. a. Zarnich (Auripigment),

Markasit (Schwefelkies u. dgl.) und einige Edelsteine, alle von gelber

Farbe; der Mond u. a. Silber, Zinn, Salz, Salmiak, Nitron, Kalk, Glas

(Krystall, Alaun, ...), Sublimat, alle von weißer Farbe; der ~Ares~

Zinnober und rote Edelsteine; der ~Zeus~ Malachit; die ~Aphrodite~

Lasurstein, Türkis, Glas (Kupfervitriol) und blaue Edelsteine

usf.[3909].

Von den +Mineralien+ gibt es 700 Arten[3910], deren 7 Klassen den 7

Himmelssphären entsprechen[3911]; sie sind sämtlich Verbindungen der

vier Elemente und gehen aus ihnen hervor unter den Einflüssen der

einzelnen oder zusammenwirkenden Planeten, der Länder und Klimate, der

Meere usw.[3912]. Als besonders schöpferisch bewähren sich hierbei

~Hermes~ und ~Kronos~, indem sie feine Ausdünstungen aller Art gerinnen

machen und wie am Himmel zu durchsichtigen Kometen so in der Erde

zu durchsichtigen Mineralien gestalten[3913]: ~Hermes~ erzeugt, wie

dies allen Mineralogen, Alchemisten und Glasmachern geläufig ist,

schon allein durch seinen wechselnden Gang unzählige Gesteine[3914],

während ~Kronos~ durch seine Langsamkeit die schwersten und wenigst

veränderlichen Stoffe heranreift, zuvörderst Blei, aber auch Eisen,

Arsen und Antimon[3915]. Maßgebend für das, was in jedem Einzelfalle

entsteht, sind die „Verhältnisse“ der sich verbindenden Elemente, denn

welche Rolle Verhältnisse spielen, zeigt die allbekannte ungleicharmige

Wage[3916], sowie das [spezifische] Gewicht, da ein Körper in einer

Flüssigkeit, z. B. Wasser, schwebt, wenn er gerade sein Gewicht an

Wasser verdrängt, anderenfalls aber untersinkt oder schwimmt[3917].

Alle Mineralien enthalten Erde als Körper, Wasser als Geist und Luft

als Seele, gar gemacht, veredelt und gereift durch Feuer, den großen

Schiedsrichter[3918], doch entstehen sie +niemals unmittelbar+ aus

diesen Elementen. Die Erde, deren Höhen und Tiefen allmählichen

weitgehenden Veränderungen zu Gebirgen, Wüsten, Meeren und Flüssen

unterliegen[3919], enthält nämlich vielerlei Klüfte und Höhlen,

in denen die beiden Hauptarten der Dünste, die wässerigen und die

rauchartigen[3920], sich langsam, in wechselnden Mengen und bei

verschiedenen Wärmegraden verdichten und verdicken, welchen Vorgängen

als +primäre+ Produkte +Schwefel+ und +Quecksilber+ entspringen[3921].

Der „feurige Schwefel“ bildet sich in feuchten und öligen Schichten,

enthält viele flüssige und ölige Teile, ist daher leicht schmelzbar

und entzündlich, wird vom Feuer verzehrt und verbrennt selbst alles

andere[3922]; das „zitternde Quecksilber“ geht hingegen aus feuchten

und wässerigen Schichten hervor, enthält viele flüssige und wässerige

Teile, ist daher flüssig und leicht beweglich und „zeigt in der Hitze

keine Geduld“, sondern entflieht ihr[3923]. Schwefel und Quecksilber

durchdringen sich aber wie Erde und Wasser in Lehm, Ton oder Ziegeln,

indem das Quecksilber den Schwefel weich und formbar macht, und auf

diese Weise bilden sich unzählige Formen und Gestalten, von denen der

Zinnober [Schwefel-Quecksilber] zwar die bekannteste ist, aber doch nur

+Eine+[3924].

So entstehen also im Schoße der Erde sämtliche Mineralien, auch die

Metalle und Edelsteine[3925], +ausnahmslos sekundär+ aus Schwefel

und Quecksilber[3926], unter Einschließung von mehr oder weniger Erde

und Staub[3927]; je nach den Mengenverhältnissen und der Reinheit,

der Kochung und dem Garsein, der Örtlichkeit und Temperatur und noch

manchen anderen Umständen bildet sich hierbei entweder das edle,

lautere, völlig reine Gold, oder nur Silber, Kupfer, Zinn, schwarzes

oder weißes Blei, Antimon usf.[3928]. Es reifen aber in einem Jahre

und weniger: die Arten der Salze, Alaune, Vitriole und Schwefel; in

einem Jahre und mehr: die Korallen und Perlen; in einer Reihe von

Jahren: die Metalle; in Jahrhunderten: die Edelsteine, vom Krystall

bis zum Diamanten[3929]. Mit Recht betrachtet man daher als „Anfänge

der Mineralien“ jene, die ursprünglich schon binnen kürzester Frist

in den hell- und dunkelfarbigen, salz- und natronhaltigen, feuchten

Erdschichten zusammenbacken und gerinnen[3930]; es sind dies z. B.

Salz, Gips und Kalk[3931], Alaune und Vitriole[3932], die grünen,

gelben und blauen „Gläser“ und Chalkitis-Arten, die man ebenfalls

als Alaune und Vitriole anzusehen hat[3933], der Nûschâdir oder

Naûschâdir [= Salmiak], das Kilja der Aschen [= Kali], das Nitron

[d. i. unreine natürliche Soda, und +nicht+ Salpeter[3934]], die

Salze des Harnes[3935] und noch andere ähnliche, die alle für

die Kîmijâ (Chemie) erforderlich sind[3936] und nebst Magnesia

[Mangan, Braunstein] auch als Flußmittel bei der Herstellung des

gewöhnlichen und des durchsichtigen hellen Glases dienen[3937].

Was die restlichen Mineralien betrifft, so pflegt man sie in sechs

Klassen zu teilen[3938]: 1. Schmelzbar sind: Gold, Silber, Kupfer,

Eisen, Blei (schwarzes und weißes) und Glas. 2. Unschmelzbar sind

infolge ihres besonderen Gehaltes an Schwefel und Quecksilber:

Ton, Krystall („Glas“), Smaragd, Topas, Hyazinth, Carneol, der für

das Licht so besonders durchlässige Billaur [meist Bergkrystall]

und ähnliche Edelsteine[3939]. 3. Verdichtete Niederschläge, weder

brennbar noch schmelzbar, aber zerreiblich, sind u. a.: Gips,

Talk, Magnesia, Lasur, Malachit, Markasit und Pyrit [Schwefelkies

u. dgl.], Arsen [Arsen-Sulfide], Stibi [Antimonsulfid][3940], welches

letztere vielfache Anwendung findet und z. B. als Augensalbe zum

[abergläubischen, gegen den „bösen Blick“ schützenden] „Zeichnen“ der

Neugeborenen dient[3941]. 4. Verdichtete Niederschläge, aber brennbar

und schmelzbar, oder selbst flüssig, und infolge ihres Gehaltes an

Luft und Öl (oft auch an Schwefel und Arsen) leicht entzündlich sind

u. a.: Pech, Erdpech, Asphalt, Erdöl[3942] und weiße Naphtha[3943]. 5.

Dem Wasser nahestehend, daher nicht brennbar und das Feuer fliehend,

ist das Quecksilber. 6. Den Pflanzen und Tieren nahestehend und daher

wachsend sind Korallen und Perlen.

Unter den Angehörigen der ersten Klasse, also der +Metalle+, ist

das vornehmste das +Gold+ (dhahab, ibrîz), dessen gelbe Farbe es,

ebenso wie Markasit, Hyazinth oder Krokos als Erzeugnis der Sonne

erweist[3944]; es entsteht in trockenen Steinwüsten und in festen

Gesteinen, enthält ausschließlich reinsten Schwefel und klarstes

Quecksilber im richtigsten Verhältnisse und ist gelb, schwer,

gewichtig, dehnsam zu Blättern, spinnbar zu Fäden, lötbar mittels

des giftigen kupferhaltigen Malachits, besonders nebst Tinkâr [=

Tinkal, Borax], löslich in Quecksilber, das es im Feuer unverändert

zurückläßt[3945], und legierbar mit Silber und Kupfer; von letzterem

kann es wieder getrennt werden, indem man es mit gewissen glänzenden

und eine Art Schwefel enthaltenden Markasiten heftig erhitzt, wobei

das Gold allein unangegriffen zurückbleibt, während alles übrige

verbrennt[3946]. -- Das +Silber+ (fiddah) gibt sich durch seine weiße

Farbe, ebenso wie Salz, Krystall oder Baumwolle als Erzeugnis des

Mondes zu erkennen[3947], entsteht in staubhaltigen Gebirgen und

Gesteinen und hat infolge zu frühzeitigen Abkühlens keine völlige Reife

[zu Gold] erlangt; es ist weiß und zart, „verbrennt“ in anhaltend

starkem Feuer, „verwest“ allmählich beim Liegen im Erdreich, wird von

Schwefel geschwärzt, von Quecksilber erweicht und gelöst, und legiert

sich mit Kupfer und Blei; von diesen läßt es sich mittels Nitrons

und gewisser Reinigungs-, Schmelz- und Flußmittel unschwer wieder

befreien[3948]; wer es gelb und trocken machen [in Gold verwandeln]

könnte, der hätte, was er braucht[3949]. -- +Kupfer+ (nuhâs) entsteht

in ähnlicher Weise wie Silber[3950], enthält aber noch mehr Schwefel

von geringerer Reinheit und ist daher grob, rot, schwärzt sich rasch

im Feuer und verbrennt darin völlig; schon Kupfer selbst macht

die Speisen giftig, noch giftiger aber erweisen sich der Grünspan

(zindschâr), der aus ihm durch Säure entsteht, sowie das kupferhaltige

Mineral Malachit (dahnadsch) und die Legierung Taliqûn [s. unten];

Quecksilber erweicht und löst es, Blei und Zinn ergeben die Legierungen

Mafrig (= mufragh, Gußmetall?) und Isfid (= Weißmetall), und gewisse

geeignete Mittel, z. B. das sog. „syrische Glas“ [eine zinkhaltige

Substanz], erzeugen daraus beim Verschmelzen das weichere, gelbe oder

goldfarbige Messing (schabh), an dem so recht die hohe Bedeutung der

Form zutage tritt, denn aus einem Stücke von 5 Dirhem Wert fertigt

der Kundige Instrumente an, z. B. Astrolabe, für die der Käufer 100

Dirhem zu bezahlen hat[3951]. Wer das Kupfer weiß und zart machen

[in Silber verwandeln] könnte, der hätte, was er braucht[3952]. --

+Zinn+ (qalʿijj) ist zwar weiß wie Silber, jedoch weich, stinkend

und beim Biegen kreischend, da es zu viel Quecksilber und zu zähen

Schwefel enthält und deshalb nicht ganz gar werden konnte; es ist

ebenfalls leicht verbrennbar, jedoch nicht giftig, sondern im Gegenteil

medizinisch nützlich, besonders für die Augen; durch bestimmte Mittel,

wie Salz, Arsen, Markasit und Myrthenzweige, kann man es heilen und

dadurch in Silber verwandeln[3953]. -- +Eisen+ (hadîd) bildet sich

ganz ähnlich wie Silber und Kupfer, ist jedoch noch unreiner, weshalb

auch die Schmiede keine langen Drähte aus ihm anfertigen können[3954];

von seinen zahlreichen Arten sind einige weich, andere aber, in

Wasser getaucht [zu Stahl abgelöscht] hart[3955]; eine besondere und

merkwürdige Begierde herrscht zwischen Eisen und Magnet[3956]. -- Das

+Blei+ (usrub) ist das ursprünglichste der in der Erde zur Gerinnung

gelangten Metalle[3957] und wegen des in ihm vorhandenen Überschusses

an ganz schlechtem Schwefel auch das gemeinste; Weichheit, Schwärze und

Gestank hindern es jedoch nicht daran, sehr nützlich zu sein, im Feuer

gelbe Bleiglätte und rote Mennige, sowie mit Säure leuchtendes Bleiweiß

zu ergeben[3958] und sogar den härtesten aller Steine, den Diamanten,

zu „zerbrechen“[3959].

+Alchemie+, d. i. die Herstellung edler Metalle aus unedlen, die von

manchen als Betrug bezeichnet wird, ist fraglos möglich, wie das schon

die Entstehung +aller+ Metalle durch allmähliches Reifen und Garwerden

+einer und derselben+ Urmaterie bezeugt[3960], und tatsächlich gibt

es, wie Astrologen, Zauberer, Zeichendeuter und Talismanschreiber,

so auch Alchemisten in großer Zahl[3961]; sie sind wohlbekannt mit

den Einflüssen des ~Hermes~[3962], kennen die Bedeutung der Salze und

anderer Stoffe für die Kîmijâ[3963], verfertigen ein gewisses Sublimat,

das „aliksîr“ heißt[3964], und verwandeln so das Kupfer oder Zinn in

Silber, das Silber in Gold usf.[3965]. Eine Natur nämlich freut sich

der anderen, gesellt sich ihr und überwindet sie, je nach der Stärke

von Liebe oder Haß: so haftet, um nur einige, jedermann geläufige

Beispiele anzuführen, das Eisen am Magneten, der Diamant am Golde,

Stroh oder Haar aber an gewissen Steinen, so wird Blei des Diamanten

und Schmirgel der Edelsteine Herr, so erweicht Quecksilber das Gold,

Silber, Kupfer und Eisen, so verbrennt Schwefel unedle und edle

Metalle, so besiegt Salmiak den „Schmutz“ der Metalle und Edelsteine

u. dgl. mehr[3966].

Während einige, wie angegeben, Perlen und Asphalt für Mineralien der

4. und 6. Klasse erklären, halten andere sie für eine Art geronnenen

Taues und reihen ihnen als Analoga u. a. folgende Stoffe oder deren

Bestandteile an: Lack, Opium und Manna[3967], Kampher[3968], Ambra,

Aloe und Moschus[3969], Koriander[3970], den in Indien zum Kauen

benützten Betel[3971], das Harz Sandarak, aus dem die Gaukler ihre

Feuerkugeln anfertigen[3972], den Bernstein und den „aus den Gruben

geförderten“ heilsamen Bezoarstein[3973] [der aber tatsächlich kein

Stein ist, sondern ein der Bezoarziege entstammendes Konkrement].

Dieser Bezoar [persisch = Gift abwaschend, d. i. Gegengift] ist nicht

nur ein höchst vielseitiges medizinisches Mittel, sondern gewährt auch

Schutz vor Giften: bei einigen verhindert er, daß sie Koagulation

hervorrufen, wie sie der so „heiße“ Saft der Pflanze Melongena oder das

Lab in der Milch und der männliche Samen im weiblichen Menstrualblut

bewirkt (wodurch der Embryo entsteht); bei anderen wieder beugt er

dem Übergang in das Blut vor, ganz so wie z. B. gewisse Säuren die

Aufnahme mancher Farbstoffe durch das Wasser verhindern, oder die schon

aufgenommenen wieder ausfällen[3974]. Derlei Säuren sind jene aus den

unreifen Früchten der Citrone, Orange, Limone und Tamarinde, aus den

reifen der Eiche und Cypresse, aus den Galläpfeln und Myrobolanen

[d. s. Gerbsäuren[3975]), sowie der Essig; es ist merkwürdig, daß

die köstlichsten Dinge der Welt, die Seide, die Perlen und der

Honig, alle drei unter Milhilfe kleiner und unscheinbarer Tiere

entstehen[3976], daß ferner aus dem zarten Honig[3977], dem süßen

Safte der zweigeschlechtlichen Palme[3978] und dem honigähnlichen

Zucker, die für sich oder nebst Mandeln und Öl die lieblichsten Speisen

ergeben[3979], zunächst scharfe und berauschende Getränke hervorgehen,

-- „Feinde Gottes und der Vernunft“ geheißen, aber trotzdem auf allen

Märkten feilgeboten[3980] --, weiterhin aber verschiedene Arten des

kalten und sauren Essigs, und schließlich sogar die im Essig lebenden

Würmer[3981]; doch entstehen freilich Pflanzen und Tiere, auch höhere,

unter gar mancherlei Verhältnissen nicht wie sonst aus Samen, sondern

unmittelbar durch Zersetzung, Verwesung und Fäulnis[3982].

——————————

In Ansehung der großen, um das Jahr 1000 schon bis nach Spanien

reichenden Verbreitung der „Schriften der Treuen Brüder“ und ihres

Einflusses auf die geistige Entwicklung im Osten und Westen[3983], dem

selbst die Verbrennung durch die Orthodoxen zu Bagdad keinen Abbruch

zu tun vermochte[3984], hat man ihre Bedeutung für die Übermittlung

zahlreicher spätgriechischer Lehren sehr hoch einzuschätzen. Zu diesen

zählen neben den eigentlich alchemistischen von der Herstellung des

Goldes und Silbers, der „Heilung“ der unedlen Metalle usf., auch

gewisse, durch mehr oder minder weitgehende Abänderung aristotelischer

Anschauungen entwickelte, u. a.: die im Erdinneren, bald durch

Erhitzen und Schmelzen, bald durch Niederschlagen und Verdichten von

teils trockenen und rauchartigen, teils feuchten und dampfartigen

Dünsten, erfolgende Entstehung der Mineralien und Metalle, die

in ihren eigentümlichen „Mischungen“ stets +alle vier Elemente+

enthalten, wenngleich in den verschiedensten Mengenverhältnissen, und

demgemäß auch die verschiedensten, entsprechend charakteristischen

Eigenschaften zeigen[3985]; das Garwerden und Reifen der Metalle und

Erze, ihr Wachsen und Nachwachsen (welches letztere ~Aristoteles~ in

Abrede stellte)[3986]; das Bestehen der Mineralien und insbesondere

der Metalle, aus +Schwefel+ und +Quecksilber+. Letztere, bis tief

in die Neuzeit hinein fortwirkende, so höchst eigentümliche und

absonderliche Theorie, die man seit jeher als „rein arabischen

Ursprunges“ ansprach, ohne aber jemals ihre Quelle nachweisen zu

können[3987], tritt in den „Schriften der Treuen Brüder“ schon in

völlig bestimmter, durchaus dogmatischer Gestalt auf; sie wird

ohne jeden Anspruch auf Neuheit als etwas so Selbstverständliches

und zweifellos Feststehendes vorgetragen, daß sie offenbar etwas

Altüberliefertes und des nämlichen Ursprunges wie alles übrige

sein muß, nämlich griechisch-alexandrinischen. Die Frage, auf was

hinwiederum sich ihre Autorität bei den späthellenistischen Chemikern,

den Stammvätern der syrischen und arabischen Tradition, gründete, --

behauptete doch bereits ~Pibêchios~ (4. Jahrhundert), „alle Gegenstände

enthalten Quecksilber“ --, läßt sich unschwer beantworten, soferne man

des schon von ~Aristoteles~ hervorgehobenen Gegensatzes der aktiven und

passiven Qualitäten und Elemente gedenkt, sowie der von den jüngeren

und jüngsten philosophischen Schulen gelehrten, bei der Weltbildung

erfolgenden Scheidung der Materie; diese zerfällt nämlich zunächst in

grobe und feine Teile, und weiterhin in die Paare (Wasser + Erde) und

(Feuer + Luft), die aber schließlich auch wieder als Repräsentanten des

eigentlichen kalten und passiven Stoffes sowie des heißen und aktiven

Pneumas gelten, demnach als solche der Hýle und des mit dem πνεῦμα

θεῖον (göttlichen Pneuma) identischen Logos. Beruht nun, der Behauptung

jener Schulen gemäß, die Entstehung der Einzeldinge auf Durchdringung

von Hýle und Logos, und gelten diese als gleichwertig mit den groben

und feinen Teilen der Materie, also mit den Paaren (Wasser + Erde)

und (Feuer + Luft), so werden durch deren Vereinigung die Elemente,

die nach ~Aristoteles~ stets alle vier in jedem Körper vorhanden

sein müssen, wieder zusammengeführt. Die Kombination (Wasser + Erde)

ist aber, schon den Lehren des ~Aristoteles~ gemäß, im Quecksilber

verwirklicht, als dessen Hauptbestandteile die in jedem unedlen Metalle

vorhandene Erde, sowie das viele, seinen flüssigen Zustand bedingende

Wasser anzusehen sind; für die zweite Kombination (Luft + Feuer),

die dem πνεῦμα θεῖον (pneuma theíon) entspricht, ergibt sich aus dem

Doppelsinne des Wortes theíon (= göttlich, aber auch gleich Schwefel)

als passendster Träger der schon von altersher für „heilig“ angesehene

Schwefel, dessen Eigenschaften, nämlich „heiße“ und „feurige“ Natur,

sowie Flüchtigkeit, einer solchen Vorstellung durchaus angemessen

erschienen. Demgemäß vereinigen sich, wie auch die „Treuen Brüder“

berichten, die Elemente zunächst zum Schwefel und Quecksilber, und erst

diese bilden dann, unter Verbindung nach den verschiedensten Mengen-,

Reinheits- und Reife-Verhältnissen, wie alle anderen Stoffe so auch die

Metalle; die Voraussetzung einer derartigen Entstehungsweise führte

auch zu dem für die Folgezeit bedeutsamen, mit den Ansichten ~Platons~

übereinstimmenden Schlusse, daß sich Verbrennung und Rosten [also die

raschen und langsamen Vorgänge der Verbrennung und Oxydation] +unter

Ausscheidung+ eines Bestandteiles und daher +unter Gewichtsverlust+

vollziehen[3988].

Die Entstehung der so merkwürdigen und vom rein chemischen Standpunkte

aus ganz unbegreiflichen, ja völlig widersinnigen Theorie vom Schwefel

und Quecksilber als den Grundlagen sämtlicher Stoffe und wesentlichen

Bestandteile der Metalle, -- einer Theorie, die trotz ihrer Absurdität

fast anderthalb Jahrtausende lang in unvermindertem Ansehen blieb und

vielen noch im 18. Jahrhundert durch die analytischen Untersuchungen

hervorragender Gelehrter keineswegs endgültig widerlegt erschien

--, wird daher nur verständlich, wenn man sich gegenwärtig hält,

daß sie, allem Dargelegten zufolge, überhaupt nicht an der Hand

+chemischer+ Voraussetzungen abgeleitet wurde und werden konnte,

sondern nur auf Grund +philosophischer+, und zwar allein der oben

erwähnten, ausschließlich für ganz bestimmte spätgriechische Schulen

charakteristischen.

Dieser Umstand ist von besonderer Wichtigkeit für die Lösung gewisser,

im übrigen nur schwierig aufzuklärender geschichtlicher Fragen, die die

Ausbreitung der Alchemie betreffen; denn sobald, auch in anscheinend

ganz entlegenen Kulturkreisen, die dogmatische Lehre vom Schwefel

und Quecksilber als Ursubstanzen auftaucht, wird man mit größter

Wahrscheinlichkeit schließen dürfen, daß sie nicht zufälligerweise in

aller ihrer Eigenart zum zweiten Male entwickelt, sondern in bereits

fertig ausgebildeter Gestalt von außen her übermittelt worden sei.

Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange · 第 98 / 127 题